Familien- und Frauenpolitik ist ein Politikfeld, das generell nicht im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung liegt. Es muss also etwas passiert sein, damit dieses Thema in den Brennpunkt der Berichtserstattung kommt. Was ist passiert? Die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) brachte Vorschläge ein, Betreuungsplätze für unter 3-jährige Kinder auf staatlicher Ebene auszudehnen. Zu Begründung nannte sie Überforderung der Eltern und auch die schlechte Förderung der Kinder im Vorschulalter 1 . Die Vorschläge der Ministerin führten zu vielfältigen Diskussionen. Zum einen wurden sie von den meist männlichen Politikern entrüstet abgelehnt, zum anderen griffen die Medien die gesellschaftlichen Hintergründe auf, die zu von der Leyens Vorschlag führten (vgl. z.B. Stern 9/2007, S. 36).
Doch die Analyse der Umstände greift meist zu kurz. Seit einigen Jahren erleben wir einen gesellschaftlichen Umbruch, der wohl nur mit dem Umbruch zu Beginn der Industrialisierung zu vergleichen ist: Der Wandel von der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft zur Wissensgesellschaft. Hier werden neue zeitliche Herausforderungen an die Menschen gestellt.
Die Flexibilisierung der Zeiten im Berufs- und Alltagsleben sowie auch der zunehmende Teil erwerbstätiger Frauen führen zu Belastungen, die sich größtenteils einseitig zum Nachteil von Frauen auswirken. So wird das Abstraktum Zeit in „hochentwickelten Gesellschaften zu einem genauso knappen Ding wie materielle Produkte.“(Rinderspacher, 1989, S. 103). Zudem wird Erwerbsarbeit nach wie vor höher als unbezahlte Arbeit bewertet, die zum größten Teil von Frauen geleistet wird. 2 Doch in unserer Gesellschaft wird der Beruf als Schlüsselstatus angesehen. Annerkennung und Wertschätzung drücken sich demnach durch finanzielle Leistungen und Beförderungen aus (Oechsle, 2002, VII). So ergibt sich die Situation, dass Frauen beruflich benachteiligt sind und gleichzeitig durch die Beanspruchung in der Familie auch hier unter den „Imperative(n) eines tayloristischen Zeitregimes“ (Hochschild, 2002) stehen.
Von der Diskussion politischer Ideen bis zur Verabschiedung wirksamer Gegenmaßnahmen vergeht viel Zeit. Zeit, die Frauen unter der Doppelbelastung nicht haben. Welche Alternativen gibt es also? Könnten nicht Non-Profit-Systeme wie z.B. Tauschringe, Zeitnöten und Zeitengpässen betroffener Frauen entgegenwirken? Inwiefern könnte eine alternative Form der Ökonomie eine Möglichkeit bieten bestehende Ungleichheiten bzw. Geschlechterdifferenzen abzubauen oder diese aufzuheben? Welche Auswirkungen haben solche alternative Handelsformen aus Gender-Perspektive?
1 Zudem sollen Frauen mehr Möglichkeiten haben am Berufsleben zu partizipieren (vgl. WO, 2007)
2 Nicht gemeint sind hier ehrenamtliche Tätigkeiten.
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Am Beispiel des „Talente Tauschrings Hannover“ (TTH) soll versucht werden auf diese Fragen eine Antwort zu finden und diesen Sachverhalt geschlechtsspezifisch zu deuten. Die Grundidee des Tauschringsystems „verlässt die gewohnten kapitalistischen Waren -und Geldkreisläufe zugunsten einer alternativen Ökonomie“ (WaS, 2005). Nicht soziales Prestige, sondern allein die menschliche Arbeit, die sich nach dem Zeitwert richtet, wird bewertet und entlohnt. Das bedeutet, dass z.B. eine Stunde Putzen genauso gilt wie eine Stunde Webseitenprogrammierung. Angeboten werden können Dienstleistungen aller Art, je nach Fähigkeiten und Kenntnissen der Mitglieder. Die meisten Tauschringe führen Mitgliederkonten, auf die eine fiktive Währungen gebucht werden. Im Fall des „Talente Tauschrings Hannover“ werden ca. 15-20 Talente pro Dienstleistung die Stunde verrechnet.
Forderungen und Begriffe der Ökonomie prägen heute viele Lebensbereiche. Schlagworte wie „Flexibilität“ oder „Mobilität“ werden immer wichtiger um beruflich weiterzukommen (vgl. Eberling, 2002, S. 194). Jedoch werden diese Forderungen nur an die Arbeitnehmer gestellt. Da Frauen weiterhin den größten Teil in der Kindererziehung und „die Verantwortung für die Arbeiten und die Organisation des familiären Alltagslebens“ (empirica, 1999, S. 670f) übernehmen, sind sie gerade deshalb von starren Zeitstrukturen 3 besonders betroffen. Die Synchronisation der Zeiten wird immer schwieriger und das Zeitmanagement der alltäglichen Lebensführung wird zunehmend komplexer. Zeitstress wird insbesondere von berufstätigen Müttern als belastend empfunden. Bei einer repräsentativen Umfrage in Barmbeck-Uhlenhorst 1996 4 gaben ca. 2/3 der Befragten an, unter erheblichem Zeitstress oder unter ständiger Zeitknappheit zu leiden (ebd., 1999). Daher besteht gerade von Frauen eine verstärkte Nachfrage an Teilzeitarbeitsplätzen. Diese sind im Durchschnitt jedoch „weniger attraktiv, schlechter bezahlt und rechtlich schlechter gestellt“ (ebd., 1999).
Teilzeitarbeit reduziert im Vergleich zur Vollzeitstelle zwar die zeitliche Belastung im Berufsleben, hat jedoch finanzielle Nachteile zur Folge. Hier kann der Tauschring helfen, wie folgendes Beispiel demonstrieren soll: Tina H. ist eine allein erziehende Mutter und arbeitet- trotz eines gut abgeschlossenen Informatikstudiums - ca. 15 Wochenstunden in der Computerabteilung eines Kaufhauses. Ihr Arbeitgeber erwartet von ihr zeitliche Flexibilität. Tinas Kind besucht die Vormittagsgruppe eines Kindergartens in der Zeit von
3 Speziell sind hier Zeitstrukturen, die die sozioökonomischen Taktgeber wie z.B. Arbeitszeiten oder Öffnungszeiten von Handel und Betreuungseinrichtungen vorgeben, gemeint.
4 Die Befragung diente dazu die Zeitbedürfnisse und Zeitprobleme, vorrangig von berufstätigen Müttern, im Rahmen des Projektes „Zeiten der Stadt“ zu erfassen.
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8:00-13:30 Uhr. Wenn Tina Frühdienst hat, kümmert sie sich nachmittags um ihr Kind sowie um zwei weitere Kinder von Mitgliedern des Tauschrings. Dadurch ist es Tina möglich auch samstags zu arbeiten, da sie ihr Kind in dieser Zeit von einem anderen Mitglied des Tauschrings gut betreut weiß. Da Tina mehr Betreuungsstunden anbietet, als sie selber benötigt, kann sie mit ihrem „Talentenüberschuß“ z.B. handwerkliche Tätigkeiten in Anspruch nehmen, die sonst ihr Budget sprengen würden 5 (vgl. z.B. FP, 2006, S.1f).
Das Beispiel zeigt, wie mit zeitlichem Stress auch emotionaler Stress abgebaut werden kann, da die Mitglieder des Tauschrings als Dienstleister und Kunden und nicht als „Bittsteller“ in Aktion treten. Viele Tätigkeiten, die innerhalb des Tauschringes angeboten werden, können zeitlich flexibel erledigt werden. So kann z.B. eine Webseite auch nachts um 3 Uhr programmiert werden. Alternative Einrichtungen wie der „Talente Tauschring Hannover“ (TTH) können den Zeitstress verringern. Allerdings muss auch die „Tauschring-Tätigkeit“ in den Familien- und Alltagsrhythmus eingepasst werden.
Selbst die Verabschiedung von Gleichstellungsgesetzen hat noch nicht dazu geführt, Chancenungleichheiten von Frauen in der Wirtschaft zu beseitigen. Frauen verdienen für die gleichen Tätigkeiten unverändert weniger, sind in leitenden Positionen unterrepräsentiert und werden weniger als ihre männlichen Kollegen gefördert (accenture, 2007, S.1-32). Selbstverwirklichung wird „häufig über die berufliche Tätigkeit und deren Sozialprestige bzw. Gratifikationen“ (Eberling, 2002, S.195) definiert. Innerhalb des „Talente Tauschrings Hannovers“ (TTH) wird jedoch jede angebotene oder verrichtete Tätigkeit gleich bewertet. Die Angebote reichen von Hausarbeiten, Reparaturen oder Körperpflege bis hin zu Ernährung und sozialen Diensten wie z.B. Vorlesen, Zuhören, Einkaufen oder Babysitting. Hierbei werden insbesondere handwerkliche, technische Hilfen oder soziale Dienste 6 am häufigsten nachgefragt (Fahl, 1999, S. 31). Durch die Gleichbewertung der angebotenen Arbeiten erhalten die Mitglieder Annerkennung und Wertschätzung allein aus der von ihnen geleisteten Tätigkeit pro Stunde. Weder soziale Herkunft der Mitglieder noch der Bildungshintergrund spielen hier eine Rolle. Die unbezahlte Arbeit wird in diesem Rahmen aufgewertet. Unterschiedliche Neigungen und Interessen der Mitglieder werden gewinnbringend in das Tauschring-System eingebracht. Die Interaktionen fördern zudem soziale Kompetenzen wie z.B.
5 Das Beispiel ist an Anlehnung diverser Erfahrungsberichten von Tauschring-Mitgliedern entstanden.
6 Hiervon profitieren insbesondere Frauen, da sie in diesem Bereich überproportional beruflich qualifiziert sind. (vgl. DESTATIS)
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Arbeit zitieren:
Ramona Hunkler, 2007, Gender-Zeit-Ökonomie, München, GRIN Verlag GmbH
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