Inhaltsverzeichnis:
1. EINLEITUNG 3
2. MACHT UND MACHTMINDERUNG 4
3. AUFBEGEHREN UND ENDGÜLTIGER MACHTVERLUST 7
4. ZUSAMMENFASSUNG 11
5. LITERATURVERZEICHNIS 13
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1. Einleitung Macht ist im Mittelalter scheinbar nur Männern vorbehalten, denn Frauen werden systematisch von politischer Macht ausgeschlossen und auf den privaten Raum beschränkt. 1 Zudem wird Macht auch zwangsläufig mit Gewalt in Verbindung gebracht. 2 Dies zeigt sich schon auf semantischer Ebene. Das mhd. Wort „gewalt“ kann unter anderem mit „Macht“ übersetzt werden. Physische Stärke ist „integrativer Bestandteil von Männlichkeit“ 3 . Frauen hingegen haben der höfischen Norm zu entsprechen, d.h. „gehorsam, treu und ‚keusch’ (kiusche) zu sein, ihren Mann als Herrn anzuerkennen und seinen Befehlen Folge zu leisten.“ 4 Die Frau besitzt keine Macht und kann lediglich „manipulativ“ aus dem privaten in den öffentlichen Raum wirken. 5 Ihre Macht leitet sich zudem von der gesellschaftlichen Stellung ihres Mannes ab.
Ein ganz anderes Bild wird vermeintlich im Nibelungenlied gezeichnet. Elisabeth Lienert spricht von einer „scheinbaren Inversion“ 6 . Macht und Gewalt sind nicht nur Männern vorbehalten, auch Frauen verwenden physische Kraft und scheinen somit in Besitz von Macht zu sein. Des Weiteren verfügen sowohl Brünhild als auch Kriemhild über einen beträchtlichen Besitz und sind schon von daher „mächtig“. 7 Im Folgenden soll die Brünhildfigur näher betrachtet werden. Sie befindet sich zwischen Macht und Machtverlust. Anhand der Analyse soll gezeigt werden, dass das weibliche Ideal der frouwe, die dem Mann untertan ist und die ihre eigene Macht aufgibt, auch hier durchscheint und inwiefern die Darstellung einer „mächtigen Frau“ nur als Angst- und Wunschprojektion einer männlichen Autorschaft zu werten ist.
Brünhild vollzieht einen Wandel von der eigenständigen Königin, die in ihrem Reich herrscht, zur unterlegenen Ehefrau. Dieser Wandel wird in der Forschungsliteratur verschieden gedeutet: als Kampf zwischen den Geschlechtern und als Wandel von der charismatischen Herrschaft zur traditionellen. Bedeutend ist hier auch der Antagonismus von minnechlîches wîp und tiuveles wîp, der in der Brünhildfigur angelegt ist. In einem ersten Schritt wird Brünhilds Macht auf Isenstein und die erste Machtverminderung durch den Sieg Gunthers, 1 Jerold C. Frakes, Brides and Doom. Gender, Property, and Power in Medieval German Women’s Epic, Philadelphia 1994, S. 52.
2 Elisabeth, Lienert, Geschlecht und Gewalt im ‚Nibelungenlied’, in: ZfdA 132 (2003), S.3-23, S. 4. Durch die Gewalttat wird Macht konstituiert und ausgeübt.
3 Ebd., S. 4.
4 Bernd Thum (Hg.), Gegenwart als kulturelles Erbe. Ein Beitrag der Germanistik zur Kultur wissen- schaft deutschsprachiger Länder, München 1985. S. 96.
5 Frakes (wie Anm.1), s. 97. somit ist weibliche Macht negativ konnotiert 6 Lienert (wie Anm.2), S. 5.
7 Auf den Zusammenhang von Macht und Besitz hat Frakes hingewiesen denn, „ since power cannot be used as a verb, it ‘inevitably takes on properties of a substance (…)’. Thus any definition must indicate the conditions of possession and use.” 7 Frakes (wie Anm. 1), S. 96.
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den er ja nur mit Hilfe Siegfrieds erringt, betrachtet. In einem weiteren Schritt wird Brünhilds
Aufbegehren und ihr endgültiger Machtverlust, durch die „Vergewaltigung“ 8 durch Siegfried
und Gunther, nachgezeichnet.
2. Macht und Machtminderung
Brünhilds Ruf einer „Amazone“ eilt ihr voraus. 9 Amazonen entstammen der griechischen
Mythologie. Jerold Frakes fasst die „Amazon legend“ folgendermaßen zusammen:
Amazon „women are warriors; they rule and rule well; they act for their own desire and will; they refuse any sexual relationship that subordinates them (marriage); they fight to preserve their independence; they make sexual use of men according to their desire” 10
Amazonen besitzen aber nicht nur physische Stärke und damit eine “typisch” männliche
Eigenschaft, sondern sind auch besonders schön. „The Amazon possesses the most
outstanding (…) characteristics of both genders.“ 11 Da sie jedoch dadurch als “quintessentialy
Other” konstruiert sind, werden sie marginalisiert. 12
Auch Brünhild wird schon durch ihren Aufenthaltsort, Isenstein 13 , marginalisiert und als
„außerhalb der höfischen Gesellschaft stehend“ 14 gekennzeichnet. So konstatiert Otfrid
Ehrismann „über sê liegt oftmals der epische Ort junger Königinnen, und das spezifische
Raumprogramm des Erzählertyps der gefährlichen Brautwerbung trennt die Machtbereiche‚
durch eine allermeist als Meer erscheinende Schwellenwelt’“ 15 .
Auch Brünhild besitzt, wie die Amazonen, beides, Schönheit und Stärke. Ez was ein
küneginne gezessen über sê, ir gelîche enheine man wesse nider mê. Diu was unmâzen
scoene, vil michel was ir kraft. (326,1ff) Doch wird vor der Brautfahrt Gunthers besonders
vor ihrer Stärke gewarnt und darauf hingewiesen, dass sie von dieser durchaus Nutzen mache.
8 Monika Schausten konstatiert: „Die Schilderung dieser Szene läßt es durchaus zu, von einer Vergewaltigung
Brünhilds zu sprechen“. In: Monika Schausten, Der Körper des Helden und das „Leben“ der Königin: Geschlechter- und Machtkonstellationen im „Nibelungenlied, in: ZfdPh 118 (1999), S. 27-49, S. 42. Auch Jerold C. Frakes spricht von Vergewaltigung und weist darauf hin, dass „Mary Fleet may have been the first scholar to have used the word rape to identify and name these actions.” In: Frakes (wie Anm. 1), S. 110. Auch Fritz Peter Knapp weist darauf hin, dass hier “aus rein männlicher Perspektive (…) ‚von der verbrecherischen und intriganten Zerstörung der Frau, ihrer politischen und menschlichen Würde’“ erzählt wird. In: Fritz Peter Knapp, Eine unsanfte Brautnacht oder wie lustig waren die Nibelungen in alter und neuer Zeit?, in: Klaus Zatloukal, Die Rezeption des Nibelungenliedes, Wien 1995, S. 109-126, S. 112.
9 Frakes weist darauf hin, dass „the term Amazon occurs relatively frequently in the scholarly literature on the
Nibelungenlied as a designation of Brünhild.“ Frakes (wie Anm.1), S. 146.
10 Ebd., S. 145.
11 Ebd., S. 142.
12 „Such double features in a single person cause the erasure of gender boundaries and thus here too Amazons
inhabit the margin, partaking of both sides. Ebd., S. 142.
13 „Der Ort wird (…) Isenstein (382,3; zu mhd. îsen „Eisen“ und stein „Fels“), das auf Island (zu mhd. îs „Eis“
genannt.“ In: Otfrid Ehrismann, Nibelungenlied. Epoche – Werk – Wirkung, (Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte), München 2002, S. 79.
14 Katharina Freche, Von zweier vrouwen bâgen wart vil manic helt verlorn. Untersuchungen zur
Geschlechterkonstruktion in der mittelalterlichen Nibelungendichtung, Trier 1999, S. 121.
15 Ehrismann (wie Anm. 13), S. 78.
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Um sie heiraten zu können, müssen ihre Freier sie in einem Wettkampf mit drei Kampfspielen, Speerwurf, Steinstoßen und Weitsprung, besiegen. Verliert der Freier, wird er getötet und des het diu juncfrouwe unmâzen vil getân (328,1). Siegfried rät Gunther schließlich von seinem Vorhaben ab, denn ja hât diu küneginne sô vreîsliche sît swer umb ir minne wirbet, daz ez im hôhe stât (330,2).
„Gerade indem der Dichter mit einer für die Männer als Schreckensbild wirkenden Beschreibung Brünhilds einsetzt, hat er den richtigen Ton getroffen, um die Fremdheit der Welt jenseits des Meeres im Vergleich mit den Burgundern hervorzuheben.“ 16 So weist auch Gail Newman darauf hin, dass in Isenstein und Worms verschiedene Herrschaftssysteme zum Tragen kommen. 17 Er differenziert zwischen „charismatischer“ Herrschaft auf Isenstein und „traditioneller“ in Worms. Die Begriffe der charismatischen und traditionellen Herrschaft wurden von Jan Dirk Müller in die mediävistische Literaturwissenschaft eingeführt und gehen auf Max Weber zurück. Herrschaft müsse, so Weber, durch die Legitimationsgründe Charisma 18 und Tradition 19 gesichert werden. Müller setzt diese Thesen von charismatischer und traditioneller Herrschaft in Verbindung mit den verschiedenen Herrschaftstypen im Nibelungenlied. Er konstatiert, dass Siegfried die charismatische Herrschaft verkörpere 20 und Gunther hingegen Vasallenkönig sei und seine Herrschaft auf einer dynastischen Tradition basiere. 21 Das Herrschaftssystem welches in Isenstein gelte, liege zwischen den beiden Polen Worms und Nibelungenland. 22 So gilt hier zwar das Recht des Stärkeren („Isenstein dagegen ist eine Welt, in der gilt, was Siegfried in Worms vergeblich forderte, dass nämlich der (die) Stärkste herrscht und dass im Zweikampf mit dem Schwert über Herrschaft entschieden wird.“ 23 ), jedoch ist auch Brünhilde von weiteren Herrschaftsträgern abhängig. Dies wird deutlich, wenn sie nach verlorenem Kampf auf Isenstein wünscht, „ihr Land an der Unterwerfung unter Gunther zu beteiligen“ 24 .
16 Albrecht Classen, Matriarchalische Strukturen und Apokalypse des Matriarchats im Nibelungenlied, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 16 (1991), S.1-31, S. 4. 17 Gail Newman, The two Brunhilds?, in: Amsterdamer Beiträgezur älteren Germanistik 16 (1981), S.69-78. 18 In der charismatischen Herrschaft wird „dem charismatisch qualifizierten Führer als solchem kraft persönlichen Vertrauens in Offenbarung, Heldentum oder Vorbildlichkeit im Umkreis der Geltung an dieses sein Charisma gehorcht“. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, 5. Auflage, 1.Halbband, hg. von Johannes Winckelmann, Tübingen 1976, S.124.
19 In der der traditionellen Herrschaft wird der Gehorsam „der Person des durch Tradition berufenen und an die Tradition (in deren Bereich) gebundenen Herren kraft Pietät im Umkreis des Gewohnten“ entgegengebracht. Ebd., S. 124.
20 Für Siegfried zählt die körperliche Stärke und bei seiner Ankunft in Worms fordert er Gunther und Gernot zum Kampf (114).
21 Jan-Dirk Müller, Spielregeln für den Untergang. Die Welt des Nibelungenliedes, Tübingen 1998, S. 170. 22 Jan-Dirk Müller, Das Nibelungenlied. 2. überarbeitete und erg. Ausg. (Klassiker-Lektüren 5), Berlin 2005, S. 111.
23 Ebd., S. 110.
24 Müller (wie Anm. 21), S. 172.
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Quote paper:
Bachelor of Arts Sophie Loschert, 2006, Brünhild zwischen Macht und Machtverlust, Munich, GRIN Publishing GmbH
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