Das vorliegende Essay beschäftigt sich mit Joseph Roths Roman „Radetzkymarsch“ und versucht unter besonderer Berücksichtigung der Figurenkonzeption zu zeigen, welche Auswirkungen der Mythos der Habsburgermonarchie auf das Leben und Verhalten der Protagonisten hat. Den Kern des Essays bilden demnach eine Analyse der zwischenmenschlichen Beziehungen, die Interpretation der Selbst- und Fremdwahrnehmungen der Figuren und die Darstellung ihres dekadenten Charakters als Spiegel der untergehenden k. u. k.- Monarchie. Im Zentrum des Romans steht nicht der langsame Verfall der Doppelmonarchie, sondern „der Untergang von Österreichern, in denen sich das Schicksal der Monarchie exemplarisch vollzieht.“ (Trommler 1964 :63). Die Aussagekraft des Romans resultiert aus der subjektiven Wirklichkeit der dargestellten Figuren (vgl. Lipinski 1994: 101). Ziel des vorliegenden Essays ist es, zu zeigen, um welchen Preis die Protagonisten versuchen, die Lüge der Habsburgmonarchie aufrecht zu erhalten.
Der Roman, der an der Grenze zwischen Faktischem und Fiktionalem, zwischen historischem Roman und Märchennovelle operiert (vgl. Wirtz 1997: 137), beschreibt über vier Generationen hinweg das Leben und Sterben der Familie Trotta. Die Figuren Joseph Roths leiden durch ihre Ichbezogenheit und durch ihre Introvertiertheit allesamt an durchdringender Einsamkeit (vgl. Famira-Parcsetich 1971: 98). Ihr gleichzeitiger Mangel an Individualität führt zu einer blinden Rückwärtsgewandtheit und der immer neuen Mystifizierung des Großvaters (vgl. Hackert 1967: 150). Die Entscheidungsangst der Figuren wird durch einen ritualisierten Verhaltenskodex kompensiert. Die damit einhergehende Unmöglichkeit, sich in der Welt zurechtzufinden und sich in die moderne Gesellschaft einzugliedern, führt zum sittlichen und geistigen Verfall der Protagonisten. Ihr Denken, Handeln und Fühlen ist dominiert von der Erinnerung an die Heldentat des Großvaters in Solferino.
Das erste Kapitel beginnt mit der glorifizierten und euphemistischen Darstellung (vgl. Roth 1911 [2006]. 7) der Schlacht von Solferino. In diesem Gefecht, das ironischerweise eine der beiden großen Niederlagen des zerfallenden Habsburgerreiches markiert, rettet Joseph Trotta dem Kaiser Franz Joseph das Leben, wodurch ihm der Adelstitel „Hauptmann Joseph Trotta von Sipolje“ verliehen wird. Diese Auszeichnung verknüpft das Schicksal der Trottas unauflöslich mit dem der Donaumonarchie und wird zukünftig ihr Leben bis zu ihrem Tod beherrschen. Der Held von Solferino verlässt jedoch alsbald enttäuscht die Armee, denn er
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entdeckt im Schulbuch seines Sohnes eine vollkommen überzogene Darstellung seiner Rettung des Kaisers. „Es wird viel gelogen“ (Roth 1911 [2006]: 20) gibt der Kaiser bei einer Audienz mit Trotta, der sich über die heroisch-überzeichnete Schilderung des Schulbuches beklagt, ganz selbstverständlich zu Protokoll. Schulbücher haben gemeinhin die Aufgabe, Geschichte authentisch und vereinfacht abzubilden. Im vorliegenden Fall zeigt sich die heroisierte und faktisch falsche Darstellung als gewöhnliches Mittel, einen Mythos weiter zu bestärken. Die Aufrechterhaltung des Staates geht zu Kosten der Wahrheit. Einen Großteil seines Romans widmet Roth der detaillierten Schilderung der Vater-Sohn-Verhältnisse. Die veränderte Lebenssituation der Trottas verlangt „ein verändertes Verhalten und eine neue Form des Verkehrs zwischen Vater und Sohn“ (Roth 1911 [2006]: 11), die zunehmend zu ihrer Entfremdung führt. Nicht nur der vergilbte Traditionalismus, in dem die Figuren gefangen sind, sondern auch das gestörte Verhältnis der Väter zu ihren Söhnen, wird den Folgegenerationen weitervererbt. Am deutlichsten wird das Missverhältnis der Protagonisten an der Art, wie sie miteinander kommunizieren. Der Kontakt zwischen den Vätern und Söhnen ist meist nur schriftlicher Natur und treten sie sich doch einmal leiblich gegenüber, gleicht die Begegnung eher einem militärischen Verhör als ein paar liebevoll gesprochenen Worten zwischen Vater und Sohn (vgl. Roth 1911 [2006]: 52). „Der Bezirkshauptmann ist in erster Linie Beamter, nicht Vater […] (vgl. Böning 1968: 60). Die Protagonisten verlieren sich in der scheinbaren Sicherheit der ritualisierten Kommunikation des Militärs. Kurz, knapp, militärisch fallen die Antworten der Söhne auf die befehlstonartigen, immer gleichen Fragen der Väter aus. Das Aufrechterhalten der vornehmen Distanz, die der Adelstitel den Trottas gebietet, geht auf Kosten ihrer Menschlichkeit. Sie sind so durchdrungen von ihrer Demütigkeit dem Staat und Kaiser gegenüber, dass selbst ihre privaten Gefühle jenem neuen Dogma zum Opfer fallen. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn funktioniert jeweils nur auf der Basis des Gehorsams. Die soziale Kompetenz der Figuren wird ersetzt durch den „totale[n] und hingebungsvolle[n] Dienst für den Kaiser“ (Müller 1993: 304). Als der Held von Solferino mit seinem Sohn zum Begräbnis seines Vaters reist, murmelt er bloß „aus frommer Verlegenheit“ (Roth 2006: 24) das Vaterunser und sagt, scheinbar um das Leben seines Vaters abzuwerten, dass der Vater bloß Wachtmeister gewesen, er selbst jedoch ein Held sei. Den Söhnen wird also schon sehr früh eingetrichtert, dass sie als Mensch gleichzusetzen seien mit der Position,
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die sie im staatlichen System ausüben. Der Titel definiert den Wert des Menschen. Die Beziehungslosigkeit der Protagonisten zieht sich durch den ganzen Roman. Das adelige Geschlecht der Trottas muss sich so verhalten, wie es sich für Adelige geziemt. Im Laufe des Romans wird klar, dass die Welt des Radetzkymarsches stark patriarchalisch geprägt ist. Die Söhne treffen kaum eigenständige Entscheidungen, ihr Leben und ihr Berufsweg wird von den Vätern vorherbestimmt. „So unterdrückt die Gewalt der Väter die Söhne und hindert sie, ein eigenes Leben zu führen.“ (Böning 1968: 61). Die Väter scheinen den Söhnen jeweils ihren eigenen Berufswunsch aufzuzwingen. Der Großvater, der einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hat und sich nach Gerechtigkeit sehnt, verfügt, dass sein Sohn Jurist wird. Der Jurist wiederum, dessen Wunsch es war, den Taten des Großvaters nachzueifern, verfügt, dass sein Sohn Carl-Joseph auf die Militärakademie geschickt wird.
Carl Joseph Trotta, der letzte seines Geschlechts und die eigentliche Hauptfigur des Romans, leidet so wie in der Militärakademie auch in allen übrigen Lebensbereichen an seiner Unfähigkeit, sich zu integrieren.
„Diese Witze! Diese Anekdoten, bei denen alle sofort erkannten, ob man aus Gefälligkeit mitlachte oder aus Verständnis! Sie schieden die Heimischen von den Fremden. Wer sie nicht verstand, gehörte nicht zu den Bodenständigen. Nein, nicht zu ihnen gehörte Carl Joseph!“ (Roth 1911 [2006]:101)
Der einzige mit dem Carl Joseph dennoch Freundschaft schließt, ist Doktor Demant. Beide zeichnen sich durch ihre Rolle als Außenseiter aus. Als der Regimentsarzt von Rittmeister Tattinger beleidigt wird, kommt es zu einer tödlichen Auseinandersetzung der beiden Kontrahenten. Der Ehrenkodex des Militärs, Konstrukt der Habsburgermonarchie, fordert, dass sich die beiden Soldaten duellieren. In der Nacht vor dem Duell versucht Carl Joseph Trotta kläglich dem Regimentsarzt die Auseinandersetzung auszureden. Auch hier zeigt sich Carl Joseph unfähig, seine Gefühle zu äußern, stattdessen befiehlt er dem Regimentsarzt, sich vor dem bevorstehenden Duell zu drücken und sagt „mit der starken, angelernten Stimme, mit der man Kommandos hervorzustoßen hatte: 'Auf dein Wohl! Du musst leben!'“ (Roth 1911 [2006]: 142). Am nächsten Morgen erschießen sich die beiden Duellanten gegenseitig. Das Aufrechterhalten der Verhaltensregeln der Monarchie fordert auch über die Trottas hinaus ihren Tribut.
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Robert Fellner, 2007, Der Habsburgmythos und seine Darstellung in Joseph Roths "Radetzkymarsch", Munich, GRIN Publishing GmbH
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