Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 3
(A) ANGRENZENDE DISKURSE 6
2. KOMPRIMIERUNG VON RAUM UND ZEIT 7
3. WELTSYSTEM UND MARGINALITÄT DER MIGRANTEN 8
4. ENTGRENZTE IDENTITÄTEN 9
5. ZUSAMMENFASSUNG A 10
(B) RHETORIK DER ENTGRENZUNG 11
6. THEORETISCHE PRÄMISSEN 12
6.1 DIE ÜBERWINDUNG DES METHODOLOGISCHEN NATIONALISMUS 12
6.2 GLEICHZEITIGKEIT STATT OPPOSITION 13
7. TRANSNATIONALE ÖKONOMIE 14
7.1 INDIVIDUELLE UND KOLLEKTIVE RIMESSEN 14
7.2 TRANSNATIONAL ENTREPRENEURSHIP 15
8. TRANSNATIONALE POLITIK 17
8.1 STÄRKERE STIMME FÜR DIE MIGRANTEN 17
8.2 AKTEURE DES WANDELS 18
9. ZUSAMMENFASSUNG B 19
()C KRITIK UND INTERPRETATION 21
10. KRITIK DER ENTGRENZUNGSRHETORIK 22
10.1 TRANSNATIONALISMUS FÜR ALLE? 22
10.2 UNGLEICHE KOMPRIMIERUNG VON ZEIT UND RAUM 23
10.3 DIE ANDERE SEITE DER HYBRIDITÄT 23
10.4 WEITERE KRITIKPUNKTE 24
11. INTERPRETATIONSANSÄTZE 25
11.1 FOKUS AUF ENTGRENZUNG 25
11.2 DISTINKTION UND KONTRAST 26
11.3 IDEOLOGIE 27
12. ZUSAMMENFASSUNG C 28
13. REFLEXIONEN 29
BIBLIOGRAPHIE 30
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1. Einleitung
Seit den Anfängen der sozialwissenschaftlichen Erforschung von Migration in die USA haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen teils drastisch verändert. Dementsprechend wandelte sich auch der Blick auf Migrationsprozesse. So gerieten die Assimilationsmodelle der Chicago-School in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend mit der Tatsache in Widerspruch, dass soziale Ungleichheiten entlang ethnischer Kategorien trotz Assimilationsbemühungen perpetuiert oder gar verstärkt wurden. Die wissenschaftliche Verarbeitung dieses Widerspruchs brachte zwei unterschiedliche Perspektiven hervor: Theoretiker wie Gordon (1964) versuchten, mit noch differenzierteren Assimilationstheorien den Reduktionismen ihrer Vorgänger zu entkommen. Trotz dieser Rettungsversuche hatte der Autoritätsverlust des Assimilationsansatzes ein Vakuum geschaffen, das eine breite Neuorientierung hin zu Theorien der Pluralisierung beförderte (Han 2006). Allerdings wurden die Prämissen assimilationstheoretischer Forschung nie gänzlich überwunden. So steht das Moment der (Nicht-)Assimilation bestimmter Migrantengruppen auch bei jüngeren Studien oft im Zentrum. Dabei wird heute in Wissenschaft und Politik eher von Integration als von Assimilation gesprochen. Aber auch dieses vermeintlich neue Konzept deckt sich weitgehend mit hergebrachten Assimilationsvorstellungen.
Eine neue Herangehensweise schien in den 1990er Jahren die nordamerikanische Migrationsforschung zu revolutionieren. Wie bereits 30 Jahre zuvor wurde erneut ein Widerspruch zwischen Theorie und Empirie kreativ verarbeitet. Die zunehmende Sichtbarkeit vielfältiger Bewegungen von Menschen, Informationen und ökonomischem Kapital über nationalstaatliche Grenzen hinweg, stellte eine zentrale assimilationstheoretische Prämisse in Frage, welche implizit immer noch die Migrationsforschung anleitete: Man stellte nun fest, dass Migration oft nicht als linearer Prozess abläuft, in dessen Verlauf der Herkunftskontext allmählich abgelegt und durch Konfigurationen des Einwanderungslandes ersetzt wird. Die neuen Möglichkeiten in Transport und Kommunikation - in makrotheoretisch ausgerichteten Studien bereits systematisch dokumentiert - schienen die Welt schrumpfen zu lassen. Darüber hinaus wurden seitens verschiedener Herkunftsstaaten Zugeständnisse an die Migranten gemacht, welche diesen mehr Rechte und damit oft einen grösseren Handlungsspielraum einräumten. Eben diese Tatsachen nutzten die Transmigranten auf kreative Weise und entwickelten Strategien, die sich nicht länger ausschliesslich
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an den Strukturen des Einwanderungslandes orientierten. Noch war kaum abzuschätzen, inwiefern nationalstaatliche Grenzen für die Migranten an Bedeutung verloren. Doch die Vielfalt grenzüberschreitender Beziehungen und Aktivitäten sowie ihre teils spektakulären Auswirkungen wurden gerne als Anzeichen dafür interpretiert, dass die transnationalen Subjekte geschickt auf staatliche und marktwirtschaftliche Zwänge reagierten und diese in vielen Fällen zu untergraben vermochten. Transnationalismus entwickelte sich so rasch zu einem „sexy topic“, wie Mitchell (1997) treffend und nicht ohne Ironie feststellte. Der neue Fokus liess das Forschungsobjekt in einem anderen Licht erscheinen: Der Migrant, der den Push- und Pull-Kräften der Arbeitsmärkte unterworfen war und nach der Ankunft am Grad seiner Assimilation gemessen wurde, transformierte sich nun in einen kreativ handelnden Akteur, dessen Autonomie sich besonders deutlich im Akt der (permanenten) Grenzüberschreitung zeigte. Das Motiv der Entgrenzung zieht sich denn auch wie ein roter Faden durch die Transnationalismusforschung hindurch und bildet eines der Kernmerkmale zur Distinktion gegenüber anderen Ansätzen. Im Duden findet sich kein Eintrag für den Begriff der Entgrenzung. Das aus dem Westslawischen stammende Wort Grenze (Ebd.: 676) meint a) einen „Geländestreifen der politische Gebilde (Länder, Staaten) trennt“, b) eine „Trennungslinie zwischen Gebieten, die im Besitz verschiedener Eigentümer sind oder sich durch natürliche Eigenschaften voneinander abgrenzen”, oder c) eine „nur gedachte Trennungslinie unterschiedlicher gegensätzlicher Bereiche und Erscheinungen (Stadt-Land)“. Das Präfix ent- (Ebd.: 464) verweist unter anderem darauf, dass etwas wieder rückgängig gemacht wird (z.B. Entbürokratisierung). Zudem drückt es den Gegensatz zu Verben mit dem Präfix be- aus (z.B. begrenzen - entgrenzen).
In Anlehnung an diese Definitionen verwende ich den Begriff der Ent-grenzung in meiner Arbeit nicht als Synonym für Grenzenlosigkeit, sondern im Sinne eines Prozesses, in dessen Verlauf bestehende Grenzen einen Bedeutungsverlust erleiden. Entgrenzung verstehe ich als Hinterfragung und Relativierung von Grenzen; als einen Prozess, welcher nur in seiner Orientierung an der Grenze verstanden werden kann, da er sich auf sie bezieht. Ich werde sowohl territoriale (Definitionen a und b), als auch konzeptuelle Grenzen (Definition c) mit berücksichtigen. Unter letzterem verstehe ich den Bedeutungsverlust ehemals gültiger Grenzen, die nicht Territorien, sondern Konzepte und Ideen voneinander trennen.
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Um die Entgrenzungsrhetorik im Transnationalismus nachzuzeichnen und zugleich kritisch zu reflektieren, habe ich die Arbeit in drei Hauptteile aufgegliedert: In einem ersten Teil geht es darum, auf die Einbettung der Transnationalismusforschung in andere gesellschafts- und kulturtheoretische Diskurse hinzuweisen. Anschliessend werde ich nach den theoretischen Prämissen und den konkreten Beschreibungen ökonomischer und politischer Prozesse in der transnationalen Migrationsforschung fragen, um zu skizzieren, wie diese sich selbst und ihren Gegenstand repräsentiert. Am Schluss steht eine Diskussion der Entgrenzungsrhetorik, wobei zugleich Kritik geübt und Erklärungsansätze dargelegt werden sollen. Diese Arbeit bezieht sich auf die transnationale Migrationsforschung nordamerikanischer Prägung, um eine gewisse Homogenität hinsichtlich des Kontextes und des theoretischen Diskurses zu gewährleisten. Dabei musste ich mich auf einige wichtige Beiträge beschränken: besondere Aufmerksamkeit habe ich Nina Glick Schiller und ihren Mitarbeiterinnen einerseits, sowie Alejandro Portes und seinen Mitarbeitern andererseits geschenkt. Daraus folgt einerseits ein regionaler Schwerpunkt auf den Transnationalismus zwischen Lateinamerika und den USA, andererseits ein thematischer Schwerpunkt auf ökonomische und politische Phänomene. Auf die Unterschiede zur europäischen Transnationalismusforschung (Rogers 2000) werde ich dabei nicht eingehen. Wenn ich also in der Folge über transnationale Migrationsforschung spreche und Generalisierungen vornehme, so ist darunter immer dieses eingeschränkte Feld zu verstehen, mit dem ich mich auseinandergesetzt habe. Schliesslich gilt es noch zu bedenken, dass Verallgemeinerungen über einen Korpus mehrerer Texte und Autoren nicht unproblematisch sind: Erstens bestehen durchaus signifikante Unterschiede zwischen den Perspektiven von Glick Schiller und Portes (Kivisto 2001). Zweitens haben beide im Verlauf der letzten 15 Jahre in Reaktion auf Kritik und neue empirische Daten ihre Ansichten in einzelnen Teilen revidiert und differenziert. Diese Heterogenität werde ich weitgehend ausblenden müssen, um in idealtypischer Weise die Konstanz der Entgrenzungsrhetorik und der euphorischen Inszenierung des Transnationalismus sichtbar zu machen.
Zugunsten der Lesbarkeit verwende ich in meiner Arbeit die maskuline Form. Diese steht aber jeweils für beide Geschlechter.
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(A) Angrenzende Diskurse
In der Folge werde ich drei zentrale Diskurse aufführen, welche die Bedingungen einer postmodernen bzw. marktwirtschaftlichen Gesellschaft reflektieren. Dabei handelt es sich um Auseinandersetzungen mit Zeit und Raum, der Stellung von Migranten im Weltsystem sowie neuen Formen der Identitätsbildung. Ich werde jeweils aufzeigen, in welcher Weise die transnationale Migrationsforschung in einem Dialog mit diesen Forschungsfeldern steht.
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2. Komprimierung von Raum und Zeit
Eine Thematik, die zum Standardrepertoire jüngerer Gesellschaftstheorien gehört und teilweise sogar deren Kern bildet, ist die rasche Verbesserung technologischer Voraussetzungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (z.B. Castells 1996). Die neuen Transport- und Informationstechnologien verhalfen der kapitalistischen Restrukturierung zur vollen Entfaltung, indem sie beispielsweise das Kapital seiner räumlichen Gebundenheit entledigten.
Obwohl transnationale Konzerne diese Verhältnisse entscheidend mitprägten, beschränkte sich die Verschiebung räumlicher und zeitlicher Kategorien nicht auf das Feld der Ökonomie. Sie durchdrang die Gesellschaft als Ganzes und rekonfigurierte „established boundaries between ‘internal’ and ‘external’, ‘international’ and ‘domestic’” (Giddens 2001: 60).
Auch die Migration blieb von diesen Veränderungen nicht unberührt: Vor dem Hintergrund der neuen Möglichkeiten in Transport und Kommunikation wurde der Raum zunehmend komprimiert, und zwar auch für diejenigen, die nicht der globalen Elite angehörten (Portes et al. 1999a). Obwohl inzwischen gut dokumentiert ist, dass grenzüberschreitende Netzwerke und transnationale Lebensentwürfe schon früher bestanden haben (Foner 1997), hat sich doch die Überzeugung durchgesetzt, dass der Transnationalismus durch die schwindenden räumlichen Hürden inzwischen eine neue Qualität erreicht hat:
“Earlier in the twentieth century, the expense and difficulty of long-distance communication and travel simply made it impossible to lead a dual existence in two countries. Polish peasants couldn't just hop a plane - or make a phone call, for that matter - to check out how things were going at home over the weekend. Now, such communication is possible, and many use it to cope with the whims of the global marketplace.” (Portes 1996)
Portes weist hier einerseits auf einen qualitativen Unterschied zwischen früheren und aktuellen Migrationsbedingungen hin. Andererseits interpretiert er die Aneignung neuer Informations- und Transporttechnologien seitens der Migranten als Absicherung gegenüber einem unberechenbaren Weltmarkt. Diese Deutung stützt sich also nicht in erster Linie auf Konfigurationen des Einwanderungs- oder
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Herkunftslandes, sondern verortet den Migranten in einem globalen System, welches im folgenden Kapitel kurz umrissen wird.
3. Weltsystem und Marginalität der Migranten
Auch Glick Schiller et al. (1995) interpretieren transnationale Migration teilweise als Anpassung an die Anforderungen eines globalisierten Kapitalismus. Im Gegensatz zu individualistischen Push- und Pull-Modellen knüpfen sie an die makrotheoretischen Entwürfe eines Weltsystems an und verstehen Wanderungsbewegungen als Teil einer systemischen Dynamik (Wallerstein 1974). Dieser Perspektive zufolge ist die Migration von Arbeitskräften seit dem 18. Jahrhundert zentraler Bestandteil der kapitalistischen Weltwirtschaft. Es wird hier also von einem globalen Arbeitsmarkt ausgegangen. Die Position des Migranten in diesem Arbeitsmarkt zeichnet sich dadurch aus, dass die internationale Wanderung aufgrund der nationalstaatlichen Rahmenbedingungen zu einer partiellen Exklusion von sozialen und staatsbürgerlichen Rechten führt. Es ist dieser unterprivilegierte Status, welcher Migranten für einzelne Wirtschaftssektoren interessant, wenn nicht gar unabdingbar macht (Sassen 2001).
Aus eben dieser Position der Marginalität heraus entsteht nun nach Glick Schiller et al. transnationale Migration. Grenzüberschreitende Beziehungen und Aktivitäten dienen gleichsam als zweites Standbein, um gegenüber gesellschaftlichen Ausschlussmechanismen weniger verwundbar zu sein:
„[I]mmigrant transnationalism is best understood as a response to the fact that in a global economy contemporary migrants have found full incorporation in the countries within which they resettle either not possible or not desirable.” (Glick Schiller et al. 1995: 52)
Gemäss dieser Ansicht ist transnationale Migration also Ausdruck einer Reaktion auf die durch das Weltsystem und nationalstaatliche Differenzierungsmechanismen zugewiesene Position im sozialen Raum. Transnationalismus bedeutet die Wahl einer besseren Alternative gegenüber der bedingungslosen Anpassung und dient damit als Ausweg aus der totalen Abhängigkeit vom Einwanderungsland. Eine solche Interpretation impliziert auch eine Einschätzung bezüglich der Aktivität bzw.
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Andreas von Känel, 2007, Transnationale Migration und die Rhetorik der Entgrenzung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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