Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Flucht 4
3. Orientierungslosigkeit 5
4. Negative Freiheit 6
5. Form/ Sprache / Kommunikation 8
6. Die Flucht in sein Inneres 9
7. Dialektische Beziehung in Werthers Leiden 10
7.1 Natur 10
7.2 Kunst und Literatur 12
7.3 Liebe 14
8. Kinder und Kindheit 17
9. Was ist eine Depression? 19
10. Werthers Depression und Affinität zum Tod 20
Fazit 27
Literaturverzeichnis 29
2
1. Einleitung
Seit seiner Entstehung fasziniert der Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ sein Publikum. Er gehört bis heute fest zum Kanon der Literaturgeschichte. „Kein anderes deutsches Buch wurde so schnell in so viele Sprachen übersetzt wie der ‚Werther’“ 1 . Goethe wurde auf einen Schlag berühmt und eine ganze „Werther-Industrie“ entstand. Die männliche Leserschaft ahmte die Werthertracht und die weibliche die Kleidung von Lotte nach. Tassen, Teller und Fächer wurden mit dem Werthermotiv hergestellt. Sogar ein Parfum, welches sich „Eu de Werther“ nannte, tauchte auf. 2 Es wurden Pilgerfahrten zum Grab Jerusalems, der als Vorbild für den Werther gesehen wurde, angeboten. Auch „Frau Hofrat Kestner in Hannover, geborene Lotte Buff“ präsentierte sich voller „stolzer Genugtuung“ 3 als Lotte. „Es fehlte auch nicht an Nachdichtungen, Fortsetzungen und Ergänzungen.“ 4
Die Faszination, die von diesem Roman ausgeht, hat sicherlich viele Gründe. Napoleon war fasziniert von dem Liebesroman, ihn „störten [jedoch] die Nebenthemen“ 5 . „Spätere Generationen fanden die gesellschaftliche Komponente interessanter als die Liebesgeschichte“ 6 . So auch Heinrich Heine, „der die Ausweisung Werthers aus der Adelsgesellschaft für bedeutsamer ansah“ 7 . Eine große Faszination geht aber auch sicherlich von dem tragischen Schluss aus. Der Freitod Werthers wurde oft diskutiert. Religionsanhänger und Moralisten verurteilten den Selbstmord und wollten den Briefroman deshalb verbieten lassen. 8 Doch die Jugend war begeistert von dem jungen Werther und besonders von dem Schluss der Geschichte. Doch warum hat Werther den Freitod gewählt? Wenn man Werther als Liebesroman liest, ist sicherlich klar, wieso er sich das Leben genommen hat. Aber da der Briefroman viele Themen behandelt, muss man sich fragen, ob nicht auch andere Faktoren eine große Rolle spielen und dazu geführt haben, dass Werther sich das Leben genommen hat. War er wirklich ein Genie oder ein orientierungsloser Wahnsinniger? Diese Arbeit widmet sich dem Thema: Freitod von Werther. Sie möchte der Frage nachgehen, welche Faktoren Werther dabei bekräftigt haben diese schreckliche Lösung zu wählen.
1 Hauger, Brigitte: Individualismus und aufklärerische Kritik: Johann Wolfgang von Goethe: die Leiden des jungen Werthers; Friedrich Nicolai: Freunden des jungen Werthers. Stuttgart: Klett 1987. S. 87.
2 Ebd. S. 86.
3 Ebd. S. 87.
4 Ebd. S. 86.
5 Ebd.
6 Ebd. S26.
7 Ebd.
8 Vgl. Scherpe, Klaus R: Werther und Wertherwirkung. Zum Syndrom bürgerlicher Gesellschaftsordnung im 18 Jahrhundert. Bad Homburg, Berlin, Zürich : Gehlen 1970. S. 82/83.
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2. Die Flucht
Schon der erste Satz des Romans ist charakteristisch für den Protagonisten. Wie froh bin ich, daß ich weg bin! 9
Werther flieht vor seinen Problemen und kommt nach Wahlheim. Dieser Satz „steht bereits für Werthers unwiderrufliche Entscheidung, sich Zwängen der bürgerlichen Verhältnisse zu entziehen, und zugleich für den Beginn seiner Leidensgeschichte“ 10 . Er flieht in der kurzen Zeit, von Mai 1771 bis Dezember 1772 vier mal: indem er nach Wahlheim kommt, aufgrund seiner schmerzhaften Liebe zu Lotte flieht er aus Wahlheim, um eine Stelle als Gesandter anzunehmen, weil er es jedoch auch dort nicht lange aushält, geht er erneut nach Wahlheim, um einige Monate später seinem Leben zu entfliehen. Eigentlich steht der erste Satz für den gesamten Verlauf des Werthers und ist auch als eine Art Vorrausdeutung für seinen Tod. Denn dieser erste Satz könnte auch der letzte Satz des Buches sein, den Werther dem Leser aus dem Jenseits sagt. Die Flucht, die sich leitmotivisch durch den gesamten Roman zieht, zeigt uns Werther als jemanden, der sich seinen Problemen nicht stellen kann oder nicht stellen will. Er kann keine Verantwortung übernehmen. „Ausdruck dafür sind seine Fluchten, seine äußeren Wechsel, die an seiner inneren Situation nichts ändern.“ 11 Indem er seine Probleme jedoch zu Seite schiebt und verdrängt, kann er die Dinge, die ihn vorher belastet haben, nicht verarbeiten. Deshalb verschlimmert sich sein seelischer Zustand immer mehr. Nach der Rückkehr aus den Adelskreisen wird Werther vor Augen geführt, dass Lotte sich endgültig für Albert entschieden hat. „Doch diesen Umstand wird Werther ebensowenig verarbeiten wie die vorherigen zehn Monate seiner Trennung von Lotte.“ 12 Diese mangelnde Verarbeitung ist ein Charakterzug, der Werthers seelischen Zustand immer mehr verschlimmert, sodass er am Ende nur noch den Tod als weitere Flucht in Erwägung zieht. Die Flucht zeigt, dass Werther sich zu keiner Gesellschaft zugehörig fühlt. Die Orientierungslosigkeit und Suche nach einem Platz in der Gesellschaft sind weitere Faktoren, die viel zu dem grausamen Ende Werthers beigetragen haben.
9 Goethe, Wolfgang Johann: Die Leiden des jungen Werthers. (Der Nachdruck des Textes folgt originalgetreu der Erstausgabe von 1774. Hrsg. von Joseph Kiermeier.) 8. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag
2005. S.9. (4. May 1771)
10 Scherpe, Klaus R: Werther und Wertherwirkung. Zum Syndrom bürgerlicher Gesellschaftsordnung im 18 Jahrhundert. Bad Homburg, Berlin, Zürich : Gehlen 1970. S.54.
11 Castello, Maria Leonarda: Schwärmertum und Gewalt in Goethes „Werther“, Tiecks „William Lovell“ und Büchners „Lenz“. Würzburg: Hauck 1993. S.53.
12 Ebd. S.53.
4
3. Orientierungslosigkeit
Werther gehört dem bürgerlichen Stand an, doch er ist kein typischer Bürger. Er geht nicht arbeiten, da er durch seine Mutter finanziell unterstützt wird und hält nichts von den bürgerlichen Regeln und Pflichten. Auch zum Pöbel hat Werther eine besondere Beziehung Bei seiner Ankunft in Wahlheim gesellt er sich erst zu dem „sogenannten Pöbel“ 13 , doch willkommen ist Werther dort nicht:
Im selben Brief am 10. Mai beschreibt Werther seine Meinung gegenüber den Standesgrenzen. Er akzeptiert die Stände und kann sich keine Aufhebung dieser vorstellen: „Ich weiß wohl, daß wir nicht gleich sind, noch seyn können“ 15 . Dieser Satz zeigt auch, dass Werther trotz seiner Zuneigung und Verständnis zum unteren Stand, sich auch von dem Pöbel zwangsläufig abgrenzt. Im zweiten Teil zeigt sich dann Werthers Einstellung zum Adel: „Die Grenze nach unten ist fest und nötig, die Grenze nach oben allerdings eher lästig.“ 16 Was mich am meisten nekt, sind die fatalen bürgerlichen Verhältnisse. Zwar weis ich so gut als einer, wie nöthig der Unterschied der Stände ist, wie viel Vortheile er mir selbst verschafft, nur soll er mir nicht eben im Wege stehen[ ...] 17
Obwohl er sich erst sehr wohl in der adligen Gesellschaft fühlt und den Grafen C. verehrt, bemerkt er einen immer stärker werdenden Abstand zwischen sich und den Adligen. Ihn stört die „Rangsucht“ 18 und die Dummheit der Adligen. Seine Abneigung gegen den Adel spitzt sich immer mehr zu, bis er schließlich aufgrund seines Standes aus der adligen Gesellschaft verwiesen wird. Im Verlauf des Briefromans wird immer deutlicher, dass Werther keinen Platz in der Gesellschaft hat. Wie ein Heimatloser versucht er sich jedem Stand anzunähren. Doch sein Charakter hindert ihn daran seinem eigenen Stand, dem Bürgertum, anzugehörener kann und will sich einfach nicht an Regeln binden: Man kann zum Vortheile der Regeln viel sagen, ohngefähr was man zum Lobe Der bürgerlichen Gesellschaft sagen kann. [ ...]dagegen wird aber auch alle Regel, man rede was man wolle, das wahre Gefühl von Natur und den wahren Ausdruck derselben zerstören! 19
13 Goethe, Wolfgang Johann: Die Leiden des jungen Werthers. Der Nachdruck des Textes folgt originalgetreu der Erstausgabe von 1774. Hrsg. von Joseph Kiermeier. 8 Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag
2005. S.14. (10 May 1771)
14 Ebd. S. 13.
15 Ebd. S. 14.
16 Hauger, Brigitte: Individualismus und aufklärerische Kritik: Johann Wolfgang von Goethe: die Leiden des jungen Werthers; Friedrich Nicolai: Freunden des jungen Werthers. Stuttgart: Klett 1987. S. 27.
17 Goethe, Wolfgang Johann: Die Leiden des jungen Werthers. Der Nachdruck des Textes folgt originalgetreu der Erstausgabe von 1774. Hrsg. von Joseph Kiermeier. 8. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag
2005. S.83.( 24 Dec 1771)
18 Ebd. S. 82.
19 Ebd. S. 20.
5
Indem er sich weigert diesen Regeln und Pflichten nachzugehen, isoliert er sich auch von dem bürgerlichen Stand. Weil Werther keine Pflichten hat, ist er frei. Er gehört zu keinem richtig, weder zum Pöbel, noch zum Adel und auch nicht zum Bürgertum. Er fühlt sich von Anfang an nicht verstanden, weil er anders ist, und weil er niemanden kennt, der seines Gleichen ist: Mißverstanden zu werden, ist das Schicksal von unser einem. 20 Da er zu keinem gehört und keine Verpflichtungen hat, ist er nirgendwo zu Hause und wechselt ständig seine Umgebung (s. 2.1 Flucht). Auch bei seinem Tod hat Werther niemanden. Der Grund dafür ist simpel: es ist die Freiheit, die ihn einsam gemacht hat. Sie ist ein weiterer Faktor, der Werther beim Selbstmord unterstütze.
4. Negative Freiheit
Werther ist frei von den gesellschaftlichen Zwängen und ist für sich allein und froh darum.
21 Ich bin so allein und freue mich so meines Lebens
Da er keine Pflichten hat, kann er das machen, wonach ihm ist. Voller Frühlingsgefühle genießt er die Natur und beschäftigt sich mit seinen Sinneseindrücken. Das Alleinsein empfindet Werther im ersten Brief als „Balsam“: Die Einsamkeit ist meinem Herzen köstlicher Balsam in dieser paradisischen Gegend, und diese Jahreszeit der Jugend wärmt mit aller Fülle mein oft schauderndes Herz. 22
Doch das „oft schaudernde Herz“ lässt vermuten, dass Werther nicht immer mit einer guten Laune gesegnet ist, und lässt auf die noch bevorstehende Depression schließen. Wie schon in Kapitel 2.2 erwähnt, kann Werther nichts mit Regeln anfangen. Daraus folgt auch eine besonders eindeutige Position zur Freiheit: Es ist ein einförmig Ding um’s Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den grösten Theil der Zeit um zu leben, und das Bisgen, das ihnen von Freyheit übrig bleibt, ängstigt sie so, daß sie alle Mittel aufsuchen, um’s los zu werden. O Bestimmung des Menschens! 23
Was andere Menschen zu wenig haben, hat Werther eindeutig zu viel.
Die Freiheit und die Subjektivität sind zentrale Merkmale des Geniebegriffs und des Sturm und Drang. Für Edward Young, einen englischen Genietheoretiker, der auch für die deutschen Vertreter des Sturm und Drang von großer Bedeutung war, zeichnete sich ein Genie durch die „Verachtung der Gelehrsamkeit“ aus. 24
20 Ebd. S.15. (17 May)
21 Ebd. S. 11. (10 May)
22 Ebd. S. 10 (4 May)
23 Ebd S. 14-15. (17 May)
24 Sauder, Gerhard : Geniekult im Sturm und Drang. In : Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Band
3. Deutsche Aufklärung bis Französische Revolution. Erster Teilband. Hg. V. Rolf Grimminger. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1980. S. 328.
6
Durch seine Freiheitsliebe und Individualität ist Werther zwar ein Genie par excellence, doch „innere Einsamkeit ist der Preis für den Anspruch auf Selbstverwirklichung, denn ‚die meisten’ anderen Menschen teilen [...] seine Freiheitsliebe nicht“ 25 . An dieser Stelle bietet es sich an eine Theorie von Erich Fromm, einem Sozialphilosoph und Psychoanalytiker, zu erwähnen. Er lebte 1900 bis 1980. Fromm veröffentlichte 1941 „Die Furcht vor der Freiheit“, aus dem sich ein Auszug im Anhang befindet. Fromm beschreibt in seinem Werk die gleiche Furcht vor Freiheit, die Werther in seinem Brief vom 17. Mai erwähnt (s. Auszug oben). Fromm stellt fest, dass die Loslösung von Autoritäten, wie z.B. der Kirche oder Feudalherren, beim Individuum neben der äußeren Freiheit auch ideologische und ökonomische Unsicherheit auslöst. 26 Auch Werther hat sich von allen Autoritäten gelöst, die Regeln des Bürgertums interessieren ihn genauso wenig wie die des Adels. Im Buch wird keine Instanz erwähnt, die ihm gegenüber autoritär steht, sodass Werther zunähst seine Freiheit genießt. Fromm spricht in seiner Theorie von den „negativen Folgen der Freiheit“, denen sich „der einzelne [versucht] [...] zu entziehen, indem er sich freiwillig anerkannten Autoritäten wie Pflicht, Konvention, öffentliche Meinung, Gesetz, Regel, Staat und Kirche unterwirft.“ 27 So wird die Einsamkeit und Orientierungslosigkeit überwunden. Werther möchte aber diese Freiheit nicht überwinden, weil er sich, als Originalgenie, Autoritäten nicht unterwerfen kann. Das beweist seine Stelle bei dem Gesandten, ihn ärgert, dass von ihm Pünktlichkeit und ein sachlicher Schreibstil verlangt wird. 28 Er kann sich nicht den bürgerlichen Regeln unterwerfen. Er lebt seine Freiheit aus und bleibt mit seinem subjektiven Schreibstil sogar „bis in die Satzgestaltung hinein [...] ein Außenseiter.“ 29
Doch die von Werther als „Balsam“ bezeichnete Freiheit kehrt sich im Verlauf des Roman immer mehr zu einer „negative Freiheit“ um. Wie von Fromm beschrieben, verliert auch Werther seinen festen Platz in der Welt und auch die „Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens [geht bei ihm] verloren“ 30 . So treibt Werther die Einsamkeit, „Unsicherheit und Ohnmacht“ 31 in den Freitod, die er seiner Freiheit verdankt.
25 Könecke, Rainer : Stundenblätter Goethes „die Leiden des jungen Werther“ und die Literatur des Sturm und Drang. 2 Auflage. Stuttgart: Klett 1991. S. 72.
26 Vgl. ebd.
27 Vgl. ebd.
28 Goethe, Wolfgang Johann: Die Leiden des jungen Werthers. Der Nachdruck des Textes folgt originalgetreu der Erstausgabe von 1774. Hrsg. von Joseph Kiermeier. 8 Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag
2005. S. 82. (24 Dec)
29 Könecke, Rainer : Stundenblätter Goethes „die Leiden des jungen Werther“ und die Literatur des Sturm und Drang. 2 Auflage. Stuttgart: Klett 1991. S.75.
30 Fromm, Erich: Die Furcht vor der Freiheit. Wien Ullstein 1983. S. 55.
31 Ebd. S. 55.
7
5. Form/ Sprache / Kommunikation
Wie man am Beispiel seiner Arbeit beim Gesandten erkennen kann, ist Werther das Ablegen seiner subjektiven Sprache nicht möglich. Das liegt daran, dass er das Konventionelle nicht annehmen kann. Somit ist er sogar bis in sein sprachliches Ausdrucksvermögen ein Außenseiter. Goethe unterstützt mit der Wahl der monoperspektivischen Briefform den sich immer weiter isolierenden Werther. Denn „der monologische Charakter des Briefes erlaubt eine Entfaltung der Selbstdarstellung, die nicht vom Kommentar des anwesenden Partners“ 32 unterbrochen wird. Im Laufe der Geschichte kommt es immer mehr zu der „Dokumentierung des Abbruchs jeglicher Kommunikation. Werther ist als Briefpartner nur Sender, nicht Empfänger.“ 33 Seine Berichterstattungen machen aber auch immer deutlicher, dass er die Kommentare des Gegenübers gar nicht wünscht. Aber auch er selbst wird durch seine Art zu sprechen und argumentieren nicht verstanden. Jeder Brief ist eigentlich schon alleine durch die subjektive und emotionale Schilderung der Dinge ein Beispiel dafür, dass Werther die Welt der anderen auf seine eigene Art und Weise versteht. Er „stellt sich nicht deren Realität.“ 34 Ein Musterbeispiel für die gescheiterte Kommunikation zwischen Werther und seiner Umwelt ist das Selbstmordgespräch mit Albert am 12. August. Das Problem in der Diskussion ist, dass Werther zu viel von Gefühl und zu wenig von der Logik beherrscht wird. „Wer vom Gefühl beherrscht wird und dieses als einzigen Maßstab anerkennt, kann sprachlich nichts beweisen, nur ausdrücken.“ 35 Während Albert Werther plausible Argumente gegen den Freitod liefert, kann man der Argumentationsstruktur des Protagonisten nur schwer folgen. Man hat das Gefühl
„der gegenseitige Umgang ist gekennzeichnet durch die Blockierung einer Korrektur eigener Sicht, die letztlich einer Blockade von Affekten entspringt. Jeder verharrt in seiner Perspektive und unterdrückt damit sich die anderen.“ 36 Reinhart Meyer- Kalkus nennt das einen „Akt der sich vergötternden Selbstreflexion, die mit der Negation der Andersheit des Anderen auch sich selbst verfehlt.“ 37 Das eigentliche Rätsel ist, dass Werther sich darüber im Klaren ist und trotzdem nichts daran ändern möchte, denn die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den beiden werden von Werther reflektiert:
Und wir giengen auseinander, ohne einander verstanden zu haben. Wie denn auf dieser Welt keiner leicht den andern versteht 38 .
32 Castello, Maria Leonarda: Schwärmertum und Gewalt in Goethes „Werther“, Tiecks „William Lovell“ und Büchners „Lenz“. 1 Auflage. Würzburg: Hauck 1993. S. 46.
33 Hauger, Brigitte: Individualismus und aufklärerische Kritik: Johann Wolfgang von Goethe: die Leiden des jungen Werthers; Friedrich Nicolai: Freunden des jungen Werthers. Stuttgart: Klett 1987. S. 20.
34 Ebd. S. 60.
35 Ebd. S.41.
36 Ebd. S.60- 61.
37 Reinhart Meyer-Kalkus: Werthers Krankheit zum Tode. Pathologie und Familie in der Empfindsamkeit. S.92.
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Julia Charakter, 2007, Freitod und Werther, München, GRIN Verlag GmbH
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