Inhaltsverzeichnis
1. Geografische Wahrnehmung und Beobachtung 3
2. Der Perspektivenwechsel zur Geomantie 5
3. Die Spirituelle Landschaft Ein inneres Landschaftsbild 9
4. Die spirituelle Landschaft beeinflusst das Außen 12
4.1. Die Geomantische Geisteshaltung 13
4.2. Die Geomantische Elementlehre 14
5. Die Qualitative Landschaftsanalyse 18
Geomantische Geografie in der Praxis 18
Literatur 23
2
1. Geografische Wahrnehmung und Beobachtung
Als GeografIn 1 ist man in der Beobachtung tätig. Die Erscheinungsformen unserer Welt sind Gegenstand dieser Beobachtung, und so beobachten Geografen die Bewegungen der Gletscher, Klimageografen beobachten die Klimaerscheinungen und Kulturgeografen oder auch Anthropogeografen beobachten, was der Mensch mit seinem Lebensraum anstellt. Dabei wird vor allem in der Humangeografie darauf geachtet, welches Verhalten der Mensch an den Tag legt und wie sich dieses in seinem Umfeld äußert, welche Auswirkungen er dadurch hinterlässt. Das Beobachtungsvermögen ist also eine zentrale Eigenschaft eines jeden Geografen, wobei die Beobachtung dann Gegenstand der geografischen Arbeit und Beschreibung ist. Das ist das Resultat der geografischen Arbeit.
Nun ist jede Beobachtung immer durch das persönliche Wahrnehmungsmuster geprägt. Aus systemischer Sicht können wir also nur das wahrnehmen, was wir wahrzunehmen „gelernt“ haben 2 . Unser Wahrnehmungsverhalten ist demnach stark von der Prägung abhängig, und was die Prägung beeinflusst, ist das Umfeld. Dieses Umfeld oder Mileau muss nicht unbedingt „Umwelt, Landschaft, Raum“ sein, sondern kann auch durch ein soziales Umfeld oder soziokulturelle Strukturen wirken. „Unser Mileau, unsere Umwelt prägt die Ausformung unserer Nervenstruktur (Prägung). Alles was wir erleben ist ein Resultat unserer Prägung, unserer deterministischen Struktur. [...] Vergangene Mileaus prägten unser gegenwärtiges [Wahrnehmungs-] System. 3
Das, was wir wahrnehmen, benennen wir dann, weil wir für das Wahrgenommene eine sprachliche Ausdrucksform suchen. Das bedeutet auch, dass es nur Wörter für etwas gibt, was wir auch wahrnehmen können. Ich werde auf diesen Umstand weiter hinten noch genauer eingehen! Vorerst muss jedoch fest gestellt werden, dass unsere Wahrnehmung quasi ein angelerntes Verhalten darstellt. Je nach dem, in welchem Umfeld wir unsere Wahrnehmung trainieren und anlernen, so wird das Ergebnis der Wahrnehmung und in weiterer Folge das Verhalten sein. Das beste Beispiel dafür sind die von Hunden oder Wölfen aufgezogenen Kinder aus Odessa oder Bangladesh –
1 In der Folge wird immer die männliche Form gewählt, es sind jedoch beide Geschlechter damit gemeint!
2 Die systemische Strukturaufstellung ist auf dieses Prinzip von Mileau - Wahrnehmung – Verhalten aufgebaut. Siehe dazu von KIBED, SPARRER
3 WOHOFSKY, S.22.
3
letztere gaben die Vorlage für das Buch „Mowgli“ von R. Kipling und sind aus der verhaltenspsychologischen Literatur bestens bekannt.
Was passiert also, wenn wir lernen unsere Umwelt wahrzunehmen? Wir beginnen uns entsprechend der wahrgenommenen Umwelt zu verhalten. So ist auch das Verhalten des Menschen von seiner Wahrnehmungsfähigkeit abhängig. Wird die Wahrnehmung im Laufe des Lebens verändert, so verändert sich automatisch auch das Verhalten des Menschen, weil ja Neues oder Anderes wahrgenommen wird. Der Positionswechsel, die veränderte Perspektive ermöglicht damit, das Mileau oder Lebensumfeld bzw. Situationen neu zu betrachten um damit neue Handlungsstrategien entwickeln zu können. Das nennt man dann Fortschritt oder Entwicklung. Am Ende reduziert sich jedoch alles wieder auf die Wahrnehmung und wie bzw. auf welche Art und in welchem Rahmen wir diese gelernt haben.
So erscheint es völlig klar, wenn Alexander von Humboldt in seinen „Ansichten der Natur“ eine äußerst blumige und poetische Sprache verwendet hat, weil sein Wahrnehmungsfokus philosophischer, literarischer (romantischer ?) Natur war. Er bezeichnete gerade die Ansichten der Natur als „Philosophie der Erde“, und kein Geograf würde heute einen Vulkan als „schreckenerregende Naturerscheinung“ beschreiben 4 . Was ich damit ausdrücken will ist, dass wir die Art und Weise der Wahrnehmung durch unsere wissenschaftliche Ausbildung erlernen. Wir „schenken einer Sache Aufmerksamkeit“ und lernen, wohin wir unseren Fokus richten sollen. – das bedeutet nämlich das Wort „Wahrnehmung“. 5 Und wir lernen im Rahmen unserer Erziehung und Bildung wie wir Aufmerksamkeit zu schenken haben (z.B. rein technisch, naturwissenschaftlich, geisteswissenschaftlich usw...). Warum schenken wir also nicht der Geomantie Aufmerksamkeit, um damit einen Perspektivenwechsel der angewandten geografischen Arbeit zu ermöglichen!
4 HUMBOLDT, S. 103.
5 DUDEN, S. 798.
4
2. Der Perspektivenwechsel zur Geomantie
Hier ist eingangs zu erwähnen, dass die Geomantie eine lange Tradition hat und durchaus als Vorläufer der modernen Landschaftsplanung angesehen werden kann. Als mehrere Tausend Jahre alte Erfahrungswissenschaft, die Vorgänge in unserem Lebensraum Erde zu harmonisieren, zu verstehen und die Wirkung der schöpferischen Kräfte in Einklang mit dem Menschen zu bringen, ist die Geomantie die ursprüngliche Methode, die Identität einer Landschaft zu erfassen. Das Wissen um diese schöpferischen Kräfte – und hier findet sich durchaus ein philosophischer Zugang zur Naturbeschreibung – ist im Mittelalter größtenteils verloren gegangen. 6 Ähnlich erging es auch ihrer „Schwesterwissenschaft“, dem Feng Shui in China. Seit rund 20 Jahren beschäftigt man sich zunehmend mit diesen komplementärwissenschaftlichen Planungsinstrumenten auch aufgrund der Tatsache, dass man die Erde als System oder „lebenden Organismus“ wahrzunehmen beginnt. Es sind die Landschaftsplaner, Landschaftsarchitekten und Ökologen, die nach neuen Lösungen für Umweltprobleme und planerische Anforderungen suchen. Daraus entsteht nun eine „systemorientierte Betrachtungsweise von Mensch und Landschaft“ 7 , die es ermöglicht, die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Raum komplexer zu erfassen.
Die Geografie kann durch Geomantie eine ganz besondere Erweiterung erfahren. In der Vergangenheit gab es Versuche, den ästhetischen Aspekt eines ländlichen Raumes zu erfassen. Dahinter stand der Wunsch, eine Struktur zu finden, die es der Regionalplanung ermöglicht, touristisches oder anderwärtiges Potenzial einer Region zu ermitteln. Man versuchte Wertesysteme zu entwickeln und damit die Kultur- und Naturlandschaft in eine Werte-Systematik zu pressen. Man kann sich vorstellen, dass eine reine Quantifizierung solcher Werte-Systematiken bald an ihre Grenzen stieß. Das von GROSJEAN ausgearbeitete Punktesystem für topografische Merkmale stößt selbst beim Autor auf das Problem der qualitativen Beschreibung. So versucht der Autor die „Erfassung der landschaftlichen Schönheit...[mittels]...zeichnerischen Schauens und der
6 „Geo-Mantik“ leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet „Wahrsagekunst der Erde“. Siehe dazu auch GEHRINGER, S. 16f.
Bedenken wir, dass das Wort „Wahrsagen“ mit dem lat. „verus“, „vertrauenswert, wahr“ urverwandt ist, so handelt es sich bei der Geomantie um die Kunst, Vertrauenswertes, Wahres über die Erde zu sagen. Wollen wir das nicht auch als Wissenschaftler des 21. Jahrhunderts?! Schließlich ist die ursprüngliche Bedeutung von „Geographie“ auch „Erdbeschreibung“. Siehe dazu DUDEN, S. 232 f. Geographie und S.
797f. für „Wahrsagen“.
7 FROHMANN, S.13.
5
grafischen Analyse“ zu erfassen. Er bemerkt dabei im Panorama Bachsee, Grindelwald annähernd die Maße des Goldenen Schnittes bzw. den Parallelismus, mit dem sich die Landschaftsmalerei besonders auseinander setzt. Dieser zeigt sich oft in aufgeschlossener Gebirgstektonik und Linienführung der Landschaft. 8 GROSJEAN geht noch einen Schritt weiter und sieht die Aufgabe der ästhetischen Landschaftsbewertung darin, harmonische Strukturen aufzuspüren und sie entsprechend in Planungsentscheidungen einzubinden. Die Beobachtung solcher Parallelismen und des Goldenen Schnittes in einem Gebirgsaufbau ist Geomantie pur! GROSJEAN´s Arbeit wird verständlicher und nachvollziehbarer, wenn die geomantischen Grundprinzipien auf seine Aussagen angewendet werden. Und darin liegt die eigentliche Erweiterung der Geografie durch die Geomantie.
Parallelismus betont durch
einen einzeln stehenden Baum, einem geomantisch gesehenen Landschaftskommunikationspunkt, der ausschließlich auf der Wahrnehmung der Bewusstseinsebene erfahrbar ist.
8 Siehe dazu GROSJEAN, S. 154f. Der Autor weist im Vorwort schon darauf hin, dass es sich bei dieser Arbeit um eine intuitive visuelle Erfassung der Landschaft handelt und damit Grenzen der „Wissenschaftlichkeit“ womöglich überschritten wurden! Hinter letzterer sollte man sich jedoch nicht verstecken, sodass Phänomene der Raumwirksamkeit frühzeitig erfasst werden können um irreversible Schäden im Landschaftsbild rechtzeitig vermeiden zu können. Siehe Ebda, S. 13.
6
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Mag. Phil. Angelika Marianne Wohofsky, 2007, Landschaften wahrnehmen - Ein geomantisches Denkmodell für Geografen in der Praxis, Munich, GRIN Publishing GmbH
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