Inhaltsverzeichnis
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I. Einleitung 2
II. Identitätsbildung im Kontext gesellschaftlichen Wandels 7
1. Moderne und Identität 7
2. Identitätsbildung in der Spätmoderne 13
3. Narrative Identitätskonstruktionen 15
III. Gedächtnis und Erinnerungsdiskurse 19
1. Gedächtnis und Erinnerung 19
2. Öffentliche Erinnerungsdiskurse 26
3. Private Erinnerungsdiskurse 31
4. Literatur als Medium der Erinnerung und Identität 33
IV. Die Suche nach dem Muster des Lebens - Dieter Fortes Roman
„Das Haus auf meinen Schultern“ 34
1. Struktur und Bedeutung 35
2. Strategien familiären Erinnerns 40
3. Narrative Identitätskonstruktionen 49
4. Zur Aktualität des Textes 62
V. Fiktion versus Wirklichkeit - Die Bedeutung der Konstruktivität in
Marcel Beyers Roman „Spione“ 70
1. Struktur und Bedeutung 71
2. Vergangenheit - Repräsentation, Rekonstruktion oder Fiktion? 74
2.1. Die Bedeutung des Geheimnisses 80
3. Narrative Identitätskonstruktionen 82
4. Zur Aktualität des Textes 89
VI. Schlussfolgerungen 93
VII. Literaturverzeichnis 97
1
I. Einleitung
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Erinnerungsdiskursen und narrativen Identitätskonstruktionen in den Familienromanen „Das Haus auf meinen Schultern“ (2003) von Dieter Forte und „Spione“ (2002) von Marcel Beyer. Die generationelle Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust scheint auch noch über 60 Jahre nach Kriegsende an Aktualität nicht verloren zu haben. Trotz der zunehmenden zeitlichen Distanzierung wirkt das dargestellte historische Geschehen in Filmen und Büchern authentischer als je zuvor.
Es haben sich sowohl die Formen der Erinnerung als auch die Funktionen des Erinnerns gewandelt. Der veränderte Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus begründet sich vor allem mit dem Wechsel der Generationen. Es lässt sich nur noch knapp ein Fünftel der heutigen Bevölkerung Deutschlands zu den Zeitzeugen des Nationalsozialismus zählen, während fast die Hälfte nach 1972 geboren ist und sich demzufolge nicht an diese Zeit erinnern kann. 1
Nichtsdestotrotz müssen sich auch die ‚dritte’ und ‚vierte’ Generation mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen und Strategien für einen produktiven Umgang mit der Vergangenheit entwickeln. In diesem Sinne untersuche ich die intergenerationelle Kommunikation von Geschichte, insbesondere anhand eines Vertreters der ‚ersten’ und eines der ‚zweiten Generation’.
Den Hintergrund der Analyse der Familienromane bildet ein theoretischer Teil, in welchem zunächst die gesellschaftliche Struktur erläutert wird, in der die ‚aktuellen’ Familienromane situiert sind. Zudem wird untersucht, wodurch sich dieser Zeitabschnitt charakterisieren lässt. Die von mir ausgewählten Romane wurden zur Zeit der Jahrtausendwende herausgegeben und stehen somit im Zeichen der Spätmoderne. Die Einbeziehung der gesellschaftlichen Aspekte einer spezifischen Zeit ist bei
1 Birkmeyer, Jens/ Blasberg, Cornelia: Vorwort. Erinnern des Holocaust? Eine neue
Generation sucht Antworten, Aisthesis, Bielefeld 2006, S. 7-15, hier S. 8.
2
der Analyse von Identitätsbildung unumgänglich, da sich Identität nicht durch biologische Prozesse bildet, sondern „mit der Konstitution des Subjekts in einer spezifischen gesellschaftlichen Epoche zusammenhängt“ 2 . Da die Identitätsbildung des Subjekts ohnehin erst ihre Bedeutung in einer spezifischen historischen Situation erfährt 3 , weise ich in meiner Analyse der Betrachtung der Spätmoderne eine wichtige Rolle zu. In Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Ausführungen wird zugleich die Identitätsbildung in der Spätmoderne betrachtet. Es werden die Entwicklungen der Moderne sowie die neuen Anforderungen beleuchtet, denen ein Individuum gegenübergestellt ist, um Identität zu konstruieren. Im Vordergrund stehen identitätstheoretische Ansätze, die sich von den traditionellen Annahmen über subjektive Kohärenzstiftung distanzieren und sich modifizierten Strategien der Identitätsbildung in der Spätmoderne widmen. An die Stelle von vergangenen Vorstellungen einer subjektiven Erzeugung von lebensweltlicher Kontinuität und einer stabilen Selbstzuschreibung tritt die spätmoderne Konstruktion, insbesondere der Herstellungsprozess der Identität in den Vordergrund. Im dritten Kapitel stehen die dominanten Erinnerungsdiskurse im Mittelpunkt, welche insbesondere für die literaturwissenschaftliche Analyse in Kapitel vier und fünf relevant sind. Dabei sind die Erinnerungsdiskurse des öffentlichen, von dem des familiären Bereiches zu differenzieren. Die Unterscheidung dieser Bereiche erweist sich vor allem aufgrund der starken Differenzen zwischen privaten Erinnerungen, die für die Familienromane eine bedeutende Rolle spielen, und öffentlichen Erinnerungen als notwendig.
Diesen theoretischen Hintergrund möchte ich schließlich in Bezug setzen zu den beiden aktuellen Familienromanen, zu dessen Gattung ich zunächst einige Hinweise voranstellen möchte. Geprägt wurde der Begriff des Familienromans von Sigmund Freud. In seinem Aufsatz „Der Familienroman
2 Kraus, Wolfgang: Das erzählte Selbst: Die narrative Konstruktion von Identität in der
Spätmoderne, Centaurus Verlag, Herbholzheim 2000, S. 22.
3 Vgl. Ebd.
3
der Neurotiker“ 4 betont Freud die fantasmatische Größe der Familie, den Konstruktionsprozess von Wunschfamilien, welcher einhergeht mit der „Ablösung des heranwachsenden Individuums von der Autorität der Eltern.“ 5 Die Familie und die Literatur werden, insbesondere in krisenhaften Zeiten, zum Ort und Medium der Wunschproduktion. Wenn Eltern und Großeltern als Identifikationsgestalten unbrauchbar sind, weil sie zum Beispiel in nationalsozialistische Verbrechen verstrickt waren, werden sie häufig durch fantasierte Ersatzeltern bzw. -großeltern ausgetauscht. Familienromane erlangten insbesondere seit der Jahrtausendwende eine neue Konjunktur. Sie signalisieren, dass im Gegensatz zu den fragmentarischen Texten der neunziger Jahre wieder erzählt werden kann und tendieren in den letzten Jahren zunehmend zu einem Rekurs auf die Zeit des Nationalsozialismus. Es wird spätestens seit dem Jahr 2000 durch viele Autoren eine persönliche Annäherung an die nationalsozialistische Vergangenheit angestrebt, in der es nicht notwendigerweise zu einer Versöhnung mit diesem Teil der Geschichte, aber doch mit der Familie kommen soll. Die Literatur um 2000, besonders der Familienroman, beschäftigt sich verstärkt mit der Suche der Individuen nach den vergessenen respektive verdrängten Aspekten der Familiengeschichte bzw. nach deren Familienmitgliedern. Die nationalsozialistische Vergangenheit der Deutschen findet auf diese Weise ihre Verarbeitung in der Form eines Familienromans, in welchem ein spätmodernes Individuum bei der Suche nach Identität auf die Genealogie stößt, als kompensatorischen Orientierungspunkt zu der gegenwärtigen persönlichen Lebenssituation. Die eigenen Familienmitglieder werden bei dieser persönlichen
Familienforschung, hinsichtlich ihres Maßes an Mitwisserschaft und Schuld, zum Gegenstand der Geschichtsprüfung. Anstelle der Anklage der ‚ersten Generation’ tritt in den Familienromanen um 2000 zumeist das Streben nach Versöhnung sowie ein produktiver Umgang mit der Geschichte in den
4 Freud, Sigmund: Der Familienroman der Neurotiker, In: Gesammelte Werke. Werke aus
den Jahren 1906-1909, Band 7, hrsg. von Anna Freud u. a., Fischer, Frankfurt am Main
1993, S. 227-231.
5 Ebd. S. 227.
4
thematischen Vordergrund. Zentrales Thema in den Familienromanen stellt zumeist die Fokussierung auf ein fiktives oder autobiografisches Ich dar, das sich gegenüber seiner Familie und auch gegenüber der Geschichte seiner Identität vergewissert. Dies bedeutet, das ‚Ich’ ist bestrebt, sich im Zeichen der Kontinuität in einen längeren Generationszusammenhang zu verorten.
Familienromane lassen sich grundlegend in Texte differenzieren, die sich auf ein Familienarchiv sowie dessen Materialien wie Briefe, Fotos etc. berufen und sich als heteronom kennzeichnen lassen sowie in Texte, die sich aufgrund ihres Mangels an Wissen, Erinnerungen, Fotos etc. bestrebt sind, Geschichte ‚herzustellen’ und sich als autonom, selbstreflexiv und performativ 6 darstellen. Bei den letzteren liegt im Gegensatz zu den heteronomen Texten ein Verlust von Ereignissen der Vergangenheit respektive der Familiengeschichte vor. Diese Texte müssen sich aufgrund ihrer verloren gegangen Vergangenheit, durch ihr Inneres begründen und Geschichte wieder neu herstellen. Sie zeichnen sich insbesondere durch ihre Rätselhaftigkeit aus.
Familienromane gestalten sich durch ihre Wahrnehmung und Interpretation der sozialen Verhältnisse als konstitutiv für die Wirklichkeit. Es prädominiert die Bedeutung des Erzählens vor den Faktizitäts- respektive Fiktionalitätsbehauptungen der Texte. Die Pluralität des Erzählens drückt sich auf der Ebene der Geschichte, der Identität und der Familie aus. Auf der Ebene der Geschichte tragen die Familienromane dazu bei, Konstrukte von Kontinuität und familiären Ursprüngen zu erstellen. Durch das Medium der Literatur versucht sich die entwurzelte Generation wieder in der Geschichte zu verorten. Die Texte präsentieren zudem häufig Modelle, anhand derer die Individuen der Spätmoderne während ihrer Identitätsbildung eine Orientierung finden können.
6 Nach Austin sind performative Äußerungen weder wahr noch falsch. Sie beschreiben
nicht die Handlung, die sie bezeichnen, sondern vollziehen sie. Zum Beispiel: „Ich
verspreche dich zu heiraten.“ Die Handlung des Versprechens wird vollzogen und nicht nur
beschrieben. (Vgl. Culler, Jonathan: Performative Sprache. Eine kurze Einführung, Philipp
Reclam jun., Stuttgart 2002. S. 137 f.)
5
Familienromane nutzen die Fähigkeit und das Potenzial des Erzählens, um gegen das vermeintlich objektive Geschichtswissen zu arbeiten. Diese Kraft des Erzählens wird ebenfalls für Konstruktionen von Kontinuität und Ursprüngen der Identitätsarbeit genutzt. Der Zusammenbruch des Sozialen 7 führt dazu, dass die Menschen versuchen das Soziale durch Inszenierungen zu kompensieren. Diese verleiten das Individuum dazu zu glauben, es wäre frei und es könnte wählen, in welche Generation es sich hineinfühlen möchte. Doch es besteht nicht die Freiheit, sondern der Zwang zur Wahl. Die Familienromane heben durch Naturalisierungen und Biologisierungen der Geschichte den Zwang zur Wahl und zur Entscheidung zwischen Opfer und Täter auf. Sie nehmen dem Individuum dadurch die Vergangenheitsarbeit ab.
Die Erfahrungsdefizite der ‚dritten Generation’ werden virtuell durch die Familiengeschichten aufgehoben, so dass diese einen Platz in der Geschichte erhalten, obwohl sie mit der Geschichte nichts mehr zu tun haben. Außerdem vermögen es die Familiengeschichten, die unstrukturierte Zeit wieder in eine konstruierte Ordnung zu überführen. Es stellt sich die Frage, auf welche Weise die beiden Romane mit der Familiengeschichte arbeiten, nach welchen typischen Strategien der Familienromane sie verfahren und inwiefern produktive Ergebnisse aus den grundlegend verschiedenen Formen der familiären
Geschichtsrekonstruktion gezogen werden können.
7 Vgl. Rauschenbach, Thomas: Inszenierte Solidarität. Soziale Arbeit in der
Risikogesellschaft, In: Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften,
hrsg. von Ulrich Beck/ Elisabeth Beck-Gernsheim Suhrkamp, Frankfurt am Main 1994, S.
89-114.
6
II. Identitätsbildung im Kontext gesellschaftlichen Wandels
Anhand von Literatur kann auf signifikante Weise das Zusammenspiel von Gedächtnis respektive Erinnerung und Identität verdeutlicht werden. Als Grundlage hierfür dienen sowohl methodische als auch theoretische Darlegungen von Gedächtnis- und Identitätsdiskursen, die anschließend mit ausgewählter Literatur verknüpft werden. Es soll dargestellt werden, dass eine obligatorische Abhängigkeit zwischen der Identitätsbildung und der Fähigkeit des sich Erinnern-Könnens besteht und zwar in der Hinsicht, dass sich das Erinnern als Prämisse für die Identitätsbildung erweist. Die Epoche der Moderne lässt sich in drei Phasen unterteilen: die frühe Moderne, die „organisierte Moderne“ 8 und die ‚Spätmoderne’ 9 . Um die gesellschaftliche Situation sowie die Identitätsfiguren der Spätmoderne zu durchleuchten, erweist es sich als notwendig eine Abgrenzung zur frühen und zur ‚organisierten Moderne’ herzustellen. Die Dynamik in der Gesellschaft stellt schließlich die Voraussetzung für die Veränderungen dar, die in der aktuellen, subjektiven Leistung der Identitätsbildung zu verzeichnen sind.
1. Moderne und Identität
Festgelegte Rollen und Traditionen haben in der frühen Zeit der Moderne dazu geführt, dass über eine Konstruktion von Identität gar nicht erst nachgedacht werden musste, da den Individuen dazu kein Spielraum zur Verfügung stand. Diese Situation veränderte sich jedoch innerhalb der Moderne durch den wachsenden Bezug zwischen Identitätsbildung und sozialen Komponenten. Der Wandel vollzog sich langsam und zeichnete sich insbesondere durch eine zunehmende Beschäftigung der Gesellschaft
8 Kraus, W.: Das erzählte Selbst, S. 25
9 Ich beschränke mich in meiner Arbeit auf die Unterteilung der Moderne in die drei
genannten Phasen und werde nicht näher auf die Differenzierung der Moderne nach
Postmoderne, Reflexive Moderne, Zweite Moderne und ähnlichem eingehen, da dies den
Rahmen meiner Arbeit sprengen würde.
7
mit „der Idee einer eigenen Identität“ 10 sowie mit der eigenen „Identität als eine Frage der Wahl“ 11 aus. Im Unterschied zur Spät- bzw. Postmoderne wurden in der Moderne jedoch trotz der potenziellen Wahlmöglichkeit häufig noch „vorgeschriebene Identitäten übernommen“ 12 . Eine stabile Identität kann sich nach Kraus in diesem Zeitabschnitt, abhängig vom Individuum, aus einer statischen oder einer variablen Lebensgestaltung herausbilden. 13 Die individuelle Bedeutung von Stabilität steht folglich in einem direkten Verhältnis zu dem jeweiligen Subjekt.
Grundlage für viele bedeutsame Theorien über Identität, insbesondere über Identitätskonstruktionen, sind die Ausführungen Erik Homburger Eriksons. Erikson stellte mit dem ‚Epigenetischen Modell’ ein Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung auf, welches eine Weiterentwicklung der Freudschen Psychoanalyse darstellt. Damit grenzt er sich gleichzeitig von Freud ab, indem er den prozessualen Charakter der Entwicklung der Persönlichkeit pointiert. Er konstatiert, dass sich Menschen nach einer festgelegten Entwicklung ihrer Persönlichkeit in acht Stadien entwickeln. Die Stadien bauen aufeinander auf, so dass das vorhergegangene Stadium fundamental für das nächstfolgende ist. Der Mensch durchläuft nach Erikson phasenspezifische Krisen und Konflikte, welche durch die gesammelten Erfahrungen aus den vorangegangen Stadien verarbeitet, jedoch nicht vollständig gelöst werden können. Es gestaltet sich jedoch für die Entwicklung des Menschen als wesentlich, diese psychosozialen Entwicklungsaufgaben hinreichend zu bearbeiten, damit die Anforderungen des sich anschließenden Stadiums bewältigt werden können. Nach Ansicht des Psychoanalytikers findet die Identitätsbildung in der Adoleszenz statt und erfährt dort seinen abschließenden Charakter, so dass in der Phase nach der Adoleszenz die ausgebildete Identität das Grundgerüst des Individuums darstellt, nach dessen Maßstäben sich der
10 Kraus, W.: Das erzählte Selbst, S. 23.
11 Ebd.
12 Ebd. S. 24.
13 Vgl. Ebd.
8
Mensch weiterentwickelt. 14 Während diese Art der Identitätsbildung in den Strukturen der ‚organisierten Moderne’ vielleicht noch zutrifft, das heißt in den stabilen 1950er Jahren, so ist es in der späten Moderne zunehmend schwieriger geworden, die Identitätsbildung als abgeschlossen zu betrachten. Die Menschen müssen sich in ihrem Leben stetig neuen Herausforderungen stellen und flexibel gegenüber Veränderungen sein, vor allem in den für den Menschen wichtigsten sozialen Gruppen wie der Familie, der Arbeits- und der Freizeitwelt.
In der ‚organisierten Moderne’ gelang die „Selbstverortung von Menschen in ihrer sozialen Welt“ 15 noch regelmäßig. Doch auch in dieser stabilen Zeit durchlief das Subjekt auf dem Weg der Identitätsbildung Krisen und musste sich die Sicherung seines Standortes in der Gesellschaft hart erarbeiten. Eriksons Ausführungen verdeutlichen, dass „die Suche nach Identität als krisenhafte Herausforderung an das Subjekt (…) durch die Moderne zum Thema geworden ist“ 16 . Die Bedeutung der Ursachen, die für die Entstehung von Identität maßgeblich sind, also insbesondere die Bedeutung von gesellschaftlichen Krisenerfahrungen, nimmt in der Moderne stetig zu. Der Begriff der Identität wird folglich nicht erst in der Spätmoderne zu einem Problem exponiert, sondern existiert von Beginn an aus dem Problem heraus. 17
Aufgrund dieser Tatsache ist es zweifellos nur möglich, Identität zu konstruieren, wenn sich das Subjekt „aktiv um sein Selbst- und Weltverhältnis“
18
kümmert. Das bedeutet, dass das Subjekt sowohl sich selbst in der Welt verorten als auch die Anerkennung seines Selbst in der Gesellschaft bei seiner Konstruktion berücksichtigen muss.
19
Die Verortung des Subjekts spielt sich auf zwei Ebenen ab, die sich wechselseitig aufeinander beziehen und sich aus dem „subjektiven <
14 Erikson, Erik: Jugend und Krise. Die Psychodynamik im sozialen Wandel, Klett, Stuttgart
1968, S. 138.
15 Keupp, Heiner/ u.a.: Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der
Spätmoderne, hrsg. von Burghard König, Rowohlt, Hamburg 1999, S. 26.
16 Ebd.
17 Vgl. ebd. S. 27.
18 Ebd.
19 Ebd.
9
gesellschaftlichen <
Während Erikson in seinem Konzept die Kompetenz des Subjekts betont, eine innere Einheitlichkeit und Kontinuität herstellen zu können und feststellt, dass das Individuum durch die Ausbildung eines stabilen Kerns seine Entwicklungsaufgaben bewältigen kann, 22 muss die Bedeutung von Kontinuität und Kohärenz unter den gesellschaftlichen Bedingungen der Spätmoderne eine neue Form einnehmen.
Die Vorstellungen Eriksons weisen in der Moderne deutlich auf das positive Resultat der Identitätsbildung hin, das bei der Synthese von Innen und Außen erreicht wird. Damit wird suggeriert, dass in der Moderne das Außen bzw. die Gesellschaft noch die Möglichkeit einer stabilen Identitätsbildung geboten hat. Dieses harmonische Verhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum wird jedoch stetig reduziert. Neben der Betrachtung der Identität hinsichtlich ihrer Innen- und Außenperspektive erweist es sich ebenfalls als sinnvoll, Identität auf ihrer synchronen und diachronen Ebene zu untersuchen.
20 Keupp, H.: Identitätskonstruktionen, S. 28.
21 Vgl. Erikson, Erik H.: Einsicht und Verantwortung, Die Rolle des ethischen in der Psychoanalyse, Klett, Stuttgart 1964, S. 87.
22 Vgl. Erikson, Erik H.: Identität und Lebenszyklus, Drei Aufsätze, Suhrkamp, Frankfurt am
Main 1970, S. 29.
10
Auf der synchronen Ebene wird die „Selbsterfahrung des Individuums in verschiedenen lebensweltlichen Kontexten“ 23 erfasst, wohingegen die diachrone Dimension die „Abhängigkeit der aktuellen Identität von früheren (Selbst-)Erfahrungen“ 24 sowie die Beschäftigung mit der Zukunft bezeichnet. Es spielen hierbei folglich das retrospektive und das prospektive Gedächtnis eine wichtige Rolle. 25 Nach klassischen modernen Auffassungen muss auf der synchronen Ebene das Individuum in den differenten Lebenswelten zwischen Familie, Arbeitsstelle und Freizeit subjektiv Kohärenz erzeugen und diese auch nach außen vermitteln. 26 Diese Form der Kohärenzerzeugung trifft für die Spätmoderne definitiv nicht mehr zu wie im Folgenden noch erläutert wird. Bei der diachronen Dimension ist die Identitätsarbeit abhängig von der Reflexion über die eigene Biografie sowie von der Selbstreflexion in Bezug auf Zukunftsprognosen.
Im Zuge des gesellschaftlichen Wandels, insbesondere durch die zunehmende Enttraditionalisierung und das Ansteigen pluraler
Lebensformen, verschwindet das Bild einer einheitlichen gesellschaftlichen Normalform von Identität und es wird freizügiger und zugleich schwieriger, Identität zu erzeugen. Während die Menschen in der Nachkriegszeit und zur Zeit des Wirtschaftswunders mit den vorgeschriebenen Rollen zufrieden waren und in eine hoffnungsvolle Zukunft blickten, gestaltet es sich, angesichts des Wertewandels- respektive verlustes und der Auflösung der sozialen Ordnung der Dinge, zunehmend diffizil, einen Rahmen zur Identitätsbildung zu finden.
„Das Subjekt löst sich (…) immer mehr von vorgegebenen biographischen Entwurfsschablonen und Schnittmustern und muß die Lebensentwürfe in
23 Gymnich, Marion: Individuelle Identität und Erinnerung aus Sicht von Identitätstheorie
und Gedächtnisforschung sowie als Gegenstand literarischer Inszenierung. In: Literatur,
Erinnerung, Identität: Theoriekonzeptionen und Fallstudien, hrsg. von Ansgar Nünning/
Vera Nünning, Wissenschaftlicher Verlag Trier, Trier 2003, S. 29-48, hier S. 33.
24 Ebd. S. 34.
25 Auf die verschiedenen Gedächtnisformen werde ich im dritten Teil meiner Arbeit näher
eingehen.
26 Ebd. S. 33.
11
eigene Regie nehmen“ 27 . Das bedeutet, dass die Identitätsarbeit einerseits vom Individuum freier gestaltet werden kann, andererseits aber auch, dass dem Individuum die traditionellen Deutungsmuster als ordnender Rahmen entzogen werden. 28 Die Entrahmung von Deutungsmustern verläuft synchron mit dem Zerfall traditioneller Institutionen wie der Kirche, der Gewerkschaften und der Familie sowie dem Zerfall von größeren sozialen Gruppen wie der Region oder der Klasse und führt somit zu einem Verlust des Zugehörigkeitsgefühls.
Es wird deutlich, dass in der Spätmoderne die Annahmen Eriksons über das Subjekt und die Gesellschaft nicht mehr zeitgemäß sind und somit ihren universellen Charakter verlieren. Durch die fortschreitenden Prozesse der Individualisierung und Globalisierung verlieren die Identitätsfiguren der klassischen Moderne ihre Aktualität.
Durch den Abschied von der „Arbeits- und Rationalitätsgesellschaft“ 29 lassen sich jedoch nicht nur Prozesse des Beendens aufzeigen, sondern auch produktive Möglichkeiten der Lebensgestaltung in einer veränderten Gesellschaft. 30 Keupp führt in diesem Zusammenhang den Begriff des „Patchwork[s] der Identitäten“ 31 ein, um damit Abstand von der traditionellen Suche des ‚Selbst’ nach Einheit und Kontinuität zu nehmen. In diesem metaphorischen Ausdruck verdeutlicht sich die Leistung des Subjekts, Erfahrungsfragmente zusammenzusetzen, so dass im Ergebnis ein identitätsstiftender Sinn für das Individuum entsteht. 32 Es handelt sich hierbei nicht mehr um die Vorstellung, die Identitätsarbeit abschließen zu können, sondern darum, die Erfahrungen aus den unterschiedlichen Lebenswelten zu ordnen und aus dieser Ordnung Identität zu konstruieren. Identität wird in diesem Sinne als andauernde Prozessarbeit betrachtet. Als
27 Keupp, Heiner: Diskursarena Identität. Lernprozesse in der Identitätsforschung, In:
Identitätsarbeit heute. Klassische und aktuelle Perspektiven der Identitätsfoschung, hrsg.
von Heiner Keupp/ Renate Höfer, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, S. 11-39, hier S. 16.
28 Vgl. Ebd.
29 Vgl. Beck, Ulrich: Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Suhrkamp, Frankfurt 1999.
30 Vgl. Keupp, H.: Identitätskonstruktionen, S. 46.
31 Vgl. Keupp, Heiner: Auf dem Weg zur Patchwork-Identität? In: Verhaltenstherapie und
psychosoziale Praxis, Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie, Tübingen 1988, S.
425-438.
32 Vgl. Keupp, H.: Identitätskonstruktionen, S. 9.
12
Folge der Individualisierung und des „Disembedding“ 33 , also der Entbettung des Individuums aus sozialen und lokalen Kontexten und ihrer räumlich und zeitlich unbeschränkten Rekombination, ist es zur beständigen Aufgabe des Subjekts geworden, Identität zu konstruieren.
Die traditionelle Ausbildung einer stabilen Identität gestaltet sich aufgrund der verminderten Kohärenzerfahrung des Subjekts in der Gegenwart und des damit einhergehenden Verlusts einer soliden Positionierung in der Gesellschaft als besonders schwierig. Es erscheint unmöglich, eine einheitliche Linie für den Identitätsentwurf zu verfolgen, wenn der eigene Standort durch eine „Vielzahl von Lebenswelten mit höchst unterschiedlichen Zeitlogiken und Definitionsangeboten“ charakterisiert wird. 34 Es stellt sich also die Frage, auf welche Weise Subjekte der Gegenwart Kohärenz erfahren und wie sie Identitätsentwürfe entwickeln können, während sie sich gleichzeitig in den fortschreitenden Prozessen der Entrahmung, Enttraditionalisierung und der Individualisierung bewegen müssen. 35 Die spätmodernen Identitätstheorien, die sich aus dem mondialen Wandel der Gesellschaft entwickelt haben, weisen darauf hin, dass neue Strategien entwickelt werden müssen, um in der Gegenwart und der Zukunft eine ‚kohärente’ Identität ausbilden zu können.
2. Identitätsbildung in der Spätmoderne
Identitätsbildung und Zukunftsperspektive, zwei Begriffe, die voneinander abhängen und sich gegenseitig bedingen, wenn sie als erfolgreich betrachtet werden wollen. Gelingt es dem Menschen nicht, eine klare Zukunftsvorstellung und Vergangenheitsdeutung zu entwickeln, hat dies einen Verlust der Orientierung und der Zeitperspektive zur Folge, so dass Kontinuität und Kohärenz und damit einhergehend Identität nicht erfahren wird. 36 Erst durch die Konstruktion von Zukunft, insbesondere der
33 Kraus, W.: Das erzählte Selbst, S. 162.
34 Kraus, W.: Das erzählte Selbst, S. 4.
35 Vgl. Ebd.
36 Vgl. Ebd. S. 94.
13
Erwartungen und Ziele, erlangen die Erfahrungen der Vergangenheit und der Gegenwart ihre sichtbare Bedeutung.
Identität wird in der Moderne nach Erikson noch als Entwicklungsaufgabe in der Adoleszenz betrachtet, durch die man sich im Laufe der Zeit zu einer bestimmten Person entwickelt, bei der das Selbstwertgefühl im Hinblick auf eine zu verwirklichende Zukunft steigt. 37 Es steht vor allem das Verhältnis zwischen dem inneren Kern und der sozialen Außenwelt als Mittel zur Erreichung einer stabilen Identität im Blickpunkt seiner Betrachtungen. Die Konstruktion von Zukunft setzt nach seiner Theorie eine Gesellschaft voraus, die einen relativ stabilen Rahmen als Basis für das Individuum bereitstellt. Es wird deutlich, dass es aufgrund der fehlenden Kohärenzmöglichkeiten in der Gesellschaft und der pluralen und fragmentierten Lebensentwürfe in der Zukunft immer schwieriger wird, auf diese Weise Identität zu erfahren. Angesichts der nicht vorhandenen Fähigkeit der Gesellschaft, Stabilität zu gewährleisten, muss folglich ein neues Konzept dem Subjekt dazu dienen, Kohärenz und Kontinuität zu erzeugen.
Eine mögliche Strategie, die destruierenden Prozesse der Spätmoderne abzuschwächen, stellt die Orientierung auf die Zukunft als möglichen dar. 38 Fluchtpunkt Eben diese Fluchtpunkte in Form von
„Zukunftsvorstellungen als komplexe Selbstentwürfe“ 39 werden in dem Konzept des Identitätsprojektes nach Harré realisiert. Komplexe Selbstentwürfe bedeuten in diesem Zusammenhang, dass es sich nicht bloß um Entwürfe bestimmter Teilaspekte in dem Leben des Subjekts handelt, sondern um elementare „Bereiche der Selbsterfahrung- und verwirklichung wie z. B. Arbeit, Familie, Freundeskreis“ 40 . Die Identität als zu verwirklichendes Projekt zu betrachten, ist eine Aufgabe, die sich zum einen auf die Zukunft ausrichtet und zum anderen voraussetzt, dass das Individuum sich mit der Gegenwart und der Vergangenheit auseinandersetzt
37 Vgl. Erikson, Erik H.: Identität und Lebenszyklus, S. 107.
38 Vgl. Kraus, W.: Das erzählte Selbst, S.163.
39 Ebd. S. 164.
40 Ebd. S. 164.
14
und für seine Situation eine wünschenswerte Weiterentwicklung im Sinne eines Projektes erarbeitet hat. 41 Indem sich das Subjekt bei der Entwicklung seines Projektes mit der Gegenwart auseinandersetzt und eine erstrebenswerte Zukunft plant, muss es sich auch zugleich mit seinen bisherigen Erfahrungen und somit mit der Vergangenheit
auseinandersetzen und schließlich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Sinne des Projektes zu einer Symbiose vereinen. Das Identitätsprojekt setzt einen inneren Beschluss des Subjekts voraus, inwiefern es sich in Zukunft verwirklichen will und welche Ressourcen ihm dafür zur Verfügung stehen. Das zu verwirklichende Projekt wird somit biografischer Teil des Selbst.
3. Narrative Identitätskonstruktionen
„Erzählungen und Geschichten waren und bleiben die einzigartige menschliche Form, das eigene Erleben zu ordnen, zu bearbeiten und zu begreifen. Erst in einer Geschichte, in einer geordneten Sequenz von Ereignissen und deren Interpretation gewinnt das Chaos von Eindrücken und Erfahrungen, dem jeder Mensch täglich unterworfen ist, eine gewisse Struktur, vielleicht sogar einen Sinn.“ 42
Eine Möglichkeit der spätmodernen Identitätsbildung liefert die narrative Psychologie mit ihrem Konzept der „narrativen Identität“ 43 . Ausgangslage in der narrativen Psychologie ist die Vorstellung, dass Menschen durch das Erzählen über ihr Leben, ihre alltäglichen Erlebnisse, ihre Beziehungen u. Ä. Sinn und Bedeutung in ihr Leben bringen. Das Subjekt konstruiert demzufolge durch den Prozess der Narration Wirklichkeit. „Erzählungen beschreiben nicht nur vergangene Erfahrungen, sondern plausibilisieren, legitimieren und erklären diese“ 44 . Hierbei zählt vor allen Dingen das
41 Vgl. Ebd. S. 165.
42 Ernst, Heiko: Psychotrends. Das Ich im 21. Jahrhundert, Piper, München 1996, S. 202.
43 Vgl. Sarbin, Theodore Roy: Narrative psychology. The storied nature of human conduct,
Praeger, New York 1986.
44 Neumann, Birgit: Literatur, Erinnerung, Identität, In: Gedächtniskonzepte der
Literaturwissenschaft. Theoretische Grundlagen und Anwendungsperspektiven, hrsg. von
Astrid Erll/ Ansgar Nünning, Gruyter, Berlin/ New York 2005, S. 156.
15
Bestreben des Individuums, anhand seiner Geschichte und im Bewusstsein seiner aktuellen Situation nicht nur für sich selbst, sondern auch für den Zuhörer, Kohärenz zu erzeugen und dies sowohl unter der Berücksichtigung der Vergangenheit, der Gegenwart als auch der Zukunft. 45 Es handelt sich hierbei also um Identitätsbildung unter der Synthese der diachronen und synchronen Dimensionen.
Das Subjekt konstruiert Identitätsprojekte in Bezug zu der sozialen und kulturellen Umgebung und organisiert sich dabei über das Erzählen seiner Erfahrungen und Erlebnisse selbst. Auf diese Weise können die fragmentarischen und differenten Erfahrungen im Leben in eine stabilisierende Ordnung gebracht werden. Die Selbsterzählung stellt kein fixes Konstrukt dar, sondern eine Geschichte, die sich in Abhängigkeit von den Zuhörern, deren Feedback und aktuellen Erlebnissen stetig verändert und weiterentwickelt. Das bedeutet, dass die Selbstnarration nicht nur vom Subjekt ausgeht, sondern durch die Unterstützung der sozialen Umwelt bedingt ist. Wahrheit wird in diesem Sinne nicht über die Wiedergabe objektiver Tatsachen erzeugt, sondern über Narrationen, die sich an den „Erzählkonventionen einer spezifischen Kultur oder Subkultur“ orientieren. 46 Eine gelingende Selbsterzählung steht also in einem wesentlichen Zusammenhang mit der Kommunikationskompetenz des Erzählers. 47 Es wird deutlich, dass innerhalb der sozialen Interaktionen von Menschen das Aushandeln von Bedeutungsinhalten eine wichtige Rolle einnimmt. Da sich das Selbst in Geschichten konstruiert und dessen Bedeutung mit anderen aushandelt, erweist es sich als absurd bei der narrativen Identität von einem „authentischen, wahren oder ‚realen’ Selbst“ 48 auszugehen. Die Strukturen der Narration sind im sozialen Bezugsrahmen verortet und wirken damit auf die Erzählung über sich selbst ein. 49 Handlungen des Erzählers werden in seinen Narrationen im Sinne der sozialen Anerkennung
45 Vgl. Ebd.
46 Vgl. Kraus, W.: Das erzählte Selbst, S. 171.
47 Vgl. Ebd. S. 168.
48 Ebd. S. 169.
49 Vgl. Ebd. S. 160.
16
verformt. Da das Subjekt sein Verständnis über sich selbst anhand seiner gesellschaftlich geformten Erzählung bildet, kann in diesem
Zusammenhang auch von einem narrativen Selbst gesprochen werden. 50 Die gesellschaftliche Situation der Spätmoderne fordert von dem Individuum, eigenständig Kohärenz zu erzeugen, indem es durch eigene Strategien die traditionellen Aufgaben der Gesellschaft kompensiert und sich in diesem Sinne eine Orientierung und einen Standort im Leben erarbeitet: „Subjects recognize themselves in the stories they tell about themselves“ 51 . Diese Strategien unterliegen in Verbindung mit den gesellschaftlichen Veränderungen vor allem auch den „Prozesse(n) der Individualisierung“ 52 , die sich unter anderem aus den zunehmenden „biographischen Strukturierungsleistungen“ 53 des Individuums, den Identitätsmustern 54 Erosionsprozessen von und individuellen Wissensbeständen 55 zusammensetzen.
Nach Kraus leben in solchen gesellschaftlichen Situationen traditionelle Modelle mit hoher Geltungsstabilität wieder auf. 56 „Wo der einzelne Schwierigkeiten hat, sich aktuell zu definieren, kann er sich seiner selbst vergewissern, indem er sich etablierter Narrationen bedient“ 57 . Das Vergangene dient dem Individuum somit als Orientierungshilfe in einer unverbindlichen 58 Welt. Des Weiteren ist es im Sinne der narrativen Identität notwendig, sich von einem „Begriff von Kohärenz zu verabschieden, der als innere Einheit, als Harmonie oder als geschlossene Erzählung verstanden wird“ 59 . Kohärenz erfährt also in der Spätmoderne einen Bedeutungswandel und lässt sich trotz der gesellschaftlich veränderten Bedingungen erzeugen, und zwar in Abhängigkeit vom Subjekt und dessen sozialer Anerkennung.
50 Vgl. Ebd.
51 Ricoeur, Paul: Zeit und Erzählung. Bd. 1, Fink, München 1988, S. 247.
52 Kraus, W.: Das erzählte Selbst, S. 160.
53 Ebd. S. 161.
54 Vgl. Ebd.
55 Vgl. Ebd. S. 162.
56 Vgl. Ebd.
57 Ebd.
58 Unverbindlich, vor allem in Bezug auf identitätssichernde Strukturen.
59 Keupp, H.: Identitätskonstruktionen, S. 57.
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Während bei Eriksons Ausführungen die Identitätsbildung in der Adoleszenz stattfindet und das Subjekt einen festen Kern ausbildet, wird in der narrativen Identität die „Unabgeschlossenheit des Sich-Erzählens“ 60 betont. Es ergibt sich daraus für das Subjekt die lebenslange Aufgabe, Kohärenz zu erzeugen, ohne dabei ein kohärentes Angebot von der Gesellschaft vorgelegt zu bekommen. Die Bedeutung der Kohärenz verändert sich weg von einem erarbeiteten Zustand, hin zu dem Ziel einer unendlichen Konstruktionsleistung des Subjekts. Dies kann nur durch immer neue Versuche gelingen, die verschiedenen Erfahrungs- und Wissensinhalte erzählerisch in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Hierfür bedarf es einer stetigen „Rekonfiguration und Neudeutung der eigenen Geschichte aus der Perspektive der Gegenwart“. 61
Das Individuum unterliegt in seinen Erzählungen auch einem unbewussten Verlangen einer kohärenten Selbsterzählung, einem so genannten Kohärenzzwang. Dieser Zwang ist jedoch in der Spätmoderne nicht als pathologisch zu betrachten, sondern im Gegenteil als äußerst produktiv im Hinblick auf eine stabile Identitätskonstruktion zu bewerten. Diese Narration in ihrer konstruktiven Form wird für das Individuum, abseits der traditionellen Meta-Erzählungen, zum Ort seiner subjektiven Sinnkonstruktion.
Die beschriebenen Identitätsnarrationen lassen sich nach Polkinghorne über drei unverwechselbare Merkmale kennzeichnen: das Prinzip der „Rekonstruktion vergangener Ereignisse“ 62 , der „narrativen Glättung“ 63 und der „kulturell verfügbaren Plots“ 64 . Erinnerungen stellen nach Polkinghorne nicht nur Replikationen vergangener Ereignisse dar, 65 sondern vielmehr Rekonstruktionen von Gedächtnisspuren unter Einbeziehung aktueller
60 Kraus,W.: Das erzählte Selbst, S. 169.
61 Neumann, B. : Literatur, Erinnerung, Identität, S. 157.
62 Polkinghorne, Donald E.: Narrative Psychologie und Geschichtsbewußtsein:
Beziehungen und Perspektiven, In: Erzählung, Identität und historisches Bewußtsein: Die
psychologische Konstruktion von Zeit und Geschichte, Erinnerung, Geschichte, Identität I,
hrsg. von Jürgen Straub, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998, S. 12-45, hier S. 25.
63 Ebd.
64 Ebd. S. 26.
65 Vgl. Ebd. S. 25.
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Erkenntnisse. 66 Kohärenz wird demnach durch das subjektive Umformen der Vergangenheit anhand der gegenwärtigen Erkenntnisse des Subjekts erzeugt. Die narrative Glättung in Identitätsnarrativen, die sich insbesondere auf das Auslassen alltäglicher Abläufe bzw. bestimmter Ereignisse bezieht, die irrelevant für die erzählte Episode sind, dient der Nachvollziehbarkeit der Sinnbildung und des Zusammenhangs der erzählten Geschichte. 67 Nur die episodisch wichtigen Details werden durch die narrative Ordnung erwähnt respektive hervorgehoben und strukturieren somit die Geschichte im Hinblick auf den erzählerischen Plot. Des Weiteren können Subjekte mittels kulturell verfügbarer,
bedeutungsstiftender, interpretativer Plots, die sich das Subjekt aus vorhandenen Geschichten der eigenen Kultur auswählt und umformt, ihre Erzählung in Verbindung mit ihren Erfahrungen weiterentwickeln.
III. Gedächtnis und Erinnerungsdiskurse
1. Gedächtnis und Erinnerung
Eine essenzielle Voraussetzung für die Konstruktion von Identität bildet die Erinnerungsfähigkeit. Sowohl für die individuelle als auch für die kollektive Identität stellt die Erinnerung an die Vergangenheit, an zurückliegende Erlebnisse, eine Möglichkeit dar, Kohärenz zu erfahren. Auf der kollektiven und individuellen Ebene werden über das Erzählen von Vergangenem Identitätskonzepte von sozialen Gruppen und Individuen konstruiert respektive destabilisiert.
Im Folgenden sollen nun Aspekte der Erinnerungsdiskurse im Hinblick auf Kohärenz stiftende Elemente bei der Identitätskonstruktion sowie auch im Hinblick auf die Analyse der Texte betrachtet werden. Hierbei ist es zunächst nötig, eine Differenzierung zwischen dem Begriff des ‚Gedächtnisses’ und dem der ‚Erinnerung’ vorzunehmen, da deren Abgrenzung für die Untersuchung von Identitätskonstruktionen und subjektivem Kontinuitätsempfinden relevant ist.
66 Vgl. Ebd. S. 24.
67 Vgl. Ebd. S. 25.
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Nach Assmann bezeichnet das Gedächtnis einen „Kollektivbegriff für angesammelte Erinnerungen(,) als Fundus und Rahmen für einzelne memoriale Akte und Einträge“ 68 , während die Erinnerung hingegen „die einzelnen und disparaten Akte der Rückholung oder Rekonstruktion individueller Erlebnisse und Erfahrungen“ 69 umfasst. Erinnerungen sind Kombinationen aus dem individuellen Gedächtnis mit den persönlichen Erinnerungen und Erinnerungslücken, aus dem kommunikativen Gedächtnis mit den familiären und den kollektiven Erinnerungen als auch aus dem kulturellen Gedächtnis mit dem Gehörten, dem Gesehenen oder dem Gelesenen. Das Gedächtnis erweist sich somit als die Grundlage von tiefverwurzelten Überzeugungen, was die eigene Person anbelangt und die Erinnerung liefert die Basis für einen Prozess, der eine bestimmte individuelle Erinnerung herbeiführt.
Das Gedächtnis lässt sich zudem in ein Langzeitgedächtnis und ein Kurzzeitgedächtnis unterteilen. Das Langzeitgedächtnis stellt hierbei das unmittelbar relevante Gedächtnis für die nachfolgenden Untersuchungen dar und lässt sich in vier verschiedene inhaltliche Formen gliedern. Diese sind das episodische Gedächtnis, das die spezifischen Erinnerungen einer Person an Ereignisse enthält, die sie persönlich erfahren hat, das semantische Gedächtnis 70 , das prozedurale Gedächtnis 71 und das Priming-System 72 . 73
Das episodische Gedächtnis erweist sich aufgrund seiner Informationen über individuelle Erfahrungen und Ereignisse als besonders relevant für die Herstellung eines kohärenten Selbstbildes und eines konsistenten
68 Assmann, Aleida/ Frevert, Ute: Geschichtsvergessenheit - Geschichtsversessenheit.
Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Deutsche Verlagsanstalt,
Stuttgart 1999, S. 35.
69 Ebd.
70 Enthält das kontextfreie Weltwissen einer Person, z.B. ihr Wissen über Sprache
(Semantik, Grammatik), Regeln und Konzepte.
71 Ist für die Speicherung unserer Fähigkeiten des Fahrradfahrens, Schwimmens oder
anderer motorischer Programme zuständig.
72 Bezieht sich auf die höhere Wiedererkennungswahrscheinlichkeit für zuvor unbewusst
wahrgenommene Reize.
73 Vgl. Markowitch, Hans-Joachim: Dem Gedächtnis auf der Spur. Vom Erinnern und
Vergessen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2002.
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Nina Klockgether, 2007, Erinnerungsdiskurs und narrative Identitätskonstruktionen in den Familienromanen: 'Das Haus auf meinen Schultern' von Dieter Forte und 'Spione' von Marcel Beyer, München, GRIN Verlag GmbH
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