2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung - 3 -
2 Die Traumtänzerin Madeleine G - 4 -
2.1 Die Vorführungen der Traumtänzerin - 4 -
2.2 Zur Person und zum Leben Madeleines - 5 -
2.3 Madeleines Inszenierer - 5 -
2.4 Das öffentliche Interesse an der Traumtänzerin - 7 -
3 Hypnose und Hysterie zur Jahrhundertwende - 8 -
3.1 Hypnose und Hysterie in den Aufführungen der Traumtänzerin - 8 -
3.2 Die bürgerliche Kleinfamilie zur Jahrhundertwende - 8 -
3.3 Die Hysterie zur Jahrhundertwende - 9 -
3.4 Die Hypnose zur Jahrhundertwende - 10 -
4 Der Nutzen der Traumtänzerin für die Ärzte - 11 -
5 Die wahre Faszination der Traumtänzerin - 12 -
5.1 Die Mystifikation der Traumtänzerin - 12 -
5.2 Die Vermarktung der Traumtänzerin - 13 -
6 Schlussbemerkung - 14 -
Literaturverzeichnis - 15 -
3
1 Einleitung
Beim Hören des Titels Traumtänzerin Madeleine G. 1 , stellt sich die Frage, was denn bitte eine Traumtänzerin sein soll. Der Begriff ruft Assoziationen hervor, wie eine Tänzerin, die traumhaft schön tanzt, oder etwa eine Künstlerin, die wie im Traum tanzt. Tatsächlich handelte es sich bei Madeleine G., die erstmals 1903 auftrat, um einen Fall, auf den beides zutraf. Sie wurde vor ihren Aufführungen unter Hypnose gesetzt und ihre Darstellungen wurden von den Zuschauern als unbeschreiblich wundervoll empfunden. Überall, wo man jedoch von der Traumtänzerin Madeleine liest, ist zuallererst die Rede davon, dass sie
„Tanzkunst und experimentelle Psychologie vereinte“ 2 ; es wird also schnell klar, dass es sich hierbei nicht um eine gewöhnliche Tänzerin handelte. Auch wenn meist im Weiteren ihre Aufführungen als herausragend schön umschrieben werden, so wird doch zuallererst die Tatsache genannt, dass sie während diesen unter Hypnose stand. Welche Bedeutung das Phänomen der Hypnose in ihrer Karriere spielte, wird also schon hier deutlich. Steht einmal nicht ihr hypnotischer Zustand im Mittelpunkt eines Textes über Madeleine, so ist es häufig die Tatsache, „daß Madeleine keine ausgebildete Tänzerin war, sondern Hausfrau und
Mutter“ 3 , eine weitere Besonderheit dieser Tänzerin. Die Traumtänzerin war ein einmaliger Ausnahmefall in der Tanzgeschichte, deren Eingang in die Tanzgeschichte überhaupt umstritten ist.
Diese Arbeit untersucht, inwiefern es alles andere als ein Zufall war, dass die Traumtänzerin Madeleine G. gerade in dieser Zeit, Anfang des 20. Jahrhunderts, zu einem Phänomen wurde. Denn der Zusammenhang von Kunst mit Hysterie und Hypnose war bei den Ärzten und Psychologen zur Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert schon vor Madeleines Vorführungen ein beliebtes Thema gewesen. Analysiert wird in welcher Wechselwirkung Tanz und Psychologie bezüglich der Traumtänzerin standen und was die wirkliche Faszination ihrer Darbietungen ausmachte.
Hierzu wird zuallererst ein Überblick über Madeleine G. sowie über ihre Aufführungen und deren Kontext gegeben. Daraufhin wird die Bedeutung der Hypnose und Hysterie bezüglich der Traumtänzerin hervorgehoben, sowie ein Bild dieser beiden Phänomene zur Jahrhundertwende vermittelt. Anschließend wird dargestellt, welchen Nutzen die Traumtänzerin folglich für die Ärzte hatte. In einem letzten Punkt wird dann schließlich untersucht, welchen Einfluss sämtliche äußeren Umstände auf den Erfolg Madeleine G.’s hatten.
Als Materialgrundlage für diese Arbeit dienten in Bezug auf die Traumtänzerin, neben der
ausführlichen Dokumentation zu dieser von Albert Dr. Freiherr von Schrenck-Notzing 4 , mehrere Aufsätze und Artikel über Madeleine. Bezüglich der Hysterie und Hypnose zur Jahrhundertwende wurde einerseits auf Literatur von Sigmund Freud aus jener Zeit, andererseits auf spätere Veröffentlichungen, die sich rückblickend mit dem Thema auseinandersetzen, zurückgegriffen.
1 Auch als Magdeleine G. und Madelaine G. bekannt; der vollständige Nachname wird in keiner Quelle genannt.
2 Fischer / Loers 1997, S. 100.
3 Loers 1995, S. 623.
4 Albert Dr. Freiherr von Schrenck-Notzing (1862-1929) war ein deutscher Mediziner und Parapsychologe,
sowie der erste Psychotherapeut im süddeutschen Raum. Er war Mitbegründer der 1886 gegründeten
Psychologischen Gesellschaft und ist der Verfasser der ausführlichsten Dokumentation über die Traumtänzerin
Madeleine G.
4
2 Die Traumtänzerin Madeleine G.
2.1. Die Vorführungen der Traumtänzerin
„Es lässt sich mit wenigen Worten nicht wiedergeben, was alles zu sehen war.“ 5
So oder ähnlich beschreiben viele der Zuschauer, die einer Vorführung der Traumtänzerin beiwohnten, das Spektakel. Umso schwieriger ist es, sich anhand der historischen Dokumentationen der Aufführungen ein Bild zu erschaffen, von dem was sich dort auf der Bühne ereignete. Eine wirklich exakte Vorstellung einer Aufführung Madeleines wird jenen, die sie nicht persönlich gesehen haben, wohl immer verwehrt bleiben. Dennoch soll im Folgenden eine Idee davon wiedergegeben werden, was das Besondere an den Vorführungen
der Traumtänzerin war. 6 Eine Aufführung begann damit, dass der Hypnotiseur Madeleine, welche stets lange, schlichte Gewänder trug, auf die Bühne führte. Erst vor dem Publikum wurde die Tänzerin dann unter Hypnose gesetzt. Hierzu griff der Hypnotiseur ihre beiden Hände und fixierte ihre Augen, bis nach wenigen Minuten Madeleines Blick starr wurde und der Lidschlag bis zu fünfzehn Minuten lang ausblieb. Nachdem der Hypnotiseur ihre Arme losgelassen hatte, war der Körper der Tänzerin vollkommen schlaff und entspannt und sie wurde allein auf der Bühne
zurückgelassen. 7 Anschließend setzte die Musik ein und umgehend begann Madeleine diese mit Armen, Beinen und Gesichtsausdrücken zu begleiten. Renommierte Musiker und Orchester musizierten bei den Aufführungen der Tänzerin und spielten häufig Stücke von z.B. Chopin, Bizet oder Wagner. Die Musiker selbst waren nicht unbedingt sichtbar und blieben im Hintergrund. Madeleine wusste meist nicht, welche Werke gespielt werden würden und ein Teil bestand stets aus improvisierten Stücken, um zu beweisen, dass die Bewegungen der Traumtänzerin rein intuitiver Art waren. Von ihrem Magnetiseur oder Schauspielern gesprochene Gedichte und Dramentexte kamen auch zum Einsatz.
Nach dem Einsetzen der Musik steigerten sich die Bewegungen und Ausdrücke der Traumtänzerin schnell und wurden im Nachhinein geschildert als extrem ausdrucksstark und unbeschreiblich schön. Madeleine begleitete Musik und Text ausschließlich körperlich, d.h. tänzerisch und pantomimisch, da ihr Hypnotiseur die Überanstrengung ihrer unausgebildeten Stimme vermeiden wollte. Es kam allerhöchsten dazu, dass sie einzelne Laute ausstieß oder murmelte und wimmerte. Während der Musik oder dem Text blieb sie durchgehend in ihrer ‚Rolle’, machte keine Pausen oder Verlegenheitsgesten. Auch ihr Körpergefühl während des Tanzens war auffallend stark ausgeprägt, da sie auch auf kleinen Bühnen, trotz ihrer ausschweifenden Bewegungen, nie irgendwo anstieß und nie hinfiel, auch wenn sie sich wiederholt auf die Schleppe trat. Madeleine konnte bis zu einer Stunde am Stück tanzen und sah auch nach langer Zeit nicht erschöpft aus.
Beim Erklingen des letzten Tones erstarrte die Tänzerin oder sank zu Boden, oft trat Katalepsie ein. Der Hypnotiseur kehrte dann zurück auf die Bühne, versetzte Madeleine wieder in einen wachen Zustand und führte sie ab. Nach kurzer Zeit kehrten der Hypnotiseur und die umgekleidete Tänzerin zurück und stellten sich den Fragen des Publikums. Bei Madeleine bestand in der Regel Amnesie in Bezug auf die Aufführung, durch Beschreibungen konkreter Szenen sowie dem erneuten Ertönen der Musik oder des Textes konnte sie sich teilweise wieder an Ausschnitte erinnern. Körperliche Folgen für sie waren eine
5 Frankfurter Zeitung, 20. Februar 1904 in Schrenck-Notzing 1904, S. 90.
6 Die folgenden Darlegungen zum Ablauf einer Aufführung der Traumtänzerin Madeleine G. stützen sich auf
Fischer / Loers 1997, S. 100 f. sowie Schrenck-Notzing 1904, S. 47-62 und Freiherr Julius von Werther in
Schrenck-Notzing 1904, S. 13-16.
7 Zum Ablauf der Hypnotisierung vgl. Schrenck-Notzing 1904, S. 48.
5
Muskelermüdung, zum Teil leichte Schmerzen, Unlust zu Bewegungen sowie leichte Hautverletzungen, die nach Schrenck-Notzing jedoch selten länger als bis zum nächsten Tag anhielten.
2.2 Zur Person und zum Leben Madeleines
Bei der Auseinandersetzung mit der Traumtänzerin Madeleine G. stellt sich schnell die Frage, wer sich eigentlich hinter diesem Namen verbirgt und wie sie zu der Traumtänzerin wurde,
die erst mit dem für eine Tänzerin späten Alter von 30 Jahren ihren ersten Auftritt hatte. 8 Madeleine wurde in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts in Tiflis im Kaukasus geboren. Ihr Vater war Schweizer und ihre Mutter Georgierin, Madeleine war also halb-slawischer Abstammung. Mit sechs Jahren kam das Mädchen nach Genf und mit zehn kam sie dort schließlich das erste Mal in Berührung mit dem Tanz, als sie die Salontänze erlernte. Als Zwölfjährige erhielt sie Klavier- und mit fünfzehn Jahren dann auch Gesangsunterricht. Sie erwies sich als eine begabte Gesangsschülerin und wurde als beste von 50 Schülerinnen des Konservatoriums gekürt. Als 18-Jährige kam sie schließlich nach Paris, wo sie mit 25 Jahren Herrn G. heiratete. Sie bekam zwei Kinder, eines mit 25 Jahren und das zweite mit 27 Jahren. Ihr Aussehen wird beschrieben als „mittelgroß, eher klein, brünett, schlank, feingebaut, mit
großem Kopf, slavischen Gesichtszügen, ausdrucksvollen großen Augen“ 9 .
Mit sieben Jahren hatte das Mädchen einen zweiwöchigen Trismus (Kiefersperre), ausgelöst durch den Anblick einer in ihrem Zimmer aufgebahrten Leiche. Von Schrenck-Notzing wurde
dieser später als ein erstes Zeichen einer „leichte[n], anfallsfreie[n] Hysterie“ 10 gedeutet. Weitere Hinweise auf diese sah der Arzt in ihren Schwierigkeiten auf beiden Augen in der Unterscheidung von weiß und blau und ihrem allgemeinen psychischen Status, welchem er ein hysterisches Temperament zuwies. Das deutlichste Indiz für die Hysterie Madeleines sah Schrenck-Notzing in der Schielstellung von 45 Grad nach innen des rechten Auges, welche
während der Hypnose bei der Tänzerin auftrat. 11 Trotz ihrer gewissen Grundausbildung in Tanz und Musik habe Madeleine nie Unterricht in dramatischer Kunst oder Ballett erhalten und nach Schrenck-Notzing im wachen Zustand keine besonders herausstehenden musikalischen Leistungen vollbracht. Musik habe jedoch immer schon eine besondere Wirkung auf sie gehabt und sie habe schon von wenigen Takten Musik in einen somnambulen Zustand versetzt werden können. Unter der Hypnose dann habe sie Dinge geschafft, zu denen andere Künstlerinnen nur nach hartem Studium und jahrelangem Üben fähig gewesen seien.
2.3 Madeleines ‚Inszenierer’
Madeleine wurde jedoch nicht aus eigenem Anstoß zu der Traumtänzerin, sondern wurde stets von anderen auf die Bühne gestellt und präsentiert.
Zuallererst war dort ihr Hypnotiseur Émile Magnin, der ihre Karriere als Traumtänzerin
auslöste. 12 Madeleine ging 1902 zu dem Magnetiseur Magnin, da sie an unerklärlichem
8 Die folgenden Darlegungen zur Person und zum Leben von Madeleine G. stützen sich auf Schrenck-Notzing
1904, S. 21.
9 Freiherr Julius von Werther in Schrenck-Notzing 1904, S. 13.
10 Schrenck-Notzing 1904, S.63.
11 Zur Hysterie Madeleines vgl. Schrenck-Notzing 1904, S. 63-73.
12 Die folgenden Darlegungen zum Magnetiseur Émile Magnin stützen sich auf Schrenck-Notzing 1904, S. 8 und
S. 22.
Arbeit zitieren:
Theresa Hartig, 2007, Hypnose, Hysterie und Kunst, München, GRIN Verlag GmbH
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