1 Einleitung. 5
1.1 Fragestellung: Das Sabbatical - ein Übergangsritual? 5
1.2 Forschungsstand. 6
2 Sabbaticals. 8
2.1 Flexible Arbeitszeitmodelle - eine aktuelle Entwicklung. 8
2.2 Sabbaticals - Regelungen, Vorteile und Nutzen. 10
2.2.1 Betriebliche Sichtweise. 12
2.2.2 Arbeitnehmer-Seite. 13
2.3 Reisen im Sabbatical. 16
2.4 Ratgeber und Zeitungsberichte. 17
2.5 Zusammenfassung. 19
3 Rituale. 21
3.1 Begriffsbestimmung. 21
3.1.1 Geschichte der Ritualforschung. 21
3.1.2 Brauch und Ritual in der Volkskunde. 23
3.1.3 Ritual und Übergangsritual. 24
3.2 Ritualtheorien. 25
3.2.1 „Les rites de passage“ nach Arnold Van Gennep. 27
3.2.2 Victor Turner - „Struktur und Antistruktur“, „Liminalität“
und „Communitas“ 29
3.2.3 „Secular Ritual“ - Sally F. Moore / Barbara G. Myerhoff. 33
3.2.4 Die 13 Dimensionen des Rituals nach Jan Platvoet. 34
3.3 Rituale heute. 37
3.3.1 Rituale im Lebenslauf - Probleme und Veränderungen. 37
3.3.2 Bedeutung von Ritualen. 40
3.3.3 Exkurs: Rituale und Reisen. 42
3.4 Zusammenfassung. 43
2
4 Empirische Untersuchungen. 45
4.1 Beschreibung der Untersuchung. 45
4.2 Datenerhebung. 46
4.3 Grounded Theory. 47
4.4 Typeneinteilung. 48
4.4.1 Typus 1 - der „Zukunftsplaner“ 49
4.4.2 Typus 2 - der „Abenteurer“ 50
4.4.3 Typus 3 - der „Aussteiger“ 51
4.5 Die Reise als Kontrastwelt zum Alltag. 53
4.5.1 „Man ist eine Ecke dichter an der Natur“ 53
4.5.2 „Reisen heißt für mich, Kontakt zu Menschen bekommen“ 55
4.5.3 „Das ist ja auch interessant, in anderen Ländern andere Kulturen kennen
zu lernen und andere Menschen kennen zu lernen“ 57
4.5.4 „Und wenn man eben soviel Zeit hat, dann ist man eben auch so
entspannt , wenn irgendwas nicht klappt“ 60
4.5.5 „Total spontan in der Sekunde so entschieden“ 62
4.5.6 „Ich war am zufriedensten im Auto auf der Straße“ 64
4.5.7 „Urlaub machen vom Reisen“ 65
4.5.8 Die Erfahrung der Kontrastwelt. 67
4.5.8.1 Typus 1 - „Nicht zurück in die Steine“ 67
4.5.8.2 Typus 2 - „Und bewiesen wurde uns, dass es auf jeden
Fall Schutzengel gibt“ 69
4.5.8.3 Typus 3 - „Ja man kriegt sich ja brutal gespiegelt, einfach so“ 71
4.5.8.4 Typus 1-3: Zusammenfassung 72
4.6 Alltag - Reise, Reise - Alltag: „Wie finden wir so einen Übergang wieder rein?“ 73
4.7 Die Reise als Beginn eines Veränderungsprozesses. 75
4.7.1 Typus 1 - „Wir haben wieder einen neuen Lebensabschnitt angefangen“ 75
4.7.2 Typus 2 - „Irgendwie kann es das ja nicht gewesen sein“ 77
4.7.3 Typus 3 - „Stimmt mein Leben auch?“ 78
4.7.4 Typus 1-3: Zusammenfassung 80
4.8 Bewusstes Handeln und Selbstbestimmung: „Was? Ihr wollt für ein Jahr weg?
Seid ihr völlig durchgeknallt?“ 81
3
4.9 Festhalten, Präsentieren und Mitteilen der Reiseerlebnisse. 83
4.9.1 Typus 1 - „So ein Juwel irgendwie, etwas, wovon man ganz viel zehrt und
ganz viel träumt“ 84
4.9.2 Typus 2 - „Waren wir dann auch doch schon so öfter Gesprächsthema“ 85
4.9.3 Typus 3 - „So unerreichbar irgendwie“ 87
4.9.4 Typus 1-3: Zusammenfassung 89
4.10 Partnerschaft vs. Alleinsein. 90
4.10.1 Typus 1 - „Zum ersten Mal 24 Stunden rund um die Uhr zusammen“ 90
4.10.2 Typus 2 - „Allein oder mit einer Freundin?“ 91
4.10.3 Typus 3 - „Ich wollte echt alleine sein“ 92
4.10.4 Typus 1-3: Zusammenfassung 93
4.11 Wiederholung der Auszeit. 94
4.11.1 Typus 1 - „Dann macht man das alles, wenn die Kinder aus dem Haus
sind “ 94
4.11.2 Typus 2 - „Bis zur Rente noch ein paar Mal“ 95
4.11.3 Typus 3 - „Beim zweiten Mal nicht mehr genauso“ 96
4.11.4 Typus 1-3: Zusammenfassung 98
4.12 Berufliche Zufriedenheit: „Ich wollte etwas Sinnvolles machen“ 98
4.13 Zusammenfassung. 101
5 Reflexion. 103
5.1 Sabbaticals. 103
5.2 Rituale. 105
5.3 Zusammenfassung: Reisen im Sabbatical - Merkmale eines modernen
Übergangsrituals. 110
6 Literaturverzeichnis. 113
4
1 Einleitung
1.1 Fragestellung: Das Sabbatical - ein Übergangsritual?
„Stellen Sie sich vor, es ist Feierabend. Kein Auto wartet in der Tiefgarage, kein Nieselregen, keine schlechte Laune. Keine Schultern, die vom Tippen am Computer schmerzen. Keine muffeligen Kollegen. Keine Steuererklärung, die zuhause erledigt werden muß.. Statt dessen ein Bad im Meer, danach ein Picknick am Strand, und schließlich in die Sterne gucken bis zum Einschlafen...“ 1
So heißt es im „Sabbatical Handbuch“ von Anke Richter, das Ratschläge zur Organisation und Gestaltung eines Sabbaticals enthält und mir auch von einigen Interviewpartnern empfohlen wurde. Darstellungen wie diese wecken Sehnsüchte, aber auch Ängste und Unsicherheit. Wurde bislang meist eine „natürliche“ Auszeit in einer Übergangssituation zwischen Schulzeit und Studium, Ausbildung und Studium, Studium und Beruf oder erst mit Beginn der Rente zur Verwirklichung besonderer Wünsche genutzt, wird es durch die Einführung des Sabbaticalmodells nun möglich, auch während des Berufslebens für einen begrenzten Zeitraum auszusteigen. Diese Zeit kann frei gestaltet und der Zeitpunktlediglich in Absprache mit Kollegen und Arbeitgeber - selbst gewählt werden. Aber wann ist der passende Zeitpunkt? Ist er zufällig gewählt oder erfolgt die Bewerbung zum Sabbatical aus einem inneren oder äußeren Bedürfnis heraus? Barbara Siemers, die das Sabbatical im Rahmen ihrer Dissertation untersuchte, stellte fest:
„...dass die Inanspruchnahme des Sabbaticals in allen Fällen einen spezifischen Bezug zur Biographie bzw. bei der überwiegenden Mehrheit zu bestimmten, von Unsicherheit geprägten Statuspassagen innerhalb der Biographie aufweist.“ 2
Im Rahmen dieser Arbeit wird der Frage nachgegangen, ob sich diese Aussage als richtig herausstellt. Handelt es sich beim Sabbatical um ein Instrument, einen Übergang zu vollziehen, auch wenn der Arbeitnehmer im Anschluss an denselben Ort zurückkehrt? Arnold Van Gennep beschreibt ein Übergangsritual als Mittel, die Grenze von einem Zustand in den nächsten zu überschreiten. 3 Ist das Sabbatical als modernes Übergangsritual zu bezeichnen? Und welche Merkmale weist es als solches auf? In welchen Lebensphasen wird ein solches Übergangsritual gewählt?
1 Richter, Anke: Aussteigen auf Zeit. Das Sabbatical Handbuch. Köln1999. S. 9.
2 Siemers, Barbara: Sabbaticals. Optionen der Lebensgestaltung jenseits des Berufsalltags. Erfahrungen mit neuen betrieblichen Freistellungsmethoden. Frankfurt/Main2005. S.276.
3 Vgl.Van Gennep, Arnold: Übergangsriten. Les rites de passage. Frankfurt/ Main, New York1986.
5
In den empirischen Untersuchungen der vorliegenden Arbeit gehe ich von der Einschätzung aus, dass es sich beim Reisen im Sabbatical um ein Übergangsritual handelt. Um diese Hypothese zu untersuchen, führte ich Interviews mit Personen, die sich ein Sabbatical genommen haben und in dieser Zeit auf Reisen gingen. Um eine bessere Vergleichbarkeit der Interviewaussagen zu erzielen, wurden keine anderen Gestaltungsmöglichkeiten in diese Untersuchungen mit einbezogen. Zudem erschien mir eine Reise als besonders hervorstechend für die Nutzung der Freistellungszeit, da die Informanten nicht nur ihren Arbeitsplatz verließen, sondern auch ihr häusliches Umfeld, sowie die Familie und den Bekanntenkreis.
Um zu überprüfen, ob es sich beim Reisen im Sabbatical tatsächlich um ein modernes Übergangsritual handelt und mit welchen Merkmalen es als solches ausgestattet ist, wird in der vorliegenden Arbeit zunächst ein theoretischer Überblick gegeben. Dieser erfolgt in zwei Kapiteln, in denen es erstens um die Erläuterung des Sabbaticalmodells, und zweitens um die Darstellung der bisherigen Ritualforschung gehen wird. Im Anschluss an die Theorie werden die Ergebnisse der empirischen Untersuchungen vorgestellt werden. Während der Auswertung des Interviewmaterials stellte es sich als sinnvoll heraus, eine Typenbildung vorzunehmen. Die Darstellung der Ergebnisse in diesem Kapitel erfolgt also zum einen durch die Beschreibung der Ausprägung eines bestimmten Merkmals für den Typus 1-3, gleichzeitig soll aber zum anderen nach den für alle Informanten geltenden Gemeinsamkeiten gesucht werden. Die Verknüpfung der beiden Blöcke - Theorie und empirische Untersuchungen - erfolgt in der abschließenden Reflexion. Zum Schluss dieser Arbeit wird eine Auflistung mit den herausgearbeiteten Merkmalen des Reisens im Sabbatical als ein modernes Übergangsritual erstellt werden. Mit den Ergebnissen der vorliegenden Arbeit möchte ich einen Beitrag zur Untersuchung moderner Übergangsrituale liefern.
1.2 Forschungsstand
Da es sich beim Sabbatical um ein junges Phänomen handelt, liegen zum Moment der Abfassung dieser Arbeit noch nicht viele Forschungsergebnisse zum Thema vor. Für diese Arbeit relevant sind vor allem die wenigen empirischen Untersuchungen zum Sabbatical. Dazu gehören die Untersuchung von Svenja Pfahl und Stefan Reuyß im Rahmen eines Forschungsprojekts am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut in der Hans Böckler Stiftung, die Dissertationen des Psychologen und Betriebswirts Christian Deller und der Sozialwissenschaftlerin Barbara Siemers, sowie die am Institut für Europäische Ethnologie in Berlin abgefasste Magisterarbeit von Kerstin Pietsch.
6
Die Konzentration lag bei Pfahl/Reuyß jedoch hauptsächlich auf einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch das Sabbaticalmodell. Deller untersuchte im Rahmen seiner Dissertation ausschließlich Teilnehmer des Programms in einer Unternehmensberatung. Die Ergebnisse dieser Forschung werden besonders anschaulich in Grafiken dargestellt. Siemers‘ Dissertation, die sich mit einer generellen Nutzung und Motivation für ein Sabbatical beschäftigte, liefert die für diese Arbeit wichtigsten Hinweise. Während sie jedoch ihre Typeneinteilung nach der Gestaltungsart des Sabbaticals richtete, sind für die vorliegende Arbeit vielmehr die biographischen Motivationen entscheidend. Auch die Ergebnisse der von Pietsch abgefassten Magisterarbeit waren für diese Arbeit von Belang, jedoch konnten einige abweichende Ergebnisse festgestellt werden. Für die Darstellung aktueller Trends im Tourismus und beim Reisen beziehe ich mich vor allem auf die Ergebnisse der aktuellen Tourismusanalyse von Horst W. Opaschowski. Einen guten Überblick zur umfassenden Ritualforschung verschafft die am Hamburger Institut für Volkskunde abgefasste Magisterarbeit von Gerrit Herlyn, die sich insbesondere mit den Ritualen in komplexen Gesellschaften beschäftigt. Den Ausgangspunkt für die Erstellung einer Arbeitshypothese am Ende des Kapitels 3 „Rituale“ bildet die Theorie der „Rites de passage“ des französischen Ethnologen Arnold Van Gennep. Seine Theorie des Übergangs von einem zum nächsten Zustand, gestaltet durch ein Dreiphasenschema, bildet den Anfang umfassender auf diese Theorie aufbauender Forschung. Besonders berücksichtigt werden außerdem der Anthropologe Victor W. Turner, der die Theorie Van Genneps zunächst am meisten weiterführte, sowie die Ergebnisse von Sally F. Moore und Barbara G. Myerhoff, die ihren Fokus schließlich auf Übergangsrituale in säkularisierten Gesellschaften legten. Turner beschäftigte sich in mehreren Arbeiten mit dem Ritualthema, für diese Arbeit gewichtig ist aber vor allem „Das Ritual: Struktur und Anti- Struktur“, ein Werk, das Turners Ergebnisse zur Ausgestaltung der Schwellenphase beschreibt. Viel zitiert wird die sechs Punkte umfassende Auflistung der Merkmale eines Rituals in säkularisierten Gesellschaften von Moore/Myerhoff, die durch ihre kurze und präzise Darstellung besticht. Neben Moore/Myerhoff beschäftigten sich auch einige andere Theoretiker mit der Präsenz von Übergangsritualen in der modernen Gesellschaft, sowie den Merkmalen derselben und den Veränderungen gegenüber den Merkmalen klassischer Übergangsrituale. Außerdem werden dabei die Ergebnisse der Erziehungswissenschaftlerin Barbara Friebertshäuser zu dieser Arbeit hinzugezogen. Sie erzielte interessante Ergebnisse bei der Untersuchung studentischer Initiationsrituale, die sie anhand verschiedener Begriffe erläutert.
7
2 Sabbaticals
Das Sabbatical ist eine befristete berufliche Auszeit. Dabei geht der Arbeitnehmer für mehrere Monate aus seinem Beruf und kehrt anschließend an seinen Arbeitsplatz zurück. Die Gestaltung der freien Zeit bleibt allein ihm überlassen. In diesem Kapitel wird erläutert werden unter welchen Bedingungen ein solches Sabbatical oder auch Sabbatjahr 4 angeboten und realisiert wird. Dabei entstehen sowohl für den Arbeitnehmer als auch den Arbeitgeber verschiedene Vorteile. Im ersten Teilabschnitt wird erläutert werden aus welchen aktuellen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt das Modell des Sabbaticals entstand. Neben der noch nicht sehr zahlreichen wissenschaftlichen Literatur zum Sabbatical erschienen in den letzten Jahren einige „Sabbatical-Ratgeber“, in denen Tipps zur Organisation und Gestaltung der Auszeit gegeben werden. Auch Zeitungsberichte werben für das Sabbatical, von denen einige in diesem Kapitel vorgestellt werden. Da die im Rahmen dieser Arbeit befragten Informanten ihre freie Zeit für eine längere Reise nutzten, werde ich außerdem auf aktuelle Trends im Tourismus eingehen.
2.1 Flexible Arbeitszeitmodelle - eine aktuelle Entwicklung
Arbeitszeiten sind im Wandel begriffen. Dabei sind zwei für die vorliegende Arbeit relevante Tendenzen festzustellen. Zum einen kann ein verändertes Verhältnis von Arbeit und Freizeit beobachtet werden, das mit der sogenannten „Entgrenzungsdebatte“ oder unter dem Stichwort „Work-Life-Balance“ 5 diskutiert wird. Zum anderen zeichnet sich eine Veränderung des „Normalarbeitsverhältnis“ hin zur „Patchwork - Biographie“ ab. 6 Durch eine zunehmende Individualisierung und ein verstärktes Aufbrechen der Geschlechterrollen in der Gesellschaft hat ein Wertewandel in Bezug auf die Arbeit stattgefunden: „Insgesamt haben neuere Werthaltungen - wie Autonomie, Souveränität, Emanzipation, Partizipation, Partnerschaft, Dialog, lebenslanges Lernen, Kreativität, Selbstständigkeit im Denken und Handeln sowie Persönlichkeitsentfaltung - die alten Tugenden - wie Disziplin, Gehorsam, Leistung, Pflicht, Unterordnung - abgelöst, die bislang die Arbeit prägten.“ 7 Diese Werte des Arbeitnehmers, verbunden mit der Einsicht
4 In der Literatur wird der Begriff „Sabbatjahr“ für einjährige Auszeiten verwendet; Für Auszeiten bis zu drei Monaten der des „Kurzsabbaticals“, bei mehr als drei Monaten der Begriff „Sabbatical“. Ich werde mich in dieser Arbeit der begrifflichen Verwendung meiner Informanten anschließen, und die Ausdrücke „Sabbatjahr“ und „Sabbatical“ gleichsetzen. Interviewpartner, die ihre Freistellung im Öffentlichen Dienst erlebten, verwendeten in den Interviews den Begriff „Sabbatjahr“, während alle anderen vom „Sabbatical“ sprachen.
5 Vgl. Siemers, Barbara, (wie Anm. 2).
6 Vgl. Deller, Christian: Evaluation flexibler Arbeitszeiten am Beispiel einer Unternehmensberatung: die motivationalen Auswirkungen verschiedener Sabbatical- und Teilzeitprogramme aus Teilnehmersicht. München 2004.
7 S. Ebd. S.11.
8
des Arbeitgebers, dass eine größere Arbeitszeitflexibilität zu einer Effizienzsteigerung der Arbeit führe, ließ verschiedene flexible Arbeitszeitmodelle, wie beispielsweise das Sabbatical, entstehen.
Eine Entwicklung hin zur Arbeitszeitflexibilisierung ist seit den 70er Jahren zu beobachten. Diesen Prozess, der zu aktuellen Modellen geführt hat, beschreibt Christian Deller in drei Phasen. Die erste Phase in den 70er Jahren ist gekennzeichnet durch die Einführung der „Gleitzeit“, womit flexible Zeiten für Arbeitsbeginn und Arbeitsende gemeint sind. Diese Entwicklung sei aber eher durch „zunehmende Verkehrsprobleme“, als durch „betriebsorganisatorische Bedürfnisse“ zu erklären. 8 Letzterer Faktor wurde erst in den 80er Jahren erkannt: „Die Betrachtung von Arbeitszeiten fand erstmals unter Effizienzgesichtspunkten statt.“ 9 Nicht mehr die Länge der Arbeitszeit, sondern die Flexibilisierung derselben galt nunmehr als förderlich für den betrieblichen Erfolg. In den 90er Jahren entwickelte sich diese Arbeitszeitpolitik zu einem wesentlichen Gestaltungsmerkmal in Betrieben: „Die als unverzichtbar angesehene Anwesenheitspflicht des Mitarbeiters wurde durch kundenorientierte Besetzungen ersetzt, die die Mitarbeiter eigenverantwortlich untereinander abstimmen.“ 10
Diese bis heute sich steigernde Flexibilität in der Arbeitszeit führt jedoch auch zu einer Diskontinuität in den Berufsbiographien und eine scharfe Abgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit ist immer weniger möglich. Unter dem Normalarbeitsverhältnis wird ein kontinuierlicher beruflicher Verlauf, sowohl bezogen auf die wöchentlichen Arbeitszeiten (feste Arbeitszeiten fünf Tage die Woche und danach zwei Tage Wochenende), als auch auf eine stete berufliche Beschäftigung nach der Ausbildung und bis zur Rente verstanden. Dieses „Normalarbeitsverhältnis“ sehen die Theoretiker in der Zukunft nicht mehr als “normalen“ Verlauf der Berufsbiographie. Deller beobachtet in der aktuellen Entwicklung eine Hinwendung zur „Patchwork - Biographie“, die sich dadurch auszeichnet, „dass die verschiedenen Lebensbereiche und Lebensaufgaben planvoll oder nach den Bedürfnissen, die sich im Leben ergeben, flexibel und teils überlappend eingestrickt sind.“ 11 Diese Diskontinuität im Arbeitsverhältnis wirft verschiedene Fragen auf; so stellen Hanns-Georg Brose, Monika Wohlrab-Sahr und Michel Corsten die Frage: „Wie werden Alltagszeit und Lebenszeit wahrgenommen und gestaltet, wenn die Arbeits- und Lebensbedingungen von Diskontinuität gekennzeichnet sind und Flexibilität zur
8 Ebd. S.9.
9 Ebd. S.10.
10 Ebd. S.10.
11 Ebd. S.12.
9
(notwendigen) Tugend wird?“ 12 Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist die Beobachtung, „daß das lange Zeit gültige lineare Zeitbewußtsein und die mit ihm verknüpfte Orientierung an einer offenen, gestaltbaren Zukunft in eine Krise geraten ist und sich gegenwärtig verändert.“ 13 Ulrike Pietrzyk fragt in diesem Zusammenhang nach der Entwicklung von beruflicher Kompetenz und stellt fest: „Durch die zunehmende Diskontinuität, Heterogenisierung und Individualisierung der Beschäftigungsverhältnisse sowie durch die wachsende Innovation und den Strukturwandel wird die Kalkulierbarkeit der Qualifikationsanforderungen schwieriger.“ 14
Festzustellen ist, dass der Arbeitnehmer durch die steigende Anforderung an Flexibilität im Arbeitsverhältnis auch eine stärkere Verantwortung für die Organisation von Arbeit und Freizeit zugewiesen bekommt. Dadurch „nehmen Belastung und Zeitnot durch die Notwendigkeit zu, den Umgang mit der Zeit eigenständig und aktiv zu gestalten.“ 15 Diese Eigenverantwortlichkeit bei der Organisation der eigenen Biographie, bestehend aus der Vereinbarung zwischen Arbeitszeit und Lebenszeit, fasst Ernst-H.. Hoff unter dem Begriff der „Selbstsozialisation“. Er verweist darauf, dass die Gestaltung der Biographie durch ein Wechselspiel zwischen den sozialen Strukturen und deren Veränderungen sowie der eigenen Bestimmung des Subjekts gekennzeichnet ist. 16
Ein Produkt dieses gesellschaftlichen Wandels in Bezug auf das Zusammenspiel zwischen Arbeits- und Lebenszeit mit der Entwicklung von flexiblen Arbeitszeitmodellen, ist das „Sabbatical“, der zeitlich begrenzte Ausstieg aus dem Arbeitsverhältnis.
2.2 Sabbaticals - Regelungen, Vorteile und Nutzen
Das Sabbatical, eine relativ neue betriebliche Praxis, deutet in seiner Begrifflichkeit hin auf den „Schabbat“, den traditionellen wöchentlichen Ruhetag des Judentums. Außerdem bezog sich dieser Ausdruck auf die landwirtschaftliche Praxis, die Felder nach einer gewissen Bewirtungszeit für ein Jahr zur Regenerierung brach liegen zu lassen. 17 Laut Siemers wurde das Sabbatical als Freistellungszeit für Professoren erstmals an israelischen und amerikanischen Universitäten eingeführt. Es sollte ihnen ermöglichen, in
12 Brose, Hanns-Georg/ Wohlrab-Sahr, Monika/ Corsten, Michael: Soziale Zeit und Biographie. Über die Gestaltung von Alltagszeit und Lebenszeit.Opladen1993. S.13.
13 Ebd. S.15.
14 Pietrzyk, Ulrike: Brüche in der Berufsbiographie - Chancen und Risiken für die Entwicklung beruflicher Kompetenz. Hamburg2002.
15 Siemers, Barbara (wie Anm. 2), S.18.
16 Hoff, Ernst-H., Berufs- und Privatleben. Komplexe Relationen und reflexive Identität. In: Bolder, Axel/ Witzel, Andreas (Hrsg.): Berufsbiographien. Beiträge zu Theorie und Empirie ihrer Bedingungen, Genese Und Gestaltung. Eine etwas andere Festschrift für Walter R. Heinz aus Anlass seines 60. Geburtstages. Opladen2003.
17 Vgl. Siemers, Barbara, (wie Anm. 2), S.48.
10
dieser Phase „neue Energien für Forschungsarbeiten und Vorlesungen zu sammeln.“ 18 In Deutschland wurde schon mit Beginn der 90er Jahre das Modell des „Sabbatjahres“ im öffentlichen Dienst eingeführt. Damit sollte vor allem einem Personalüberschuss, unter anderem verursacht durch die deutsche Wiedervereinigung, entgegengewirkt werden. 19 Auch heute noch ist die höchste Verbreitung des Sabbaticals im Öffentlichen Dienst (10%) zu beobachten. 20 In den letzten Jahren wurden Sabbaticals auch in privaten Unternehmen eingeführt. Das Modell ist jedoch noch nicht weit verbreitet: „Insgesamt ist jedoch die aktuelle Angebotsquote an Sabbaticalprogrammen mit ca. 3% der deutschen Unternehmen noch sehr gering. Die Angebotstendenz ist allerdings steigend.“ 21 Im Rahmen eines Forschungsprojektes im WSI (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut) der Hans-Böckler-Stiftung wurde das Sabbatical unter dem Gesichtspunkt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf untersucht. Svenja Pfahl und Stefan Reuyß stellten dabei fest, dass das Sabbatical vor allem in größeren Betrieben angeboten wird. Auffällig sei außerdem eine hohe Frauenquote in diesen Unternehmen und meist das Vorhandensein einer betrieblichen Interessenvertretung. Überdies bieten diese Betriebe häufig auch andere flexible Arbeitszeitmodelle an, wie Gleitzeit oder Langzeitkonten. 22 Christian Deller stellt zudem fest, dass nach einer Etablierung des Sabbaticalprogramms im Unternehmen eine steigende Tendenz der Teilnehmerzahlen zu beobachten sei. Das Bedürfnis nach einer Auszeit sei bei vielen Arbeitnehmern vorhanden. Der Autor bemerkt außerdem, dass sich die inhaltlichen Nutzungszwecke verschöben, und zwar „von beruflicher Weiterbildung sowie Sprach- und Reiseaufenthalten im Ausland bei jüngeren Mitarbeitern mit zunehmendem Lebensalter in Richtung Regeneration und Hobbypflege.“ 23 Die kritischen Momente der Auszeit, die Entscheidungsphase sowie die Wiedereingliederung in den Betrieb, würden von den Unternehmen kaum unterstützt. 24 Für die Regelung eines Sabbaticals haben sich drei Modelle etabliert. Deller nennt zuerst das „Vertragsmodell“, das im Öffentlichen Dienst Anwendung findet. Dabei wird im Vertrag des Arbeitnehmers die Option für ein Sabbatical festgeschrieben. Hier sei vor allem ein Modell verbreitet, bei dem nach mehrjähriger Ansparphase ein freies Jahr folgt. In der betrieblichen Praxis gebe es das „Ansparmodell“ und das „Kriseninterventionsmodell“. Beim ersten Modell spart der Mitarbeiter über einen gewissen Zeitraum „Zeit“ an, indem er
18 Ebd. S. 48. An deutschen Universitäten wurde diese Praxis als „Forschungsfreisemester“ eingeführt. 16 Ebd. S.49.
20 Pfahl, Svenja/ Reuyß, Stefan: Blockfreizeiten und Sabbaticals - mehr Zeit für die Familie. In: Wirtschafts-und Sozialwissenschaftliches Institut Düsseldorf: WSI-Mitteilungen, Bd. 55 (8,2002). S. 459-465. Hier S.461.
21 Vgl. Deller, Christian, (wie Anm. 6), S.29.
22 S. dazu: Pfahl, Svenja/ Reuyß, Stefan, (wie Anm. 20), S.460-461.
23 Vgl. Deller, Christian, (wie Anm. 6), S.29-30.
24 Ebd. S.30.
11
zum Beispiel für eine gewisse Dauer halbes Gehalt bezieht, aber Vollzeit arbeitet. Das Gehalt wird dann in der Freiphase weiter gezahlt. Beim „Kriseninterventionsmodell“ stehen betriebliche Interessen im Vordergrund. In wirtschaftlich schlechten Zeiten stellen die Unternehmen Mitarbeiter für einen gewissen Zeitraum frei, zahlen ihnen aber weiterhin einen Teil ihres Gehalts und holen den Arbeitnehmer nach Ablauf der Freistellung an ihren Arbeitsplatz zurück. 25 Dazu berichtet die Süddeutsche Zeitung: „So haben Siemens, die Unternehmensberatung Accenture oder der Papierhersteller Schoeller Sabbatical-Modelle genutzt, um bei Auftragsschwankungen Kündigungen zu umgehen und Kosten zu sparen.“ 26 Möglich ist auch ein unbezahlter Urlaub für den Arbeitnehmer. Erhält er aber während seiner Auszeit weiterhin Bezüge, ist der Angestellte auch weiterhin über den Arbeitgeber sozialversichert. 27
Barbara Siemers stellt drei Merkmale des Sabbaticals zusammen, die für alle diese Modelle gelten. Zuerst nennt sie die „Optionalität“, wonach der Arbeitnehmer entscheide, ob er das Angebot überhaupt nutzen möchte. Gleichzeitig liege die Entscheidung über Zeitpunkt und Dauer des Sabbaticals bei ihm, wenngleich er sich in diesen Punkten mit dem Betrieb abstimmen müsse. Als zweiten Punkt nennt Siemers die „Langfristigkeit“, denn die Freistellungsphase gehe in ihrer Dauer weit über die Zeit eines normalen Urlaubs hinaus. Die „Gestaltungsfreiheit“ benennt Siemers als drittes Merkmal des Sabbaticals. Wie der Arbeitnehmer seine Auszeit gestalte, bleibe ihm allein überlassen. 28 Wenn auch der Bedarf an solchen Programmen von der Arbeitnehmer-Seite noch höher ist als das existierende Angebot in den Unternehmen 29 , wird doch in zunehmendem Maß erkannt, dass Sabbaticals für den Arbeitgeber wie für den Arbeitnehmer diverse Vorteile haben.
2.2.1 Betriebliche Sichtweise
Aus betrieblicher Sicht gibt es verschiedene Vorteile für die Einführung des Sabbaticals. Zum einen die „Arbeitskrafterhaltung“, indem den Arbeitnehmern ermöglicht wird, in ihrer Auszeit neue Energien zu entwickeln und ihr Potential zu schonen, um unter anderem auch einem „Burnout“ vorzubeugen. Zum anderen spielt auch der Aspekt „Rationalisierungsstrategie bzw. Instrument zur Personalsteuerung“ 30 eine Rolle. Damit ist
25 Vgl. ebd. S.25-27.
26 Vgl. „Aussteiger auf Zeit. Pause mit Rückkehrgarantie: Von Sabbaticals profitieren nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch Unternehmen.“ In: Süddeutsche Zeitung, 24.12.2004.
27 Vgl. Siemers, Barbara, (wie Anm. 2), S.51.
28 Ebd. S.50-51.
29 Vgl. Deller, (wie Anm. 6), S.29.
30 Vgl. Siemers, Barbara, (wie Anm. 2), S.89.
12
für das Unternehmen die Option gemeint, durch das Sabbatical zeitweilig Personalkosten zu reduzieren oder auch Umstrukturierungen im Personalbereich zu ermöglichen. So werden Neueinstellungen möglich oder die Dynamik des Unternehmens durch „Jobrotation“ gefördert. Zudem können so in wirtschaftlich schwierigen Zeiten qualifizierte Kräfte für das Unternehmen gehalten werden. 31 Ein weiterer Vorteil des Sabbaticals ist die Möglichkeit, Personal, das sich in der Auszeit fortgebildet hat, im Anschluss wieder im Unternehmen aufzunehmen. So wird dem Arbeitnehmer die Weiterbildung erleichtert, indem er seinen Arbeitsplatz im Unternehmen nicht verliert, und das Unternehmen versichert sich des qualifizierten Personals. Weiterhin stellt sich das Unternehmen in der Außenperspektive mit moderner Betriebspraxis dar. Die Attraktivität des Betriebs erhöht sich durch Steigerung der Flexibilität für den Arbeitnehmer. So können auch qualifizierte Kräfte mit privaten Betreuungspflichten für das Unternehmen erschlossen werden. Außerdem kann durch das Sabbatical-Angebot die Bereitschaft der Arbeitnehmer für andere Teilzeitprogramme gesteigert werden, durch die sogenannten „Teilzeitoffensiven“. 32
Es können jedoch für das Unternehmen auch Nachteile und „Barrieren“ entstehen. Zum einen wird hier die Befürchtung von „Effizienz- und Reibungsverlusten“ genannt. Damit sind mögliche Schwierigkeiten vor allem bei Antritt einer Stellvertretung für den Sabbatical-Nehmer, aber auch bei dessen eigener Wiederkehr gemeint. Ein weiteres Problem sind „Widerstände auf der Einstellungs- und Mentalitätsebene“. 33 Die arbeitskulturelle Prägung von einer ständigen Verfügbarkeit des Mitarbeiters beeinflusst die Einstellung von Mitarbeitern und Arbeitgebern. Eine Auszeit steht der Auffassung entgegen, dass ein Mitarbeiter mit seinem Arbeitseinsatz beruflichen Leistungswillen und die Fähigkeit dazu beweist, und erscheint so vielen als „Karrierekiller“. 34
2.2.2 Arbeitnehmer-Seite
Bei der Entscheidung des Arbeitnehmers für ein Sabbatical - Modell sind vor allem die Sicherheitsaspekte relevant. Diese beziehen sich einerseits auf die Finanzierung (wenig Abstriche bei Einkommen und Rente; flexible Ansparmodelle), andererseits auf die Sicherung des Arbeitsplatzes (Garantie für die Rückkehr an den Arbeitsplatz). 35 Außerdem ist für den Arbeitnehmer die gleichzeitige „Planbarkeit und Flexibilität“ entscheidend. Er schätzt die freie Entscheidung über Dauer und Zeitpunkt des Sabbaticals in Absprache mit
31 Ebd. S.89-90.
32 Ebd. S. 89-91, 99-105.
33 Ebd. S.90.
34 Ebd. S.90-91.
13
Unternehmen und Kollegen. Auch die Möglichkeit eines kurzfristigen Ausstiegs, der dem Betrieb gegenüber nicht begründet werden muss, spricht aus Sicht des Arbeitnehmers für die Wahl eines Sabbaticals. 36 Sind diese Bedingungen für den Arbeitnehmer erfüllt, stellt sich die Frage, inwiefern sich das Sabbatical für ihn auszahlt. Abgesehen von dem offensichtlichen Gewinn an Freizeit ist ein weiterer Vorteil einer beruflichen Auszeit, beispielsweise für Berufstätige mit Kindern, mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können. Dabei können familiäre Umbruchssituationen eine Rolle spielen, die Sicherung der Kinderbetreuung, Krankheiten in der Familie oder einfach der als nicht ausreichend empfundene Kontakt zur Familie während des Beschäftigungsverhältnisses. 37 Empirisch untersucht wurde das Sabbatical in seiner Auswirkung auf den Arbeitnehmer, sowie der Gestaltung und Motivation einer beruflichen Auszeit in drei Studien. Christian Deller beschäftigte sich in seiner Dissertation „Evaluation flexibler Arbeitszeiten am Beispiel einer Unternehmensberatung: die motivationalen Auswirkungen verschiedener Sabbatical- und Teilzeitprogramme aus Teilnehmersicht.“ mit den Erfahrungen der Angestellten einer Unternehmensberatung, die am Sabbatical-Programm teilnahmen. Barbara Siemers‘ Dissertation mit dem Titel „Sabbaticals. Optionen der Lebensgestaltung jenseits des Berufsalltags. Erfahrungen mit neuen betrieblichen Freistellungsmethoden.“ beschreibt unter anderem unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten der freien Zeit. Sie entscheidet sich hier für eine Typenbildung nach den Motivationen ihrer Informanten. Schließlich beschäftigt sich Kerstin Pietsch in ihrer Magisterarbeit unter dem Titel „Sabbatical - Zur sozialen und kulturellen Praxis eines neuen Modells.“ mit der Bedeutung des Sabbaticals als soziale Praxis von Individuen und mit der Frage, was das Modell über eine sich verändernde Arbeitswelt aussagt. 38
Christian Deller untersucht in seiner Studie vor allem die Auswirkungen eines Sabbaticals auf den Arbeitnehmer in Bezug auf seine Arbeitsmotivation und -zufriedenheit und das Commitment, die innere Bindung an die Firma. Er stellt dabei fest, dass nach Rückkehr aus dem Sabbatical eine deutliche Steigerung der Arbeitsmotivation zu verzeichnen ist. Bezogen auf die Arbeitszufriedenheit und das Commitment konnten keine gesteigerten Werte erkannt werden, was aber mit der schlechten wirtschaftlichen Lage des Unternehmens begründet wird. 39 Deller bemerkt außerdem, dass mit der Planung eines Sabbaticals einige Bedenken auftreten, die die Wiedereingliederung, Reaktionen von
35 Ebd. S.102-103.
36 Vgl.Pfahl/Reuyß, (wie Anm. 20), S.464.
37 Ebd. S.463.
38 Diese Informationen entstammen aus ihrem Paper für die Tagung Arbeitskulturen in Passau. Vgl. auch Pietsch, Kerstin: Sabbatical - Zur sozialen und kulturellen Praxis eines neuen Modells. Unveröffentlichte Magisterarbeit Berlin 2004.
14
Kollegen und Vorgesetzten oder den Karrierepfad betreffen. 40 Nach der Auszeit vermuten die Teilnehmer jedoch eher eine Steigerung ihrer Kompetenzen als eine Beeinträchtigung durch ihre Abwesenheit. 41
Barbara Siemers bildet in ihrer Arbeit fünf Typen, die sie anhand der Gestaltung des Sabbaticals festmacht. 42 Diese nutzen das Sabbatical: 1. Zur Regeneration (8), 2. Für Familienaufgaben (3), 3. Zur Weiterbildung (6), 4. Für eine private und/oder berufliche Neuorientierung (8), 5. Für eigene Projekte (3). Dabei fällt das „Reisen im Sabbatical“ unter die letzte Kategorie und ist damit relativ wenig vertreten. 43 Anders lauten dagegen die Ergebnisse von Christian Deller, der in seinen Untersuchungen feststellt, „dass sich über zwei Drittel der Pläne zur Gestaltung der Auszeit dem Bereich Work-Life-Balance (WLB) zuordnen lassen. Der Wunsch nach einer längeren Reise überwiegt dabei deutlich.“ 44 Deller unterscheidet außerdem zwischen positiven Motivationen (Work-Life-Balance, Einfügung in die eigene Lebensplanung, Erfüllung von Wünschen, Pflegen von Hobbies, Weiterbildungen, etc.) und negativen Motivationen (Frustration in Bezug auf die Arbeit, Besinnung über den eigenen Lebensweg, Bedürfnis nach Erholung, etc.). 45 Als Gemeinsamkeit aller Sabbaticalteilnehmer nennt Siemers drei Merkmale: Erstens sei bei allen Informanten ein Zusammenhang mit ihrer eigenen Biographie, und bei den meisten ein Bezug zu eigenen Statuspassagen zu erkennen. 46 Zweitens sei eine geschlechtsspezifische Varianz bezogen auf die Nutzung und Verarbeitungsweisen zu beobachten. Drittens bemerkte die Autorin, dass ihre Informanten hauptsächlich aus höher qualifizierten beruflichen Positionen stammten und erklärt dies mit der Voraussetzung von individueller Kompetenz für den Zugang und die Gestaltung, sowie Durchsetzung des Freistellungsmodells. 47
Pietsch unterteilt ihre Interviewpartner in zwei Hauptgruppen, die sie die Sicheren und die Unsicheren nennt, wobei Erstere ohne Probleme an ihren Arbeitsplatz zurückkehrten. Letztere nutzten ihre Situation für eine Auszeit, „die aber auch gut Arbeitslosigkeit hätte heißen können.“ 48 Als weitere Ergebnisse nennt Pietsch einige aus den Interviews hervorgehende Gemeinsamkeiten: ein (veränderter) Umgang mit Zeit, die Einschränkung
39 Deller, Christian, (wie Anm. 6), S.238-240.
40 Ebd. S. 137.
41 Ebd. S. 150-152, 166-167.
42 Die in Klammern Zahlen geben die Anzahl der Personen an, die ihr Sabbatical auf die jeweilige Weise nutzten.
43 Die genaue Besetzung wird anhand einer Tabelle wiedergegeben. Vgl. Siemers, Barbara, (wie Anm. ), S.115.
44 Deller, Christian (wie Anm. 6), S.151.
45 Ebd. S.135-136.
46 Auch Pietsch stellt fest, dass das Sabbatical vielfach „innere Wandlungsprozesse und Neuorientierungen“ bewirkt. Vgl. Pietsch, Kerstin, (wie Anm. 38), S.10.
47 Vgl. Siemers, Barbara, (wie Anm. 2), S.276-277.
48 Pietsch, Kerstin, (wie Anm. 38), S.6.
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der finanziellen Situation, die Konzentration auf Körper, Gesundheit und Regeneration, eine Vorbildwirkung (die Interviewpartner bezogen sich mit der Idee des Sabbaticals auf einen Bekannten), sowie die Entwicklung von Durchsetzungsstrategien und die Bereitschaft/das Interesse an einer Wiederholung der Auszeit. 49
2.3 Reisen im Sabbatical
„Deutsche bleiben Reiseweltmeister“ titelt Spiegel Online im Dezember 2004 und bezieht sich dabei auf Angaben der Deutschen Zentrale für Tourismus. Demnach ging „Trotz allgemeiner Konsumzurückhaltung [...] kein anderes Volk im vergangenen Jahr häufiger auf Reisen als die Deutschen.“ 50 Aber auch weltweit stieg die Zahl der Urlauber um 10 Prozent, wie die Welttourismusorganisation mitteilt: „Nie zuvor haben so viele Menschen weltweit ihre freien Tage im Ausland verbracht.“ 51 Ein Grund mögen die immer geringeren Kosten für eine Weltreise sein: „Längst können sich nicht mehr nur die ‚Oberen Zehntausend‘ so etwas leisten.“ 52 Jedoch stellt Horst W. Opaschowski in der Tourismusanalyse 2005 fest, dass die finanzielle Situation der Deutschen zu immer kürzeren Reisen führe: „Die Wohlstandswende spiegelt sich auch im Tourismus wieder.“ 53 Allerdings wird für 2005 prognostiziert: „Mehr Aufbruchsstimmung als Verunsicherung ist angesagt. Die Deutschen wollen wieder mehr verreisen.“ 54
Sabine Boomers untersucht in ihrer Studie „Reisen als Lebensform“ die Sehnsucht nach dem Reisen in Verbindung mit der Suche nach Identität in modernen Gesellschaften. 55 Das Sich-fremd-Fühlen in der eigenen Gesellschaft und die Tendenz zu gesteigerter Mobilität führe demnach zu einer Flucht und einem Sich-Stellen der Problematik auf der Reise. 56 Auch die mediale Präsenz der Reise und die gesellschaftliche Erlebnislust spielten laut Boomers als Erklärung für die Reiselust eine Rolle. 57 Dabei werde die moderne Gesellschaft mit den ausgeprägten Trends zu „Mobilität“ und „Risiko“ auf der Reise gespiegelt: „Sie bieten eine Möglichkeit, auf mehr oder weniger durchorganisiertem Niveau Spannungen zu inszenieren, die ähnlich strukturiert sind wie im Alltagsleben.“ 58 Die Reise
49 Ebd. S. 6-8.
50 Vgl. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,332977,00.html, Download am 16.12.2004.
51 Vgl. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,338715,00.html, Download am 27.1.2005.
52 Vgl. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,345863,00.html, Download am 11.3.2005.
53 Opaschowski, Horst W.: Tourismusanalyse 2005 mit Grundlagenforschung. Hamburg2005. S. 10.
54 Ebd. S.19.
55 Vgl. Boomers, Sabine: Reisen als Lebensform. Isabelle Eberhardt, Reinhold Messner und Bruce Chatwin. Frankfurt/ Main2004.
56 Vgl. ebd. S. 269-284.
57 Ebd. S.85-92.
58 Ebd. S. 92.
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wird so genutzt, um die selbstempfundene Krise durch die Suche nach Identität in der eigenen Gesellschaft zu überwinden, und das Selbst in der Fremde zu finden. Auch Opaschowski beschreibt das Bedürfnis nach Risiko und Abenteuer als einen Trend in der Tourismusbranche, jedoch liege der aktuell zurück neben dem Bedürfnis nach Erholung und Wellness im Urlaub. 59 Außerdem stellt er eine Tendenz zu Individualreisen fest - die Urlauber organisieren sich ihren Urlaub selbst. 60 Unter anderem breitet sich dabei auch das Urlaubs-Hopping aus: „Weit reisen, oft wechseln und immer nur kurz bleiben.“ 61 Auch das „Naturabenteuer“ wird als Trend genannt - der Urlauber sucht hier unter anderem eine Gegenwelt zum Alltag: „Urlaub wird ‚der‘ Kontrastbegriff zum Alltag, zum Sammelbecken aller positiven Hoffnungen und Sehnsüchte“ 62 Diese Auffassung steht der von Sabine Boomers entgegen, die in der Reise eher einen Spiegel des Alltags sieht. Möglicherweise greift hier eine Unterscheidung zwischen ‚Reise‘ und ‚Urlaub‘, wobei der Urlaub durch eine kürzere Dauer gekennzeichnet ist. Opaschowski sieht jedoch auch den Trend zu längeren Reisen in der gesellschaftlichen Entwicklung begründet, die durch Flexibilität, Mobilität und Schnelligkeit geprägt ist. „Die neuen Nomaden. Die Urlaubergeneration von morgen“ 63 gehören bei ihm jedoch eher der jüngeren Generation an. Sie zeichnen sich besonders durch ständige Bewegung, Abenteuerlust und Spontaneität aus. 64
2.4 Ratgeber und Zeitungsberichte
Mit Einführung des Sabbatical-Modells und der Möglichkeit einer befristeten Auszeit, erschienen einige Ratgeber mit Tipps und Tricks rund um das Sabbatical auf dem Buchmarkt. Zu erklären ist dieser Trend mit der bereits erwähnten hohen individuellen Leistung bei der Organisation einer beruflichen Auszeit - die Verhandlungen mit dem Arbeitgeber, die Gestaltung der Freiphase, sowie die Wiedereingliederung in den Beruf. Die Frequenz der Ratgeber deutet außerdem auf ein hohes Maß an Unsicherheit und Ängsten hin, die mit dem Sabbatical einher gehen. Mit dem Kauf eines Ratgebers möchte man sich davor schützen, etwas falsch zu machen oder zu vergessen. Er kann außerdem helfen, sich über ein Sabbatical zu informieren, ohne den Arbeitgeber zunächst einzuweihen, und dann zu entscheiden, ob eine Auszeit angegangen werden soll und wenn ja, wie diese dann gestaltet werden soll. Die Neuheit des Sabbatical-Modells auf dem Arbeitsmarkt erklärt die
59 Vgl. Opaschowski, Horst W., (wie Anm. 53), S. 24-25.
60 Ebd. S.13.
61 Ebd. S.35.
62 Ebd. S.38.
63 Ebd. S.57.
64 Ebd. S.57.
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Skepsis, mit der es noch immer betrachtet wird. Wie bereits im Vorigen beschrieben, wird es besonders aus Arbeitnehmersicht noch als eine Art „Karrierekiller“ betrachtet. Trotzdem wirkt das Angebot einer mehrmonatigen Auszeit auch anziehend, was durch die Sabbatical-Ratgeber und das Erscheinen von Zeitungsartikeln deutlich wird. Aus diesen spricht nicht selten unverhohlene Euphorie, wenn es heißt: „Die Sabbatzeit erscheint dann wie die magische Zeit der großen Freiheit, in der all das endlich gelebt werden kann, was sonst im Alltag untergeht. Wie das Symbol für Lebenslust und Kreativität, das Kürzel für Unabhängigkeit, vielleicht ein kleines Stück Unangepasstheit, ein bisschen Revolution...“ 65 Die Autorin beschreibt im Vorwort zu ihrem Buch, dass es nicht ihr Anliegen sei, Ratschläge zu erteilen, sondern eine innere Sicht ihrer Erlebnisse und Erfahrungen zu bieten. Anders verhält es sich mit dem „Sabbatical Handbuch“, das von Anke Richter verfasst wurde. 66 Hier werden dem Leser Tipps rund ums Sabbatical geboten und diese Ratschläge mit eigenen Erfahrungen untermauert.
Die meisten Zeitungsartikel, die zum Thema Sabbatical verfasst wurden, preisen die Auszeit als großartige Möglichkeit an, die eigene Persönlichkeit zu entfalten, und geben am Ende des Artikels Hinweise zu weiterführender Literatur. Hier wird mit den Sehnsüchten der Leser gespielt, die das Sabbatical zu erfüllen verspreche: „Einmal um die Welt reisen oder für eine Zeit auf einer Ausgrabungsstätte in Peru mitarbeiten: Solche Wünsche kann man sich erfüllen, zum Beispiel während eines Sabbaticals - auf deutsch: Sabbatjahr. [...] Anregungen und Infos kann man sich aus bereits bestehenden Modellen, wie es sie zum Beispiel für Lehrer gibt, oder auch aus Büchern holen.“ 67 Ähnliche Artikel mit Anregungen zum Sabbatical finden sich viele. Häufig stehen sie in der Rubrik „Reise“ oder „Gesundheit“ und werden so in den allgemeinen Trend zur Erholung und Wellness eingefügt. Auch Romane, die sich mit dem Thema „Beruflicher Ausstieg“ beschäftigen,
65 http://www.deutschesfachbuch.de/info/detail.php?isbn=3466306906&part=1&word=Sabbatical+Volksku nde&PHPSESSID=4c7774a7dffd5eb1800b63362252370d. Aus dem Vorwort von: Voigt, Diana: Sabbatical -Ausstieg auf Zeit. Eine Abenteuerreise zu sich selbst. 2005.
66 Richter, Anke: Aussteigen auf Zeit. Das Sabbatical Handbuch. Köln1999. Dieses Buch wurde mir einige Male von meinen Informanten empfohlen und scheint so das Bekannteste auf dem Buchmarkt zu sein. Vgl. außerdem u.a.: Hess, Barbara; Sabbaticals. Auszeit vom Job - wie Sie erfolgreich gehen und motiviert zurückkommen. 2002.; Marburger, Diemar: Aussteigen! Kreative Denkpausen und Auszeiten planen. Entscheidungshilfe und Ratgeber. 2002.; Marburger, Dietmar: Raus aus der Jobmühle. Beruflich aussteigenalles richtig machen. Regendburg/ Berlin2003. Reuther, Heike: Berufliche Auszeit. So einfach ist der Ausstieg auf Zeit. So profitieren Sie vom Sabbatical.2002. Zdral, Wolfgang: Arbeit... Auszeit...Ausstieg: Individuelle Vermögensstrategien für mehr Lebensqualität.2002.
67 http://www.hr-online.de/website/rubriken/ratgeber/index.jsp?rubrik=3646&key =standard_document_ 1054284. Download am 21.7.2005 Vgl. auch: http://www.brigitte.de/job/a_z/sabbatjahr/, Download am 21.7.2005; http://www.radiobremen.de/online/service/gesundheit/wohlfuehlen/sabbatjahr/ 21.7.2005; http://stern.de/id/campus-karriere/karriere/504437.html. Download am 21.7.2005; http://www.faz.net /s/RubEC1ACFE1EE274C81BCD3621EF555C83C/Doc~E9BCE6298C7BC44D194097E825C953358~A Tpl~Ecommon~Scontent.html Download am 21.7.2005.
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können zwischen den Berichten zum Sabbatical gefunden werden. Allerdings handeln die meist von den Reiseerfahrungen der Berufsaussteiger. 68
Durch dieses Aufkommen an Literatur zum Thema „Sabbatical“ wird deutlich, dass viel Interesse an dem neuen Modell besteht, aber auch noch viel Aufklärungsbedarf herrscht. Die Ratgeber, Romane und Zeitungsartikel spielen mit dem Bedürfnis und der Sehnsucht der Leser nach Ausstieg, Erholung, Unangepasstheit, Urlaub oder Sinnfindung.
2.5 Zusammenfassung
Das Sabbatical ist Ausdruck eines Wandlungsprozesses hin zu flexiblen Arbeitszeitmodellen. Tendenzen im Arbeitsleben sind eine zunehmende Individualisierung, Flexibilisierung und Diskontinuität, was zu einem Rückgang des „Normalarbeitsverhältnis“ führt. Außerdem ist eine Entgrenzung von Beruf und Freizeit zu beobachten, was die Organisationsleistung und den damit empfundenen Stress des Arbeitnehmers erhöht, ihm aber auch die Möglichkeit bietet, seine Berufstätigkeit flexibel zu gestalten. So bekommt er beispielsweise durch das Sabbatical die Chance, mit dem Arbeitgeber eine befristete berufliche Auszeit zu vereinbaren.
Das Sabbatical als neues Arbeitszeitmodell bringt verschiedene Vorteile auf der Seite des Betriebs aber auch aus dem Blickwinkel des Arbeitnehmers. Für das Unternehmen bietet das Sabbatical die Möglichkeit, Personal und Kosten zu reduzieren oder umzustrukturieren, ohne Kündigungen aussprechen zu müssen. Außerdem präsentiert es sich nach außen mit einer modernen Unternehmenskultur und gewinnt damit an Attraktivität. Auch kann das Modell helfen, dem Arbeitnehmer andere Teilzeitangebote näher zu bringen. Der Arbeitnehmer bekommt durch das Sabbatical die Möglichkeit, für einen befristeten, aber relativ langen Zeitraum aus dem Beruf auszusteigen, und danach an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Die Ergebnisse der empirischen Untersuchungen von Siemers, Deller, Pietsch und Pfahl/Reuyß stellen verschiedene Aspekte des Sabbaticals aus Arbeitnehmer-Sicht heraus:
- Die Motivationen des Teilnehmers können positiv (z. B. Verwirklichung von verschiedenen Ideen) oder negativ (z. B. Flucht vor dem Berufsalltag) geprägt sein.
- Es existieren verschiedene Motive für ein Sabbatical: Zeit mit der Familie zu verbringen, eigene Projekte zu verwirklichen, das Bedürfnis nach Regeneration, eine private und berufliche Neuorientierung oder die berufliche Weiterbildung.
68 Vgl.: Bergen-Rösch, Andrea: Unter Segel in die Südsee. Ein Sabbatical mit der Familie. Oldenburg2002.; Haase, Susanne: Gibt es den perfekten Platz zum Leben? Eine weltweite Suche.Köln2003.
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- Schwierigkeiten können bei Antritt der Auszeit und nach der Rückkehr in den Betrieb entstehen, da die Teilnehmer dort kaum vom Arbeitgeber begleitet werden.
- Außerdem kann die Entwicklung verschiedener Durchsetzungsstrategien des Arbeitnehmers beobachtet werden.
- Der Sabbatical-Nehmer übt eine Vorbildfunktion aus.
- Während der Auszeit wird eine veränderte Einstellung zu Zeit und Geld beobachtet.
- Eine Wiederholung der Auszeit wird angestrebt.
- Auffälligkeiten in Bezug auf das Sabbatical sind außerdem der Zusammenhang zur persönlichen Biographie des Teilnehmers, die unterschiedliche Gestaltung und Verarbeitung durch Männer und Frauen, und die häufigere Nutzung des Sabbaticalangebots durch höher qualifizierte Kräfte.
Eine Möglichkeit, und zumindest die populärste 69 , wenn auch vielleicht nicht meist genutzte, das Sabbatical zu gestalten, ist das Reisen.
Die Sehnsucht nach Urlaub und Reisen scheint bei den Deutschen ungebrochen. Dabei wirken sich die gesellschaftlichen Entwicklungen zu mehr Flexibilität, Individualität und Mobilität auch auf das Reiseverhalten aus. Der Trend geht zu Erholung und Wellness, aber auch Risiko und Mobilität spielen bei der Gestaltung der Urlaubsreise eine Rolle. Die Reise bildet so entweder einen Kontrast zum Alltagsleben, oder spiegelt gerade die Entwicklungen der modernen Gesellschaft in gesteigerter Form ab. Sinnvoll erscheint hier auch die Unterscheidung von ‚Urlaub‘ und ‚Reise‘: Während der Urlaub eine kürzere Dauer hat und vor allem Erholung bieten soll, geht die Reise über einen längeren Zeitraum und zeichnet sich durch Abenteuerlust und Bewegung aus.
Das Sabbatical mit der Möglichkeit, für einen längeren Zeitraum aus dem Beruf auszusteigen und zu reisen, weckt verschiedene Sehnsüchte in den Menschen. Das Bedürfnis nach Selbstentfaltung, Erholung und Erlebnissen nutzen die zum Sabbatical geschriebenen Artikel, Romane und Ratgeber. Die Sehnsüchte, gepaart mit den Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem neuen Modell ‚Sabbatical‘, lassen das Interesse an weiterführenden Informationen steigen.
69 Das verdeutlicht die Ratgeber Literatur rund um das Sabbatical - immer wieder wird besonders das Reisen als Möglichkeit genannt, das Sabbatical zu nutzen.
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3 Rituale
3.1 Begriffsbestimmung
Am Anfang dieses Kapitels wird der Begriff „Ritual“ erläutert werden, um ihn anschließend eindeutig zu verwenden. Wichtig im Zusammenhang dieser Arbeit erscheint es, zunächst einen kurzen Überblick über die Geschichte der Ritualforschung zu geben, der zu einem besseren Verständnis der aktuellen Forschungsperspektive beitragen wird. Im zweiten Punkt werde ich mich mit der wissenschaftlichen Arbeit zu Ritualen in der deutschen Volkskunde beschäftigen. Hier ist eine uneindeutige Verwendung der Begriffe „Ritual“ und „Brauch“ zu beobachten, die ich diskutieren werde. Im dritten Punkt zur Begriffsbestimmung wird nach der Unterscheidung der Bezeichnungen „Ritual“ und „Übergangsritual“ gefragt werden, um auch hier eine eindeutige Begriffsverwendung im Rahmen dieser Arbeit sicherzustellen.
3.1.1 Geschichte der Ritualforschung
Während die Ritualforschung in ihren Anfängen das Ritual stets mit Religion und „primitiven“ Völkern in Verbindung brachte, wurde es im 19. Jahrhundert zunehmend als ein Phänomen gesehen, das in fast allen Bereichen kulturellen Lebens zu finden ist. Heute wird das Ritual als eigenständiges Phänomen betrachtet, auffällig ist jedoch die Vielfalt von Ansätzen und Perspektiven aus den verschiedenen Disziplinen. 70 Für das Verständnis von Ritualen in komplexen Gesellschaften erscheint es wichtig, einen kurzen Überblick über die Geschichte der Ritualforschung zu geben. Gerrit Herlyn beschreibt diese in seinem Buch „Ritual und Übergangsritual in komplexen Gesellschaften“ in drei Phasen. 71 Er bezieht sich dabei auf die Arbeit des niederländischen Religionswissenschaftlers Jan Platvoet, der feststellt: „The history of anthropological theory on ritual as expression of structure and society may be divided into an early, a modern, and a recent phase.“ 72
Die erste Phase (1870 - 1960) ist geprägt von einem religiösen Verständnis von Ritualen. Entstanden ist der Begriff des Rituals in der Ethnologie mit der Untersuchung von fremden Kulturen, die von der eigenen, modernen Gesellschaft unterschieden wurden.
70 Vgl. Belliger, Andréa/ Krieger David J.: Einführung. In: Dies.(Hrsg.): Ritualtheorien. Ein einführendes Handbuch. Wiesbaden2003. S. 7-34. Hier: S.7-8.
71 Herlyn, Gerrit: Ritual und Übergangsritual in komplexen Gesellschaften. Sinn- und Bedeutungszuschreibungen zu Begriff und Theorie. Hamburg2002.
72 Vgl. Platvoet, Jan: Ritual in plural and pluralist societies: instruments for analysis. In: Ders./v.d. Toorn, Karel (Hrsg.): Pluralism and Identity. Studies in Ritual Behaviour. Leiden/ New York/ Köln1995. S.25-51. Hier S. 45.
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Rituale wurden hier gesehen als Mittel, um das Individuum unter die Kontrolle des Kollektivs zu stellen. Als berühmte Vertreter dieser ersten Phase werden Emile Durkheim und Max Gluckman genannt. Durkheim sah demnach in Ritualen vor allem den Ausdruck der Gemeinschaft und ihrer Wertvorstellungen. Gluckman stellte fest, dass der Unterschied zwischen nicht - komplexen und modernen Gesellschaften in einer Abnahme der Bedeutung von Ritualen liege, der Prozess der Säkularisierung gehe mit einem proportionalen Verlust ritueller Handlungen einher. 73 In seinem Aufsatz über die „Rites de passage“ stellt Gluckman unter anderem die Frage: „...why is that in tribal society there is on the whole greater ritualization of transitions in social status, and greater ritualization indeed of social relationships in general, than there is in modern society?“ 74 Die zweite Phase, beginnend mit den 60er Jahren, ist gekennzeichnet von dem „Verständnis des Rituals als etwas allgemein Menschliches, genauer als etwas, das in fast allen Bereichen des kulturellen Lebens zu finden ist“. 75 Diese Wende lässt sich vor allem durch das wachsende Interesse anderer Disziplinen (hauptsächlich der Psychologie und Soziologie) am Ritual erklären. Merkmal der Ritualforschung in der zweiten Phase ist außerdem der Vergleich des Rituals mit anderen performativen Kategorien. Das Ritual wurde als Botschaft angesehen, die es zu entschlüsseln galt. Wichtigste Aufgabe der Wissenschaft war also die Interpretation von rituellen Handlungen. Herlyn nennt hier als bedeutende Vertreter Victor Turner und Mary Douglas, „die zwar Ritualismus und Antiritualismus unterschied, dies aber keineswegs an der Teilung komplexer und nicht komplexer Gesellschaften festmachte.“ 76
Die dritte ab 1980 einsetzende und bis heute andauernde Phase ist nach Herlyn und Platvoet vor allem durch eine Auffassung von Ritualen als „Strategien der symbolischen Konstruktion von Machtverhältnissen zu begreifen.“ 77 David J. Krieger und Andréa Belliger beschreiben in der Einführung ihres Handbuches „Ritualtheorien“ die aktuelle Ritualforschung als eine Hinwendung zur Betrachtung des Rituals als eigenständiges Phänomen, das interdisziplinär erforscht wird und eine „eigene theoretische Klärung und methodologische Zugänge“ verlangt. 78
73 Vgl. Herlyn, Gerrit, (wie Anm. 71), S. 33-35.
74 S. Gluckman, Max: Les rites de passage. In: Ders. (Hrsg.): Essays on the rituals of social relation. Manchester1962. S. 1-52. Hier S.2.
75 Vgl. Belliger, Andréa/ Krieger David J., (wie Anm. 70), S.7.
76 S. Herlyn, Gerrit, (wie Anm. 71), S.35-37.
77 Ebd. S.37.
78 Vgl. Belliger, Andréa/ Krieger David J., (wie Anm.70), S. 7-8.
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3.1.2 Brauch und Ritual in der Volkskunde
In der deutschsprachigen Volkskunde hat der Begriff „Ritual“ gewissermaßen den des „Brauchs“ abgelöst. Während beim Brauch jedoch immer das Traditionelle ein wichtiger Indikator ist, werden mit „Ritual“ oft auch neuere Phänomene beschrieben. Herlyn stellt fest, dass mit dem Begriff „Brauch“ vor allem eine ältere Forschungsrichtung zusammenhängt, Erklärungen für aktuelle Phänomene seien mit dem „vom konkreten Phänomen ausgehenden Brauchverständnis nur schwer möglich.“ 79 Auch Christine Burckhardt-Seebass weist auf eine nicht mehr aktuelle Definition vom Brauchtum hin, die die jüngere Generation dazu veranlasse, den Begriff „Ritual“ vorzuziehen. Einher gehe damit vor allem eine Abwendung vom religiösen Bezug der rituellen Handlungen, wobei der ethnologische Wortgebrauch, der gerade die religiöse Komponente betone, übersehen worden sei. Den Zusammenhang zwischen dem alten und neuen Verständnis von Ritual und Brauch sieht Burckhardt-Seebass in der sozialen Beziehung zur Gruppe, auch wenn die modernen Rituale von größerer Gestaltungsfreiheit und aktiver Entscheidung des Individuums gekennzeichnet seien. 80
Andreas C. Bimmer kritisiert in seinem Aufsatz zur Brauchforschung das unzureichende Verständnis vom Brauchtum und fordert eine Neufassung der Definition: „Das Dilemma ist ‚hausgemacht‘ und bedarf einer Lösung. Es kann wissenschaftlich nicht ausreichen, etwa nur noch kokett - verschämt von B. zu reden, denn Bräuche sind weiterhin real, sind subjektiver Teil des sozialen Lebens von Gruppen und von daher Gegenstand der hier zuständigen Disziplin.“ 81
Schwierig erscheint bereits die Unterscheidung zwischen den Begriffen „Brauch“ und „Sitte“. Utz Jeggle, der in seinem Aufsatz über Brauch und Sitte in der Schweiz beim Brauchbegriff bleibt, beschreibt „Brauch“ als ein öffentliches Ereignis, während „Sitte“ viel eher als eine alltägliche Gewohnheit gilt. 82
Eine Definition von Brauch findet sich bei Bausinger: „Brauch ist ein sozial bestimmtes, bei bestimmten Anlässen regelmäßig geübtes, verbindliches Handeln, das die materielle Seite der Befriedigung von Bedürfnissen übersteigt und durch Tradition geprägt ist.“ 83 Er betont jedoch auch, dass Bräuche
79 Herlyn, Gerrit, (wie Anm. 71), S. 18-19.
80 Burckhardt-Seebass: Zwischen McDonald’s und weißem Brautkleid. Braut und Ritual in einer offenen, säkularisierten Gesellschaft. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 92 (1989). S. 97-110.
81 Bimmer, Andreas C.: Brauchforschung. In: Brednich, Rolf W. (Hrsg.): Grundriß der Volkskunde. Einführung in die Forschungsfelder der Europäischen Ethnologie.Berlin1994. S. 390-391.
82 Jeggle, Utz: Sitte und Brauch in der Schweiz. In: Hugger, Paul (Hrsg.): Handbuch der schweizerischen Volkskultur. Bd.2. Zürich1992. S. 604. Bimmer weist darauf hin, dass die Begriffe Brauch und Sitte jahrelang synonym verwendet wurden, erst nach dem zweiten Weltkrieg fand eine Unterscheidung Eingang in die volkskundliche Wissenschaft. Vgl. Bimmer, Andreas C., (wie Anm. 12), S. 376-377.
83 Bausinger, Hermann: Brauchtradition - Erhaltung, Veränderung, Mitgestaltung. In: Beiträge zur Volkskunde in Baden Württemberg 1 (1985). S.9.
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durch Mode neu geschaffen werden können, wenn das entsprechende Bedürfnis da sei, und plädiert für die Erhaltung und Erneuerung von Bräuchen. 84 Herlyn sieht die grundsätzlichen Tendenzen zur Unterscheidung von „Brauch“ und „Ritual“ in vier (Kritik-) punkten. Als erstes wird hier der historisierende Zugang genannt, der in der Brauchforschung sehr ausgeprägt ist. Gemeint ist hier die Frage nach dem Alter und der Entstehung von Bräuchen. Zum zweiten nennt Herlyn den regionalen Bezugsrahmen der Brauchforschung, untersucht werden hauptsächlich Phänomene in Gemeinden oder Dörfern. Als dritter Punkt wird der Hang der Brauchforschung zur exemplarischen Analyse genannt, der zu Lasten einer eindeutigen Theoriebildung gehe. Vierter und letzter Kritikpunkt ist die Tendenz zu einer klaren Vorstellung über den Brauch, die selten hinterfragt wurde. 85
Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werde ich den Begriff „Ritual“ verwenden, da diese Untersuchung sich auf ein modernes Phänomen bezieht, das mit der Ritualdefinition besser gefasst werden kann.
3.1.3 Ritual und Übergangsritual
In unserer Gesellschaft hat sich der Begriff des Rituals etabliert und wird in unterschiedlichen Kontexten angewandt, häufig ist dabei im allgemeinen Sprachgebrauch eine sich wiederholende Handlung gemeint. So wird sogar das allmorgendliche Zähneputzen als „Miniritual“ angesehen, weil es über das Praktische hinaus „Zeichencharakter“ besitzt. 86 Auch Silvia Bovenschen und Jörg Bong stellen im Vorwort ihres Buchs „Rituale des Alltags“ fest: „In Augenschein genommen werden vielmehr die Rituale der Einzelnen, der Besonderen, die ihres alltäglichen, ‚Gewöhnlichen‘, ‚Privaten‘ Seins- des Alltags; das soll der Begriff des Alltags markieren, mehr will er hier nicht sagen.“ 87 Diese Sichtweise von Ritualen steht den Theorien vom Festlichen Anlass für Rituale und denen der stilisierten und besonderen Handlungen entgegen. Was für Typen von Ritualen gibt es und kann man sie alle als Ausdruck eines Übergangs von einem Ort zum anderen, von einem Zustand in den nächsten betrachten? Der kanadische Religions- und Kulturwissenschaftler Ronald Grimes kritisiert: „Es gibt verschiedene Arten von Ritualen und bisher hat noch niemand eine allgemein
84 Vgl. Ebd. S. 9-21.
85 Vgl. Herlyn, Gerrit, (wie Anm. 71), S.18.
86 Denn es erscheint unsinnig sich vor dem Frühstück die Zähne zu putzen und die Handlung büßt damit an praktischem Bezug ein. Vgl. Köck, Christoph: Was Passiert eigentlich? Einige Beobachtungen zur Funktion von Übergängen. In: Kuckuck. Notizen zur Alltagskultur und Volkskunde 1 (2000). S. 29-32. Hier S. 31.
87 Bovenschen, Silvia/ Bong, Jörg: Von „Absoluter Zerstreutheit“. Ein Vorwort. In: Bovenschen, Silvia/ Bong, Jörg (Hrsg.): Rituale des Alltags. Frankfurt/ Main2002. S.7-11.
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MA Christiane Abeltshauser, 2005, Das Sabbatical - ein modernes Übergangsritual?, München, GRIN Verlag GmbH
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