Universität Passau, Lehrstuhl für Politikwissenschaft I
Proseminar: ‚Religion als Prägekraft der internationalen Politik’
Sommersemester 2005, 3. Semester
Der Konflikt zwischen Israel und Palästina - ein Religionskonflikt?
von
Katrin Euringer
Inhaltsverzeichnis
Einleitung... 2
Begriffserklärung... 3
I. Zionismus und Einwanderung... 3
A. Zionistische Vision und Gründungsmythos... 4
B. Jüdische Einwanderung... 5
II. Historische Grundzüge der Konfliktentwicklung... 6
A. Konflikte bis zur Staatsgründung... 6
B. Die Geburt des neuen Staates Israel und der Unabhängigkeitskrieg 1948... 6
C. Der Sechstagekrieg 1967 und seine Folgen... 7
D. Die 1. Intifada 1987... 7
E. Das Oslo - Abkommen 1993... 8
F. Die 2. Intifada 2001... 9
III. Ein Land - zwei Völker: Der religiöse Hintergrund des israelisch-palästinensischen Konfliktes... 9
A. Religiosität als Faktor der israelischen Politik und Gesellschaft... 9
1. Religion und politische Tagesordnung... 9
a) Religiöse Staatsorgane... 11
b) Religiöse Parteien... 11
2. Säkularisierung und Religiosität... 12
B. Religiosität als Faktor der palästinensischen Politik und Gesellschaft... 14
1. Die Palästinenser: Eine heterogene arabische Gesellschaft... 14
2. Institutionen der Autonomiegebiete und der PLO... 15
C. Religiöse Streitpunkte... 15
1. Jerusalem... 15
2. Siedlungsbau... 16
D. Fundamentalismus als Schutzschild der Kulturen?... 17
1. Jüdischer Fundamentalismus... 18
a) Gush-Emunim Bewegung... 18
b) Kach-Partei... 18
2. Islamistischer Fundamentalismus... 18
a) Islamischer Djihad... 19
b) Hamas... 19
Fazit... 20
Literaturverzeichnis... 22
Internetquellen... 23
Anhang... 24
Einleitung:
Die Weltreligionen spielen eine immer wichtigere Rolle in der internationalen Politik. Sie gewinnen zusehends an Macht und Einfluss, so dass man beinahe an die Geschichte der Kreuzzüge oder an die islamischen Djihad-Kriege erinnert wird. Die Religionen haben einen politischen Stellenwert erreicht, den sich im säkularisierten Westen niemand mehr so recht vorstellen kann. Diese Macht, die von den Religionen ausgeht, schlägt sich in den Konflikten und Kriegen der internationalen Politik nieder, die inzwischen globale Ausmaße angenommen haben. Keine Religionsgemeinschaft ist davon unberührt geblieben. Im Besonderen aber sind die drei monotheistischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam betroffen. Durch die Politisierung ihrer Glaubensinhalte nehmen die Religionsgemeinschaften natürlich großen Schaden. Dafür ist ein religiöser Fundamentalismus verantwortlich, der sich im Allgemeinen gegen die westliche Moderne richtet. In seiner schärfsten Ausprägung greifen Extremisten zu terroristischer Gewalt, um ihre Ziele zu erreichen. Die Zahl gewaltsam ausgetragener Konflikte, in denen die religiöse Komponente eine wesentliche Rolle spielt, sowie religiös motivierter Bürgerkriege nimmt immer mehr zu. Ein trauriges Beispiel ist der Konflikt zwischen Israel und Palästina, dessen Gewalteskalationen uns fast täglich in den Medien erschüttern, sei es nun durch Bilder von blutigen Selbstmordattentaten der Palästinenser oder durch Nachrichten über brutale Vergeltungsaktionen der Israelis. Kaum eine Krise in der internationalen Politik hat so viel Aufmerksamkeit erfahren wie dieser Konflikt. „Der Nahe Osten ist seit mehreren Jahrhunderten ein Unruheherd mit schweren Spannungen zwischen den jüdischen und arabischen Volksgruppen.“1. In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich die Frage nach den Ursachen, den Wurzeln des Konflikts. Im Laufe meiner Arbeit werde ich mich im Besonderen aber mit der Frage auseinandersetzen, ob es sich tatsächlich um einen religiös motivierten Konflikt, einen ‚Glaubenskonflikt’ des oben beschriebenen Ausmaßes handelt, oder ob es doch noch andere Kräfte gibt, die auf diesen Konflikt einwirken. Als kurze Einführung sollen zunächst die geopolitische Lage des Landes und seine Grenzen erläutert werden.
Palästina hat gemeinsame Grenzen mit vier arabischen Staaten: mit dem Libanon im Norden, Syrien im Nordosten, Jordanien im Osten und Ägypten im Südwesten.2 Auf diesem Gebiet befinden sich im Wesentlichen zwei politische Einheiten: Zum einen der Staat Israel und zum anderen die von Israel besetzten, bzw. von den Palästinensern autonom verwalteten Gebiete. Unter israelischer Besatzung stehen der Gazastreifen und das Westjordanland/die Westbank, welche von vielen Israelis mit den alten jüdischen Namen Judäa und Samaria bezeichnet werden. „Die heutigen Grenzen Israels und der palästinensischen Gebiete beruhen zum Großteil auf Abkommen zwischen den Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs das Osmanische Großsyrien unter sich aufteilten.“3 Begriffserklärung:4
Alijah (hebr.): Einwanderungswelle, wörtlich: Aufstieg nach Zion
Halacha (hebr.): jüdisches Religionsgesetz
S(h)abbat (hebr.): strenger, jüdischer, durch das staatlich-israelische Gesetz verordneter Ruhetag
Jischuv (hebr.): Bezeichnung sowohl für das jüdische Siedlungsgebiet als auch für die jüdische Bevölkerungsgruppe Palästinas, wörtlich: Besiedlung
Schoah (hebr.): der von den Nationalsozialisten betriebene Holocaust, wörtlich: die Katastrophe, Vernichtung
Aschkenasim (hebr.): westliche Juden (Juden, die ursprünglich aus Ost-, Zentral- und Westeuropa sowie Nord- und Südamerika stammen)
Sephardim (hebr.): ‚spanische’ oder ‚orientalische’ Juden (hauptsächlich aus den islamischen Ländern Nordafrikas, Südeuropa und dem Balkan
Jeckes (hebr.): nach Palästina eingewanderte Juden aus dem deutschsprachigen Raum
Knesset (hebr.): Parlament Israels seit 1949, wörtlich: Versammlung Diaspora (griech.): Bezeichnung für jüdische Gemeinden außerhalb Palästinas, wörtlich: Zerstreuung
Agudat Jisrael (hebr.): jüdische orthodox-religiöse Partei, wörtlich: Vereinigung Israel
Fatah (arab.): Organisation des palästinensischen Widerstandes, Bewegung zur Befreiung Palästinas
Waqf (arabisch): Stiftung islamischen Rechts
I. Zionismus und Einwanderung
Wann beginnt eigentlich der Konflikt zwischen Israel und Palästina? Man kann die erste Einwanderungswelle, Alijah, zionistischer Juden im Jahre 1882 oder die ersten größeren Auseinandersetzungen zwischen Juden und Arabern in Palästina im Jahre 1920 nennen. „Weltpolitisch gesehen beginnt der Nahostkonflikt mit der offiziellen Erklärung der britischen Regierung, die später dem jüdischen Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina ermöglichte“5
A. Zionistische Vision und Gründungsmythos
Die moderne Geschichte Israels beginnt mit dem Zionismus, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts als ideologisches Konzept und politisches Programm zur Neubestimmung jüdischer Identität und als Antwort jüdischer Intellektueller auf den modernen Antisemitismus in Europa entsteht.
Der Begriff ‚Zionismus’ wird 1890 von dem jüdischen Schriftsteller und Journalist Theodor Herzl (1860-1904) geprägt. Theodor Herzl fordert in seinem Buch ‚Der Judenstaat’ einen eigenen jüdischen Staat in Palästina und legt damit den Grundstein für den Zionismus. Zentrale Anliegen des Zionismus sind der Erhalt des Judentums, die Zusammenführung der Juden in einem eigenen Staat und die Neubestimmung jüdischer Identität in der modernen Gesellschaft. Durch die Einberufung des Ersten Zionistenkongresses in Basel (1897) durch Theodor Herzl, erfahren die Siedlungsprojekte internationale Aufmerksamkeit. Nach und nach entstehen weitere Institutionen zur Durchführung der Siedlungsprojekte, wie beispielsweise die zionistische Weltorganisation oder die jüdische Kolonialbank. Diese zionistische Bewegung leitet gleichzeitig eine neue Phase jüdischen Emanzipationsstrebens und nationaler Selbstbesinnung ein. Zunächst scheint Herzls Vision eines jüdischen Nationalstaates in weiter Ferne zu liegen. Erst angesichts der in Russland und Rumänien aufflammenden Judenverfolgung, aber auch des um sich greifenden Antisemitismus in Deutschland, Österreich-Ungarn und Frankreich erhält der zionistische Gedanke breiteren Zuspruch.6
1917 führen Verhandlungen zwischen Vertretern der Zionisten und der britischen Regierung über weitere Kriegskredite zur ‚Balfour-Deklaration’. Darin verspricht die britische Regierung den Zionisten, die Gründung eines jüdischen Gemeinwesens zu unterstützen. 1922 wird Großbritannien vom Völkerbund das Palästinamandat übertragen. In den zwanziger Jahren beginnt dann bereits die Phase eines verstärkten Ausbaus jüdischer Siedlungen durch die Zionisten.7
[...]
1 Nitzke 1997: 13.
2 Siehe Karte (im Anhang)
3 Herz 2003: 11.
4 Naor 1998: 601 f.
5 Schreiber/Wolffsohn 1996: 13.
6 Vgl. Nieswandt 1998: 71 ff..
7 Vgl. Finkelstein 2002: 60 ff.
Arbeit zitieren:
Katrin Euringer, 2005, Der Konflikt zwischen Israel und Palästina - ein Religionskonflikt?, München, GRIN Verlag GmbH
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