„Wir sind alle frei innerhalb von Grenzen. Und wir können uns zusätzliche Freiheit dadurch schaffen,
dass wir uns diese Grenzen bewusst machen.“ (Bourdieu: 1989b, 23)
1 Einleitung
1.1 Problemstellung
Die Machttheorie 1 Pierre Bourdieus erfährt in neuster Zeit besondere Beachtung im Globalisierungsdiskurs, in dem nicht mehr nur ein empirisch-phänomenologischer Wandel der Relation zwischen Raum, Zeit und Gesellschaft artikuliert wird, sondern sich immer stärker die Auffassung durchsetzt, dass Raum nicht bloßer Behälter ist oder sich apriorischen Universalkategorien verdankt, sondern als Bedingung und Re- sultat sozialer Prozesse gedacht und erforscht werden muss (Vgl. Löw: 2007, 66). In diesem Sinne ist die Makroperspektive, die weniger eine außenstehende objektive Beobachter-Position postuliert, sondern den Blick innerhalb des Wissenschaftsfeldes meint, der mit reflexiven Anspruch das Auge auf die Pluralität der Akteure und Grup- pen richtet, von großer Bedeutung. Um jedoch die verschiedenen Facetten gesell- schaftlicher Prozesse zu untersuchen, ist die Mikroperspektive ebenfalls mit in die Forschungspraxis einzubeziehen, denn der räumlichen Beschreibung von Gesell- schaft liegt eine Doppelheit von strukturalem Ordnungs- und prozessualem Hand- lungsaspekt zugrunde, die sich zunehmend von der Akzentuierung des Pols der Raumordnung zur Hervorbringung des Pols der raumkonstitutiven Praxis verschiebt (Vgl. Dünne: 2006, 290). Es ist gerade die Dialektik der Bourdieuschen Theorie der Praxis, die zum einen den konventionellen Dualismus zwischen Mikro- und Makro- perspektive zu überwinden trachtet und zum andern eine Verknüpfung beider ge- währleistet. Insbesondere konkrete sozialökonomische Stadt- und Regionaluntersu- chungen, die die aktuellen Diskussionen um eine allgemeine Raumtheorie und eine Soziologie des Raumes zur Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Öffentlichen als dem Raum des Politischen und dem sozialen Raum berücksichtigen, sind auf eine differenzierte Methodologie, wie Bourdieu sie vorschlägt, angewiesen.
Bourdieus Überlegungen zum Raum bilden in den Forschungsarbeiten der Stadtso- ziologie, die sich paradigmatisch mit sozialer Ungleichheit auseinandersetzt, einen 1 Dass die Soziologie Pierre Bourdieus eine Soziologie von (symbolischer-) Macht und Herrschaft ist, lässt sich
bei Schwingel: 1993 ausführlich nachlesen.
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stetig bemühten Referenzpunkt, da er wie kaum ein anderer die Grenzen von Binde- strich-Soziologien überschreitet, mit dem Zweck, die im wissenschaftlichen Diskurs überwiegend getrennt konstituierten Kategorien wie Raum, Macht und soziale Un- gleichheit zusammengenommen, als sich einander bedingend in den Blick zu neh- men (Vgl. Schroer: 2006, 90).
Dem Wissenschaftler Bourdieu geht es darum, die Strukturen und Mechanismen der sozialen Welt zu erfassen, und diese Prinzipien der Konstruktion des sozialen Raum- es bzw. die Mechanismen der Reproduktion desselben in einem Modell darzustellen, um auf diese Weise die wirklichen Unterschiede auszumachen, an denen sich Struk- turen (Feld) wie Dispositionen (Habitus) scheiden. Ausgehend von seinen frühen Studien in Algerien 2 , konstituiert er den sogenannten Habitus als Brücke zwischen in- dividuellem Handeln und sozialer Struktur, der individuelles Handeln nach kollektiven Regeln 3 organisiert. So schafft er mit dem Konstrukt des Habitus eine gewisse beob- achtbare und von anderen sozialen Handlungstypen unterscheidbare Konstanz (Vgl. Dünne: 2006, 301).
Bourdieu wird oftmals dahingehend kritisiert, dass seine Habitus-Feld-Theorie keinen Raum für Veränderung zulässt und die Freiheit des Subjekts konterkariert. Müller be- zeichnet sein Konzept in diesem Sinne als „overstructuralized concept of man“ (Mül- ler: 1986, 182). Zwar gibt es nach Bourdieu tatsächlich keine direkte Möglichkeit, Ha- bitus als gegen eine bestehende Ordnung zu denken, allerdings ist sein Ordnungs- begriff selbst schon relational angelegt, d.h. er ist als unaufhörlicher Kampf um sozia- le Distinktion zu verstehen (Vgl. Dünne: 2006, 301). Angesichts dessen sind alle Ak- teure und Gruppen seiner Ansicht nach über ihre gesellschaftliche Stellung und Machtposition im sozialen Raum definiert (Bourdieu: 1985, 10). Dadurch wird der Raum zu einem Kräftefeld, das sich allen in das Feld Eintretenden als Zwang aufer- legt „[…] und weder auf die individuellen Intentionen der Einzelakteure noch auf deren direkte Interaktion
zurückzuführen ist.“ (ebd.) Dennoch geht Bourdieu von der Grundannahme aus, dass die handelnden Men- schen Strukturen schaffen und aufrechterhalten, insofern Strukturen also keine vom Menschen unabhängige Existenz aufweisen (Vgl. Löw: 2001, 180), aber anstatt die 2 Vgl. hierzu insbesondere Bourdieu: 1976
3 Zum Begriff der Regel bei Bourdieu siehe Kap. 4.2 in dieser Arbeit; zur tieferen Auseinandersetzung Bouveres-
se: 1993
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individuelle Selbstbestimmung axiomatisch einem rational denkendem und handeln- dem Subjekt zuzuschreiben, welches sich Kraft des eigenen Verstandes aus gege- benen Strukturen herauslösen kann, spricht Bourdieu von der „Institution der Frei- heit“, die sich dem historischen Erbe von Menschen verdankt, also eine gesellschaft- liche Errungenschaft ist und keine individual- persönliche (Vgl. Bourdieu: 1989d, 54).
1.2 Aufbau und Zielsetzung
Der vorliegende gesellschaftstheoretische Beitrag soll thematische Anknüpfungs- punkte für die nächste geplante Lernwerkstatt-Arbeit schaffen, die im Rahmen des Masterstudienganges Ökonomische und soziologische Studien unter der Überschrift „Metropolregion Hamburg: Soziale Ungleichheit und `neues Prekariat´“ die Partizipa- tionsmöglichkeiten im Großstadtquartier Wilhelmsburg untersuchen wird. Die Trans- formation des öffentlichen Raumes aus historisch-demokratietheoretischer Sicht steht hierbei im Zentrum. Diese theoretisch-begriffliche Anstrengung wird unternom- men, um die Teilnahme und Teilhabe der in Wilhelmsburg lebenden Menschen an Entscheidungsprozessen, die sie unmittelbar betreffen, zu untersuchen sowie in kriti- scher Perspektive die verbleibenden Handlungsoptionen herauszuarbeiten. Die Aus- wirkungen der infrastrukturellen Umbaumaßnahmen, die infolge der 2013 geplanten internationalen Bauausstellung (IBA) für die Ortsansässigen zu erwarten sind, sowie die geplante Aufwertung des als Ghetto gebrandmarkten Viertels bilden den real-po- litischen Bezugsrahmen.
Die vorliegende Arbeit liefert dem geplanten Forschungsgang insofern thematische Bezugspunkte, als dass sie in kritisch-reflexiver Absicht die zentralen Theoreme und Konzepte Bourdieus im Hinblick auf die Frage nach der Selbstbestimmung des Men- schen freizulegen versucht.
In Zeiten von Globalisierung und gesellschaftlichen Modernisierungsmaßnahmen, zu denen auch der allmähliche Rückzug des Staates zählt, finden sich immer mehr Menschen infolge verstärkter Segmentierung auf der Verliererseite wieder und resi- gnieren, wie verschiedene Milieustudien deutlich machen. 4 Sind wir in den Strukturen einer institutionalisierten Welt gefangen oder qua Natalität und Verstand selbstbestimmt handlungsfähig? Wie zu zeigen sein wird, gibt es nicht
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nur den einen oder den anderen Weg. Es ist ein Dazwischen. Anstelle eines Den- kens ohne Geländer, wie es Hannah Arendt von ihres Gleichen fordert, postuliert Bourdieu gewissermaßen ein Denken mit Geländer, denn es gibt Grenzen im sozia- len Raum (Vgl. Bourdieu: 1993e, 15).
Die in der vorliegenden Arbeit vertiefte Analyse der Bourdieuschen Theoreme greift in gesellschaftstheoretischer Absicht den unterstellten Determinismusvorwurf auf, um die Freiräume in dem System von Dispositionen herauszuarbeiten. Dem ist die The- se vorangestellt, dass der Begriff der Selbstbestimmung keineswegs aus der Bour- dieuschen Terminologie ausgeschlossen ist; er findet sich lediglich in einer dem Common sense 5 differenten Ausprägung wider.
Fern der Absicht, den komplexen Gesamtansatz Bourdieus auf partielle Aspekte re- duzieren zu wollen, werden im Folgenden die verschiedenen Theoriekomponenten bemüht, die zur Erschließung der postulierten Problematik nach eigenem Ermessen maßgeblich erscheinen. So steht das Denken Bourdieus im Zentrum des zweiten Ka- pitels, um seine komplexen Theoriebausteine zu einem einsehbaren Gerüst zusam- menzufügen.
In den folgenden Kapiteln werden die zentralen Begriffe der Machttheorie Bourdieus in den Blick genommen, deren Reihenfolge dem Anspruch gezollt ist, im Hinblick auf die zentrale Fragestellung dieser Arbeit ein schrittweises Verstehen des Bourdieu- schen Ansatzes zu gewährleisten.
Schließlich werden im Fazit die erarbeiteten Erkenntnisse zusammengefügt und un- ter kritischer Perspektive ausgewertet.
2 „Dekonstruktion“ á la Bourdieu
Wem die Debatte zwischen Derrida und Bourdieu im Kontext der Heidegger-Kontro- verse ein Begriff ist, weiß, dass die Dekonstruktion á la Bourdieu von dem Dekon- struktivismus Derridas, wenn auch nicht grundverschieden, so doch im Ausgang äu- ßerst different ist. 6 Nach Bourdieu war Derrida nicht in der Lage, die Grenzen des philosophischen Feldes zu überschreiten. Er bräche die Dekonstruktion genau dann ab, wenn sie in „Vulgarität“ (Bourdieu: 1989,87) abzugleiten drohe, so dass sie nicht 5 Common sense wird von Bourdieu im Sinne der philosophischen Semantik, gemeint als gesunder Menschen-
verstand, innerer Sinn oder Intuition, was er mit dem Denken in Alltagskategorien gleichsetzt, ins Feld geführt.
6 Zur näheren Auseinandersetzung: Bourdieu: (2005b).
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zu einer „realistischen Sicht der sozialen Welt“ (ebd.) beizutragen vermöge. Stattdes- sen leiste sie einem irrrationalistischem Nihilismus Vorschub (Vgl. Wiechers: 2002, 473,478). Bourdieu ging es vor allem darum, die Gegensätze, die die Sozialwissen- schaften künstlich spalten, aufzulösen; als den Grundlegendsten macht er die kon- struierte Opposition zwischen Subjektivismus und Objektivismus aus. Eine Wissen- schaft der Sozialwelt sei nicht auf eine der beiden Erkenntnisweisen reduzierbar (Vgl. Bourdieu: 1987, 49). Die scheinbare Antinomie der beiden Disziplinen kann aller- dings nur, und das ist der entscheidende Unterschied zu Derrida 7 , unter Wahrung der Errungenschaften beider überwunden werden (ebd., 52). Derrida hingegen stellt auch die Bedeutungssysteme der Signifikate in Frage mit dem Ziel diese im Sinne ei- ner „différance“ aufzulösen (Derrida: 2004, 31-64). Nach Bourdieu jedoch verdanken sich die Bedeutungssysteme historisch- gesellschaftlicher Errungenschaften. Sie sind gewissermaßen, um mit Kant zu sprechen, (historisches-) Wissen apriori, das nicht einfach dekonstruiert werden kann. Sich der Untersuchung des vollständigen Systems der Signifikanten zu entziehen, hieße, sich auf einen approximativen Dis- kurs zu beschränken, der höchstens den offensichtlichsten Bedeutungen auf die Spur kommt, nicht aber die Verschleierungen zu Tage bringt, die sich unter aufge- stellten Unterscheidungen tarnen (Vgl. Bourdieu: 1987, 12f; Bourdieu: 1970, 13). In diesem Sinne plädiert Bourdieu für eine kritische Reflexion über die Grenzen des wissenschaftlichen Verstehens hinaus, ohne dabei die jeweils autonomen Erkennt- nisweisen in ihrer einen oder anderen Form zu diskreditieren (Vgl. Bourdieu: 1987, 53). Fern jeder Rehabilitierungsabsicht zielt dieser Bruch mit dem Common sense darauf ab, die von der wissenschaftlichen Erkenntnis implizit angewandte Theorie der Praxis ins Licht zu rücken, um auf diese Weise eine „wahrhaft wissenschaftliche Erkenntnis der Praxis und der praktischen Erkenntnis möglich zu machen“ (ebd.). Bourdieus Haltung bezüglich der- zumindest auf metatheoretischer Ebene- für ihn fälschlich konstruierten Gegensatzpaare wie Individuum und Gesellschaft, Lebens- welt und System, Interaktionismus und Funktionalismus, Verstehen und Erklären, Mi- kro- und Makrosoziologie besteht folglich darin, die Schattierungen inmitten der bei- den Extrempunkte wieder sichtbar zu machen, um zwischen ihren relativen Wahrhei- ten systematisch vermitteln zu können (Vgl. Schwingel: 1995, 36). Bourdieu nennt die Quasi-Zusammenführung der subjektivistischen und der objektivistischen Er- kenntnisweise die praxeologische Erkenntnisweise (Vgl. Bourdieu: 1976, 146f). Ent-
7 Foucault ist hier ebenfalls neben Derrida zu nennen.
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scheidend für das Verständnis der Bourdieuschen Praxeologie ist, dass sich seine Version des Bruchs, seine Art der Dekonstruktion nicht aus philosophischen bzw. epistemologischen Überlegungen heraus entwickelt hat, sondern aus seinen empiri- schen Forschungen hervorgegangen ist. 8 Das schier unlösbare Problem der Soziolo- gie, wie der Vollzug einer praktischen Handlung zu erklären sei, bestimmt von An- fang an die Forschungsarbeiten Bourdieus. Der Strukturalismus eines Lévi-Strauss, der das Handeln als Vollzug universeller Regeln versteht, diente ihm zeitweise als Methode, um unter anderem die Kultur der Kabylen (Bourdieu: 1976) zu entschlüs- seln (Vgl. Neckel: 2002, 29). Allerdings stellte er schnell fest, dass sich in äußerst wenigen Fällen die Prinzipien der kabylischen Lebensführung mit den Diagrammen universal gültiger Regeln eines Lévi-Strauss vereinbaren ließen (ebd.).
2.1 Relationales Denken
Trotz seiner Kritik am Strukturalismus, hält Bourdieu fest, dass mit der strukturalen Methode das relationale Denken in die Sozialwissenschaften eingeführt wurde. Die- ser erste Schritt, der einen Bruch mit dem substantiellen Denken einleitete, ist eine relative Wahrheit des Strukturalismus, die es nach der Bourdieuschen Methodologie freizulegen gilt (Vgl. Bourdieu: 1987, 12,52ff). Bourdieu wendet sich konsequent ge- gen substantielles Denken, was unter dem Gesichtspunkt des Bruchs, des Versuchs der Vermittlung zwischen Oppositionen, insbesondere zwischen Individuum und Ge- sellschaft, oftmals überlesen wird (ebd.). Seine Theorie zielt darauf ab, Subjektivis- mus und Objektivismus systematisch zu verknüpfen, ohne die jeweiligen Bedeu- tungssysteme aufzulösen, was im Umkehrschluss zu der Annahme verführt, dass es diese Dinge immer schon gibt. So wird ihnen in der Regel der Status außerkultureller und vorsozialer Tatbestände verliehen (Vgl. Engler/Zimmermann: 2002, 37). Genau gegen jenes Spontandenken selbstverständlicher Routinen des soziologischen All- tagsverstandes richtet sich die Kritik Bourdieus. Er rückt die in der Soziologie vertrau- te Problematik des Subjektivismus und Objektivismus wieder ins Blickfeld und schreibt ihr in seiner Theorie einen zentralen Stellenwert zu, um zu zeigen, dass we- der Subjekt noch Objekt als gegebene Kategorien vorausgesetzt werden können (ebd.). Dass ein zentrales Hindernis bei der Vermittlung von neuen sozialwissen- schaftlichen Forschungsinhalten darin besteht, 8 Am ausführlichsten befasst sich Bourdieu mit dieser Problematik in seinem Werk „Entwurf einer Theorie der
Praxis“ (Bourdieu: 1976), das vor allem eine Art theoretisches Resümee seiner ethnologischen Forschungsarbei-
ten bietet.
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„[…]dass die Anstrengungen zur Erarbeitung einer neuen Sicht immer der Gefahr ausgesetzt sind, da-
durch hintertrieben zu werden, dass auf die neuen Konzepte die Kategorien des Spontandenkens appli-
ziert werden, gegen die jene entwickelt wurden.“ (Bourdieu: 1989, 71) liegt nach Bourdieu in der Natur der Sache. Nun ist es gerade die Bourdieusche Kri- tik am Substanzdenken, die vielen Lesern und Kommentatoren oft entgeht. Dabei geht der Dekonstruktion binärer Oppositionen der Bruch mit dem Alltagsdenken, was Bourdieu unter Common sense subsummiert, voraus (Vgl. Engler/Zimmermann: 2002, 37). Indem er die Prä-Konstruk-tionen, die ihren Ursprung in den sozialwissen- schaftlichen Routinen finden, in den Zenit seiner Theorie stellt, konstituiert er eine neue Methodologie, die das alte Vermittlungsproblem in eine völlig andere Richtung verkehrt. Elementar daran ist, dass auf die konventionellen Prämissen und die damit verbundenen Implikationen ganz verzichtet werden muss (ebd. 38). In Anbetracht dessen schlägt Bourdieu vor, die durch das Substanzdenken konstituierten substanti- ellen Realitäten wie soziologische Tatbestände zu behandeln (Vgl. Bourdieu: 1998, 7). So soll der Prozess der Herstellung wieder in den wissenschaftlichen Fokus ge- rückt werden, was bedeutet, dass die substantiellen Realitäten wie Individuen, Grup- pen oder Geschlecht eben nicht unreflektiert als Erkenntnismittel eingesetzt werden, sondern die Erkenntnismittel zum Gegenstand der Erkenntnis erhoben werden (Vgl. Engler/Zimmermann: 2002, 38). Will man also das Objekt konstruieren, muss man die Voraussetzungen explizit machen und die Prä-Konstruktionen des Objekts wie- derum soziologisch konstruieren.
Die Kritik am Substanzdenken, nämlich, dass die uns geläufigen sozialwissenschaft- lichen Kategorien, die gewöhnlich als Erkenntnismittel eingesetzt werden, als Prä- Konstruktionen von Untersuchungsgegenständen zu behandeln sind, löst das kon- ventionelle Substanzdenken im Sinne eines Denkens in Relationen ab ( Vgl. Engler/Zimmermann: 2002, 38f). Anhaltspunkte darüber, dass die soziale Welt und die sozialen Praktiken nicht als Substanzen objektiviert werden sollten, sondern als Relationen zu denken sind, finden sich bereits bei Marx:
„Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhält-
nisse aus, worin diese Individuen zueinander steh`n.“ (Marx:1857/58, 176) Dieser relationale Ansatz bricht sowohl mit dem Subjektivismus, als dessen popu- lärsten Vertreter Bourdieu durchgehend Sartre anführt als auch mit dem Objektivis- mus (Lévi-Strauss), der jegliches Handeln in einer strukturierten Matrix bewahrheitet sieht; er wendet sich den unsichtbaren, aber äußerst einflussreichen Beziehungen
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Dipl. Sozialwirtin Semra Dogan, 2007, Die Selbstbestimmung des Subjekts in der Machttheorie Pierre Bourdieus, Munich, GRIN Publishing GmbH
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