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Gliederung
Gliederung 2
1. Einleitung 3
2. Aufstellen der Theorie 5
3. Verwandtheit mit anderen Kommunikationsmodellen 6
4. First-Person Effect Reverse Third-Person Effect 8
5. Second-Person Effect 9
6. Bedingungen 10
6.1. Inhalt der Botschaft 10
6.2. Parteilichkeit der Botschaft 12
6.3. Vertrauenswürdigkeit der Quelle 12
6.4. Soziale Erwünschtheit der Botschaft 13
6.5. Demografische Faktoren 14
6.6. Selbstüberhöhung 14
6.7. Involviertheit 15
6.8. Soziale Distanz 16
7. Belegung der aufgestellten Thesen anhand von Umfragewerten 19
Differenz 22
8. Schluss 23
Literatur 24
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1. Einleitung
Wenn die menschliche Kommunikation – Sprache, Gestik und Mimik – aus irgendeinem Grund eingestellt werden würde, würden sich die Menschen auf das Niveau von Tieren zurückentwickeln. Nach ein paar Generationen, würden diese Tiere – ehemalige Menschen – gezwungenermaßen aufhören, zu existieren. Sie müssten sich anderen Tieren ergeben, die zumindest eine marginale Form der Kommunikation und der Organisation beibehalten haben. 1
Diese apokalyptische Vision zeichnet W. Phillips Davison, der Begründer des Third-Person Effects, und unterstreicht damit die Bedeutung der menschlichen Kommunikation. Diese zu erforschen, die Grundlagen und Regeln des Sich-verständlich-machens, des Interagierens der Menschen, der Beeinflussung des Handelns und der Meinungen durch zu bestimmende Parameter, hat er sich, haben sich Soziologen, Sozialwissenschaftler und Kommunikationswissenschaftler in aller Welt zur Aufgabe gemacht. Dabei werden nicht nur „althergebrachte“ Modelle der Kommunikation, etwa die Face-to-Face- oder die Gruppenkommunikation, untersucht, sondern auch und gerade die in Verbindung mit der technischen Verbreitung einer Botschaft stehende Massenkommunikation, die Beeinflussung der Rezipienten und ihrer Meinung, also der „öffentlichen Meinung“.
In Anführungsstrichen steht dieser Begriff, da er nicht einfach zu fassen und zu präzisieren ist. Schon die Frage „Was ist Öffentlichkeit“ wäre eine eigene Hausarbeit wert. Hier sei nur am Rande die Einteilung nach Neidhard erwähnt: Kommunikation „au trottoir“; öffentliche Veranstaltungen; massenmedial vermittelte Öffentlichkeit. 2 Geht es um das Zustandekommen einer Individualmeinung zu einem bestimmten Thema, ist ein Zusammenspiel der drei Bestandteile erforderlich. Um die „öffentliche Meinung“ aus der Fülle der Individualmeinungen zu lesen, werden Meinungsforschungsinstitute bemüht.
Nach Elisabeth Noelle-Neumann besitzt auch jeder Mensch ein quasi-statistisches Wahrnehmungsorgan („Das Organ, das den Menschen befähigt, sozusagen als sein eigener
1 Vgl. Davison, W. Phillips: The Third-Person Effect revisited. In: International Journal for Public Opinion
Research, 8, 1996, S. 113- 119, S. 116.
2 Neidhard, Friedhelm: Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen. In: ders. (Hg.): Öffentlichkeit,
öffentliche Meinung, soziale Bewegungen. Sonderheft 34/1994 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und
Sozialpsychologie. Opladen 1994, S. 7-41, S. 11.
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Demoskop, das Auf und Ab der öffentlichen Meinung zu verfolgen [...]“ 3 ) durch das er/sie die öffentliche Meinung quasi „fühlen“ kann – was auch zu inneren Konflikten und schließlich zur totalen Zurückhaltung in Diskussionen führen kann, wie es in der Theorie der Schweigespirale hinlänglich beschrieben ist: „Der Schweigespirale liegt die Annahme zugrunde, dass die „öffentliche Meinung“ nicht zuletzt unter dem Eindruck individueller Wahrnehmung der Meinung der Öffentlichkeit besteht.“ 4
Zurück zum konkreten Fall, zu Davison und zum Third-Person Effect. Dieser ist, im Gegensatz beispielsweise zur eben erwähnten Schweigespirale, keine Kommunikationstheorie, sondern nach wie vor nur eine Hypothese, jedoch eine vielfach verifizierte. Die Öffentlichkeit spielt auch hier eine Rolle, nur ist nicht von „der Öffentlichkeit“ die Rede, sondern – was nichts anderes zu bedeuten hat – von „den anderen“, den dritten Personen, den third persons. Der Effekt bezieht sich eindeutig auf massenmediale Verbreitung bzw. einfache Verbreitung (Handzettel etc.) von Botschaften und die anschließende Einschätzung der Beeinflussung der Dritten und des selbst.
Bereits 1949/1950 machte Davison eine Beobachtung, die Grundlage des Third-Person Effects ist (nähere Ausführungen in Punkt 2). 5 Er hielt seine Hypothese anfangs zwar für interessant, aber unwichtig im Kontext großer Kommunikationstheorien. Der erste von ihm verfasste Artikel über den Third-Person Effect wurde erst 1983 publiziert. 6
Dass es sich mit der Bedeutung(slosigkeit) anders verhält, als von Davison zunächst angenommen, beweisen unzählige Studien, die seit 1983 basierend auf seiner Hypothese durchgeführt wurden und zu einem Großteil den Third-Person Effect oder, wie von Perloff genannt und von Davison später übernommen, die Third-Person Perception, verifizieren. Dabei wurden mit der Zeit Voraussetzungen, unter denen ein Auftreten wahrscheinlicher ist als sonst, Rahmenbedingungen wie Quelle, Situation, Inhalt, Fragenanordnung, demografische Details der Befragten et cetera erarbeitet, die heute einen umfassenden und präzisen Blick auf die Erscheinungsformen des Third-Person Effects zulassen.
3 Lübbe, Weyma: Sind wir alle Demoskopen? Über „quasi-statistische“ und statistische
Meinungsklimaeinschätzung in Elisabeth Noelle-Neumanns Theorie der öffentlichen Meinung. In: Zeitschrift für
Soziologie, 2, 1991, S. 104-112, S. 104.
4 Marcinkowski, Frank: Warum täuscht sich die Öffentlichkeit über ihre eigene Meinung? Kommunikative und
soziokulturelle Ursachen der Fehleinschätzung politischer Mehrheiten. In: Publizistik, September 2006, S. 313-
332, S. 316.
5 Davison, W. Phillips: The Third-Person Effect in Communication. In: Public Opinion Quarterly, 47, 1983, S. 1-
15, S. 1.
6 Vgl. Davison 1996, S. 114.
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Eben dies, die einzelnen Studien, die „abgesteckten Grenzen“ innerhalb derer der Effekt auftritt und Erklärungsansätze, wie es zu diesen Grenzen kommt, ist das Hauptthema dieser Arbeit. In Punkt 6 werden alle Rahmenbedingungen, die den Third-Person Effect fördern, ausführlich erörtert.
Zu Beginn seiner Forschung hatte Davison keine Anhaltspunkte, welche Umstände nötig sind, damit „sein Effekt“ auftreten kann, 1996 stellte er jedoch fest:
„I […] had to recognize that my original evaluation of the phenomen had been quite wrong: the third-person effect was not a manifestation of a single psychological tendency, but was a complex reaction that varied with the type of communication, the characteristics of the individual, and the situation. It can be predicted to a certain extend by demographic characteristics, such as age and education.” 7
2. Aufstellen der Theorie
Die in der Einleitung genannte Beobachtung, die Davison erstmals in die Richtung Third- Person Effect denken ließ, war folgende: 1949 oder 1950, damals noch als Historiker, kam ihm ein Dokument aus dem zweiten Weltkrieg folgenden Inhalts in die Hände: Eine Einheit schwarzer Soldaten mit weißen Offizieren war auf der Iwo Jima Insel im Pazifik stationiert. Eine japanische Einheit warf über der Insel aus einem Flugzeug Flugblätter ab, auf denen sinngemäß zu lesen war: „Riskiert euer Leben nicht für die Weißen. Wir haben nichts gegen euch. Hört auf zu kämpfen, gebt auf.“
Am nächsten Tag gab es diese Einheit tatsächlich nicht mehr, jedoch nicht, weil die maximalpigmentierten Soldaten sich ergeben hätten, sondern weil die Offiziere sich die Flugblätter durchgelesen hatten. 8
Davison interpretierte den Fall folgendermaßen: Die Flugblätter, auf Überzeugung ausgerichtet, hatten zwar keine Auswirkung auf die Einstellung der Soldaten, jedoch nahmen die Offiziere an, dass dies der Fall sei, dass die Propagandaschrift also auf die Soldaten einen größeren Einfluss ausüben würde als auf sie selbst. Das Entscheidende dabei ist die Formulierung „einen größeren Einfluss“ und „auf andere als auf mich selbst“. Dies ist die
7 Davison 1996, S. 114.
8 Vgl. Davison 1983, S. 1f.
6 Hypothese des Third-Person Effects, dem Davison also schon kurz nach dem zweiten Weltkrieg erstmals begegnet war.
Wie der Name zustande kommt, klärt folgendes Beispiel:
Davison fragte im Rahmen der Untersuchung der westdeutschen Außenpolitik einige deutsche Journalisten, wie sie die allgemeine Wirkung der Leitartikel in der Presse einschätzen. Eine Antwort war:
„The editorials have little effects on people like you and me, but the ordinary reader is likely to be influenced quite a lot.“ 9
Es geht also um “mich”, “dich” und “die Anderen”, oder anders ausgedrückt um die erste, zweite und dritte Person. Der Journalist setzte sich in diesem Moment mit Davison gleich, sei es aus Gründen des gemeinsamen Erfahrungsbereichs im Umgang mit der Presse oder des unterstellten Intellekts, und grenzte sich (und Davison) klar ab von den „ordinary people“. Diese erscheinen als eine anonyme Masse, daher urteilte er möglicherweise vorurteilsbeladen über sie – und zwar in ihrer Gesamtheit. Er schätzte seine eigene Beeinflussung, und die Beeinflussung „seiner Kreise“ geringer ein als die der anderen.
Die „zweite Person“ wird in den meisten Studien gerne vernachlässigt, lediglich in einer der zahlreichen Untersuchungen taucht der „Second-Person Effect“ 10 auf (sieht Punkt 5). Sie ist auch zurecht unterzubewerten, denn die Quintessenz des Third-Person Effects ist ganz einfach die Annahme, „andere werden mehr beeinflusst als ich selbst“. Die (angenommenen) Gründe hierfür werden im Verlauf der Arbeit aufgezeigt werden.
3. Verwandtheit mit anderen Kommunikationsmodellen
Es geht also um eine psychologische Fehleinschätzung. Die „erste Person“ erhöht sich gegenüber den anderen, schätzt die eigene Beeinflussung durch nach Überzeugung strebender Mitteilungen geringer ein als die der anderen.
Eine ähnliche Fehleinschätzung, ebenfalls eine Überhöhung des Selbst, liegt bei der Looking Glass Perception beziehungsweise dem False Consensus Effect vor, Erscheinungsformen der Pluralistic Ignorance.
9 Davison 1983, S.2.
10 Johansson, Bengt: The Third-Person Effect. Only a Media Perception? 2004.
http://www.nordicom.gu.se/common/publ_pdf/180_081-094.pdf, aufgerufen am 22. Juli 2007
7
Die Theorie der Pluralistic Ignorance geht von der Annahme aus, dass sich die eigenen Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen grundsätzlich von denen anderer (in einer Gruppe) unterscheiden. 11 Beispielhaft dafür wird bei Miller und McFarland eine Seminarsituation aufgeführt, in der sich auf eine Nachfrage des Dozenten keiner der Studierenden meldet. Die Stille, die nun im Seminarraum herrscht, wird von den einzelnen Studierenden, bei denen davon ausgegangen wird, dass auf ihrer Seite Erklärungsbedarf hinsichtlich der Frage besteht, sie sich aber aus Angst vor Blamage dennoch nicht melden, auf folgende Weise missinterpretiert: Sie deuten die Stille so, dass alle anderen den Punkt verstanden haben, nur sie selbst nicht. Also: Sie gehen davon aus, dass sich die Gedanken der anderen von ihren eigenen unterscheiden. Denn wenn sie identisch wären, würde einer der anderen, der ebenfalls nicht alles verstanden hat, aufzeigen. Es ist aber gerade so, dass das öffentliche Verhalten („public bevavior“) identisch ist. 12
Somit sitzen also viele Studierende weiterhin unwissend und in der Annahme, als einzige nicht kapiert zu haben, da, obwohl viele andere das gleiche Problem haben.
Die Fehleinschätzung beruht also darauf, die eigene Einstellung als isoliert anzusehen. Insofern gibt es Überschneidungspunkte mit der Theorie des Third-Person Effects, denn auch dort wird ja davon ausgegangen, dass die eigene Beeinflussung anders gewichtet ist als die der anderen. Man isoliert seine Meinung.
Quasi eine Spielart, gewissermaßen auch eine Umkehr der Pluralistic Ignorance ist die Looking Glass Perception: Dabei wird die eigene Meinung auf die der anderen projiziert, man nimmt also, als „ich“, an, dass „die Anderen“ zum Großteil genauso denken würden wie man selbst. Um mit der Terminologie Noelle-Neumanns zu operieren, kann man also davon sprechen, dass der quasi-statistische Sinn insofern dysfunktional ist, als dass er nicht die tatsächliche öffentliche Meinung erfasst, sondern diejenige, die man selbst am liebsten sehen würde, die man also vertritt. Fields und Schuman sprechen von einer einfachen Projektion („simple projection“) 13 der eigenen Meinung auf andere. Ihre Daten stammen aus Forschungen zu der Einstellungen der weißen amerikanischen (genauer: Detroiter) Bevölkerung gegenüber ihren schwarzen Mitbürgern, und eben der Einschätzung der
11 Vgl. Miller, Dale T. und C. McFarland: When Social Comparison goes awry: The Case of Pluralistic Ignorance. In: J. Suls und T.A. Wills (Hg.): Social comparison. Contemporary theory and research. Hillsdale 1991, S. 287-313, S. 287.
12 Miller & McFarland 1991, S. 287.
13 Fields, James M. und H. Schuman: Public Beliefs about the Beliefs of the Public. In: Public Opinion Qurterly, 40, 1976, S. 427-448, S. 438.
Quote paper:
Christian Ritter, 2007, Der Third-Person Effect, Munich, GRIN Publishing GmbH
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