Inhaltsverzeichnis
Darstellungsverzeichnis V
1 Einleitung 1
1.1 Aktualität und Komplexität der Thematik 1
1.2 Eingrenzung Zielsetzung und Aufbau der Arbeit 4
2 Bedeutung der Familie 6
2.1 Definition und Funktionen der Familie 6
2.2 Externe Effekte der Familie auf Wirtschaft und Gesellschaft 8
2.3 Wertewandel und Familienbedeutung 10
2.3.1 Soziokulturelle Faktoren 10
2.3.2 Familienökonomische Faktoren 15
3 Grundzüge der Familienpolitik in der Bundesrepublik Deutschland 18
3.1 Begriffliche Definition und familienpolitische Typologisierung 18
3.2 Historischer Hintergrund der Familienpolitik 21
3.3 Ziele und Notwendigkeit der Familienpolitik 22
3.4 Ausgewählte Instrumente der Familienpolitik 25
3.4.1 Finanzielle Transferleistungen 25
3.4.1.1 Steuerlicher Kinderfreibetrag und Kindergeld 26
3.4.1.2 Ehegattensplitting 30
3.4.1.3 Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten 32
3.4.1.4 Elterngeld 33
3.4.2 Familienpolitisch relevante Rechtsnormen 33
3.4.2.1 Mutterschutzgesetz 34
3.4.2.2 Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetz (BEEG) 35
3.4.3 Realtransfer: Kinderbetreuung und Bildungssystem 35
3.4.4 Sozialversicherungssysteme 38
3.5 Reformbedarf der Familienpolitik 39
II
4 Familienpolitische Maßnahmen der Bundesregierung
zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf 42
4.1 Familienpolitischer Perspektivenwechsel 42
4.1.1 Hintergrund: Demographische Entwicklung 42
4.1.2 Wirtschaftliche und gesellschaftliche Notwendigkeit 44
4.1.3 Vereinbarkeit von Familie und Beruf 47
4.2 Einführung des neuen Elterngeldes und Elternzeit 49
4.2.1 Notwendigkeit des neuen Elterngeldes 49
4.2.2 Sozialpolitische und volkswirtschaftliche Ziele 52
4.2.2.1 Sozialer und finanzieller Ausgleich 52
4.2.2.2 Gleichberechtigtes Rollenverständnis 53
4.2.2.3 Wirtschaftliche Nutzeffekte 55
4.2.3 Ausgestaltung und Gesetzliche Regelungen 56
4.2.3.1 Finanzieller Umfang 56
4.2.3.2 Flexibler Bezugszeitraum 57
4.2.3.3 Gestaltung der Elternzeit 58
4.3 Ausbau der institutionellen Kinderbetreuung 59
4.3.1 Problematik des bestehenden Kinderbetreuungsangebotes 59
4.3.2 Notwendigkeit des Kinderbetreuungsausbaus 63
4.3.2.1 Gesellschaftspolitische Perspektive 63
4.3.2.2 Volkswirtschaftliche Perspektive 64
4.3.3 Sozialpolitisches Ziele und gesetzliche Grundlage 66
4.3.4 Erwartungen an den geplanten Ausbaus der Kinderbetreuung 66
4.3.5 Aktuelle Debatte zum geplanten Kinderbetreuungsangebot 67
5 Familienbewusste Personalpolitik in Unternehmen 69
5.1 Ziele und Notwendigkeit einer familienbewussten Personalpolitik 69
5.2 Nutzeneffekte familienbewusster Personalpolitik 72
5.2.1 Betriebswirtschaftlicher Nutzen 73
5.2.1.1 Reduzierung der Fluktuationskosten 74
5.2.1.2 Kontinuität des betriebsspezifischen Wissens 75
5.2.1.3 Geringere Überbrückungskosten 76
5.2.1.4 Geringere Wiedereingliederungskosten 78
5.2.1.5 Weniger Fehl- und Krankheitszeiten 79
5.2.1.6 Gesteigerte Produktivität der Beschäftigten 80
III
5.2.2 Nutzen für die Beschäftigten 81
5.2.3 Gesellschaftlicher und gesamtwirtschaftlicher Nutzen 82
5.3 Ausgewählte Strategien familienbewusster Personalpolitik 83
5.3.1 Förderung der Kinderbetreuung 83
5.3.1.1 Unternehmenseigene und -unterstützte Kinderbetreuung 84
5.3.1.2 Notfallbetreuung 85
5.3.1.3 Förderung von Elterninitiativen 86
5.3.1.4 Steuerfreier Kinderbetreuungszuschuss 86
5.3.2 Flexible Arbeitszeitmodelle 87
5.3.2.1 Teilzeitmodelle 87
5.3.2.2 Gleitzeit 89
5.3.2.3 Telearbeit 89
5.3.3 Förderung von Wiedereinstiegsprogrammen 90
5.4 Herausforderungen bei der Implementierung 92
5.5 Konzept aus der Praxis 93
6 Bedeutung familienpolitischer Maßnahmen für die
Ausgestaltung einer familienbewussten Personalpolitik 97
6.1 Gemeinsames Ziel von Politik und Unternehmen 97
6.2 Rechtliche Normen Restriktiver Einfluss auf familienbewusste Personalpolitik 98
6.3 Komplementäre Wirkung 100
6.4 Herausforderung an die Flexibilität der Unternehmen 101
6.5 Allianz für die Familie Nachhaltige Kooperation 102
7 Fazit 104
Literaturverzeichnis 109
Gesetzestexte 113
Internetquellen 114
IV
Darstellungsverzeichnis
Darstellung 1: Korrelation zwischen Eheschließungen und Geburtenanzahl 13
Darstellung 2: Entwicklung der Anzahl von Familienarten 14
Darstellung 3: Typologisierung der Familienpolitik nach Kujisten Strohmeier 19
Darstellung 4: Entwicklung des monatlichen Kindergeldbeitrags seit 1955 27
Darstellung 5: Zusammengefasste Geburtenziffer und Reproduktionsrate 43
Darstellung 6: Frauenerwerbsquote in (25-49jährige) und Geburtenziffer (TFR) 48
Darstellung 7: Aktive Frauenerwerbsquote und Arbeitszeitmodelle 50
Darstellung 8: Typen der ersten 2 Elternzeitjahre nach befragten Haushalten 54
Darstellung 9: Kinderbetreuungsquote in Prozent (Stand 2005 2006) 61
Darstellung 10: Durchschnittliche Kinderbetreuungskosten 62
Darstellung 11: Wirkung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf 70
Darstellung 12: Wiederbeschaffungskosten nach Einkommen 75
Darstellung 13: Überbrückungskosten für befristete Angestellte 78
Darstellung 14: Wiedereingliederungskosten bei Rückkehr aus der Elternzeit 79
Darstellung 15: Kontakt zum Unternehmen währende der Elternzeit 91
V
1 Einleitung
1.1 Aktualität und Komplexität der Thematik
Täglich neue Nachrichten und Berichterstattungen aus dem Bereich der Familienpolitik machen offensichtlich, dass aufgrund intensiven wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels familienpolitischer Handlungsbedarf stärker im Fokus steht als in den vergangenen Jahren. Die Bundesregierung verleiht der Familienpolitik einen neuen Stellenwert und fördert das öffentliche und wirtschaftliche Interesse an familienpolitischen Themen.
Den zahlreichen Debatten über niedrige Geburtenraten, demographischer Veränderung und den gesellschaftlichen Wandel in der Bundesrepublik Deutschland mit seinen vielschichtigen Ursachen und zukünftigen Auswirkungen kommt eine zunehmend gesellschafts- und gesamtwirtschaftliche Bedeutung zu.
Die Familie ist das Fundament der Gesellschaft. Neben anderen solidarischen Netzwerken ist die Familie Grundlage für eine erfolgreiche und effiziente Wirtschaft und die soziale Sicherung des Staates.
Die traditionelle Familie nach dem Alleinverdienermodell, in dem Frauen vorwiegend die Versorgungs- und Betreuungsfunktion von Kindern übernehmen, Männer für das Erwerbseinkommen verantwortlich sind, entspricht nicht mehr den neuen gesellschaftlichen Ansprüchen an die individuelle Lebensgestaltung. Die Vielseitigkeit des bestehenden Ausbildungsangebotes und das steigende Bildungsniveau von Frauen haben zur Folge, dass auch der Anspruch auf eine berufliche Verwirklichung und finanzielle Unabhängigkeit bei weiblichen Beschäftigten, insbesondere junger Akademikerinnen, stetig zunimmt. Dennoch bleibt das vorrangige Ziel, neben dem beruflichen Erfolg, eine Familie zu gründen, da diese nach wie vor für über 90% der Menschen 1 den meist geschätzten Lebensbereich darstellt und eine freiwillige Kinderlosigkeit selten ist 2 . Die Vereinbarkeit von Familien- und Berufsleben wird
aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung und der steigenden Frauenerwerbstätigkeit zu einem wichtigen familienpolitischen Thema.
1 Siebter Familienbericht, BT Drs. 16/1360, Berlin, 2006, S.XXIV.
2 Vgl. Kaufmann, Franz-Xaver: Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. Gesellschaftliche und politische Bedingungen, München: Beck, 1995, S.82.
1
Das kompetitive Arbeitsumfeld im Zeitalter der Globalisierung fordert von den Beschäftigten immer mehr Flexibilität und Einsatz, wodurch die Balance zwischen Familie und Beruf nur schwer zu erreichen ist. Insbesondere bei Ehepaaren mit Kindern ist es meist die Frau, die ihre Berufstätigkeit zu Gunsten der Familie und Kinder einschränkt bzw. aufgibt und nach einer maximalen Elternzeit von drei Jahren pro Kind wieder ins Berufsleben zurückkehrt. Unter ökonomischen Gesichtspunkten ist diese sukzessive Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor allem bei hoch qualifizierten Müttern mit wirtschaftlichen Einbußen zu belegen.
In Familienhaushalten entstehen durch das Aufgeben der Berufstätigkeit und der zunehmenden Selbstverständlichkeit weiblicher Erwerbstätigkeit als Beitrag zum Haushaltseinkommen, hohe Opportunitätskosten. Grund hierfür sind ein unterbrechungsbedingter Lohnrückgang und eine ausbleibende Akkumulation des Humanvermögens 3 . Eine nachhaltige Balance von Familien- und Berufsleben, die durch eine familienorientierte Personalpolitik des Arbeitgebers und entsprechende flankierende institutionelle Maßnahmen erreicht wird, kann eine „kontinuierliche Erwerbsbiografie und verbesserte berufliche Entwicklungsperspektiven“ 4 für arbeitende Eltern entscheidend begünstigen.
Der staatliche Profit durch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zeigt sich sowohl kurzfristig wie auch langfristig. Geringere finanzielle Verluste aufgrund einer erhöhten Frauenerwerbsbeteiligung und dem damit verbundenem Mehr an Steuereinnahmen und Sozialbeiträgen machen sich unmittelbar für den Staat bemerkbar. Langfristig gesehen wird durch stärker nachkommende Generationen und kontinuierliche demographische Entwicklung die Absicherung der sozialen Renten- und Krankenversicherungssysteme gewährleistet. Ein Gleichgewicht zwischen Erwerbs- und Familienleben unterstützt auf staatlicher Ebene die Erfüllung sozialpolitischer Ziele und begünstigt die gesellschaftliche Stabilität.
3 Vgl. Althammer, Jörg: Ökonomische Theorie der Familienpolitik. Theoretische und empirische Befunde zu ausgewählten Problemen staatlicher Familienpolitik (Studies in Contemporary Economics), Heidelberg: Physica, 2000, S. 89.
4 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Betriebswirtschaftliche Effekte familienfreundlicher Maßnahmen. Kosten- Nutzen- Analyse, Studie der Prognos AG, Berlin, 2006, S.7.
2
Gesamtwirtschaftlich betrachtet wird sich eine verstärkte Vereinbarkeit von Familie und Beruf positiv auf das notwendige wirtschaftliche Wachstum auswirken. Eine steigende Erwerbsbeteiligung der beruflich und hoch qualifizierten Frauen bringt die Möglichkeit mit sich, den drohenden Fachkräftemangel am Arbeitsmarkt zu regulieren 5 und dem Verlust von Humankapital durch Erwerbsauszeiten entgegenzuwirken. Folglich ist mit einem Wirtschaftswachstum als Folge gesteigerter Produktivität und mit dem Ausbau der Wettbewerbsfähigkeit zu rechnen.
Für die Unternehmen bedeutet eine familienbewusste Personalpolitik das Verhindern von qualifikationsunabhängigen Mitarbeiterverlusten, den Erhalt von betriebs- spezifischem Wissen bzw. ein effizientes Ausschöpfen von Mitarbeiterpotentialen und eine Reduzierung der Wiederbeschaffungskosten zur Besetzung der Vakanzen. Eine unzureichende Vereinbarkeit von Familie und Beruf bedingt einen Anstieg der betrieblichen Mehrkosten durch die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung 6 . Im Sinne eines wirtschaftlichen Wachstums und gesellschaftlicher Stabilität fordert die aktuelle zukunftsorientierte und nachhaltige Familienpolitik der Bundesregierung die deutsche Wirtschaft und ihre Unternehmen zu einem verbesserten Gleichgewicht von Familie und Beruf auf und unterstützt dies durch politische Maßnahmen. Den Unternehmen stehen vielfältige Instrumente zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zur Verfügung: personalstrategische Arbeitszeitmodelle und betriebseigene Infrastrukturen sowie die Schaffung einer familienbewussten Unternehmenskultur. Die Bereitschaft der Bundesregierung familienpolitische Änderungen in Form der Einführung eines neuen Elterngeldes und des Kinderbetreuungsausbaus zu intensivieren und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern, schaffen neue institutionelle Rahmenbedingungen für die Unternehmen und ihre Beschäftigten eine familienbewusste Personalpolitik zu gestalten und umzusetzen.
5 Vgl. BMFSFJ [Betriebswirtschaftliche Effekte], 2006, S.7.
6 Ebd., S.9.
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1.2 Eingrenzung, Zielsetzung und Aufbau der Arbeit
Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Analyse der familienpolitischen Maßnahmen der Bundesregierung unter besonderer Berücksichtigung des Schwerpunktes „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ und deren Bedeutung für die Ausgestaltung einer familienbewussten Personalpolitik in Unternehmen.
Im Anschluss an die Einführung in die Thematik werden im zweiten Kapitel, als Grundlage zum besseren Verständnis der darauf folgenden Analyse der Familienpolitik, die Bedeutung der Familie, insbesondere ihre gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Funktionen und Effekte, sowie der Wandel der Familienbedeutung in der Gesellschaft beschrieben.
Im dritten Teil der Arbeit werden die Grundzüge der Familienpolitik in der Bundesrepublik Deutschland mit ihrer Notwendigkeit und ihren Zielen dargelegt. Durch ausgewählte Instrumente sollen die familienpolitischen Handlungsmöglichkeiten veranschaulicht werden. Als Ausgangspunkt der weiteren Argumentation im vierten Teil wird die Familienpolitik kurz in einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kontext gestellt.
Nachdem die grundlegenden Aspekte für das Gesamtverständnis der Arbeit thematisiert wurden, beschäftigt sich der vierte Teil insbesondere mit den familienpolitischen Maßnahmen der Bundesregierung zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zunächst werden Gründe für die (gesamt-)wirtschaftliche und gesellschaftliche Notwendigkeit eines familienpolitischen Perspektivenwechsels angeführt und die Ziele einer verstärkten Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf erörtert. Anschließend erfolgt eine Analyse aktueller familienpolitischer Maßnahmen durch die Darstellung ihrer Notwenigkeit und Ziele sowie ihrer Ausgestaltung und gesetzlichen Rahmenbedingungen. Im Fokus stehen hierbei insbesondere die Einführung des neuen Elterngeldes und der Elternzeit sowie der Ausbau des öffentlichen Kinderbetreuungsangebotes.
Der darauf folgende fünfte Abschnitt beinhaltet die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten, eine familienbewusste Personalpolitik in Unternehmen zu gestalten und dadurch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. Hierbei werden, nach Bestimmung der Notwendigkeit und Ziele einer familienbewussten Unternehmenspolitik,
4
ausgewählte Strategien zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorgestellt. Es folgt eine Bewertung der familienbewussten Strategien sowohl anhand der betriebswirtschaftlichen Vorteile wie auch dem Nutzen für Beschäftigte, Gesellschaft und Wirtschaft. Abschließend werden die Herausforderung bei der Implementierung familienbewusster Personalpolitik sowie erfolgreiche Konzepte aus der Praxis kurz aufgegriffen.
Nach der theoretischen Darlegung der familienpolitischen Maßnahmen und den Möglichkeiten der familienbewussten Personalpolitik, folgt im sechsten Kapitel zusammenfassend die Bedeutung familienpolitischer Maßnahmen für die Ausgestaltung einer familienbewussten Personalpolitik in Unternehmen. Dargestellt wird, wie die institutionellen Rahmenbedingungen den Handlungsspielraum für die familienbewusste Personalpolitik determinieren. Zugleich wird erörtert, wie familienpolitisches und wirtschaftliches Handeln mit dem gemeinsamen Ziel der Balance von Familie und Beruf komplementär in Wirkung treten können. Die Herausforderung für Unternehmen, in Form von betrieblichen Änderungen flexibel auf familienpolitische Vorgaben zu reagieren, zeigt sich im Folgenden als notwendig für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Im Anschluss wird durch das Beispiel der „Allianz für Familie“ veranschaulicht, wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch die intensive Kooperation von Unternehmen und Staat gefördert werden kann.
Im abschließenden siebten Teil der Arbeit wird ein Fazit gezogen, welches die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit zusammenfasst und darüber hinaus einen kurzen Ausblick zu weiteren familienpolitischen Reformen der Bundesregierung gibt.
5
2 Bedeutung der Familie
2.1 Definition und Funktionen der Familie
Bei der Analyse der familienpolitischen Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ihrer Bedeutung für eine familienbewusste Personalpolitik in Unternehmen ist es zunächst nötig, die Zielgruppe festzulegen.
Unter dem Begriff Familie sind entsprechend der kulturellen Ausprägung unterschiedliche Auslegungen möglich. Familie kann in einer vielseitigen liberalen Gesellschaft unterschiedliche Formen des privaten Zusammenlebens beschreiben, die durch die Individuen der Gesellschaft legitimiert sind. Weder im internationalen Vergleich noch innerhalb der Europäischen Union herrscht ein Konsens darüber, welche Form der familialen Lebensgestaltung einem einheitlichen Familienbegriff zu Grunde liegt 7 . Im weiteren Sinne umfasst die Familie eine Anzahl von Personen, die miteinander in verwandtschaftlicher oder verheirateter Beziehung stehen und wechselseitig Verantwortung übernehmen, zum Beispiel bei der Pflege der Großeltern oder der Kinderbetreuung durch die Großeltern. Im Bereich der Familienpolitik basiert das Verständnis von Familie auf dem Begriff der so genannten „Kernfamilie“ 8 . Diese besteht aus einem verheirateten Elternpaar sowie einem oder mehreren ledigen Kindern, die zusammen in einem Haushalt leben. Die Familie wird nicht ausschließlich durch eine Eheschließung und Lebensgemeinschaft der Partner bestimmt, sondern durch eine Elternschaft begründet 9 . Eine Familie ist folglich in einem familienpolitischen Kontext durch eine Zwei-Generationen-Beziehung zwischen Eltern und Kindern charakterisiert 10 . Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird bei der Verwendung des Begriffs „Familie“ von einer bilateralen Eltern-Kind-Beziehung ausgegangen, die zusammen in einem Haushalt leben, jedoch unabhängig der Tatsache, ob es sich um ein geschiedenes,
7 Vgl. Rürup, Bert/ Gruescu, Sandra: Nachhaltige Familienpolitik im Interesse einer aktiven Bevölkerungspolitik. Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Berlin, 2003, S.6.
8 Lampert, Heinz/ Althammer, Jörg: Lehrbuch der Sozialpolitik, überarbeitete u. vollständige 7. Auflage, Berlin: Springer, 2004, S.350.
9 Vgl. Kaufmann, 1995, S.42.
10 Vgl. Hülskamp, Nicola/ Seyda Susanne: Staatliche Familienpolitik in der sozialen Marktwirtschaft. Ökonomische Analyse und Bewertung familienpolitischer Maßnahmen, Institut der Deutschen Wirtschaft (Hrsg.), Köln: Div, Dt. Inst.-Verl., 2004, S.8.
6
zusammenlebendes oder verheiratetes Elternpaar handelt. Bei der Betrachtung der familienpolitischen Maßnahmen und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf stehen jedoch insbesondere Familien mit Kindern im Früh- und Kleinkindalter im Fokus, da hier der Versorgungs- und Betreuungsanspruch der Kinder am größten ist und die Erwerbsbeteiligung von Eltern unmittelbar beeinflusst wird.
Die Familie ist das soziale Fundament einer Gesellschaft und erfüllt eine Reihe notwendiger Funktionen. Die Leistungen von Familien entstehen durch die Lebensgemeinschaft und gemeinschaftliches Wirtschaften. Sie werden durch Familientätigkeiten und Haushaltsarbeit erbracht und können nach ihrer Zielsetzung und Funktionen unterschieden werden 11 .
Zu den Familienfunktionen zählen insbesondere: die Reproduktionsfunktion, die Sozialisationsfunktion und Solidaritätssicherungsfunktion sowie die Regenerations- funktion 12 .
Die Reproduktionsfunktion erfüllt die Sicherung des quantitativen Bevölkerungserhaltes. Neben der finanziellen Versorgungs- und Betreuungsleistung ermöglichen Eltern ihren Kindern durch die Erziehung und Ausbildung soziale Daseinskompetenzen, sowie die Grundlage für eine selbstständige und eigenverantwortliche Lebensgestaltung. Familien tragen dadurch im entscheidenden Maße zur Sozialisationsfunktion bei. In Form der Solidaritätssicherungsfunktion gewährleistet die Familie eine gegenseitige Übernahme von Verantwortung zwischen den Generationen und unterstützt die gesellschaftliche Stabilität 13 . Im Rahmen der Regenerationsfunktion erfüllt die Familie die Versorgung aller Familienmitglieder und bietet die Möglichkeit der Erholung innerhalb der Familie. Vor allem unter dem Aspekt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird diese Aufgabe der Familie bedeutungsvoller, da die Regenerationsfunktion
11 Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Gerechtigkeit für Familien. Zur Begründung und Weiterentwicklung des Familienlasten- und Familienleistungsausgleichs. Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen, Stuttgart: Kohlhammer, 2001, S.91.
12 Vgl. Wingen, Max: Familienpolitik. Grundlagen und aktuelle Probleme, in: Schriftreihe der Bundeszentrale für Politische Bildung (339), Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung, 1997, S.41.
13 Vgl. Kaufmann, 1995, S.76f.
7
aufgrund der steigenden Flexibilität und des zunehmenden Wettbewerbsprinzips in der Erwerbstätigkeit nur noch eingeschränkt erfüllt werden kann 14 .
2.2 Externe Effekte der Familie auf Wirtschaft und Gesellschaft
Die Leistungen, die eine Familie in Form der Versorgung und Betreuung für die Familie erbringt, gründen auf dem eigenen individuellen Interesse 15 und dienen primär auch ausschließlich familiären Zielen. Dennoch resultieren aus den persönlichen Verpflichtungen, den familiären Handlungen und Entscheidungen, unmittelbare Produkte auf gesellschafts- wie auch wirtschaftspolitischer Ebene, die der gesamten Gesellschaft und nicht nur den Familien zu Gute kommen. Die Familienfunktionen begründen mit diesen positiven externen Effekten in derselben Weise soziales Wachstum und Stabilität sowie den wirtschaftlichen Wohlstand unserer Gesellschaft 16 . Analog hierzu führen negative externe Effekte, bedingt durch ausbleibende Familienfunktionen, zu einer wirtschaftlichen Stagnation und Spannungen innerhalb der Gesellschaft.
Durch die Reproduktionsfunktion ist eine kontinuierliche demographische Entwicklung gesichert, die zum Erhalt einer jeden Gesellschaft notwendig ist und deren Größe und Altersstruktur definiert. Aus wirtschaftlicher Sicht sind ein quantitativer Erhalt und die Alterstruktur der Bevölkerung zur Vermeidung von Defiziten auf dem Arbeitsmarkt und in den Sozialsystemen dringend erforderlich.
Ein Mangel von Arbeitskräften, bedingt durch eine alternde und nur gering nachkommende Bevölkerung, hat zur Folge, dass immer weniger Menschen für die Produktion der gesellschaftlich benötigten Leistungen verantwortlich sind 17 . Die negative demographische Entwicklung destabilisiert die Gesellschaftsstruktur und verursacht Anpassungs- und Transaktionskosten, die unter anderem aus dem nötigen Umbau der nicht mehr ausreichend gedeckten Sozialsysteme, der Finanzierung öffentlicher Güter und der steigenden Staatsverschuldung pro Kopf resultieren. Ein Fachkräftemangel steigert zudem den Zuwanderungsbedarf. Den finanziellen Versorgungs- und
14 Vgl. Lampert/ Althammer, 2004, S.351.
15 Vgl. Althammer, 2000, S.2.
16 Siebter Familienbericht, 2006, S.XXIV.
17 Vgl. Hülskamp/ Seyda, 2004, S.9.
8
Betreuungskosten stehen somit Belastungen durch Zuwanderung und dem Umbau des Systems gegenüber, die von allen Steuerzahlern finanziert werden müssen. 18 Neben der quantitativen Nachwuchssicherung ist vor allem auch eine qualitative gesellschaftliche Reproduktion 19 grundlegend. Die Versorgung und Betreuung der Kinder bestimmt die persönliche Entwicklung physisch und psychisch gesunder Nachkommen auf der Grundlage sozialen, selbstverantwortlichen und solidarischen Verhaltens als Basis für eine kooperative Gemeinschaft, die nach demokratischen und marktwirtschaftlichen Prinzipien funktioniert 20 . Die Erfüllung der quantitativen und qualitativen Reproduktion sowie der Sozialisationsfunktion sind gleichbedeutend der Schaffung des gesellschaftlichen Humanvermögens 21 . Das Humanvermögen umfasst alle in einer Gesellschaft vorhandenen körperlichen, mentalen und psychischen Fähigkeiten zur potentiellen Erbringung von wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Leistungen 22 .
„Das Humanvermögen ist sowohl quantitativ als auch qualitativ gesehen eine der grundlegenden Determinanten der generellen Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft, insbesondere aber auch der Innovations- und der Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft und ihrer Entwicklungsmöglichkeiten.“ 23 Aufgrund der Solidaritätsfunktion wird der Erhalt des gebildeten Humanvermögens gewährleistet, indem materielle und psychische Unterstützung sowie die Versorgung und Pflege von Kindern, älteren und kranken Personen von Familienmitgliedern übernommen wird. Die Solidarität zwischen den Generationen ist fundamental für die Entlastung des sozialen Systems 24 .
Jedoch sinkt das Humanvermögen, wenn die demographische Entwicklung weiter rückläufig bleibt. Folglich ist mit negativen externen Effekten zu rechnen. Durch einen sinkenden aggregierten Humankapitalbestand, einen Mangel an hoch qualifizierten
18 Ebd., S.11.
19 Vgl. Lampert/ Althammer, 2004, S.351.
20 Vgl. BMFSFJ [Familienlasten- und Familienleistungsausgleich], 2001, S.104.
21 Ebd.
22 Vgl. BMFSFJ [Familienlasten- und Familienleistungsausgleich], 2001, S.103.
23 Ebd., S.105.
24 Vgl. Kaufmann, 1995, S.76.
9
Fachkräften und der damit verbundenen Abwanderung an Sachkapital kann es zu wirtschaftlichen Einbußen kommen 25 .
Eine unzureichende Wahrnehmung der Sozialisationsfunktion beeinflusst die Bildung des Humanvermögens nachteilig. Gründe hierfür sind die mangelnde Verinnerlichung der externen Effekte, die von Kindern ausgehen und nicht nur den Eltern nützen, sondern auch Vorteile für die gesamte Gesellschaft erbringen. Des Weiteren bedingen die geringen finanziellen Absicherungsmöglichkeiten und zusätzliche Belastungen von Eltern, dass teilweise nur ungenügend in die schulische und berufliche Ausbildung investiert werden kann. Letztendlich sind auch die elterlichen Kompetenzen und ihr Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Nachwuchs ausschlaggebend für die Qualität der Humanvermögensbildung 26 .
Die Funktionen, die eine Familie im Sinne der eigenen Ziele verfolgt, und der damit verbundene externe Nutzen, der für die gesamte Gesellschaft entsteht, sind essentiell für eine erfolgreiche Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und den Erhalt der Stabilität von sozialen Sicherungssystemen. Bei einer unzureichenden Erfüllung der Familienleistungen resultieren negative Effekte auf ökonomischer und sozialpolitischer Ebene. Nach der Darlegung der Familienfunktionen und ihrer externen Effekte auf Gesellschaft und Wirtschaft in positiver und negativer Form, soll im Folgenden die Entwicklung der Familienbedeutung gezeigt werden, die die Erfüllung der unabdingbaren Familienfunktionen erschwert.
2.3 Wertewandel und Familienbedeutung
2.3.1 Soziokulturelle Faktoren
Die Einschränkung der familiären Funktionen wirkt sich, wie vorangehend bereits beschrieben, mindernd auf die notwendigen gesellschaftlichen und ökonomischen Effekte aus. Elternschaft und Familiengründung haben, bedingt durch die Industrialisierung und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Entwicklung, einen
25 Vgl. Hülskamp/ Seyda, 2004, S.14.
26 Vgl. Hülskamp/ Seyda, 2004, S.15.
10
Bedeutungswandel erfahren 27 , der sich sowohl im soziokulturellen wie auch im wirtschaftlichen Sinne begründen lässt. „Denn es ist nicht mehr selbstverständlich und aus individueller Sicht weder sittlich noch ökonomisch geboten, eine Familie zu gründen.“ 28 Einer Verwirklichung der Familienfunktionen kann durch die sinkende Anzahl von Familiengründungen und die infolgedessen nachlassende Geburtenquote nicht mehr im notwenigen Maße nachgekommen werden. Dementsprechend reduzieren sich auch die positiven Effekte für Wirtschaft und Gesellschaft.
Das Familienverständnis in Mittel- und Nordeuropa basiert auf der kulturellen Vorstellung, dass bei der Heirat ein neuer autarker Paarhaushalt gegründet wird, der sich durch seine ökonomische Unabhängigkeit definiert. Die ökonomische Autonomie als Voraussetzung einer Haushaltsgründung erklärt, unter Berücksichtigung der heute durchschnittlich längeren Ausbildungszeiten und dem damit verbundenem späteren Berufseintrittsalter, das steigende Heiratdurchschnittsalter 29 . Entsprechend den Angaben des Statistischen Bundesamtes lag das durchschnittliche Heiratsalter von Frauen bei 29,6 Jahren während Männer im Jahr 2005 im Schnitt mit 32,6 Jahren heirateten. Im Vergleich hierzu lag das Heiratsalter bei Frauen im Jahr 1960 bei 23,4 Jahren. Das hohe Heiratsdurchschnittsalter hat zur Folge, dass das durchschnittliche Alter der Erstgebärenden steigt und für die Phase der quantitativen Reproduktion immer kürzer wird.
Das traditionell bürgerliche Modell der Kernfamilie 30 ist ein Produkt der Industrialisierung. Die Kleinfamilie zeichnet sich durch ökonomische Selbstständigkeit und eine bilaterale Beziehung von Eltern und Kindern aus 31 . Die Industrialisierung forderte zudem eine intrafamiliäre Reorganisation, die der Aufteilung nach industrieller Erwerbstätigkeit und der Familienarbeit im Haushalt genügte. Die strikte Trennung zwischen Hausarbeit und Berufsleben entsprechend der traditionellen Rollenverteilung,
27 Vgl. BMFSFJ [Familienlasten- und Familienleistungsausgleich], 2001, S.96.
28 Lampert, Heinz: Die Bedeutung der Familien und der Familienpolitik für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft, Beitrag Nr. 219 der Volkswirtschaftlichen Diskussionsreihe des Instituts für Volkswirtschaftslehre an der Universität Augsburg, Augsburg, 2002, S.2.
29 Vgl. Oesterdiekhoff, Georg W.: Familie, Wirtschaft und Gesellschaft in Europa. Die historische Entwicklung von Familie und Ehe im Kulturvergleich, 2. erweiterte Auflage, Stuttgart, 2001, S.7ff.
30 Vgl. Auer, Manfred: Vereinbarungskarrieren. Eine karrieretheoretische Analyse des Verhältnisses von Erwerbsarbeit und Elternschaft, Mering: Hampp, 2000, S.27.
31 Vgl. Oesterdiekhoff, 2001, S.16.
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bei der sich die Frau auf den Haushalt spezialisiert, während der Mann die Einkommensverantwortung trägt, zeichnet das Modell der bürgerlichen Kleinfamilie nach dem Zweiten Weltkrieg aus, das auch heute noch in der Gesellschaft verankert ist. Die Globalisierung auf dem Arbeitsmarkt wurde begleitet von einer zunehmend individuelleren Gesellschaft. Die Wanderungsbewegung aufgrund beruflicher Erfordernisse verstärkte eine Ansiedlung in den großen Ballungsräumen. In Folge wurden Familien getrennt und neue unterschiedliche Lebensmodelle wurden in der Anonymität schneller akzeptiert. Die beruflichen Anforderungen setzen ein hohes Maß an Flexibilität und Mobilität voraus, die die Gründung von Familie sowie die Versorgung und Betreuung von Kindern erschweren.
Die vielfältigen Bildungsmöglichkeiten und das steigende Bildungsniveau veränderten ab den 60er Jahren das weibliche Rollenverständnis. Die Rolle der Frau als Mutter wird durch den Wunsch nach einer Verwirklichung in der Erwerbstätigkeit ergänzt und beeinflusst die Neuausrichtung des Rollenverständnisses. Die klassische Rollenverteilung zwischen Frau und Mann ist gezwungen, eine Transformation in eine egalitäre Form der Arbeitsteilung zu vollziehen, um eine „kontinuierliche Erwerbsbiografie und verbesserte berufliche Entwicklungsperspektiven“ 32 auf gleichberechtigter Ebene für beide Partner zu ermöglichen. Eine fortschreitende Entwicklung der geschlechtsunabhängigen Chancengleichheit verändert auch die emotionalen Erwartungen an eine Partnerschaft und bietet Frauen die Möglichkeit, unabhängig von einer Beziehung, finanziell eigenständig zu sein. Der emanzipierten gesellschaftlichen Rolle der Frau und der zunehmenden Akzeptanz nichttraditioneller Familienmodelle wird auch durch Familien- und Eherechtsreformen von 1977 Ausdruck verliehen. Insbesondere sind in diesem Zusammenhang das Gleichstellungsgesetz, die rechtliche Gleichstellung von nicht-ehelichen Kindern und das Eherechtsänderungsgesetz von 1976 zu erwähnen, mit dem die „Hausfrauenehe“ auch rechtlich von einer partnerschaftlichen Rollenverteilung abgelöst wurde 33 . Die Notwendigkeit aus wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Gründen eine Ehe einzugehen, ist nicht mehr dringend erforderlich. Ein Vergleich der Geburtenquote mit
32 BMFSFJ [Betriebswirtschaftliche Effekte], 2006, S.7.
33 Vgl. Dienel, Christiane: Familienpolitik. Eine praxisorientierte Gesamtdarstellung der Handlungsfelder und Probleme, Juventa: Weinheim und München, 2002, S. 60.
12
der Entwicklung von Frauenerwerbstätigkeit veranschaulicht, dass die Anzahl der Geburten entgegengesetzt proportional zur steigenden Frauenerwerbstätigkeit seit Mitte der 60er Jahre sinkt 34 . Die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen bedingt ebenso die sinkende Anzahl geschlossener Ehen. Im Vergleich: Wurden im Jahr 1960 noch 521.445 Ehen geschlossen, konnten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2005 nur noch 388.451 Eheschließungen verzeichnet werden. Die Anzahl der Geburten nimmt ebenso wie die Anzahl der Ehen ab.
Darstellung 1: Korrelation zwischen Eheschließungen und Geburtenanzahl
Anzahl der Geburtenanzahl und Eheschließungen im Zeitraum von 1960 bis 2005 Bis 1992 beziehen sich die Angaben auf die alten Bundesländer Quelle: Vgl. Statistisches Bundesamt 2007; eigene Darstellung
Der Wertewandel, die steigende Frauenerwerbstätigkeit sowie ein egalisiertes Rollenverständnis begründen eine gesellschaftliche Entwicklung, die eine Lebensgestaltung entsprechend einer individuellen Selbstverwirklichung begünstigt, aber in Folge mit einer sinkenden Geburtenrate einhergeht. Die klassische Bedeutung der Familie ist abgeschwächt. Sexualität ist nicht mehr gleichbedeutend mit der
34 Vgl. Lampert, Heinz: Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familienarbeit als aktuelle und zentrale Zielsetzung der Familienpolitik, Beitrag Nr. 211 der Volkswirtschaftlichen Diskussionsreihe des Instituts für Volkswirtschaftslehre der Universität Augsburg, Augsburg, 2001, S.5.
13
Fortpflanzung, die Ehe nicht mehr zwingend für eine Elternschaft. Uneheliche Kinder sind ehelichem Nachwuchs sowohl moralisch als auch gesetzlich gleichgestellt. Das traditionell klassische Familien- und Eheverständnis begründet heute nur noch ein Modell innerhalb einer pluralistischen Gesellschaft und vielfältigen privaten Lebensgestaltungen 35 . Abbildung 2 veranschaulicht, dass die Anzahl von Ehepaaren mit Kindern seit 1968 kontinuierlich sinkt, während immer mehr Ehepaare ohne Kinder und Alleinerziehende mit Kindern zu verzeichnen sind. Zu der Gruppe der Alleinerziehenden zählen bei dieser Erhebung auch nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern.
Darstellung 2: Entwicklung der Anzahl von Familienarten
Familienanzahl in 1000; bis 1990 alte Bundesländer Quelle: Vgl. Statistisches Bundesamt 2007; eigene Darstellung
Die gesellschaftliche Anerkennung einer Elternschaft hat ebenso an Gewicht verloren, wie der Gedanke familiärer Erbreihen, wodurch sozio-normative Argumente weniger die generative Entscheidung begünstigen. Jedoch wird der emotional psychische Effekt
35 Vgl. Strohmeier, Henrika/ Strohmeier, Klaus-Peter/ Schulze Hans-Joachim: Familienpolitik und Familie in Europa, Ministerium für Generationen, Familien, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Düsseldorf, 2006, S.6.
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einer Elternschaft weiterhin als unentbehrlich angesehen und hat keine Auswirkungen auf die demographische Entwicklung 36 .
2.3.2 Familienökonomische Faktoren
Die zunehmende Funktionseinschränkung der Familie kann neben der soziokulturellen Erklärung auch ökonomisch begründet werden. Grundlegend für die neue ökonomische Familientheorie ist, dass die Familiengründung zum Ziele der Nutzensteigerung erfolgt. Die Partner gehen die Gemeinschaft nur dann ein, wenn ihr eigenes Nutzenniveau erhalten bleibt oder gesteigert werden kann. Sinkt der Nutzen, kommt die Ehe bzw. Familie nicht zu Stande. Das steigende Bildungsniveau, die kontinuierlich anwachsende Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben sowie die Einkommenssituation von Familien sind auch hier für die rückläufige Geburtenquote 37 und die sinkende Anzahl der Familiengründungen ausschlaggebend.
Die wirtschaftstheoretische Nutzensteigerung als Argument einer Ehe- und Haushaltsgründung ist nicht mehr maßgeblich. Zum einen bietet die Haushaltsgründung weniger komparative Produktionsvorteile, weil sich die Unterschiede im Humankapital von Mann und Frau kontinuierlich angleichen und eine Spezialisierung des Einzelnen auf bestimmte Tätigkeiten einen Niveauverlust für einen Partner bedeutet 38 . Einer Haushaltsgründung wirkt zudem entgegen, dass eine kostengünstige Substitution von Haushaltsgütern durch Marktgüter erfolgt 39 . Zum anderen rechnet sich die Nutzung gemeinsamer Gebrauchsgüter finanziell Mehrfachanschaffungen pro Haushalt. Einfache Größenvorteile beim Kauf von marktlichen Vor- und Hilfsprodukten sind aufgrund der immer kleiner werdenden Haushaltsgrößen nicht mehr gegeben 40 .
Aus ökonomischer Sicht sind Kinder im Zuge des gesellschaftlichen Wandels von einem Investitionsgut zu einem Konsumgut geworden. Das Verhältnis zwischen dem Nutzen,
36 Vgl. BMFSFJ [Familienlasten- und Familienleistungsausgleich], 2001, S.97.
37 Vgl. Dickmann/Seyda, 2004, S.36.
38 Ebd., S.21ff.
39 Vgl. Althammer, 2000, S.16.
40 Vgl. Ott, Notburga: Beruf, Kinder, Familie - ein Spannungsfeld aus ökonomischer Sicht, in: Ute Behning (Hrsg.): Das Private ist ökonomisch - Widersprüche der Ökonomisierung von Familien- und Haushaltsdienstleistungen, Berlin: Sigma, 1997, S.58.
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den Kinder bringen, und den Lasten, die den Eltern entstehen, hat sich geändert. Kinder wurden in der Agrargesellschaft zunächst als Arbeitskräfte und zukünftige Altersvorsorge in das intrafamiliare System integriert 41 , so dass ihr Nutzen langfristig größer war, als die durch sie entstehenden finanziellen Lasten. Durch den sektoralen Strukturwandel und der Entwicklung des Bildungsbürgertums wurde im Folgenden eine gute Erziehung sowie schulische und berufliche Ausbildung der Kinder zum primären Ziel der Eltern. Der unmittelbare ökonomische Nutzen ist, bei ansteigender Investition in die Bildung, aber ohne einen Erwerbsbeitrag der Kinder zum Haushaltseinkommen, gesunken. Zudem sind Kinder keine Notwendigkeit mehr in Bezug auf die Altersvorsorge 42 , da die umlagefinanzierten Sozialsysteme von der eignen Erwerbstätigkeit und der Beitragszahlung abhängig sind. Kinder werden nach ökonomischer Definition zu Konsumgütern, die in Konkurrenz mit anderen Gütern stehen und deren Anschaffung ebenso rational kalkuliert werden muss 43 . Bei dieser Kosten-Nutzen-Betrachtung ist der emotional psychologische Nutzen, den Kinder für ihre Eltern erbringen, nicht berücksichtigt.
Ökonomisch betrachtet sind, wie vorausgehend beschrieben, weder die Eheschließung noch die Entscheidung für Kinder und Familie für eine wirtschaftliche Nutzensteigerung notwendig.
Die Lebensentwürfe haben sich insbesondere bei jungen und hoch qualifizierten Frauen geändert. Denn sowohl die berufliche Erfüllung wie auch die damit verbundene finanzielle Unabhängigkeit gewinnen für Frauen an Bedeutung und sollen nach Möglichkeit mit der Gründung einer Familie vereinbar sein. Auch wenn durch die gesellschaftliche Entwicklung neue Formen der Lebensgestaltung legitimiert werden, bleibt doch das traditionelle Kleinfamilienmodell in den Köpfen der Gesellschaft weiterhin verankert. Im Jahr 2004 gab es nach Angabe des Statistischen Bundesamtes 9,25 Millionen Ehepaare mit Kindern, davon wurden in 85,7% der Familien höchstens zwei Kinder erzogen. Der prozentuale Anteil an Großfamilien mit vier oder mehr Kindern lag im gleichen Jahr bei 3,2% (1970: 8,8%) 44 .
41 Vgl. Lampert/ Althammer, 2004, S.352.
42 Vgl. Strohmeier/ Strohmeier/ Schulze, 2006, S.7ff
43 Vgl. Hülskamp/ Seyda, 2004, S.17ff.
44 Vgl. Statistisches Bundesamt 2007.
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Ein Grund hierfür ist, dass in der Spannung zwischen den zwei Extremen „Rabenmutter“ und „Heimchen am Herd“ noch kein Gleichgewicht im gesellschaftlichen Verständnis gefunden wurde. Entsprechend des Wandels der Familienbedeutung, den Herausforderungen der demographischen Entwicklung sowie den individuellen Ansprüchen von Frauen, sich verstärkt an der Erwerbstätigkeit zu beteiligen, müssen familienpolitische Möglichkeiten geschaffen werden, dass Eltern Berufstätigkeit und Familie in Einklang bringen können, ohne einer kritischen Bewertung der Gesellschaft zu unterliegen.
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3 Grundzüge der Familienpolitik in der Bundesrepublik Deutschland
3.1 Begriffliche Definition und familienpolitische Typologisierung
„Familienpolitik umfasst die Gesamtheit der Maßnahmen und Einrichtungen, mit denen die Träger der Politik das Ziel verfolgen, die Familie zu schützen und zu fördern, die für ihre Mitglieder und die Gesellschaft unentbehrliche Funktionen erfüllt.“ 45 Entsprechend der kulturellen Entwicklung und den historischen Grundlagen der einzelnen Staaten entwickeln sich familienpolitische Typen, die sich in ihrer Zielsetzung und ihren Schwerpunkten unterscheiden. Dabei ist das familienpolitische Leitbild eng verbunden mit der Ausprägung sozialstaatlicher Prinzipien in einem Staat.
Nach Esping-Andersen entstehen unterschiedliche Familienmodelle aufgrund differenzierter wohlfahrtsstaatlicher Grundsätze. Aus den zugrunde liegenden wohlfahrtsstaatlichen Ausprägungen werden entsprechende familienpolitische Modelle abgeleitet, auf denen die Ausgestaltung der Familienpolitik basiert 46 . Die Familienpolitik in der Bundesrepublik Deutschland wird von Esping-Andersen als konservatives oder korporatistisches Modell eingeteilt, das sich durch eine starke Arbeitsmarktbindung sozialstaatlicher Leistungen auszeichnet und nach dem Subsidiaritätsprinzip organisiert ist 47 . Im Mittelpunkt steht hierbei die Familie, da sie primär für die Betreuung und Versorgung ihrer Mitglieder verantwortlich ist. Die Politik verfolgt jedoch nicht das primäre Ziel, gesellschaftliche und soziale Unterschiede auszugleichen, da das „Grundprinzip der auf Beitragsleistung beruhenden Abhängigkeit des Sozialschutzes von der Erwerbstätigkeit“ 48 gilt. Typisch für korporatistische- konservative Wohlfahrtsstaaten ist der kirchliche Einfluss auf den Staat, was wiederum eine traditionelle Einstellung zur Familie und Rolle von Frauen prägt. Kinderbetreuungseinrichtungen und familienbezogene Sachleistungen werden nur am
45 Lampert/ Althammer, 2004, S.350.
46 Vgl. Rürup/ Gruescu, 2003, S.7.
47 Vgl. Esping- Andersen, Gosta: The Three Worlds of Welfare Capitalism, Princeton University Press, 1990, S.24.
48 Ebd., S.37ff
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Rande angeboten, nichterwerbstätige Frauen sind sozialversicherungsrechtlich benachteiligt und dennoch begünstigen familienpolitische Maßnahmen die Mutterschaft. Folglich ist die „male-breadwinner-family“, in welchem der Mann Alleinversorger der Familie ist, das dominierende Familienmodell 49 .
Nach Kuijsten basiert die Klassifizierung familienpolitischer Typen auf den unterschiedlichen Intentionen familienpolitischer Handlungen, die sich nach ökonomischer und ökologischer Begründung unterscheiden lassen 50 .
Darstellung 3: Typologisierung der Familienpolitik nach Kujisten/ Strohmeier
Quelle: Vgl. Strohmeier, Strohmeier, Schulze, 2006, S.61.; eigene Darstellung
Das ökonomisch begründete Handeln der Familienpolitik umfasst direkte und indirekte finanzielle Transferleistungen des Staates, wohingegen ökologische Eingriffe Sachtransferleistungen, wie zum Beispiel eine bedarfsgerechte Kinderbetreuung, umschreiben 51 .
Die familienpolitische Ausgestaltung der Bundesrepublik Deutschland ist nach dieser Einteilung hauptsächlich durch ökonomische Eingriffe gegenzeichnet. Dadurch wird die
49 Esping- Andersen, 1990, S.44.
50 Vgl. Kuijsten, Anton/ Strohmeier, Klaus-Peter/ Schulze, Hans-Joachim: Social Policy and the Forms of Family Life in Europe, in: International Social Security Review, Nr. 3 – 4, 1994, S.25ff
51 Vgl. Strohmeier, Strohmeier, Schulze, 2006, S.20.
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Quote paper:
Maja Livic, 2007, Bedeutung familienpolitischer Maßnahmen der Bundesregierung für eine familienbewusste Personalpolitik, Munich, GRIN Publishing GmbH
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