Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Soziologie
Seminar: Sozialraum Stadt, Wintersemester 2006/2007
Devianz in "Problemvierteln"
von
Jessica Götz
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung... 1
2 Deviantes Verhalten... 2
3 Wohnraum als Ressource... 5
4 Segregation in (Groß-)Städten... 7
5 Leben in Problemvierteln... 9
6 Jugendliche in Problemvierteln... 13
7 Schluss... 17
8 Literaturverzeichnis... 21
1 Einleitung
Die Schlagzeilen scheinen sich in den letzten Wochen und Monaten dramatisch zu häufen, regelmäßig liest man von den scheinbar immer unberechenbareren Verhaltenweisen der Jugendlichen: von Vandalismus, Drogenkonsum, Missbrauch und groben Körperverletzungen innerhalb und außerhalb Schulen; Gewalt die die Schüler sich gegenseitig oder gar den Lehrern zufügen. Es wirkt abgebrüht und bedenkenswert, wenn berichtet wird, wie viele dieser Taten auch noch durch die moderne Technik auf dem Handy mitgefilmt und anschließend stolz anderen Jugendlichen gezeigt oder sogar ins Internet gestellt werden. Es fällt auf, dass sich diese Zwischenfälle anscheinend in bestimmten „Problemvierteln“ zu häufen scheinen und dort der Radikalität auch scheinbar keine Grenzen zu setzen sind; selbst im Klassenraum sind die Schüler teilweise nicht mehr sicher: „Einer der Täter hatte an der Tür eines Unterrichtsraums nachgefragt, ob der 16- Jährige anwesend sei. Als dies bejaht wurde, stürmten sechs bis acht Jugendliche den Physikraum. Die (...) Angreifer drängten die Schüler und den Lehrer beiseite, schlugen auf sie ein (...). Der 16-Jährige flüchtete in einen Nebenraum, wurde dort aber von den Tätern gestellt. Sie stachen ihm mehrfach ins Gesäß.“ (http://www.focus.de/schule/jugendgewalt_nid_39428.html)
Der geschilderte Fall ereignete sich in Berlin-Kreuzberg, ein Bezirk, der immer häufiger bei Berichterstattungen über Jugendkriminalität und auch besonders in Hinblick auf Gewalt an Schulen auftaucht. Teilweise hat man den Eindruck, dass Vergehen, die dort und in bestimmten anderen Gebieten verübt werden, in der öffentlichen Meinung mittlerweile schon fast zum Alltag gehören und als einfach nun einmal gegeben wahrgenommen werden, während Zwischenfälle von und mit devianten Jugendlichen in anderen Städten oder Stadtvierteln teils große Wellen nach sich zu ziehen scheinen (zum Beispiel eine Diskussion um ein Verbot von gewaltverherrlichenden Computerspielen oder eine stärkere Kontrolle der Waffenabgabe nach dem Amoklauf von Erfurt oder Emsdetten). Von daher möchte ich mich in der vorliegenden Hausarbeit mit der Frage beschäftigen, wie es zu Devianz kommt, und ob und wieso deviantes Verhalten von Kindern und Jugendlichen direkt und indirekt durch wohnliche Faktoren beeinflusst und geprägt werden kann.
2 Deviantes Verhalten
Im Allgemeinen versteht man unter Devianz zunächst einmal jede Form von abweichendem Verhalten, hierbei kann es sich um verhältnismäßig kleine „Kavaliersdelikte“ wie Schuleschwänzen oder eine Geschwindigkeitsübertretung beim Autofahren handeln; sie kann jedoch genauso einen Drogenmissbrauch oder Kriminalität beschreiben. Abweichung bedeutet in jedem Fall Abweichung von einer bestimmten Verhaltenserwartung – einer Verhaltensnorm. Die Einhaltung dieser Normen wird im Alltag normalerweise durch die so genannte soziale Kontrolle gewährleistet – fehlt sie, können abweichende und in einer Gesellschaft normalerweise nicht erwünschte oder geduldete Verhaltensweisen gedeihen. Der Sinn hinter der sozialen Kontrolle und den gesellschaftlichen Normen ist die Schaffung einer gewissen Sicherheit und Konstanz – so muss man seine Rollen, sozialen Positionen oder seinen Status nicht täglich neu aushandeln, sondern kann sich darauf verlassen, dass sich gewisse Ansichten oder Verhaltensweisen der Mitmenschen nicht so schnell verändern. Es wird also eine gewisse Sicherheit geboten, die von der Mehrheit als erhaltenswert angesehen und dementsprechend „bewacht“ wird. Das Besondere an der sozialen Kontrolle ist die Tatsache, dass sie abweichendes Verhalten sanktioniert und somit regelkonformes Verhalten fördert und durch das Ausbleiben von Sanktionen sozusagen „belohnt“ - wer sich an die Normen hält, dem werden also Vorteile eingeräumt (zum Beispiel eine ausbleibende Sanktion). Durch gewisse Verhaltensgrundregeln für alle soll ein Fortbestand des Gesellschaftskonstrukts gewährleistet werden, durch mahnende Sanktionen eine Riskierung dieser gesellschaftlichen Stabilität verdeutlicht werden. So sieht man auch in der Literatur „Normen als institutionell typisierte Handlungen, die eine gesollte Verhaltensgleichförmigkeit sicherstellen sollen. Diese unterscheiden sich dadurch von anderen Verhaltensgleichförmigkeiten, dass sie durch Sanktionsandrohungen überwacht werden. Damit soll verdeutlicht werden, dass das geforderte Verhalten auch in Zukunft Gültigkeit hat.“ (Lamnek 1994, S. 82) Durch Sanktionen wird also die Norm noch einmal bestätigt und ihre Wichtigkeit nachdrücklich verdeutlicht. Doch nicht jede Normüberschreitung wird gleich stark geahndet und geächtet.
Es ist von daher wichtig zwischen primärer und sekundärer Devianz zu unterscheiden: Während es bei der primären Devianz zu einem einmaligen beziehungsweise weniger schlimmen Überschreiten gewisser Richtlinien kommt (weil man zum Beispiel einen schlechten Tag hat und deshalb besonders unfreundlich ist), welches keine Konsequenzen auf das gesellschaftliche Ansehen oder sonstige längerfristigen Folgen für den Abweichler nach sich zieht, beschreibt die sekundäre Devianz eine Form der Abweichung, welche den Lebensstil des so genannten Delinquenten maßgeblich prägt, und ihn dadurch in eine Außenseiterrolle in der Gesellschaft drängt (zum Beispiel bei Alkoholikern). Auf ebendiese, nachhaltig das Leben bestimmende Form der Normabweichung beziehungsweise der durchgehenden Nicht-Erfüllung normativer Erwartungen möchte ich mich im Folgenden konzentrieren. Doch wie werden diese Normen überhaupt vermittelt? Die „Regeln“, wie man sich in der Gesellschaft zu verhalten hat, bekommt man zum Einen direkt durch die Erziehung beigebracht und erlernt man zum Anderen aber auch sozusagen nebenbei durch Sozialisationsprozesse im Alltag (beispielsweise durch Imitation von Verhaltensweisen). Somit scheint es problematisch, wenn in einem bestimmten räumlichen Gebiet die soziale Kontrolle erst einmal nachlässig wird und sich deviante Verhaltensweisen durchsetzen, die dann wiederum imitiert und damit weitergegeben werden. In solchen Vierteln, wo (eventuell auch durch divergierende Verhaltensvorstellungen, da die Bewohner aus unterschiedlichen kulturellen Kreisen kommen und von daher andere Normen und Ideale sozialisiert bekommen haben) mangelnde oder fehlende soziale Kontrolle erst einmal etabliert ist, scheint es nur natürlich, dass nachfolgende Generationen und insbesondere Jugendliche, die sich noch zu einem extrem hohen Grad an ihrer Umwelt orientieren, da ihnen eigene Erfahrungen fehlen, ein massiv gestörtes Normen- und Wertesystem aufweisen und sich eben nicht an die „gängigen“ Normen halten – also deviantes Verhalten aufweisen wie Diebstahl, Schule schwänzen, Gewalt, Kriminalität etc. Dabei scheint auch das radikale Ausmaß immer stärker zu werden: „Noch vor zehn Jahren (...) hätten Jugendliche von einem Unterlegenen abgelassen, der aus der Nase geblutet oder eindeutig ‚Ergebungszeichen’ gegeben habe. (...) Heute ist das der Startschuß seinen Gegner fertig zu machen.“ (Sauerland 1995, S. 26)
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Arbeit zitieren:
Jessica Götz, 2007, Devianz in "Problemvierteln", München, GRIN Verlag GmbH
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