Hauptseminar
,,Der neueste deutsche Film"
Angela Schanelecs ,,Marseille" als Flaneurfilm
Friederike v. Hegel
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Fragestellung ... 3
2 Das Motiv Großstadt im deutschen Autorenkino... 4
3 Das Motiv des Flaneurs... 7
3.1 Großstadtkonzeptionen des Flaneurs ... 8
3.2 Der Fotograf als Flaneur/ Der Flaneur als Fotograf... 9
3.3 Elemente der Flanerie im Kontext von ,Weiblichkeit′ ... 10
4 Die Figur Sophie als Flaneur... 11
4.1 Zur Motivation ihres Flanierens... 11
4.1.1 Die Ausgeschlossene... 11
4.1.2 Die Künstlerin ... 12
4.1.3 Die Distanzierte... 13
4.2 Die Funktion der Flanerie im Film Marseille... 14
5 Marseille als deutscher Autorenfilm ... 14
5.1 Der besondere Blick auf die Stadt... 15
5.2 Die narrative Struktur... 15
5.3 Der Fokus auf das Ende ... 16
6 Ein deutscher Film in Frankreich ... 17
7 Schluss... 18
8 Literaturverzeichnis... 19
9 Zeitungs- und Zeitschriftenartikel... 20
10 Filmverzeichnis ... 21
1 Einleitung und Fragestellung
Untersucht man eine Reihe deutscher Filme, die innerhalb des letzten Jahrzehnts produziert wurden, so lässt sich bei einigen Filmemachern sicherlich die Handschrift eines Auteurs erkennen. So steht z.B. der Name Andreas Dresen für humorvoll-poetische Portraits der eher unteren Schichten unserer Gesellschaft, der Name Tom Tykwer für mutige ästhetische Experimente und der Name Wim Wenders u.a. für anspruchsvolle Romanadaptionen. Jene junge, unabhängige, deutsche Regisseure, von denen im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch einige genannt werden, verleihen ihren Filmen eine Signatur, gleich einem Kunstwerk ihre Filme sind Kunstwerke und sei es nur dadurch, dass die Rezeption durch ihre Präsenz geprägt wird. Ihre persönliche Sichtweise wird durch den Film transportiert, sie müssen niemandem, vor allem keiner Traumfabrik, darüber Rechenschaft ablegen. 1
So unabhängig diese Filmemacher aber auch sein mögen: in nahezu allen deutschen Filmen ist eine bestimmte Stadt oder ,Stadt′ im Allgemeinen thematisiert (auch wenn in der Presse schon die Neuorientierung des deutschen Heimatfilms angepriesen wurde 2 ). Warum ist das so? Zunächst lässt sich vereinfacht sagen, dass deutsche Autorenfilmer sich einer klaren, realistischen und unverblümten Sichtweise auf das Leben mit seinen Akteuren verschrieben haben, welches sich freilich zu großen Teilen in Städten abspielt.
Ferner muss eben dieser realistische Tonus auch in der Lage sein, den Zeitgeist in all seinen Strömungen auszudrücken, welcher sich am deutlichsten und am vielfältigsten im modernen Leben in der Stadt wider spiegelt. Stadt bedeutet wie Moderne (im Sinne des frühen 20. Jahrhunderts) Veränderung und Entwicklung, Undurchschaubarkeit, Pluralität, Weiterführen der Aufklärung und Umbruch, aber auch wie im postmodernen Sinne Dekadenz, einen hippen Lebensstil, Nihilismus und Ungläubigkeit gegenüber allen möglichen Gesetzen wie Kulturbegriffen und Fragmentierung alles Wahrnehmbaren.
Ein Film stach in den letzten Jahren aus allen Städtefilmen besonders hervor: Angela Schanelecs Marseille. Von der Kritik in den höchsten Tönen gelobt 3, vom Publikum mühsam angenommen 4, reduzierte die feuilletonistische Presse die Besonderheit und den künstlerischen Wert dieses Werks zum Teil auf den stark reduzierten Plot und die elliptische Erzählweise sowie die filmischen Stilmittel. Die folgende Arbeit soll einen Versuch darstellen, sich dem Film und seiner Hauptfigur unter dem literarischen Motiv des Flaneurs und einigen seiner zahlreichen Facetten zu nähern. Dabei wird sich herausstellen, dass sich Marseille in der Verwendung des Motivs ,Stadt′ von den neuesten deutschen Filmen deutlich abhebt, in dem es u.a. auf verschiedene Weisen einen besonderen Fokus auf die Stadt Marseille legt.
Es soll davon ausgegangen werden, dass Marseille unter dieser Fragestellung als ein Brückenschlag zwischen Film und einer (post-) modernen Literaturwelt fungieren kann, und nicht lediglich als ein gänzlich plotfreier ,Berliner Schule′-Films angesehen werden muss, der zwar mit einer Reihe von Momentaufnahmen des ,Dazwischen′, ,,alles Zwischenmenschliche in der Schwebe belässt" 5 und ,,dem Zufall Raum" 6 gibt, aber nicht so wenig Inhalt bietet, dass den Charakteren der Story nachträglich eine Dreiecksbeziehung 7 aufoktroyiert werden muss, damit überhaupt etwas passiert.
2 Das Motiv Großstadt im deutschen Autorenkino
Die Stadtdarstellung im neueren deutschen Film orientiert sich laut Hickethier nicht am ,,Metropolentraum" der Zwanziger Jahre und deren großartigen Stadtkompositionen wie in Fritz Langs Metropolis, M eine Stadt sucht einen Mörder, oder Walther Ruttmanns Berlin Sinfonie einer Großstadt. 8 Auch Darstellungen der Stadt als Dschungel der Unübersichtlichkeiten und Gefahren seien mehr oder weniger passé. Eine These, die Stadt im Film habe eine eigene Bedeutung und sei ein eigener imaginierter Text, ist zwar leicht aufgestellt. Allzu oft dient schließlich im Film die Außenwelt als Spiegel der Innenwelt. Dieser Topos ist jedoch aufgrund der permanent wiedererzählten und wiedererzählenden filmischen Welt allmählich verbraucht. Die Stadt kann als Motiv dienen und Strukturen setzen. Zumindest bietet eine Stadt ihren Figuren Verhaltensdispositionen und -konventionen, setzt einen Handlungsrahmen und -ort, all dies aber als des Menschen natürliche Umgebung.
Hickethier geht so weit, zu behaupten, der Film als solcher verkörpere Urbanität, selbst dort, wo jene explizit abwesend sei. Wo Natur gezeigt wird, sei es immer aus dem Blickwinkel der Moderne. Sie bliebe dann immer ein Kontrapunkt. Ausnahmen zu dieser Erscheinung bietet vielleicht der oben bereits erwähnte Heimatfilm, der auch in der heutigen Zeit noch Heimat, also Land als ,,reale[n], in sich geschlossene[n] Kosmos" 9 zeigt, z.B. in der aktuellen Komödie Wer früher stirbt, ist länger tot von Marcus H. Rosenmüller. Allerdings kann jener ebenfalls aus der städtischen Perspektive als radikaler Ausdruck besagter Tendenz gelesen werden.
Deutlich zeichnet sich aber die Perspektive zum Land aus Sicht der Großstadt in deutschen Autorenfilmen wie Hans-Christian Schmids Requiem oder Maren Ades Der Wald vor lauter Bäumen ab, in denen der Umzug vom Land in die Stadt für zwei junge Frauen ein unvermeidbarer Bestandteil ihrer (obgleich gescheiterten) Initiationsgeschichte ist. Der Film kann selbst Modernisierung betreiben: er setzt Verhaltensmodelle und dient als Podium für verschiedene Lebensauffassungen, Handlungsweisen, Ansichten und Meinungen. Es gibt im neuen deutschen Film jedoch kaum programmatische Stadtfilme (abgesehen von Wenders′ Filmen). Die Stadt ist präsent, aber das auf selbstverständliche Weise. Die Metropole fehlt im dezentralisierten Deutschland ohnehin, was nicht verwundert, betrachtet man Berlins Stadtgeschichte und die deutsche Geschichte im vergangenen Jahrhundert als Kontext. Darüber hinaus muss dem Zuschauer die Stadt nicht mehr präsentiert werden. Er kennt sie, erkennt sie an wenigen Details und setzt sie als Ort der Handlung voraus. Insofern zeigt kaum ein Film eine Stadt in ihrer Bedeutung als ,,Dschungel Großstadt". Dieser ist vielmehr hintergründig bedeutsam als ein Dschungel aus Menschen, ihren Gefühlen und Ansichten, ihnen in ihren Figurenkonstellationen. Dem Zuschauer müssen außerdem keine expliziten Stadtdarstellungen zu seinem Verständnis mehr geboten werden diese würden ihn im Gegenteil vermutlich eher langweilen, da er sie
[...]
1 Zur Autorentheorie s.a. Felix, Jürgen: Autorenkino. In: ebd. (Hrsg.): Moderne Film Theorie. Mainz 2003. II, 319 S., 13-57
2 Rahayel, Oliver: Die aktuelle Neuorientierung des Heimatfilms. Unter: http://www.goethe.de/kue/flm/dos/hei/de1758458.htm (Letzter Zugriff: 15.09.07)
3 So schrieb z. B. Birgit Glombitzka in Die Zeit: ,,Die Berliner Regisseurin
ist eine wunderbare Dokumentarin des Alltäglichen" [Glombitza, Birgit: ,,Dem
Leben abgeschaut". In: ,,Die Zeit" vom 23.09.2004. Unter:
http://www.zeit.de/2004/40/Angela_Schanelec (Letzer Zugriff: 16.06.2007)]
,,Zweifelsohne gehört Angela Schanelecs Ansatz zum Reflektiertesten, was das
zeitgenössische deutsche Kino zu bieten hat." Lobt Daniel Eschkötter. [Eschkötter,
Daniel: ,,Nichts der Provokation und Alles der Sache".
Unter: http://filmtext.com/start.jsp?mode=1&key=553 (Letzer Zugriff 16.06.2007)
4 Dazu sagt Daniel Eschkötter ,,[d]ass die französische Presse »Marseille« in ihr Herz schloss, [...] ist kein Wunder. Schließlich bekennt sich Schanelec ganz offen zu ihren Vorbildern Robert Bresson und Eric Rohmer. In Deutschland stoßen ihre Filme nicht selten auf Ratlosigkeit, wohl nicht zuletzt deshalb, weil sie sich den üblichen Sehgewohnheiten konsequent verweigert." Nana Rebhan erkennt, dass die Langsamkeit des Films ,,für den Zuschauer an die Grenze zur Unerträglichkeit erreichen" kann. [Rebhan, Nana A. T.: Marseille. Ein Film von Angela Schanelec. Unter: http://www.arte.tv/de/film/Kino- News/kinostart/Kinostart_2023._20September_202004/650784,CmC=648158.html (Letzter Zugriff: 16.06.2007)]
5 Fricke, Harald: Das Leben ist keine Talkshow. In: taz, die tageszeitung vom 23.09.2004. Unter: http://www.taz.de/index.php?id=archiv&dig=2004/09/23/a0174 (Letzter Zugriff 16.06.2007)
6 Rebhan
7 Rebhan z.B. behauptete über Sophie: ,,Sie ist immer noch in Ivan, den Freund ihrer besten Freundin verliebt.", ähnlich wie Mathias Heine [Heine, Matthias: Einsame Zweisamkeit. In: Berliner Morgenpost vom 23.09.2004. Unter: http://www.morgenpost.de/content/2004/09/23/film/705172.html (Letzer Zugriff: 16.06.2007)] Dabei soll nicht behauptet werden, dass es besagte Dreiecksbeziehung nicht gibt, jedoch sind die Evidenzen im Film nicht ausreichend, um von mehr als Andeutungen zu sprechen.
8 Hickethier, Knut: Filmische Großstadterfahrung im neueren deutschen Film. In: Schenk, Irmbert: Dschungel Großstadt Kino und Modernisierung. Marburg 1999. 203 S., 186-200
9 Rahayel
Quote paper:
Friederike von Hegel, 2007, Angela Schanelecs „Marseille“ als Flaneurfilm, Munich, GRIN Publishing GmbH
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