UNIVERSITÄT POTSDAM
Philosophische Fakultät
Institut für Germanistik
Bachelorarbeit
Zur Entwicklung von Lesemotivation in der 1./2. Klasse
durch das Lesen eines Kinderbuches
Zur Erlangung des akademischen Grades
„Bachelor of Arts“
von
Sara Nehmert
Gliederung
1. Einleitung ... 3
2. Lesemotivation in der Klassenstufe 1/2 – Notwendigkeiten und Möglichkeiten ... 5
2.1. Zum Begriff der Lesemotivation ... 5
2.2. Lesen in der Klasse 1/2 ... 8
2.2.1. Zu den Empfehlungen des Rahmenlehrplans ... 10
2.2.2. Zu den Empfehlungen der Fachdidaktik ... 11
3. Auswahlkriterien für Kinderbücher, die die Lesemotivation anregen können ... 15
3.1. Formale Kriterien ... 15
3.2. Inhaltliche Kriterien ... 16
4. Diskussion zweier Bücher in Bezug auf die Förderung der Lesemotivation ... 19
4.1. Vorwort zur Auswahl und zum Ausschluss von Kinderliteratur in diesem Beitrag ... 19
4.2. Knisters „Hexe Lilli und das verzauberte Fußballspiel“ ... 20
4.3. Zoran Drvenkars „Paula und die Leichtigkeit des Seins“ ... 24
5. Fazit ... 30
6. Literaturverzeichnis ... 33
7. Anhang ... 35
1. Einleitung
„Wir alle sind, was wir gelesen.“
Josef von Eichendorff
„Liest du mir noch was vor?“, fragen täglich viele Kinderstimmen in den unterschiedlichsten Wohnungen Deutschlands, wenn es abends heißt: „Zeit zum Schlafen!“ Das Interesse an (Bilder-)Büchern ist bei vielen von klein an vorhanden, denn das „Lesen ist ein grenzenloses Abenteuer der Kindheit“1, so die berühmte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren. Aber was geschieht mit diesem Verlangen, wenn das Kind in die Schule kommt und das Lesen selbst erlernt?
Nach der PISA-Studie 2000 und 2003 lesen 42% der deutschen Jugendlichen überhaupt nicht zum Vergnügen, wobei Deutschland hier das schlechteste Ergebnis im Ländervergleich von 32 Ländern vorweist. Knapp 10% der Jugendlichen bleiben sogar unter dem Leseniveau 1, dem Minimum eines halbwegs verständigen Umgangs mit Texten.2 Begründen lässt sich das damit, dass es nur eine sehr kleine Auswahl von Kinder- und Jugendliteratur an die Schulen schafft. Dabei handelt es sich größtenteils um Klassiker der 70er und 80er Jahre, die eine völlig andere Lebenswelt zeigen als die der Kinder heute.3 Außerdem werden fast nur realistisch-problematische Bücher gelesen, die nach einer empirischen Studie von 2002 die am häufigsten abgelehnte Gattung bei Kindern ist.4 Diese Bücher lassen sich zwar pädagogisch gut in den Lehrplan einbauen, doch scheinen sie nicht die Interessen der Schüler zu treffen. Dieses Defizit lässt sich auch mit einer Überforderung der Lehrer erklären, die sich in einem Riesenangebot von Büchern zurechtfinden müssen und am Ende lieber auf altbewährtes aus dem Klassensatz zurückgreifen. Hinzukommt die finanzielle Lage einiger Eltern, die sich das regelmäßige Kaufen von neuen Kinderbüchern nicht leisten können.5 Und was das freizeitliche Lesen angeht, so ist es das Fernsehen, das als „`Übeltäter´ zur Erklärung der Leseunlust“ herangezogen wird.6 Dabei ist das verstehende und regelmäßige Lesen in einer „modernen Gesellschaft für eine befriedigende Lebensführung in persönlicher und wirtschaftlicher Hinsicht sowie für eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben notwendig“7. Lesen stärkt die Vorstellungskraft und ist ein Schlüssel zur Sprache, zum Denken und zum Lernen,8 hält der medienpädagogische Forschungsverbund Südwest fest.
Darauf aufbauend gehen die nun folgenden Kapitel der Frage nach, welchen Beitrag Kinderbücher in der 1. und 2. Klasse zu einer fundierten Lesemotivation leisten können. Zu Beginn soll erst einmal der Begriff „Lesemotivation“ definiert werden, wonach der Rahmenlehrplan Brandenburgs für die Primarstufe auf Vorschläge zur Förderung von Lesemotivation hin untersucht wird. Im Anschluss daran werden Standpunkte der Fachdidaktik präsentiert, die Aufschluss darüber geben sollen, ob man in der 1. und 2. Klasse überhaupt schon Bücher lesen sollte bzw. kann. Des Weiteren werden die wichtigsten Kriterien eines Buches zusammengetragen, welche die Lesemotivation der Kinder fördern können. Abschließend werden dann zwei Kinderbücher vorgestellt und auf der Basis der vorgestellten Kriterien mit Blick auf die Lesemotivation hin analysiert.
2. Lesemotivation in der Klassenstufe 1/2 – Notwendigkeiten und Möglichkeiten
2.1 Zum Begriff der Lesemotivation
„Kinder lesen nicht selbstständig, weil sie zu gering in ihrer Lesefertigkeit gefördert werden.“9, lautet die These aus dem Jahre 1978, die eine allgemeingültige Aktualität genießt. Sie betont den engen Zusammenhang zwischen der Lesefähigkeit und der Lesemotivation. Zu erklären ist das damit, dass dem Schüleranfänger das Lesen schwer fällt und eher einer unbeliebten Arbeit, statt einem unterhaltsamen Vergnügen, gleicht. Deshalb hat der Deutschunterricht der ersten beiden Jahrgangsstufen eine hohe Verantwortung, da dieser die Grundlage für eine fundierte Lesekompetenz und somit für eine dauerhafte Lesemotivation schaffen muss, die u. a. maßgebend für ein lebenslanges Lernen ist. Carsten Gansel hat dazu eine These formuliert, welche die Notwendigkeit der Lesemotivation für den Bildungserfolg des Deutschunterrichts auf den Punkt bringt: „Die allgemeinen Ziele des Deutschunterrichts im Umgang mit Texten sind nur erreichbar, wenn […] Lesemotivation […] gelingt.“10
Doch was genau ist eigentlich unter „Lesemotivation“ zu verstehen? Heckhausen beschreibt Motivation als „die momentane Bereitschaft eines Individuums“, „seine sensorischen, kognitiven und motorischen Funktionen auf die Erreichung eines künftigen Zielzustandes zu richten und zu koordinieren.“11 Dabei unterscheidet er zwischen einer intrinsischen (inneres Bedürfnis wie Lust) und einer extrinsischen (äußere Anreize wie Notendruck) Motivation,12 wobei für diesen Beitrag lediglich die intrinsische Motivation von Interesse ist.
[....]
1 Medienpädagogischer Forschungsbund Südwest: Lesen. 10 Antworten.
http://www.mpfs.de/fileadmin/Infoset/mpfs_lesen_DownloadHP.pdf, S. 2, 8.8.2007.
2 Deutsches PISA-Konsortium (hrsg. von): PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich, Opladen 2001, S. 113-115.
3 Kliewer, Annette: Klassier – oder? Kinder- und Jugendliteratur in den Sekundarstufen, Baltmannsweiler 2005, S. 1.
4 Richter, Kathrin / Plath, Monika: Die Bedeutung der Entwicklung von Lesemotivation in der Grundschule. Ergebnisse einer repräsentativen empirischen Erhebung. In: Franz, Kurt / Payrhuber, Franz-Josef (hrsg. von): Lesen heute. Leseverhalten von Kindern und Jugendlichen und Leseförderung im Kontext der PISA-Studie, Baltmannsweiler 2002, S. 48, 53.
5 Kliewer: 2005, S. 2.
6 Plath, Monika: Zur Bedeutsamkeit von Lesen und Fernsehen. In: Grundschule. Kunst im Medialzeitalter. Lesemotivation ( = Zeitschrift für die Grundstufe des Schulwesens mit „Mitteilungen des Grundschulverbandes e. V.“), Jg. 34, H. 7-8, 2002, S. 35.
7 PISA-Konsortium Deutschland (hrsg. von): PISA 2003. Der Bildungsstandard der Jugendlichen in Deutschland – Ergebnisse des zweiten internationalen Vergleichs, Münster 2004, S. 94.
8 Medienpädagogischer Foschungsbund Südwest: Lesen. 10 Antworten.
http://www.mpfs.de/fileadmin/Infoset/mpfs_lesen_DownloadHP.pdf, S. 2, 8.8.2007.
9 Wedel-Wolff, Annegret von / Rappsilber-Kurth, Dora: Weiterführender Leseunterricht, Braunschweig 1978, S. 6.
10 Gansel, Carsten: Moderne Kinder- und Jugendliteratur. Ein Praxisbuch für den Unterricht, Berlin 1999, S. 46.
11 Heckhausen, Heinz: Förderung der Lernmotivation und der intellektuellen Tüchtigkeiten. In: Roth, Heinrich (hrsg. von): Begabung und Lernen. Deutscher Bildungsrat, Gutachten und Studien
der Bildungskommission, Bd. 4, 9. Auflage, Stuttgart 1974, S. 194.
12 Heckhausen: In: Roth: 1974, S. 196f.
Quote paper:
Sara Nehmert, 2007, Zur Entwicklung von Lesemotivation in der 1./2. Klasse durch das Lesen eines Kinderbuches , Munich, GRIN Publishing GmbH
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