„Fürsten auf erhabnen Thronen sind nicht glücklicher als
wir“
Über die politische Haltung deutscher Studentenorden während der Französischen
Revolution
1. Einleitung 2
2. Die Orden im universitären Verbindungswesen 3
2.1. Die „nationes“ und die Landsmannschaften 3
2.2. Die Orden 3
3. Politisierung der Orden 5
4. Ordensmitglieder, Reformer und ein politischer Klub: Jena 1792/93 6
5. Prorevolutionäre Constantisten an der Universität Erlangen (1794) 12
6. Fichtes Plan zur Auflösung der Orden: Jena 1794/95 14
7. „Laßt uns aufstehen...“ - Die Constantisten in Marburg, Würzburg und
Heidelberg 1798-1800 18
8. Die politische Haltung der Orden während der Französischen Revolution 22
1. Einleitung
Lange Zeit ging die Historiographie davon aus, dass eine nennenswerte
Politisierung der deutschen Studenten erst mit den antinapoleonischen
Befreiungskriegen einsetzte. Doch die jüngere Forschung hat inzwischen eine
lange Zeit unbekannte Politisierung und Revolutionsbegeisterung deutscher
Studenten bereits während der Französischen Revolution nachgewiesen.1 Die
Revolutionierung stand ganz im Zeichen deutsch-französischer Fraternité und war
anders als bei den späteren Burschenschaften noch frei von national-deutschem
Gedankengut. Diese Studie geht der Frage nach, inwieweit die größten
Studentenverbindungen der 1790er Jahre, die nach freimaurerischen Prinzipien
organisierten Orden, an dieser Studentenbewegung ihren Anteil hatten. Anhand
ausgewählter deutscher Universitäten soll untersucht werden, inwieweit die
Studentenorden die dominierende Verbindung und Träger dieses politischen
Gedankenguts waren und ob die Vehemenz, mit der die Landesregierungen sie
insbesondere seit dem Regensburger Reichstagsbeschluß von 1793 verfolgen ließen,
auch tatsächlich ihrem politischen Gewicht innerhalb der ersten deutschen
Studentenbewegung entsprach.
2. Die Orden im universitären Verbindungswesen
2.1. Die „nationes“ und die Landsmannschaften
Das Phänomen studentischer Verbindungsformen reicht bis zu den ersten
mittelalterlichen Universitäten wie Bologna oder Paris zurück. Schon damals
schlossen sich die Studenten und Professoren nach landsmannschaftlicher
Gliederung in den sogenannten „nationes“ zusammen. Sie waren Bestandteil der
Universitätsverfassung und damit verpflichtende Mitgliedschaften. Die späteren
Landsmannschaften hingegen waren private Zusammenschlüsse von Studierenden,
deren Existenz nicht mehr in der Universitätsverfassung geregelt war. Im 18.
Jahrhundert tummelten sich an den Hochschulen Landsmannschaften wie die
Mosellaner, Elsäßer, Holsteiner, Mecklenburger und viele andere mehr, wobei man
geographisch recht großzügig war, so daß sich etwa badische Studenten auch den
Elsäßern anschließen konnten.
Die Funktion der Landsmannschaften bestand in erster Linie darin, ihren
Mitgliedern Schutz gegen Bedrohungen von außen und Unterstützung in Notfällen
wie Krankheit oder Armut zu gewähren. Auch Motive wie das Einleben oder die
Geselligkeit in der fremden Stadt und an der Universität spielten eine Rolle.
An den protestantischen Universitäten im Deutschen Reich existierten
Landsmannschaften vom frühen 16. Jahrhundert an. An den katholischen
Universitäten hingegen kamen sie - wenn überhaupt - erst im späten 18.
Jahrhundert auf.
2.2. Die Orden
Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts entstand mit den Studentenorden
neben den Landsmannschaften ein neuer Verbindungstyp. Die Orden waren stark von
der Aufklärung und freimaurerischen Idealen beeinflußt. Mit den Freimaurern
hatten sie auch geheime Rituale, Aufnahmezeremonien und Erkennungsmerkmale
(Geheimzeichen, symbolische Zahlen) gemein. Die größten Orden, die zeitweise an
fast allen Universitäten existierten, waren die Constantisten, Amicisten,
Harmonisten und Unitisten. Der Organsisationsgrad unterschied sich stark von
Hochschule zu Hochschule. Der Anteil der in Orden organisierten Studenten
schwankte zum Beispiel bei den Universitäten Jena, Göttingen, Erlangen,
Helmstädt und Frankfurt/Oder für die 1790er Jahre zwischen 10 und 35 Prozent.2
Die Orden konkurrierten untereinander und mit den Landsmannschaften um
Mitglieder. Mit ihren Bruderlogen an anderen Universitäten waren sie oft eng
verbunden. In diesem überregionalen Ansatz glichen die Orden ebenfalls den
Freimaurerlogen. Anders als Landsmannschaften waren die Orden jedoch geheime
Bünde, nahmen jeden willigen Studenten als Mitglied auf und versprachen
Freundschaft auf Lebenszeit, also über die Dauer des Studiums hinaus.
Ihre Mitglieder rekrutierten die Orden teilweise aus den Landsmannschaften, oder
sie bestanden sogar als Geheimbünde innerhalb der Landsmannschaften, was
Auseinandersetzungen zwischen Anhängern beider Verbindungsformen zur Folge
hatte. Allerdings lassen sich die Verhältnisse nicht verallgemeinern. Besonders
über die Verbindungen an den kleineren Universitäten weiß man noch wenig. Ihren
Höhepunkt erlebten die Studentenorden zwischen 1780 und 1790. In der
Ordenshochburg Jena waren zu dieser Zeit rund zehn Prozent der Studenten in
Orden organisiert. Die Ordensstudenten blieben innerhalb der Studentenschaft
immer eine Minderheit, gaben aber mit ihren Aktivitäten den Ton an.
Die Orden waren in der Regel als organisierte geheime Verbindung an den
Hochschulen verboten. Die aufgedeckte Mitgliedschaft eines Studenten zog eine
Strafe nach sich. Sofern die Behörden überhaupt zwischen den Verbindungsformen
unterschieden, stuften sie die Landsmannschaften gegenüber den Orden als
harmloser ein und verboten sie nicht.3 Die Motive für die Bekämpfung von
Studentenverbindungen waren unterschiedlich. Die Behörden schrieben ihnen einen
Anteil am Sittenverfall, Müßiggang, Zeit- und Geldverlust und Konfliktpotential
unter den Studenten zu. Nach Ausbruch der Französischen Revolution kamen
politische Aspekte hinzu.
Ein Student, der in den 1790er Jahren eine große deutsche Universität wie Jena
oder Halle bezog, konnte sich folglich zwischen diesen beiden
Organisationsformen – Orden und Landsmannschaften – entscheiden. Es gab jedoch
noch weitere Formen von Zusammenschlüssen, wie Lese- oder Freundschaftszirkel
oder auch politische Klubs. Nach 1790 hatten die Orden mit dem „politischen
Klub” als einer weiteren studentischen Organisation zu rechnen. Solche Klubs
entstanden unter dem Einfluß der Französischen Revolution. Sie übernahmen das
Prinzip der freien, geheimen Mitgliedschaft von den Orden; ihre Mitglieder
bekannten sich aber nun ausdrücklich zu allgemeinpolitischen (revolutionären)
Zielen. Auch diese Studentenklubs wurden von der Obrigkeit verfolgt, weshalb sie
sich des Öfteren als akademische Lesegesellschaften tarnten.4
3. Politisierung der Orden
Die Untersuchung leitet die Frage, inwieweit die Orden von der Französischen
Revolution beeinflußt waren. Betrachtet man die Ordensgesetze, an die sich jedes
Mitglied zu halten hatte, so gibt es darin vereinzelt Paragraphen, die politisch
zu verstehen sind. So stand etwa in den „allgemeinen Brudergesetzen“ der Jenaer
Amicisten aus dem Jahr 1794:
„§ 17 Schütze die menschliche Freiheit und verfolge den, der sie zu unterdrücken sucht, mit dem Schwerte der Wahrheit [...] §18 Schütze den Verfolgten und Unterdrückten, biete dem schändlichen Verfolger die Stirn [...] §19 Krieche vor niemand, sonst erstickt dein Herz, wenn es sich in Knechtgefühl seiner Unterwürfigkeit vor dem Staube eines Herrn sich beugt.“5
Unabhängig von der tatsächlichen Politisierung faßten die Regierungen
besonders nach 1789 schon allein die Existenz eines geheimen Ordens als ein
Politikum auf und drohten Strafen an. Mit eigenen Gesetzen versehen, frei von
gesellschaftlichen oder konfessionellen Schranken, stellten die studentischen
Verbindungen ebenso wie die bürgerlichen „geheimen Gesellschaften“ einen „Staat
im Staate“ dar.
Das Attribut „geheim“ war im 18. Jahrhundert komplementär zum absolutistisch
monopolisierten Begriff der „Öffentlichkeit“ gemeint. Wegen des staatlichen
Monopolanspruchs auf Öffentlichkeit wurden etwa auch die staatlich lizensierten
Freimaurer als „geheim“ im Sinne von „privat“ bezeichnet.6
Der Weimarer Herzog Karl August initiierte eine Übereinkunft der
protestantischen und katholischen Reichsstände zum künftigen Umgang mit den
studentischen Verbindungen.7 Grundlage der Übereinkunft wurde der Vorschlag des
preußischen Gesandten, Mitglieder studentischer Verbindungen zu relegieren und
dies anderen Universitäten mitzuteilen, um einen Universitätswechsel
auszuschließen.
[...]
1 Hier eine Auswahl der jüngsten Forschungsarbeiten: Kuhn, Axel / Schweigard,
Jörg: Freiheit oder Tod! Die deutsche Studentenbewegung zur Zeit der
Französischen Revolution. (Stuttgarter Historische Forschungen 2) Köln u.a.
2005; Schweigard, Jörg: Die Liebe zur Freiheit ruft uns an den Rhein.
Aufklärung, Reform und Revolution in Mainz. Gernsbach 2005. Schweigard, Jörg: „Sansculotten
auf deutschem Grund und Boden“. Politische Symbolik deutscher Studenten zur Zeit
der Französischen Revolution (1789-1800). In: Zeitschrift für Internationale
Freimaurer-Forschung, 5. Jg., Heft 9, 2003, S.11-40; Schweigard, Jörg:
Aufklärung und Revolutionsbegeisterung. Die katholischen Universitäten in Mainz,
Heidelberg und Würzburg im Zeitalter der Französischen Revolution
(1789-1792/93-1803). („Schriftenreihe der Internationalen Forschungsstelle
´Demokratische Bewegungen in Mitteleuropa 1770-1850´“, Bd. 29) Frankfurt am Main
u.a. 2000; Kuhn, Axel: Von der deutsch-französischen Verbrüderung zur
Franzosenfeindschaft. Die Jenaer Studentenbewegung zwischen 1789 und 1817. In:
Florack, Ruth (Hg.): Fremdwahrnehmung und Identität in deutscher und
französischer Literatur. (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur,
76) Tübingen 2000.
2 Vgl. Hardtwig, Wolfgang: Studentenschaft und Aufklärung: Landsmannschaften und
Studentenorden in Deutschland im 18. Jahrhundert. In: Etienne Francois (Hg.):
Sociabilité et Societé. Bourgeoise en France, en Allemagne, en Suisse. Paris
1986, S.239-259 ; hier S.244.
3 Die Landsmannschaften wurden erst verboten, wenn sie feste Strukturen
aufwiesen und als Verbindung faßbar waren. Vgl. z. B. für die Göttinger
Verhältnisse Brüdermann, Stefan: Göttinger Studenten und akademische
Gerichtsbarkeit im 18. Jahrhundert. (Göttinger Universitätsschriften: Serie A,
Schriften; Bd.15) Göttingen 1990, S.217f.
4 Zum Beispiel 1792 der „Zumbachsche Lesezirkel“ in Mainz. Vgl. Schweigard,
2000, (wie Anm.1.) S.164f.
5 Zit. nach Fabricius, Wilh.[elm]: Die Studentenorden und ihr Verhältnis zu den
gleichzeitigen Landsmannschaften. Ein kulturgeschichtlicher Versuch. Jena 1891,
S.53.
6 Vgl. Bieberstein, Johannes Rogalla von: Geheime Gesellschaften als Vorläufer
politischer Parteien. In: Geheime Gesellschaften. Hg. v. Peter Christian Ludz.
Heidelberg 1979, S.429-460; hier S.433f.
7 Auslöser für die Initiative waren die Jenaer Unruhen vom 10. Juni 1792, auf
die ich unten noch eingehe. Vgl. Götze, Otto: Die Jenaer akademischen Logen und
Studentenorden des XVIII. Jahrhunderts. Jena 1932, S.164. Zur Tätigkeit des
Regensburger Reichstags in den Jahren 1792-95 vgl. die Arbeit von Schick,
Johannes: Der Reichstag zu Regensburg im Zeitalter des Baseler Friedens
1792-1795. Diss. phil. Bonn. Dillingen/Donau 1931.
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