Danksagung
Ich möchte mich sehr herzlich für die Unterstützung in Form von Lektüre und Kritik während des Schreibprozesses bei folgenden Personen bedanken:
Ilse und Heribert Schulz
Ferner danke ich Anja Hege und Dr. Erich Reisen für die Korrektur des Manuskripts sowie Melanie Terlinden für die Mitwirkung am Layout.
Ebenso wichtig ist für mich meine Nichte Laura, die mir immer wieder vor Augen führt, daß die Menschheit vielleicht doch noch nicht verloren ist.
Mein besonderer Dank gilt Prof. Dr. Gunter E. Grimm für die Betreuung meiner Arbeit und die zahlreichen Gespräche und Anregungen. Neukirchen, im Herbst 2004 Markus Schulz
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Inhaltsverzeichnis
INHALTSVERZEICHNIS...................................................................................................... 4
I EINLEITUNG 7
1. Ziel und Inhalt 7
2. Forschungsstand 12
II ZUR GESCHICHTE UND THEORIE DER ZIVILISATIONSKRITIK SEIT DEM
18. JAHRHUNDERT EIN ÜBERBLICK 16
1. Die Anfänge der Zivilisationskritik im 18 Jahrhundert: Rousseaus politische
Philosophie 16
2. Das 19 Jahrhundert: Zivilisationskritische Tendenzen bei Nietzsche 21
3. Zivilisationskritische Positionen in Deutschland im 20 Jahrhundert 25
3.1 Konservative Zeitkritik zwischen Kaiserreich und Diktatur 25
3.1.1 Thomas Manns frühe essayistische Arbeiten 27
3.1.2 Oswald Spengler und Ernst Jünger 30
3.1.3 Der George-Kreis 37
3.1.4 Walther Rathenau 40
3.2 Die Nachkriegsphase von 1945 bis 1968 42
3.2.1 Ernst Jünger und Georg Lukács 43
3.3 Der Westen als Mensch und Natur fressendes Monstrum Zivilisationskritische
Strömungen von 1970 bis zur Gegenwart 46
3.3.1 Günther Anders 48
3.3.2 Carl Friedrich von Weizsäcker 50
III GÜNTER GRASS ZIVILISATIONSKRITIK: ERFAHRUNGEN UND
AUSEINANDERSETZUNGEN 54
1. Grass und sein Selbstverständnis als Schriftsteller und Bürger 54
4
1.1. Die literarischen und politischen Vorbilder 55
1.2 Die Kernbegriffe Zeitgenossenschaft und Widerstand 66
1.3. Die Selbstdefinition: Bin ich nun Schreiber oder Zeichner 71
2. Biographische Bezüge und persönliche Erfahrungen 74
2.1 Grass und Indien oder Vasco kehrt wieder 74
2.2 Ein Dichter in Kalkutta: Zunge zeigen 80
2.2.1 Der Prosatext 81
2.2.2 Die Zeichnungen 86
3. Grass theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema Zivilisationskritik in
seinem Spätwerk 92
3.1 Wo steht Grass Versuch einer Einordnung 100
IV DIE KÜNSTLERISCH-LITERARISCHE VERARBEITUNG IM PROSAWERK 115
1. Indien Tschernobyl und der atomare Holocaust Die 80er Jahre 115
1.1. Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus 116
1.1.1 Globale Problemfelder und Zukunftsprognosen 120
1.1.2 Die innerdeutsche Komponente 129
1.2 Die Rättin 133
1.2.1 Grass zeitgeschichtliche Intention und die Rezeption des Werkes 133
1.2.2 Die zivilisationskritischen Handlungsstränge 138
1.2.2.1 Historischer Abriß des selbstverschuldeten Untergangs der Menschheit erzählt aus
der Perspektive der Ratten 138
1.2.2.2 Die Gegenfigur zur apokalyptischen Ratte oder Oskar Matzeraths Rückkehr als
Medienmogul......................................................................................................................................147
1.2.2.3 Die Emanzipation der Frauen und das Scheitern der matriarchalischen
Utopie Vineta 151
1.2.2.4 Die Zerstörung der Natur und die Vernichtung der geistig- moralischen Identität
des Menschen veranschaulicht am Märchenkomplex 158
1.2.3 Die Apokalypse: Grass Prophezeiungen für die menschliche Zivilisation 164
2. Waldsterben Wiedervereinigung und Globalisierung Die 90er Jahre 170
2.1 Totes Holz 171
2.2 Unkenrufe 179
5
2.2.1 Die Reflexion der historischen Vertriebenenproblematik verdeutlicht am deutsch-
polnischen Verhältnis in der Gegenwart 181
2.2.2 Die Folgen der deutschen Einheit: Die unblutige kapitalistische Landnahme in Polen 186
2.2.3 Das florierende Rikschaunternehmen oder die Dritte Welt als ungeahnter Ideenpool
für neue globale Lösungen 190
2.3 Mein Jahrhundert 194
V SCHLUßBETRACHTUNGEN 203
1. Zusammenfassung 203
2. Ausblick 206
VI ANHÄNGE 209
VII BIBLIOGRAPHIE 215
1. Primärliteratur 215
1.1. Werkausgabe (in der Arbeit zitierte Werke) 215
1.2 Buchveröffentlichungen außerhalb der Werkausgabe 215
1.3 Essays und Reden 216
1.4. Gespräche 222
1.5 Sonstige 226
2. Sekundärliteratur 226
2.1 Sammelbände 226
2.2 Einzeluntersuchungen 227
2.3 Literatur Werke zur Zivilisationskritik 237
2.4 Sonstige Hilfsmittel 244
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„Es gibt nichts Journalistischeres als den Titel Die letzten Tage der Menschheit.“ 1
aus: Martin Walser Tod eines Kritikers
I. Einleitung
1. Ziel und Inhalt
Günter Grass verarbeitet in den 80er Jahren die diversen Möglichkeiten eines plötzlichen Untergangs der Menschheit bzw. deren langsame Vernichtung durch Überbevölkerung, ökologische Zerstörung und atomare Hochrüstung. Folgerichtig wendet sich der Autor verstärkt globalen Themen zu, die über die deutsch-deutsche Komponente seiner frühen Werke weit hinausgehen. Der Autor reagiert auf diese ‚Krise der Zivilisation‘ mit einer politischen Radikalisierung und einer verstärkten thematischen Verarbeitung zeitkritischer Anliegen in seinen literarischen Werken. Als Reaktion auf den NATO-Doppelbeschluß im Dezember 1979 formuliert Grass in seiner Rede Die Vernichtung der Menschheit hat begonnen, anläßlich der Verleihung des Feltrinelli-Preises in Rom 1982, eine direkte Todesprophezeiung für die menschliche Zivilisation. Die bestehenden politischen Systeme können nach Grass‘ Auffassung die katastrophalen Zustände als Folge von Hunger, Umweltverschmutzung und Hochrüstung nicht mehr bewältigen. Weder Kapitalismus noch Kommunismus bieten adäquate Lösungsansätze für die prognostizierte globale Katastrophe. Dementsprechend verwirft Grass auch in den Kopfgeburten sein Bild von der Schnecke als Sinnbild des Fortschritts der 70er Jahre und ersetzt es durch Camus‘ Sisyphos-Mythos. In den Kopfgeburten (1980) wendet er sich wie schon im Butt-Kapitel Vasco kehrt wieder (1977) und später in Zunge zeigen (1988) dem Nord- Süd-Gefälle und den unmenschlichen Lebensbedingungen der Dritten-Welt- Bevölkerung zu. Dieser Themenkomplex spiegelt sich auch in den Handlungssträngen der Rättin (1986) wider. Darin entwirft Grass ein bedrohliches Szenario des Weltuntergangs, wobei er immer wieder auf die biblische Darstellung der Apokalypse verweist und in der mythischen Geschichte ein entsprechendes Erzählmuster sucht. Seit seinem 6-monatigen Aufenthalt in Kalkutta setzt sich Grass verstärkt zeichnerisch mit den Auswirkungen der globalen Umweltzerstörung 1 Walser, Martin: Tod eines Kritikers. Frankfurt a.M. 2002. S. 196 f.
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auseinander. In Totes Holz (1990) illustriert er später in Zeichnungen und Texten das Waldsterben in Mitteleuropa. Der Nachruf, ein Prosabericht am Ende des Buches, erläutert die Entstehungsorte der befremdenden Zeichnungen über das Waldsterben.
Anfang der 90er Jahre, nach der deutschen Wiedervereinigung, wendet sich Grass wieder innerdeutschen Themen zu, verliert allerdings den globalen Kontext nicht aus dem Blick. So findet man in der Erzählung Unkenrufe (1992) als Parallelfigur des Protagonisten Reschke den bengalischen Asylanten und Unternehmer Subhas Chandra Chatterjee, der in Gdansk einen erfolgreichen und innovativen Rikschaservice aufbaut und sein Unternehmen rasch zur Expansion führt. In dieser Nebenfigur bringt Grass seine These zum Ausdruck, daß die Zukunft der Menschheit nur in der übervölkerten Dritten Welt entschieden werden könne. Chatterjee wird als Vorbote einer zukünftigen Weltgesellschaft beschrieben, da die Dritte Welt ein ungeahntes Ideenpotential für neue gesellschaftliche Lösungen bereitstellt. In seiner Geschichtschronik Mein Jahrhundert (1999), mit der er sein literarisches Werk im 20. Jahrhundert abschließt, greift der Autor erneut die Kritikpunkte der 80er Jahre auf und wendet sich ebenso neuen Themen wie Asyldebatten und gentechnologischen Manipulationen zu.
In der vorliegenden Arbeit wird zunächst eine Werkauswahl vorgenommen, um den Zeitabschnitt ‚Spätwerk‘ genauer fixieren zu können. Die Untersuchung erstreckt sich daher größtenteils auf Primärtexte aus den Jahren 1980 bis heute. Die Sekundärtexte stammen ebenfalls mit wenigen Ausnahmen aus den 80er bzw. 90er Jahren, um eine aktuelle Betrachtungsweise gewährleisten zu können. Anhand von fünf Leitaspekten soll Grass‘ Zivilisationskritik deutlich gemacht werden. Als erstes Leitmotiv wird die Dritte Welt-Problematik beleuchtet. Dabei soll das Ost-West- Wohlstandsgefälle als ökonomische Folge der deutschen Wiedervereinigung ebenso betrachtet werden wie Grass‘ Verhältnis zu Indien und die Stellung des Menschen zur Ökonomie. Als weitere Leitaspekte werden die globale Umweltzerstörung, Werte und Moral, der atomare Holocaust sowie das weltweite Kriegstreiben zur weiteren Analyse des Spätwerks herangezogen.
Ein einleitender Überblick zur Geschichte und Theorie der Zivilisationskritik seit dem
18. Jahrhundert wird im II. Kapitel geliefert. Zunächst wird Rousseaus politische
Philosophie näher betrachtet, wobei frühe zivilisationskritische Diskurse in seinen Schriften herausgearbeitet werden. Explizit wird an dieser Stelle auf die Werke Émile
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und Der Gesellschaftsvertrag eingegangen. Friedrich Nietzsches Schriften und Abhandlungen werden anschließend stellvertretend für das 19. Jahrhundert untersucht. Primär werden hier Nietzsches Arbeiten zu gesellschaftlichen, politischen und moralischen Fragen berücksichtigt. Dabei erweisen sich zahlreiche Begriffe und Gedanken Nietzsches als grundlegend für die zeit- und zivilisationskritischen Arbeiten von Schriftstellern und Philosophen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Protagonisten der ‚Konservativen Revolution‘ gelegt. Zu ihnen zählten u. a. Persönlichkeiten wie Thomas Mann, Oswald Spengler, Ernst Jünger, Stefan George und die Mitglieder seines Kreises sowie der Großindustrielle und Schriftsteller Walther Rathenau. In Einzelanalysen werden diese Vertreter und ihre Werke, die sie während des Kaiserreichs bzw. in der Weimarer Republik publizierten, auf zivilisationskritische Haltungen und Tendenzen hin untersucht und kurz vorgestellt. Dazu zählen insbesondere die Themenkomplexe Technikfeindlichkeit, Vermassung der Großstädte, Naturkatastrophen und Kriegsgefahren.
In der Nachkriegsphase von 1945 bis 1968 vollzog sich ein Wandel im Bereich der Zivilisationskritik. Die Orientierung an der Siegermacht USA und das radikal propagierte antikommunistische Feindbild zog nun Kritik und Ablehnung nach sich. Als kritische Stimmen während dieser Periode werden der späte Ernst Jünger und Georg Lukács in die Betrachtungen dieser Zeitspanne einbezogen. In diesem Zusammenhang werden anschließend zivilisationskritische Strömungen von 1970 bis zur Gegenwart dargestellt, wobei ebenfalls gezielt auf den Begriff des ‚Antiamerikanismus‘ eingegangen wird, der den zivilisationskritischen Diskurs der letzten 30 Jahre in der Bundesrepublik deutlich geprägt hat. Exemplarisch für die Protagonisten der Zivilisationskritik der letzten Jahre werden der Antiatomaktivist Günther Anders und der Philosoph und Naturwissenschaftler Carl Friedrich von Weizsäcker bei der Betrachtung herausgestellt. Anders antizipiert in seinen Arbeiten den atomaren Holocaust, wohingegen v. Weizsäcker in seinen Werken die allgemeine Krise der Menschheit (Kriege, Naturzerstörung, Werteverlust) beklagt.
Im anschließenden III. Kapitel wird die Ideologie und das Selbstverständnis des Schriftstellers Günter Grass erläutert. Dabei werden Begriffe wie Bürger, Zeitgenossenschaft und Widerstand anhand von Primärquellen (Reden, Essays und Gespräche) konkretisiert. Diese tragen zu einem besseren Verständnis der nachfolgenden Analysen des Spätwerkes bei. Grass verweist dabei häufig auf Alfred
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Döblin und Arno Schmidt als literarische Vorbilder, die schon in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts zivilisationskritische Romane und Erzählungen verfassten. Als politische Vorbilder führt Grass vor allem die SPD-Politiker Eduard Bernstein und Willy Brandt an. In diesem Kapitel wird u. a. der Frage nachgegangen, weshalb die beiden Sozialdemokraten eine solch große Bedeutung in Grass‘ Leben und Werk gespielt haben. Auch Grass‘ Camus-Lektüre in den frühen 50er Jahren und seine Übernahme des Sisyphos-Motivs in den Werken Tagebuch einer Schnecke und Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus wird hier untersucht. Grass selbst verweist häufig auf seine Steinmetzlehre, die ihm die Basis seines literarischen Arbeitens vorgegeben habe. Wie er in seiner literarischen Arbeit mitunter auf verschiedenen Erzählebenen komplexe Zusammenhänge anlegt, arbeitet er sich auch durch diverse soziale und politische Zusammenhänge. Schriftstellerische und politische Tätigkeit vereinigen sich gleichsam in Grass‘ Auffassung vom ‚kritischen Bürger‘. Als Zeitgenosse bedient er sich bestimmter Inhalte, die der Auseinandersetzung und der Stellungnahme bedürfen. Die bereits erwähnten Begriffe ‚Zeitgenossenschaft‘ und ‚Widerstand‘ finden sich in zahlreichen Aufsätzen und Reden wieder. Unter ‚Widerstand‘ versteht Grass den provozierenden Zeitbezug seiner Themen. Als ‚Zeitgenosse‘ interessiert ihn, was die Zeitgeschichte an ihn heranträgt, weil er sich selbst als ‚Produkt‘ seiner Zeit versteht. Seit den Anfängen seines Schreibens hat sich Grass die Verpflichtung auferlegt sowohl die Erinnerung an Vergangenheit (wie zuletzt im Krebsgang) zu fördern als auch deren Bedeutung für Gegenwart und Zukunft aufzuzeigen.
Ferner werden die biographischen Bezüge bzw. die persönlichen Erfahrungen des Autors in einen Kontext zum Themenkomplex ‚Zivilisationskritik‘ gestellt. Die erste Indienreise des Autors im Jahre 1975, die Indonesienreise 1978 und der 6-monatige Aufenthalt in Kalkutta (August 1986 bis Januar 1987) nehmen dabei Schlüsselrollen ein. Exemplarisch wird in diesem Zusammenhang das ‚Tagebuch in Zeichnungen und Prosa‘: Zunge zeigen (1988) als eine Form analysiert, die Schreiben und Zeichnen in eine dialogische Beziehung treten läßt. Der tagebuchartige erste Teil enthält Berichte in undatierten Abschnitten. Er ist aus dem „Indischen Tagebuch, 1986/1987“ hervorgegangen. Der zweite Teil besteht aus 56 doppelseitigen Zeichnungen, die in schwarzweißer Pinsel- und Federtechnik Schriftgraphik in die bildliche Gestaltung mit einbeziehen.
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Anschließend wird die Schaffensphase des Schriftstellers in den 80er bzw. 90er Jahren genauer analysiert. Zunächst werden theoretische Schriften (Reden, Essays etc.) aus dieser Schaffensperiode auf die oben genannten Leitaspekte hin untersucht. Vornehmlich wird dabei auf die Reden und Essay-Bände II und III der Werkausgabe (1999) zurückgegriffen, wobei Band II auch die ausgehenden 70er Jahre mit einschließt. Zudem wird versucht, Grass‘ Zivilisationskritik in einen historischen Kontext einzubetten und der Frage nachzugehen, inwieweit seine essayistischen Arbeiten, Reden und Selbstzeugnisse der letzen fünfundzwanzig Jahre Themen bzw. Argumentationsmuster zivilisationkritischer Ansätze des 18./19. und 20. Jahrhunderts widerspiegeln.
Mit der künstlerischen Verarbeitung der diversen Leitaspekte im Prosawerk setzt sich Kapitel IV auseinander. Hier wird zunächst eine Unterteilung der Schaffensperiode in 80er und 90er Jahre des ausgehenden 20. Jahrhunderts vorgenommen, um die thematische Entwicklung bzw. den ideologischen ‚roten Faden‘ in den Werken sichtbar zu machen. Die Werke Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus und Die Rättin werden in Einzelanalysen untersucht. Mit dem Kapitel Vasco kehrt wieder in der Gegenwartshandlung des Butt schrieb Grass eine zweite Erzählung, die den Ideenkomplex des Romans abschließt. Kopfgeburten hingegen entstand aus einem Arbeitsjournal aus der Zeit 1979/1980, das sich mit seiner Reise nach China, Singapur, Jakarta, Manila und Kairo auseinandersetzt und Eindrücke von der ersten Reise 1975 nach Kalkutta berücksichtigt. Grass‘ Rättin repräsentiert die literarische Verarbeitung eines Zeitgeistes, der von Angst vor dem plötzlichen Untergang der Menschheit geprägt war. Es handelt sich dabei um ein Werk über die Endzeit. Themenaspekte wie der selbstverschuldete Untergang des Menschen, Waldsterben, Vergiftung der Meere, Wettrüsten und Gentechnik werden in diesem Werk vereinigt. Daher erscheint eine intensive Einzelanalyse dieses Werks besonders aufschlußreich.
Für die sich anschließende Schaffensphase des Autors in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wird vorab eine gezielte Werkauswahl vorgenommen. Der Leitaspekt Umweltzerstörung wird am Beispiel des Prosaberichtes Totes Holz- Ein Nachruf verdeutlicht. Die Erzählung Unkenrufe, die bislang in der Forschung leider kaum Beachtung gefunden hat, wird in einer gezielten Einzelanalyse u. a. unter dem Gesichtspunkt ‚Dritte Welt als Ideenpool für neue soziale Problemlösungen der Industriestaaten‘ am Beispiel der Nebenfigur Chatterjee untersucht. Geschichten,
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welche die vorangestellten Leitaspekte literarisch thematisieren, werden exemplarisch aus dem Geschichtenbuch Mein Jahrhundert herausgelöst und analysiert (z. B. berichtet das Jahr 1987 vom Kalkuttaaufenthalt des Autors, das Jahr 1997 von ersten Klonversuchen mit Tieren).
2. Forschungsstand
Volker Neuhaus spricht im Vorwort zur zweiten Auflage seiner viel beachteten Grass-Monographie 1992 von einer seit den 80er Jahren wahrzunehmenden Trendwende im Bereich der Grass-Forschung, da nun in zahlreichen Aufsätzen und Monographien größeren Motivkomplexen und Aspekten von Grass‘ Werk explizit nachgegangen werde und abstruse Sondermeinungen eine Ausnahme darstellen würden. 2 Seit dieser Einschätzung hat sich die Zahl von Untersuchungen zu spezifischen Aspekten im Œuvre des Nobelpreisträgers um ein Vielfaches vergrößert und ist nunmehr nur noch schwer zu überblicken. Arbeiten, die den Gesamtzusammenhang des Werkes thematisieren, bilden jedoch die Ausnahme. An dieser Stelle soll stellvertretend und wegweisend die frühe Analyse des Gesamtwerks unter dem Aspekt von Literatur und Politik 3 von Gertrude Cepl- Kaufmann aus dem Jahr 1975 und die 1987 erschienene Arbeit von Norbert Honsza 4 zu Werk und Wirkung bei Grass genannt werden. Honsza untersucht primär die Synthese von Grass‘ literarischen und politischen Schriften sowie deren moralische Appellstruktur. Die 1994 veröffentlichte Analyse von Dieter Stolz versucht die Konstanten und Entwicklungen im literarischen Werk von Günter Grass (1956-1986) 5 unter Berücksichtigung der diversen Motivkomplexe aufzuzeigen. Da Stolz seine Untersuchung mit dem Erscheinen der Rättin enden läßt, bleiben die Werke Totes Holz, Unkenrufe und Mein Jahrhundert, die für die Analyse des Spätwerks bis zur Jahrtausendwende relevant sind, unberücksichtigt. Zwei für jeden über Grass arbeitenden Literaturwissenschaftler unverzichtbare Arbeiten stellen die besagte von Neuhaus 1992 publizierte Monographie und seine ebenso detailreiche Grass-Biographie 6 aus dem Jahr 1997 dar. Dabei bleibt anzumerken, daß Neuhaus 2 Vgl. Neuhaus, Volker. Günter Grass. Stuttgart 1992. S. VII.
3 Cepl-Kaufmann, Gertrude: Eine Analyse des Gesamtwerks unter dem Aspekt von Literatur und Politik. Kronberg 1975.
4 Honsza, Norbert: Günter Grass. Werk und Wirkung. Wroclaw 1987.
5 Stolz, Dieter: Vom privaten Motivkomplex zum poetischen Weltentwurf. Konstanten und Entwicklungen im literarischen Werk von Günter Grass (1956-1986). Würzburg 1994. 6 Neuhaus, Volker: Schreiben gegen die verstreichende Zeit. Zu Leben und Werk von Günter Grass. München 1998.
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in der zweiten Auflage der Monographie auch die Grass-Werke der frühen 90er Jahre wie Totes Holz und Unkenrufe in den Kontext des Gesamtwerkes einbezieht.
Nur wenige Untersuchungen zu Grass‘ Œuvre seit den 80er Jahren zeigen thematische Schwerpunkte oder Zusammenhänge im Werkgefüge auf. Die Übersicht über das Grass-Werk der siebziger und achtziger Jahre aus dem Jahr 1992 von Irmgrad Elsner Hunt bildet hier eine erwähnenswerte Ausnahme. Elsner Hunt versucht in ihrer Arbeit nachzuweisen, daß angefangen mit der Schilderung der ersten Indienreise im Butt (1977) über die diversen Reden und Aufsätze bis zum Zeichenbuch Totes Holz (1990), Grass‘ global-ökonomisches Bewußtsein und seine Sorge um die Umwelt bereits in seinen frühen Arbeiten der 70er Jahre verankert und zudem „eng mit seinem anti-kapitalistischen Weltbild“ 7 verknüpft sind. Da sich Grass in den seither vergangenen vierzehn Jahren in seinen Schriften zur Globalisierung bzw. zur Technisierung des Krieges mitunter neu positioniert hat und Elsner Hunts Analyse der ökonomischen und ökologischen Aspekte in Grass‘ Werk den Forschungsblick stark einengen, kann diese Untersuchung den Untertitel ‚Überblick‘ nicht mehr zu Recht tragen. Wichtige Erkenntnisse zur intertextuellen Verknüpfung der Werke Kopfgeburten (1980) und Die Rättin (1986) sowie der dort zutage tretenden Zeitkritik liefert die 1997 erschienene Studie von Mark Martin Gruettner. 8 Wie Neuhaus in seinem Aufsatz ‚Die Rättin‘ und die jüdisch-christliche Gattung der Apokalypse 9 von 1992 untersucht Gruettner zunächst die zahlreichen Bibelbezüge in der Rättin. Ferner zeigt er Grass‘ Nähe zur Literatur der Aufklärung auf und weist nach, daß Grass‘ Orwell-Rezeption in einer ausgeprägten Verbindung zur Thematik der Aufklärung steht. Nietzsches Propagierung eines zukünftigen ‚Übermenschentums‘ trete, so eine These Gruettners, in der Rättin als ‚Überratte‘ auf. 10 Des weiteren soll hier die Untersuchung von Thomas W. Kniesche erwähnt werden, der seiner Arbeit aus dem Jahr 1991 über die Rättin einen 7 Elsner Hunt, Irmgart: Vom Märchenwald zum toten Wald: ökologische Bewußtmachung aus global-ökonomischer Bewußtheit. Eine Übersicht über das Grass-Werk der siebziger und achtziger Jahre. In: Gerd Labroisse/Dick van Stekelenburg (Hrsg.): Günter Grass. Ein europäischer Autor? Amsterdamer Beiträge. Bd. 35. Amsterdam u.a. 1992. S. 142. 8 Gruettner, Mark Martin: Intertextualität und Zeitkritik in Günter Grass‘ Kopfgeburten und Die Rättin. Tübingen 1997.
9 Neuhaus, Volker: Günter Grass‘ ‚Die Rättin‘ und die jüdisch-christliche Gattung der Apokalypse. In: Gerd Labroisse/Dick van Stekelenberg (Hrsg.): Günter Grass: Ein europäischer Autor? A.a.O. S. 123–139.
10 Vgl. Gruettner, Mark Martin: Intertextualität und Zeitkritik in Günter Grass‘ Kopfgeburten und Die Rättin. A.a.O. S. 69.
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psychoanalytischen Ansatz zugrundelegt. Ferner unternimmt er den Versuch, in Grass‘ apokalyptischem Text alle Arten von Intertextualität nachzuweisen. 11
Die Auseinandersetzung mit Grass‘ Indienbild und seine Haltung zur Dritten Welt- Problematik findet größtenteils in Aufsätzen statt. So geht Kniesche 12 in seiner Untersuchung von 1998 der Frage nach, inwiefern sich Grass in seinen theoretischen Arbeiten bzw. im Reisebericht Zunge zeigen in der Tradition eines postkolonialen Literaturgenres bewegt. Zudem weist er intertextuelle Bezüge zwischen Butt, Kopfgeburten und Zunge zeigen nach, die jedoch im Rahmen der Grass-Forschung zu diesem Zeitpunkt bereits als literaturwissenschaftlicher Konsens zu bezeichnen waren. Schon in dem 1983 veröffentlichten Aufsatz von Ray Gopal 13 , der erstmals das Kapitel Vasco kehrt wieder im Butt aus einem indischen Blickwinkel heraus analysiert, wird Grass‘ Indienbild und dessen Authentizität und die Freiheit des Autors in Frage gestellt. Die indischen Kritiker Sjaak Onderdelinden und Vridhagiri Ganeshan attestieren Grass in ihren 1992 publizierten Untersuchungen eine eurozentristische Sichtweise auf die indische Gesellschaft und eine Ignoranz in Bezug auf den indischen Kulturbetrieb. So wird Grass von Onderdelinden in dessen Aufsatz Zunge zeigen in den Zeitungen eine „europäische Ästhetisierung der indischen Armut“ 14 bescheinigt. Ganeshan seinerseits wirft Grass vor sowohl im Vasco-Kapitel im Butt als auch in Zunge zeigen „überall in Indien nur Elend [zu sehen]“ 15 und an Stelle von konstruktiver bzw. sachlicher Kritik in klischeehafte Ausflüchte abzuschweifen.
Grass‘ Kritik in den frühen 90er Jahren am neuen deutschen Einheitsstaat bzw. seine Haltung zur deutschen Frage wird in den 1992 erschienenen Aufsätzen von Gertrude Cepl-Kaufmann: Leiden an Deutschland. Günter Grass und die Deutschen 16 und Gerd Labroisse: Günter Grass‘ Konzept eines zweiteiligen 11 Vgl. Kniesche, Thomas W.: Die Genealogie der Post-Apokalypse – Günter Grass‘ Die Rättin. Wien 1991. S. 18.
12 Kniesche, Thomas: ‚Calcutta‘ oder Die Dialektik der Kolonialisierung. Günter Grass: Zunge zeigen. In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Schriftsteller und ‚Dritte Welt‘. Studien zum postkolonialen Blick. Tübingen 1998. S. 263–290.
13 Gopal, Raj: Vasco Grass – von Kalikut bis Kalkutta: Pfeffer, Hunger und was kümmerts einen Schriftsteller? In: German Studies in India. H. 1. 1983. S. 27–35.
14 Onderdelinden, Sjaak: Zunge zeigen in den Zeitungen. In: Gerd Labroisse/Dick van Stekelenburg (Hrsg.): Günter Grass. Ein europäischer Autor? A.a.O. S. 206.
15 Ganeshan, Vridhagiri: Günter Grass und Indien – ein Katz-und-Maus-Spiel. In: Gerd Labroisse/Dick van Stekelenburg (Hrsg.): Günter Grass: Ein europäischer Autor. A.a.O. S. 233.
16 Cepl-Kaufmann, Gertrude: Günter Grass: Leiden an Deutschland. In: Gerd Labroisse/Dick van Stekelenburg (Hrsg.): Günter Grass: Ein europäischer Autor. A.a.O. S. 267 – 291.
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Deutschland – Überlegungen in einem ‚europäischen‘ Kontext? 17 nachgegangen. Auch der Aufsatz von Thomas Kniesche: Grenzen und Grenzüberschreitungen: Die Problematik der deutschen Einheit bei Günter Grass 18 von 1993 soll an dieser Stelle erwähnt werden.
Bleibt anzumerken, daß die Forschung bis heute weitestgehend über die Erzählung Unkenrufe hinweggegangen ist. Rühmliche Ausnahmen stellen der Aufsatz von Sigrid Mayer 19 aus dem Jahr 1993 zur politischen Aktualität nach 1989 dar und die 2002 erschienene Arbeit von Sabine Moser 20 , die explizit die deutsche Frage bei Günter Grass betrachtet. Zum Geschichtenbuch Mein Jahrhundert liegen bis heute lediglich zahlreiche Rezensionen diverser Literaturkritiker sowie der Vortrag von Klaus Pezold 21 anläßlich des 1. Internationalen Günter-Grass-Kolloquiums in Lübeck 2002 vor.
Obwohl sich mittlerweile eine Vielzahl von Grass-Forschern mit einer Fülle von einzelnen unterschiedlichen zivilisationskritischen Aspekten im Spätwerk (1980 bis heute) auseinandergesetzt haben, liegt meiner Erkenntnis nach bis dato keine Untersuchung vor, welche die Prosawerke der letzten zwei Dekaden sowie die umfangreichen theoretischen Arbeiten und Selbstzeugnisse schwerpunktmäßig zusammengeführt hat und so einen Eindruck über thematische Konstanten und Entwicklungen in Grass‘ Spätwerk liefern könnte. Mit der vorliegenden Studie soll diese Lücke geschlossen werden. Ferner soll die Bedeutung der verschiedenen zivilisationskritischen Themenfelder bei Grass für dessen literarisch-künstlerische Produktion und politisch-essayistischen Arbeiten und Selbstaussagen der letzten fünfundzwanzig Jahre herausgearbeitet werden.
17 Labroisse, Gerd: Günter Grass‘ Konzept eines zweiteiligen Deutschland – Überlegungen in einem ‚europäischen‘ Kontext In: Ders./Dick van Stekelenburg (Hrsg.): Günter Grass: Ein europäischer Autor? A.a.O. S. 291–314.
18 Kniesche, Thomas: Grenzen und Grenzüberschreitungen: die Problematik der deutschen Einheit bei Günter Grass. In: German Studies Review. Vol. 16 (1993). No. 1. S. 61–76. 19 Mayer, Sigrid: Politische Aktualität nach 1989: Die Polnisch-Deutsch-Litauische Friedhofsgesellschaft oder Unkenrufe von Günter Grass. In: Elrud Ibsch/Ferdinand van Ingen (Hrsg.): Literatur und politische Aktualität. Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik. Bd. 36 (1993). S. 213–223.
20 Moser, Sabine: ‚Dieses Volk, unter dem es zu leiden galt‘: Die deutsche Frage bei Günter Grass. Frankfurt a.M. u.a. 2002.
21 Pezold, Klaus: Unkenrufe überm weiten Feld des Jahrhunderts. Der Aufklärer Günter Grass in den 90er Jahren. In: Hans Wisskirchen (Hrsg.): Die Vorträge des 1. Internationalen Günter Grass Kolloquiums im Rathaus zu Lübeck. Lübeck 2002. S. 43-61.
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II. Zur Geschichte und Theorie der Zivilisationskritik seit
dem 18. Jahrhundert – ein Überblick
In der Soziologie wurden und werden unter dem Begriff ‚Zivilisation‘ im engeren Sinne die durch Wissen und Technik perfektionierten materiellen und sozialen Zustände einer Gesellschaft in Abhebung von einem ungeformten Naturzustand menschlichen Zusammenlebens verstanden. Entsprechend dieser ursprünglichen Bedeutung lag die sozialwissenschaftliche Betonung auf der Regelung der zwischenmenschlichen Beziehungen mit Hilfe von Verträgen und Institutionen. Da sich zivilisatorische Lebensformen schon früh in städtischen Siedlungen entwickelten, wurden Stadtkultur und Zivilisation häufig gleichgesetzt und aus gesellschafts- und kultur- bzw. zivilisationskritischer Sicht häufig als eine Entfernung von den Bedingungen des naturverbundenen, bäuerlichen Lebens verstanden. 22
Die Entwicklung der Zivilisation wurde unterschiedlich bewertet. Die optimistische Auffassung sah in ihr einen ständigen Fortschritt in der Verbesserung der Lebensformen, der Lebensumstände und der wachsenden Teilhabe der Menschen an den Kulturgütern. Seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts wurde u. a. an diesem Optimismus zunehmend Kritik geübt. Die Kulturphilosophie des 19. und später auch des 20. Jahrhunderts faßte die Zivilisation als Spät- und Verfallsstadium der Kultur auf. Im weiteren Verlauf wurden in der Kultur- bzw. Zivilisationskritik besonders die Probleme der Vermassung (Verstädterung), der technisierten Arbeitsbedingungen (Mechanisierung) und der Verlust von Wert- und Sinnbezügen durch eine einseitige Orientierung an Konsum und Lebensstandard betont. 23
1. Die Anfänge der Zivilisationskritik im 18. Jahrhundert: Rousseaus
politische Philosophie
Rousseaus philosophisches Werk, insbesondere seine Abhandlung Über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen aus dem Jahre 1755, sein Traktat über die Erziehung, der Émile, und sein politisches Opus, der Gesellschaftsvertrag, zählen zu seinen wichtigsten Arbeiten. In diesen Werken liefert er eine grundsätzliche Zivilisations-, Geschichts- und Gesellschaftskritik. Rousseau 22 Vgl. dtv-Lexikon. Band 20. S. 287.
23 Vgl. ebd.
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vertritt eine zutiefst pessimistische Sichtweise von Geschichte, die er als irreversiblen Verfallsprozeß wertet. Als verursachendes Übel der Ungleichheit macht Rousseau den materiellen Besitz und die feudalistischen Lebensbedingungen aus, wobei er davon ausgeht, daß sich der Mensch selbst ruiniert, indem er seine Freiheit aufgibt. Rousseau setzt in seinen Arbeiten Zivilisation mit dem Verlust von Freiheit gleich. Durch das egoistische Streben des Menschen nach Besitz und materiellem Wohlstand wird der Mensch zum Sklaven seiner Selbstsucht.
Der Émile ist das Werk, das Rousseau selbst als sein bedeutendstes verstanden hat. Das Konstrukt aus Roman, Abhandlung und Pamphlet hat Wesenszüge einer pädagogischen Utopie. Er spricht in diesem Werk nicht von einer bürgerlichen Erziehung, sondern es geht ihm um einen allgemeinen Erziehungsbegriff. Er vertritt die These, daß in der bestehenden Gesellschaft Kinder nicht vernünftig erzogen werden können. In weiten Teilen seiner Arbeit widmet er sich ferner dem Menschen als Teil der Gesellschaft. Demnach kann der Mensch ohne Institutionen nicht leben. Er bezeichnet den Gesellschaftsmenschen als „Sklaven“ 24 . Rousseau versteht die Natur als positives Potential, das der Mensch in sich trägt. Ihr gegenüber stehe die negative dingliche und menschliche Wirklichkeit. Rousseau eröffnet das erste Buch des Émile mit seinem umstrittenen Grundgedanken: „Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers der Dinge hervorgeht; alles verdirbt unter den Menschen.“ 25 Rousseau vertritt die auch in seinen politischen Arbeiten artikulierte Ansicht, die Geschichte und Entwicklung der Gesellschaft habe den Menschen vom Wege der Natur abgebracht. 26 Daher erscheint es ihm als notwendig, das Kind aus dem korrumpierten gesellschaftlichen Getriebe der Städte aufs Land zu bringen. Auf dem Lande solle der junge Mensch ein ärmliches, einfaches und damit naturgemäßes Leben führen und folglich eine adäquate Erziehung genießen, welche der menschlichen Natur entsprechen würde. 27 Zudem sieht er die Beziehungen zwischen den Menschen als höchst schwierig an, da eine ständige Dominanzproblematik bestehe (Menschen wollen über Menschen herrschen). Die Gesellschaft bzw. die Zivilisation verändert folglich den Menschen, sie läßt ihn entarten. 28 24 Rousseau, J.-J.: Émile oder Über die Erziehung. Paderborn u.a. 1998. S. 9 und vgl. J.-J. Rousseau: Schriften zur Kulturkritik. Hamburg 1971. S. 103.
25 Rousseau, J.-J.: Werke in vier Bänden. München 1978. Band 4. S. 245.
26 Vgl. ebd.
27 Vgl. ebd. S. 277.
28 Vgl. Fletcher, Iring: Rousseaus politische Philosophie. Frankfurt a.M. 1993. S. 41 f.
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Im dritten Buch des Émile geht Rousseau offen gegen die Wohlhabenden und Vertreter der oberen Stände vor, indem er sein soziales Anliegen zu einer zivilisationskritischen Anklage umfunktioniert:
Ihr [die Reichen] verlaßt euch, auf den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft, ohne daran zu denken, daß dieser Zustand der Krisis und dem Jahrhundert der Revolutionen unterworfen ist. Der Große wird klein, der Reiche wird arm, der Monarch wird Untertan; sind denn diese Schläge des Schicksals so selten, daß ihr hoffen könnt, von ihnen ausgenommen zu sein? Wir nähern uns dem Zustand der Krisis und dem Jahrhundert der Revolutionen. [...] Was von Menschen gemacht ist, kann auch von Menschen zerstört werden. 29
Rousseau plädiert ferner für Toleranz gegenüber den Angehörigen aller Religionen, indem er den freisinnigen Vikar erklären läßt:
Zwei Drittel des Menschengeschlechts, sind weder Juden noch Mohammedaner, noch Christen; wie viele tausend Menschen haben noch nie von Moses, Jesus Christus oder Mohammed sprechen gehört. [...] Ich würde alle dahin zu bringen suchen, daß sie einander liebten, sich als Brüder betrachteten, jede Religion ehrten, und daß jeder in der seinen in Frieden weiterlebe. Einen Menschen überreden, daß er seinen Glauben verlasse, in dem er geboren ist, das heißt ihn zu etwas Schlimmem überreden. 30
Der Émile stellt weniger ein Buch über Erziehungspraxis als eine grundsätzliche Gesellschaftskritik dar. Rousseau geht diversen Fragen nach: Wie kann man in dieser sittenlosen Gesellschaft von 1762 noch als Mensch agieren? Wie kann man Natürlichkeit leben und wie muß folgerichtig die Erziehung beschaffen sein, wenn sie verhindern soll, daß die Kinder der Korruptheit verfallen? Der Pädagoge Martin Rang verweist in diesem Zusammenhang auf den soziologischen Standort der Theorien Rousseaus: „So sehr Émile zum Menschen erzogen werden soll, die gesellschaftliche Welt, auf die seine Erziehung vorbereitend und vorbeugend ausgerichtet ist, ist unverkennbar die Welt der ‚Reichen‘, insbesondere die des französischen Adels.“ 31 29 Rousseau, J.-J.: Werke in vier Bänden. A.a.O. S. 468 f.
30 Ebd. S. 621 f.
31 Rang, Martin: Rousseaus Lehre vom Menschen. Göttingen 1965. S. 82.
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In einem Brief schreibt Rousseau, daß der Émile mit einem anderen Werk gelesen werden müsse, um einen vollständigen Überblick seiner Gedankenwelt zu erhalten. Gemeint ist hier Rousseaus viertes Werk, der Gesellschaftsvertrag, der „eine Art Anhang zu dem Erziehungsbuch“ sein soll, da „die beiden [...] zusammen ein Ganzes“ 32 darstellen. Das erste Kapitel des Gesellschaftsvertrages beginnt mit den häufig zitierten Sätzen, die auch in einem zivilisationskritischen Kontext gelesen werden können: „Der Mensch wird frei geboren, aber überall liegt er in Ketten. Manch einer glaubt, Herr über die anderen zu sein, und ist ein größerer Sklave als sie.“ 33 Der Souverän des Staates ist bei Rousseau nicht ein absoluter Monarch von ‚Gottes Gnaden‘, sondern das Volk selbst, das seinem Willen in den Akten der Legislative Ausdruck verleiht. Das Individuum sichert sich die Freiheit als Bürger, indem es auf die natürliche Freiheit verzichtet. Der Einzelne hat seinen individuellen Willen, seine Privatinteressen dem Gemeinwohl unterzuordnen, welche sich im Gemeinwillen manifestieren. 34 Faktisch fordert Rousseau damit den allmächtigen Volksstaat. Das Individuum solle nicht nur vor der Willkür der Regierung geschützt sein, wie das die Aufklärung bisher gefordert hatte, es möge selbst an der obersten Gewalt teilhaben. Zusammenfassend kann man feststellen, daß sich der Gesellschaftsvertrag mit dem Prozeß der Schaffung eines politischen Körpers (=Staat) befaßt. Dabei sichert die staatliche Ordnung die Rechte des Bürgers, und der Bürger seinerseits den Staat durch die Aufrechterhaltung der bürgerlichen Gesinnung. Es ist darauf hinzuweisen, daß nicht jeder Staat automatisch ein Vaterland für die Bürger darstellt, sondern nur ein Staat Vaterland sein kann, der den Bürgern auch ihre Rechtsgüter garantiert und sichert. Nur zu einem derartigen Staat kann der Bürger Zuneigung entwickeln. Der Staat muß dem Bürger die Rechte des Naturzustandes gewährleisten, also das Leben, die Freiheit und das Eigentum. Ein zusätzliches Recht des Naturzustandes ist es, daß jedes Individuum seine Rechtsgüter verteidigen darf, so daß sein Leben unversehrt bleibt, seine Freiheit nicht eingeschränkt wird und sein Eigentum in seinem Besitz bleibt. Rousseau bemerkt jedoch, daß der robuste und gesunde Naturzustand des Menschen sich nicht mit einer kränkelnden Zivilisation in Einklang bringen läßt. Am Ende des Naturzustandes, wenn ein Grundvertrag geschlossen wird, also eine wechselseitige Übereinkunft zwischen allen mit jedem getroffen wird und ein Gemeinwesen geschaffen wird, legen alle Bürger ihr Verteidigungsrecht des
32
Rousseau, J.-J.: Correspondance compléte. Band 10. Genf 1965-1995. S. 281.
33 Rousseau, J.-J.: Politische Schriften. Band 1. Paderborn 1977. S. 61.
34 Vgl. Fetcher, Iring: Rousseaus politische Philosophie. A.a.O. S. 118 f.
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Naturzustandes in die Hände des Staates, der die Güter in einer Art Verteidigungsmonopol zu sichern hat. Der Staat selber entsteht erst aus den Rechtssicherungsgedanken der Individuen und wird dadurch erst legitimiert. Wenn nun die Rechtsgüter der Individuen vom Staat nicht mehr gesichert werden, gerät der Bürger in die schlimmste Lage 35 , wie es Rousseau ausdrückt, und der Volkskörper zerfällt, wenn der Grundvertrag übertreten wird, weil durch die Übertretung seine Existenzberechtigung verloren geht. Nicht ein einziger Bürger darf zum Wohl des Staates in seinem Recht eingeschränkt werden, da der kleinste Teil des Volkskörpers, den man verletzt, auf das Allgemeine zurückschlägt. Demnach darf das Gemeinwesen den Einzelnen nicht opfern.
Rousseaus zentrale Themen wie Vorherrschaft des Gefühls, Individualismus, Natur als Gegenstand religiös-ästhetischer Betrachtung, ‚amour passion‘ und Geniekultur haben die deutsche Bewegung des ‚Sturm und Drang‘ (1767-1785) und deren Protagonisten wie Goethe, Herder und Lenz vehement beeinflußt. Die ‚Weimarer Klassik‘ hat die Überbetonung des Gefühls durch das polare Prinzip der Vernunft ausgeglichen und damit vermutlich eher Rousseaus Zielsetzungen entsprochen.
Die Aufklärungspädagogen (‚Philanthropen‘) haben seine Pädagogik der Kindheit übernommen. Rousseaus Zivilisationskritik wird von ihnen allerdings abgelehnt. Die drängenden Probleme seiner Zeit wie z. B. Demokratisierung des feudalisch- absolutistischen Standesstaates, Empfindsamkeit als Korrektiv zum dominanten Vernunftsprinzip, Säkularisierung des Christentums, Individualismus und Subjektivität hat Rousseau schon früh erkannt und thematisiert. Rousseaus Leben und Werk ist in vielfacher Hinsicht weiterhin aktuell. Es verkörpert in seiner Subjektivität die Moderne. Rousseau sieht erstmals u. a. den Zusammenhang von Erziehung, Zivilisation und Gesellschaft. Wenn Rousseau heute zu argumentieren hätte, würde er seine Ansichten bestätigt sehen. Die technische Entwicklung hat in den vergangenen 200 Jahren derart zahlreiche Katastrophen produziert, daß seine Zivilisationskritik aktueller denn je erscheint. Der Mensch hat es geschafft, daß er heute, auch ohne Verwendung von Kernwaffen, seine Erde unbewohnbar machen kann. Er hat Tausende von Tiergattungen ausgerottet, Nahrungsmittel biologisch manipuliert und seine natürlichen Ressourcen verschmutzt oder vollkommen zerstört.
35
Vgl. J.-J. Rousseau: Werke in vier Bänden. A.a.O. S. 242, 245.
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2. Das 19. Jahrhundert: Zivilisationskritische Tendenzen bei Nietzsche
Friedrich Nietzsche (1844-1900), Philosoph und Schriftsteller, projizierte im 19. Jahrhundert seine Kultur- und Zeitkritik auf verschiedene gesellschaftliche Erscheinungsformen des 18. Jahrhunderts. So übte er an verschiedenen Stellen in seinen Schriften u. a. Kritik an der Aufklärung, den christlichen Religionen, der Moderne, der Demokratie, der Technisierung und der Ökonomie.
Den Gleichheitsgedanken der Aufklärung verwirft Nietzsche als eine ‚anti- aristokratische Sklaventheorie‘ – als Lüge. Dementsprechend bezeichnet er die französische Revolution als einen ‚Sklavenaufstand‘ der „aufgeklärte[n] Masse“ 36 , welcher den Pöbel an die Macht gebracht habe. In diesem Zusammenhang diffamiert er Rousseau als „Moral-Tarantel“ 37 . Das Christentum versteht Nietzsche als Ausdruck des niedergehenden Lebens. Er bezeichnet es als die „Religion der Entarteten und Lebensuntüchtigen“ 38 – als „das bisher größte Unglück der Menschheit.“ 39 Der von der christlichen Kirche gepredigten Moral der Nächstenliebe und des Mitleids wirft Nietzsche vor, die Schwachen und Hilflosen an die Macht bringen zu wollen. Er belegt dieses vermeintlich christliche Streben mit dem Begriff „Sklavenmoral“ 40 , weil das Christentum damit versuche, die Urgesetze der Natur zu ändern, indem es Schwäche als Tugend propagiere. Ferner bekämpft Nietzsche auch das Judentum als Vorläufer der christlichen Religionen, dem er zudem noch ein Streben nach Weltherrschaft vorwirft. In zahlreichen Schriften über die Kultur stellt Nietzsche das Bild seiner Zeit (der Moderne) dem Bild des Menschen (Naturmenschen) diametral gegenüber. 41 Über die Moderne sagt Nietzsche in Götzen-Dämmerung, daß sie einen „physiologische[n] Selbst-Widerspruch“ 42 verkörpere. Den modernen Menschen sieht Nietzsche als eine verweichlichte, schwache und „lügenhafte Karikatur“ 43 . Hier setzt Nietzsche auch seine Kulturkritik an, indem er der Kultur einen „Verlust der Ursprünglichkeit und Wirklichkeit des menschlichen Seins“ bescheinigt und diese sogar „als Lüge und Täuschung“
36
Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie. In: Ders.: Werke in Drei Bänden. 1. Band. München 1966. S. 66.
37 Nietzsche, Friedrich: Morgenröte. In: Ders.: Werke in Drei Bänden. 1. Band. A.a.O. S. 1013. 38 Vgl. Nietzsche, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse. In: Ders.: Werke in Drei Bänden. 2. Band. München 1966. S. 623 f.
39 Nietzsche, Friedrich: Götzen-Dämmerung. In: Ders.: Werke in Drei Bänden. 2. Band. A.a.O. S. 1023.
40 Nietzsche, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse. A.a.O. S. 730.
41 Vgl. Brock, Werner: Nietzsches Idee der Kultur. Bonn 1930. S. 19 f.
42 Nietzsche, Friedrich: Götzen-Dämmerung. A.a.O. S. 1018.
43 Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie. A.a.O. S. 49.
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ansieht. 44 Die demokratische Gesellschaftsordnung ist für ihn ein Volksaufstand gegen die höheren Menschen (Aristokraten). Für Nietzsche beruht Demokratie auf einer ‚Herdentiermoral‘, da sie eine nivellierende Gleichmacherei betreibt und das „allgemeine grüne Weide-Glück der Herde“ 45 als Ideal vorgibt. Der moralische Mensch ist für Nietzsche kein besserer, sondern ein geschwächter Mensch. Demokratie und Christentum empfindet Nietzsche deshalb als dekadent. In seiner Lehre vom Willen zur Macht erhebt Nietzsche die naturalistische Moral verbunden mit Unduldsamkeit, Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit zur Tugend der Herrenmenschen. Bezüglich der Ökonomie und des technischen Fortschritts nimmt Nietzsche ebenfalls eine ablehnende Haltung ein. Die industrielle Kultur ist „die gemeinste Daseinsform, die es bisher gegeben hat“, schreibt er in Die fröhliche Wissenschaft. 46 Insbesondere die fortschreitende technische Entwicklung in den Produktionsabläufen lehnt Nietzsche ab. Über diese ‚Maschinen-Kultur‘ äußert Nietzsche, daß sie eine ‚Un-Kultur‘ sei, „weil die Maschine, die selbst ein intelligentes Produkt ist, die Menschen verblödet.“ 47 In Menschliches, Allzumenschliches spricht Nietzsche davon, daß die Maschine eine demütigende Wirkung habe, weil sie durch ihre Unpersönlichkeit dem Produktionsprozeß sein bißchen Humanität entziehe. 48 Nach Nietzsches Auffassung tritt mit der fortschreitenden ‚Maschinen-Kultur‘ „Anonymität an die Stelle der persönlichen Wertschätzungen und Bindungen, die in der Welt des Handwerks“ 49 noch Geltung besessen haben. Das Verhältnis des Menschen zur Zeit ist nach Nietzsches Verständnis in der ‚Maschinen-Kultur‘ geprägt von Unrast und Hektik, „da die Mechanisierung der Arbeitswelt darauf ausgerichtet [ist], Arbeitszeit zu sparen“ 50 . Nietzsche bezeichnet das 19. Jahrhundert als das „Zeitalter der Arbeit“, welches zudem ein Phänomen der „unanständigen und schwitzenden Eilfertigkeit [ist], das mit allem gleich ‚fertig‘ sein will.“ 51 Die Ökonomie lehnt Nietzsche als eine ‚Welt des Geschäftemachens‘ – eine Welt der vulgären Niederungen ab. Der Markt ist bei Nietzsche ein Ort des Gesindels: „[...] wo der Markt beginnt, da beginnt auch der Lärm der großen Schauspieler und das
44
Bouda, Roland: Kulturkritik und Utopie beim frühen Nietzsche. Frankfurt a.M. u.a. 1980. S. 59.
45 Nietzsche, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse. A.a.O. S. 660 f.
46 Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft. In: Ders.: Werke in Drei Bänden. 2. Band. München 1966 S. 65.
47 Waibl, Elmar: Ökonomie und Ethik II. Stuttgart 1989. S. 30.
48 Vgl. Nietzsche, Friedrich: Menschliches, Allzumenschliches. In: Ders.: Werke in Drei Bänden.
1. Band. München 1966. S. 983 f.
49 Waibl, Elmar: Ökonomie und Ethik II. A.a.O. S. 31.
50 Ebd. S. 32.
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Geschwirr der giftigen Fliegen“ 52 . Vor allem kritisiert Nietzsche das System von Angebot und Nachfrage, welches vorgibt, „daß in der durchkommerzialisierten Welt nur mehr Wert hat, was einen Tauschwert hat, d. h. was sich in ein gutes Geschäft ummünzen läßt“ 53 . Nietzsche greift die Kaufleute und Geschäftemacher in Die Unschuld des Werdens massiv an, indem er sagt:
Wessen Seele eine Geldkatze und wessen Glück schmutzige Papiere waren, - wie möchte dessen Blut je rein werden? Bis ins zehnte Geschlecht noch wird es matt und faulicht fließen: der Krämer Nachkommen sind unanständig.[...] Alles, was bezahlt werden kann, ist wenig wert: diese Lehre speie ich den Krämern ins Gesicht. [...] [Und] des Krämers geldklebrige Finger und lüsternes Auge, - das ist noch unter der Würde des Tieres. 54
In Also sprach Zarathustra setzt Nietzsche dieser Habgier das Ideal der „kleinen Armut“ entgegen, da sie eine Chance zur Freiheit biete, denn „wer wenig besitzt, wird um so weniger besessen.“ 55 Besitz und Reichtum steht Nietzsche nur dann positiv gegenüber bzw. läßt beide als Bedingungen zur Unabhängigkeit gelten, wenn sie durch Aristokratie vererbt worden sind. 56
In diesem Kontext kritisiert Nietzsche von seiner aristokratischen Warte aus auch den Sozialismus und das Bürgertum. Als „die Ursache aller Dummheit“ 57 bezeichnet Nietzsche das Vorhandensein einer Arbeiter-Frage. Für Nietzsche ist die Utopie einer ausbeutungsfreien Gesellschaft eine Illusion, weil Ausbeutung unmittelbar zum Leben gehöre. Primär kritisiert Nietzsche am Sozialismus „die zu Ende gedachte Herdentier-Moral“, welche darin besteht, daß aus dem Grundsatz „gleiche Rechte für alle“ die Auffassung „gleiche Ansprüche aller“ geworden ist. 58 Seiner Meinung nach ist der Sozialismus eine Folgeerscheinung des Bürgertums, welches Habgier und Materialismus verkörpere:
[Es ist] eure eigne Herzensgesinnung [...], welche ihr in den Sozialisten so furchtbar und bedrohlich findet, in euch selber aber als unvermeidlich gelten laßt, wie als ob sie dort etwas anderes wäre. Hättet ihr, so wie ihr seid, euer 51 Nietzsche, Friedrich: Morgenröte. A.a.O. S. 1130 f.
52 Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. In: Ders.: Werke in Drei Bänden. 2. Band. München 1966. S. 316.
53 Waibl, Elmar: Ökonomie und Ethik II. A.a.O. S. 34.
54 Nietzsche, Friedrich: Die Unschuld des Werdens. Band. II. Stuttgart 1931. S. 207, 208. 55 Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. A.a.O. S. 315.
56 Vgl. Waibl, Elmar: Ökonomie und Ethik II. A.a.O. S. 35. f.
57 Nietzsche, Friedrich: Götzen-Dämmerung. A.a.O. S. 1017.
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Vermögen und die Sorge um dessen Erhaltung nicht, diese eure Gesinnung würde euch zu Sozialisten machen: nur der Besitz unterscheidet zwischen euch und ihnen. 59
Nietzsches Schriften stellten besonders zu Anfang des 20. Jahrhunderts einen zentralen Orientierungspunkt für Schriftsteller, Philosophen und Wissenschaftler dar. Wie kein anderer hat er die geistigen Symptome seiner Zeit beobachtet und als Symptome des Verfalls und des bevorstehenden Niedergangs analysiert. 60 Vor allem Nietzsches Arbeiten zu Gesellschaft, Politik und Moral übten Einfluß auf die Vertreter der ‚Konservativen Revolution‘ in Deutschland aus. Nietzsches Verherrlichung der Stärke und Macht, sein radikaler Individualismus, seine Herren- und Sklavenmoral und seine Propagierung des zukünftigen Übermenschentums übten einen starken Einfluß auf Thomas Mann, Oswald Spengler, Ernst Jünger und Stefan George aus. So deckte sich z.B. Jüngers Kulturpessimismus und sein Bedürfnis nach Erneuerung des Lebens mit vergleichbaren Positionen bei Nietzsche. Auch Nietzsches Kernbegriffe wie Nihilismus und Dekadenz sind in Werken von Jünger und Mann gegenwärtig. 61 Mann blieb jedoch in seinem Denken konservativ und verteidigte in diesem Sinne auch die Dekadenz, die er mit den Begriffen Liebe, Schönheit und Kunst verbunden hat. Nietzsche hingegen war „ein radikaler Verfechter einer ästhetischen Philosophie, die zur Regenerierung der Kultur führen soll[te].“ 62 Stefan George teilte mit Nietzsche u. a. dessen radikale Ablehnung der Moderne und des Christentums. Ebenso inspirierte Nietzsches Werk Also sprach Zarathustra die Arbeiten von vielen Künstlern und Intellektuellen. Auch Oswald Spengler wurde schon früh von diesem Werk darin bestärkt, die selbstgewählte Position des Propheten einzunehmen, der sich in dieser Funktion weit über die Masse erhebt und gegen die moderne Industriegesellschaft protestiert. 63 Spengler bekannte sich wie Nietzsche gegen das Fortschrittsdenken. Nietzsches radikale Negation des Bürgertums und der sozialistischen Idee waren bei nahezu allen Vertretern der ‚Konservativen Revolution‘ Konsens.
58 Nietzsche, Friedrich: Die Unschuld des Werdens. Band. II. A.a.O. S. 252.
59 Nietzsche, Friedrich: Menschliches, Allzumenschliches. A.a.O. S. 845.
60 Vgl. Evers, Meindert: Das Problem der Dekadenz. Thomas Mann & Nietzsche. In: Hans Ester/Ders.(Hrsg.): Zur Wirkung Nietzsches. Würzburg 2001. S. 52.
61 Vgl. Ipema, Jan: Pessimismus und Stärke. Ernst Jünger und Nietzsche. In: Hans Ester/Meindert Evers (Hrsg.): Zur Wirkung Nietzsches. A.a.O. S. 24 f.
62 Evers, Meindert: Das Problem der Dekadenz. A.a.O. S. 96 f.
63 Vgl. Boterman, Frits: Zur Frage der deutschen Kultur. Oswald Spengler & Nietzsche. In: Hans Ester/Meindert Evers (Hrsg.): Zur Wirkung Nietzsches. A.a.O. S. 126 f.
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3. Zivilisationskritische Positionen in Deutschland im 20. Jahrhundert
3.1 Konservative Zeitkritik zwischen Kaiserreich und Diktatur
Vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs agierten in kultur- und zivilisationskritischen Diskursen Wissenschaftler nicht als Wissenschaftler und Schriftsteller nicht als Schriftsteller, sondern es wurde vielmehr versucht, die Grenzen eines innerwissenschaftlichen und innerpoetischen Diskurses zu durchbrechen. So stellten die Bereiche Literatur und Wissenschaft in jener Zeit eine kulturelle Einheit dar. 64 Ferner können thematisch verwandte Thesen in wissenschaftlichen und literarischen Werken nachgewiesen werden.
Gattungstheoretisch wurden in den zivilisationskritischen Diskursen vor 1914 vor allem essayistische Arbeiten bevorzugt. So lassen sich auch Thomas Manns Reflexionen über ‚Literaten‘ und ‚Dichter‘ von dieser Sichtweise aus einem zivilisationskritischen Kontext zwischen Wissenschaft und Literatur zuordnen. Die Kritik an der Moderne findet ihren Ausdruck darin, daß ein radikaler Gegensatz von menschlicher Destruktivität und Natur artikuliert wird. Der organisch aufgebaute Naturzustand gegenüber dem künstlichen Maschinenstaat, das natürliche Landleben gegenüber dem seelenlosen Großstadtleben stellen u. a. seit dieser Phase gängige Bilder des zivilisationskritischen Diskurses in Deutschland dar. Seit 1914, zu Beginn des Ersten Weltkrieges, reagierten die Intellektuellen in zivilisationskritischen Diskursen auf die bestehende Diskrepanz von ökonomisch-wissenschaftlicher Welt und den kulturellen Vorbehalten gegenüber diesen veränderten Lebensbedingungen. Der technische Fortschritt wurde weitestgehend abgelehnt. Es herrschte eine allgemeine Kritik unter den Intellektuellen an Kapitalismus, technisierter Zivilisation und Kompetenzverlust der früher sozial richtungsweisenden Geisteswissenschaften. 65 Während der ersten Kriegsjahre entstand eine literarische Debatte, die von Autoren geführt wurde, die über keine direkte militärische Kriegserfahrung verfügten – der ‚Kulturkrieg‘. In dieser Auseinandersetzung wird eine deutliche Gattungsaffinität zu Rezensionen und Reden sichtbar, da diese Gattungen besonders geeignet erschienen, um dem Freund-Feind-Schema zu entsprechen. Zudem wird die Zivilisationskritik im ‚Kulturkrieg‘ in Reden polarisiert und vereinfacht. 66 64 Vgl. Beßlich, Barbara: Wege in den ‚Kulturkrieg‘. Darmstadt 2000. S. 28. 65 Vgl. Beßlich, Barbara: Wege in den ‚Kulturkrieg‘. A.a.O. S. 28.
66 Vgl. ebd. S. 32.
25
Das neoidealistische Modell des ‚Kulturkriegs‘ hatte seinen Ursprung im bürgerlichen
19. Jahrhundert. Ferner orientierte sich der neoidealistische ‚Kulturkrieg‘
weltanschaulich am Deutschen Idealismus des frühen 19. Jahrhunderts, politisch am Nationalstaat des späten 19. Jahrhunderts. Er erwuchs aus einer bürgerlichen Kapitalismuskritik und ebenso aus einem konservativen Staatssozialismus, dessen Ziel weniger darin bestand, die ökonomischen Vorgänge selbst zu reflektieren, als dessen Wirkung auf die gesamte soziale und kulturelle Realität zivilisationskritisch darzustellen. Die Kulturbedeutung des Kapitalismus wurde z. T. radikal in Frage gestellt. Zudem lehnten diese Kritiker die Anonymisierung der Lebenswirklichkeit durch den Kapitalismus ab. So stand der Begriff ‚Zivilisation‘ für den zu überwindenden Kapitalismus, ‚Kultur‘ wurde von einem angestrebten Staatssozialismus repräsentiert. 67
Mit seinen neoidealistischen und kapitalismuskritischen Strängen markierte der ‚Kulturkrieg‘ einen zivilisationskritischen Diskurs im Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. Diese beiden Positionen lassen sich nach ihrer jeweiligen Zukunfts- und Vergangenheitsorientierung, nach ihrem Verhältnis von Rationalität, Liberalismus, Individualismus und Staatsauffassung unterscheiden. Der neoidealistische Gedanke richtete sich vornehmlich am 18. und 19. Jahrhundert aus, während sich die kapitalismuskritischen Ansätze vom 19. Jahrhundert distanzierten und sich dem 20. Jahrhundert zuwenden wollten. 68
In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde die Zivilisationskritik primär von einem national-konservativen Milieu - der ‚konservativen Revolution‘ - artikuliert, wobei diese Kritik u. a. entschieden nationalistisch und rassistisch war. Judenfeindlichkeit stand in einer engen Beziehung zu einer die intellektuellen Debatten in Deutschland seit den Anfängen des 19. Jahrhunderts bis 1945 dominierenden Form der Zivilisationskritik. Im Kern dieser Kritik stand eine Ablehnung der mit den westeuropäischen Staaten und den USA identifizierten ‚jüdischen Zivilisation‘. Antisemitische Parolen wurden meist nicht offen artikuliert, sondern waren eingebunden in eine gegen den Westen gerichtete Grundhaltung. Insbesondere in der intellektuellen Kultur während der Weimarer Republik in Deutschland war diese Haltung anzutreffen. Es kursierten Floskeln wie ‚deutsche 67 Vgl. Barbara Beßlich: Wege in den ‚Kulturkrieg‘. A.a.O. S. 32.
68 Vgl. ebd. S. 12.
26
Ideologie‘ oder ‚Kulturpessimismus‘. 69 Anzeichen dieser Verbindung von zivilisationskritischen und judenfeindlichen Denkweisen lassen sich aber auch heute noch in aktuellen sozialkritischen Strömungen nachweisen. 70
Die Zivilisationskritik jener Zeit war geprägt von Thesen einer ausgrenzenden Vereinheitlichung der völkischen Ideologie, des Antikapitalismus, vom Widerwillen gegen liberale, demokratische oder sozialistische Gedanken und den Vorbehalten gegenüber der intellektuellen Elite. Bereits in dieser Zeit wurden die Juden als Volksfeinde diffamiert, die alle jene Eigenschaften verkörpern sollten, die das ‚wahre‘ Deutschtum ‚bedrohten‘. In der Weimarer Republik wandelte sich ein verbreitetes Ressentiment gegen die Zivilgesellschaft in ein politisch effizienteres System um. Die völkische Interpretation, daß die im Kriegsgeschehen zutage getretene Schwäche Deutschlands im unzureichenden Verbund seiner Gesellschaft begründet sei, erhielt massiven Zuspruch. Die Daseinsberechtigung Deutschlands wirkte durch eine Vielzahl von inneren und äußeren Feinden permanent gefährdet. 71 Eine idealistische geistige Elite sollte Deutschlands Geschicke bestimmen. Der völkischen Theorie zufolge war der in seine Stände ‚organisch‘ gegliederte Staat mit einer Führungselite an der Spitze des unpolitischen Volkes der rechtmäßige Ausdruck des Gemeinwillens. Eine Gruppe von Schriftstellern, Wissenschaftlern und Politikern entwickelte zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Vertreter dieser ‚konservativen Revolution‘ ihre Gesellschafts- bzw. Zivilisationskritik. Dazu zählten u.a.: der junge Thomas Mann, Oswald Spengler, Ernst Jünger, Stefan George und Walther Rathenau, um nur einige dieser Vertreter zu nennen, deren zivilisationskritische Arbeiten teilweise noch während des Kaiserreichs und später in der Zeit der Weimarer Republik von einer breiten Öffentlichkeit rezipiert wurden.
3.1.1 Thomas Manns frühe essayistische Arbeiten
Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 ergriff Mann begeistert für sein Vaterland Partei, „weil ihm Deutschland als der Hort der Kultur galt, die gegen die bedrohliche westliche Zivilisation zu verteidigen war.“ 72 ‚Kultur‘ bedeutete für ihn Dichtung, Musik
69
Vgl. Spöttel, Michael: Die ungeliebte ‚Zivilisation‘. Frankfurt a.M. u.a. 1995. S. 14.
70 Vgl. Brumlik, Micha: Die Angst vor dem Vater – Judenfeindliche Tendenzen im Umkreis neuer sozialer Bewegungen. In: Silbermann, A./Schoeps, J.H.: Antisemitismus nach dem Holocaust. Köln 1986. S. 143 f.
71 Vgl. Spöttel, Michael: Die ungeliebte ‚Zivilisation‘. A.a.O. S. 30 f.
72 Evers, Meindert: Das Problem der Dekadenz. A.a.O. S. 54 f.
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und pessimistische Philosophie; wo hingegen er ‚Zivilisation’ mit Begriffen wie Demokratie, Politik, Optimismus, Fortschritt und Technik in Verbindung brachte. 73
Zu Thomas Mann und seiner Politisierung während des Ersten Weltkriegs liegen zahlreiche Abhandlungen vor, welche sich primär auf die Betrachtungen eines Unpolitischen beziehen und weniger auf seine essayistischen Arbeiten vor 1914. Barbara Beßlich erkennt bei Mann eine Ungleichzeitigkeit von epischer und essayistischer zivilisationskritischer Entwicklung. Sie behauptet diesbezüglich:
Während in der Epik zivilisationskritische ‚Untertöne‘ seit den poetischen Anfängen 1893 Rationalismus, Kritik und Aufklärung skeptisch brechen, plädiert Mann in [...] [seinen essayistischen Werken] bis nach 1910 für eine intellektuelle Literatur als scharfe Kritik der Gesellschaft. 74
Unmittelbar nach Fertigstellung seines Romans Königliche Hoheit beginnt Mann im Frühjahr 1909 mit der Arbeit an einem zeitkritischen Essay. Der beabsichtigte (und nie veröffentlichte) Essay soll den Titel Geist und Kunst tragen und weist einen antithetischen Bezug zu Heinrich Manns Geist und Tat auf. Ferner läßt sich an Geist und Kunst entstehungsgeschichtlich feststellen, „daß Manns zivilisationskritisches Eintreten für eine irrationale Kultur und seine Streitschriften gegen Esprit und Zivilisation 1914 im aktuellen Ereignis des Kriegsausbruchs nur ihren Anlaß haben, tatsächlich aber weiter zurückreichen.“ 75 Bereits in der Zeitspanne von 1908/09 bis 1912 vollzieht der Autor einen Wandel von einem engagierten Vertreter intellektueller Dichtung zu einem Protagonisten einer zivilisationskritischen Literatur. 76 Mann lehnt ferner eine unreflektierte Technikbegeisterung ab. Im Kontext mit zahlreichen Veränderungen am Manuskript von Geist und Kunst erläutert Mann die Begriffe ‚Zivilisation‘ und ‚Kultur‘. Für ihn bedeutet Zivilisation Herrschaft über die leblose und die organische Natur, praktiziert durch wissenschaftlich-technische Mittel wie Maschinen und Technologien. 77
In den Kriegsjahren bekennt sich Mann mehrfach zur Monarchie, wobei er dem Kriegsgeschehen eine katharsische Wirkung für das deutsche Volk zuspricht. Manns Gedanken im Kriege (1914) stellen seinen ersten Beitrag zum ‚Kulturkrieg‘ dar. In 73 Vgl. ebd. S. 55.
74 Beßlich, Barbara: Wege in den ‚Kulturkrieg‘. A.a.O. S. 40.
75 Ebd. S. 147.
76 Vgl. ebd.
77 Vgl. Wysling, Hans: ‚Geist und Kunst‘. In: P.Scherrer/H. Wysling: Quellenkritische Studien
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ihnen sind bereits alle signifikanten Elemente seiner übrigen Kriegspublizistik anzutreffen, wobei anzumerken bleibt, daß sie die diversen zivilisationskritischen Aspekte seines Vorkriegswerkes vereinigen. 78 Die Gedanken im Kriege stellen keinen eindeutig strukturierten, sondern einen weitestgehend assoziativen Text dar. Darin schildert Mann u. a. den Frieden als einen morbiden Zustand der Destruktion, dem ein Loblied auf den Krieg als Katharsis gegenübersteht. Ferner beschreibt er die Legitimation der Kriegsbegeisterung der deutschen Künstler als eine moralische und folglich nicht politische. 79 Mann klassifiziert ‚Zivilisation‘ und ‚Kultur‘ als „Erscheinungsformen des ewigen Weltgegensatzes und Widerspiels von Geist und Natur.“ 80 Norbert Elias hat in diesem Zusammenhang an den Beginn seiner Arbeit Über den Prozeß der Zivilisation eine umfangreichere Abhandlung jener Begriffe gestellt. Elias vertritt die Ansicht, daß sich hinter den diversen nationalen Interpretationen dieser beiden Termini deutlich sich voneinander unterscheidende Wertvorstellungen verbergen würden. Die beiden Begriffe seien alles andere als kontextunabhängige Signifikanten. Sie verliehen vielmehr dem Selbstverständnis menschlicher Gesellschaften Ausdruck, seien verbunden mit starken Emotionen, politischen und moralischen Einstellungen. Elias verfaßte diese Thesen in den 30er Jahren; diese Problematik hatte ihn zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon länger beschäftigt, da er bereits 1919 ein Referat unter dem Titel Thomas Mann und die ‚Zivilisationsliteraten‘ gehalten hatte.
Mann formuliert in seinem Essay, daß die Kunst fern davon sei, „an Fortschritt und Aufklärung, an der Behaglichkeit des Gesellschaftsvertrages“ 81 in irgend einer Form interessiert zu sein. Die Verwendung der Begriffe ‚Fortschritt‘ und ‚Aufklärung‘ sowie ‚Gesellschaftsvertrag‘ verweisen auf Manns intellektuelles Interesse am 18. Jahrhundert und damit primär auf Rousseau. Zudem bemüht sich der Autor die Kriegsbegeisterung der Künstler und Intellektuellen zu erklären. Mann deutet das kulturkriegerische Engagement als ein moralisches und stellt dieses einer Interpretation gegenüber, die die künstlerische Kriegsbegeisterung als sensationsheischend diffamiert. 82 Bei Mann stehen Seele, Kultur und Moral gegen zum Werk Thomas Manns. Bern u. München 1967. S. 213 f. (Notiz Nr. 116).
78 Vgl. ebd. S. 122.
79 Vgl. Mann, Thomas: Gesammelte Werke. Band 13. Frankfurt a.M. 1974. S. 532 f.
80 Ebd. S. 528.
81 Ebd. S. 529.
82 Vgl. Beßlich, Barbara: Wege in den ‚Kulturkrieg‘. A.a.O. S. 187.
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Vernunft, Zivilisation und Politik. 83 Zivilisationskritisch mutet in diesem Zusammenhang besonders Manns Darstellung des Krieges als triumphaler Sieg der Moral über Politik an. Der Frieden wird hingegen mit Motiven von Krankheit und Partikularisierung, als „gräßliche Welt, die nun nicht mehr ist“ 84 beschrieben. Es wird ein Bild vom Frieden entworfen, das gegenüber dem neuen Zusammengehörigkeitsgefühl im Krieg „Zersetzungsstoffe [...] der Zivilisation“ 85 beinhaltet. Als sich zwischen 1914 und 1918 die Nationen des zivilisierten Westens gegen das Deutsche Kaiserreich verbanden und durch ihren gemeinsamen Sieg dem kollektiven Selbstbewußtsein der Deutschen einen schweren Schlag versetzten (‚Dolchstoßlegende‘), riß die Kluft zwischen der ‚Zivilisation‘ westlichen und der ‚Kultur‘ deutschen Zuschnitts weiter auf. 86 Thomas Manns essayistische Werke während des Ersten Weltkriegs legen in diesem Kontext Zeugnis von einer brisanten Stimmungslage ab, die weite Teile der damaligen deutschen Gesellschaft erfaßt hatte.
3.1.2 Oswald Spengler und Ernst Jünger
Wie Thomas Mann war auch der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler vom Kriegsausbruch 1914 begeistert und lebte im festen Glauben an einen Sieg des Deutschen Kaiserreichs.
Kaum ein anderes vor dem Ersten Weltkrieg entstandenes geschichtsphilosophisches Buch hat mehr Aufsehen erregt als Spenglers Hauptwerk Der Untergang des Abendlandes. In seinen Tagebuchaufzeichnungen bezeichnet Thomas Mann Spenglers Werk als einen „intellektuellen Roman ersten Ranges.“ 87 Obwohl erst 1918, also im Jahr des Zusammenbruchs des Deutschen Kaiserreichs publiziert, bietet dieses Werk einen Einblick in den wilhelminischen Zeitgeist mit seiner gesamten Zerrissenheit und pathetisch vorgetragenem Großmachtsstreben. Spengler gibt hier auch in zivilisationskritischer Form die für dieses Jahrhundert typische Grundhaltung gegenüber der Technik wider. Die Technik sei zwar „so alt wie das frei im Raume bewegliche Leben überhaupt“ 88 , schreibt er, jedoch sei sie in 83 Vgl. Mann, Thomas: Gesammelte Werke. Band 13. A.a.O. S. 531. 84 Mann, Thomas: Gesammelte Werke. Band 13. A.a.O. S. 532. 85 Ebd.
86 Vgl. Elias, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation. Band 1. Frankfurt a.M. 1997. S.89 f. 87 Mann, Thomas: Tagebücher 1918-1921. Frankfurt a.M. 1979. S. 279. (09.07.1919). 88 Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. 2. Band. Welthistorische Perspektiven. München 1922. S. 624.
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der jüngsten Epoche der Menschheitsgeschichte „gewissermaßen souverän“ 89 geworden. Dies sei die logische Folge einer veränderten, ‚zivilisierten‘ Form des Umgangs mit der Natur, die nun nicht mehr nur in einem gewissen ‚Abtasten durch die Sinne‘ bestehe, sondern in einer absichtlichen und tätigen Veränderung derselben: „Man hat den Gang der Natur belauscht. [...] Man beginnt sie nachzuahmen. [...] Der Mensch wagt es, die Gottheit zu spielen.“ 90 Aber während bis in das Zeitalter des Rationalismus und der Erfindung der Dampfmaschine die Natur ihre Dienste geleistet habe, werde sie jetzt „als Sklavin ins Joch gespannt und ihre Arbeit wie zum Hohn nach Pferdestärken bemessen.“ 91 Im Verlaufe eines Jahrhunderts sei „die Natur ins Wanken geraten [...] die menschliche Wirtschaft [habe] tief in die Schicksale der Tier- und Pflanzenwelt eingegriffen“ 92 ; die Technik sei geradezu eine „faustische Leidenschaft“ 93 geworden, die „das Bild der Erdoberfläche veränder[e].“ 94 So wird für Spengler jedes technische Werkzeug als Waffe gedeutet, das der Mensch für seinen Willen zur Macht nutze, um in einem Kampf gegen die Natur und gegen andere Geschöpfe zu siegen. 95 Nach Spenglers Vorstellung funktioniert die Technik nach ihren eigenen Methoden, Regeln und Gesetzmäßigkeiten. Diese geben ihr eine bestimmte Entwicklung vor, die nicht kontrollierbar ist. Infolgedessen kann sie den Menschen und die Natur vollkommen beherrschen. Unternehmer oder Arbeiter seien der Maschinenindustrie zu Gehorsam verpflichtet. „Beide sind Sklaven, nicht Herren der Maschine, die ihre teuflische geheime Macht erst jetzt entfaltet“ 96 , schreibt Spengler. Wenn überhaupt von einem Herrn der Maschine geredet werden könnte, dann sei dies der Ingenieur, dieser „wissende Priester der Maschine“ 97 , dessen Denken als Möglichkeit schafft, was die Maschine dann in Wirklichkeit leistet.
Der Erfolg des Buches war spektakulär, Der Untergang des Abendlandes wurde eines der meistgelesenen Bücher der Weimarer Republik. Von vielen wurde es enthusiastisch gefeiert, weil es sämtliche Kritikpunkte der zeitgenössischen Zivilisationskritik aufnahm und diese zu einer umfassenden Einheit verband. Zudem 89 Ebd.
90 Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. 2. Band. A.a.O. S. 626. 91 Ebd. S. 629.
92 Ebd.
93 Ebd.
94 Ebd.
95 Vgl. Merlio, Gilbert: Spengler und die Technik. In: Peter Christian Ludz (Hrsg.): Spengler Heute. München 1980. S. 104.
96 Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. 2. Band. A.a.O. S. 631. 97 Ebd. S. 632.
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verkörperte das Werk eine Orientierungshilfe für die politisch Verunsicherten. In den frühen 30er Jahren wendet sich Spengler in einer neuen Veröffentlichung seines Buches Der Mensch und die Technik wieder philosophischen Fragen zu. In dieser Schrift unterstreicht er sein elitäres, antidemokratisches Weltbild, wobei er mit dem Blick auf die Frühgeschichte des Menschen die Logik seiner Geschichtsphilosophie um eine frühe, universell-evolutionäre Phase ergänzt. Anthropologisch definiert Spengler das soziale Leben und die Herrschaftsverhältnisse der Menschen, die auf das Volk insgesamt übergegangen seien und in der Zivilisation zu einer verhängnisvollen Dynamik führten: „Der Herr der Welt wird zum Sklaven der Maschine. [...] Der gestürzte Sieger wird von dem rasenden Gespann zu Tode geschleift.“ 98 Degeneriert, ausgebrannt und gesättigt würden sich die weißen Eliten von der Führung distanzieren, die Massen würden perspektivlos gegen ihr Los rebellieren, die weißen Völker wären dabei, ihre Vormachtstellung zu verlieren. Die ‚Farbigen‘, womit Spengler besonders Japan wegen seines rasanten technologischen Fortschritts meinte, würden die Technik allerdings nur einsetzen als „eine Waffe im Kampf gegen die faustische Zivilisation, eine Waffe wie ein Baumast im Walde, den man fortwirft, wenn er seinen Zweck erfüllt hat.“ 99 Die Botschaft in Der Mensch und die Technik ist eine eher pessimistische. Seine Landsleute fordert er dennoch zu bedingungsloser Aufopferung auf. Spengler vertritt offensichtlich das Ideal einer vormodernen Gesellschaftsordnung:
Es muß immer wieder festgestellt werden: diese Gesellschaft, in der sich eben jetzt der Übergang von der Kultur zur Zivilisation vollzieht, ist krank, krank in ihren Instinkten und deshalb auch in ihrem Geist. [...] Der Liberalismus gegenüber den Tendenzen der Demagogie ist die Form, in welcher die kranke Gesellschaft Selbstmord begeht. 100
Spengler greift hier „die von der Aufklärung eingeleitete Modernisierung aller Lebensbereiche und die von ihr geförderte Säkularisierung“ 101 der Gesellschaft massiv an.
Diese eindeutig negative, pessimistische Sichtweise des sozialen und technischen Fortschritts bestätigt Spenglers Position als nationalkonservativen Philosoph und 98 Vgl. Cüppers, Martin: Das politische Konzept Oswald Spenglers. Berlin 1998. S. 6 f. 99 Vgl. ebd.
100 Spengler, Oswald: Jahre der Entscheidung. I.Teil. München 1933. S. 84, 88.
101 Möller, Horst: Oswald Spengler – Geschichte im Dienste der Zeitkritik. In:
Peter Christian Ludz (Hrsg.): Spengler Heute. München 1980. S. 62.
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Kritiker des modernen Materialismus. Dennoch finden sich in seinem Werk auch Passagen, die eine gewisse positive Technikhaltung bzw. Bewunderung erkennen lassen. So schreibt Spengler: „Für die prachtvoll klaren, hochintellektuellen Formen eines Schnelldampfers, eines Stahlwerkes, einer Präzisionsmaschine [...] gebe ich den ganzen Stilplunder des heutigen Kunstgewerbes samt Malerei und Architektur hin.“ 102 Mit dieser Zwiespältigkeit trifft Spengler den wilhelminischen Zeitgeist: auf der einen Seite Technikkult, auf der anderen Seite Angriffe gegen eine zunehmende technische Dominanz der Arbeitsabläufe. Eine derartige ‚Technikmentalität‘ ist nicht nur in den Arbeiten Oswald Spenglers wiederzufinden, sondern vor allem auch in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bei Ernst Jünger.
Jüngers Erfahrungen des Ersten Weltkriegs mit seinen Massenheeren und dem Einsatz von neuem technischen Material prägten seine Haltung gegenüber der Moderne. In seinem Essay Die Totale Mobilmachung von 1930 beschreibt Jünger die miteinander verknüpften technisch-rationalisierten Auswüchse des Krieges, wobei er den Krieg als einen ‚Werkvorgang‘ versteht. Die feindlichen Länder erscheinen ihm als riesige Fabriken, welche ‚Armeen am rollenden Band‘ produzierten, um sie auf die Schlachtfelder zu entsenden. 103 Der Krieg und seine Technik erinnert Jünger an einen „präzisen Arbeitsgang einer mit Blut gespeisten Turbine“ 104 an einen „gigantischen Arbeitsprozeß.“ 105 Den Ersten Weltkrieg versteht Jünger zugleich als Höhepunkt des „Zeitalter[s] der Massen und Maschinen.“ 106 In Krieg und Technik antizipiert Jünger, daß der Krieg „ein Zerstörungswerk globalen Ausmaßes in Gang gesetzt [habe], denn ‚der Geist, der hinter der Technik steht‘, vermochte alle ‚alten Bindungen‘ zu zerstören.“ 107 Auch die neuen Kenntnisse im Bereich der Rationalisierung und des technischen Fortschritts prägen, so Jünger, die gesamte neue Wirklichkeit. 108 In seinem 1932 veröffentlichten Essay Der Arbeiter unternimmt Jünger den Versuch, die marxistische Arbeiterbewegung preußisch-deutsch zu definieren. Jünger möchte sie damit moderner machen, also auf die Herausforderungen der technischen Zivilisation vorbereiten, wobei er zugleich eine
102
Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. 1. Band. Gestalt und Wirklichkeit. Wien u. Leipzig 1918. S. 62.
103 Vgl. Jünger, Ernst: Die Totale Mobilmachung. In: Ders: Sämtliche Werke. Band 7. Stuttgart 1980. S. 129.
104 Ebd.
105 Ebd. S. 126.
106 Ebd. S. 128.
107 Gerhards, Claudia: Apokalypse und Moderne. Würzburg 1999. S. 79.
108 Vgl. Gerhards, Claudia: Apokalypse und Moderne. A.a.O. S. 79.
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deutsche Vormachtstellung aufbauen möchte. 109 Zudem schildert Jünger im Arbeiter die Großstädte und ihre Vermassung als exemplarische Orte der Moderne, welche die von ihm antizipierten Rationalisierungstendenzen widerspiegeln 110 :
Welcher Anblick bietet sich einem heimatlosen Bewußtsein dar, das sich in den Mittelpunkt einer unserer großen Städte verschlagen sieht und wie im Traume die Gesetzmäßigkeit der Vorgänge zu erraten sucht? Es ist der Anblick [...] von mechanischen Massen [...], deren gleichmäßiges Fluten sich durch lärmende und glühende Signale reguliert. [...] Sie [die Masse] bietet sich in Bändern, in Geflechten, in Ketten und Streifen von Gesichtern, die blitzartig vorüberhuschen, der Wahrnehmung dar, auch in ameisenartigen Kolonnen, deren Vorwärtsbewegung nicht mehr dem Belieben, sondern einer automatischen Disziplin unterworfen ist. 111
In Der Arbeiter formuliert Jünger ferner die Erkenntnis, daß der technische Fortschritt „sowohl eine umfassende Zerstörung wie eine andersartige Konstruktion der Welt“ 112 bewirkt. Das Verhältnis von Technik und Mensch wird für Jünger in der modernen Staats- und Gesellschaftstheorie deutlich, wobei der Arbeiter eine Mittlerrolle zwischen technischem Fortschritt und Mensch einnimmt:
Die Technik ist die Art und Weise, in der die Gestalt des Arbeiters die Welt mobilisiert. Das Maß, in dem der Mensch entscheidend zu ihr in Beziehung steht, das Maß, in dem er durch sie nicht zerstört, sondern gefördert wird, hängt von dem Grade ab, in dem er die Gestalt des Arbeiters repräsentiert. [...] Überall, wo der Mensch in den Bannkreis der Technik gerät, sieht er sich vor ein unausweichliches Entweder-Oder gestellt. Es gilt für ihn, entweder die eigentümlichen Mittel zu akzeptieren und ihre Sprache zu sprechen oder unterzugehen. 113
Die Gestalt des Arbeiters ist folglich untrennbar mit der Eroberung der Welt durch den technischen Fortschritt verbunden.
109 Vgl. Lübbe, Hermann: Oswald Spenglers ‚Preußentum und Sozialismus‘ und Ernst Jüngers ‚Arbeiter‘. In: Alexander Demandt/John Farrenkopf (Hrsg.): Der Fall Spengler. Köln u.a. 1994. S. 130.
110 Vgl. Gerhards, Claudia: Apokalypse und Moderne. A.a.O. S. 79.
111 Jünger, Ernst: Der Arbeiter. In: Ders.: Sämtliche Werke. Band 8. Stuttgart 1981. S. 102 f. 112 Ebd. S. 161.
113 Ebd. S. 160, 170.
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In Preußentum und Sozialismus (1919) und Jahre der Entscheidung (1933), zwei kleineren Schriften, konkretisiert Oswald Spengler seine geschichtsphilosophischen Thesen insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Konsequenzen für die Gegenwart. Hier wird der Sozialdarwinismus als Basis der intellektuellen Strömungen, die seit Ende des 19. Jahrhunderts in den großen kapitalistischen Ländern bestimmend waren und von denen auch Spengler geprägt war, besonders deutlich. Seiner Meinung nach befindet sich die Welt in einem ‚Zeitalter der Weltkriege‘, und er betont einige Prinzipien seiner Zivilisationskritik, zu denen der Massencharakter der Nation, die Vernachlässigung der Außenpolitik und die Dominanz der Wirtschaft über die Politik zu zählen sind. 114 Spengler befürchtet, daß die Großmächte einen Endkampf um die Herrschaft auf diesem Planeten führen werden. Unter den Mächten ‚großen Stils‘ sei zuerst Rußland zu nennen, „der entscheidende Faktor für Europa seit 1812, [...] seit 1917 für die ganze Welt.“ 115 Einer militärischen Konfrontation gehe Rußland zwar aus dem Weg, es betreibe allerdings die wirksame wirtschaftliche Vernichtung der Gegner durch den Handel und vor allem durch die Revolution. 116 Japan habe nach Spengler durch seine geographische Lage, seine militärische und wirtschaftliche Kraft eine sehr starke Stellung. Indien und China würden hingegen „nie wieder eine selbständige Rolle in der Welt der großen Mächte spielen.“ 117 Bezüglich der USA sei festzuhalten, daß der dortige oberflächliche Glanz und Reichtum nicht mit wirklichem Volkstum verwechselt werden dürfe, doch Kolonialbesitz und eine starke Flotte mache die USA führend in der Weltpolitik. Aufgrund dieser Ausgangssituation sei Deutschland für den künftigen Machtkampf schlecht gerüstet, das müsse sich ändern, appelliert Spengler, wenn das Kaiserreich in dieser Auseinandersetzung eine Rolle spielen wolle.
In den späten Schriften werden auch seine rassistischen Tendenzen sichtbar. Die koloniale Unterwerfung von Afrika und Asien und der Kampf um Weltmachtgeltung im Ersten Weltkrieg bilden für ihn das unmittelbare Erfahrungsmaterial. Spengler stilisiert die ‚farbige Weltrevolution‘ als die größte aller Gefahren hoch, die das Abendland, also die ‚weiße Welt‘ bedrohen würde. 118 Alles, „was in den weißen Völkern noch an ‚Rasse‘ vorhanden ist, wird nötig sein, um ihr zu begegnen.“ 119
114
Vgl. Felken, Detlef: Oswald Spengler. München 1988. S. 198 f.
115 Spengler, Oswald: Jahre der Entscheidung. A.a.O. S. 43.
116 Vgl. ebd.
117 Ebd. S. 46.
118 Spengler, Oswald: Jahre der Entscheidung. A.a.O. S. 146.
119 Ebd. S. 151, 156.
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Rußland agiere beispielsweise durch „echt asiatische Diplomatie, die handelt statt zu verhandeln, von unten und hinten, durch Propaganda, Mord und Aufstand während der im Schwinden begriffene Bolschewismus von Rußland und der gesamten Welt nur als Mittel zur Durchsetzung von Machtinteressen benutzt wird. Die ‚weißen Herrenvölker‘ hätten die Initiative aus der Hand gegeben: „Sie verhandeln heute, wo sie gestern befahlen, und werden morgen schmeicheln müssen, um verhandeln zu dürfen.“ 120 Parallel zur ‚weißen Weltrevolution‘ und in Analogie zu den Barbarenübergriffen in der Antike hätte sich im Ersten Weltkrieg, in den kolonisierten Ländern und besonders durch die wieder asiatisch gewordenen Mächte Rußland und Japan der Rassenkampf entwickelt. Das Motiv des Konflikts sei überall identisch: „Der Haß gegen die weiße Rasse und der unbedingte Wille, sie zu vernichten.“ 121 Kriegsführung, Politik und Wirtschaft hätten die Farbigen von den Weißen erlernt, der Erste Weltkrieg habe gezeigt, daß die weißen Völker besiegbar seien, weshalb das Kriegsende ein erster Triumph der farbigen Welt gewesen sei. Abschließend prognostiziert Spengler die, seiner Meinung nach, ultimativ größte Gefahr für die westliche Welt – den Untergang: „Wie, wenn sich eines Tages Klassenkampf und Rassenkampf zusammenschließen, um mit der [w]eißen [Rasse] ein Ende zu machen?“ 122
Gerade diese Untergangslehre warf Thomas Mann Spengler später als ‚Verrat‘ vor, weil dieser Partei genommen habe für das angeblich nur Diagnostizierte - für Zivilisation und Untergang. Mann erwartete von Spengler, sich auf der anderen Seite einzufinden, auf der Seite der Kultur und des Geistes. 123 Dennoch kann man Spengler keineswegs nur als Philosoph des Untergangs bezeichnen. Er war in einem stringenten geschichtsphilosophischen Sinn ebenfalls ein Philosoph der Zukunft, der mit einem prophetischen Anspruch auftrat. Spenglers Schriften wurden besonders in der Zeit der Weimarer Republik stark rezipiert, da diese „gerade das verbreitete Gefühl, an einem Endpunkt ohne positive Zukunftsaussichten angelangt zu sein, [...] Aufgeschlossenheit für [eine] scheinbar historische Argumentation und Kritik der Gegenwart [...] [bedienten]“ 124 . Spenglers Kritik an Aufklärung, Liberalismus und 120 Vgl. Cüppers, Martin: Das politische Konzept Oswald Spenglers. A.a.O. S. 10 f.
121 Vgl. ebd.
122 Spengler, Oswald: Jahre der Entscheidung. A.a.O. S. 164.
123 Vgl. Ottmann, Henning: Oswald Spengler und Thomas Mann. In: A. Demandt/J. Farrenkopf (Hrsg.): Der Fall Spengler. A.a.O. S. 158.
124 Möller, Horst Oswald Spengler – Geschichte im Dienste der Zeitkritik. A.a.O. S. 63.
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Demokratie zielte direkt auf das ideelle und politische Fundament der Weimarer Verfassung. 125
Auch Jüngers realutopische Schrift vom totalen Staat, in dem ein neuer Menschentypus in der Gestalt des Arbeiters verwirklicht werden sollte, beinhaltete das Ende der bürgerlichen Gesellschaft und der liberalen Demokratien. 126 Der Erste Weltkrieg hatte für Jünger die maßgebliche Wende herbeigeführt und zudem einen irreversiblen Prozeß in Gang gesetzt, der das anachronistische Gesellschafts- und Staatsprinzip der Weimarer Republik vor das endgültige Aus gestellt hatte: „Der Weltkrieg wurde nicht nur zwischen zwei Gruppen von Nationen, sondern auch zwischen zwei Zeitaltern ausgetragen, und in diesem Sinne gibt es sowohl Sieger als Besiegte bei uns zuland“ 127 . Dem erhofften Untergang des bürgerlichen Zeitalters sollte die erhoffte Ära des Arbeiters folgen: „Das Zeitalter der Massen und Maschinen [stellt] die gigantische Rüstungsschmiede eines heraufziehenden Imperiums dar, von dem aus gesehen jeder Untergang als gewollt, als Vorbereitung erscheint“ 128 . Jünger glaubte ferner an einen radikalen Neuanfang von globalem Ausmaß, der der untergegangenen bürgerlichen Ära nachfolgen sollte. 129
3.1.3 Der George-Kreis
Der Schriftsteller und Utopist Stefan George versammelt zu Beginn des Jahrhunderts einen Freundeskreis von Künstlern, Autoren und Gelehrten – den ‚George-Kreis‘ - um sich. Bereits 1910 erscheint Georges Jahrbuch für die geistige Bewegung, als dessen Herausgeber Friedrich Gundolf und Friedrich Wolters fungieren. Dem ersten Jahrbuch folgen 1911 und 1912 zwei weitere, wobei nur Anhänger Georges an der Mitwirkung beteiligt sind. Die drei Bände der Jahrbücher spiegeln Georges Vision von einem deutschen ‚Zukunftsstaat‘, der von „irrational denkenden, ästhetisch lebenden und im Bewußtsein solcher Superiorität suggestiv Macht über Massen ausübenden Männern gelenkt [wird]“ 130 wider. Frauen sollen in diesem Staatsgefüge keine Rolle spielen. Zudem werden die christlichen Konfessionen massiv kritisiert und abgelehnt; die bürgerliche Gesellschaft wird ähnlich wie in den 20er und 30er Jahren bei Spengler und Jünger als Feindbild angesehen:
125 Vgl. ebd.
126 Vgl. ebd.
127 Jünger, Ernst: Der Arbeiter. A.a.O. S. 61.
128 Ebd. S. 82 f.
129 Vgl. Dietka, Norbert: Ernst Jünger – vom Weltkrieg zum Weltfrieden. Bad Honnef u. Zürich 1994. S. 56.
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Unsre ablehnung des protestantismus hat darin seinen grund, dass er die voraussetzung bildet zur liberalen, zur bürgerlichen, zur utilitären entwicklung. [...] Dass wir uns dem heutigen katholizismus nicht zuwenden können hat darin seinen grund, dass er [...] die erhaltung des ewig vitalen, des heidnischen prinzips, nicht mehr erfüllt [...]. 131
George selbst erteilt der ‚Moderne‘ in seinem Werk und in seinem Privatleben eine deutliche Absage. Jegliche ‚Mode‘ ist George verhaßt, so daß er sogar seine Kleidung selbst entwirft und sich somit von jedem Zeitgeschmack fernhält. 132 In seinen Werken drückt sich ein Protest gegen den technischen Fortschritt aus. So sagt er im Gespräch mit Edith Landmann:
Sein ganzes Wesen [das Wesen des Menschen] nährt sich aus Quellen, die nicht dieselben sind wie die, aus denen die Technik hervorgeht, ja, die ihnen feindlich entgegengesetzt sind. Ein geistiger Mensch ist ein lebendiger Protest gegen denjenigen Geist, aus dem die Technik stammt. 133
Die Mitglieder seines Kreises unterstreichen in ihren Arbeiten Georges Sichtweise. So beklagt Wolters die „durch die ausgeklügelsten mittel der technik“ vermehrte „unrast der zeit“ 134 ; Gundolf diagnostiziert in seinem Aufsatz Wesen und Beziehung sogar die Herrschaft der Maschine über den Menschen – „eine unbarmherzige verknechtung des menschen durch seine werkzeuge.“ 135
Im Januar 1914 erscheint Georges Stern des Bundes. Die dort veröffentlichten Gedichte enthalten eine Anleitung zum rechten Leben, wobei die Termini der ‚Mitte‘ und des ‚Umkreises‘ mit ihren Wechselbeziehungen und Einflüssen als Leitfäden dienen. 136 Nach Georges Auffassung soll der Mensch feste Bindungen haben und nicht isoliert leben:
Nur wenn sein blick sie verlor
Eigener schimmer ihn trügt:
130 Petersen, Carol: Stefan George. Berlin 1980. S. 65.
131 Gundolf, Friedrich/Wolters, Friedrich: Einleitung der Herausgeber. In: Friedrich Gundolf/Friedrich Wolters (Hrsg.): Jahrbuch. 3. Jg. Berlin 1912. S. VII.
132 Petersen, Carol: Stefan George. A.a.O. S. 69.
133 Landmann, Edith: Gespräche mit Stefan George. Düsseldorf u. München 1963. S. 26. 134 Wolters, Friedrich: Richtlinien. In: Friedrich Gundolf/Ders. (Hrsg.): Jahrbuch. 1. Jg. Berlin 1910. S. 141.
135 Gundolf, Friedrich: Wesen und Beziehung. In: Ders./Friedrich Wolters (Hrsg.): Jahrbuch. 2. Jg. Berlin 1911. S. 15.
136 Vgl. Petersen, Carol: Stefan George. S. 70.
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Fehlt ihm der mitte gesetz
Treibt er zerstriebend ins all. 137
In diesem Werk antizipiert George ferner den bevorstehenden Ersten Weltkrieg, indem er in seinen Gedichten vom „heiligen krieg“ 138 , vom „grossen brand“ 139 und vom „sammelgrab“ 140 spricht. Obwohl sich der ‚George-Kreis‘ mit den sozialen Problemen seiner Zeit und den daraus resultierenden politischen Konsequenzen eher akademisch auseinandergesetzt hat, 141 orientiert sich George durch Beobachtungen an der gesellschaftlichen Realität, die er anschließend in seiner Lyrik kritisiert bzw. ablehnt. Zahlreiche Mitglieder des Kreises, u. a. Gundolf, reagieren begeistert auf den Ausbruch des Krieges, wobei das Kriegsziel für diese George- Anhänger nicht nur darin besteht, einen Gegner zu besiegen, sondern gleichsam eine zukünftige, eurozentristische ‚Kulturwelt‘ und einen neuen Menschentypus zu erschaffen. So schreibt Gundolf in seinem Aufsatz Tat und Wort im Krieg:
Vor der gestrigen ‚Kulturwelt‘ muß unser Schwert uns rechtfertigen, nicht unser Wort: die künftige Kulturwelt aber, das heißt ein neues Reich der europäischen Werte [...] Wir kämpfen nicht für die Bewährung des Unvergänglichen und die Erschaffung der Zukunft, nicht um noch so kostbare Dinge, sondern um das Menschentum. [...] Die Welt, gegen die wir kämpfen, ist fertig: ein abgeschlossenes Europa und ein in sich unplastisches Asien. 142
George selbst nimmt von 1914 bis 1918 eine eher distanzierte Haltung gegenüber dem Kriegsgeschehen ein. Er versteht den Kriegsausbruch als ein von ihm vorhergesehenens Symptom für den bevorstehenden Untergang des Zeitalters der ‚bürgerlichen‘ Zivilisation. George verbindet mit diesem Zeitalter Materialismus, ökonomische Interessen und finanzielle Profitsucht. 143 Nach Kriegsende bringt der ‚George-Kreis‘ allerdings auch der Weimarer Republik keine Sympathien entgegen. Michael Winkler führt als Gründe der Ablehnung, neben der Furcht vor dem Bolschewismus und den Befürchtungen um die Integrität des deutschen Kulturraums,
137
George, Stefan: Der Stern des Bundes. In: Ders.: Sämtliche Werke in 18 Bänden. Band 8. Stuttgart 1993. S. 84.
138 Ebd. S. 31.
139 Ebd. S. 35.
140 Ebd.
141 Kein Mitglied des ‚George-Kreises‘, außer Karl Wolfskehl, war originärer Dichter, sondern sie waren allgemein in praktischen Berufen tätig.
142 Gundolf, Friedrich: Tat und Wort im Krieg. In: Georg Peter Landmann (Hrsg.): Der George- Kreis. Eine Auswahl seiner Schriften. Köln u. Berlin 1965. S. 243.
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primär die Unfähigkeit der Kreis-Mitglieder an sich demokratisch um- bzw. neuzuorientieren. 144
3.1.4 Walther Rathenau
Der Großindustrielle, Schriftsteller und spätere Reichsaußenminister der Weimarer Republik, Walther Rathenau, erzielte mit seinen zukunftsorientierten und zeitkritischen Arbeiten zu Staat, Ökonomie und Gesellschaft in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine breite Resonanz und regte zu Diskussionen im In- und Ausland an. Vor allem in seiner ‚Trilogie‘, bestehend aus den Hauptwerken Zur Kritik der Zeit (1912), Zur Mechanik des Geistes (1913) und Von kommenden Dingen (1917), werden seine vielschichtigen Intentionen zwischen Zivilisationskritik und Zukunftsvisionen deutlich. Der erste Band seiner Trilogie erschien bis 1925 in insgesamt 28 Auflagen, wobei der Veröffentlichung des Werkes bereits mehr als fünfzig Rezensionen voraus- gegangen waren. Besonders Rathenaus Wirkung in der Öffentlichkeit als Denker, Kaufmann, Industrieller, Philosoph und Gesellschaftskritiker zog ein unmittelbares Interesse an seiner Person nach sich.
In Kritik der Zeit versucht Rathenau den Ursprung, die Wirkung und die weitere Richtung des technisch-industriellen Zeitalters kritisch zu hinterfragen, wobei er die damalige Zeitstimmung aufnimmt, die in dem Glauben verankert war, daß der Mensch einer fortschreitenden Technisierung der Welt hilflos ausgeliefert sei. 145 Rathenau beklagt zudem die Vermassung der Großstädte der Welt, die sich nicht mehr voneinander unterschieden. Als Grund für die Entstehung des technisch- industriellen Zeitalters macht Rathenau die Bevölkerungsexplosion verantwortlich: „Gesamtwirtschaft ist noch heute ebenso undenkbar bei spärlicher Bevölkerung wie Einzelwirtschaft bei großer Dichte. Gesamtwirtschaft muß daher mit Naturnotwendigkeit eintreten, sobald eine gewisse Verdichtung stattgefunden hat.“ 146 Der Prozeß der ‚Mechanisierung‘ wird bei Rathenau zum zentralen Begriff seiner Arbeit. Rathenau überträgt den Begriff aus dem Bereich der Produktionstechnik auf nahezu alle wirtschaftlichen, institutionellen und geistig-kulturellen 143 Vgl. Petersen, Carol: Stefan George. A.a.O. S. 75.
144 Vgl. Winkler, Michael: George-Kreis. Stuttgart 1972. S. 88.
145 Vgl. Heimböckel, Dieter: Walther Rathenau und die Literatur seiner Zeit. Würzburg 1996. S. 184.
146 Rathenau, Walther: Zur Kritik der Zeit. In: Ders.: Wather Rathenau-Gesamtausgabe. Band II. Hauptwerke und Gespräche. München u. Heidelberg 1983. S. 28.
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Dr. phil. Markus Schulz, 2005, "Die Vernichtung der Menschheit hat begonnen" - Zivilisationskritik im Spätwerk von Günter Grass, Munich, GRIN Publishing GmbH
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DOI
„Interkulturelles Management“ - Kulturelle Herausforderungen im transn...
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German Studies - Modern German Literature
Thesis (M.A.), 153 Pages
Markus Schulz's text "Die Vernichtung der Menschheit hat begonnen" - Zivilisationskritik im Spätwerk von Günter Grass is now available as a printed book
Markus Schulz has published the text "Die Vernichtung der Menschheit hat begonnen" - Zivilisationskritik im Spätwerk von Günter Grass
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