Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Autobiographie und Fiktion. 3
3. Die Entwicklung des Tiefseefisch. 6
3.1 Materiallage 6
3.2 Erst- und Zweitfassung 7
3.2.1 Frau ohne Raum 8
3.2.2 Entzauberung 9
3.2.3 Immer dieselben Situationen. 10
4. Im Dazwischen - Signatur eines Kampfes 12
4.1 Grenzverletzungen und Freiheit 13
5. Die Bearbeitungspläne 15
6. Ausblick 17
7. Literatur. 19
2
1. Einleitung
Marieluise Fleißers 1929/30 geschriebenes Stück Der Tiefseefisch wurde und wird von vielen als befremdend empfunden. Die Reaktionen bei zwei öffentlichen Lesungen im Frühjahr 1930 offenbarten die Widerstände, auf die das Stück stieß. Teile der Berliner Presse warfen Fleißer literarischen Exhibitionismus vor. Peinlich sei diese Veranstaltung gewesen. 1 Als nicht nur problematisch, sondern geradezu verwerflich wurde empfunden, dass sie die für privat befundenen Schwierigkeiten mit Berthold Brecht zum Schreibanlass machte und die intimen Befindlichkeiten ihrer Beziehung zu Hellmut Draws-Tychsen offenlegte. Diese autobiographischen Verweise sind als Anlass genommen worden, das Stück bis zu seiner Uraufführung 1980 als „privates Bekenntnisstück mit lediglich
literaturgeschichtlicher Relevanz“ abzuurteilen. 2 Sabine Göttel wirft die Frage auf, ob Der Tiefseefisch „exponiertes Beispiel“ dafür ist, „wie sich Fleißers autobiographische ‚Schlüsseltexte‘ aus Schlüsselerlebnissen der Autorin generieren. [...] Steht gerade Der Tiefseefisch paradigmatisch für biographistische Erklärungsversuche des Fleißerschen Werkes?“. 3
2. Autobiographie und Fiktion
Viele von Fleißers Texten sind hauptsächlich als Schlüsseltexte verstanden worden. Man hat ihr Werk als „Dokumentation ihrer inneren Biographie“ 4 gelesen und damit die „komplizierte Beziehung zwischen Literatur und Leben [...] auf ein einfaches Funktionsverhältnis reduziert.“ 5 Göttel schreibt, es gehöre zu den Stereotypen der Fleißer-Forschung, biographische Daten und Ereignisse als Haupterklärungsinstanz für die Interpretation ihres Werkes zu benutzen. Dessen autobiographische Prägung kann auf keinen Fall geleugnet werden. Es ist jedoch nicht davon auszugehen, dass es sich bei der fiktionalen Bearbeitung von Erlebtem um die mimetische Abbildung von Realität handelt. Fleißer selbst hat den Zusammenhang zwischen ihrem Erlebten und ihren Texten immer wieder betont. Aussagen wie „Meine Welt ist die Welt der Erfahrungen und
1 W. Kässens, M. Töteberg (Hrsg.), Marieluise Fleißer, Der Tiefseefisch, Text. Fragmente.
Materialien, Frankfurt am Main, 1980, S. 8.
2 Kässens/Töteberg, a.a.O., S. 7.
3 Sabine Göttel, „Natürlich sind es Bruchstücke“: Zum Verhältnis von Biographie und literarischer
Produktion bei Marieluise Fleißer, St. Ingbert, 1997, S. 124.
4 Günther Rühle, Herausgeber der Gesammelten Werke, zit. n. Göttel, a.a.O., S. 13.
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Begebenheiten." 6 , sowie ihre von der Literaturwissenschaft fast schon paradigmatisch zitierte Interview-Auskunft, sie könne „natürlich immer nur etwas zwischen Männern und Frauen machen.“ 7 , geben Raum für Missverständnisse. Göttel verweist auf den Zusammenhang mit sehr hartnäckig sich haltenden Vorurteilen gegenüber Texten von Frauen. Die Kennzeichnung von ‚Frauenliteratur‘ als ‚autobiographisch‘, ‚authentisch‘, ‚gefühlvoll‘ und
‚untheoretisch‘ müsse vor dem Hintergrund des in den 70er Jahren erwachenden emanzipatorischen Interesses der Frauen verstanden werden, das sich zunächst in ‚Selbsterfahrungsliteratur‘ artikuliert habe, wodurch dem „Kunstcharakter eines Textes allenfalls sekundäre Bedeutung“ beigemessen worden sei. Dies habe vielfach dazu verführt , Fleißers Aussage als „Geständnis und Credo einer ‚Freundin berühmter Männer‘ “ zu lesen und die Autorin verallgemeinernd auf den als ‚weiblich‘ geltenden Zuständigkeitsbereich des Privaten zu beschränken. Die Erwartungshaltung, in Fleißers Texten, ‚typische‘ Komponenten ‚weiblichen‘ Schreibens verwirklicht zu sehen, trage dazu bei, dass „durchaus vorhandene Elemente einseitig herausgestellt werden.“ 8 Selbstaussagen der Autorin zu poetologischen Fragen ihrer Texte, wie z.B. in „Das dramatische Empfinden bei den Frauen“ 9 sind von der Forschung vielfach ungefragt übernommen worden, so dass ihr Werk mit dem Marker „Theorielosigkeit“ versehen wurde. Aus dem Umstand, dass sich Fleißers „verstreute Selbstaussagen“ einer „geschlossenen Poetik widersetzen“, könne nach Meinung von Göttel nicht auf ein Unvermögen der Autorin geschlossen werden. Er sei als Element der Offenheit zu begreifen, „das den literarischen Mehrwert [...] allererst begründet.“ Diese Auffassung korrespondiert mit der Annahme 10 , dass Texte kein geschlossenes Sinnganzes bilden.
Auch Silvia Henke plädiert dafür, die von der Autorin als Mangel empfundenen Aspekte ihrer Texte nicht als Defizite zu deuten. Sie seien „Eindrücke von Gewalt“ und sind als Resultate des Zusammenstoßes „mit einem männlich codierten
5 Göttel, a.a.O., S. 124.
6 Ml. Fleißer, zit. n. Günther Rühle (Hrsg.), Marieluise Fleißer: Gesammelte Werke, Bd. 1, Frankfurt
am Main, 1983, S. 38.
7 zit. n. Göttel, a.a.O., S. 15.
8 Göttel, a.a.O., S. 16.
9 Ml. Fleißer, in: Gesammtelte Werke, Bd. 4, hg. Von G. Rühle und Eva Pfister, Frankfurt am Main,
1989, S. 408.
10 Ich denke dabei an wirkungsästhetische Ansätze (Ingarden, Iser), an Derridas Textverständnis
sowie an Ecos Untersuchungen zur Interpretation von Texten.
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Symbolischen des Theaters“ zu verstehen. 11 Dabei geht es Henke nicht darum, die biographischen Bezüge nicht ernst zu nehmen und diese durch eine künstliche Trennung von Werk und Biographie zu verharmlosen. Sie erkennt deren komplexes Ineinanderwirken an, will aber beides nicht „in einem einfachen Ergänzungsverhältnis sehen.“ Ihre Grundannahme besteht darin, dass biographische Bezüge „zwar ihre Wirklichkeit nicht [verlieren], wenn sie dramatisiert werden, doch erzählen sie immer von etwas anderem, wenn sie vom Erlebnisraum auf die Bühne übergehen.“ 12
Das Problem, dass Selbstaussagen der Autorin als Interpretationszugang für ihre Texte verwendet werden, führt uns zu einem weiteren Aspekt, der die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion wesentlich mitbestimmt und damit grundlegende Fragen der Literaturwissenschaft sowie der Vorstellung vom Subjekt und seinem Verhältnis zur Sprache berührt. Zum einen muss differenziert werden zwischen der realen Person der Autorin und den narrativen Instanzen des Textes, zwischen Autorin und Erzählerin. Zum anderen können fiktive Figuren nicht als direkte Entsprechung von realen Personen verstanden werden, selbst wenn Fleißer, wie z.B. in „Situationen“: „der Mann (Draws-Tychsen) ist dem Lehrer (Brecht) spinnefeind“ 13 , die Namen in Klammern dazusetzt und uns zu verstehen geben will, um wen es sich hier handelt. Das hieße, die Autorin als intentionales, die Welt autonom setzendes, Bewusstsein zu begreifen, das über die Sprache als seinem transparenten Ausdrucksmedium verfügt. 14 Die beiden Instanzen: Gedächtnis und Leser müssen ebenfalls als sinnkonstituierende Faktoren verstanden werden. Erinnerungen sind Konstruktionen und weisen sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft, weil Vergangenheit immer vom gegenwärtigen Standpunkt aus rekonstruiert wird und Möglichkeiten entworfen werden, die auch vorausdeutenden Charakter haben. Berücksichtigung finden muss auch, dass der Leser als „rezipierende[s], wiewohl interpretierende[s] Individuum eben desgleichen Produzent einer letztendlich subjektiven
11
Silvia Henke,
Fehl am Platz. Studien zu einem kleinen Drama im Werk von Alfred Jarry, Else
Lasker-Schüler, Marieluise Fleißer und Djuna Barnes, Würzburg 1997, S. 120.
12 Henke, a.a.O., S. 111.
13 Ml. Fleißer, „Situationen“, in: Theater 1979. Jahrbuch der Zeitschrift „Theater heute“, S. 117.
14 Almut Finck, „Subjektbegriff und Autorschaft: Zur Theorie und Geschichte der Autobiographie“,
in: Miltos Pechlivanos (Hrsg.), Einführung in die Literaturwissenschaft, Stuttgart; Weimar 1995,
S. 286.
5
Textwirklichkeit ist.“ 15 Ich denke, die Bezugsrealität fiktionaler Texte kann, so wie Iser behauptet, nicht als „die ‚Wirklichkeit‘ schlechthin begriffen werden, sondern immer nur [als] Wirklichkeitsverarbeitung: die ‚Weltbilder, Sinn- oder Sozialisationssysteme‘, Interpretationssysteme“, denen Produzenten und Rezipienten unterliegen. 16
Mir ist klar, dass das Verhältnis zwischen Autor, Leser und Text weitaus differenzierter dargestellt werden kann und es möglich wäre, Aspekten wie Identität sowie der Verantwortung für die in Textzeugnissen repräsentierte Identität nachzugehen. Wohlmöglich kann die Frage nach der Verantwortung verknüpft werden mit dem von Fleißer immer wieder angesprochenen Thema der Schuld. Das müsste an anderer Stelle wieder aufgegriffen und muss von mir vorerst so stehengelassen werden. Ich denke, es ist deutlich geworden, dass von der mimetischen Widerspiegelung einer Realität nicht die Rede sein kann. Ich werde im Folgenden die Entwicklung des Dramas Der Tiefseefisch anhand der beiden Fassungen, der Vorarbeiten und handschriftlichen Notizen sowie Fleißers letzter Bearbeitungspläne nachzeichnen. Dabei geht es mir vor allen Dingen darum, Ideen herauszuarbeiten, die sie realisiert sehen wollte und dem nachzuspüren, was eventuell unabhängig von ihrer Intention im Stück ausgedrückt wird.
3. Die Entwicklung des Tiefseefisch
3.1 Materiallage
Die Entstehung des Dramas lässt sich nachvollziehen anhand der Erst- sowie der Zweitfassung 17 , mit Hilfe des im Nachlass vorgefundenen als Vorarbeit zum Stück geltenden Typoskripts „Der Tiefseefisch“ 18 und des Texts „Situationen“ 19 . Fleißers Reiseerzählungen: „Draws-Geschichten. Ich reise mit Draws nach Schweden“ 20 , „Andorranische Abenteuer“ 21 sowie „Reisen mit Draws: Nach Frankreich (Paris)“ 22
15 Ina Brueckel, Ich ahnte den Sprengstoff nicht. Leben und Schreiben der Marieluise Fleißer,
Freiburg 1996, S. 47.
16 Wolfgang Iser, zit. n. H. L. Arnold / H. Detering (Hrsg.), Grundzüge der Literaturwissenschaft,
München 1997, S. 523.
17 In: Kässens / Töteberg, a.a.O., Erstfassung S. 11f, Zweitfassung S. 78f.
18 Kässens / Töteberg, a.a.O., gekürzte Fassung S. 147f, ungekürzte Fassung in: Gesammelte
Werke, Bd. 4, S. 103f.
19 ebenda, S. 156f.
20 In: Gesammelte Werke, Bd. 2, S. 207f.
21 ebenda, S. 250f.
22 In: Gesammelte Werke, Bd. 4, S. 133f.
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Arbeit zitieren:
Magistra Artium (M.A.) Kerstin Brummack, 2000, Zu: Marieluise Fleißers "Der Tiefseefisch", München, GRIN Verlag GmbH
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