INHALTSVERZEICHNIS
ABK ÜRZUNGSVERZEICHNIS. 8
I. KAPITEL EINFÜHRUNG
1. Einleitung. 11
1.1 Fragestellung. 11
1.2 Quellenlage. 17
2. Voraussetzungen. 22
2.1 Katholische Hochschulen am Ende des 18. Jahrhunderts. 22
2.2 Professoren. 26
2.3 Aufgeklärte Sozietäten: Freimaurer - Illuminaten - Lesegesellschaften. 28
2.4 Studenten. 32
2.4.1 Studenten- und Mentalitätsgeschichte. 33
2.4.2 Literarische Einflüsse und Vorbilder. 35
2.4.3 Exkurs: Einfluß des utopischen Staatsromans „Dya-Na-Sore 37
2.4.4 Verbindungen: Orden und Landsmannschaften. 40
2.5 Politische Emigration nach Straßburg. 45
2.6 Exkurs: Eulogius (Johann Georg) Schneider. 48
II. KAPITEL UNIVERSITÄT MAINZ 1789-92/93
1. Das Kurfürstentum unter Friedrich Karl von Erthal. 54
2. Reform der Universität. 57
2.1 Vorbereitung und Verwirklichung der Reform. 57
2.2 Grenzen der Reform. 61
3. Resonanz der Französischen Revolution in Mainz. 66
3.1 Emigrantenfreundliche Politik des Kurfürsten. 66
3.2 Mainzer Schmähschriften und französische Propaganda. 67
3.3 Zensur und Dissimulationspolitik der Regierung. 70
2
4. Organisationsformen und Zirkel der Mainzer Aufklärer. 74
4.1 Freimaurer. 74
4.2 Illuminaten und sogenannter „Propagandaklub 75
4.3 Der oppositionelle Mainzer Zirkel. 81
4.4 Der Plan einer „Akademie 84
4.5 Lesegesellschaften. 85
4.5.1 Die „Gelehrte Lesegesellschaft 85
4.5.2 Der „Korrespondierende literarische Zirkel 91
4.6 Zusammenfassung. 94
5. Politisierung und politische Partizipation Mainzer Professoren. 96
5.1 Felix Anton Blau. 98
5.2 Anton Joseph Dorsch. 102
5.3 Andreas Joseph Hofmann. 108
5.4 Georg Forster. 112
5.5 Georg Christian Gottlieb Wedekind. 119
5.6 Jakob Fidelis Ackermann. 124
5.7 Mathias Metternich. 126
5.8 Johann Georg Nimis. 128
5.9 Karl Joseph Westhofen. 129
5.10 Zusammenfassung. 131
6. Studenten am Vorabend der Mainzer Republik. 134
6.1 Orden und Landsmannschaften. 135
6.2 Traditionelle Studentenunruhen. 136
6.3 Politisierung der Studenten. 141
6.3.1 Anti-Aristokratismus und prorevolutionärer „Esprit de Corps 142
6.3.2 Studentische Aktivitäten gegen französische Emigranten. 146
6.4 Politisierung eines einzelnen:
Aus den Tagebuchaufzeichnungen Josef Schlemmers. 149
6.5 Politisierung nach innen: Studentische Zirkel. 151
6.5 1 Der Zirkel um Weitzel. 151
6.5.2 Studentenkreise um Lehne und Emerich. 155
6.5.3 Der Zumbachsche Lesezirkel. 159
6.6 Politisierung am Beispiel der Stammbucheinträge Mainzer Studenten. 160
6.6.1 Einträge vor der Französischen Revolution. 161
6.6.2 Einträge zur Zeit der Französischen Revolution. 163
6.6.3 Einträge während der Mainzer Republik. 171
6.6.4 Zusammenfassung. 173
3
7. Die Studenten unmittelbar vor Ankunft der Franzosen. 175
7.1 Die akademische Legion. 175
7.2 Spionagetätigkeiten der Revolutionsanhänger. 176
7.3 Sympathiekundgebungen. 177
8. Die Studenten während der Mainzer Republik. 180
8.1 Studenten in der „Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit 181
8.2 Literatur und Publizistik als politisches Mittel. 185
8.3 Politisierung der theologischen Fakultät und des Priesterseminars. 187
9. Ehemalige Professoren und Studenten nach der Rückeroberung von Mainz. 189
10. Ergebnisse: Politisierung an der Universität Mainz. 193
III. KAPITEL UNIVERSITÄT HEIDELBERG 1789-1803
1. Die Pfalz zur Zeit der Französischen Revolution. 197
1.1 Politische, soziale und gesellschaftliche Verhältnisse. 197
1.2 Resonanz der Revolution. 198
1.3 Aufgeklärte und politische Sozietäten in Heidelberg und Mannheim. 202
1.3.1 Zensur, Lesegesellschaften und Leihbibliotheken. 202
1.3.2 Illuminaten und ihre Verfolgung. 207
1.3.3 Politische Gruppenbildungen und politisches Engagement. 209
2. Die Universität am Ende des 18. Jahrhunderts. 212
2.1 Bedeutung und Ruf der Universität. 213
2.2 Studienverhältnisse für Studenten und Professoren. 216
3. Politisierung Heidelberger Professoren. 220
3.1 Karl Ignaz Wedekinds politische Publikationen. 220
3.1.1 Die Schrift „Einladung zu meiner Vorlesung über das Natur- und
allgemeine Recht 221
3.1.2 Die Schrift „Von dem besonderen Interesse des Natur- und
allgemeinen Staatsrechts durch die Vorfälle der neueren Zeiten 226
3.1.3 Das „Kirschbaumsche Votum 228
3.1.4 Die Schrift „Kurze systematische Darstellung des allgemeinen
Staatsrechts “ 232
3.1.5 Die Schrift „Auch eine falsche Quelle der Revolutionen 235
3.1.6 Zusammenfassung. 239
3.2 Georg Friedrich Zentner. 241
4
3.3 Jakob Koller. 246
3.3.1 Auseinandersetzung mit der Orthodoxie in Heidelberg. 246
3.3.2 Koller im Elsaß. 253
3.4 Johann Jakob Kaemmerer. 255
3.5 Franz Anton Zimmermann. 261
3.6 Thaddaeus (Johann Anton) Dereser. 264
3.6.1 Über Bonn nach Straßburg. 264
3.6.2 Dereser in Heidelberg. 268
3.7 Das politisierte Umfeld der reformiert-theologischen Fakultät. 274
3.8 Zusammenfassung. 278
4. Heidelberger Studenten im Zeitalter der Französischen Revolution. 281
4.1 Territoriale und soziale Herkunft der Studenten. 281
4.2 Religionsindifferentismus der Studenten. 282
4.3 Politisierung des einzelnen: Johann Friedrich Butenschoen. 285
5. Politisierung am Beispiel der Stammbucheinträge Heidelberger Studenten. 293
6. Politisierung nach innen: Die Studentenverbindungen. 298
6.1 Fridricianerorden und Constantistenorden. 299
6.2 Rhenanen und Sueven. 308
6.3 Zusammenfassung. 312
7. Politisierung nach außen: Öffentliche Parteinahme und politische Symbolik. 314
8. Ergebnisse: Politisierung an der Universität Heidelberg. 319
IV. KAPITEL UNIVERSITÄT WÜRZBURG 1789-1803
1. Das Hochstift Würzburg zur Zeit der Französischen Revolution. 324
1.1 Sozietätsbestrebungen in Würzburg 326
1.2 Zensur vor und nach Ausbruch der Revolution. 332
1.3 Fastenhirtenbriefe als religiöse Propaganda gegen die Revolution. 335
1.4 Resonanz auf die Revolution. 337
2. Aufklärer an der philosophischen und theologischen Fakultät. 344
2.1 Matern Reuß: Aufklärer und Kantianer. 346
5
2.2 Franz Berg: Verteidiger der Aufklärung und Gegner der Revolution. 350
2.2.1 Bergs „Predigten über die Pflichten der höheren und
aufgekl ärten Stände“ 352
2.2.2 Bergs Trauerpredigt. 355
2.2.3 Bergs „Aufruf an das fränkische Volk“ 361
2.2.4 Bergs Kampf gegen die Säkularisation. 362
2.3 Zusammenfassung. 364
3. Studenten in Würzburg am Ende des 18. Jahrhunderts. 367
3.1 Allgemeine Voraussetzungen. 367
3.2 Religionsindifferentismus. 370
3.3 Restauration und Zensur nach Ausbruch der Revolution 373
4. Politisierung Würzburger Studenten. 379
4.1. Johann Benjamin Erhard: Vom Kantianer zum Republikaner. 379
4.2. Georg Klarmann: Vom Theologiestudenten zum Konstitutionspriester. 385
4.2.1 Das „Katechismusbüchlein“ 385
4.2.2 Klarmann als Konstitutionspriester. 391
4.3 Karl Moritz Fabricius: Konspirative Tätigkeit im Schutz der Universität. 394
4.4 Würzburger Verhältnisse aus der Sicht des Revolutionssympathisanten
Johannes Joseph O Keeffe. 397
4.5 Zusammenfassung. 400
5. Politisierung am Beispiel der Stammbucheinträge Würzburger Studenten. 402
6. Gruppenbildung und Politisierung. 409
6.1 Politisierung nach innen: Die Studentenverbindungen. 409
6.1.1 Constantisten- und Amicistenorden. 409
6.1.2 Die Germania. 417
6.2. Politisierung nach außen: Demonstration und Agitation politischer Gruppen 421
6.2.1 Revolutionskleidung als Form politischer Demonstration 421
6.2.2 Agitation der „Freunde der Freiheit und Gleichheit 430
6.3 Zusammenfassung. 437
7. Der „Menschheitsbund : Politisierung und Versuch politischer Partizipation. 440
7.1 Vorgeschichte des „Menschheitsbundes 441
7.2 Politische Verfolgung des Studenten Joseph Brentano. 442
7.3 Entstehung des „Menschheitsbundes“ 446
7.4 Verbindung nach Jena. 448
7.5 Verbindungen nach Gießen und Marburg. 454
7.6 Verbindung nach Tübingen. 457
7.7. Politisierung des „Menschheitsbundes 459
6
7.7.1 Politische Orientierung des „Menschheitsbundes 459
7.7.2 Einfluß der Wetzlarer „Freunde der Wahrheit 467
7.8 Das Ende der Verschwörung. 481
7.8.1 Verhaftung und Verhör Traupels in Aschaffenburg. 483
7.8.2 Verhaftung und Verhör Popps in Würzburg. 488
7.8.3 Nachspiel für Popp in Bayern. 494
7.9 Auswirkung für die Würzburger Verbindungen. 495
7.10 Zusammenfassung. 497
8. Ergebnisse: Politisierung an der Universität Würzburg. 500
ERGEBNISSE
Politisierung an den Universitäten Mainz, Heidelberg und Würzburg. 503
1. Politisierung der Professoren. 503
2. Politisierung der Studenten. 506
3. Politisches Klima an den Universitäten. 509
4. Schluß. 511
ANHANG
Zettelanschlag der „Freunde der Freiheit und Gleichheit (Würzburg 1793) 512
QUELLE -N UND LITERATURVERZEICHNIS. 514
1. Ungedruckte Quellen. 514
1.1 Verzeichnis ungedruckter Quellen. 514
1.2 Alphabetisches Stammbuchverzeichnis. 520
2. Gedruckte Quellen. 522
2.1 Zeitgenössische Periodika. 522
2.2 Zeitgenössische Literatur. 523
2.3 Spätere Quellensammlungen. 528
3. Literatur. 532
PERSONENREGISTER. 556
7
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
ADBS
AJS
BL
BNU
DA DKB
DLA FDH
GLA GNM
Germanisches Nationalmuseum
Hist. Jb.
Historisches Jahrbuch
HM
Historisches Museum
HStA
IHK Jb.
Jahrbuch
Jb.d.V.
LB LDL
LHB MKH Museum für Kunsthandwerk MZ
Mainzer Zeitschrift 8
NRB
OAL RM StA
Staatsarchiv
StB
Stb. StadtA
Stadtarchiv
StadtB
SUB SWK
UA UB
Ü:JS ULB ZGO
Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 9
I. KAPITEL
EINF ÜHRUNG
10
1. Einleitung
1.1 Fragestellung
Gegenstand der Untersuchung ist die Politisierung von Professoren und Studenten an den drei katholischen Hochschulen Mainz, Heidelberg und Würzburg zur Zeit der Französischen Revolution. Dabei ist von besonderem Interesse, inwieweit die politischen Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution Anklang fanden und das geistige Klima an den Universitäten beeinflußten. Die Untersuchung politischer Positionen und Aktivitäten von Einzelpersonen und Gruppierungen soll generalisierende Aussagen über die Situation an katholischen Universitäten ermöglichen. Wissenschaftliche Studien zu den politischen Verhältnissen an katholischen Universitäten während der Französischen Revolution gab es bislang nur vereinzelt, so daß man von einem Forschungsdefizit sprechen kann. 1
In der Arbeit wird die These verfolgt, daß sich nicht nur die Französische Revolution, sondern auch die spezifische Situation an den katholischen Universitäten und in den dazugehörenden Kleinstaaten auf die Politisierung von Professoren und Studenten auswirkte. Daher werden in der Untersuchung die jeweiligen hochschulpolitischen Verhältnisse, das städtische Umfeld, die Außen- und Innenpolitik des Landesherrn und die Entfernung zu Frankreich und dem Kriegsgeschehen berücksichtigt. Außerdem soll die Frage beantwortet werden, inwieweit die politischen Veränderungen in Frankreich während der Revolution und der frühen napoleonischen Ära Einfluß auf die politische Haltung der Studenten und Professoren hatten. Sofern die politische Entwicklung der Professoren und Studenten (kollektiv oder als Individuum) feststellbar ist, soll sie gegebenenfalls auch über einen längeren Zeitraum nachvollzogen werden.
Die Konzentration der Fragestellung auf die genannten drei katholischen Universitäten erschien aus mehreren Gründen notwendig. Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, mußte eine pragmatische und dennoch „repräsentative“ Auswahl innerhalb der katholischen Universitäten des Heiligen
1 Das Forschungsdefizit erstreckt sich vor allem auf Untersuchungen zur Gesamtsituation an den einzelnen katholischen Universitäten während der Revolutionszeit. Lediglich zwei ältere Arbeiten, ein Aufsatz von Braubach (1929) und (in Teilen) die Studie von Haaß (1952), geben einen Überblick über die politische Situation an den katholischen Universitäten im Reich. Es war wiederum Braubach, der in seiner Arbeit (1966, neben weiteren Einzelstudien) über die kurzlebige kurkölnische Universität Bonn (1786-1798) die politisch-aufklärerischen Strömungen an einer katholischen Universität ausführlicher thematisierte. Zur Situation an der Universität Mainz lieferte Mathy (s. im Literaturverzeichnis) mehrere Einzelstudien.
11
Römischen Reichs getroffen werden. Allein auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik existierten am Vorabend der Französischen Revolution 14 katholische Universitäten. 2 Außer acht gelassen wurden vorab die kleinen Universitäten, die mit zu geringer Studentenzahl und unvollständigem Fakultätsangebot schon von den Zeitgenossen kaum als vollwertige Universitäten betrachtet wurden. 3 Da das gesamte Revolutionsjahrzehnt untersucht werden sollte, war es nicht sinnvoll, sich etwa nur auf linksrheinische Universitäten zu beschränken, die durch Kriegswirren und ihre Auflösung nach dem Übergang des linksrheinischen Deutschlands an Frankreich das Ende des Jahrhunderts nicht erlebten und schon davor Schwierigkeiten hatten, den Betrieb aufrechtzuerhalten. 4
Die für eine Untersuchung in Betracht kommenden größeren katholischen Universitäten lassen sich in verschiedene „Typen“ einteilen, die für eine repräsentative Auswahl zu berücksichtigen sind. Zu den Kriterien der Typisierung zählt die an der Universität vorherrschende geistige Haltung (orthodox / aufgeklärt), das städtische Umfeld (Residenzstadt / Kleinstadt), die Entfernung zu Frankreich (und der politischen Propaganda) sowie zu den Kriegsereignissen seit 1792, die sich in den ersten Jahren vor allem auf das linksrheinische Deutschland beschränkten.
Bei der Auswahl der drei Universitäten Mainz, Heidelberg und Würzburg wurden diese Kriterien berücksichtigt: Die drei Universitäten sind im links- und rechtsrheinischen Deutschland angesiedelt. Die Universitäten Mainz und Würzburg galten als aufgeklärt; Heidelberg hingegen hatte den Ruf einer orthodoxen Universität. Die Mainzer Hochschule war zudem ein herausragendes Muster für die an katholischen Universitäten am Ende des 18. Jahrhunderts durchgeführten Reformen. Mainz und Würzburg waren Residenzstädte geistlicher Herrscher, das bedeutet, die Universitäten befanden sich in unmittelbarer Nähe des Landesherrn. Anders die Universität Heidelberg, welche die einzige größere Institution einer kleineren Stadt war, und nicht unter der unmittelbaren Aufsicht des im fernen München residierenden weltlichen Kurfürsten stand. Diese Universität unterschied sich auch deshalb von fast allen anderen katholischen Universitäten, da sie als einzige neben der kurmainzischen
2 Dazu zählten die Universitäten in Bamberg, Bonn, Dillingen, Erfurt, Freiburg, Fulda, Heidelberg, Ingolstadt, Köln, Mainz, Münster, Paderborn, Trier, Würzburg.
3 Z. B. wurde in Paderborn lediglich Theologie und Philosophie, nicht aber Jura und Medizin angeboten.
4 Die Universitäten Köln, Trier, Bonn und Mainz wurden 1798 aufgelöst.
12
Universität Erfurt 5 Lehrstühle der protestantischen Theologie hatte und auch von einer größeren Zahl protestantischer Studenten besucht wurde. 6
Der Zeitraum der Untersuchung erstreckt sich im wesentlichen über die Jahre 1789-1792/93-1803. Durch die politischen Ereignisse weist die Geschichte der drei Universitäten in diesem Zeitraum Zäsuren auf, die ihre Existenz und ihren Charakter als katholische Universität nachhaltig beeinflußten und sich neben dem Beginn der Französischen Revolution im Jahr 1789 als weitere Grenzdaten der Untersuchung anboten.
Für Mainz bildet die Zäsur bereits der Einzug französischer Revolutionstruppen im Oktober 1792 und die darauffolgende Mainzer Republik. Sie stellte für die Universität einen deutlichen Einschnitt dar, von dem sie sich nach der Rückeroberung der Stadt Mainz durch deutsche Truppen (Juli 1793) bis zu ihrer endgültigen Auflösung und Umwandlung in eine französische Zentralschule im Jahr 1798 nicht mehr erholte. 7 Für die Arbeit interessierte daher im wesentlichen die Politisierung der Professoren und Studenten in Mainz vor der Ankunft der Franzosen und ihre politische Partizipation während der Mainzer Republik (1789-1792/93).
Die Untersuchung an den beiden von der Größe vergleichbaren benachbarten katholischen Universitäten Heidelberg und Würzburg erstreckt sich hingegen über einen größeren Zeitraum (1789-1803). Anders als in Mainz wurde die Existenz der Universitäten Heidelberg und Würzburg als katholische Hochschulen erst nach der Jahrhundertwende nachhaltig beeinflußt: Die Universität Heidelberg reformierte man erst nach ihrem Übergang von Pfalzbayern an das Land Baden 1802/03 und wandelte sie in eine bezüglich der Konfessionen paritätische Universität um. Das gilt auch für die Universität in Würzburg, nachdem das Hochstift 1802/03 an Bayern gefallen war. 8
Die beiden zu untersuchenden Gruppen der Professoren und Studenten sind jeweils homogen und voneinander abgrenzbar. Ihnen gemeinsam ist das soziale
5 Zu Erfurt vgl. Haaß, 1952, S.54-58.
6 Auf die jeweilige Situation des außeruniversitären Umfelds in Mainz, Heidelberg und Würzburg wird eingangs der jeweiligen Kapitel dieser Arbeit (II, III, IV) ausführlicher eingegangen.
7 Nach der Rückeroberung der Stadt Mainz fristete die Universität ein Schattendasein. Viele Professoren und Studenten waren aufgrund ihres politischen Engagements geflohen oder in Gefangenschaft. Der Kurfürst hatte jedes Interesse an der Universität verloren und ließ es zu, daß seine Regierung ihr stetig materielle Beschränkung auferlegte. Vgl. Menzel, 1974, S.42f.
8 Der Reichsdeputationshauptschluß von 1803 regelte die neuen Besitzverhältnisse der Reichsfürsten und die Umwandlung der geistlichen Fürstentümer in weltliche. Verwirklicht wurden die territorialen Bestimmungen teilweise schon früher.
13
Umfeld an der Universität, der rechtliche Status 9 und die Zugehörigkeit zur Schicht der Intellektuellen, wobei die Studenten anders als die etablierten Professoren aufgrund ihres Alters und als Nichtetablierte innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung isoliert waren.
Über die etablierten Intellektuellen wie die bekannteren Schriftsteller und Publizisten und deren Haltung gibt es eine Vielzahl von Übersichtsarbeiten und Einzelstudien, in denen auch Professoren behandelt worden sind. 10 Dagegen setzen sich nur wenige Arbeiten mit den Verhältnissen an einer oder mehreren Universitäten während der Französischen Revolution auseinander, obwohl Professoren und Studenten am damaligen Prozeß der Meinungsbildung stark beteiligt waren. Lange Zeit konstatierte man in der Literatur nennenswertes politisches Engagement der Professoren und Studenten erst mit den Befreiungskriegen, der Gründung der Burschenschaften beziehungsweise der Restaurations- und Vormärz-epoche. 11 Meist wurde davon ausgegangen, daß sich Professoren und Studenten wie viele der bekannten „Dichter und Denker“ und die gelehrte öffentliche Meinung verhalten hätten, nämlich erst mit den anfänglichen konstitutionellen Idealen der Französischen Revolution zu sympathisieren und sich dann während der Radikalisierung, spätestens aber nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. im Januar 1793, von ihr abzuwenden. Besonders die Aufarbeitung der unter französischer Besatzung entstandenen Mainzer Republik 1792/93 und der Beteiligung von Professoren und Studenten an der Revolutionierung Rheinhessens und der Pfalz verdeutlicht aber deren starke Politisierung noch während der radikalen Phase. 12
9
Alle Universitätsangehörigen (die Studenten während der Dauer ihrer Immatrikulation) besaßen das akademische Bürgerrecht und denselben rechtlichen Status. Vergehen der Studenten wurden von einem eigenen, akademischen Gericht behandelt.
10 Einen Überblick über die politischen Lebensläufe bekannter früher Demokraten und Liberaler in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt der von Helmut Reinalter, Axel Kuhn und Alain Ruiz 1992 herausgegebene erste Band (für die Jahre 1770-1800) des „Biographischen Lexikons der demokratischen und liberalen Bewegungen in Mitteleuropa“.
11 So läßt etwa Real seine Reihe des „politischen Professorentums“ erst mit dem „späten“ Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher und deren Beiträgen zur Reform des akademischen Studiums beginnen. (Beide waren Mitstreiter Wilhelm von Humboldts. In der 1810 gegründeten Berliner Universität wurden die Bildungsreformen dann umgesetzt.) Vgl. Real, 1974, S.38-50. Auf Fichtes Jenaer Wirksamkeit (1794-99) und seine Haltung zur Französischen Revolution geht Real nur am Rande ein. Vgl. ebd., S.39f.
12 Die Geschichte der Mainzer Republik und des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents wurde besonders in den letzten 25 Jahren eindrucksvoll dokumentiert. Da in dieser Arbeit noch auf die Mainzer Republik eingegangen wird, nenne ich hier nur die Quellenpublikationen von Heinrich Scheel (Bd.1-2) und die grundlegende Darstellung von Franz Dumont (1982). Zu erwähnen sind im Zusammenhang mit der Fragestellung dieser Arbeit vor allem mehrere kleinere Beiträge von Franz Dumont und Helmut Mathy, in denen die politischen Biographien Mainzer Jakobiner - darunter auch einige Professorenaufgearbeitet wurden. Die zahlreichen Publikationen zur Mainzer Republik, welche allein in
14
Die Professoren und Studenten, die in dieser Studie berücksichtigt werden, lassen sich nicht immer eindeutig einer politischen Denkweise zuordnen. Das liegt an der Widersprüchlichkeit von Personen und ihren individuellen Haltungen, die nur annähernd idealtypischen politischen Kategorien entsprechen können. Eine prinzipielle Klassifikation der politischen Strömungen nach den heute üblichen Termini „Konservatismus“, „Liberalismus“ und
„Demokratismus“ wurde daher nicht vorgenommen. 13 Schon die Zeitgenossen unterschieden bei der Bezeichnung von Parteigängern vor allem die Haltung für und wider die Revolution und bezeichneten diese als „Aristokraten“ und „Demokraten“. Forschungsleitend war die Identifizierung der sich radikalisierenden Aufklärer und Revolutionsanhänger an den einzelnen Universitäten. In dieser Arbeit soll geprüft werden, inwiefern deren Positionen an den Universitäten auf die Signal- und Vorbildwirkung der Französischen Revolution und der durch die Aufklärung in Deutschland eingeführten kritischen Positionen zurückführbar sind. 14
Für das Verständnis der Arbeit ist es nötig, auf die zentralen Begriffe „Aufklärung“ und „Politisierung“ einzugehen.
Der Begriff „Aufklärung“ ist heute wie am Ende des 18. Jahrhunderts nicht durch eine Definition erschöpfend zu erklären. 15 Trotz aller Verständnisvielfalt war „Aufklärung“ frühzeitig Synonym für neue, „progressive“ geistige Strömungen. Ein „Aufklärer“ war dem Fortschritt verpflichtet und grenzte sich gegen Vertreter des Alten im theologischen wie im philosophischweltanschaulichen Bereich ab. Seit Mitte der 1780er Jahre wurde es üblich, von „Freunden und Feinden der Aufklärung“ zu sprechen, es begann eine „Polarisierung und Politisierung des Sprachgebrauchs“. 16 Mit Ausbruch der
den Jahren 1981-92 erschienen sind, hat Dumont in der zweiten Auflage seiner Arbeit zur Mainzer Republik (1993, S.527-539) bibliographiert.
13 Da vor allem bei den Professoren teilweise längere Zeiträume betrachtet wurden, wäre eine eindeutige Klassifikation ohnehin nicht haltbar gewesen, da sich die politische Haltung beispielsweise aufgrund der politischen Ereignisse wandelte oder mehrdeutig war. Ein Beispiel für das Problem der Klassifikationen sind etwa Kants politische Schriften, die sich verschiedenen „politischen Lagern“ zuordnen lassen. Vgl. Stammen/Eberle, 1988, S.16.
14 Vgl. die immer noch wichtige Studie von Valjavec (1978, erstmals 1951), der feststellte, daß die Spätaufklärung ideologischer Ursprungsort des erst im 19. Jahrhundert sich organisierenden Liberalismus, Demokratismus, Frühsozialismus und Konservatismus war. Nach Valjavec setzt die Entwicklung nicht 1789, sondern 1770 ein, da bereits zu diesem Zeitpunkt Einzelströmungen innerhalb der Aufklärung erkennbar seien. Zu diesem Ergebnis kommt auch Steinhilber in seiner Studie über studentische Mentalitäten, die auf der Auswertung studentischer Stammbucheinträge basiert. Vgl. Steinhilber, 1995, S.363-371.
15 Zum unterschiedlichen Verständnis der Aufklärung und den typischen Begriffsbildungen im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts vgl. LDL (Artikel v. Helmut Reinalter), S.24-27 u. Stuke, 1972, S.250-278.
16 Vgl. ebd. S.278-283.
15
Französischen Revolution wurde der Begriff „Aufklärung“ endgültig in die politische Sphäre übernommen, indem man ihr einen Anteil an der Französischen Revolution zuschrieb. Begriffsgeschichtlich wurde „Aufklärung“ trotzdem nicht zum eindeutigen Kampfbegriff, sondern blieb weiterhin mehrdeutig. Der Übergang von einem „Aufklärer“, der sich aufgrund seiner fortschrittlichen wissenschaftlichen Haltung so nannte, und einem, dem der Begriff zur Charakterisierung seiner politisch-weltanschaulichen Haltung diente, war fließend. Nach Ausbruch der Französischen Revolution nutzte die orthodoxe Seite dies, um alle „Aufklärer“ bei Regierungen und Fürsten politisch zu stigmatisieren. Obwohl die Revolutionsgegner unter den Aufklärern sich deutlich von dieser Politik distanzierten, um die Aufklärung als geistig „progressive“ und moderne Haltung an der Universität bewahren zu können, war schon unter den Zeitgenossen unumstritten, daß zwischen der aufgekommenen
bestand.
17 Maßnahmen mancher deutscher Fürsten einen Meinungsdifferenzierungsprozeß bei denjenigen Aufklärern, die bislang den Reformweg beschritten hatten. Einige entwickelten sich zu oppositionellen radikalen Demokraten, andere zogen sich von ursprünglichen Reformvorhaben zurück und paßten sich den Gegebenheiten an, und eine weitere Gruppe rechnete mit einem noch längeren Reform- und Lernprozeß auf dem Weg des Fortschritts und der Verbesserung gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse. 18 So sind für die Zeit nach 1789 die aufgeklärten Professoren zu unterscheiden in die „politisierten“ und aktiv parteiergreifenden Professoren, die eine oppositionelle Haltung zum Ancien régime einnahmen, den Reformern, die weiterhin gesellschaftliche Verbesserungen innerhalb des absolutistischen Systems statt revolutionärer Veränderungen anstrebten, und den „unpolitischen“ Aufklärern, die „Aufklärung“ lediglich als wissenschaftlichen Fortschritt betrachteten. Unter dem Begriff der „Politisierung“ werden in dieser Arbeit jegliche belegbaren politischen Positionen von Professoren und Studenten bezeichnet. Dabei soll nicht übergangen werden, daß es unterschiedliche Qualitäten im Grad der Politisierung gab. Prinzipiell war es unter den Verhältnissen des Absolutismus mit persönlichen Risiken verbunden, seine Sympathie mit der
17 Revolutionsanhänger unter den Professoren und Gelehrten empfanden in ihrem Sprachgebrauch „Aufklärung“ meist konventionell als „Wissen“, „Bildungsstand“ oder „Wissensverbreitung“, teilweise wurde sie aber auch politisch instrumentalisiert und etwa als „Volksaufklärung“ oder „Darstellung der bestehenden Verfassung“ ausgelegt. (Vgl. ebd., S.281 u. S.284.) Die Französische Revolution wurde von ihren Gegnern und Anhängern als Folge der Aufklärung gesehen. Gleich zu Beginn der Revolution stuften deutsche Zeitzeugen wie der Schriftsteller Joachim Heinrich Campe die Pariser Revolutionsereignisse als Politisierung der Kultur und Aufklärung ein. Vgl. ebd., S.264.
18 Vgl. Bödeker/Herrmann, 1987, S.8.
16
Revolution oder demokratischem Gedankengut etwa durch das Tragen einer Revolutionskokarde öffentlich zu bekennen. Weniger gefährlich war es hingegen, wenn ein Individuum seine politischen Bekenntnisse und Gedanken einem Tagebuch oder Brief anvertraute. Dennoch zeigte sich auch hierin eine Form der Politisierung. Unterschieden werden muß auch, ob eine ganze Gruppe oder nur einzelne ihrer Mitglieder politisiert waren, und ob diese Politisierung innerhalb der Gruppe blieb, oder durch politische Aktionen an die Öffentlichkeit getragen wurde und zum Konflikt mit der Staatsgewalt führte. Um begriffliche Verwirrungen zu vermeiden, werden in dieser Arbeit lediglich diejenigen politisierten Personen als „Jakobiner“ bezeichnet, die tatsächlich Mitglied eines deutschen oder eines französischen Jakobinerklubs waren. Damit sollen die im Klub organisierten Jakobiner, von denjenigen Individuen unterschieden werden, die sich auf andere Weise demokratischen oder profranzösischen Strömungen zuordnen lassen. 19
In den Bereich des Überbegriffs „Politisierung“ gehört auch die „politische Partizipation“, die eine politische Teilnahme umschreibt. Sie bezeichnet Handlungsweisen, wie etwa die Versuche deutscher Revolutionsanhänger, sich -aufgrund mangelnder Möglichkeiten politischer Einflußnahme in Deutschlandin Frankreich oder im französisch besetzten Deutschland aktiv politisch zu beteiligen. Dazu zählt etwa die politische Betätigung während der Mainzer Republik, die Mitgliedschaft in einem deutschen oder französischen Jakobinerklub oder die Agententätigkeit für die französische Republik in Deutschland. Solche politische Partizipation setzt eine zuvor erfolgte Politisierung und ein bereits vorhandenes politisches Bewußtsein voraus.
1.2 Quellenlage
In der Arbeit wurde versucht, alle für die Fragestellung relevanten gedruckten und ungedruckten Quellen 20 zu berücksichtigen.
19 Die zurückhaltende Verwendung des Begriffs „Jakobinismus“ erscheint vor allem deshalb sinnvoll, da die Berücksichtigung aller demokratischen Strömungen gewährleistet werden soll, unabhängig davon, ob es sich explizit um jakobinische Positionen handelte. Zur „Akzeptanzbarriere“ des Themas „deutscher Jakobinismus“ durch die Politisierung seitens der Jakobinerforschung vgl. neuerdings den Kommentar von Neugebauer-Wölk, 1997, S.255. Zur Jakobinismusforschung in Deutschland vgl. die beiden Bände von Wilharm (1984, Bd.1-2) und neuerdings auch Riethmüller, 1998, bes. S.77-117.
20 Zur sprachlichen Wiedergabe der Quellen in dieser Arbeit sei bemerkt, daß Orthographie und Interpunktion der deutschsprachigen Texte aus dem 18. und 19. Jahrhundert der heute gebräuchlichen Schreibweise angeglichen sind, um die bestmögliche Lesbarkeit zu gewährleisten. Längere fremdsprachliche (vor allem französische) Texte sind in deutscher Übersetzung wiedergegeben. Das Originalzitat befindet sich im Text oder in der Anmerkung zur Übersetzung und ist nicht an die heutige Schreibweise der jeweiligen Sprache angeglichen. Unterstreichungen im Original sind hier fettgedruckt wiedergegeben. Eckige
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Unter den gedruckten Quellen waren vor allem die Zeitungen und Reiseberichte für die Arbeit ergiebig. Bei den Zeitungen handelte es sich in erster Linie um deutsche und französische gelehrte und politische Zeitschriften, die direkt oder indirekt über Vorkommnisse an der Universität oder in der Universitätsstadt berichteten. 21 In zeitgenössischen Reiseberichten schrieben Autoren ausführlich und meist auch kommentierend über die Verhältnisse an den Universitäten. Weitere für die Arbeit relevante gedruckte Quellen waren Publikationen der Professoren und - vereinzelt - auch der Studenten, die aufgrund ihres aufgeklärten oder politischen Inhalts Aufschlüsse über die Haltung des Autors geben konnten.
Für die Arbeit war eine intensive Sichtung der ungedruckten Quellen, der Handschriftenbestände in Universitäts-, Staats-, oder Stadtarchiven und in weiteren Institutionen, wie Museen, Staats- und Universitätsbibliotheken, notwendig. Dies waren Akten der Universität und der Obrigkeit, des Landesherrn, beziehungsweise seiner weltlichen oder geistlichen Regierung oder anderer für die Universität zuständiger Behörden. Die Quellen dieser Institutionen gaben vor allem dann Aufschluß über den Sachverhalt, wenn er „öffentlich“ geworden war, und sich Universität oder Regierung genötigt sahen, Maßnahmen zu ergreifen.
Neben diesen „offiziellen“ Quellen sind aber auch Erkenntnisse aus Quellen privater Natur, wie etwa aus Nachlässen oder Briefsammlungen von Professoren und ehemaligen Studenten, gewonnen worden. Besonders private
Aufzeichnungen, Gedichte oder Briefe gaben häufig Aufschlüsse über Ansichten von Individuen und Sachverhalte, die in den anderen Quellen nicht auftauchen, da sie nicht öffentlich wurden.
Als besonders ergiebig hat sich für die Arbeit die Auswertung von studentischen Stammbüchern - einer bis heute immer noch vernachlässigten Quelleerwiesen. 22 Um den Gehalt der Stammbücher als Quelle zu verdeutlichen und
Klammern innerhalb eines Zitats markieren immer Ergänzungen oder Erläuterungen durch den Verfasser.
21 Diejenigen Zeitschriften, die nur vereinzelt herangezogen wurden, sind im Verzeichnis gedruckter Quellen in der jeweiligen Einzelausgabe nachgewiesen. Bei häufiger zitierten bzw. intensiver gesichteten Zeitungen wurden an dieser Stelle nur die Jahrgänge angegeben.
22 Eine erste größere Darstellung zur Geschichte der Stammbücher und der Entwicklung der Einträge ist die Arbeit der Brüder Keil (1893). Schünemann (1965) verzeichnet in seiner Bibliographie eine Vielzahl von (meist genealogischer) Sekundärliteratur über Stammbücher und deren Einträge. Stammbücher als kulturhistorische Quelle behandelt der von Fechner (1981) herausgegebene Sammelband. Die Stuttgarter Dissertation von Steinhilber (1995) untersucht studentische Mentalitäten im 18. Jahrhundert. Zugrunde lagen der Studie 3529 Einträge in studentische Stammbücher im Zeitraum von 1740-1800, deren Auswertungen eine starke Veränderung der Wertvorstellungen und Leitideen ergab. Steinhilber hat ausschließlich
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um Interpretationen der Einträge nachvollziehbar zu machen, seien diese im folgenden kurz charakterisiert.
Am Ende des 18. Jahrhunderts war es vor allem unter Studenten eine verbreitete Sitte, sich zur Erinnerung etwas ins Stammbuch zu schreiben. Das Stammbuch hatte meist ein handliches Oktavformat und bestand entweder aus gebundenen Blättern oder (seltener) aus einer Sammlung loser Blätter, die in einem Schuber aufbewahrt wurden. Im letzteren Fall wurde ein einzelnes Blatt für den Eintrag übergeben, nicht ein ganzes Stammbuch, so daß der Eintragende von anderen Einträgen keine Notiz nehmen konnte. Einträge in gebundene Stammbücher waren dagegen keine ausschließlich private Widmung des Eintragenden an den Stammbuchbesitzer, sondern wurden auch von den später Schreibenden gelesen, die meist zum gemeinsamen Freundeskreis zählten. Teilweise trugen sich die Studenten neben dem Spruch eines engeren Freundes ein und schrieben über dessen Eintrag einen Gruß.
Da der Eintrag in ein (gebundenes) Stammbuch immer halb den Charakter einer privaten Mitteilung, halb den einer öffentlichen Meinung hatte, kann man von einer „Zwitterstellung“ 23 dieser Quelle sprechen. Die Tatsache, daß die Einträge von einem größeren Personenkreis gelesen wurden, war für die Studenten kein Hinderungsgrund, sich zu ihren politischen Ansichten zu bekennen. Dennoch war es für sie ein gewisses Wagnis, wenn sie auf diese Weise politisch Stellung nahmen, da das Stammbuch auch in falsche Hände gelangen konnte. Es gab Stammbuchbesitzer, die sich von den politischen Einträgen ihrer Kommilitonen distanzierten und sie aus dem Stammbuch entfernten. 24 Politische Einträge konnten dem Verfasser und eventuell auch noch dem Stammbuchbesitzer erhebliche Schwierigkeiten bereiten, wenn sie in die Hände der Obrigkeit gerieten. 25
Einträge protestantischer Universitäten untersucht, weshalb seine Ergebnisse über die Revolutionszeit durch die in meiner Arbeit vorgenommene Auswertung von Einträgen katholischer Universitäten ergänzt werden. Besonders Kuhn konnte in neuerer Zeit in mehreren Studien zur Politisierung der Studenten während der Französischen Revolution aufgrund von Stammbuchauswertungen zu neuen Ergebnissen gelangen. Vgl. z. B. Kuhn (1992 u. 1997).
23 Kuhn, 1992, S.10.
24 So entfernte zum Beispiel der Mainzer Student Zulehner Einträge aus seinem Stammbuch, die seine Studienzeit in den frühen 1790er Jahren dokumentierten. Da in diesem Fall eine große Anzahl Blätter fehlt, ist es wahrscheinlich, daß es sich um mehrere revolutionäre Einträge handelte, die Zulehner im nachhinein offenbar als zu gefährlich erschienen. Stb. Zulehner (StadtB Mainz).
25 Der Fall des Gießener Privatdozenten Johann Ludwig Justus Greineisen ist ein Beleg für beides. Gegen ihn wurde im Prozeß 1794/95 sowohl sein eigener Eintrag in ein Stammbuch als auch Einträge von Studenten in seinem Stammbuch als Belastungsmaterial herangezogen. Dadurch konnten die Richter dessen revolutionäre Haltung und erfolgreiche politische Einflußnahme auf die Studenten belegen. Zu den Einträgen vgl. „Annalen der leidenden Menschheit“, Heft 5, 1798, S.104; S.108; S.120.
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In manchen Fällen ergänzte der Stammbuchbesitzer den Eintrag des Freundes mit Angaben zu dessen weiterem Lebensweg, wodurch teilweise wichtige biographische Hinweise - manchmal sogar die einzigen - über den Eintragenden festgehalten sind.
Die Stammbucheinträge sind meist nach dem gleichen Prinzip aufgebaut: Sie bestehen aus einem Text, der entweder von einem Schriftsteller, Dichter oder Philosophen zitiert wurde oder von dem Eintragenden selbst stammte. 26 Dem Text folgt fast immer ein Motto, damals meist „Symbol(um)“ genannt, das sich teilweise auf den Text bezieht und häufig aus einer kurzen Phrase, einem Satz, oder aus der Verbindung zweier Begriffe (zum Beispiel „Schwarzbrot und Freiheit“) bestand. Der Eintragende unterschrieb Text und Motto mit dem Eintragungsort, dem Datum, einem Gruß, seinem Namen, Studiengang und Heimatort. Als Beispiel sei der folgende politische Eintrag eines Kölner Studenten in der Reihenfolge der genannten Elemente angeführt:
„Es lebe die Sklaverei
und sterbe das Gefühl von wahrer Freiheit und edlem deutschen Patriotismus nie in unsrer aller Brust.
Symbol: In Tyr-nos [Tyrannos].
Ulrich von Hutten 27
Köln am 20. Juli 1794. Dies zum Andenken von Joh. Koenigsfeld d[er] Th[eologie] cand[idatus] von Xnach [(Bad) Kreuznach].“ 28
Manchmal befindet sich bei dem Eintrag auch eine Buchstabenkombination, die auf die Zugehörigkeit des Eintragenden zu einem Studentenorden (wie etwa „VC“ für „Vivat Constantia“) oder einer Landsmannschaft hinweist. Als
26 Die Studenten konnten auf gedruckte Devisen- und Sprüchesammlungen zurückgreifen. Allerdings waren darin nur selten politische Sprüche zu finden. So gibt es z. B. in einer Devisensammlung von 1794 (Devisen, 1794) keine politischen Bezüge. Anders hingegen eine Sammlung von 1807, in der u. a. stand: „Es lebe, wer Recht liebt und tut, und dann den deutschen Freiheitshut recht tief ins Auge drückt!“ (Vgl. Devisen, 1807, S.63.) Der „Freiheitshut“ (auch „Freiheitskappe“, -„mütze“) war besonders in den 1790er Jahren im Sprachgebrauch ein Synonym für die revolutionäre Jakobinermütze. Vgl. dazu auch Kuhn, 1992, S.42f und hier Kapitel IV.6.2.1.
27 Ulrich von Hutten bot sich als Gewährsmann für das Symbolum wegen seiner Fürstenfeindlichkeit besonders an. Der politische Eintrag des Studenten erfolgte wenige Monate vor dem Einzug der Franzosen in Köln (6.10.1794).
28 Stb. Jungk (BNU Strasbourg), S.51.
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Schmuck weisen manche Einträge noch einen Schattenriß oder eine eigenhändige Zeichnung auf.
Die Stammbucheinträge ergeben in vielen Fällen wichtige Hinweise auf die politische Haltung der Studenten. Häufig sind sie auch die einzige Quelle, die über die politische Haltung mehrerer Studenten zu einem gewissen Zeitpunkt Auskunft geben kann. Die Erweiterung der Quellenbasis auf die Stammbücher war daher für die Untersuchung der Studenten besonders wichtig. 29
29 Die Ergebnisse der Stammbuchauswertungen sind für jede Universität in einem Kapitel zusammengefaßt, aber auch an anderer Stelle - etwa in den Kapiteln über die Studentenverbindungen - in die Arbeit eingegangen. Um die Übersicht über die Stammbücher zu erleichtern, wurden diese im Quellenverzeichnis zusätzlich zur Angabe unter dem jeweiligen Archiv auch in einem alphabetischen Verzeichnis der Stammbuchbesitzer aufgeführt.
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2. Voraussetzungen
2.1 Katholische Hochschulen am Ende des 18. Jahrhunderts
Die katholischen Staaten des Deutschen Reichs wurden am Vorabend der Französischen Revolution in zeitgenössischen Urteilen häufig als politisch rückständig beurteilt. Auch die katholischen Universitäten galten gegenüber den protestantischen Universitäten als aufklärungsfeindliche und in
wissenschaftlicher Hinsicht unterlegene Institutionen. Solche Einschätzungen stammten von protestantischer Seite und waren selten Ausdruck differenzierter und nüchterner Beurteilung, dafür um so mehr konfessionspolitischer oder territorialer Abneigungen. So hält etwa Friedrich Carl von Moser in seiner Schrift „Über die Regierung der geistlichen Staaten in Deutschland“ (1787), Aufklärung und Fortschritt (am Beispiel des katholischen Zensurwesens) für eine rein protestantische Angelegenheit und kommt zu dem pauschalen Urteil, die Katholiken hielten mit den Protestanten im Forschen und Wachstum an Wahrheit nicht gleichen Schritt, und ständen in dieser Hinsicht noch im 16. Jahrhundert. 30 Differenzierter fiel das Urteil Friedrich Gedikes aus, der im Auftrag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. im Jahr 1789 mehrere Universitäten besuchte, darunter auch die beiden katholischen Universitäten Mainz und Heidelberg:
„Ich kann es wohl als ausgemacht voraussetzen, daß die katholischen Universitäten Deutschlands im ganzen in Ansehung ihrer Einrichtung und ihres Geistes weit hinter den protestantischen stehen. Indessen hat man in neueren Zeiten auf mehreren katholischen Universitäten das Zurückbleiben selbst gefühlt und daher mit Ernst an Verbesserungen gedacht.“ 31
Im Zusatz würdigte Gedike die Reformbemühungen katholischer Landesherren am Beispiel der Mainzer Universität. Diese war nur eine von mehreren katholischen Universitäten, die sich im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts der Aufklärung geöffnet hatten, was zunehmend auch von protestantischer Seite anerkannt wurde. 32 Unterstützt wurde die katholische Aufklärung besonders durch zwei Organe, das Fuldaer „Journal von und für Deutschland“, und stärker noch durch die Salzburger „Oberdeutsche allgemeine Litteraturzeitung“, welche die katholischen Aufklärer bedingungslos bei ihrer Auseinandersetzung mit orthodoxen und restaurativen Kräften unterstützte.
30 Vgl. Hammerstein, 1977, S.16.
31 Zit. nach Fester, 1905, S.44.
32 Vgl. Dickerhof, 1995, S.44.
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In der Historiographie übernahm man lange Zeit gerade die negativen zeitgenössischen Urteile über die katholischen Universitäten. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die katholische Aufklärung in Deutschland ungünstig bewertet. Erst der Würzburger Kirchenhistoriker Sebastian Merkle leitete mit seinen Beiträgen eine Revision der tradierten Urteile ein. 33 In den neueren Studien 34 über Universitätsreformen und Politik der katholischen Territorien im 18. Jahrhundert wurde herausgearbeitet, daß an mehreren der großen katholischen Universitäten wie Würzburg oder Mainz die Landesherrn einen beachtlichen Reformeifer entwickelten, und man sich am Vorbild der protestantischen Universitäten und besonders der führenden Universität Göttingen orientierte. 35
Die wissenschaftliche Qualität und das geistige Klima einer Universität hingen von der Hochschulpolitik der Landesfürsten ab. Diese waren in den süd- und westdeutschen katholischen Kleinstaaten meist weltliches und geistliches Oberhaupt, Fürst und Bischof in einer Person. Die Kirche übte in den geistlichen Staaten einen starken Einfluß aus. Neben den weltlichen gab es auch geistliche Instanzen innerhalb der Regierung, die beispielsweise in Zensurfragen mitbestimmten. In den protestantischen Staaten war die Kirche abhängig von der Staatsmacht, was sich in der Bildung eines territorialen Staatskirchenrechts niederschlug. 36 Aber auch in den katholischen Ländern waren schwere Eingriffe in das Rechtsgebiet der Kirche erfolgt, indem beispielsweise der Mainzer
33 Vgl. besonders Merkles 1908 gehaltener Vortrag „Die katholische Beurteilung des Aufklärungszeitalters“ und sein 1936 erstmals veröffentlichter Aufsatz „Um die rechte Beurteilung der sogenannten Aufklärungszeit“, die Freudenberger (1965, S.361-413; S.414-420) neben anderen Arbeiten Merkles herausgab. Merkle bezeichnete die Wirkung der Aufklärung auf das Studium an katholischen Universitäten als „zweites humanistisches Zeitalter“, welches das theologische Studium erneuerte, indem es energischer das Quellenstudium betonte und zweckmäßige fruchtbare Methoden schaffen half. Vgl. ebd. S.373.
34 Einen Überblick über die neuere Forschungsliteratur zum Themenkomplex „Katholische Aufklärung“ bieten die Angaben in den Anmerkungen bei Klueting (1993, passim). Zu den katholischen Universitäten während der Aufklärung vgl. die Darstellungen von Haaß (1952) und Hammerstein (1977) sowie der neuere Aufsatz von Dickerhof (1995).
35 Der Tatsache, daß die katholischen und protestantischen Territorien und Universitäten im Reich zu einem größeren Teil von der Aufklärung erfaßt wurden, schreibt Hammerstein eine vereinheitlichende Wirkung über konfessionelle und territoriale Grenzen hinweg zu, indem sich etwa aufgeklärte Hochschulpolitik, Verwaltung und Rechtsprechung in den Territorien aneinander anglichen, und sich diese in ihrem aufgeklärt-absolutistischen Charakter annäherten. Diese Entwicklung erleichterte nach dem Zusammenbruch des Heiligen Römischen Reichs die Durchsetzung des Nationalstaatsgedankens. Vgl. Hammerstein, 1977, S.263-267.
36 Vgl. Haaß, 1952, S.9.
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Kurfürst Friedrich Karl von Erthal drei Klöster zur Finanzierung seiner Hochschulreform von 1784 aufhob.
Eine bedeutende Zäsur für die Aufnahme aufgeklärter Gedanken und die Reformen an Universitäten war die Aufhebung des Jesuitenordens durch Papst Clemens XIV. im Jahr 1773. Dadurch war der Weg für Reformen frei, da mit diesen auch die Vertreter alter scholastischer Methoden an den Hochschulen verschwanden oder an Einfluß verloren und gleichzeitig durch die Aufhebung des Ordens bedeutende Mittel frei wurden. Auch die Fürsten der katholischen Staaten waren überzeugt, daß der romtreue Orden, der das Bildungsmonopol besessen hatte, nicht die Ausbildung im Sinne des jeweiligen Staates gewährleistete und die absolutistische Zielsetzung der Unterordnung der Kirche unter den Staat verhinderte. Hinzu kam die Erkenntnis, im Bildungsbereich weit hinter protestantischen Ländern zu liegen, wofür man ebenfalls den Jesuiten die Schuld gab. 37 Dennoch blieben diese an einigen Universitäten noch ein Faktor, der den Vertretern der Aufklärung entgegenwirkte. Noch in den 1780er Jahren wurden Reformen an katholischen Hochschulen wie in Mainz eingeleitet und mit Bonn gar eine aufgeklärte Neugründung verwirklicht. 38 Die geistlichen Fürsten erhofften sich von diesen Reformen eine Neugestaltung ihres Staates im Sinne des aufgeklärten Absolutismus. Bezeichnend für diesen neuen Kurs war, daß man sich die überaus angesehene protestantische Universität Göttingen zum Vorbild nahm, sogar teilweise die Professoren von dort berief. 39
Diese von den Landesherrn geförderte Entwicklung zu aufgeklärteren und toleranteren Verhältnissen ist vor dem Hintergrund zu sehen, daß die Landesuniversität zur Herrschaftssicherung beitrug, indem sie zukünftige Geistliche und Beamte ausbildete. Wollte ein Landeskind später ein Amt im Staat erhalten, so war zumindest ein Teil des Studiums an der Landesuniversität zu absolvieren. Bei dieser Bindung spielten auch merkantilistische Aspekte eine gewisse Rolle. Man wollte vermeiden, daß dem Land durch ein auswärtiges Studium der Landeskinder Einnahmen entgingen. Gleichzeitig sollten auswärtige Studenten und damit fremdes Geld durch die gesteigerte Attraktivität der Universität angezogen werden.
37 Vgl. Dülmen, 1969, S.80.
38 Der Kurfürst von Köln gründete 1786 eigens die aufgeklärte Universität Bonn und verpflichtete seine Landeskinder zum ausschließlichen Studium an der Landesuniversität, um keine Staatsdiener zu erhalten, die an der orthodoxen Universität der Reichsstadt Köln ausgebildet wurden. Zur kurkölnischen Universität Bonn vgl. das Standardwerk von Braubach (1966).
39 So haben die in dieser Arbeit behandelten Mainzer Professoren Wedekind, Metternich, Ackermann und die Heidelberger Professoren Wedekind und Zentner zumindest einen Teil ihrer Ausbildung in Göttingen absolviert.
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Am Ende des 18. Jahrhunderts bestand die Universität üblicherweise noch aus den klassischen vier Fakultäten: Philosophie, Theologie, Recht und Medizin. 40 Die Philosophie nahm dabei eine Sonderstellung ein. Sie war meist Voraussetzung für das Studium an anderen Fakultäten und bildete die gemeinsame Grundlage - eine Art Grundstudium, die sogenannten philosophischen Klassen -aller Studenten. Eine Veränderung der
philosophischen Inhalte und Lehrmethoden stellte deshalb eine bedeutende Einflußnahme auf die geistige Haltung aller Studenten dar. Ein bedeutender Einflußfaktor war die Akzeptanz oder Ablehnung der Aufklärungsphilosophie, vor allem der kritischen Philosophie Kants an den Universitäten. Am Vorabend der Französischen Revolution wurde Kant an fast allen großen katholischen Universitäten als Autorität akzeptiert oder bereits in den Vorlesungen der Professoren rezipiert. 41 Die Haltung für oder gegen die Kantische Philosophie unterschied meist auch die Anhänger von den Gegnern der Aufklärung. Letztere sahen in Kants Philosophie eine Gefahr für den Bestand der Religion. Zudem verbreitete sich an den meisten Universitäten eine radikal-rationalistische Haltung unter den Professoren, die zur Kritik an religiösen und gesellschaftlichen Verhältnissen führte. Zum Beispiel wurden im Bereich der Bibelexegese nur noch Glaubenssätze akzeptiert, die rational zu begreifen waren. Die aufklärerische Trennung zwischen Vernunft und Offenbarung, zwischen Glauben und Wissen, wurde von der teilweise orthodoxen Bevölkerung und den Gegnern der Aufklärung als anstößig und unvereinbar mit der katholischen Religion empfunden.
In der theologischen und juristischen Fakultät wurden Priester, Beamte und Lehrer für den Staat ausgebildet. Auch in diesen Studiendisziplinen gab es Professoren, die an Grundlagen der absolutistischen Rechtszustände rüttelten. Die katholischen Fürsten griffen vor 1789 in diese Entwicklung kaum ein, obwohl teilweise die kirchliche Hierarchie hinterfragt wurde und damit indirekt auch die weltlich-geistige Doppelherrschaft. 42
Bis 1789 hatte sich an den meisten katholischen Universitäten die Aufklärung durchgesetzt. Führend waren die Universitäten Bonn, Mainz und Würzburg, als weiterhin orthodox galten beispielsweise die reichstädtische Kölner Universität
40 Die Kameralwissenschaften hatten schon an den Universitäten Einzug gehalten, stellten aber meist noch keine eigene Fakultät. Z. B. waren sie in Heidelberg der philosophischen Fakultät angegliedert.
41 Vgl. Haaß, S.174.
42 Braubach (1929, S.267f) unterscheidet in religionsfeindliche Vertreter wie Dorsch in Mainz und Schneider in Bonn und in Vertreter der Aufklärung, die Glaube und moderne Strömung miteinander verbanden.
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und das pfälzische Heidelberg. 43 Mit dem Ausbruch der Revolution änderte sich die Haltung der katholischen Landesfürsten, die nun größtenteils ängstlich von den Reformen abrückten, den orthodoxen Kräften wieder mehr Gehör schenkten und kritische Stimmen zu Religion und Staat unterdrückten. 44 Nun kamen zu den primär religionsphilosophischen Unstimmigkeiten zwischen Aufklärern und Orthodoxen von Seite der Obrigkeit die Furcht hinzu, daß die Ausbildungsstätte für bisher loyale Staatsdiener vom politischen Virus infiziert werden könne. Die Orthodoxen sahen nun die Gelegenheit gekommen, die Aufklärer im Zug restaurativer Maßnahmen zu schwächen, indem man die Aufklärung mit der Revolution in Verbindung brachte und für Deutschland ähnliches prophezeite. Einige Landesherrn reagierten auf die Ereignisse in Frankreich mit restaurativen Maßnahmen, was in erster Linie die Aufklärer zu spüren bekamen. Das hatte zur Folge, daß die Aufklärer, statt wie bisher mit dem Landesfürsten den Reformweg zur Verbesserung der sozialen oder rechtlichen Verhältnisse zu beschreiten, sich von dieser Vorstellung verabschiedeten, resignierten oder sich unter dem Eindruck der Französischen Revolution radikalisierten. Daß die Radikalen eine Minderheit an den Universitäten waren, versteht sich von selbst. Wie bei allen Staatsbediensteten wirkte sich auch bei den Professoren die materielle Abhängigkeit hemmend auf eine Radikalisierung der aufklärerischen Gesellschaftskritik aus.
2.2 Professoren
Die Professoren besaßen im Ganzen gesehen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch nicht die gesellschaftliche Bedeutung und den Rang als Gelehrte, wie sie ihn im 19. Jahrhundert einnahmen. 45 Allerdings gab es
43 In einem zeitgenössischen Universitätsführer wird z. B. die schlechte Ausbildungssituation für die Kölner Studenten sowie die strenge Zensur als „Feind aller Gelehrsamkeit“ kritisiert. Der anonyme Autor konstatiert in seinem Bericht: „Denk- und Pressefreiheit kennen wir nur dem Namen nach, die wohltätigen Wirkungen derselben werden wir aber sobald nicht empfinden können.“ Heuns, 1792, S.26.
44 Das trifft in besonderem Maße für die drei geistlichen rheinischen Kurfürstentümer Trier, Mainz und Köln zu. Vgl. Haaß, 1952, passim.
45 Wissenschaft und Forschung fanden teilweise außerhalb der Universitäten, etwa in den wissenschaftlichen Akademien, statt. Das Universitätswesen befand sich am Ende des 18. Jahrhunderts in einer Krise, was sich unter anderem in sinkenden Immatrikulationszahlen ausdrückte. Die Gesamtfrequenz an deutschen Universitäten sank von 8500 Studenten im Jahr 1740 auf 6000 im Jahr 1795. Verantwortlich für den Rückgang der Studienzahlen waren die Schwierigkeiten für Akademiker, ein Unterkommen in Staatsdiensten zu finden, aber auch die Konkurrenz durch Akademien und der Ausbau des mittleren Schulwesens und der Gymnasien, wodurch die philosophische Fakultät ihre Bedeutung als allgemeine Bildungseinrichtung verlor. Der Rückgang ausländischer Studenten weist auf die mangelnde Attraktivität deutscher Universitäten hin. Vgl. Engels, 1975, S.249.
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diesbezüglich innerhalb der Gruppe der Professoren bereits deutliche Unterschiede. So war es von erheblicher Bedeutung, an welcher Universität der Professor lehrte und welchen Wert ihm der Landesherr dort beimaß, was sich etwa in der deutlich unterschiedlichen Besoldung ausdrückte. 46 Es war ein großer Unterschied, ob man eine Professur an der angesehenen Universität Göttingen 47 oder an einer der kleinen unbedeutenden Universitäten wie Duisburg, Dillingen oder Herborn inne hatte. Einige Professoren waren gezwungen, sich etwas zu ihrem kargen Gehalt hinzuzuverdienen. 48 Die soziale Stellung der Professoren definierte sich auch aus der Standeszugehörigkeit der Zuhörerschaft, die etwa in Göttingen einen besonders hohen Anteil von Studenten aus adligem und bürgerlich-patrizischem Haus aufwies. 49 Die Bedeutung der Universität war in großem Maß davon abhängig, welche Rolle ihr der Landesherr zugedacht hatte. Versuchte dieser etwa, die Universität den modernen, aufgeklärten Strömungen zu öffnen und sie durch Reformen und erheblichen Aufwand von Mitteln zu modernisieren und bekannte Gelehrte zu gewinnen, hatte dies erhebliche Rückwirkungen auf den Ruf der Universität, die durch wissenschaftliche Zeitschriften und Reiseberichte regelmäßigen Beurteilungen unterworfen war. Selbst die Fakultäten unterschieden sich hinsichtlich ihres Status‘. Die juristische Fakultät galt aufgrund ihres hohen Anteils an adligen Studenten als die vornehmste, wogegen die philosophische und theologische Fakultät niedere Schichten auf den Kirchen- oder Schuldienst vorbereitete. 50 Insgesamt gesehen zählte nicht jeder Professor allein durch seine Anstellung an der Universität zu den höheren gesellschaftlichen Schichten. Dennoch besaßen die Professoren die Möglichkeit, durch die Mitgliedschaft in Sozietäten wie den Lesegesellschaften oder Freimaurerlogen in Kontakt mit den höheren Beamten oder dem aufgeklärten Adel zu treten. Zudem hatten sie als Juristen, Mediziner oder Theologen die Möglichkeit, zu Regierungs- oder
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So lag die Gehälterspanne für die Professoren an der Universität Mainz im Jahr 1791 zwischen 150 und 1645 Gulden (StA Darmstadt, E6A, Konv.11, Fasz.3, fol.6-11.), an der Universität Bonn Ende 1790 zwischen 100 und 1333 Reichstaler (UB Bonn, S 420 i, Fasz. 1).
47 Die Göttinger Gelehrtenelite hatte wesentlichen Anteil an dem Ansehenszuwachs der Position des Universitätsprofessors. In Göttingen distanzierte man sich von der traditionellen Weitergabe gesicherten Wissens zugunsten einer „universitären Lehre auf der Grundlage systematischer Wissenschaft“. Vgl. Wehler, 1987, S.299. Wehler distanziert sich aufgrund einzelner richtungsweisender Reformansätze von der Verallgemeinerung, daß das 18. Jahrhundert als „allgemeine Verfallsperiode der deutschen Universitäten hinzustellen“ sei. Vgl. ebd., S.301.
48 Nebenerwerbsmöglichkeiten waren etwa Tätigkeiten in geistlicher, juristischer oder medizinischer Praxis, Privatunterricht oder die Aufnahme von Pensionären im Haus. Da Hörergebühren Bestandteil der Einnahmen waren, lasen manche Professoren über 20 Stunden wöchentlich. Vgl. Schelsky, 1970, S.27f.
49 Vgl. Gerth, 1976, S.35.
50 Vgl. Prahl, 1978, S.175.
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Verwaltungstätigkeiten hinzugezogen zu werden und zum geistlichen oder weltlichen Rat aufzusteigen, was von nicht wenigen Professoren aus finanziellen Gründen, aber auch wegen des Prestigegewinns angestrebt wurde. 51 Im Gegensatz zu den ständischen Korporationen wie Zünften und Gilden bot die Universität zumindest theoretisch neben den aus dem Bürgertum stammenden Menschen auch jenen aus bescheideneren Verhältnissen die Möglichkeit, Lehrstuhlinhaber zu werden. Ein Teil stammte aus Professorenfamilien, die es bereits zu einem gewissen gesellschaftlichen Aufstieg gebracht hatten. 52 Bei den katholischen Universitäten war es üblich, besonders theologische und philosophische Lehrstühle auch mit gelehrten Ordensgeistlichen zu besetzen, die in der Regel den mittleren oder unteren Schichten entstammten. Die Gruppe der Professoren besaß durch ihre Teilhabe am bürgerlichen Leben der Stadt Möglichkeiten, auf politisch Gleichgesinnte außerhalb der Universität zu treffen. Die Studenten hatten hierzu wenig Gelegenheiten. 53 Ihr Status ermöglichte ihnen selten engeren Kontakt zur bürgerlichen Welt.
2.3 Aufgeklärte Sozietäten: Freimaurer - Illuminaten -Lesegesellschaften
Die aufgeklärten Sozietäten waren wichtige emanzipatorische Einrichtungen für das gebildete Bürgertum. Den Professoren bot sich bei einer Mitgliedschaft die Gelegenheit, außerhalb der Universität mit gleichgesinnten Aufklärern aus der Beamtenschaft, dem städtischen Bürgertum und den aufgeklärten Adligen und Geistlichen zusammenzutreffen und sich über Wissenschaft, Literatur und Politik auszutauschen. Durch diese Kontakte erweiterte sich der Horizont jedes Mitglieds über den eigenen Berufstand hinaus. Die demokratischen Regeln, die durch schriftlich fixierte Gesetze garantiert waren, stellten für die Mitglieder der Sozietäten eine wichtige neue Erfahrung dar, die den hierarchischen Strukturen von Kirche und Staat kontrastiv entgegenstanden. Das gilt auch für die
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Prahl sieht in der im 18. Jahrhundert aufgekommenen Sitte, verdiente Professoren mit staatlichen Titeln auszustatten, eine Folge der „Aristokratisierung“ der Universitäten, das heißt, der Anpassung der Universität an Sitten und Ideale der höfischen Gesellschaft. Vgl. Prahl, 1978, S.174f.
52 Vgl. das bei Gerth (1976, S.35) zitierte Beispiel für die Universität Marburg. Auch Prahl bestätigt, daß im 18. Jahrhundert vereinzelt Kinder aus handwerklichen oder bäuerlichen Familien Theologie oder Philosophie studierten; insgesamt bezweifelt er aber die von Gerth aufgestellte These, daß die Universitäten des 18. Jahrhunderts „Schleusenwerke“ des sozialen Aufstiegs gewesen sein sollen. Vielmehr sei der Zugang zu höheren Verwaltungs- und Justizstellen, die ein juristisches Studium voraussetzten, weiterhin vom Adel dominiert worden. Vgl. Prahl, 1978, S.176-179.
53 Eine Ausnahme waren die im folgenden noch näher zu besprechenden radikalaufklärerischen Illuminatenlogen, die in den 1780er Jahren auch Studenten als Mitglieder aufnahmen.
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Annäherung von adligen und bürgerlichen Mitgliedern, die innerhalb der Sozietäten zustande brachten, was außerhalb noch nicht möglich war - eine Gesellschaft, die nach vernünftigen, gleichberechtigten und freiheitlichen Prinzipien lebte.
Zu den wichtigsten und verbreitetsten dieser aufklärerischen Sozietäten zählten die Freimaurer, die Illuminaten und die Lesegesellschaften, die am Vorabend der Französischen Revolution in fast jeder größeren deutschen Stadt eine Loge oder Gesellschaft hatten. Im folgenden sollen sie etwas näher charakterisiert werden.
Die Freimaurerei hat als gesellschaftliche Organisationsform seit der Gründung der ersten Freimaurerloge in Hamburg im Jahr 1737 die Aufklärung entscheidend mitgeprägt. Bis zum Ausbruch der Französischen Revolution bestanden in Deutschland 250 Freimaurerlogen mit etwa 6000 Mitgliedern. 54 Die Logen waren in erster Linie Treffpunkte und Kommunikationszentren der Gelehrten, des Großbürgertums und auch des Adels, um aufklärerische Schriften und Ideen auszutauschen. Sie gewährleisteten jedem Mitglied, seine engen Konfessions-, Standes- und Landesgrenzen zu überschreiten und sich als Teil einer Weltbruderschaft zu begreifen. Für sie galt das freimaurerische Postulat der Gleichheit aller Menschen, so daß innerhalb der Logen die Standesunterschiede aufgehoben waren. Formuliert wurden auch allgemeine humanitäre Ziele, denen das Bestreben zugrunde lag, unter den Menschen Toleranz, Aufklärung, Freiheit im Denken und Menschenliebe zu fördern. 55 Die demokratischen Ansätze standen im Gegensatz zu den realen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Die Freimaurer versuchten aber nicht, aufgrund dieser Prämisse außerhalb der Logen die gesellschaftlichen Zustände konkret zu ändern. Ihnen genügte es, innerhalb der Loge eine neue Ordnung herzustellen, die von der „Außenwelt“ getrennt war. Die Geheimhaltung der Freimaurerlogen und ihrer Mitglieder sollte eine Schutzfunktion vor Kirche und Staat gewährleisten, gleichzeitig wurde die Eigenschaft der Verschwiegenheit als ein Ideal des aufgeklärten Menschen gesehen. 56
Die Freimaurerei mußte zu Ende des 18. Jahrhunderts verschieden orientierte Abspaltungen verkraften. Die Gold- und Rosenkreuzer wiesen mystischantiaufklärerische Züge auf. Entgegengesetzt dazu orientierte sich der radikalaufklärerische Geheimbund der Illuminaten, der politische Ziele verfolgte. Teilweise etablierten sich mehrere, unterschiedlich orientierte Logen innerhalb einer Stadt. In dem Differenzierungs- und Polarisierungsprozeß innerhalb der Freimaurerei manifestierte sich die bereits von Valjavec‘
54 Vgl. Dotzauer, 1983, S.140.
55 Vgl. Dülmen, 1996, S.61.
56 Vgl. ebd., S.62.
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konstatierte Aufspaltung der Aufklärung in die auch später bestimmenden „politischen Strömungen“. 57
Der Illuminatenorden wurde 1776 von dem Ingoldstädter Professor Adam Weishaupt gegründet. Nach 1780 entstanden auf Betreiben des Freiherrn Adolph von Knigge in ganz Deutschland Illuminatenlogen. Nach neuesten Forschungsergebnissen lassen sich 1394 Mitglieder der Illuminaten aus den Jahren 1776-93 inzwischen identifizieren, 58 davon ein Großteil Hof- und Staatsbeamte, Handel- und Gewerbetreibende und Geistliche. Aus dem Bildungssektor kamen davon 130 Lehrer, 97 Professoren sowie 77 Studenten oder Praktikanten. 59 Der Anteil der sonst in den Sozietäten kaum vertretenen Studenten ist damit zu erklären, daß eine der Zielsetzungen der Illuminaten die Ausbildung junger Leute war, die dann im späteren Berufsleben in ihrem Sinne tätig werden sollten.
Die Illuminaten versuchten wie die Freimaurer durch Decknamen, eigene Zeitrechnung und teilweiser Geheimhaltung der Mitglieder untereinander, die Identität der Loge und vor allem die der Mitglieder vor der Öffentlichkeit zu verbergen. 60 Der Unterschied der Illuminaten zu den Freimaurern lag vor allem in deren aktiver politischen Programmatik, die sie für die Obrigkeit zu einer Gefahr werden ließ. Politisches Ziel der Illuminaten war es, eine Weltordnung ohne Staaten, ohne Fürsten und ohne Stände zu errichten. Nach Weishaupts Vorstellungen sollte die Moral gewaltlose Veränderungen herbeiführen: Die „Moral ist die Kunst, welche Menschen lehrt, volljährig zu werden, der Vormundschaft los zu werden, in ihr männliches Alter zu treten und die Fürsten zu entbehren“. 61 Weishaupt lehnte Kirche und Staat ab, weil sie nicht die Vervollkommnung der Menschen anstrebten. Alle bürgerlichen Sozietäten, kirchliche und staatliche Einrichtungen sollten mit Illuminaten besetzt werden, um sie zum Besten der Vernunft zu lenken. Tatsächlich hatten die Illuminaten Mitglieder im Bereich der Staatsverwaltung und auf Regierungsebene, im Reichskammergericht, dem Bildungsbereich und unter dem Klerus. 62 So kamen sie zumindest bezüglich ihrer Mitgliederstruktur der Weishauptschen Idealvorstellung nahe, um die Fürsten ein Netz von Illuminaten zu legen, so daß sie nicht anders als im Geiste des Illuminatismus regieren konnten. 63 Die Spekulationen über die Gefahr, die von den Illuminaten für den Absolutismus und die Kirche ausgehen sollten, gipfelten nach Ausbruch der
57 Vgl. das Nachwort von Jörn Garber in: Valjavec, 1978, S.543-592; hier S.549.
58 Vgl. Schüttler, 1997, S.525.
59 Vgl. ebd., S.537.
60 Vgl. z.B. Schindler, 1983, S.294.
61 Zit. nach Dülmen, 1975, S.109.
62 Vgl. dazu die Übersicht bei Schüttler, 1997, S.536f.
63 Vgl. Dülmen, 1996, S.107.
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Französischen Revolution in einer Verschwörungstheorie über den Anteil der Illuminaten an der Ausbreitung revolutionären Gedankenguts in Deutschland. Diese Theorie stammte von dem französischen Jesuiten und Emigranten Abbé Augustin Barruel, der die französische Revolution als Endstadium einer dreistufigen Entwicklung sah: In einer ersten Phase hätten demnach die Aufklärer das Christentum bekämpft, in der zweiten Phase sich die Freimaurer zusätzlich gegen die Monarchie gewandt, und in der dritten Phase dann die Illuminaten jede Art von Religion, Regierung und gesellschaftlicher Ordnung angegriffen. 64 Barruel griff Gedanken auf, die bereits vor der Französischen Revolution existierten. Seit 1784 veröffentlichten unter anderem Augsburger Exjesuiten Schriften, die sich mit den angeblichen Umsturzabsichten von Geheimgesellschaften befaßten: Demnach begnügten sich diese nicht mit dem Sturz der christlichen Lehre und Religion: „Es muß noch den Thronen gelten, die sie stürzen: sie werden den der Könige und Fürsten umstoßen.“ 65 Solche Verschwörungstheorien bewirkten bereits 1785 ein Verbot der Illuminaten, und noch nach Ausbruch der Revolution wurden ehemalige Illuminaten überwacht und verfolgt. Auch wenn sich die einzelnen Logen auflösten, war das Netz von Beziehungen der ehemals Gleichgesinnten - zumal innerhalb einer Stadt oder Institution wie etwa der Universität - nicht zerstört und gab Gegnern und Regierungen Anlaß zur Spekulation über weiterhin vorhandene Strukturen. 66
Die Lesegesellschaften 67 erfüllten in Deutschland in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine überaus wichtige Aufgabe für die Emanzipation des Bürgertums: Zum einen ermöglichten sie ihren Mitgliedern, preisgünstig an einer großen Bandbreite periodischer Schriften und Neuerscheinungen teilzuhaben, zum anderen bestand durch die gemeinsame Mitgliedschaft von Adel und Bürgertum die seltene Möglichkeit, sich über die Standesunterschiede hinweg in Gesprächen auszutauschen. Aus diesem Grund unterhielten die Lesegesellschaften häufig neben der Bibliothek weitere Räume, in denen sich die Mitglieder zu Gesprächen treffen konnten. In Universitätsstädten befand sich
64 Vgl. Reinalter, 1983, S.37.
65 Zit. nach Valjavec, 1978, S.290.
66 Die Verschwörungstheoretiker erkannten nach der Französischen Revolution Ähnlichkeiten zwischen den Zielen der Illuminaten und der Jakobiner. Daher wurden die Illuminaten trotz ihrer offiziellen Auflösung noch im nachhinein verfolgt. (Vgl. Dülmen, 1975, S.93.) Auch wenn es keinen Beweis dafür gibt, daß der ganze Illuminatenorden gezielt Anteil an der Verbreitung revolutionärer Grundsätze hatte, so wurden doch (konsequenterweise aufgrund ihrer ohnehin oppositionellen Haltung) viele Illuminaten nach 1789 Anhänger der Französischen Revolution.
67 Grundlegend ist immer noch die Untersuchung von Prüsener (1972) über deutsche Lesegesellschaften im 18. Jahrhundert.
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immer auch ein Teil der Professoren unter den Mitgliedern. Den Studenten hingegen war der Zutritt meist verwehrt.
Die meisten Lesegesellschaften wurden in Deutschland von den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts an gegründet. Für das Ende des 18. Jahrhunderts vermutet man die Existenz von 500-1000 solcher Lesegesellschaften. Wegen der verzögerten Aufnahme aufgeklärten Gedankenguts wurden in den katholischen Staaten die Lesegesellschaften später als in den protestantischen Staaten gegründet. Mit Ausbruch der Französischen Revolution wurden Lesegesellschaften in einigen deutschen Staaten stärker kontrolliert, teilweise auch verboten. 68 Die Landesherrn fürchteten nun den Einfluß politischer Propaganda von französischen Zeitungen und das Aufkommen politischer Diskussionen und demokratischer Gesinnungen, wobei insgesamt gesehen die meisten Mitglieder der Lesegesellschaften der Obrigkeit wenig Anlaß zur Sorge gaben.
2.4 Studenten
Wie bei den Professoren handelt es sich bei den Studenten um eine durch ihren Status abgrenzbare und homogene Gruppe. Das durchschnittliche Alter der Studenten bei Studienbeginn lag zwischen 16 und 22 Jahren. Studiert wurde in der Regel 2-3 Jahre. Der sozialen Herkunft nach zerfiel die Studentenschaft im 18. Jahrhundert vor allem in eine kleine adlige und eine große bürgerliche Gruppe. Der Anteil adliger Studenten lag in der letzten Dekade des 18. Jahrhunderts im katholischen Heidelberg bei etwa 12%, im katholischen Ingolstadt gar bei 17% und damit weit über dem Durchschnitt, der deutlich unter 10% lag. 69 An katholischen Universitäten stammten etwa 40% der Studenten aus dem Kleinbürgertum gegenüber einem Drittel an protestantischen Universitäten. Etwa die Hälfte aller Studenten kam aus dem Bürgertum. 70 An der katholischen Universität Heidelberg beispielsweise dominierten im 18. Jahrhundert die Söhne der in Staat und Kirche angestellten Bevölkerungsteile. 71 Der Anteil der aus ärmeren Schichten stammenden Studenten, der sogenannten „pauperes“, war gering und gegen Ende des Jahrhunderts eher rückläufig. 72
68 Im Zuge der Illuminatenverfolgung wurden bereits Lesegesellschaften in Bayern (1787) und Bamberg (1786) verboten. Mit Ausbruch der Revolution wurden u. a. in folgenden Städten Gesellschaften verboten oder unter behördliche Aufsicht gestellt: Köln (1792), Trier und Koblenz (1793), Hannover (1793), Düsseldorf (1794), Erfurt (1795). Vgl. Hansen, Bd.2, S.89* u. Prüsener, 1972, S.271, S.274f, S.279ff.
69 Vgl. die Angaben bei Wolf, 1991, S.164 (Heidelberg im Zeitraum 1790-1802) u. Müller, 1975, S.139, Anm.68 (Ingolstadt im Zeitraum 1796-1800).
70 Vgl. Jarausch, 1984, S.16.
71 Vgl. Wolf, 1991, S.182-186.
72 Vgl. Jarausch, 1984, S.16. Dennoch sahen sich Staaten genötigt, verschärfte Studienbeschränkungen für die niederen Stände einzuführen (Hessen-Kassel 1774, Württemberg 1780/88, Preußen 1792/94). Vgl. Wehler 1987, S.297.
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Das Studentendasein kennzeichneten bestimmte studentische Lebensformen und Mentalitäten wie das Duellwesen, Trink- und andere Genußfreuden, einen korporativen Zusammenhalt nach innen und Distanzierung nach außen, die nicht selten Zusammenstöße mit anderen Gleichaltrigen wie Handwerkergesellen oder der Obrigkeit und dem Militär zur Folge hatte. 73 Im Gegensatz zu anderen Gleichaltrigen waren die Studenten privilegiert, mit der Immatrikulation erhielten sie das akademische Bürgerrecht, das ihnen unter anderem das Recht auf eine eigene universitäre Gerichtsbarkeit 74 gab, die sie obrigkeitlicher Strafverfolgung weitgehend entzog. Die Möglichkeit der freien Zeiteinteilung, die universitäre Wissensvermittlung, die Bildung und die Zugriffsmöglichkeit auf Literatur unterschied die Studenten ebenfalls von vielen ihrer Altersgenossen und privilegierte sie auch hinsichtlich ihrer politischen Informationsmöglichkeiten. Die Studenten zeichneten sich wie die etablierten Gelehrten bereits durch Studienortwechsel und Reisen während des Studiums und damit durch eine für damalige Verhältnisse ungewöhnlich hohe Mobilität aus, die es ihnen ermöglichte, die kleinstaatliche und konfessionelle Enge zu überwinden. Obwohl die Studienzahlen im 18. Jahrhundert rückläufig waren, fiel es den meisten Studenten schwer, nach dem Studium ein Amt im Staat oder bei der Kirche zu erhalten. Besonders Studenten aus kleinbürgerlichem Milieu, deren Studium durch Stipendien ermöglicht wurde, fanden oft nach dem Studium keine adäquate Anstellung. 75
2.4.1 Studenten- und Mentalitätsgeschichte
Die ältere Studentengeschichtsschreibung konzentrierte sich in ihren Untersuchungen zum ausgehenden 18. Jahrhundert im wesentlichen auf die Darstellung des Studentenalltags oder bewegte sich im engen Rahmen einer Korporationshistoriographie. Das Aufklärungs- und Revolutionszeitalter wurde meist nur als Vorgeschichte zu den Burschenschaften und Corps des 19. Jahrhunderts abgehandelt. Die frühen studentischen Verbindungen wie die Orden oder profranzösische Bekenntnisse und kosmopolitische Haltung der Studenten deuteten sie als Merkmale des Verfalls, die bald untergegangen und durch das neue Verbindungswesen und die nationale Gesinnung abgelöst worden seien. 76 Die Auswirkungen der Französischen Revolution auf die
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Zum Studentenleben allgemein vgl. Schelsky, 1971, S.21-25.
74 Eine fundierte Arbeit über die akademische Gerichtsbarkeit an der Universität Göttingen im 18. Jahrhundert hat Stefan Brüdermann (1990) vorgelegt.
75 Zur sozialen Lage der Intelligenz in Deutschland 1770-1800 vgl. den Aufsatz von Engels (1975).
76 Beispielsweise beurteilten Schulze/Ssymank (1932, S.180f) die in der Revolutionszeit aufkommenden „weltbürgerlichen Ideen“ und die für „Volkssouveränität schwärmende Freiheitsliebe“ der Studenten als vorübergehende Fehlentwicklung. Ähnlich argumentiert
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Studenten wurde nur am Rande angesprochen oder übergangen. Diese Historiographie wertete unsystematisch Stammbücher als Quellen aus, wobei politische Einträge als Phänomene einer „Verfallszeit“ oder marginalisierend dargestellt wurden.
Neue Ansätze in der Studentengeschichtsschreibung kamen erstmals in der Arbeit von Hans Gerth über die Situation der bürgerlichen Intelligenz im 18. Jahrhundert auf. Darin wies Gerth auf die Einflüsse der unsicheren Arbeitsmarktsituation 77 für die Studenten als „revolutionärem Ferment“ hin und konstatierte eine „demokratisierende Tendenz“ des besonders durch die Studentenorden entstehenden Freundschaftskultes. 78 In der neueren Forschung ordnet besonders Hardtwig Phänomene der Studentengeschichte in einen Prozeß der Zivilisation ein. Unter Berücksichtigung der studentischen Orden und ihrer Reformbewegungen untersucht er Sozialverhalten und Wertewandel der Studenten. 79 Auch Brandt beurteilt die Entwicklung studentischer Lebens- und Verbindungsformen in den Jahren 1771-1819 als Prozeß, in dem sich die Studenten von den Prinzipien des alten Burschenlebens mit seinen Sonderrechten distanzieren, sich an die Normen des Bildungsbürgertums angleichen und seit 1800 die Idee einer gesamtdeutschen Studentenverbindung verfolgen. 80 Neuerdings stellt
Steinhilber in einer Untersuchung über den Wandel studentischer Mentalitäten im Zeitraum 1740-1800 auf der Grundlage von studentischen Stammbucheinträgen einen Wertewandel fest. 81 Anders als bei den etablierten
Fabricius (1926, S.193), der pejorativ und tendenziöser als Schulze/Ssymank und mit deutschtümelnder Diktion die politischen Ideale der Orden als Grund für ihren Untergang anführt und argumentiert, diese „großen Ziele“ hätten die Orden dem „rein studentischen Boden“ entfremdet (S.144). Nach Fabricius habe eine Politisierung ausschließlich in den Orden stattgefunden, die übrige Studentenschaft (und die Landsmannschaften) seien ihnen deshalb mit Unverständnis gegenübergestanden.
77 Dies hing (trotz sinkender Studentenzahlen) in erster Linie mit dem Akademikerüberschuß zusammen. Die Kameralisten des 18. Jahrhunderts sahen in dem Akademikerüberschuß eine Störung des sozialen Gleichgewichts. Vgl. Klingenstein, 1978, S.184f.
78 Gerth, 1976 (neuaufgelegte Dissertation von 1935), S.46. Gerth weist auf die im Freundschaftsbund aufgehobenen Standesschranken und das damit einhergehende Phänomen sinkender Autorität des Vaters und auch des Landesherrn über den derart emanzipierten Studenten hin. Vgl. ebd., S.47.
79 Vgl. dazu den Aufsatz von Hardtwig (1985).
80 Vgl. Brandt, 1987, insbes. S.649ff. Der auf Quellenstudien basierende Schwerpunkt von Brandts Arbeit liegt allerdings auf der studentischen Nationalbewegung im frühen 19. Jahrhundert. Das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts behandelt er unter dem Gesichtspunkt einer „Vor- und Frühgeschichte der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft“.
81 Demnach war innerhalb der Werte anfangs noch das Diesseits dem Jenseits nachgeordnet, ab den 1770er Jahren erkannten die Studenten die Autonomie menschlichen Handelns und der Einflußnahme auf das Leben. In den 1790er Jahren wurde das Handeln auf den gesellschaftlichen Bereich übertragen. In politischer Hinsicht machte sich diese Entwicklung
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Intellektuellen fand der aufgeklärte Absolutismus bei den Studenten keine Resonanz. Stattdessen lehnten sie Bevormundung und Unterdrückung ab. „Sklaverei“ und „Despotismus“ wurden zu Reizwörtern und Kampfbegriffen der Studenten. Damit ging seit den 1790er Jahren ein gesellschaftlich gemeinter Freiheitsdrang und eine Gerechtigkeitsliebe der Studenten einher, zu deren gesellschaftlicher Verwirklichung auch die Revolution befürwortet wurde. 82 Weitere neuere Studien auf der Grundlage von Stammbucheinträgen bestätigen diesen Befund. 83
2.4.2 Literarische Einflüsse und Vorbilder
Der Jurist und Publizist Ernst Brandes, ein Gegner der Französischen Revolution, widmete in seiner Arbeit „Über einige bisherige Folgen der Französischen Revolution in Rücksicht auf Deutschland“ (1792) dem Einfluß der Schriftsteller auf die Politisierung in Deutschland ein eigenes Kapitel. 84 Brandes schrieb der Sturm und Drang-Dichtung mit Stücken wie Friedrich Schillers „Räuber“ (1781) oder Johann Wolfgang Goethes „Götz von Berlichingen“ (1771) und „Werther“ (1774) einen erheblichen Einfluß, vor allem auf die jüngere Generation zu: „Durch ihre Gedichte ward ein sehr unbestimmtes, aber desto lebhafteres Gefühl für Freiheit und Fürsten-Haß verbreitet. - Sie waren Lieblings-Schrifsteller bei einem Teile der Jugend.“ 85 Auch den spätaufklärerischen Trauerspielen maß Brandes Bedeutung auf politische Willensbildungsprozeße bei. Er bezeichnete sie als „politische[s] Trauerspiel, wo Tyrannen-Mord und Freiheits-Drang“ herrschten und Dramen, die durch „lebhafte Darstellung elender Minister oder Subalterner“, die freilich auch nach Brandes Ansicht „wahr genug nach der Natur gezeichnet“ 86 waren, politisch wirkten.
„Muster und Vorbild“ für die politischen Dichter war nach Brandes‘ Ansicht Friedrich Gottlieb Klopstock. Dessen freiheitlich-patriotisches Schauspiel „Hermanns Schlacht“ (1769) habe „den alten deutschen Haß gegen
in den Stammbucheinträgen in der Kritik am Adel bemerkbar, die nach den 1780er Jahren erheblich zunahm. Vgl. Steinhilber, 1995, S.369.
82 Selbst während der jakobinischen Terrorherrschaft in Frankreich 1793/94 bejahten die Studenten die Revolution und die demokratischen Prinzipien in ihren Einträgen. Vgl. Steinhilber, 1995, S.371.
83 Vgl. die Studie von Kuhn (1997) über die Studentenbewegung an der Universität Jena 1794/95.
84 Vgl. Brandes, 1792, S.44-71.
85 Brandes, 1792, S.47.
86 Ebd., S.48f. Die „Despotenfiguren“ waren in Deutschland in allen literarischen Genres zu finden. Zum politischen Radikalismus der Spätaufklärung in der deutschen Literatur vgl. Hermand, 1969, S.9-52.
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Unterdrückung in der Einbildungskraft junger Dichter entzündet.“ 87 Tatsächlich bildete sich kurze Zeit darauf (1772) der „Göttinger Hain“, eine Vereinigung junger Leute, meist Jura- und Theologiestudenten, die Klopstocks Dichtung verehrten. 88
Die Vorliebe der Studenten für diese Dichtung läßt sich teilweise verifizieren. Durch die Auswertung von Zitaten in Stammbüchern sind Rückschlüsse auf literarische und philosophische Vorbilder möglich. So gehören zu den unter Studenten meistzitierten Dichtern der 1790er Jahre tatsächlich Schiller oder Klopstock. Aus ihren Gedichten wurden in besonderem Maß Verse mit freiheitlich-politischem Inhalt in die Stammbücher übertragen. 89
Auch bei den antiken lateinischen Autoren stellte Brandes eine neue Beliebtheit fest, die er auf die „Vorliebe für republikanische Verfassungen und Tugenden“ 90 zurückführte. Natürlich fehlten auch Hinweise auf den Einfluß des französischen Philosophen Jean Jacques Rousseau und dessen „Contrat social“ (1762, dt. 1762) nicht. Rousseaus Beliebtheit in Deutschland war nicht nur auf seine politischen Arbeiten zurückzuführen. Besondere Anziehungskraft auf die Jugend übten seine pädagogischen Konzepte aus, in denen Erneuerungsgedanken für die Jugend formuliert waren. In seinem Erziehungsroman „Émile“ (1762, dt. 1763) beschrieb er, wie Kinder befähigt werden könnten, die Gesellschaft im Sinne eines Ideals zu verändern. 91
Neben der Literatur, dem Theater und der Philosophie verbreiteten auch andere Medien politische Ansichten und Meinungen. August Wilhelm Rehberg, ein Publizist und Freund Brandes‘, schreibt besonders den Reiseberichten, politischen Zeitschriften und staatsrechtlichen Schriften einen wichtigen Anteil an dem aufkommenden „Streben nach Verbesserung“ zu. 92 Besonders die in der politischen Presse publizierten Mißbräuche obrigkeitlicher Gewalt trugen zur Meinungsbildung und Formierung einer kritischen Öffentlichkeit bei. 93
87 Brandes, 1792, S.46.
88 Die Bedeutung des Hainbundes für spätere Studenteninitiativen ist schon verschiedentlich festgestellt worden. Die in den 1790er Jahren aufkommende studentische Reformbewegung, die das studentische Duellwesen ablehnte, hatte ihre Wurzeln im Hainbund von 1772. Ebenso die über vier Jahrzehnte später entstandene Urburschenschaft. Vgl. Schulze/Ssymank, 1932, S.175f. u. Brandt, 1987, S.32.
89 Vgl. Steinhilber, 1995, S.338-341 u. S.348.
90 Brandes, 1792, S.50.
91 Dialektisch schließt Rousseau damit auf die Unmenschlichkeit des bestehenden Staates. Vgl. Koselleck, 1973, S.141.
92 Vgl. Vierhaus, 1976, S.176.
93 Zum Themenkomplex der „Französischen Revolution und Öffentlichkeit“ vgl. besonders die Beiträge in dem von Böning (1992) herausgegebenen Sammelband. Während der Mainzer Republik von 1792/93 nutzten die Jakobiner zur Verbreitung ihrer Ziele die Presse, agitatorische Lyrik und das politische „National-Bürgertheater“. Damit knüpften sie an die
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2.4.3 Exkurs: Einfluß des utopischen Staatsromans „Dya-Na-Sore“
Einen besonderen Stellenwert innerhalb der literarischen Vorbilder der Studenten besaß der 1791 veröffentlichte 3. Band des utopischen Staatsromans „Dya-Na-Sore“. Der anonym erschienene Roman von Wilhelm Friedrich von Meyern wurde im Zusammenhang mit den politischen Strömungen unter den Studenten am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts bislang nur sehr selten berücksichtigt.
In metaphernreichem und teilweise emphatischem Stil gehalten und mit idealisierten heroischen Helden als Hauptfiguren, sprach der Roman nachweislich jüngere Menschen und damit vor allem Studenten an. Da in dieser Arbeit mehrere Male 94 auf die Rezeption dieses Werks unter den Studenten eingegangen wird, ist es notwendig, den Roman an dieser Stelle etwas näher zu betrachten.
Es geht darin um die Umwandlung eines absolutistischen Staates in einen konstitutionellen Rechtsstaat, wobei fiktiver Ort der (angeblich aus dem Sanskrit übersetzten) Handlung Tibet und Indien ist. Die Helden sind mehrere Jünglinge, darunter der Titelheld „Dya“. Diese Jünglinge planen den Sturz eines Despoten und die Errichtung eines demokratischen Staatswesens. Es folgt der Befreiungskampf gegen die Truppen des Unterdrückers, wobei Krieg und heroischer Tod für das gemeinsame Ziel eine besondere Rolle spielen. 95 In den ersten beiden Bänden des Romans, die 1787 und 1789 erschienen, ist bereits von einem „Dya-Na-Sore“-Bund die Rede, dessen Ritus an die Freimaurer erinnert, die der Autor aus eigener Erfahrung kannte. 96 Allerdings strebt der fiktive Bund im Gegensatz zu den Freimaurern eine Veränderung der staatlichen Verhältnisse an. 97
sozialkritischen Bestrebungen der Sturm und Drang-Bewegung an und radikalisierten sie. Vgl. Stephan, 1976, S.55.
94 Vgl. in dieser Arbeit die Kapitel II.6.5.2; II.6.6.2; IV.7.7.1; IV.7.8.1.
95 Der Krieg als „Motor sozialer Reform und sittlicher Erneuerung“ hat den Roman nach Meinung Wolfgang Grieps „später in eine fatale Nähe zur nationalistischen Volkstumsideologie gerückt.“ Vgl. NDB, Bd.17, S.398. Tatsächlich hatte der Roman nicht nur potentielle Demokraten, sondern auch Nationalisten und Militaristen angesprochen. Vgl. dazu Bruyn, 1979, passim.
96 Meyern war Anfang der 1780er Jahre Student in Altdorf und gehörte dort einem studentischen Orden an. Von 1783-86 war Meyern als Freiwilliger in der österreichischen Armee. In den Jahren 1787-90 war er Mitglied in der Prager Freimaurerloge „Wahrheit und Einigkeit“. Seine studentischen, freimaurerischen und militärischen Erfahrungswerte sind in den Roman eingegangen. Vgl. NDB, Bd.17, S.397f u. Bruyn, 1979, S.939.
97 Wie auch bei den Illuminaten vorgesehen, wird beispielsweise beschrieben, daß einer der Bundesgenossen eine wichtige Stelle am Hof bekleidet, um von dieser Position aus
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Ausschließlich der dritte Band des Gesamtromans zeigt trotz der Verfremdung klar erkennbare Parallelen zur Französischen Revolution wie die Einberufung der Generalstände und die Konstituierung zur Nationalversammlung 98 oder den Bastillesturm. Bereits in der auf September 1790 datierten Vorrede zum dritten Band wird fast programmatisch auf die Ereignisse in Frankreich hingewiesen: „Gram, daß das, was hier eine Nation erkennt, Jahrhunderte durch ihre Nachbarn unerkannt bleiben kann, haben mich dahin gebracht zu schreiben, was ich schrieb.“ 99 Der Autor möchte aber nicht nur die Deutschen auf die revolutionären Ereignisse hinweisen, sondern explizit politisch wirken und deren Tatengeist anregen. So hofft er „einst ausführen zu helfen, was ich jetzt nur schreibe.“ 100
Gleich zu Beginn des dritten Romanbandes wird dem Leser deutlich gemacht, daß die Beseitigung der absoluten Herrschaft durch Mobilisierung des unterdrückten Volkes Ziel der Romanhelden ist: „Der politische Triumph eines Volkes, das im Taumel seiner wiederkehrenden Rechte sich selbst vergrößert, ist himmlisch.“ 101 Die Bürger außerhalb dieser kleinen elitären Führungsschicht von Revolutionären werden allerdings als unfähig zum Widerstand gegen monarchische Unterdrückung charakterisiert. 102
Letztlich scheitert die Revolution in dem Roman. Den Monarchisten gelingt es, das Volk zu manipulieren und die Revolutionäre zu besiegen. An der politischen Aussage des Werkes ändert das wenig, zumal der Autor in einem Nachsatz am Romanende an die Vorrede anknüpft und die Jünglinge zum Zusammenschluß auffordert:
„Und nun, ihr Jünglinge, wie vieles ließe sich tun. Wahrheit liegt in jedem Gedicht. Von der Kraft eueres Willens hängt ihre Erweckung ab. Wenn einer will, und nur zwei von der Möglichkeit seiner Absichten überzeugt; wenn jeder sich verdoppelt, und so von Zahl zu Zahl den Kreis seiner Freunde mehrt; so läßt sich berechnen, zu welcher Summe der Einverstandenen sich fortschreiten, zu welcher Ausführung sich Kräfte sammeln ließen.“ 103
verschiedene oppositionelle Kräfte sammeln und lenken zu können. Vgl. Dya-Na-Sore, 1791, S.99. Der Bund wird auch als „Bund freier Männer“ bezeichnet. Vgl. ebd., S.528.
98 Das Wahlrecht zur Nationalversammlung ist dabei wie in Frankreich ein Zensuswahlrecht. Wahl und Versammlung der Generalstände werden im Roman anfangs Volksversammlung und Landtag genannt. Vgl. Dya-Na-Sore, 1791, S.9ff und 84f.
99 Dya-Na-Sore, 1791, Vorrede.
100 Ebd.
101 Dya-Na-Sore, 1791, S.12.
102 Vgl. Dya-Na-Sore, 1791, S.39f, S.46ff.
103 Dya-Na-Sore, 1791, S.665f.
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Auch wenn das Ziel der Sammlung politisch Gleichgesinnter von Meyern nicht ausdrücklich genannt wird, war es nach der Lektüre des Romans für die jüngeren Leser nur unschwer politisch zu verstehen.
Um die Rezeption des Romans und seine politische Aussage unter den Studenten zu belegen, seien an dieser Stelle zwei Beispiele für die Rezeption von „Dya-Na-Sore“ unter den revolutionsbegeisterten Studenten genannt. So war für den Mainzer Studenten Nikolaus Müller, der 1792/93 Mitglied im Mainzer Jakobinerklub wurde, „Dya-Na-Sore“ längst zum Synonym seiner Begeisterung für die Revolution geworden. In späteren Aufzeichnungen erinnerte er sich an die Lektüre von „französische[n] Freiheitsschriften, welche Dya-Na-Sore riefen“. 104 Damit belegte Müller seine Beeinflussung durch den Roman, dessen fiktive Handlung sich 1792 teilweise durch die tatsächlichen Ereignisse zu erfüllen schien.
Auch in Stammbüchern zitierten Studenten aus dem Roman. So schrieb noch im März 1800 ein Jenaer Student: „Die Popularität freier Wahrheiten ist noch nicht der Patriotism[us] der Freiheit. Dies hieße den Vorläufer mit der Person verwechseln, ein Irrtum, an dem schon manche gute Sache scheiterte.“ 105 In dem Zitat wird auf den Unterschied zwischen Geist und Tat, Theorie und Praxis, hingewiesen. Die Verbreitung freiheitlichen Gedankenguts sollte demnach nicht die realen politischen Umgestaltungen ersetzen, sondern ihr nur vorangehen. Um seine politische Haltung zu unterstreichen, fügte der Student noch die unmißverständliche Revolutionsparole „Freiheit! Gleichheit!“ hinzu, die das Vorhergehende unterstreicht. Dieser Stammbucheintrag belegt, daß sich noch neun Jahre nach Erscheinen des Romans dessen freiheitlich-politischer Inhalt der Beliebtheit bei den Studenten erfreute und bei manchen gar Bestandteil der Weltanschauung wurde. 106
Daß unzählige Passagen in dem dritten Teil des Romans sich zur Rezeption für freiheitlich gesinnte Studenten anboten, wundert wenig. Der Autor änderte später den politischen Akzent seines Werkes: In der zweiten, überarbeiteten
104 StadtA Mainz, Nachlaß Nikolaus Müller / I (Gedrängte Biographie von Maler N. Müller, S.2).
105 Das Fettgedruckte ist im Original unterstrichen. Stb. N.N. (StadtA Ulm), S.6. Der Eintragende war ein Kaufbeurer namens Mayer. In dem Stammbuch befinden sich weitere politische Einträge Jenaer Studenten aus den Jahren 1800-01. Das Zitat befindet sich im Original (Dya-Na-Sore, 1791) auf S.506.
106 Als Beispiel sei das Stammbuchzitat des späteren „Turnvaters“ Friedrich Ludwig Jahn genannt, der als bereits vaterländisch gesinnter Student und Ordensmitglied in Halle 1799 ein Zitat über die Pflicht aus „Dya-Na-Sore“ ins Stammbuch eines Kommilitonen eintrug und um den Nachsatz ergänzte: „Diese Gedanken aus dem Meisterstücke des achtzehnten Jahrhunderts enthalten das Glaubensbekenntnis Deines Freundes.“ Zit. nach Bruyn, 1979, S.970. Zum Einfluß von „Dya-Na-Sore“ auf Jahns politische Gedankenwelt vgl. auch Jahn, 1958, S.22f.
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Fassung von „Dya-Na-Sore“ aus dem Jahr 1800 tilgte Meyern revolutionäre Passagen und akzentuierte neu. 107 Doch die studentische Jugend des Revolutionsjahrzehnts war von Meyerns Erstfassung (des dritten Romanteils) von 1791 beeinflußt. In ihr wurden die Ereignisse der französischen Revolution in fiktiver Verkleidung einer explizit angesprochenen jugendlichen Leserschaft zugeführt, bei dieser popularisiert und in ihrer wesentlichen Aussage gar zur Nachahmung empfohlen.
2.4.4 Verbindungen: Orden und Landsmannschaften
Das Bedürfnis der Studenten, sich an der Universität in Sozietäten zu organisieren, ist kein ausschließliches Phänomen der Spätaufklärung. Schon an den ersten mittelalterlichen Universitäten wie Bologna, Pavia oder Paris schlossen sich die Studenten und Professoren nach landsmannschaftlichen Prinzipien in sogenannten „nationes“ zusammen. Allerdings waren diese Bestandteil der damaligen Universitätsverfassung, zu der auch die nach „nationes“ gegliederte Unterbringung und Versorgung der Studenten in den Studentenheimen, den „bursen“, gehörte. Ein wesentliches
Unterscheidungsmerkmal zwischen den „nationes“ und den späteren Landsmannschaften ist deren unterschiedliche Rechtsstellung: Die späteren Landsmannschaften waren private Zusammenschlüsse von Studierenden, deren Existenz nicht mehr in der Universitätsverfassung auftauchte. 108 Landsmannschaftliche Bildungen entstanden in erster Linie, um durch den Zusammenschluß Schutz gegen Bedrohungen von außen und Unterstützung in Notfällen wie Krankheit oder Armut zu gewährleisten. Hinzu kommen Motive wie das Einleben oder die Geselligkeit in der fremden Stadt und an der Universität. Anhand von Edikten lassen sich unter anderem Landsmannschaften an den protestantischen Universitäten im Deutschen Reich vom frühen 16. Jahrhundert an ausmachen. An den katholischen Universitäten hingegen kamen Landsmannschaften - wenn überhaupt - erst im späten 18. Jahrhundert auf. 109
107 Bruyn hat mehrere Passagen der beiden Fassungen von 1787-91 und 1800 vergleichend nebeneinandergestellt. (Vgl. Bruyn, 1979, S. 967f.) Meyern schrieb zudem die revolutionäre Erhebung zum nationalen Befreiungskampf um; ein Zugeständnis an die veränderten politischen Verhältnisse und die eigenen gewandelten politischen Ansichten. Meyern erblickte in Napoleons Frankreich nun den Feind des Deutschen Reichs. Am deutlichsten wird der veränderte Charakter dieser Überarbeitung daran, daß der zu stürzende König nun zum Eroberer gewandelt ist. (Vgl. ebd., S.966.)
108 Diese Entwicklung gründet auf der frühneuzeitlichen Territorialstaatsbildung, die zu einer Abschwächung der korporativen Autonomie an den Universitäten führte, was die Neugliederung des universitären Lehrkörpers vom nationes- zum facultas-System zur Folge hatte. Vgl. Hardtwig, 1986, S.240.
109 Hardtwig macht diesbezüglich lediglich Aussagen für die Universität Ingolstadt, die noch im späten 18. Jahrhundert keine Landsmannschaften aufwies. Vgl. Hardtwig, 1986, S.242.
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2000, Aufklärung und Revolutionsbegeisterung, München, GRIN Verlag GmbH
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