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1. Einleitung
„Uns ist in alten maeren wunders vil geseit
von helden lobebaeren, von grôzer arebeit, von fröuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen, von küener recken strîten muget ir nu wunder hoeren sagen.“ 1
Mit diesen Versen beginnt das Nibelungenlied, das wahrscheinlich bedeutends- te mittelalterliche Werk der deutschen Heldendichtung. Entstanden ist es zwi- schen 1180 und 1210, in der Blütezeit der mittelhochdeutschen Literatur. Das
39 Aventuiren umfassende Werk lässt sich in zwei Abschnitte einteilen: Aventui-
re 1-19 führen die Personen ein, beschreiben wie Siegfried nach Worms kam, die Brautwerbungen um Kriemhild von Siegfried und Brunhild von Gunther, den Streit der beiden Königinnen und Siegfrieds Tod. Der zweite Teil handelt von Kriemhilds zweiter Ehe mit Etzel und Kriemhilds Rache an die Burgunden.
Eine herausragende Stellung nimmt die Figur der Kriemhild ein. Eine herausra- gende Stellung aber nicht nur in der Erzählung selbst, die sich in ihrer Gesamt- heit fast ausschließlich um die schöne Burgundenprinzessin handelt. Herausra- gend auch in der mittelalterlichen Literatur überhaupt. Walter Haug beispiels- weise bezeichnet sie als „die erste Gestalt in der mittelalterlichen Literatur, die ihre persönliche Erfahrung als ihr Schicksal annimmt und ihr Leben individuell entwirft.“ 2 Und um diese herausragende Persönlichkeit soll meine Arbeit han- deln.
Ich möchte darstellen, wie Kriemhild von einer tugendhaften Frau zur blutrünsti- gen Rächerin wird. Geschieht dies allmählich oder plötzlich? Diese Frage be- 1 Bartsch, Karl u. de Boor, Helmut: Das Nibelungenlied. Ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse. Stuttgart. Philipp Reclam jun. GmbH & Co..2002, S. 6, 1 (im weiteren Verlauf mit „Bartsch“ abgekürzt) 2 Haug Walter: Strukturen als Schlüssel zur Welt. Kleine Schriften zur Erzählliteratur des Mittel- alters. Tübingen. Max Niemeyer Verlag. 1998, S. 334.
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schäftigt die Forschung seit langem. So unterscheidet de Boor grundsätzlich zwischen der Kriemhild des ersten und zweiten Teils: „Dem Dichter ist Kriemhild jeweils die Gestalt, die sie aus den Vorraussetzungen des Stoffes und seines Ethos sein musste; sie ist hier wie dort exemplarisch. Aber sie ist es, der Dich- ter fragt nicht danach, wie sie es wurde.“ Heusler setzt dem entgegen: „Das große ist ihm gelungen (dem Dichter) und ist sein eigenstes Werk, dass er uns den Umschwung glaubhaft macht von der glück- und Liebesstrahlenden Gattin zur unerbittlichen Rächerin.“ 3
2. Die Figur Kriemhild im Nibelungenlied
2.1 Kriemhild als höfische Dame
„Ez wuochs in Búrgónden ein vil édel magedîn,
daz in allen landen niht schoeners mohte sîn, Kriemhilt geheizen: si wart ein scoene wîp.
dar umbe muosen degene vil verlíesén den lîp“ 4
Kriemhild ist die erste Person, die im Nibelungenlied eingeführt wird. Vor allem ihre Schönheit, aber auch ihre adelige Abstammung wird hier betont. Doch nicht nur rein äußerlich ist sie eine Schönheit. Auch ihre inneren Werte, ihre tugende, werden betont. 5 Allerdings wird bereits hier eine düstere Vorausdeutung ge- macht: „dar umbe muosen degene vil verlíesén den lîp“, viele Krieger werden wegen ihr das Leben verlieren. Doch neben dieser Vorahnung ist der Kriemhild- Figur laut Schulze auch durch die Bezeichnung „vil edel“ mit einem problemati- schen Aspekt verbunden. Dieses Adjektiv ist eines von etwa zehn Epitheta, die eine Person nicht individuell charakterisieren, sondern sie, unabhängig vom Er- 3 Vgl. Wahl Armstrong, Marianne: Rolle und Charakter. Studien zur Menschendarstellung im Ni- belungenlied. Göppingen. Kümmerle Verlag. 1979, S. 244. (im weiteren Verlauf mit „Wahl Armstrong“ abgekürzt) 4 Bartsch, S. 6, 2 5 Vgl. Schulze, Ursula: Das Nibelungenlied. Stuttgart. Philipp Reclam jun. GmbH & Co..1997, S.
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zählzusammenhang, als Angehörige der höfisch-ritterlichen Gesellschaft aus- weist. Das würde auch erklären, dass sie sogar noch nach ihrem unehrenhaften Tod durch Zerstückelung als „edele wîp“ bezeichnet wird. 6 Doch nun zurück zu ihrer edlen Abstammung. Kriemhild wächst als Edelfräulein am Wormser Hof auf und steht unter der Vormundschaft ihrer drei Brüder Gunther, Gernot und Giselher. Ihr Vater und ursprünglicher König Dankrat ist bereits gestorben und auch ihre Mutter Ute steht vom Rang her unter ihren Söhnen. Der Wormser Hof besitzt große Macht, es wird von „vil hôhen werdekeit“ gesprochen. Mit dieser Einführung durch die erste Aventiure entwirft der Dichter einen Lebensraum, in dem höfische Werte gelten und Kriemhild als höfische Dame eingebettet wird. Außerdem wird zu erkennen gegeben, dass Kriemhild eine zentrale Stellung zugedacht wird. Allein die Tatsache, dass die „gegen das Zeremoniell versto- ßene Reihenfolge in der Nennung der Personen absichtlich erfolge“, da der Dichter „durchaus mit den höfischen Gesellschaftsregeln vertraut“ 7 war und in allen anderen höfischen Zeremonialszenen besonderen Wert auf Einhaltung der Etikette wert lag, macht ihre Sonderstellung deutlich.
2.2 Der Falkentraum 8
Der Falkentraum in der ersten Aventuire ist in sofern wichtig für den weiteren Verlauf der Geschichte, das er zum einen bereits auf das kommende Gesche- hen hinweist, zum anderen aber auch erste Eindrücke über Kriemhilds Wesen vermittelt.
Der Traum wird uns in einer Strophe wiedergegeben:
„In disen hôhen êren tróumte Kriemhíldè, wie si züge einen valken, starc, scóen´ und wíldè, den ir zwêne arn erkrummen. Daz si daz muoste sehen, ir erkúnde in dirre werlde leider nímmér gescehen.“ 9
In ihrer scheinbar heilen Welt wird die schöne Prinzessin plötzlich schlimm er- 143. (im weiteren Verlauf mit „Schulze“ abgekürzt) 6 Bartsch, S.750, 2377.
7 Wahl Armstrong, S. 249.
8 Vgl. Wahl Armstrong, S. 251f 9 Bartsch, S. 8, 13
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schreckt. Sie muss mit ansehen, wie ihr Falke, mit dem sie sich wie es scheint stark verbunden fühlt, brutal zerfleischt wird. Diesen Traum Kriemhilds kann man auch nicht als Traum, sondern als Erwachen sehen. Zum ersten Mal über- haupt wird Kriemhild mit der Realität der ernsten und harten Welt konfrontiert. Fortan muss sie ihrem Schicksal ins Auge blicken, solche Ängste waren ihr bis- lang fremd. Und das es sich hierbei wirklich um die Realität handelt macht der Kommentar Utes zu dem Traum klar: „der valke, den du ziuhest, daz ist ein edel man. in welle got behüeten, du muost in sciere vloren hân.“ 10 Mit schonungslo- ser Direktheit stellt die ihre Tochter ihrem Schicksal gegenüber.
Die Folgenden Strophen lassen nun einige Charaktereigenschaften Kriemhilds durchblicken. Ihre Antwort,
„Waz saget ir mir von manne, vil liebiu muoter mîn? âne recken mínne sô will ich immer sîn. sus scoen´ ich wil belîben unz an mînen tôt, daz ich von mannes minne sol gewinnen nimmer nôt.“ 11 ,
deutet ihren starken Willen zur Selbstbehauptung an. Sie will eher der Liebe entsagen, als Leid zu erfahren. Auch wenn wir wissen, dass es sich später doch anders zuträgt, kommen Eigenwille und Leidenschaft als Charakterzüge zum Ausdruck. Diese große Leidenschaft die Kriemhild innehat, lässt vermuten, dass sie in vielerlei Hinsicht Ausdruck finden kann, sowohl in positiver, als auch in negativer.
2.3 Der Königinnenstreit: Ursachen und Folgen
Die Ursache für den Frauenstreit nimmt ganz klar die Standeslüge Gunthers und Siegfrieds ein.
„Er habt´ im dâ bî zoume daz zierlîche marc,
gúot únde schoene, vil michel unde starc,
unz der künic Gunther in den sátel gesáz.
10 Bartsch, S. 10, 14 11 Bartsch, S.10, 15
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Julia Flüs, 2006, Die Figur der Kriemhild im Nibelungenlied, Munich, GRIN Publishing GmbH
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