Abstrakt
Die vorliegende Diplomarbeit versucht die Frage zu beantworten, ob die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung durch Unternehmen nötig, legitim und ökonomisch begründbar ist. Dazu werden zunächst der Globalisierungsprozess und die sich aus diesem Prozess ergebenden, zum Teil neuen Beziehungen zwischen den einzelnen gesellschaftlichen Akteuren untersucht. Im Folgenden wird dargestellt, wie moralisches und damit gesellschaftlich erwünschtes Handeln seitens der Unternehmen ökonomisch begründet werden kann. Zur Wahrnehmung dieser Verantwortung stellt die Arbeit eine Corporate-Citizenship-Strategie vor und stellt dar, wie sich bei einer geeigneten Umsetzung Wettbewerbsvorteile für die Unternehmen und Vorteile für die Gesellschaft, also Win-Win-Situationen ergeben können. Als Instrument zur praktischen Umsetzung einer Corporate-Citizenship-Strategie wird das WerteManagementSystem ZfW vorgestellt und näher erläutert.
Abstract
This diploma thesis tries to answer the question, whether the acceptance of social responsibility by companies is necessary, legitimate and economically justified. Therefore the process of globalisation and the resultant relations between the social actors will be analysed at first. In the following this work will analyse how moral and socially desired behaviour of companies can be explained in economic terms. This work presents a corporate citizenship strategy for the acceptance of social responsibility and explains how advantages in competition and social advantages can arise when this strategy is adopted by the company. The WerteManagementSystem ZfW is introduced and explained as an implementation instrument for this corporate citizenship strategy.
II
Corporate Citizenship und Wettbewerbsvorteile
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis V
Abk ürzungsverzeichnis VI
1. Einführung und Konzeption der Arbeit 1
2. Triebkräfte der Globalisierung und ihre Auswirkungen auf Staat,
Gesellschaft und Unternehmen 3
2.1 Die Triebkräfte der Globalisierung und ihre gesellschaftlichen
Implikationen 3
2.2 Die neue Rolle des Nationalstaates und deren Konsequenzen
f ür die Gesellschaft 6
3. Das Modell des Homo Oeconomicus 9
3.1 Das Verhaltensmodell 9
3.2 Das Modell des Homo Oeconomicus und Wirtschaftsethik 15
3.3 Grenzen und Kritik des Ansatzes 22
4. Corporate Citizenship und nachhaltige Unternehmensführung 25
5. Corporate Citizenship und die Schaffung von Wettbewerbsvorteilen 29
5.1 Wettbewerbsstrategien und Wettbewerbsvorteile 29
5.2 Die Handlungsfelder der Corporate Citizenship und die
Wertkette 39
5.3 Der Nutzen für die Unternehmen und die Gesellschaft 43
5.4 Die Erfolgskriterien der Corporate Citizenship und die
Messbarkeit des wirtschaftlichen Erfolgs 47
5.5 Kritische Würdigung 49
Das WerteManagementSystem ZfW als Instrument zur Umsetzung
6.
der Corporate Citizenship 50
III
Das WerteManagementSystem ZfW - Eine Einführung 6.1 50
Die zehn Prinzipien des WerteManagementSystem ZfW 6.2 54
Die Bausteine des WerteManagementSystem
ZfW
6.3 58 6.4
6.5 Kritische Würdigung 61
7. Zusammenfassung und Ausblick 62
8. Literaturverzeichnis 64
IV
Corporate Citizenship und Wettbewerbsvorteile
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Das Modell der Wertkette
Abbildung 2: Handlungsfelder der Corporate Citizenship
Abbildung 3: Die Anspruchs- und Bedürfnisgruppen des Unternehmens
Abbildung 4: Die vier Stufen des WerteManagementSystem ZfW
V
Abkürzungsverzeichnis
[…] Auslassung von Wörtern in Zitaten CC Corporate Citizenship CSR Corporate Social Responsibility EU Europäische Union gGmbH gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung NAFTA North American Free-Trade Agreement NGO nongovernmental organization WMS WerteManagementSystem ZfW Zentrum für Wirtschaftethik
VI
1. Einführung und Konzeption der Arbeit
In den Medien und in der politischen Diskussion wird immer häufiger die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung der Unternehmen gestellt. Ist es bspw. vertretbar Massenentlassungen oder Standortschließungen mit dem Hinweis, dass damit eine bessere Positionierung im Wettbewerb erreicht werden soll, vorzunehmen, obwohl das Unternehmen derzeit erfolgreich wirtschaftet? Sind also Unternehmen für die gesellschaftlichen Folgen ihrer wirtschaftlichen Entscheidungen verantwortlich oder besteht ihre Verantwortung im alleinigen Erwirtschaften von Gewinnen, die den Bestand des Unternehmens sichern? Es stellt sich also grundsätzlich die Frage, ob ökonomisches und gesellschaftliche erwünschtes Handeln im Widerspruch zueinander stehen oder ob sich beides miteinander vereinbaren lässt. Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, da zuerst eine Betrachtung der derzeitigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, sowie der sich aus dieser Entwicklung ergebenden neuen Beziehungen zwischen Staat, Gesellschaft und Unternehmen erfolgen muss. Erst diese Analyse ermöglicht es, Bereiche gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen zu identifizieren und zu begründen, warum diese Verantwortung überhaupt existiert und durch die Unternehmen wahrgenommen werden muss. Es stellt sich damit die Frage, wie Unternehmen diese Verantwortung am sinnvollsten wahrnehmen können und ob dieses Verhalten auch ökonomisch vertret- und begründbar ist.
Diese Arbeit wird aufzeigen, wie ökonomisch sinnvolles und moralisch erwünschtes Handeln im Unternehmen in Einklang gebracht werden können und welche Vorteile sich daraus für die Unternehmen und die Gesellschaft ergeben. Begriffe wie Corporate Citizenship, Corporate Social Responsibility und nachhaltige Unternehmensführung rücken zunehmend in den Focus der derzeitigen wirtschaftsethischen Diskussion. Doch was verbirgt sich hinter diesen Schlagworten und warum wird den ihnen zugrunde liegenden Konzepten von Seiten der Unternehmen zunehmendes Interesse entgegengebracht? Es wird versucht Antworten auf diese Fragen zu geben und aufgezeigt, wie die Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung durch Unternehmen, für diese Wettbewerbsvorteile schaffen kann und zusätzlich dem Wohle der Gesellschaft dient. Ausgangspunkt der Diskussion stellen dabei die durch die Globalisierung stark veränderten Beziehungen zwischen Staat, Gesellschaft und Unternehmen dar. Die Analyse des Globalisierungsprozesses und der sich aus
1
ihm ergebenden Konsequenzen für die Beziehungen zwischen den gesellschaftlichen Akteuren ermöglicht es, Ansatzpunkte für die Übernahme staatlicher und gesellschaftlicher Aufgaben durch Unternehmen zu identifizieren und zu klären, ob und wie weit diese Übernahme überhaupt legitim ist. Dies ist Gegenstand des zweiten Kapitels dieser Arbeit. Aus ökonomischer Sicht stellt sich dann natürlich die Frage, ob dieses Verhalten seitens der Unternehmen ökonomisch begründbar und wenn ja, überhaupt sinnvoll ist. Als grundlegendes Konzept zur Analyse dieses Sachverhaltes wird im dritten Kapitel eine moderne Interpretation des ‚homo oeconomicus’ in Verbindung mit dem Ansatz der Ordnungsethik nach HOMANN ET AL. vorgestellt und eingehend erläutert. Um die Vorteile des gesellschaftlichen Engagements näher beleuchten zu können, werden die dazu existierenden Konzepte im vierten Kapitel kurz vorgestellt und gegeneinander abgegrenzt, sowie eine eigene Definition des gesellschaftlichen Engagements in Form der Corporate Citizenship entwickelt. Im fünften Kapitel wird dieses Konzept mit dem Ansatz der Wettbewerbsstrategien und -vorteile nach PORTER verbunden und aufgezeigt wie gesellschaftliches Handeln in den einzelnen wirtschaftlichen Aktivitäten des Unternehmens verankert werden kann. Des Weiteren wird analysiert, welche Wettbewerbsvorteile sich daraus für die Unternehmen und welche Vorteile sich für die gesellschaftlichen Anspruchsgruppen der Unternehmen ergeben. Als Instrument zur praktischen Umsetzung der Corporate Citizenship wird dann im sechsten Kapitel das WerteManagementSystem des Zentrums für Wirtschaftsethik gGmbH vorgestellt und dargelegt welche Vorteile dieses System für die Unternehmen bietet. Das siebente und letzte Kapitel der Arbeit wird die Ergebnisse zusammenfassen und einen Ausblick auf sich aus der Arbeit ergebende neue Fragestellungen geben.
Der Fokus der Arbeit liegt auf der Verknüpfung zwischen den Wertschöpfgungsaktivitäten eines Unternehmens und dessen Corporate-Citizenship-Strategie. Die detaillierte Ausgestaltung der einzelnen Projekte und Aufgaben ist nicht Gegenstand dieser Arbeit. Es wird auch nur kurz auf die Messbarkeit des ökonomischen Erfolgs einer solchen Strategie eingegangen, da eine genauere Betrachtung dieses Sachverhaltes im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden kann. 1
1 siehe dazu auch Abschnitt 5.4 dieser Arbeit.
2
2. Triebkräfte der Globalisierung und ihre Auswirkungen auf Staat, Gesellschaft und Unternehmen
2.1 Die Triebkräfte der Globalisierung und ihre gesellschaftlichen Implikati-
onen
Die derzeitige ökonomische und politische Diskussion wird von einem Thema beherrscht: Der Globalisierung. Doch was ist unter diesem Begriff zu verstehen? Zunächst einmal gibt es keine allgemein gültige und international anerkannte Definition des Begriffs. Um sich dem Phänomen Globalisierung nähern zu können, sei an dieser Stelle auf die Definition der World Bank verwiesen. Diese definiert Globalisierung als „a quickly rising share of economic activity in the world […] taking place between people who live in different countries.” 2 Dieser Anstieg von grenzüberschreitenden ökonomischen Aktivitäten findet entsprechend dieser Definition vor allem in den Bereichen internationaler Handel, ausländische Direktinvestitionen und auf den Kapitalmärkten statt. 3 Es wird deutlich, dass hier primär auf die ökonomischen Gesichtspunkte der Globalisierung Bezug genommen wird. Diese Definition kann als Annäherung an den Begriff verstanden werden, wird aber dem Umfang der Globalisierung noch nicht gerecht. In der wissenschaftlichen Debatte gibt es einen Konsens darüber welche grundlegenden Entwicklungen die Globalisierung beschreiben: 1. das Wachstum und die Verteilung von Investitionen, Kapital und Finanzdienstleistungen über die nationalen Landesgrenzen hinweg, 2. die Ausweitung des Welthandels, 3. die Verlagerung, Reorganisation und Aufteilung der Produktion, 4. die Entwicklung und Verbreitung neuer Technologien und 5. die Demokratisierung der Politik in der Welt allgemein. 4 Über diesen Konsens hinaus gibt es unterschiedliche Meinungen darüber ob und wie weit andere Punkte, wie z.B. die Verbreitung der westlichen (besonders der amerikanischen) Kultur, Migrationsbewegungen, Umweltprobleme, ethische und religiöse Konflikte oder die abnehmende Souveränität der Nationalstaaten in die Diskussion zur Beschaffenheit und Ausmaß der Globalisierung einfließen sollten. 5 Abgesehen von dieser Diskussion gilt es zunächst die Frage zu beantworten, ob es sich bei der Globalisierung um ein wirklich neues Phänomen handelt oder nicht. Kritiker wenden zu Recht ein, dass die heutige Welt weit weniger integriert bzw.
2 The World Bank Group (2001), S. 1.
3 Vgl. The World Bank Group (2001).
4 Vgl. Schaeffer (2003).
5 Vgl. Schaeffer (2003).
3
globalisiert sei, als die Welt zu Zeiten des Britischen Empires. So waren etwa die Importquoten Deutschlands und Großbritanniens im Jahre 1995 ungefähr auf dem Niveau des Jahres 1913. 6 Aus diesem Grund wird in der Literatur auch oft zwischen Internationalisierung und Globalisierung unterschieden. Während die Internationalisierung als „wirtschaftliche Verflechtung und die daraus resultierende Interdependenz verschiedener Länder und ihrer Wirtschaftssubjekte in unterschiedlichen Bereichen und Ausmaßen“ 7 definiert wird, umfasst die Globalisierung darüber hinaus weitere Faktoren.
Doch was ist nun das Neue an der Globalisierung und welche Faktoren kommen hinzu? Fasst man die Internationalisierung als Prozess auf, so hat sich deren Umfang und Geschwindigkeit verändert. „Die Internationalisierung weitet sich so zur Globalisierung aus. Globalisierung ist somit ein Ausdruck für den weltweiten wirtschaftlichen (und gesellschaftlichen) Strukturwandel.“ 8 Begünstigt wurde diese Entwicklung vor allem durch den Abbau von Hemmnissen im internationalen Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr, die Verringerung von Distanz- und Transaktionskosten durch Innovationen in den Bereichen Transport, Information und Kommunikation, eine Ausweitung der internationalen Arbeitsteilung, sowie die Entstehung großer wirtschaftlicher Integrationsräume, wie z.B. EU oder NAFTA. 9 Diese begünstigenden Faktoren sind nahezu identisch mit den oben identifizierten grundlegenden Eigenschaften (entsprechend dem wissenschaftlichen Konsens) der Globalisierung. Diese Konzentration auf primär wirtschaftliche Aspekte greift unseres Erachtens allerdings zu kurz. Nicht nur der Bereich der Wirtschaft ist vom Prozess der Globalisierung betroffen, „sondern ebenso das gesamte soziale und institutionelle Gefüge unserer Gesellschaft.“ 10 So ergeben sich weitere zentrale Charakteristika der Globalisierung, wie die Durchlässigkeit und Auflösung von Grenzen in den verschiedensten Bereichen, asymmetrische und wechselseitige Abhängigkeiten, eine hohe Mobilität der Produktionsfaktoren Wissen und Kapital, die schwindenden Möglichkeiten der Zuordnung von Verantwortlichkeiten, sowie die durch vielfältige Ambivalenzen geprägte Entscheidungsumfelder und der damit einhergehende Verlust von alten Sicherheiten. 11 Mit dieser Erweiterung der rein ökonomischen Charakteris-
6 Vgl.Germann, Raab & Setzer (1999).
7 Germann et al. (1999), S. 2.
8 Dieckheuer, Lueb & Plaßmann (1998), S. 300.
9 Vgl. Dieckheuer et al. (1998).
10 Steger (1999), S. 16.
11 Vgl. Steger (1999).
4
tika wird hier der oben erwähnten erweiterten, allerdings umstrittenen Definitionsrahmen der Globalisierung gefolgt.
Es ist an dieser Stelle zu bemerken, dass einige der nichtökonomischen Charakteristika durchaus als Auswirkungen der Globalisierung interpretiert werden können, allerdings bedingen sich im voranschreitenden Globalisierungsprozess Ursachen und Auswirkungen nun gegenseitig. So fördert bspw. der Abbau von Handelsbarrieren die Ausweitung des Welthandels und umgekehrt.
Die Auflösung der Grenzen in verschiedenen Bereichen und die damit verbundene Herausbildung von sich überlappenden und zum Teil in Konkurrenz stehenden Entscheidungsträgern und wechselseitige asymmetrische Abhängigkeiten lassen bei vielen Menschen ein Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber der Entwicklung der Gesellschaft entstehen. 12 Viele nehmen die Globalisierung als Bedrohung und „Wurzel allen Übels“ wahr. Dabei handelt es sich, wie oben schon erwähnt, um einen Struk-turwandel der massive Veränderungen der Gesellschaft mit sich bringt, dem der Einzelne aber nicht hilflos ausgeliefert ist. Das zentrale Problem und Grund für die oben beschriebene (vor allem in Deutschland) negative Wahrnehmung der Globalisierung ist, dass dieser Prozess des Strukturwandels nicht geplant abläuft. Vielmehr entsteht er aus den Entscheidungen der einzelnen Wirtschaftsakteure, die zum Teil als Reaktion auf die Entscheidungen anderer Akteure oder veränderte Umweltbedingungen erfolgen. 13 Die Globalisierung ist also nicht unabhängig vom menschlichen Handeln, aber Ursachen und Wirkungen sind schwerer zu identifizieren und zu überblicken. Die sich aus diesem Prozess ergebenden Probleme und Risiken für die Gesellschaft und den einzelnen Nationalstaat sind Gegenstand des nächsten Abschnitts. Dabei soll auch die Frage beantwortet werden, wie dieser Prozess gestaltet werden kann und welche Rolle dabei Staat und Unternehmen spielen.
Doch bevor dies geschieht sind einige ergänzende Anmerkungen erforderlich. Die oben beschriebene Globalisierung ist in den Augen vieler Kritiker keine „echte“ Globalisierung. Vielmehr beschreibt der Begriff zum großen Teil die Entwicklung der Beziehungen zwischen den großen Wirtschaftblöcken USA, Europa und Japan. Es kann also nicht von einem wirklich globalen Phänomen gesprochen werden. Dieser Sichtweise folgt auch SCHAEFFER (2003), er schreibt: „Moreover, globalization is a partial, not all-encompassing development. While people in some parts of the world are being integrated and globalized, people in other parts are being dis-
12 Vgl.Steger (1999).
13 Vgl. Steger (1999).
5
tanced and marginalized. I think globalization is a “selective”, not “inclusive,” development, which bypasses large populations and geographies, particularly people living in sub-Saharan Africa and the interiors of India, China, and the former Soviet Union.” 14 Da sich die Fragestellung dieser Arbeit auf die Unternehmen in entwickelten Marktwirtschaften bezieht, haben die obigen Ausführungen trotz dieses Einwandes Bestand. Es geht hier vor allem um die Beschreibung der veränderten Umweltbedingungen in Industrienationen westlicher Prägung. Dies bedeutet aber nicht, dass die kritischen Einwände unberechtigt sind. Ihre Beachtung ist für die Beantwortung der speziellen Fragestellung aber eher nebensächlich und daher vernachlässigbar.
2.1 Die neue Rolle des Nationalstaates und deren Konsequenzen für die Gesellschaft
Nachdem im vorangegangenen Abschnitt die grundlegenden Charakteristika der Globalisierung umrissen wurden, sollen in diesem Teil die Auswirkungen dieser Entwicklung auf den Nationalstaat, die Gesellschaft und die Unternehmen untersucht werden.
Drei Charakteristika der Globalisierung erscheinen für die neue Rolle des Nationalstaates besonders wichtig: 1. der technische Fortschritt, 2. die finanzielle Globalisierung und 3. die zunehmende internationale Aufspaltung der Wertschöpfungsketten und die damit einhergehende Arbeitsteilung und -spezialisierung. Der technische Fortschritt hat durch revolutionäre Entwicklungen in der Informations- und Telekommunikationstechnologie die finanzielle Globalisierung erst möglich gemacht, stellt aber an sich eine Entwicklung dar, die später beleuchtet werden soll. Wenden wir uns zunächst der finanziellen Globalisierung zu. Wir verstehen darunter die freie Bewegung von Geld- und Kapitalströmen über Landesgrenzen hinweg. Diese Entwicklung stellt eine neue Herausforderung für die Sozialstaaten deutscher oder skandinavischer Prägung dar. Obwohl die finanzielle Globalisierung keine Neuerung an sich darstellt, ist die durch sie entstandene Situation dennoch neu. In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg existierten keine Wohlfahrtsstaaten im heutigen Sinne. Ein Konflikt zwischen diesem Konzept und der finanziellen Globalisierung konnte also gar nicht auftreten. Dies hat sich in unsere Zeit grundlegend geändert, nun treffen das
14 Schaeffer (2003), S. 5.
6
Konzept des Sozialstaates und die finanzielle Globalisierung direkt aufeinander. 15 Das Hauptproblem in diesem Zusammenhang ist die „structural dependence of the welfare state on a relatively closed economy“ 16 . Dementsprechend ist die „financial openness of economies […] an entirely new and significant development.“ 17 Welche Konsequenzen ergeben sich aber nun daraus für den Sozialstaat? „One major consequence of the changes […] is that the autonomy of national governments to manage their economies so as to ensure full employment and economic growth has been curtailed.” 18 SCHIRATO und WEBB (2003) gehen diesbezüglich noch weiter, sie stellen fest: „It is clear that the ability of states to control the events around them, including those occurring with their own domestic economic, social, cultural and security / military spheres, has been undermined.“ 19 Diese Beschneidung der Möglichkeiten des Staates Vollbeschäftigung (im Sinne einer niedrigen Sockelarbeitslosigkeit) und wirtschaftliches Wachstum zu generieren und garantieren, übt verstärkt Druck auf die Sozialsysteme, wie Arbeitslosen- und Rentenversicherung, sowie das Gesundheitssystem aus. Intensiviert wird dieser Druck durch die internationale Aufgliederung der Wertschöpfungsketten. Damit verbunden ist wie oben erwähnt auch die Verlagerung, Reorganisation und Aufteilung der Produktion. Damit findet ein internationaler Strukturwandel statt. Arbeitsintensive Produktionsschritte werden nun von Unternehmen aus Ländern mit hohen Lohnkosten in Länder mit geringeren Lohnkosten verlagert. Dies setzt selbstverständlich Arbeitskräfte in den entwickelten Industrienationen frei. Weniger Arbeitnehmer bedeuten aber auch weniger Einzahler in die Sozialsysteme und gleichzeitig mehr Menschen, die ein Anrecht auf staatliche Transferleistungen aus eben diesen Sozialsystemen haben. Als Folge dieser Entwicklung sind die sozialen Systeme der Sozialstaaten überlastet und in ihrer derzeitigen Form nicht mehr leistungsfähig.
Doch nicht nur der technische Fortschritt im Zusammenspiel mit der finanziellen Globalisierung und der Aufgliederung der Wertschöpfungsketten begrenzen die Handlungsfähigkeit des Nationalstaates bzw. des Sozialstaates. Der technische Fortschritt geht unter anderem mit einer zunehmenden (nationalen) Arbeitsteilung undspezialisierung einher. Die staatlichen Institutionen, die für die Gestaltung der gesellschaftlichen Rahmenordnung verantwortlich sind, können mit dieser Entwicklung
15 Vgl. Mishra (1999).
16 Mishra (1999), S. 5.
17 Mishra (1999), S. 5.
18 Mishra (1999), S. 5.
19 Schirato & Webb (2003), S. 130.
7
nicht mehr Schritt halten. STREETEN (2001) bemerkt dazu: „We are suffering from a lag of institutions behind technology.“ 20 Und weiter: „[…] there is a contradiction between the forces of production, which have been globalised, and the relations of production, which reflect the nation states.” 21
Der technische Fortschritt als selbständiger Prozess stellt aber auch neue Anforderungen an die staatlichen Institutionen. Die tief greifende Arbeitsteilung undspezialisierung in den Industrienationen ist eng mit dem Ansteigen des allgemeinen Bildungsniveaus in diesen Ländern verbunden. 22 Damit werden auch seitens der Bürger neue Anforderungen an politische Entscheidungsprozesse gestellt. 23 Diese neue komplexe Umwelt stellt die politischen Instanzen vor neue Herausforderungen, denen sie nur zum Teil gerecht werden können. „Hochspezialisierte Handlungskontexte in Ökonomie, Technik, Ökologie Sozialbereich und Kultur entfalten eine Eigendynamik, die von Außenstehenden kaum mehr nachvollzogen werden kann. Die Politik kann hier weniger denn je eine ‚Generalkompetenz’ beanspruchen.“ 24 Wie schon im ersten Teil dieses Abschnitts erwähnt, leben wir heute in einer Welt in der Handlungskonsequenzen weit verteil sind und es zunehmend schwieriger wird die Verursacher bestimmter Handlungen zu identifizieren. 25 Fast man den Staat als Institutionen auf, „die in einem bestimmten Gebiet das Monopol der legitimen Machtausübung in inneren und in äußeren Angelegenheiten beansprucht und die die Mittel hat, diesen Anspruch auch durchzusetzen“ 26 , wird das grundlegende Problem des Nationalstaates deutlich. Die Bürger treten nun mit der Forderung an den Staat heran sie vor den äußeren Entwicklungen zu schützen und ihre soziale Absicherung aufrechtzuerhalten. Wie oben beschrieben, kann dies der Staat aber nicht mehr oder aber nur unzureichend gewährleisten. 27 Dieses Unvermögen, die Forderungen seiner Bürger zu erfüllen, die unklaren Verantwortlichkeiten im internationalen Kontext und die zunehmende Komplexität der Verhältnisse in nahezu allen Lebensbereichen führen somit zu einer Legitimitätserosion des National- bzw. Sozialstaates. 28 HA- BISCH (2003)schreibt dazu: „Das Wachstum des Staates zum umfassenden Instrument ordnungspolitischen Handelns war die Antwort auf spezielle Herausforderun-
20 Streeten(2001), S. 65.
21 Streeten (2001), S. 65.
22 Vgl. Habisch (2003).
23 Vgl. Habisch (2003).
24 Habisch (2003), S. 17.
25 Vgl. Kirsch & Lohmann (1999).
26 Kirsch & Lohmann (1999), S. 260.
27 Vgl. Kirsch & Lohmann (1999).
28 Vgl. Steger (1999).
8
gen der Industrialisierung und Modernisierung im 20. Jahrhundert; doch eben diese Entwicklung hat auch die Rahmenbedingungen radikal verändert. […] Das Ungenügen an tradierten politisch-diplomatisch-administrativen Prozeduren bestimmt die kulturelle Grundbefindlichkeit unserer Zeit ganz offenkundig […].“ 29 Doch welche Optionen bleiben dem Nationalstaat und dem Sozialstaat im Besonderen, um dieser Tendenz entgegenzuwirken? Welche Rolle nimmt also der Nationalstaat zukünftig ein?
Obwohl die obigen Ausführungen den Schluss nahe legen, dass der Sozialstaat am Ende ist, wird hier durchaus eine optimistischere Ansicht vertreten. Klar ist, man muss sich von der Vorstellung verabschieden, der Sozialstaat könne alle bisherigen Aufgaben ohne Anpassungen weiterhin erfüllen. Stattdessen muss er seine sozialen Sicherungssysteme so anpassen, dass eine Grundsicherung der wirklich Bedürftigen aufrechterhalten werden kann und genügend Raum für Leistungsanreize und individuelle Verantwortlichkeit geschaffen wird. 30 Damit können dann auch die Chancen der Globalisierung, wie die Entstehung neuer Absatz und Beschaffungsmärkte, die Nutzung von Innovationen und Preisvorteilen durch internationalen Wettbewerbsdruck oder Unternehmensexpansionen der heimischen Industrie und Dienstleister durch die nationalen Unternehmen, aber auch durch die Erwerbstätigen genutzt werden. 31 Der Staat muss dementsprechend ein Regelwerk schaffen, welches eine Anpassung an die neuen Verhältnisse fördert, dies kann er durch die Schaffung von Foren erreichen, die er bereitstellt und pflegt. 32 In diesen Foren können dann „die einzelnen als Subjekte und Objekte der Globalisierung sich mit jeweils wechselnden Partnern in allseits freiwilligen Vereinbarungen auf solche Verfahren einigen […], nach denen sie ihre jeweiligen Verhältnisse regeln wollen.“ 33 Damit wird deutlich, dass der Staat eben nicht mehr der alleinige Spielleiter ist, sondern seinen Einfluss auf die Spielregeln nur mit anderen Spielpartnern gemeinsam geltend machen kann. 34 Sicher besteht die Gefahr, dass diese Freiräume von den einzelnen Spielteilnehmern in ihrem Interesse ausgenutzt werden können. Doch es eröffnet sich auch
29 Habisch (2003), S. 19-20.
30 Vgl. Dieckheuer et al. (1998).
31 Vgl. Dieckheuer et al. (1998).
32 Vgl. Kirch & Lohmann (1999).
33 Kirch & Lohmann (1999), S. 273.
34 Vgl. Kirch & Lohmann (1999).
9
Arbeit zitieren:
Diplom-Kaufmann Peter Bog, 2006, Corporate Citizenship und Wettbewerbsvorteile, München, GRIN Verlag GmbH
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