Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Was ist Entschleunigung? 4
2.1 Hartmut Rosa: Beschleunigung. 4
2.2 Der Mensch im Temposog. 7
2.3 Fünf Kategorien von Beharrung 9
2.4 Zum Begriff der Entschleunigung 10
3 Entschleunigungskonzepte 11
3.1 Freie Zeit und Muße 11
3.2 Funktionale Entschleunigungskonzepte 13
3.2.1 Die Ratgeberkultur 14
3.2.2 Simplify your life. 15
3.2.3 Wenn du es eilig hast, gehe langsam. 18
3.2.4 Funktionale Entschleunigung als Trend im Dienstleistungssektor. 20
3.2.5 Wellness 23
3.2.6 Spiritualität und Esoterik 24
3.3 Ideologische Entschleunigungskonzepte 26
3.3.1 Geißler: Vom Tempo der Welt. 28
3.3.2 Reheis: Die Kreativität der Langsamkeit - Neuer Wohlstand durch
Entschleunigung 31
4 Akteure der ideologischen Entschleunigung 40
4.1 Bedingungsloses Grundeinkommen: Götz Werner 40
4.2 Verein zur Verzögerung der Zeit 43
4.3 Tutzinger Projekt Ökologie der Zeit. 44
5 Fazit 45
Literaturverzeichnis : 47
2
1 Einleitung
Das Ziel dieser Arbeit ist, sogenannte Entschleunigungskonzepte der (Spät-)Moderne zu typologisieren. Entschleunigungskonzepte stellen den Versuch dar, den sich ab der Moderne verändernden Zeitstrukturen entgegenzuwirken. Das klingt zunächst diffus. Vor allem auch deshalb, weil es verschiedene Ansätze zur Erklärung von ‚Moderne‘ gibt. Aus ökonomischer Perspektive kann damit der historische Abschnitt vom Beginn der Industrialisierung bis heute verstanden werden. Für diese Arbeit ist relevant, wie sich die Zeitstrukturen in diesem Zeitabschnitt wandeln: Mit der Industrialisierung entwickeln sich alle gesellschaftlichen Teilbereiche (wie z.B. Wissenschaft, Kunst, Technik) in rasantem Tempo weiter. Jedoch entwickeln sich die einzelnen Teilbereiche in unterschiedlich schnellem Tempo, was dazu führt, dass sie sich von einander entkoppeln. Zum Beispiel geraten individuelle Lern- und Erfahrungsprozesse und technisch-wissenschaftlicher Fortschritt scheinbar in Widerspruch. Ein Aspekt dieses Widerspruches ist, dass die ‚freie Zeit‘ des Menschen sich immer weiter verknappt, obwohl durch technischen Fortschritt Zeit im Überfluss gewonnen wird. Um dieses Paradoxon zu erklären, bedarf es einer umfassenden Theorie der Beschleunigung. Marx lieferte mit seiner Gesellschaftstheorie des Kapitalismus eine ökonomischphilosophische Perspektive auf Beschleunigung. Für ihn geht Beschleunigung auf die kapitalistische Warenproduktion zurück. 1 Etliche andere haben sozialwissenschaftliche, philosophische und soziologische Perspektiven aufgezeigt. Eine umfassende Theorie von veränderten Zeitstrukturen hat Hartmut Rosa mit seiner Beschleunigungstheorie 2 vorgelegt. Dabei geht er davon aus, dass Zeit „ungeachtet ihrer sozialen Konstruktion und systemischen Produktion, den Akteuren gleichsam als „naturgegebenes Faktum“ gegenübertritt.“ 3 Er versucht also nicht ‚Zeit‘ zu erklären, sondern die gesellschaftlichen Entwicklungen neu, nämlich unter Zeitstrukturen zu gliedern. Das Besondere seiner Arbeit besteht darin, dass er seine Theorie der Beschleunigung mit einer
1 Die Suche des Kapitals nach neuen Anlageformen und Märkten verschärft und beschleunigt sich zwangsläufig
- mit allen Auswirkungen auf sich schnell verändernde Qualifikationen und Anforderungen an den Einzelnen.
„Wir sehn, wie so die Produktionsweise, die Produktionsmittel beständig umgewälzt, revolutioniert werden, wie
die Teilung der Arbeit größre Teilung der Arbeit, die Anwendung der Maschinerie größre Anwendung der
Maschinerie, das Arbeiten auf großer Stufenleiter Arbeiten auf größerer Stufenleiter notwendig nach sich zieht.
Das ist das Gesetz, das die bürgerliche Produktion stets wieder aus ihrem alten Geleise herauswirft und das
Kapital zwingt, die Produktionskräfte der Arbeit anzuspannen, weil es sie angespannt hat, das Gesetz, das ihm
keine Ruhe gönnt und beständig zuraunt: Marsch! Marsch!“ (Marx, Karl/Engels, Friedrich: Werke Band 6, Dietz
Verlag, Berlin, 1973, S. 419)
2 Rosa, Hartmut: Beschleunigung - Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Suhrkamp Verlag,
Frankfurt am Main, 2005
3 Ebd., S. 25
3
Theorie der Moderne verbindet. Daraus entsteht eine Multiperspektivität, die bisherigen Arbeiten zum Thema Zeit fehlt.
In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich mit jenen Phänomenen, die durch E n t schleunigung gekennzeichnet sind. Dabei wird sich ein Widerspruch ergeben. Die verschiedenen Entschleunigungskonzepte haben nicht alle dasselbe Ziel. Es gibt solche, die tatsächlich den Prozess der Beschleunigung verzögern wollen, und wiederum andere, die nur auf eine temporäre Entlastung vom Beschleunigungsdruck abzielen. Um die Konzepte zu typologisieren werde ich wie folgt vorgehen:
Zunächst ist es notwendig, das Phänomen der Beschleunigung zu erfassen. Denn Be- und Entschleunigung stehen in einem dialektischen Verhältnis zueinander: Sie bedingen sich wechselseitig und schließen sich gleichzeitig aus. Sie existieren n u r in diesem Widerspruchsverhältnis.
Im ersten Schritt wird, im Anschluss an Rosa, Beschleunigung als gesellschaftliches Phänomen beschrieben. Daraus wird sich die Grundlage ergeben, auf der im zweiten Schritt der Begriff ‚Entschleunigung‘ erklärt wird. Der dritte Schritt wird sein, verschiedene Typen von Entschleunigung zu identifizieren. Diesen Typen werden dann im letzten Schritt einzelne Entschleunigungskonzepte zugeordnet.
2 Was ist Entschleunigung?
2.1 Hartmut Rosa: Beschleunigung
2005 veröffentlicht Rosa im Suhrkamp Verlag seine Habilitationsschrift Beschleunigung- Die Veränderung von Zeitstrukturen in der Moderne. Das Werk erhebt den Anspruch, Phänomene der Modernisierung und Modernisierungserfahrung in der (Spät-)Moderne aus den sich wandelnden Zeitstrukturen und -erfahrungen heraus zu erklären und zu entschlüsseln. Eine leitende These ist, dass die veränderten Zeitstrukturen und -horizonte und die einhergehende individuelle wie gesamtgesellschaftliche Erfahrung der Beschleunigung in der Moderne nicht nur Folge, sondern hauptsächlich Grundlage für kulturellen, strukturellen und ökonomischen Wandel darstellen. 4 Eine Abgrenzung von Moderne und Post- oder Spätmoderne erfolgt durch die These,
4 Vgl. ebd., S. 15 ff
4
„dass die in der Moderne konstitutiv angelegte soziale Beschleunigung in der Spätmoderne einen kritischen Punkt übersteigt, jenseits dessen sich der Anspruch auf gesellschaftliche Synchronisation und soziale Integration nicht mehr aufrechterhalten lässt.“ 5
Zur konkreteren Beschreibung des Beschleunigungsphänomens dient Rosa der Begriff der „sozialen Beschleunigung“ 6 . Dieser sozialen Beschleunigung liegt ein Kreislauf aus folgenden Triebkräften zugrunde: Ausgangspunkt des sog. „Akzelerationszirkels“(Rosa) ist die technische Beschleunigung (also die stetig steigende Innovationsfrequenz).Technische Beschleunigung führt zu einer „qualitativen Veränderung unseres Verhältnisses zu Raum und Zeit, zur Objektwelt und zur Sozialwelt und damit zu einem Wandel der Lebensform.“ 7 Als Beispiel verweist Rosa sowohl auf die industrielle als auch auf die digitale Revolution und ihre Auswirkungen auf o. g. Verhältnisse und Beziehungen.
„Subjektivierungs- und Sozialisationspraktiken und infolge dessen Identitätsmuster und Persönlichkeitsstrukturen sind eine Funktion jener Beziehungen; verändern sich Letztere infolge technischer 8 .
Beschleunigung, bleiben auch erstere nicht unbeeinflusst.“
Die technische Beschleunigung akzeleriert somit das Tempo des sozialen Wandels 9 . Daraus folgt ein erhöhtes Lebenstempo für die Menschen. Sie erfahren also eine Verknappung ihrer Zeitressourcen („Steigerung der Handlungs- und Erlebnisepisoden pro Zeiteinheit“ 10 ). Auf diese reagieren sie, so Rosa, erneut mit technischer Beschleunigung. Denn wenn sich das allgemeine Lebenstempo beschleunigt, sich Handlungsepisoden verdichten, entsteht enormer sozialer Druck auf die Technologie und Wissenschaft. Wo sonst sollen freie Zeitressourcen geschaffen werden, um die Steigerung des Lebenstempos auszugleichen? Dies kann nur durch das Überlagern von einzelnen Handlungen (Multitasking) und/oder durch das Verkürzen von Pausenzeiten geschehen. Die hierbei eingesparten Zeitressourcen reichen jedoch bei Weitem nicht aus. Es müssen also die Handlungen an sich beschleunigt werden, was in den meisten Fällen nur durch technische Beschleunigung möglich ist. Zu beobachten ist dabei, dass stets
5 Ebd., S. 49-50 Rosa erläutert hier auch die gesellschaftlichen Desynchronisationsprozesse.
6 Ebd., S. 24
7 Ebd., S. 245
8 Vgl. Rosa, S. 244 f
9 Sozialer Wandel wird dort deutlich, wo sich infolge von veränderten Rahmenbedingungen, wie z.B. erhöhte Übermittlungsgeschwindigkeit von Informationen durch das Internet, auch Strukturen und Orientierungen in der
Gesellschaft verändern. Aus gesamtgesellschaftlichen Veränderungen dieser Art folgt nun die Notwendigkeit
sich anzupassen. Rosa verwendet hier den Ausdruck der „slipping slopes“. Gemeint ist, dass sich ebendiese
Veränderungen in der Gesellschaft so schnell vollziehen, dass sich das Gefühl breit macht, man stehe auf
„rutschenden Abhängen“, bzw. wie Rosa es an anderer Stelle formuliert auf „unzähligen Rolltreppen“, die, wenn
man sich nicht bewegt, also anpasst, unweigerlich abwärts, in die soziale Exklusion ohne
Anschlussmöglichkeiten führen. Das Subjekt, ebenso wie soziale Gruppen und Institutionen stehen unter dem
enormem Anpassungsdruck eines hochgradig dynamischen Systems. Rosa spricht hier von der „Verkürzung der
Stabilität von Zeithorizonten im Sinne einer ‚Gegenwartsschrumpfung‘: Handlungsbedingungen und
Situationsbestimmungen verlieren ihre Geltungskonstanz.“ (Vgl. Rosa, S. 248)
5
versucht wird auch zukünftige Beschleunigungsoptionen mit zu bedenken. Man wird also beispielsweise beim Ausbau einer überlasteten Autobahn mitbedenken, dass sich ihre Frequentierung in den nächsten Jahren noch weiter steigern wird, und direkt noch eine Spur anlegen, um nicht nach kurzer Zeit erneut umbauen zu müssen. Die Kontinuität von Beschleunigung und einher gehendem Mengenwachstum ist dem System also eingeschrieben und wird gleichsam erwartet.
Die These, die anhand dieses Schemas verdeutlicht wird lautet, „dass die soziale Beschleunigung in der Moderne zu einem sich selbst antreibenden Prozess geworden ist“. 11 Die einzelnen Dimensionen von Beschleunigung, so Rosa, bauen ebenso aufeinander auf, wie sie sich gegenseitig bedingen. Sie stehen in einem „wechselseitigen Steigerungsverhältnis“ 12 zueinander.
Dass technische Beschleunigung auf makrosozialer Ebene zur Verknappung von Zeitressourcen führt, zeigt sich besonders da, wo technische Beschleunigung einen „inhärenten Impuls zur beschleunigten Fortsetzung von Kommunikations- und Handlungsketten“ 13 aufweist (Bsp. Eine Email zu schreiben und verschicken geht deutlich schneller als einen Brief. Jedoch bekommt man auch schneller eine Antwort, auf die man dann gezwungenermaßen ebenso schnell reagieren sollte.) Es entsteht sozialer Druck auf das handelnde Subjekt, welches sich im „Teufelskreis“ der Beschleunigung befindet. Diesen Kreis zu durchbrechen ist nach Rosa nur zwischen den Stationen „erhöhtes Lebenstempo“ und „technische Beschleunigung“ möglich. Jedoch stellen für ihn individuelle Unterbrechungsversuche keine befriedigende Option dar, da dies für das Individuum eine Desynchronisierung mit dem Rest der Gesellschaft und somit einen Verlust von Anschlussoptionen zur Folge hätte. 14 Einzige Möglichkeit, so Rosa, sind „institutionalisierte Ausreden“ , d. h. Verzicht auf weitere technische Beschleunigung durch politische Intervention. Dieses Unterfangen gestaltet sich aus zwei Gründen schwierig. Erstens wirken auf den Prozess sozialer Beschleunigung auch externe Motoren 15 . Zweitens ist ein Phänomen des Modernisierungsprozesses in der Neuzeit das Schrumpfen der politischen
10 Ebd., S. 135
11 Ebd., S. 243,
12 Ebd.
13 Ebd., S. 252
14 Vgl. ebd., S. 253
15 Ökonomisch: „Zeit ist Geld“- Die Kommodifizierung von Zeit, Kapitalverwertungslogik; Kulturell: „Die
Verheissung von Beschleunigung“ - Beschleunigung als säkularer Ewigkeitsersatz; Sozialstrukturell:
„Funktionale Differenzierung“ - Verknüpfung von Komplexitätssteigerung und Temporalisierung. (siehe Ebd.,
S. 256-295)
6
Wirkungsfelder 16 . Eine andere Möglichkeit zum Ausbruch aus dem Beschleunigungszwang bietet Rosa nur um den Preis sozialer Exklusion an. Wer sich dem gesellschaftlichen Zeitdruck entzieht, also in seinem eigenen Tempo lebt, der verursacht anderen Komplikationen, gilt als unzuverlässig und wird sozial geächtet oder nicht ernst genommen. 17
2.2 Der Mensch im Temposog
Goethe schreibt 1778:
„Für das größte Unheil unsrer Zeit, die nichts reif werden läßt, muß ich halten, daß man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeist, den Tag im Tage vertut, und so immer aus der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu bringen. Haben wir doch schon Blätter für sämtliche Tageszeiten, ein guter Kopf könnte wohl noch eins und das andere interpolieren. Dadurch wird alles, was ein jeder tut, treibt, dichtet, ja was er vorhat, ins Öffentliche geschleppt. Niemand darf sich freuen oder leiden, als zum Zeitvertreib der übrigen; und so springt's von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil, alles veloziferisch." 18
Unter ‚veloziferisch‘ verbindet Goethe ‚Velocitas‘ (Eile) und ‚Luzifer‘ 19 (also sinngemäß: „Alles ist teuflisch schnell“)
In den lebensweltlichen Alltag ist jene „teuflische“ (bis hier hin womöglich diffus anmutende) Beschleunigung in vielen Erscheinungsformen eingeflossen. Täglich sehen wir uns im Alltag mit Begriffen und Praktiken wie „Fastfood“, „Coffee to go“, „Power napping“ etc. konfrontiert. Formate des Musiksenders MTV, wie „Next“ (die medialisierte Form des Speeddating) oder Brand:Neu, in der täglich neu veröffentlichte Videoclips präsentiert werden, scheinen der neuzeitlichen Medienkultur einen Spiegel vorzuhalten. Der neue Laptop auf den man doch gerade noch so stolz war, wird binnen kürzester Zeit „zu lahm“ für unsere Ansprüche. Unsere hochtechnisierte Kommunikation hat stets den Beigeschmack des dynamisch-unverbindlichen („Wir könnten uns vor der Buchhandlung treffen, aber ich ruf dich nochmal an wenn ich da bin, vielleicht gehen wir auch schon früher los, dann...“).
16 Siehe dazu Rosa, S. 320 ff; Zum Politikverständnis Jugendlicher siehe Grünewald, Stephan: Deutschland auf
der Couch - Eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft, Campus Verlag GmbH, Frankfurt a. M.,
2006 S. 17 ff
oder Reheis,Fritz: Die Kreativität der Langsamkeit - Neuer Wohlstand durch Entschleunigung, Primus Verlag,
Darmstadt, 1998, S. 11
17 Jedoch spricht Rosa auch von „eine[r] wachsende[n] Zahl von ‚zwangsentschleunigten
Modernisierungsopfern‘“, die „von den identifizierten Beschleunigungsprozessen ausgeschlossen sind, weil sie
etwa krank, rechtlos oder auf andere Weise marginalisiert sind.“ Diese seien aber gleichzeitig für das System
irrelevant, da ihre „Bedeutung für die strukturelle und kulturelle Veränderung der Gesellschaft ungeachtet ihrer
Quantität begrenzt“ sei. (S. 59)
18 Goethe, Johann Wolfgang von, in einem Brief an Nicolovius, 1825 , zitiert nach Manfred Osten: Die
beschleunigte Zeit -„Alles veloziferisch“ - Anmerkung zur Modernität Goethes, erschienen in der ZEIT, 1999,
online einsehbar unter http://www.zeit.de/1999/35/199935.goethespecial_.xml
19 Ebd.
7
Das Handy versetzt den Menschen in einen Status ständiger Abrufbarkeit. Durch das Einnehmen vieler verschiedener Funktionssphären (Mutter, Ehefrau, Arbeitskraft, Freundin, ehrenamtliche Mitarbeiterin, usw.) wird unser Alltag zersetzt. Man ist sich ständig wandelnden Ansprüchen ausgesetzt, zwischen denen man im Sekundentakt hin- und herschalten können muss. Dies gilt nicht nur für berufstätige Erwachsene sondern immer mehr auch für Jugendliche. Stephan Grünewald vom Rheingold Institut in Köln fand in Tiefeninterviews mit Jugendlichen heraus, dass diese einem ganz ähnlichen Druck ausgesetzt sind:
„Getrieben von der Grundangst, aus sozialen Kontexten herauszufallen und auf sich alleine gestellt zu sein, entwickeln viele Jugendliche eine insgeheime Absicherungsmanie. Man sucht Halt in einer Vielzahl von symbiotisch wuchernden Bindungs- und Interessengeflechten. Man schaltet daher mehrere Freundeskreise und Cliquen parallel. Das eilfertige Bemühen, Bindungen zu stabilisieren und seine Freunde zufrieden zu stellen, wächst sich mitunter zu einer Besessenheit aus, die neben Schule oder Beruf fast alle Alltagstätigkeiten bindet: Wen muss ich heute noch anrufen, damit er sich nicht vernachlässigt fühlt? Wem muss ich noch alles eine kleine SMS schicken, damit er mir die Treue hält? Wie wird Clique A reagieren, wenn ich mich heute mit Clique B verabrede?“ 20
Die Folge stark divergierender Rollen, die ein Individuum je nach Situation und Umgebung einnimmt (einnehmen muss), ist, dass auch seine Persönlichkeit und Identität situativ bedingt werden. Der moderne „Individualist“ macht sich nicht mehr durch exotische Angewohnheiten oder Interessen aus, sondern durch das Ensemble seiner verschiedenen Identitäten. Dabei ist es durchaus möglich, dass ein und dieselbe Person zunächst als unvereinbar empfundene Eigenschaften oder Ansichten in sich vereint. 21 Dramatisch sind auch körperliche und seelische Auswirkungen des Beschleunigungsdrucks. An verschiedenen Stellen wird in diesem Zusammenhang auf steigende Raten von Krankheiten wie Depressionen, Suchterkrankungen, Herz-Kreislaufstörungen, Allergien, Immunsystemschwächen u.v.m. verwiesen. Auch verstärkte soziale Verarmungs- und Verödungsprozesse können als Symptom gedeutet werden. 22
Nun soll an dieser Stelle nicht die umfassende Phänomenologie von sozialer Beschleunigung bearbeitet werden (auch wenn es mir reizvoll erscheint). Dies haben bereits andere getan. 23 Der Fokus meiner Arbeit liegt auf eben jenen Indikatoren, die in die entgegengesetzte
20 Grünewald, 2006, S. 65-71
21 Grünewald verdeutlicht dies am Beispiel Jugendlicher, die in Clique A Raucher, in Clique B hingegen strikter
Nichtraucher sind. (S.69 ff)
22 Vgl. Reheis (S. 1-13)
23 Vgl. dazu Rosa (2005), Reheis (1998) oder auch Backhaus/Bonus: Die Beschleunigungsfalle oder der
Triumph der Schildkröte, Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart, 1994
8
Richtung deuten. 24 Welche Konzepte werden gegen die soziale Beschleunigung in Stellung gebracht, bzw. wie soll diese erträglich gestaltet werden?
2.3 Fünf Kategorien von Beharrung
Nicht alle Bereiche von Gesellschaft sind beliebig beschleunigbar. Es gibt einige, die entweder naturgemäß nicht zu beschleunigen sind oder aber sich dem Prozess aktiv widersetzen.
Rosa benennt fünf Kategorien von Beharrung: 25
(1) Natürliche Geschwindigkeitsgrenzen (biologische, physikalische oder anthropologische Prozesse, deren künstliche Beschleunigung mit massiven Qualitätseinbußen einher gehen) (2) Entschleunigungsinseln (soziale, territoriale oder kulturelle Nischen, in denen man sich dem Beschleunigungsdruck entzieht)
(3) Verlangsamung als dysfunktionale Nebenfolge (Verkehrsstaus, Krankheit als Folge von Beschleunigung, Wartezeiten aufgrund nicht synchronisierter Teilvorgänge, unvorhersehbare Ereignisse wie Naturkatastrophen u. ä.)
(4) Entschleunigung als Ideologie (Bewusste Gegenbewegungen des Beschleunigungstrends) (5) Entschleunigung als Akzelerationsstrategie (Funktionale Entschleunigung um körperliche und/oder geistige „Beschleunigungsressourcen“ freizusetzen, bzw. im beschleunigten System bestehen zu können)
In dieser Arbeit sollen Entschleunigungskonzepte untersucht werden, daher werde ich mich im Folgenden auf die Formen der intentionalen Entschleunigung konzentrieren. Darunter fallen Kategorie 4 und 5. Natürlich können auch Entschleunigungsinseln dazu zählen. Man denke nur an Naturschutzgebiete, Naturvölker oder sogenannte Wellnessoasen. Dies sind „bewusst geschaffene oder erhaltene Orte und Praxisformen“ 26 , die somit auch die Prämisse der Intention erfüllen. Zunächst aber eine kleiner Exkurs zur Begriffsklärung der Entschleunigung.
24 Da, wie eingangs erwähnt, die Be- und Entschleunigung jedoch in einem dialektischen Verhältnis stehen, wird
die Untersuchung der letzteren stets auch erstere miteinbeziehen.
25 Rosa, S. 138-153
26 Ebd., S. 143
9
2.4 Zum Begriff der Entschleunigung
Ent|schleu|ni|gung, die; -, -en: gezielte Verlangsamung einer [sich bisher ständig beschleunigenden] Entwicklung, einer Tätigkeit o. Ä 27
So die Definition in der neuesten Auflage des Duden. Jedoch ist dies keine wissenschaftliche Begriffserklärung. Doch reicht dies nicht um den gesamten Gehalt des Begriffs, so wie er hier verstanden sein will, wiederzugeben. Fritz Reheis, auf den ich im Abschnitt 3.3.2 noch genauer eingehen werde, definiert den Begriff im Handwörterbuch Umweltbildung: „Entschleunigung bedeutet negative Beschleunigung, also abnehmende Geschwindigkeit, Verlangsamung, Verzögerung oder auch Zeitdehnung.“ 28
Dies lässt sich sowohl auf das Individuum als auch auf die Gesellschaft und die Natur beziehen. Dabei muss jedoch der Prozess der Entschleunigung nicht immer mit einer objektiven Verlangsamung einher gehen. Entschleunigung wird hier auch als subjektives Empfinden verstanden. Sprich, auch eine rasante Autobahnfahrt bei 200 km/h kann eine Form von Entschleunigung sein, wenn der Fahrer/Beifahrer dies als geistige Entspannung empfindet. Genau hier liegt jedoch eines der Probleme dieser Arbeit: Entschleunigung im Sinne von „Abschalten“ oder „Entspannen“ ist a priori subjektiv. Was der eine als Stresssituation empfindet, kann für den anderen Erholung sein. Damit komme ich an den Punkt einer grundlegenden Unterscheidung von zwei Formen von Entschleunigung und somit zum dritten Schritt dieser Arbeit.
Die erste Form, die im Folgenden unter ‚funktionale Entschleunigung‘ beschrieben wird, ließe sich auch als ‚kompensatorische Entschleunigung‘ bezeichnen. ‚Funktional‘ bezieht sich dabei auf das oben nach Rosa beschriebene Gesellschaftssystem, welches der Beschleunigungsdynamik verschrieben und unterworfen ist. Funktionale Entschleunigung bietet keine Alternative zum sozial beschleunigten Leben sondern ist eine Form des Umgangs mit eben diesem. Daher ist diese Form auch die, die am schwierigsten zu fassen ist. Wie oben bereits angedeutet, gibt es so viele individuelle Möglichkeiten zur Entspannung wie es Menschen gibt. Es lassen sich jedoch gesellschaftliche Trends ausmachen, die populäre Formen funktionaler Entschleunigung aufzeigen.
Die zweite Form von Entschleunigung, die hier als ‚ideologische Entschleunigung‘ bezeichnet wird, will nicht kompensieren, sondern umkehren bzw. bremsen. Diese Form der
27 Duden - Deutsches Universalwörterbuch, 6., überarbeitete Auflage. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich,
Dudenverlag 2007
28 Reheis, Fritz: Artikel „Entschleunigung“, in: Oskar Brilling / Eduard W. Kleber (Hg.), Handwörterbuch
Umweltbildung, Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 1999, S. 53 f
10
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Bachelor of Arts in Literary, Cultural and Media Studies Jenny Jung, 2007, Zur Typologie von Entschleunigungskonzepten, München, GRIN Verlag GmbH
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