Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkungen 3
2. Die Nachkriegssituation in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) in
Mecklenburg. 5
2.1 Gründung der „Provinz Mecklenburg“ - Zusammensetzung und innere
Struktur der neuen Landesregierung. 6
2.2 Die Bildung der Zentralverwaltungen in der Sowjetische Besatzungszone. 9
2.3 Bildung der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung (DVV) 11
2.4 Abteilung Kultur und Volksbildung in Mecklenburg 13
3. Entnazifizierung in der SBZ am Beispiel von Mecklenburg-Vorpommern. 15
3.1 Die Entnazifizierung der Universität Rostock. 18
3.2 Rektor Prof. Kurt Wachholder 21
3.3 Maßnahmen des Rektors zur Wiedereröffnung. 29
3.4 Positionen der Landesverwaltung. 33
4. Die Wiedereröffnung der Universität Rostock im Jahr 1946 unter
Prof. Dr. Rektor Rienäcker 39
4.1 Universitäre Strukturen in der SBZ und an der Universität Rostock 48
4.2 Die Zulassung der Studenten 1946. 53
4.3 Die Personalauswahl 1946 57
4.4 Die Pflichtvorlesung „Politische und soziale Fragen der Gegenwart“ 62
4.5 Die Differenzen um das Statut der Universität Rostock. 65
5. Schlussbemerkung. 69
6. Abkürzungsverzeichnis 73
7. Quellen 74
7.1 Zeitungen 74
7.2 Aufsätze 74
7.3 Bibliographie 75
7.4 Online Quellen. 77
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1. Vorbemerkungen
Die Wiedereröffnung der Universität Rostock am 25. Februar 1946 beschäftigte in der jüngsten Zeit nur eine kleine Anzahl von Historikern. Martin Handschuck gab mit seiner Dissertation „Auf dem Weg zur sozialistischen Hochschule“ im Jahr 2003 ein ausführliches Standardwerk zu diesem Thema heraus. Auch der Rostocker Historiker Werner Müller, nahm sich bereits zum 575-jährigen Jubiläum dieses Themas mit seinem Aufsatz „Die Anfänge sozialistischer Umgestaltung der Universität in der Nachkriegszeit“ an.
Bedenkt man, dass sich im Jahr 2019 die Ersteröffnung der Universität Rostock von 1419 zum 600. Mal jährt, ist es nur von Verständnis, dass bis zu diesem Datum auch eine Aufarbeitung aus der Zeit der DDR-Diktatur vorhanden sein sollte. Neben Martin Handschuck und Werner Müller möchte diese Arbeit mit neuen Erkenntnissen dazu beitragen aufzuzeigen, dass die Person und Position des damals amtierenden Rektors Prof. Dr. Kurt Wachholder bisher weit unterschätzt wurde. Er, der die Vorarbeiten zur Wiedereröffnung nicht nur forciert und vorangetrieben hatte, erhält in dieser Arbeit ein separates Kapitel, um seiner Person gerecht zu werden. Beginnend mit der Gründung der Provinz Mecklenburg bis hin zu den zentralisierenden Mechanismen der Besatzer, in Form der Zentralverwaltungen, werden alle damit verbundenen Personen detailliert behandelt werden. Da die Entnazifizierung des Landes Mecklenburg-Vorpommern ein weites Feld, wie Damian van Melis in seinem wohl bekanntesten Werk „Entnazifizierung in Mecklenburg-Vorpommern Herrschaft und Verwaltung 1945-1948“ von 1999 dargestellt hat, war, wird diese Arbeit sich explizit mit der Entnazifizierung der Behörden beschäftigen. Die Universität Rostock stellt in diesem Zusammenhang ein Novum in der Nachkriegsgeschichte dar. Dieses und der Kampf um die Wiedereinstellung hochrangiger Wissenschaftler wird ebenso thematisiert werden, wie auch die Stagnation bis hin zur Einstellung und damit Aufgabe der Entnazifizierung durch die Besatzer. Dazu wurden Forschungen im Landeshauptarchiv Schwerin, im
Universitätsarchiv und im Stadtarchiv Rostock angestellt, die belegen, dass es bei der „Sowjetisierung“ durch die Besatzer und der neu gebildeten Landesregierung nicht auf die fachlichen Kompetenzen eines Wissenschaftlers ankam, sondern ausschließlich seine Vergangenheit beurteilt wurde. Dass hierbei auch eine Vielzahl von Fehlentscheidungen getroffen und umgesetzt wurden, soll anhand von Beispielen aufgezeigt werden. Eines davon ist die Neubesetzung des Personals in der Universität
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Rostock im Jahr 1946. Hieran wird erkennbar, wie aussichtslos die angestrebte Entnazifizierung durch die Sowjetische Militäradministration war. Nicht nur, dass sie damit die Zahlungen der Reparationsleistungen gefährdeten, auch der damit vielfach verbundene Weggang von hochrangigen Wissenschaftlern aus der SBZ wird beleuchtet werden.
Wie die systematische Umformung zu einer „Volksuniversität“ von statten ging, ist ebenfalls Thema dieser Arbeit. Es soll aufgezeigt werden, wie aussichtslos Wachholders Bestrebungen nach einer demokratischen Universität waren, wenn man bedenkt, dass die Besatzer von Beginn an vorhatten, die Hochschulen nach ihren Vorstellungen (sowjetischen) aufzubauen.
Zum Abschluss der Arbeit wird es eine Schlussbemerkung geben, die noch einmal die neuesten Forschungsergebnisse kurz zusammenfasst und auf weitere, noch nicht bearbeitete Forschungsfelder aufmerksam machen möchte.
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2. Die Nachkriegssituation in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) in Mecklenburg
Am 8. Mai 1945 endete mit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches der Zweite Weltkrieg in Europa. 1 Die oberste Gewalt in Deutschland, das nunmehr „lediglich ein Objekt der internationalen Politik [war] ohne äußere und innere Souveränität“ 2 , übernahm am 5. Juni 1945 der Alliierte Kontrollrat als gemeinsame Regierungsbehörde der Siegerstaaten. Ihm gehörten anfänglich die USA, Großbritannien und die Sowjetunion an. Frankreich kam später hinzu. Das Territorium Deutschlands wurde unter diesen Staaten zum Zwecke der Besatzung nach dem Stand vom 31. Dezember 1937 in vier Zonen aufgeteilt. 3 Der Kontrollrat sollte über Deutschland als Ganzes entscheiden, jede Besatzungsmacht erließ jedoch für ihre Zone selbstständig Befehle und Gesetze.
Somit war ein Schritt zur getrennten Entwicklung getan, der es der Sowjetunion ermöglichte, in ihrer Zone die Grundlagen für ein kommunistisches Herrschafts- und Gesellschaftssystem zu legen.
Im von ihr besetzten Teil Deutschlands verfolgte die Sowjetunion nach Kriegsende eine zweigleisige Taktik. Einerseits gestattete sie „die Tätigkeit verschiedener politischer Richtungen, legte […] »antifaschistisch-demokratisch« im Sinne der pluralistischen Demokratie aus“ 4 , was Hoffnungen auf eine reale Demokratisierung weckte. Andererseits leitete sie in ihrer Besatzungszone Maßnahmen mit dem Ziel ein, diese nach sowjetischem Muster ideologisch und organisatorisch umzugestalten und somit langfristig in ihren Machtbereich einzubinden. In Mecklenburg versetzte die Besetzung die Einwohner in unterschiedliche Verfassungen. Es herrschten in erster Linie Angst und die Hoffnung auf das wirkliche Ende des Krieges gemischt mit Desinformation und Gewaltexzessen seitens der Besatzer. In einigen Städten herrschte das totale Chaos. Malchin wurde beispielsweise nach seiner Besetzung von den Besatzern in Schutt und Asche gelegt, indem man die Stadt nach der Eroberung in Brand setzte. 5 Am 01. Juli 1945 übergaben die britischen Truppen dieses Land der Roten Armee und zogen aus Mecklenburg ab. Es wurden die
1 Lehmann, Hans Georg: Deutschland-Chronik 1945 bis 2000. Bonn 2000. S. 19.
2 Grosser, Alfred: Das Bündnis die westeuropäischen Länder und die USA seit dem Krieg. Paris 1978. S.
80.
3 Winkler, Heinrich August: Der lange Weg nach Westen II. Deutsche Geschichte 1933-1990. Bonn
2004. S. 117.
4 Weber, Herman: DDR Grundriß der Geschichte 1945-1981. Hannover 1982. S. 21.
5 Karge, Wolf; Münch, Ernst; Schmied, Hartmut: Die Geschichte Mecklenburgs. Rostock 1993. S. 167 ff.
5
ersten Orts- und Kreiskommandanturen in den Dörfern eingerichtet, die auch gleichzeitig die obersten Verwaltungen darstellten.
2.1 Gründung der „Provinz Mecklenburg“ - Zusammensetzung und innere Struktur der neuen Landesregierung
Bereits Ende Mai hatte sich die sowjetische Besatzungsmacht mit der bevorstehenden Bildung einer Landesverwaltung für Mecklenburg-Vorpommern befasst. Diese wurde vertreten durch General Iwan Iwanowitsch Fedjuninskij 6 , dem späteren Chef der Sowjetischen Militäradministration Mecklenburg (SMAM). 7 Mit der Gründung des Landes Mecklenburg-Vorpommern und der Erneuerung des Präsidiums der Landesverwaltung durch die Sowjetische Militäradministration Deutschlands (SMAD) am 04. Juli 1945 war die parallele Verwaltungssituation beendet. Am 27. Juni 1945 fanden in Güstrow und Rostock unter der Leitung von Gustav Sobottka 8 Gespräche über die Zusammensetzung einer künftigen Landesverwaltung statt. In diesen Gesprächen wurden ausgewählte Personen vorgeschlagen oder stellten sich selbst als zukünftige Vertreter des Landes vor: So auch Albert Schulz, der aber an seine Kandidatur Bedingungen knüpfte. Er wünschte „ein persönliches Gespräch mit den führenden Männern in Berlin, bevor er sich endgültig entscheiden würde.“ 9 Am 28. Juni 1945 fuhren Wilhelm Höcker 10 und Hans Warnke 11 nach Berlin-Karlshorst zum Sitz der SMAD. Der oberste Chef, Marshall Schukow, konnte sie nicht empfangen, ließ sich aber durch seinen Stellvertreter Armeegeneral Wassili Davidowitsch Sokolowski zusammen mit dem Generalleutnant Fjodor Jefimowitsch Bokow 12 vertreten. Bereits am 29. Juni 1945 erhielt Höcker eine Vollmacht der SMAD
6 Brunner, Detlev: Die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern unter sowjetischer Besatzung 1945
bis 1949. Bd. 1: Die ernannte Landesverwaltung Mai 1945 bis Dezember 1946. Eine Quellenedition.
Bremen 2003. S. 630.
7 Brunner: S. 118. (Dokument 7 vom 27.06.1945. Besprechungen in Güstrow und Rostock betr. Bildung
der Landesverwaltung.)
8 Gustav Sobottka (KPD). In: Brunner: S. 650.
9 Schulz, Albert: Erinnerungen eines Sozialdemokraten. Oldenburg 2000. S. 81.
10 Wilhelm Höcker. Vor 1933 sozialdemokratischer Landtagspräsident bzw. Vizepräsident in
Mecklenburg. In der NS-Zeit politisch verfolgt. In: Handschuck, Martin: Auf dem Weg zur
sozialistischen Hochschule. Die Universität Rostock in den Jahren 1945-1955. Bremen 2003. S. 388.
11 Johannes Warnke. Von 1924 bis 1933 mecklenburgischer Landtagsabgeordneter. Nach 1933 mehrfach
in Haft bzw. im KZ. In: van Melis, Damian [Hrsg.]: Sozialismus auf dem platten Land. Mecklenburg-
Vorpommern 1945-1952. Schwerin 1999. S. 72.
12 Bokow war Mitglied im so genannten „Kriegsrat“. In: Brunner: S. 14.
6
„zur Bildung der Landesverwaltung.“ Die Vollmacht bezeichnete die Bildung einer „Provinz Mecklenburg“. 13
Quelle: Brunner, Detlev: Die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern unter sowjetischer Besatzung 1945 bis 1949. Bd.
1: Die ernannte Landesverwaltung Mai 1945 bis Dezember 1946. Eine Quellenedition. Bremen 2003. S. 120.
Zurück in Schwerin leitete Höcker bereits am 30. Juni 1945 seine „amtlichen Personalvorschläge“ 14 zur Besetzung der neuen Landesregierung an die SMAD weiter. Am 04. Juli 1945 erhielt er die Bestätigung durch Marshall Schukow für folgende Personen: Er selbst, Höcker, wurde als Präsident des Landes bestätigt. Neben ihm wurden Hans Warnke (KPD) erster Vizepräsident, Otto Möller 15 (CDU) zweiter Vizepräsident und als dritter Vizepräsidenten ernannte man Gottfried Grünberg 16 (KPD). Nach Abzug der britischen Truppen am 01. Juli nahm die neue Landesregierung ihre Amtsgeschäfte zum 07. Juli 1945 auf. 17 Bereits am 08. Juli 1945 fand die erste konstituierende Präsidialsitzung statt, in welcher, der stellvertretende Chef der SMAM
13 Ebenda. S. 120.
14 Brunner: S. 14.
15 Otto Möller. Parteilos/CDU. Seit 1919 in führender Position in der Landwirtschaftskammer des Landes
bzw. im Reichsnährstand. In: van Melis: Sozialismus auf dem platten Land. S. 85.
16 Gottfried Grünberg. Von Hause aus Bergarbeiter. Flüchtete in die Sowjetunion und kam mit der
Initiativgruppe Sobottka am 6. Mai 1945 nach Deutschland zurück. In: Grünberg, Gottfried: Kumpel,
Kämpfer, Kommunist. Berlin (Ost) 1977. S. 45.
17 van Melis, Damian: Entnazifizierung in Mecklenburg-Vorpommern. Herrschaft und Verwaltung 1945-
1948. München 1999. S. 51.
7
Michail Alexandrowitsch Skossyrew 18 erste Arbeitsanweisungen gab. Die SMAM wurde allerdings erst am 09. Juli 1945 mit Befehl Nr. 5 der SMAD zum Zweck der „Verwaltung der Provinzen und Sicherung der Kontrolle über die Arbeit der (deutschen) Selbstverwaltungsorgane“ gegründet. 19 Sie zog direkt gegenüber der neuen Landesverwaltung in die Schlossstraße in Schwerin ein. Ihr Leiter war Generaloberst Iwan I. Fedjuninskij.
Über den Namen des Landes herrschte noch einige Zeit Unklarheit, da auf Höckers Vollmacht von der „Provinz Mecklenburg“ die Rede war, in der Bestätigung von Schukow jedoch „Landesverwaltung Mecklenburg“ stand. Nachdem Höcker am 10. Juli 1945 eine Verfügung verabschiedete, worin es hieß, dass die Bezeichnung ab sofort „Landesverwaltung Mecklenburg-Pommern“ heißen solle, bat Höcker Skossyrew am 24. Juli 1945 um eine erneute Entscheidung, da Mecklenburg schon immer ein eigenständiges Land war und sich somit von den Provinzen Preußens abgegrenzt hatte. Am 26. Juli 1945 fiel dann die endgültige Entscheidung über die Provinzfrage. Man legte fest, dass von nun an die offizielle Bezeichnung „Der Präsident des Landes Mecklenburg-Vorpommern“ sein sollte. 20 Dieser Name galt allerdings auch nur bis zum 28. Februar 1946, da ab 01. März 1947 der Zusatz „Vorpommern“ auf Anordnung der SMAD entfiel. 21
Nachdem die Namensfrage des Landes nunmehr endgültig geklärt war, konnte man sich um die internen Belange des Landes kümmern. Was den Verwaltungsaufbau als solchen anbelangte, so führte die neue Landesverwaltung zunächst im Wesentlichen jene von Staatsminister Hans Jess 22 noch unter britischer Besatzung angeordnete Struktur fort. In der ersten Präsidialsitzung der neu gebildeten Landesregierung wurden, wie unter britischer Besatzung, acht Abteilungen festgelegt. Im Einzelnen waren dies: I. Präsidialabteilung, II. Abt. innere Verwaltung, III. Abt. Wohlfahrt, IV. Abt. Finanzen, V. Abt. Landwirtschaft und Forsten, VI. Abt. Wirtschaft und Arbeit, VII. Abt. Kultur und Volksbildung und VIII. Abt. Justiz. Einzelne von ihnen wurden zum Teil noch untergliedert und unterstanden alle dem Präsidenten und den drei Vizepräsidenten. Diese waren wie folgt zuständig: Der Präsident für die Abt. I und IV, erster
18 Brunner: S. 650.
19 Welsh, Helga A.; Zank, Wolfgang: Zentralverwaltungen. In: Broszat, Martin; Weber, Hermann [Hrsg.]:
SBZ Handbuch. Staatliche Verwaltungen, Parteien, gesellschaftliche Organisationen und ihre
Führungskräfte in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 1945-1949. München 1993. S. 201 ff.
20 Brunner: S. 15.
21 Ebenda.
22 Hans Jess. Bis Juli 1945 Ministerialdirektor der Präsidialabteilung. 1948 Flucht. In: Ebenda. S. 637.
8
Vizepräsident für Abt. II, III und VI., zweiter Vizepräsident für Abt. V und VI und der dritte Vizepräsident für die Abteilungen VII und VIII.
2.2 Die Bildung der Zentralverwaltungen in der Sowjetische Besatzungszone
Mit Befehl Nr. 17 vom 27. Juli 1945 ordnete die SMAD „zwecks Entwicklung der Wirtschaft und Wiederherstellung des Verkehrs- und Nachrichtenwesens, der Gesundheitsfürsorge und Volkserziehung in der sowjetischen Besatzungszone“ 23 die Bildung von zunächst elf 24 Zentralverwaltungen an. Hierunter befand sich auch die Zentralverwaltung für Volksbildung und Justiz. Diese wurden während der Monate August und September 1945 in Berlin eingerichtet. Die Zentralverwaltungen, die ab 1946 meistens als „Deutsche Verwaltungen“ bezeichnet wurden, dienten zunächst hauptsächlich der Beratung und Entlastung der entsprechenden SMAD-Abteilungen. Die frühe Errichtung von Zentralverwaltungen in der SBZ hat auf westlicher Seite schon frühzeitig zu Spekulationen hinsichtlich des Einflusses und der Ausdehnung über die eigenen Zonen hinweg geführt. Auf der östlichen Seite machte man allerdings die Westmächte für das Scheitern einer gesamtdeutschen Verwaltung verantwortlich. Die Zuständigkeit der auf Veranlassung der SMAD in Berlin gegründeten deutschen Zentralverwaltungen blieb somit auf die sowjetische Zone beschränkt.
Die ursprünglich elf Zentralverwaltungen nahmen im Sommer und Herbst 1945 in verschiedenen Gebäuden in Berlin ihre Arbeit auf und befanden sich im sowjetischen Sektor von Berlin. Sie waren keine Rechtsnachfolger der früheren deutschen Zentralbehörden. Durch Befehle der sowjetischen Besatzer ins Leben gerufen, unterschieden sie sich hinsichtlich ihrer Organisation und ihres Personals grundlegend von den ehemaligen Reichsbehörden; auch hatten sie gegenüber den Landes- und Provinzialverwaltungen zunächst kein eigenes Gesetzes- und Verordnungsrecht. Ebenfalls mit Befehl Nr. 17 wurden die ersten Präsidenten der neuen elf Zentralverwaltungen namentlich bekannt gegeben. Die Personalvorschläge kamen durch den Aufruf an die neu zugelassenen Parteien, „Personalvorschläge für die
23 Müller, Marianne; Müller, Egon Erwin: „...stürmt die Festung Wissenschaft!“. Die Sowjetisierung der
mitteldeutschen Universitäten seit 1945. Berlin 1994. S. 37.
24 Ebenda.
9
Führungspositionen in den geplanten zentralen Verwaltungen“ 25 zu machen, zustande. Nicht alle von der SMAD berufenen Personen stimmten mit den Vorschlägen überein. So wurde beispielsweise nicht Jürgen Kuczynski, 26 sondern Henry Meyer 27 für die „Deutsche Zentralfinanzverwaltung“ eingesetzt. Nach Beendigung des
Auswahlverfahrens stellte die KPD sechs Präsidenten und elf Vizepräsidenten sowie die SPD vier Präsidenten und elf Vizepräsidenten. 28 Ähnlich den Landes- und Provinzialverwaltungen gelang es der KPD, dass die öffentlichen Institutionen kommunistisch dominiert wurden. Die KPD -später SED- die in nahezu allen Zentralverwaltungen von Beginn an den für das Personalwesen verantwortlichen Abteilungsleiter stellte, konnte vor allem aufgrund dessen ihre Vorherrschaft ausbauen. Bereits Ende 1947 beschäftigten die Zentralverwaltungen insgesamt 6000 Personen 29 , deren fachliche Kompetenz nicht immer entscheidend war. Wichtiger bei der Besetzung der Führungspositionen war die politische Zuverlässigkeit, während die Aufgabenbereiche der Referenten und Sachbearbeiter von entsprechend fachlich ausgebildetem Personal betreut wurden. Selbst ehemalige NSDAP-Mitglieder kamen in Frage, sofern sich erwies, dass sie „Gegner des Nationalsozialismus“ 30 waren. Die marginale Rolle der so genannten bürgerlichen Parteien wird deutlich, wenn man die parteipolitische Zusammensetzung des Personals der acht wirtschaftlichen Zentralverwaltungen vergleicht. Bei einer Gesamtbelegschaft von 3.099 Mitarbeitern gehörten Ende 1947 1.010 der SED, 129 der SPD, aber nur 155 der CDU und sogar nur 25 der LDP an. 31
25 Kleßmann, Christoph: Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945-1955. Bonn 1991. S.
164.
26 Jürgen Kuczynski (1904-1997). Volkswirtschaftler. Ab 1964 Professor für politische Ökonomie und
Wirtschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin. 1950-1958 Abgeordneter der Volkskammer
(SED). In: Heinemann, Manfred [Hrsg.]: Hochschuloffiziere und Wiederaufbau des Hochschulwesens in
Deutschland 1945-1949. Die Sowjetische Besatzungszone. Berlin 2000. S. 375.
27 Welsh; Zank: Zentralverwaltungen. In: Broszat; Weber [Hrsg.]: SBZ-Handbuch. S. 202.
28 Foitzik, Jan: Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) 1945-1949. Struktur und
Funktion. Berlin 1999. S. 153.
29 Welsh; Zank: Zentralverwaltungen. In: Broszat; Weber [Hrsg.]: SBZ-Handbuch. S. 202.
30 Ebenda. S. 203.
31 Ebenda.
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2.3 Bildung der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung (DVV)
Zur ersten Gruppe der deutschen Zentralverwaltungen gehörte mit Befehl Nr. 17 die Deutsche Zentralverwaltung für Volksbildung (DVV), die von Paul Wandel 32 geleitet wurde und am 11. August 1945 33 ihre Tätigkeit im ehemaligen Reichsministerium für Wissenschaft aufnahm. 34 Paul Wandel war vor der Ernennung zum Präsidenten der DVV Chefredakteur des Zentralorgans der KPD „Deutsche Volkszeitung“ und leitete die DVV bis zu deren Auflösung im Jahr 1949. Wie auch bei den Zentralverwaltungen wurde die personelle Frage durch Vorschläge der Parteien letztlich ebenfalls durch die SMAD entschieden.
An Wandels Seite als ersten Vizepräsidenten stellte man den sozialdemokratischen Lehrer Erwin Marquardt 35 . Die Positionen des zweiten und dritten Vizepräsidenten waren bis 1946 nur nominell besetzt worden. Dr. Emil Menke-Glückert 36 , der als 2. Vizepräsident vorgesehen war, zog es vor, „in Sachsen zu bleiben, wo er einflussreiche Partei- und Staatsämter innehatte.“ 37 Als 3. Vizepräsident fungierte der Schriftsteller Johannes R. Becher 38 , obwohl er mit dem Aufbau „des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschland beschäftigt“ 39 war. Auch er schied 1946 aus der DVV aus. Im selben Jahr erhielt der ehemalige Direktor der Universitätsklinik in Halle, Prof. Theodor Brugsch 40 , der die „Abteilung Wissenschaft und Forschung“ 41 leitete, die Position des 2. Vizepräsidenten. Zum Nachfolger von Becher wurde der ehemalige Präsident des Nationalkomitees Freies Deutschland Erich Weinert. Auch er war ein ehemaliger Remigrant aus der Sowjetunion. Die DVV war in ihrer Zusammensetzung und Struktur von Beginn an ein Pendant der Abteilung Volksbildung der SMAD unter der Leitung
32 Paul Wandel. Ehemaliger Sekretär von Wilhelm Pieck während der Moskauer Emigration, Lehrer an
der Kominternschule Kuschnarenkowo. In: Ebenda.
33 Müller; Müller: S. 37.
34 Müller; Müller: S. 37.
35 Erwin Marquardt war 1933 von den Naionalsozialisten aus dem Amt des Obermagistrats von Berlin
entfernt worden. In: Welsh: (DVV). In: Broszat; Weber [Hrsg.]: SBZ-Handbuch S. 230.
36 Ebenda. (Ehemaliger Staatssekretär im sächsischen Kultusministerium)
37 Ebenda.
38 Ebenda. (Seit 1919 Mitglied der KPD, Emigration in die Sowjetunion, Rückkehr nach Deutschland im
Juni 1945)
39 Ebenda.
40 Müller, Werner: Die Anfänge „sozialistischer Umgestaltung“ der Universität in der Nachkriegszeit. In:
Wissenschaftliche Tagung. Universität und Stadt anläßlich des 575. Jubiläums der Eröffnung der
Universität Rostock. Rostock 1995. S. 270.
41 Ebenda.
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von Pjotr W. Solotuchin. 42 Wichtigstes Aufgabengebiet der DVV war anfangs die schnelle Ingangsetzung des Schul- und Hochschulbetriebs entsprechend den in den SMAD-Befehlen Nr. 40 vom 25. August 1945 und Nr. 50 vom 04. September 1945 enthaltenen Richtlinien. Im Aufruf des ZK der KPD und des Zentralsekretariats der SPD zur Schulreform hieß es dazu: „Die geistige Erneuerung unseres Volkes würde auf halbem Wege stehen bleiben, würde sie nicht auch eine gründliche Reform des gesamten Hochschul- und Universitätswesens umfassen. Der neue Geist eines wahrhaft fortschrittlichen Humanismus und kämpferischer Demokratie muß in den Hochschulen Einzug halten.“ 43 Dazu gehörte als wesentliche Aufgabe vor allem auch die Erarbeitung und Drucklegung neuer Lehrpläne und Lehrbücher sowie die Mitwirkung bei einer durchgreifenden Entnazifizierung der Lehrer- und Hochschullehrerschaft. Der Befehl Nr. 50 der SMAD sah vor: „Die Durchführung erforderlicher Maßnahmen zur Vorbereitung der Obersten Lehranstalten für die Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit, unter völliger Beseitigung nationalsozialistischer und militärischer Doktrine aus dem Lehrstoff und der Studentenerziehung und zu sorgen für die Schaffung solcher Kräfte, die imstande wären, demokratische Grundsätze zu verwirklichen.“ 44 Aus dem Aufruf und dem Befehl Nr. 50 ging eindeutig hervor, dass eine vollständige Entnazifizierung und Demokratisierung der Schulen und Hochschulen stattzufinden hatte.
42 Solotuchin war Chefredakteur der „Prawda“ in Lenin und Rektor der dortigen Universität. Er leitete die
Abteilung bis 1948; sein Nachfolger wurde sein Stellvertreter: Professor I. D. Artjuchin. In: Welsh:
(DVV). In: Broszat; Weber [Hrsg.]: SBZ-Handbuch S. 229.
43 Hoffmann, Rosemarie: Der Kampf um eine demokratische Neueröffnung der Universität Rostock (Mai
1945 bis November 1946). Dissertation. Rostock 1964. S. 36.
44 Landeshauptarchiv Schwerin (im Folgenden: LHAS): 6.11-21. 2441. Blatt 11. (Auszug aus: Befehl des
Obersten Chefs d. SMAD Nr. 50. vom 04.09.1945)
12
2.4 Abteilung Kultur und Volksbildung in Mecklenburg
In Mecklenburg-Vorpommern zeigte sich die Abteilung Kultur und Volksbildung der Landesregierung, der als dritter Vizepräsident der Landesregierung Gottfried Grünberg (KPD) vorstand, für die Belange des Bildungswesens zuständig. Primär war sie dazu sowohl in personeller als auch struktureller Hinsicht kaum in der Lage. Bei ihrer Bildung im Juli 1945 gehörten ihr nicht mehr als 27 Mitarbeiter an. 45 Die Leitung hatte anfänglich der erste Nachkriegskurator der Universität Rostock Richard Möller 46 inne, der vor 1933 Landesvorsitzender der DDP gewesen war. Dieser wurde unter „mysteriösen Umständen [...] allerdings im Herbst 1945 von der SMAM verhaftet und verstarb wenig später im Dezember im Internierungslager des NKWD 47 Fünfeichen.“ 48 Der Grund für die Verhaftung war ein von Möller verfasstes Buch über die russische Geschichte „Von Rurik bis Stalin“ erschienen 1939 in Leipzig und enthielt nach Ansicht der SMAM antisowjetische Passagen. Grünberg schrieb in seiner Autobiographie von Auseinandersetzungen mit seinem Stellvertreter. Sein „Stellvertreter, Abteilungsleiter Dr. Möller, behauptete, krank zu sein, und zog sich nach Rostock zurück. Später stellte sich heraus, dass er selbst Nazidreck am Stecken hatte.“ 49 Es ist bis heute nicht nachgewiesen, ob Grünberg davon wusste und die sowjetischen Behörden darüber informierte. Aufschluss darüber könnten nur die entsprechenden Akten des NKWD in Moskau geben. 50 Möllers Nachfolger war Hans Manthey 51 (KPD), dessen Arbeit ebenfalls durch die geringe Personalstärke erschwert wurde. Außerdem konnten durch die wenigen vorhandenen finanziellen Mittel in den folgenden Monaten kaum geeignete Fachkräfte eingestellt werden. Grünberg berichtete, dass die Entlohnung vielfach nur auf naturaler Basis erfolgen konnte. 52 Die vordringlichste Aufgabe der Abteilung Kultur und Volksbildung in den ersten Nachkriegsmonaten war ohne Zweifel die Reorganisation
45 Handschuck: S. 34.
46 Richard Möller. 1919 Eintritt in die DDP. 1945 CDU, 1921-1932 MdL Mecklenburg-Schwerin. Bis
1933 Lehrer. Entlassung aus dem Schuldienst. Privatgelehrter und Schriftsteller. 1945 Kurator der
Universität Rostock. Ab Juli 1945 Ministerialdirektor der Abteilung Kultur und Volksbildung.
16.12.1945 Verhaftung durch NKWD. In: Brunner: S. 643.
47 Ebenda. S. 623. Ebenfalls in: Handschuck: S. 419. (NKWD meint „Narodnij Kommissariat
Vnjutrennjch Del (Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten der UdSSR) bis 1946, danach MWD)
48 Handschuck: S. 35.
49 Grünberg: S. 260.
50 Seils, Markus: „Auftrag: Die planmäßige ideologische Umgestaltung der Universitäten“. Staatliche
Hochschulpolitik im Land Mecklenburg-Vorpommern 1945-1950. Schwerin 1996. S. 21.
51 Hans Manthey. Vor 1933 SPD Mitglied, ab 1945 KPD. Von Juli 1945-Mai 1947 Ministerialdirektor der
Abteilung Volksbildung. Im Mai 1947 auf SMA-Anordnung entlassen. Flucht nach Westdeutschland. In:
Brunner: S. 642.
52 Grünberg: S. 290 ff.
13
des Schulwesens. Grünberg sah es als die „wichtigste Aufgabe beim Aufbau des antifaschistisch-demokratischen Lebens in Mecklenburg-Vorpommern.“ 53 Die einsetzende Entnazifizierung hatte auch in Mecklenburg „empfindliche personelle Lücken gerissen“ 54 . Die Abteilung Kultur und Volksbildung strukturierte sich in zehn Dezernate. Dem Dezernat VIII unterstanden die Universitäten. Dieses wurde von dem CDU-Mitglied Reinhold Lobedanz 55 geleitet. Die Dezernate bestanden nicht lange und wurden in Abteilungen umgewandelt. Für die Universitäten wurde die „Hochschulabteilung“ 56 eingerichtet. Fritz Müller 57 , der ein Vertrauter von Grünberg war, stand dieser Abteilung ab Ende des Jahres 1945 vor.
53 Ebenda. S. 259.
54 Vollnhals, Clemens [Hrsg.]: Entnazifizierung. Politische Säuberung und Rehabilitierung in den vier
Besatzungszonen 1945-1949. München 1991. S. 47 ff.
55 Reinhold Lobedanz war Dr. jur. und ab 1945 Mitbegründer und Mitglied der CDU. Von 1945-52 war
er Vorsitzender der Landesverwaltung der CDU und gleichzeitig auch stellvertretender Vorsitzender
CDU in der SBZ/ DDR. Von 1946-52 war Lobedanz Mitglied der Landesregierung. In: Brunner: S. 641.
Ebenfalls in: Handschuck, S. 36. Weiterhin in: Müller S. 270.
56 Geschichte der Universität Rostock 1419-1969. Festschrift zur Fünfhundertfünfzig-Jahr-Feier der
Universität. Im Auftrage des Rektors und des Wissenschaftlichen Rates verfaßt und herausgegeben von
der Forschungsgruppe Universitätsgeschichte unter der Leitung von Günter Heidorn, Gerhard Heitz,
Johannes Kalisch, Karl-Friedrich Olechnowitz, Ulrich Seemann. Band II. Berlin (Ost) 1969. S. 25.
57 Fritz Müller war vor 1945 Erzieher einer Erziehungsanstalt in Keilhau und Berlin. Ende 1945 wurde er
Leiter der Abteilung für Hochschulen im Ministerium für Volksbildung der Landesregierung. Er war
maßgeblich für die Umgestaltung der Universität mitverantwortlich. Ab 1949 wurde er Hochschullehrer
und wenig später Dekan an der Pädagogischen Fakultät. Nach der Umbenennung 1952 wurde er Direktor
des Pädagogischen Instituts und war auch hier erneut von 1961 bis 1966 Dekan. 1967 wurde er emeritiert
und Ehrensenator der Universität. In: Handschuck: S. 391.
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3. Entnazifizierung in der SBZ am Beispiel von Mecklenburg-Vorpommern
Zu Beginn der Besatzung nahmen Deutsche fast ausschließlich an lokalen Maßnahmen der Entnazifizierung teil. Erst im August 1945 systematisierte die neue Landesverwaltung die Bestimmungen. Die Kommunisten hatten es schon früh geschafft, sich dabei eine Monopolstellung in der Personalpolitik zu sichern. Mit der Zuständigkeit für die Personalpolitik steuerten sie die Entlassungen und Neueinstellungen Dies taten sie aber vor allem unter dem Aspekt der kompletten Umgestaltung des Verwaltungsapparates „unter kommunistischer Hegemonie.“ 58 In der Landesverwaltung Schwerin waren bei der Geschäftsübernahme der SMAD von 371 Personen noch 239 Mitglieder der NSDAP. 59 Gerade bei der Polizei war der Anteil besonders hoch. Von 181 Beamten waren 145 NSDAP-Mitglieder. Auch unter den Lehrkräften des Landes war noch ein Anteil von 85% zu verzeichnen. 60 Die Entlassungen ehemaliger NSDAP-Mitgliedern wurden im lokalen Raum Mecklenburgs bereits vor Beginn der Arbeitsaufnahme des Präsidiums der Landesverwaltung im Juli 1945 durchgeführt. Dabei lagen zu dieser Zeit noch keine klaren Anweisungen und Dienstvorschriften vor. Auch über die Kriterien und die Vorgehensweise der Entlassungen war man sich nicht einig. Ein großes Problem stellte die Differenzierung der aktiven Parteimitglieder und der so genannten nominellen Mitglieder dar. Man einigte sich in einem Gespräch mit Landrat Wilhelm Beltz 61 in Güstrow am 14. Juni 1945 darauf, dass sämtliche Personen, die vor 1937 der NSDAP beigetreten waren, sofort zu entlassen seien. Beltz machte in dieser Sitzung darauf aufmerksam, dass „die Russen“ 62 keine Unterschiede machen würden, ob jemand nun freiwillig oder unter Zwang der NSDAP beigetreten sei. Auch war es nicht von Relevanz, ob der- oder diejenige sich dem Faschismus zugewandt hat, nur um seinen Arbeitsplatz zu behalten. Er gab zu bedenken, dass die Sowjets einen durchaus strengeren Maßstab ansetzen würden, wenn es um die Entlassungen von ehemaligen Parteimitgliedern ginge. 63 Einzig Hans Warnke warnte vor einem schematischen Vorgehen, da von Fall zu Fall entschieden werden sollte, wer entlassen würde.
58 van Melis, Damian: Entnazifizierung S. 67.
59 Brunner: S. 22.
60 Ebenda. (Stand 01.03.1945)
61 Wilhelm Beltz war Hauptmann a. D. Später im Volksausschuss des NKFD Güstrow tätig. Von Mai bis
August 1945 war er Landrat in Güstrow, wurde aber auf Anordnung der SMAD abgesetzt. Ebenda. S.
626.
62 LHAS: Mdl 30. Blatt 131-149a. (Niederschrift der Sitzung vom 14. Juni 1945 mit den Bürgermeistern)
63 LHAS: Mdl 30. Blatt 131-149a. (Niederschrift der Sitzung vom 14. Juni 1945 mit den Bürgermeistern)
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Trotzdem sah Warnke die Notwendigkeit, „möglichst alle faschistischen Kräfte aus der Verwaltung“ zu entfernen, wobei er auch hier Ausnahmen für möglich hielt. „Was soll werden, wenn jetzt alle entlassen würden?“ 64 Bereits am 08. Juli 1945 erließ Generalmajor Skossyrew seine erste Arbeitsanweisung, in der er die „radikale Liquidierung der faschistischen Organisationen sowie die restlose Ausrottung der faschistischen Ideologie“ 65 forderte. Mit der Ausrottung wurde aber auch gleichzeitig eine demokratische Umerziehung der Menschen gefordert. Da Skossyrew in seiner Arbeitsanweisung jedoch sehr vage blieb und das Präsidium nicht wusste, ob Unterscheidungen zwischen aktiv und nominell gemacht werden sollten, verdeutlichte der Chef des Inneren Sektors Oberst Serebriski am 24. Juli die Forderung. Er verlangte, dass die Verwaltungen „restlos von den Nazis gesäubert werden“ 66 müssen. Dieses bedeutete für das neue Präsidium, sich eindeutig auch von nominellen Parteimitgliedern zu distanzieren und sich von ihnen zu trennen. Am 31. Juli 1945 waren in der Landesverwaltung noch 39 ehemalige NSDAP-Mitglieder von ehemals 304 Beamten beschäftigt. 67 Diese Entlassungswelle reichte der SMAM-Führung aber nicht aus und so verlangte Generaloberst Fedjuninski von Höcker, die restlichen Faschisten bis zum 20. August 1945 zu entlassen. Das Datum war bewusst von Fedjuninski gewählt worden, da an diesem Tag eine Konferenz der Oberbürgermeister und Landräte in Schwerin angesetzt war. Warnke kam der Aufforderung nach und konnte am Tag der Konferenz mitteilen, dass sich keine ehemaligen NSDAP-Mitglieder mehr in der Landesverwaltung befänden. 68 Auch bei den Lehrkräften im Land wurden Entlassungen durchgeführt, doch auf Antrag konnten nominelle Parteigenossen weiterbeschäftigt werden. Dieses galt im Übrigen auch für die Landesverwaltung. Die Folge war eine Flut von Anträgen, denen aber nur zum Teil entsprochen wurde. Unter den Lehrern waren am 01. Dezember 1945 noch ca. 25% ehemalige NSDAP-Mitglieder. Dieser Stand sank bis zum 01. Februar 1946 auf 0,06%. 69
Während die Entnazifizierungsmaßnahmen voran gingen, hatte das Land Mecklenburg noch zwei weitere Prozesse zur gesellschaftlichen Umgestaltung mit
64 Ebenda.
65 Brunner: S. 124.
66 LHAS: Mdl 11. Blatt 062.
67 van Melis: Entnazifizierung. S. 356.
68 Die Angaben von Warnke entsprachen nicht der Wahrheit. Bis zum 01. September 1945 wurden noch
37 Personen weiterbeschäftigt, die nachweislich Angehörige der NSDAP waren. In: LHAS: Mdl 1296.
Selbst bis zum 30.12.1947 waren immer noch drei Personen ehemalige Parteigenossen. In: van Melis:
Entnazifizierung. S. 358.
69 LHAS: MfV 199. Blatt 104 und 121.
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Arbeit zitieren:
B. A. Catharina Trost, 2007, Die Wiedereröffnung der Universitäten in der sowjetisch besetzten Zone am Beispiel der Universität Rostock, München, GRIN Verlag GmbH
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