1. Einleitung
Lange Zeit ging die Historiographie davon aus, dass eine nennenswerte Politisierung der deutschen Studenten erst mit den antinapoleonischen Befreiungskriegen einsetzte. Doch die jüngere Forschung hat inzwischen eine lange Zeit unbekannte Politisierung und Revolutionsbegeisterung deutscher Studenten bereits während der Französischen Revolution nachgewiesen. 1 Die Revolutionierung stand ganz im Zeichen deutsch-französischer Fraternité und war anders als bei den späteren Burschenschaften noch frei von national-deutschem Gedankengut. Diese Studie geht der Frage nach, inwieweit die größten Studentenverbindungen der 1790er Jahre, die nach freimaurerischen Prinzipien organisierten Orden, an dieser Studentenbewegung ihren Anteil hatten. Anhand ausgewählter deutscher Universitäten soll untersucht werden, inwieweit die Studentenorden die dominierende Verbindung und Träger dieses politischen Gedankenguts waren und ob die Vehemenz, mit der die Landesregierungen sie insbesondere seit dem Regensburger Reichstagsbeschluß von 1793 verfolgen ließen, auch tatsächlich ihrem politischen Gewicht innerhalb der ersten deutschen Studentenbewegung entsprach.
1 Hier eine Auswahl der jüngsten Forschungsarbeiten: Kuhn, Axel / Schweigard, Jörg: Freiheit oder Tod! Die deutsche Studentenbewegung zur Zeit der Französischen Revolution. (Stuttgarter Historische Forschungen 2) Köln u.a. 2005; Schweigard, Jörg: Die Liebe zur Freiheit ruft uns an den Rhein. Aufklärung, Reform und Revolution in Mainz. Gernsbach 2005. Schweigard, Jörg: „Sansculotten auf deutschem Grund und Boden“. Politische Symbolik deutscher Studenten zur Zeit der Französischen Revolution (1789-1800). In: Zeitschrift für Internationale Freimaurer-Forschung, 5. Jg., Heft 9, 2003, S.11-40; Schweigard, Jörg: Aufklärung und Revolutionsbegeisterung. Die katholischen Universitäten in Mainz, Heidelberg und Würzburg im Zeitalter der Französischen Revolution (1789-1792/93-1803). („Schriftenreihe der Internationalen Forschungsstelle ´Demokratische Bewegungen in Mitteleuropa 1770-1850´“, Bd. 29) Frankfurt am Main u.a. 2000; Kuhn, Axel: Von der deutsch-französischen Verbrüderung zur Franzosenfeindschaft. Die Jenaer Studentenbewegung zwischen 1789 und 1817. In: Florack, Ruth (Hg.): Fremdwahrnehmung und Identität in deutscher und französischer Literatur. (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, 76) Tübingen 2000.
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2. Die Orden im universitären Verbindungswesen
2.1. Die „nationes“ und die Landsmannschaften
Das Phänomen studentischer Verbindungsformen reicht bis zu den ersten mittelalterlichen Universitäten wie Bologna oder Paris zurück. Schon damals schlossen sich die Studenten und Professoren nach landsmannschaftlicher Gliederung in den sogenannten „nationes“ zusammen. Sie waren Bestandteil der Universitätsverfassung und damit verpflichtende Mitgliedschaften. Die späteren Landsmannschaften hingegen waren private
Zusammenschlüsse von Studierenden, deren Existenz nicht mehr in der
Universitätsverfassung geregelt war. Im 18. Jahrhundert tummelten sich an den Hochschulen Landsmannschaften wie die Mosellaner, Elsäßer, Holsteiner, Mecklenburger und viele andere mehr, wobei man geographisch recht großzügig war, so daß sich etwa badische Studenten auch den Elsäßern anschließen konnten.
Die Funktion der Landsmannschaften bestand in erster Linie darin, ihren Mitgliedern Schutz gegen Bedrohungen von außen und Unterstützung in Notfällen wie Krankheit oder Armut zu gewähren. Auch Motive wie das Einleben oder die Geselligkeit in der fremden Stadt und an der Universität spielten eine Rolle.
An den protestantischen Universitäten im Deutschen Reich existierten Landsmannschaften vom frühen 16. Jahrhundert an. An den katholischen Universitäten hingegen kamen siewenn überhaupt - erst im späten 18. Jahrhundert auf.
2.2. Die Orden
Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts entstand mit den Studentenorden neben den Landsmannschaften ein neuer Verbindungstyp. Die Orden waren stark von der Aufklärung und freimaurerischen Idealen beeinflußt. Mit den Freimaurern hatten sie auch geheime Rituale, Aufnahmezeremonien und Erkennungsmerkmale (Geheimzeichen, symbolische Zahlen) gemein. Die größten Orden, die zeitweise an fast allen Universitäten existierten, waren die Constantisten, Amicisten, Harmonisten und Unitisten. Der Organsisationsgrad unterschied sich stark von Hochschule zu Hochschule. Der Anteil der in Orden organisierten Studenten schwankte zum Beispiel bei den Universitäten Jena, Göttingen, Erlangen,
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Helmstädt und Frankfurt/Oder für die 1790er Jahre zwischen 10 und 35 Prozent. 2 Die Orden konkurrierten untereinander und mit den Landsmannschaften um Mitglieder. Mit ihren Bruderlogen an anderen Universitäten waren sie oft eng verbunden. In diesem überregionalen Ansatz glichen die Orden ebenfalls den Freimaurerlogen. Anders als Landsmannschaften waren die Orden jedoch geheime Bünde, nahmen jeden willigen Studenten als Mitglied auf und versprachen Freundschaft auf Lebenszeit, also über die Dauer des Studiums hinaus. Ihre Mitglieder rekrutierten die Orden teilweise aus den Landsmannschaften, oder sie bestanden sogar als Geheimbünde innerhalb der Landsmannschaften, was Auseinandersetzungen zwischen Anhängern beider Verbindungsformen zur Folge hatte. Allerdings lassen sich die Verhältnisse nicht verallgemeinern. Besonders über die Verbindungen an den kleineren Universitäten weiß man noch wenig. Ihren Höhepunkt erlebten die Studentenorden zwischen 1780 und 1790. In der Ordenshochburg Jena waren zu dieser Zeit rund zehn Prozent der Studenten in Orden organisiert. Die Ordensstudenten blieben innerhalb der Studentenschaft immer eine Minderheit, gaben aber mit ihren Aktivitäten den Ton an.
Die Orden waren in der Regel als organisierte geheime Verbindung an den Hochschulen verboten. Die aufgedeckte Mitgliedschaft eines Studenten zog eine Strafe nach sich. Sofern die Behörden überhaupt zwischen den Verbindungsformen unterschieden, stuften sie die Landsmannschaften gegenüber den Orden als harmloser ein und verboten sie nicht. 3 Die Motive für die Bekämpfung von Studentenverbindungen waren unterschiedlich. Die Behörden schrieben ihnen einen Anteil am Sittenverfall, Müßiggang, Zeit- und Geldverlust und Konfliktpotential unter den Studenten zu. Nach Ausbruch der Französischen Revolution kamen politische Aspekte hinzu.
Ein Student, der in den 1790er Jahren eine große deutsche Universität wie Jena oder Halle bezog, konnte sich folglich zwischen diesen beiden Organisationsformen - Orden und Landsmannschaften - entscheiden. Es gab jedoch noch weitere Formen von Zusammenschlüssen, wie Lese- oder Freundschaftszirkel oder auch politische Klubs. Nach 1790 hatten die Orden mit dem „politischen Klub” als einer weiteren studentischen Organisation zu rechnen. Solche Klubs entstanden unter dem Einfluß der Französischen
Revolution. Sie übernahmen das Prinzip der freien, geheimen Mitgliedschaft von den Orden;
2 Vgl. Hardtwig, Wolfgang: Studentenschaft und Aufklärung: Landsmannschaften und Studentenorden in Deutschland im 18. Jahrhundert. In: Etienne Francois (Hg.): Sociabilité et Societé. Bourgeoise en France, en Allemagne, en Suisse. Paris 1986, S.239-259 ; hier S.244.
3 Die Landsmannschaften wurden erst verboten, wenn sie feste Strukturen aufwiesen und als Verbindung faßbar waren. Vgl. z. B. für die Göttinger Verhältnisse Brüdermann, Stefan: Göttinger Studenten und akademische
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ihre Mitglieder bekannten sich aber nun ausdrücklich zu allgemeinpolitischen (revolutionären) Zielen. Auch diese Studentenklubs wurden von der Obrigkeit verfolgt, weshalb sie sich des Öfteren als akademische Lesegesellschaften tarnten. 4
3. Politisierung der Orden
Die Untersuchung leitet die Frage, inwieweit die Orden von der Französischen Revolution beeinflußt waren. Betrachtet man die Ordensgesetze, an die sich jedes Mitglied zu halten hatte, so gibt es darin vereinzelt Paragraphen, die politisch zu verstehen sind. So stand etwa in den „allgemeinen Brudergesetzen“ der Jenaer Amicisten aus dem Jahr 1794:
„§ 17 Schütze die menschliche Freiheit und verfolge den, der sie zu unterdrücken sucht, mit dem Schwerte der Wahrheit [...] §18 Schütze den Verfolgten und Unterdrückten, biete dem schändlichen Verfolger die Stirn [...] §19 Krieche vor niemand, sonst erstickt dein Herz, wenn es sich in Knechtgefühl seiner Unterwürfigkeit vor dem Staube eines Herrn sich beugt.“ 5
Unabhängig von der tatsächlichen Politisierung faßten die Regierungen besonders nach 1789 schon allein die Existenz eines geheimen Ordens als ein Politikum auf und drohten Strafen an. Mit eigenen Gesetzen versehen, frei von gesellschaftlichen oder konfessionellen Schranken, stellten die studentischen Verbindungen ebenso wie die bürgerlichen „geheimen Gesellschaften“ einen „Staat im Staate“ dar.
Das Attribut „geheim“ war im 18. Jahrhundert komplementär zum absolutistisch monopolisierten Begriff der „Öffentlichkeit“ gemeint. Wegen des staatlichen Monopolanspruchs auf Öffentlichkeit wurden etwa auch die staatlich lizensierten Freimaurer als „geheim“ im Sinne von „privat“ bezeichnet. 6
Der Weimarer Herzog Karl August initiierte eine Übereinkunft der protestantischen und katholischen Reichsstände zum künftigen Umgang mit den studentischen Verbindungen. 7 Grundlage der Übereinkunft wurde der Vorschlag des preußischen Gesandten, Mitglieder
Gerichtsbarkeit im 18. Jahrhundert. (Göttinger Universitätsschriften: Serie A, Schriften; Bd.15) Göttingen 1990, S.217f.
4 Zum Beispiel 1792 der „Zumbachsche Lesezirkel“ in Mainz. Vgl. Schweigard, 2000, (wie Anm.1.) S.164f.
5 Zit. nach Fabricius, Wilh.[elm]: Die Studentenorden und ihr Verhältnis zu den gleichzeitigen Landsmannschaften. Ein kulturgeschichtlicher Versuch. Jena 1891, S.53.
6 Vgl. Bieberstein, Johannes Rogalla von: Geheime Gesellschaften als Vorläufer politischer Parteien. In: Geheime Gesellschaften. Hg. v. Peter Christian Ludz. Heidelberg 1979, S.429-460; hier S.433f.
7 Auslöser für die Initiative waren die Jenaer Unruhen vom 10. Juni 1792, auf die ich unten noch eingehe. Vgl. Götze, Otto: Die Jenaer akademischen Logen und Studentenorden des XVIII. Jahrhunderts. Jena 1932, S.164. Zur Tätigkeit des Regensburger Reichstags in den Jahren 1792-95 vgl. die Arbeit von Schick, Johannes: Der Reichstag zu Regensburg im Zeitalter des Baseler Friedens 1792-1795. Diss. phil. Bonn. Dillingen/Donau 1931.
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studentischer Verbindungen zu relegieren und dies anderen Universitäten mitzuteilen, um einen Universitätswechsel auszuschließen. Zudem sollte dem Relegierten in seinem Vaterland der Staatsdienst verweigert werden. Der Vertreter Bayerns konnte hinsichtlich des Verbots geheimer Verbindungen ergänzend auf die mehrjährigen Erfahrungen mit der Verfolgung der Illuminaten verweisen und gab auf dem Reichstag kund, daß Bayern in seinem Herrschaftsbereich bereits ähnliche Maßnahmen getroffen habe. 8 Schließlich einigte sich der Fürstenrat, Corpus evangelicorum et catholicorum, und das Reichsständische Kollegium in Regensburg am 14. Juni 1793 darauf, den Antrag anzunehmen. Künftig sollte jeder Studenten bei der Immatrikulation auf diesen Beschluß aufmerksam gemacht werden. Die Landesfürsten besaßen nun die Möglichkeit, im Einvernehmen mit anderen Reichsstaaten jegliche geheimen Studentenverbindungen von den Orden über die Landsmannschaften bis hin zu den politischen Klubs zu bekämpfen.
4. Ordensmitglieder, Reformer und ein politischer Klub: Jena 1792/93
„Wer von Jena kommt ungeschlagen, der hat von großem Glück zu sagen.” Dieses Sprichwort war unter Studenten auch noch in den 1790er Jahren aktuell. Die rund 900 Studenten fassende und (neben Halle und Göttingen) größte deutsche Universität Jena war in dieser Zeit eine Hochburg studentischer Verbindungen und ein Ort ständiger Studentenunruhen. Hier existierte eine Vielzahl studentischer Ordensverbindungen. Unter ihnen hatten sich Constantisten am stärksten entwickelt: Etwa jeder vierte Student war in dem Orden organisiert. Auch die Unitisten und die Harmonisten waren stark vertreten, der Amicistenorden schließlich war der mitgliederschwächste der vier Orden. 9 Im Juni 1792 kam es in Jena zu Studentenunruhen, an denen Ordensmitglieder wesentlichen Anteil hatten. Am 10. Juni 1792 zogen rund 80 Studenten mit dem Ruf „Pereat die Chokoladisten!” zu den Häusern des Prorektors Johann August Ulrich und des Studenten Cyriacos Polizo. Von letzterem vermutete man, er sei ein Spitzel der Universitätsleitung und der Anführer der so genannten „Chokoladisten“. Das war eine Gruppe reformwilliger Studenten, die das traditionelle Duellieren abschaffen und durch studentische Ehrengerichte ersetzen wollten. Daher erhielten sie von den Ordensleuten auch abfällig die Bezeichnung „Chokoladisten“, da sie die Konflikte nicht mit dem Degen, sondern lieber bei einer Tasse des
8 Da der Kurfürst von Bayern, Karl Theodor, auch Kurfürst der Pfalz war, waren von diesen Regelungen auch die beiden katholischen Universitäten Ingolstadt (Bayern) und Heidelberg (Pfalz) betroffen. Vgl. Schweigard, 2000, (wie Anm. 1) S.213-215.
9 Riederer, Jens: Die Jenaer Konstantisten und andere Studentenorden an der Universität Jena im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Eine statistische Untersuchung. In: Bauer, Joachim / Riederer, Jens (Hg.): Zwischen
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