1 Einleitung
Das Lesen gilt als eine Schlüsselqualifikation, die zur Teilnahme am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben befähigt und somit unverzichtbar ist. Auch die Kompetenzerfassungstudie PISA zählt die Lesebefähigung zu einer der Basiskompetenzen und definiert, dass der Erwerb der Lesepraxis in der sozialen Umgebung stattfindet. Dazu gehört vor allem der familiale Kontext, „[...] in [dem] das Lesen zum selbstverständlichen Anteil der sozialen Wirklichkeit werden muss [...]“ 1 . Die Prozesse zur Lesesozialisation vollziehen sich bereits weit vor dem Schuleintritt des Kindes im familialen Zusammenhang. Bevor die bedeutenden Dimensionen und Einflussfaktoren der Lesesozialisation innerhalb der Familie betrachtet werden, sollte geklärt werden, dass ´Lesesozialisation´ „[...] den Prozess der Aneignung und Vermittlung von Kompetenzen zur Rezeption und Verarbeitung von Texten aller Art [bezeichnet].“ 2 Die primäre Lesesozialisation bereitet den Weg für das spätere Leseverhalten eines Kindes. Sie weckt das Empfinden für die Notwendigkeit und Bedeutung des Lesens. Ob ein Kind sich neben dem Erwerb der Lesefähigkeit zu einem habituellen Leser entwickelt, hängt sowohl von gesamtgesellschaftlichen als auch besonders von individuellen Faktoren ab. In der vorliegenden Arbeit gilt es, die Rolle der Familie im Prozess der Lesesozialisation zu skizzieren; ich werde mich dabei insbesondere auf die Ergebnisse von Bettina Hurrelmanns Studie zum „Leseklima in der Familie“ 3 stützen.
2 Bedeutende Dimensionen und Einflussfaktoren für die
Lesesozialisation innerhalb der Familie
2.1 Vorbildfunktion und Leseverhalten des Elternhauses
Im Allgemeinen sind die Eltern die ersten Bezugspersonen im Alltag eines Kindes. Die Familie übt großen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes durch Erziehung, Umgang etc.
1 PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. In: Baumert, Jürgen (Hrsg.): Deutsches PISA-Konsortium. Opladen 2001, S. 133.
2 Payrhuber, Franz-Josef, Mechthild Dehn, Gudrun Schulz und Kaspar H. Spinner: Lesesozialisation, Literaturunterricht und Leseförderung in der Schule. In: Franzmann, Bodo et al. (Hrsg.): Handbuch Lesen. Hohengehren 2001, S. 568.
3 Hurrelmann, Bettina, Michael Hammer und Ferdinand Nieß: Lesesozialisation. Band 1: Leseklima in der Familie. Gütersloh 1993.
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aus. Somit ist das Elternhaus auch von elementarer Bedeutung für den Aufbau einer Lesebiographie des Kindes, da schon weit vor Schuleintritt erste Einflüsse auf die Leseentwicklung stattfinden.
Bettina Hurrelmann nimmt in ihrer Studie zum „Leseklima in der Familie“ 4 an, dass „Kinder [...] zunächst einmal durch Beobachtung und Koorientierung [erfahren], welchen Wert das Buch für seine Leser hat.“ 5 Des Weiteren betont sie, dass dieses Faktum spezifisch für die Buchlektüre gilt, die elterliche Beschäftigung mit Zeitungen und Zeitschriften ist nicht ausschlaggebend für die Leseentwicklung von Kindern 6 .
Das Elternhaus gibt den Kindern den allgemeinen Rahmen für Medienkonsummöglichkeiten vor. Wenn Bücher ein selbstverständlicher Bestandteil des Haushaltes sind und auch aktiv genutzt werden, schlägt sich dies positiv auf die Leseentwicklung des Kindes nieder. Hierbei ist es jedoch wichtig zu beachten, dass die Einstellung der Eltern zur Leseentwicklung des Kindes deckungsgleich mit der eigenen Haltung zum Lesen sein soll 7 . Da die Familie als wichtiges Lesevorbild gilt, sollte das Kind erfahren, dass das Lesen eines Buches ein regelmäßiger Bestandteil des Zusammenlebens ist 8 . In Bettina Hurrelmanns Studie zum „Leseklima in der Familie“ wird des Weiteren erwiesen, dass es für den erfolgreichen Aufbau einer Lesebiographie von zentraler Wichtigkeit ist, dass Kinder das Lesen eines Buches als Belohnung und als persönlichen Gewinn ansehen. Dieses Verhalten wird ebenso durch die Orientierung am Verhalten der Eltern von den Kindern übernommen. Im Gegensatz dazu wird das Lesen von Eltern häufig unter dem Aspekt des Leistungsanspruches forciert, jedoch nimmt das Kind seine Eltern nicht als habituell lesend wahr. Eine derart widersprüchliche Haltung vonseiten der Eltern wirkt sich nachteilig auf das Leseverhalten des Kindes aus. Dieses Phänomen tritt verstärkt in sozioökonomisch niederer gestellten Familien auf 9 . Es ist demnach von großer Bedeutung, dass die Eltern auch in diesem Punkt ihren Kindern ein positives Vorbild sind und vermeiden, etwas zu verlangen, das sie selbst nicht vorleben. Besonders die Mutter gilt als die zentrale Bezugsperson für die Leseentwicklung eines Heranwachsenden, der Vater hat im Gegensatz dazu kaum Einfluss 10 . Die Studie zum
4 Hurrelmann, Bettina, Michael Hammer und Ferdinand Nieß: Lesesozialisation. Band 1: Leseklima in der Familie. Gütersloh 1993.
5 Hurrelmann, Bettina: Lesesozialisation in der Familie. In: Praxis Deutsch, 21 (1994) 123, S. 7.
6 vgl. ebd., S. 7.
7 Vgl. Hurrelmann, Bettina: Leseförderung. In: Praxis Deutsch, 21 (1994) 127, S. 23 8 vgl. Bucher, Priska: Leseverhalten und Leseförderung. Zur Rolle von Schule, Familie und Bibliothek im Medienalltag Heranwachsender. Zürich 2004, S. 48 9 vgl. Hurrelmann, Bettina: Lesesozialisation in der Familie. In: Praxis Deutsch, 21 (1994) 123, S. 7. 10 Vgl. http://www.lesen-in-deutschland.de/html/content.php?object=journal&lid=579
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„Leseklima in der Familie“ hat erwiesen, dass Mütter im Durchschnitt die intensiveren Leserinnen als Väter sind 11 . Sowohl die Lesedauer als auch die Lesehäufigkeit der Mütter ist ausschlaggebend für die Lesebegeisterung ihrer Kinder 12 . Es hat sich herausgestellt, dass Mütter ihre eigenen Leseinteressen denen ihrer Kinder anpassen, deren Lesefreude auch sehr präzise einschätzen können und sich regelmäßig mit ihren Kindern über Gelesenes austauschen. Letzteres trifft laut Bettina Hurrelmanns Studie nur für ¼ der Väter zu 13 . „Bedeutsam ist, daß sich tendenziell das Leseprofil, das die Erwachsenen von sich selbst zu erkennen geben, in der Wahrnehmung der Kinder widerspiegelt. Dies spricht für eine wechselseitige Beeinflussung, insbesondere aber für die Annahme, daß den Erwachsenen – besonders der Mutter – die Rolle des Lesevorbildes für die Kinder zukommt [...]“ 14 .
2.2 Soziale Einbindung der Buchlektüre
Die Integration des Lesens in den familiären Alltag ist von zentraler Bedeutung für die Leseentwicklung von Kindern. Bettina Hurrelmann betont, dass sich eine positive Konnotation zum Lesen in erheblichem Maße durch die soziale Integration der Lesetätigkeit aufbaut 15 .
Noch weit bevor Kinder selbst das Lesen erlernen, setzt die Leseentwicklung ein. Der Grundstein dafür wird bereits während der ersten Lebensjahre mit der Sprachentwicklung gelegt. Das Bewusstsein für Sprache ist grundlegend für den Aufbau einer Lesebiografie und kann von den Eltern durch „prä- und paraliterarische[..] Kommunikation’ wie z. B. Erzählen, Vorlesen, Liedersingen und Gedichte lernen, Sprachspiele machen etc.“ 16 auf spielerische Weise gefördert werden.
Wie bereits erwähnt, orientieren sich Kinder in hohem Maße an dem Verhalten ihrer Eltern. Wird das Lesen also als gemeinschaftliche Tätigkeit und als Kommunikationsanlass praktiziert, wirkt sich dies positiv auf die Entfaltung der Lesetätigkeit des Kindes aus. Die soziale Einbindung des Lesens in den Familienalltag umfasst zum einen die Entwicklung eines gemeinsamen Leseverhaltens und den kommunikativen Austausch über das Gelesene.
11 vgl. Hurrelmann, Bettina, Michael Hammer und Ferdinand Nieß: Lesesozialisation. Band 1: Leseklima in der Familie. Gütersloh 1993, S. 38.
12 Ebd.
13 vgl. ebd., S. 39.
14 Ebd., S. 34.
15 Ebd., S. 38.
16 http://www.bildungspartner.nrw.de/fachthema/publikationen/podiumhurrelmann.pdf
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Katharina Mauck, 2006, Lesesozialisation in der Familie, Munich, GRIN Publishing GmbH
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