Inhalt
I Einleitung 2
a) Grundlegendes 2
b) Zu Frauenlied und Botenauftrag im Hohen Sang 3
II Übersetzung 6
III Form 10
a) Formanalyse 10
b) Metrische Detailanalyse 11
IV Textkritik 13
V Interpretation 16
a) Inhaltsanalyse nach b C 16
b) Inhaltsanalyse nach E m 19
c) Folgerungen 22
VI Schlussbemerkung 25
VII Literatur 26
1
I. Einleitung
a) Grundlegendes
Da die Beschäftigung mit dem Minnesang, vor allem aber mit dem Hohen Sang, es immer wieder mit sich bringt, das neuzeitlich geprägte Denken in Verwirrung zu stürzen, seien folgende Grundsätze 1 noch einmal am Anfang dieser Arbeit in Erinnerung gerufen:
1. "Die Liebenden sind stets Mitglieder der höfischen Gesellschaft."
2. "Liebe ist immer illegitim." Die Gründe dafür werden jedoch nicht expliziert,
bleiben der Phantasie des Zuhörers überlassen, sind generell schlicht unwichtig 2 .
3. "Liebe ist wesentlich Sehnsucht." In der Regel scheint eine Liebeserfüllung
ausgeschlossen, dies aber nicht prinzipiell.
4. "Liebe, auch die unerfüllte und einseitige, erscheint als Wert, als Ursache
individueller und gesellschaftlicher Vollkommenheiten." Minne ist das zentrale Wort eines allgemeinen höfischen, durchaus auch erzieherisch ausgelegten Wertesystems, das an der Idealfigur 'Frau' konkretisiert wird 3 .
Niemals darf vergessen werden, dass jegliche Minnekonzeption in erster Linie fiktiv ist. Die Realität bildet zwar den Nährboden dieser Lyrik, es sollte jedoch nicht der Fehler begangen werden, ohne gewichtigen Grund Rückschlüsse auf soziale oder biographische Gegebenheiten zu ziehen. Der historische Abstand erschwert zwar eine Trennung von typisiertem Rollenspiel und auf die Wirklichkeit gemünzter Allusion. Dennoch soll im Folgenden versucht werden, eine solche Vermischung zu vermeiden. In der fiktiven Welt, die der Hohe Sang uns auftut, gelten im 1 Alle Zitate nach Liebertz-Grün, Ursula: Zur Soziologie des »amour courtois«. Umrisse der Forschung. S. 27. Dieser Versuch, den Minnebegriff der Trobadors zu fasslich zu machen, lässt sich mit kleineren Modifikationen auch auf den deutschen Minnesang übertragen. Vgl. S. 119f. sowie Schnell, Rüdiger: Causa Amoris. Liebeskonzeption u. Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur. S. 95. Im Folgenden zitiert als 'Schnell'.
2 Es ist schlichtweg nicht zu beweisen, dass die vrouwe stets verheiratet sein muss, wie dies in der älteren Forschung angenommen wird. Vgl. Schweikle, Günther: 'Die frouwe der Minnesänger. Zu Realitätsgehalt und Ethos des Minnesang im 12. Jh. In: Minnesang in neuer Sicht. S. 50 u. S. 52. Im Folgenden zitiert als 'Schweikle I'.
3 Vgl. Wallbaum, Christel: Studien zur Funktion des Minnesangs in der Gesellschaft des 12. u. 13. Jhs. S. 84, 124 u. 131. Im Folgenden zitiert als 'Wallbaum'.
2
Allgemeinen – so paradox dies aus heutiger Sicht manchmal erscheinen mag – nur die Spielregeln der Minne.
b) Zu Frauenlied und Botenauftrag im Hohen Sang
Das vorliegende Lied kann als Frauen- und Botenlied eingeordnet werden. Letztere Klassifizierung ergibt sich aus der Sprechsituation: Es handelt sich um ein Lied, in dem ein Bote selbst spricht (in diesem Fall vertritt er immer die Partei des Mannes) bzw. selbst das lyrische Ich darstellt 4 , oder aber in dem einem Boten Grüße und Nachrichten aufgetragen werden (dies in der Regel von Frauen) 5 . Nach Ingrid Kasten steht er für die "Distanz zwischen Mann und Frau sowie die Möglichkeit ihrer Überwindung 6 ". Im Hohen Sang wird der Bote darüber hinaus zu einem Vertrauten, einem "Ansprechpartner, der ein Aussprechen der Empfindung gestattet, die in der direkten Begegnung mit dem Partner nicht statthaft wäre 7 ", d. h. der Bote entwickelt sich zum Katalysator von Selbstdarstellung und Gefühlsäußerung der Liebenden 8 . Somit ist er Garant einer Kommunikation, bei der die Gesprächspartner nicht beide anwesend sein können (oder wollen), gleichzeitig schirmt er diese Kommunikation vor huote und Öffentlichkeit ab 9 .
Als Frauenlieder werden gemeinhin diejenigen Lieder bezeichnet, in denen die Rolle des lyrischen Ichs weiblich besetzt ist. Als Gattungsbezeichnung taugt der Begriff jedoch nur bedingt, da er inhaltliche Kriterien ignoriert und somit oft sehr heterogenes Material zusammenbringt 10 . Dennoch lässt sich im Allgemeinen feststellen, dass die Sprecherinnen den männlichen Rollen in den seltensten Fällen Ablehnung entgegenbringen, im Gegenteil: Das im Mittelalter geläufige Klischee von der Schwäche und Verführbarkeit der Frau scheint hier seine Spuren hinterlassen zu haben 11 . So scheitert die Liebeserfüllung im frühen Minnesang nicht etwa an der Ablehnung durch die Frau, sondern an äußeren Faktoren, der huote, den Vertretern 4 Ein Phänomen, das beispielsweise auch bei Walther zu finden ist. Vgl. Göhler, Peter: Zum Boten in der Liebeslyrik um 1200. In: Gespräche – Boten – Briefe. Körpergedächtnis und Schriftgeständnis im Mittelalter. S. 81. Im Folgenden zitiert als 'Göhler'.
5 Vgl. Schweikle, Günther: Minnesang. S. 134. Im Folgenden zitiert als Schweikle II. 6 S. Kasten, Ingrid: Das Frauenlied. Reinmar: Lieber bote, nu wirp alsô. In: Gedichte und Interpretationen. Mittelalter. S. 114. Im Folgenden zitiert als 'Kasten I'.
7 S. Göhler, S. 80.
8 Vgl. ebenda.
9 Göhler weist in diesem Zusammenhang auf die Verwandtschaft mit der aus dem Tagelied bekannten Wächterrolle hin. Vgl. Göhler, S. 84.
10 Vgl. Kasten I, S. 117.
11 Vgl. Kasten, Ingrid: The Conception of Female Roles in the Woman's Song of Reinmar and the Comtessa de Dia. In: Medieval Woman's Song. Cross-Cultural Approaches. S. 159.
3
einer missgünstigen Gesellschaft 12 . Frauenlieder und -strophen gehören mit zu den ältesten Zeugnissen des deutschen Minnesangs, verlieren jedoch in Folge des Siegeszugs des höfischen Werbelieds drastisch an Bedeutung. Dies hängt möglicherweise damit zusammen, dass die Frau im Werbelied des Hohen Sang zunehmend in eine für den Mann unerreichbare Position gerückt wird. Minne wird zu einem nahezu unmöglichen Streben, bei dem der Weg zum Ziel 13 , oder, um es mit Liebertz-Grün zu sagen: 'Liebe [...] wesentlich Sehnsucht' wird. Diese Perspektive jedoch im Frauenlied umzukehren, war angesichts jenes neuen, als Hohe Minne bezeichneten Phänomens möglicherweise uninteressant geworden, denn der Mann stellte bereits in der Realität die stärkere Partei dar 14 , so dass das Ethos des Hohen Sangs, der den romanischen Dienstgedanken zu übersteigern und entkonkretisieren suchte, nicht mehr effektiv exemplifiziert werden konnte. Zudem ist auch die Frau in der Hohen Minne fast nur noch als ideales Abstraktum präsent, an dem der Werbende seine eigene Vollkommenheit unter Beweis stellen kann. Albrecht Hausmann bemerkt in diesem Zusammenhang ganz richtig: "Je mehr der Mann sich von weiblichen Reaktionen unabhängig macht, umso mehr tritt er der Frau indifferent gegenüber. Letztlich spielt es keine Rolle mehr, ob die vom Mann unterstellten Tugenden der Frau tatsächlich eigen sind 15 ." Daher muss mit Wallbaum gesagt werden: "Die Minnesänger singen primär gar nicht von der Frau: sie sprechen von sich selbst […] 16 ".
Interessanterweise aber wird die Gattung von einigen Vertretern der 'klassischen' Periode des Minnesangs (um 1200), darunter vor allem auch Reinmar, wieder aufgegriffen 17 . Den thematischen Schwerpunkt seiner Frauenlieder bildet dabei meist der innere Konflikt der weiblichen Sprecherin, das Hin- und Hergerissensein zwischen minne und êre 18 , ein Konflikt, der durchaus auch in der Realität des Mittelalters zu finden gewesen sein dürfte. Hier wäre zum Beispiel die Doppelmoral in Hinblick auf den Ehebruch, die den Mann oft straffrei ausgehen ließ, die Frau jedoch unter Umständen sogar das Leben kosten konnte (wobei die diesbezügliche 12 S. Kasten I, S. 117.
13 Vgl. Schweikle I, S. 45.
14 Vgl. Wallbaum, S. 93ff.
15 Vgl. Hausmann, Albrecht: Reinmar der Alte als Autor. Untersuchungen zur Überlieferung u. zur programmatischen Identität. S. 193. Im Folgenden zitiert als 'Hausmann'.
16 S. Wallbaum, S. 123.
17 S. Kasten I, S. 121.
18 Vgl. Ashcroft, Jeffrey: Obe ichz lâze oder ob ichz tuo. Zur Entstehung des dilemmatischen Frauenmonologs. In: Lied im deutschen Mittelalter. Überlieferung, Typen, Gebrauch. S. 57-58. Im Folgenden zitiert als 'Ashcroft'.
4
Rechtssprechung stark von regionalen Unterschieden gekennzeichnet war) 19 , anzuführen. Auf literarischer Ebene aber stellt auch das rein fiktive Konzept der Hohen Minne einen Auslöser des Konflikts dar: Die Idealisierung der vrouwe durch den Sänger setzt diese in nicht unerheblichem Maße unter Druck, den hochgesteckten Ansprüchen gerecht zu werden 20 : Ihre eigene Liebe muss sie dabei unterdrücken und den Werbenden abweisen, will sie im Rahmen des Ideals interessant bleiben. Eine vrouwe ohne êre, ohne staete wäre dies aber sicherlich in keinem Falle.
Was aber bewegt nun Reinmar dazu, die alte Form des Frauenlieds wieder neu aufzugreifen, vor allem da sie sich – wie bereits festgestellt wurde – anscheinend weniger gut mit dem Konzept des Hohen Sanges verbinden lässt? Wenn die Frau als substantielle Persönlichkeit tatsächlich so bedeutungslos für die Minnelyrik ist, warum sie dann überhaupt als lyrisches Subjekt aktivieren? Indizien hierfür zu gewinnen soll eine Hauptaufgabe der folgenden Analyse und Interpretation sein. Wortlaut, Bezifferungen etc. beziehen sich dabei – so nicht anders vermerkt – stets auf die in der für diese Arbeit hinzugezogene Ausgabe von 'Des Minnesangs Frühling' (MF) verwendeten Varianten. Mittelhochdeutsche, nicht zitierte Ausdrücke werden kursiv gedruckt, mittelhochdeutsche Zitate kursiv und in einfachen Anführungszeichen (ebenso wie feststehende Wendungen innerhalb des Übersetzungskommentars), Zitate aus der Forschung in doppelten Anführungszeichen. Dieses System wurde vergleichbaren Alternativen vorgezogen, da es sich im Rahmen dieser Arbeit als das praktikabelste erwiesen hat. 19 Vgl. Wallbaum, S. 95.
20 Ebenda, S. 129.
5
II. Übersetzung
Es wurde versucht, eine Übersetzung anzufertigen, die möglichst getreu dem
Wortlaut des in MF vorliegenden mittelhochdeutschen Textes folgt. Größere
Abweichungen wurden nur dort in Kauf genommen, wo das Neuhochdeutsche keine
näher liegende, ohne weiteres verstehbare Übertragung mehr zulässt. Durch jeden
weiteren Kompromiss verlöre der Versuch nur seine Legitimation, da er weder den
hier postulierten Ansprüchen, noch denen einer literarischen Übertragung gerecht
würde.
Lieber Bote, nun handle 21 so,
1.
besuche ihn 22 sogleich und sage ihm dies:
Geht es ihm gut 23 und ist er froh,
bin ich jedes Mal 24 desto besser gesinnt 25 .
Sage ihm, dass er um meinetwillen 26
jederzeit solches nicht 27 tun möge,
wodurch wir getrennt würden.
21 wirp: Imp. Sg. von werben, stv., AR IIIb, wirbe, warp, wurben, geworben. S. BMZ III, 722b, 13-14.
22 sich: Imp. Sg. von sehen, stv., AR V, sihe, sach, sâhen, gesehen. 'einen sehen' = 'jmdn. besuchen'.
S. BMZ II,2, 273a, 20-22.
23 vert: 3. Pers. Sg. Ind. Präs. von varn, stv., AR VI, var, vuor, gevarn. 'wol varn' = 'gut gehen'. S.
BMZ III, 244b, 28ff.
24 iemer: Adv. S. BMZ II,1, 147a, 17-18. Anstatt 'jederzeit' wurde die vorliegende
Übersetzungsalternative verwendet, denn es scheint gemeint zu sein: Das Wohlbefinden der vrouwe ist direkt mit dem ihres Geliebten gekoppelt. Jede positive Botschaft muss auch ihren eigenen Gemütszustand in diesem Sinne beeinflussen, was durch 'jedes Mal' aber eher wiedergegeben zu sein scheint. Der angegebene Textbeleg mag dies zusätzlich stützen.
25 lebe: 1. Pers. Sg. Ind. Präs. von leben swv. Hier scheint 'gesinnt sein' passender als allgemein
'leben', da der Bezug zum vrô sîn im vorangehenden Vers, die Parallelität der Gemütszustände, besser zum Ausdruck kommt. Vgl. BMZ I, 954b, 3-4. Der Ind. Präs. in sowohl Konditional- als auch Nachsatz bezeichnet das Verhältnis von Voraussetzung und Folge, ohne dass damit jedoch etwas über die Realisierbarkeit dieser Voraussetzung gesagt wäre. Vgl. Paul, Hermann: Mittelhochdeutsche Grammatik. S. 452, § 477. Im Folgenden zitiert als 'Paul/Wiehl/Grosse'.
26 MF legt durch seine Zeichensetzung nahe, zu übersetzen: 'Sage ihm um meinetwillen, dass…' Es
erscheint aber im Sinnzusammenhang schlüssiger, schon nach 'Sage ime' ein Komma zu setzen und somit die oben gewählte Variante zu suggerieren. Vgl. Schweikle, Günther (Hrsg.): Reinmar: Lieder. Nach der Weingartner Liederhandschrift (B). Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. S. 379. Im Folgenden zitiert als 'Schweikle III'.
27 In abhängigen Sätzen ohne Negation kann iht zum Ausdruck der Verneinung werden. Vgl.
Paul/Wiehl/Grosse, S. 402, § 441.
6
Fragt 28 er, wie ich mich befinde 29 , 2.
sage 30 , dass ich in Freuden lebe.
Wo du auch kannst 31 , da bringe ihn dazu 32 ,
dass er mich mit jener Sache verschonen möge 33 .
Ich bin ihm von Herzen zugetan
und sähe ihn lieber als den hellen 34 Tag:
Das aber sollst du verschweigen.
Ehe (dass) du ihm jemals gestehst 35 ,
3.
dass ich ihm von Herzen zugetan bin 36 ,
so sieh zu, dass du zuerst die Augen aufmachst 37 ,
und höre, was ich dir sage:
Liebt 38 er mich recht in aufrichtiger Verbundenheit 39 ,
was immer ihm dann zur Freude gereichen 40 könne,
28 Vrâge: 3. Pers. Sg. Konj. Präs. von vrâgen, swv. Im Mhd. steht aufgrund der potentiellen
Möglichkeit des Gesagten der Konjunktiv im Konditionalsatz, der in der Übersetzung jedoch am besten indikativisch wiederzugeben ist. Vgl. dazu auch Paul/Wiehl/Grosse, S. 300-301, § 319 u. 320, sowie S. 450-454, § 476 u. 477.
29 gehabe: 1. Pers. Sg. Ind. Präs. von gehaben, swv. S. BMZ I, 600b, 18ff. Hier ist sowohl der Aspekt
des innerlichen Befindens als auch der des nach außen hin getragenen Benehmens gemeint, wie sich im folgenden Vers zeigt: Denn vröude ist einerseits Ausdruck des Wohlbefindens, andererseits auch Teil des höfischen Tugendkatalogs.
30 gich: Imp. Sg. von jehen, stv., AR V, gihe, jach, jahen, gejehen. S. BMZ I, 512a, 28ff.
31 mügest: 2. Pers. Sg. Konj. Präs. von mugen, Prät.-Präs. (AR V), mac, mohte. S. BMZ II,1 5a, 51 –
5b, 1. Auch hier steht im Mhd. Konjunktiv. Vgl. 28.
32 leit: Imp. Sg. von leiten, swv. S. BMZ I, 975b, 28-30. Eigentlich liegt in den Versen 3-4 ein
Kausalgefüge vor, dass mit 'da bringe ihn ab, damit er mich mit dieser Sache verschone' übersetzt werden kann. Die mit abe leiten und begeben vorliegende doppelte semantische Negativität wird in der Übersetzung jedoch zur besseren Verständlichkeit reduziert. Ebenfalls in Erwägung gezogen wurde die Übersetzung von abe leiten mit 'in die Irre führen' (vgl. abeleite, stf., BMZ I, 976b, 29ff.). Dies wurde aber aufgrund des Textbeleges in BMZ I, 975b, 28-30 und unter dem Aspekt semantischer Schlüssigkeit verworfen.
33 begebe: 3. Pers. Sg. Konj. Präs. von begeben, stv., AR V, begibe, begap, begâben, begeben. Mit
Genitiv 'jmdm. etwas erlassen'. S. BMZ I, 503a, 37-39.
34 Epitheton ornans zu tac. S. Schweikle III, S. 379.
35 verjehest: 2. Pers. Sg. Konj. Präs. von verjehen, stv., AR V, vergihe, verjach, verjahen, verjehen. S.
BMZ I, 515b, 18-21. Der Konjunktiv wird wie unter 8 bereits erklärt indikativisch wiedergegeben.
36 trage: 1. Pers. Sg. Ind. Präs. von tragen, stv., AR VI, trage, truoc, getragen. 'einem holdez herze
tragen' (bildl.) = 'jmdm. von Herzen zugetan sein'. Vgl. BMZ III, 68b, 37-38 u. Lexer I, 1328, 3-4.
37 Ein Akkusativobjekt fehlt hier, obwohl es vonnöten wäre. Schweikle ergänzt hier in seiner
Übersetzung quasi dich und kommt so zu der Wendung 'sich besehen' = 'sich vorsehen' (vgl. BMZ II,2, 276a, 44ff.). Genausogut könnte hier aber 'einen besehen' = 'jmdn. prüfend ins Auge fassen' (vgl. BMZ II,2, 275b, 34ff.) gemeint sein. Um diese Offenheit des Ausdrucks zu bewahren, wurde die oben gewählte, freiere Formulierung vorgezogen. Vgl. Schweikle III, S. 264-265.
38 Mein: 3. Pers. Sg. Konj. Präs. von meinen, swv. 'einen meinen' = 'jmdn. lieben'. S. BMZ II,1, 107b,
26ff., v. a. 36-38. Vgl. 28.
39 Hier schwingt die gegenseitige Verpflichtung beider Seiten eines Lehnsverhältnisses mit. Der
Werbende ist nicht allein dazu verpflichtet, Dienst zu leisten, die vrouwe sollte ihm dafür auch Lohn gewähren.
7
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Wolfgang Schultz, 2006, Das Konzept der Hohen Minne im Frauenlied Reinmars des Alten, Munich, GRIN Publishing GmbH
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