INHALTSVERZEICHNIS
INHALTSVERZEICHNIS 1
0. Zur Einführung 2
1. Die Bedeutung von Schuld und Schicksal im König Ödipus 3
1.1 Der König Ödipus eine Schuldtragödie 3
1.2 Ödipus Fehlverhalten als hamartía im aristotelischen Sinne 6
1.3 Der König Ödipus eine Schicksalstragödie 10
2. Aspekte des Tragischen im König Ödipus jenseits von Schuld und Schicksal 13
2.1 Ödipus Charakter zwischen Blindheit und unbedingtem Wissenwollen 13
2.2 Ödipus Rolle als Beflecker und Heiler des Landes 15
2.3 Ödipus tragischer Untergang 16
2.4 Die Wirkungen von éleos phóbos und kátharsis im König Ödipus 17
3. Ergebnisse und Folgerungen 18
Literaturangaben 20
Textausgaben 20
Sekundärliteratur 20
Wörterbuch 21
1
0. Zur Einführung
Das wahrscheinlich zwischen 436 und 433 v. Chr. 1 uraufgeführte Drama König Ödipus des griechischen Dichters Sophokles (497/6—406) 2 wurde seit der Poetik des Aristoteles immer wieder als Musterbeispiel der Tragödie behandelt und untersucht. Das Stück über den thebanischen König, der bei der Suche nach dem Mörder seines Vorgängers am Ende selbst als Täter entlarvt wird, wurde in unterschiedlich starker Anlehnung an Sophokles besonders in der Neuzeit in Schauspielen, aber auch in der Oper, im Film und in der erzählenden Literatur vielfach rezipiert. 3 Neben Literaturwissenschaftlern und Philosophen beschäftigten sich mit der Thematik auch Angehörige anderer Disziplinen wie etwa der Psychologie. 4 Die vorliegende Arbeit versucht die wesentlichen Aspekte der Tragik des Stückes näher zu be- stimmen. Dabei setzt sie sich zunächst mit den zwei Auffassungen auseinander, die die Deu- tungsgeschichte des Königs Ödipus bis ins 20. Jahrhundert hinein beherrschten und von denen die eine die Grundlage der Tragik des Helden in dessen angeblicher moralischer Schuld er- blickte, während die andere ihn für ein Opfer des blinden Schicksals hielt. 5 Es zeigt sich dabei, dass beide Deutungsmuster dem Stück nicht gerecht werden. Daher geht der dritte Teil auf Aspekte der Tragik im König Ödipus jenseits von Schuld und Schicksal ein. Auf diese Weise orientiert er sich an den modernen Ergebnissen der Sophokles-Forschung. Aristoteles führt in seiner Abhandlung perì poietikes (Poetik) in den für die Tragödie besonders relevanten Kapiteln 6 bis 22 immer wieder den König Ödipus als Beispiel heran, um die zentralen Kategorien seiner Theorie zu veranschaulichen. Dennoch wird hier auf eine Untersuchung verzichtet, die ausschließlich die Anwendung dieser Begriffe auf das Stück in den Blick nimmt. Da Aristoteles die Poetik in der Rückschau auf die Zeit der klassischen griechischen Tragödie schrieb und nicht etwa Sophokles sich an Aristoteles orientierte, würde sich dieses „rein strukturalistische“ 6 Vorgehen – unter Einbezug weiterer Tragödien – mehr für eine Analyse der Poetik eignen. Allerdings werden die aristotelischen Begriffe aus der Poetik, insbesondere der der hamartía, dort verwendet, wo sie die Argumentation erleichtern.
1 Laut ZIMMERMANN (2003), S. 53, gilt die ältere Datierung nach 429 v. Chr. als widerlegt. – Kurztitelangaben werden im Literaturverzeichnis erklärt (S. 21).
2 Eine erste Einführung in Sophokles’ Leben und Werk bieten z. B. LESKY (1958), S. 125—169, und ZIMMERMANN (2003), S. 51—55.
3 Vgl. zur Rezeptionsgeschichte des sophokleischen Königs Ödipus ZIMMERMANN (2003), S. 88—96. Demnach lassen sich beispielsweise anführen: Senecas Oedipus, der Oedipe von Corneille (1659) und Voltaire (1718), die beiden ersten, vollendeten Teile der geplanten Ödipus-Trilogie von Hugo von Hofmannsthal (1906/1910), La machine infernale von Jean Cocteau (Uraufführung 1934) sowie die Oper Oedipus der Tyrann von Carl Orff (Uraufführung 1959), die Novelle König Ödipus von Franz Fühmann (1966) und der Film Edipo Re von Pier Paolo Pasolini (1967).
4 ZIMMERMANN (2003), S. 88.
5 LURJE (2004), S. 1 f.
6 FLASHAR (2000/2003), S. 114.
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1. Die Bedeutung von Schuld und Schicksal im König Ödipus
Im Unterschied zu den entweder auf die Schuldfrage oder auf das Walten des Schicksals fixierten Deutungsmustern vertrat Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff am Ende des 19. Jahrhunderts die Auffassung, dass Sophokles’ Werk nicht mithilfe dieser Begriffe in ihrem modernen Verständnis interpretiert werden könne. 7 Entgegen der Behauptung, dass es sich beim König Ödipus um eine Schuldtragödie handele, argumentiert er, dass der Ödipus des Sophokles seine Gräueltaten als Unwissender und gegen seinen Willen begangen habe und dass ihm innerhalb des Stückes keinerlei Schuld vorgeworfen werde, weder in moralischer noch in juristischer Hinsicht. 8 Wilamowitz-Möllendorffs Position soll im folgenden Abschnitt anhand der Textvorlage kritisch überprüft werden, wobei auch die Besonderheit der hamartía des Ödipus erörtert wird. Anschließend geht es um die Frage, ob die Bezeichnung „Schicksalstragödie“ für den König Ödipus zutrifft.
1.1 Der König Ödipus – eine Schuldtragödie?
Wilamowitz-Möllendorffs Argument gegen die Vertreter der Schuldtragödien-Deutung, dass Ödipus seine Taten unwissentlich und gegen seinen Willen begehe, trifft zu, denn noch in der Zeit der Bühnenhandlung erzählt er Iokaste ohne Anzeichen eines Zweifels, dass sein Vater Polybos und seine Mutter Merope gewesen seien (774 f.) 9 . Dennoch liegt der Gedanke nahe, ihm eine Schuld im moralischen Sinne 10 an seinem Unglück zuzuschreiben. Ödipus’ anschließende Ausführungen (775—833) deuten nämlich darauf hin, dass er sich allzu leichtfertig mit der Gewissheit über seine Herkunft zufrieden gibt. Zunächst teilt er seiner Frau mit, dass ihm einst beim Mahl ein Betrunkener erzählt habe, er sei kein leiblicher Sohn von Polybos; daran schließt sich sein Bericht über den Besuch des Orakels, seine Flucht aus Theben und die Ermordung eines alten Mannes an. Ödipus fürchtet nun, dass sein Fluch über den Mörder des Laios (233—243, 269—272) ihn selbst treffen könnte, und bedauert, dass er in diesem Falle nicht zu seinen vermeintlichen Eltern Polybos und Merope zurückkehren dürfte, weil sich sonst der Orakelspruch erfüllen würde. Dabei drückt er nochmals seine Gewissheit aus, von Polybos abzustammen (827). Dass sich Ödipus noch zur Zeit der Bühnenhandlung in diesem Glauben wähnt, bedeutet, dass er das Ausmaß seiner Tat auch
7 LURJE (2004), S. 1 f.
8 WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF (1899), bes. S. 55.
9 Sofern nicht anders angegeben, stehen die eingeklammerten Zahlen für Versangaben aus folgender Ausgabe des Königs Ödipus, deren Übersetzung auch für nicht anders gekennzeichnete Zitate verwendet wird: SOPHOKLES: König Ödipus, in: ders.: Tragödien und Fragmente. Griechisch und deutsch, herausgegeben und übersetzt von Wilhelm Willige, überarbeitet von Karl Bayer, München 1966, S. 356—449.
10 Der Zusatz „im moralischen Sinne“ soll anzeigen, dass der „Schuldige“ ein Geschehen nicht nur verursacht hat, sondern sich dafür auch vor einer normativen Instanz verantworten muss.
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damals nicht einmal erahnte, als er bei seiner Flucht aus Korinth einen alten Mann erschlug. Der Zuschauer, der durch Teiresias bereits die Täterschaft des Königs erfahren hat (353), gewinnt hingegen den Eindruck, als hätte Ödipus längst erwägen sollen, dass er nicht der Sohn des Polybos und der Merope ist. Diese Sorge (781 bis 786) trat für ihn nach dem Besuch des Orakels offenbar völlig in den Hintergrund. Er ist sich seiner unklaren Herkunft zwar bewusst, denn als Teiresias zufällig seine Eltern erwähnt, fragt er sofort: „Welcher Mensch hat mich gezeugt?“ (437), doch hat er sie so weit verdrängt, dass er nach der ausweichenden Antwort des Sehers nicht weiterfragt. 11 Der Chor stellt Ödipus als überaus klugen Menschen vor, da er das Rätsel der Sphinx gelöst hat (507—511), doch er warnt auch: „Wer schnell denkt, strauchelt leicht“ 12 (617). Ödipus’ „schnelles“, nachlässiges Denken, dessentwegen er später auch Kreons Hinweis auf den einzigen überlebenden Zeugen am Mord des Laios ignorieren wird, 13 ist für seine Blindheit 14 charakteristisch. Es hindert ihn daran, die Möglichkeit ernst zu nehmen, dass für seine Eltern sehr viele ältere Männer und Frauen infrage kommen. Weil dieses Versäumnis vermeidbar wäre, ließe es sich ihm als moralische Schuld anrechnen. Dasselbe gilt für seine Mordtat, die ihm nach heutigem Verständnis an sich zum moralischen Vorwurf gereichen könnte. Obwohl Ödipus seine schlimmen Taten unwissentlich und unfreiwillig begeht, scheint die Deutung des Königs Ödipus als Schuldtragödie zuzutreffen. Demnach wird der Held für seine Schuld von den Göttern bestraft, was der Zuschauer gerade deshalb als tragisch empfindet, weil er das Leiden des Helden gegenüber seiner Schuld für allzu groß hält. 15 Daher lohnt es sich, näher zu untersuchen, ob und wo genau in dem Drama die Frage der Schuld und der Verantwortung im oben genannten Sinne gestellt wird.
Dabei zeigt es sich, dass die Schuldfrage keiner der auftretenden Charaktere innerhalb des Stücks jemals aufwirft. 16 Deutlich wird dies, wenn die Äußerungen der Personen an den Stellen, an denen Vorwürfe denkbar wären, im Einzelnen näher betrachtet werden. So spricht Teiresias zwar davon, dass Ödipus „des Landes frevelnder Beflecker“ (353) sei, und folgt damit Ödipus’ nachdrücklicher Aufforderung, ihm die Wahrheit kundzutun; er enthält sich
11 Vgl. dazu LEFÈVRE (1987), S. 42. – Gerade weil Ödipus seine Zweifel an der tatsächlichen Elternschaft von Polybos und Merope so offensichtlich verdrängt hat, kann er Korinth nicht aus der rationalen Erwägung heraus verlassen haben, dass das Wort eines Betrunkenen angesichts des Bekenntnisses seiner Eltern zu ihm nichts bedeute (so die Behauptung von ZIERL [1999], S. 140).
12 Übersetzung: STEINMANN (1989).
13 Vgl. LEFÈVRE (1987), S. 43 f.
14 Zu Ödipus’ Blindheit siehe unten S. 14—16.
15 Vgl. GELFERT (1995), S. 44.
16 Ausgehend von dieser These, zeigt LURJE (2004) in seiner Monographie die Widersprüche der meisten Ödi- pus-Deutungen auf. Auch MANUWALD (1992), S. 20 f., weist darauf hin, dass sich Ödipus bei seiner ersten Ah- nung, Laios getötet zu haben, im Nachhinein keine Vorwürfe macht, sondern sich um seine Zukunft sorgt (823 bis 833).
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aber jeglicher persönlichen Schuldvorwürfe. Iokaste wirft Ödipus nichts vor, sondern versucht im Gegenteil, ihn von der Enthüllung der Wahrheit abzuhalten, die ihr schon nach dem Bericht des Boten aus Korinth bewusst geworden ist, wonach er einst Ödipus von einem Hirten des Laios empfangen habe (1056 f.); als auch Ödipus die Wahrheit klar erkennt (1182), ist sie bereits in den Palast gestürzt, um sich zu erhängen (1071 f.). Der Chor singt nach der Offenbarung der Wahrheit im vierten Stasimon (1186—1222) von dem tiefen Fall des Ödipus und äußert im klagenden Wechselgesang mit diesem (1297—1366) sein Entsetzen (phríke) darüber (1306). Kreon, den Ödipus verdächtigt hatte, sich mit Teiresias gegen ihn zu verschwören (2. Epeisodion), beteuert trotzdem nach dem Fall des Helden, dass er ihn nicht verspotten oder schelten wolle (1422 f.). Ödipus selbst bezeichnet sich in der Exodos zwar als „blinden Mann“ (1322) und als „schlecht“ (kakós, 1397) und spricht davon, dass nur er seine Übel tragen könne (1414 f.), jedoch bringt er dadurch nicht die Frage nach der Schuld ins Spiel; 17 er wirft sich nämlich nichts infolge seiner Erkenntnis der Wahrheit vor, sondern stellt seine Selbstblendung als notwendige Konsequenz seiner ans Licht gebrachten Unreinheit dar, aufgrund deren er nichts Süßes mehr sehen (1334 f.) und nie wieder seinen Eltern oder den Bürgern Thebens gerade in die Augen blicken könne (1369—1385). Ebenso wenig, wie Ödipus aufgrund der schlimmen Folgen, die seine Taten für das Land haben, Schuld zugewiesen wird, wird ihm auch seine Mordtat an sich nicht als Verfehlung angelastet. Als er davon berichtet, versuchen der Chorführer und Iokaste lediglich, ihm seine Befürchtung zu nehmen, dass er der Mörder des Laios sei (834—862).
Wenn die Schuld nicht bei Ödipus liegt, kann sie bei Laios vermutet werden; doch auch hier bleibt die Suche erfolglos. Obwohl er seinen Sohn ausgesetzt und seinen möglichen Tod in Kauf genommen hat, steht seine Tat nirgends moralisch in Frage. Dies wäre auch deshalb nicht geboten, weil ihm das Orakel nicht die Zeugung eines Sohnes als Bedingung seiner Schuld genannt, sondern ihm lediglich seine Zukunft vorhergesagt hat (711—714). 18 Als Iokaste Ödipus erzählt, wie ihr Mann aus Furcht vor der Erfüllung des Orakelspruches seinen Sohn ausgesetzt hat (711—725), wird Ödipus zwar von einer schlimmen Ahnung ergriffen (726 f.), äußert sich aber nicht abfällig über Laios. Auch als Ödipus von einem Hirten erfährt, dass dieser ihn als Kind von Laios empfangen hat, weist er seinem Vater keine Schuld zu (1161—1185).
Weil die Schuldfrage im König Ödipus nicht gestellt wird, wäre es verkehrt, die Selbstblendung des Helden und seinen Auszug aus dem Land als Sühneleistungen zu
17 Vgl. REINHARDT (1976/2003), S. 102.
18 Vgl. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF (1899), S. 55.
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Oliver Haller, 2006, Aspekte der Tragik in Sophokles' "König Ödipus", Munich, GRIN Publishing GmbH
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