Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Jugend und Jugendkultur 5
2.1 Definition des Begriffs Jugend 5
2.2 Jugendkultur 10
2.2.1 Jugendkultur und Gruppenkonzept 10
2.2.2 Jugendkultur und Medien 12
3. Jugendsprache 14
3.1 Jugendsprache in der Sprachvielfalt 16
3.2 Merkmale der Jugendsprache 23
3.3 Das Verhältnis von Jugendsprache und Medien 29
3.4 Funtionen der Jugendsprache 32
3.5 Jugendsprache und Sprachwandel 35
3.5.1 Sprachwandel innerhalb des jugendlichen Mikrokosmos 36
3.5.2 Verbreitung von Innovationen über den Mikrokosmos hinaus 37
3.5.3 Das Stufenmodell Kotsinas zur Verbreitung sprachlicher
Innovationen (Übernahme aus der Makroperspektive der
Sprecher 39
3.5.4 Übernahme aus der Mikrosperspektive der Sprecher 42
3.5.4.1 Akkomodation Imitation oder Mitnahme ins
Erwachsenenalter 42
3.5.4.2 Medien 44
3.5.5 Jugendsprachliche Bezeichnungen in allgemeinsprachlichen
Wörterbüchern 44
3.6 Jugendsprache in der wissenschaftlichen Tradition 49
3.6.1 Historische Studentensprache 50
3.6.2 Historische Pennälersprache 57
3.6.3 Forschungen zur Jugendsprache nach 1945 59
3.7 Moderne Jugendsprachenforschung 62
3.7.1 Traditionelle und ethnographische Jugendsprachenforschung 63
3.7.1.1 Jugendsprache in der traditionellen Forschung 63
3.7.1.2 Jugendsprache in der ethnographischen Forschung 65
2
3.7.2 Androutsopoulos linguistische Beschreibung der
Jugendsprache 69
4. Jugendsprache bei Kindern 72
4.1 Gründe für das potentielle Auftreten jugendsprachlicher Merkmale
in der Sprache von Kindern 72
4.2 Methoden und Korpusbeschreibung 78
4.3 Die Untersuchungsgruppe 80
5. Analyse des Auftretens jugendsprachlicher Merkmale in der Sprache
von Kindern 82
5.1 Wortbildung 82
5.1.1 Modifikation 84
5.1.1.1 Verbmodifikation 84
5.1.1.2 Intensivpräfigierung 86
5.1.1.3 Modifikationssuffixe 89
5.1.1.4 Kurzwortbildung 91
5.1.2 Komposition 93
5.1.3 Ableitung 94
5.1.4 Konversion 95
5.2 Phraseologie 98
5.2.1 Kollokation 98
5.2.2 Funktionsverbgefüge 100
5.2.3 Phraseolexeme 100
5.3 Syntaktische Muster 101
5.3.1 Morphosyntaktische Rahmenphänomene 102
5.4 Wortschatz 106
5.5 Entlehnungen 112
6. Fazit 113
7. Literaturverzeichnis 116
8. Anhang 121
8.1 Abbildungen 121
8.2 Transkribierungen 125
3
1. Einleitung
„Komm, lass uns ne Schnecke angraben!“
Jugendsprache ist ein vieldiskutiertes Phänomen unserer Zeit, das die Gemüter spaltet: während die einen die heutige Jugendsprache als „kulturlos“ bezeichnen und mit ihr einen allgemeinen Niedergang „der guten Sitten“ verbinden, versuchen gerade Sprachwissenschaftler der heutigen Zeit, diese sogenannte „Jugendsprache“ näher zu beschreiben: Was ist Jugendsprache, wer verwendet sie, warum wird sie verwendet und wie lassen sich ihre Merkmale beschreiben?
Insbesondere seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden zahlreiche Untersuchungen, die sich auf die Beschreibung der Jugendsprache konzentrieren, doch all diese Beschreibungen gehen von unterschiedlichen Gesichtspunkten aus, so dass eine „einheitliche“ Beschreibung der allgemeinen Jugendsprache bisher noch nicht möglich war. Zu sehr variieren die Meinungen bereits bei der Definition des Begriffs „Jugend“ an sich: Was ist „Jugend“, wie lässt sich diese spezielle Lebensphase von anderen Phasen im Leben eines Menschen abgrenzen und wer ist zur Gruppe der Jugendlichen zu zählen?
Aus diesem Grund existieren vielfältige Definitionen von „Jugendsprache“, die sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen, sich andererseits jedoch auch ergänzen können.
Im Zuge dieser Ausarbeitung werde ich mich daher zunächst auf die Definition des Begriffs „Jugend“ und „Jugendkultur“ konzentrieren, bevor ich auf die unterschiedlichen Aspekte und Forschungsrichtungen bezüglich der Jugendsprache eingehen werde. Es muss erläutert werden, wer zur Gruppe der Jugendlichen gezählt werden kann und durch was diese Phase im Leben eines Menschen bestimmt ist. Erst auf dieser Grundlage kann geklärt werden, was sich hinter dem Begriff „Jugendsprache“ verbirgt, wer sie verwendet, warum sie verwendet wird und welche Merkmale sie aufweist, bzw. durch welche Merkmale sich die Jugendsprache gegenüber anderen Varietäten auszeichnet und abgrenzt.
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Erst wenn geklärt ist, welche spezifischen Merkmale die Jugendsprache aufweist, kann in einem weiteren Kapitel darauf eingegangen werden, ob diese Merkmale auch in der Sprache von Personen auftreten, die gemeinhin nicht zur Gruppe der Jugendlichen gezählt werden. Meine Ausarbeitung konzentriert sich auf die Frage, inwiefern jugendsprachliche Merkmale bereits in der Sprache von Kindern oder Präadoleszenten auftreten und welche Funktion Jugendsprache im Sprachgebrauch von Kindern einnimmt.
Um diese Aspekte zu klären, werde ich Jannis Androutsopoulos ausführliche Beschreibung jugendsprachlicher Merkmale als Vergleichsbasis zu einem von mir erhobenen Korpus verwenden. Dieses Korpus basiert auf zahlreichen begleitenden Beobachtungen und Tonbandaufnahmen, die innerhalb einer Gruppe von Präadoleszenten und Kindern über ein halbes Jahr hinweg durchgeführt wurden. Die Ergebnisse dieser begleitenden Beobachtungen und Tonbandaufnahmen werden in einem Korpus zusammengefügt und dieses Korpus wird mit Jannis Androutsopoulos Forschungsergebnissen zu den Merkmalen der aktuellen Jugendsprache verglichen. Auf diesem Weg soll festgestellt werden, inwieweit jugendsprachliche Merkmale bereits in der Sprache von Kindern und Präadoleszenten vorhanden sind.
Diese Arbeit verwendet überwiegend das generische Maskulinum, um Formulierungen möglichst einfach und übersichtlich zu gestalten. Daher sei an dieser Stelle betont, dass sich meine Ausarbeitung, selbst wenn nur von „Schülern“ oder „Sprechern“ die Rede ist, auf beide Geschlechter bezieht.
2. Jugend und Jugendkultur
2.1 Definition des Begriffs „Jugend“
Der Begriff "die Jugend" scheint zu vermitteln, dass es ein mehr oder weniger abgegrenztes Objekt gibt, das den Namen "Jugend" trägt. In der Jugendsoziologie herrscht jedoch keinesfalls Klarheit darüber, was Jugend
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wirklich ist und welcher Personenkreis dazu zählt. Jede Definition von Jugend durch Abgrenzung einer festen Altersklasse scheitert und sowohl biologische Erklärungen als auch juristische Abgrenzungen sind einem raschen Wandel unterworfen. 1
Die wissenschaftliche Jugendforschung bezeichnet häufig die Pubertät als Beginn des Lebensabschnitts Jugend und glaubt auch das Ende der Jugend relativ genau festlegen zu können, zum Beispiel durch den Eintritt ins Berufsleben oder durch eine Familiengründung oder durch die Übernahme bestimmter sozialer Rollen in der Gesellschaft. 2 Aus dieser Sicht liegt die Phase der Jugend für den einzelnen zwischen biologischer Geschlechtsreife und sozialer Reife, wobei man auch von sozialen „Teilreifen" 3 sprechen kann, die jeder einzelne durchläuft. Es erscheint diesbezüglich allerdings nicht sinnvoll, nach strikt voneinander abgegrenzten Entwicklungsstufen, bzw. Teilreifen zu suchen, die alle Verhaltens- und Erlebnisformen eines bestimmten Altersabschnitts umfassen, da sich die Entwicklung eines Individuums eher als ein kontinuierlicher Prozess, als eine "Kette von Lernvorgängen" gestaltet, die vielfach unmittelbar nach Reifung der erforderlichen Funktionen einsetzen und mehr oder weniger bis zum Erwachsenenalter kontinuierlich weiterlaufen. 4
Die soziologische Betrachtung von Jugend beginnt August B. Hollingshead zufolge mit der Einsicht, dass es sich nicht um eine natürliche, eine biologische Kategorie, sondern um eine gesellschaftlich definierte und institutionalisierte Gruppe handelt:
"Soziologisch gesehen ist die Jugend die Periode im Leben eines Menschen, in welcher die Gesellschaft, in der er lebt, ihn [...] nicht mehr als ein Kind ansieht, ihm aber den vollen Status, die Rollen und Funktionen des Erwachsenen noch nicht zuerkennt. Hinsichtlich des Verhaltens ist sie definiert durch die Rollen, die der junge Mensch kraft
1 Vgl. Pörksen, Uwe und Weber, Heinz: Jugendsprache. Antworten auf die Preisfrage: Spricht die Jugend eine andere Sprache? Heidelberg 1984, S. 65.
2 Vgl. Nowottnick, Marlies: Jugend, Sprache und Medien. Untersuchungen von Rundfunksendungen für Jugendliche. Berlin, New York 1989, S. 22.
3 Vgl. Henne, Helmut: Jugend und ihre Sprache. Darstellung Materialien Kritik. Berlin 1986, 202. 4 Vgl. Steinig, Wolfgang: Soziolekt und soziale Rolle. Untersuchungen zu Bedingungen und Wirkungen von Sprachverhalten unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen in verschiedenen sozialen Situationen. Düsseldorf 1976, S. 115.
6
seines Status in der Gesellschaft spielen soll und darf, zu spielen genötigt oder verhindert ist. Sie ist nicht durch einen besonderen Zeitpunkt bestimmt, etwa die körperliche Pubertät, sondern nach Form, Inhalt, Dauer und Abschnitt im Lebenslauf von verschiedenen Kulturen und Gesellschaften verschieden eingegrenzt." 5
Auf "Jugend" als gesellschaftliche Gruppe beziehen sich die meisten neueren Ansätze der sozialwissenschaftlichen Jugendforschung. Diese wird heute als Forschungsrichtung angesehen, in der unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen mit einer großen Anzahl von Theorien und Untersuchungen über die Jugend vertreten sind. Die älteren Jugendtheorien gehen oftmals von der Existenz eines „Durchschnittsjugendlichen“ aus, während neuere Studien differenziertere Modelle entwerfen, Jugendkonzepte anhand konkreter Probleme aufstellen und auf eine allgemeine Jugendtheorie verzichten. Doch auch wenn man von der Annahme ausgeht, dass es kein einheitliches Jugendkonzept geben kann, kann man durch vorhandene Jugentheorien – und deren Vergleich – durchaus Einblick in die Strukturen der „heutigen Jugend“ gewinnen. 6
Auch Friedrich Tenbruck zufolge ist "Jugend" nicht nur eine bestimmte Phase im Lebenslauf eines Menschen, sondern eine Altersrolle die gesellschaftlich bestimmt ist. Jugend ist bei ihm also nicht biologisch, sondern sozial fundiert.
Die heutige, „moderne Jugend“ 7 entwickelt sich Tenbruck zufolge im Rahmen einer industriellen, arbeitsteiligen Gesellschaft, welche unter anderem durch starke Differenzierung und eine große Anzahl von ineinandergreifenden Rollen ausgezeichnet ist. Diese Strukturen der modernen Gesellschaft führen Tenbruck zufolge zu einer „institutionalisierte Entgrenzung“ - einer Abgrenzung von traditionellen lokalen Gruppen (z.B. der Familie) - während altershomogene Sekundärgruppen (Schule, Vereine etc.) für Jugendliche an Bedeutung gewinnen 8 : Das "ehemalige Kind" durchläuft in der Adoleszenz eine
5 Hollingshead, August B.: Elmotown`s Youth. New York 1949. In: Neuland, Eva (Hrsg.): Jugendsprache-Jugendliteratur-Jugendkultur. Interdisziplinäre Beiträge zu sprachkulturellen Ausdrucksformen Jugendlicher.Frankfurt am Main 2003, S. 11.
6 Vgl. Nowottnick 1989, S. 23.
7 Vgl. Tenbruck, Friedrich: Jugend und Gesellschaft. Freiburg 1966, S. 26. In: Henne 1986, S. 201. 8 Vgl. Tenbruck, Friedrich: Jugend und Gesellschaft. Freiburg 1966, S. 26. In: Henne 1986, S. 201.
7
Entwicklung hin zum autonomen, unabhängigen Individuum und "entwächst " damit gleichzeitig seiner Familie. Der Einfluss der Erwachsenen nimmt daher auf die Form des Denkens, Sehens und Fühlens der "Kinder" im Zuge ihrer Adoleszenz ab, diese Lücke wird jedoch gleichzeitig durch Beziehungen zu Gleichaltrigen ( innerhalb der bereits erwähnten "altershomogenen Sekundärgruppen" ) wieder geschlossen. Beziehungen zu Gleichberechtigten aufzunehmen stellt für Heranwachsende also eine neue Betrachtungsweise der vertrauten Welt und zugleich auch einen Wendepunkt dar. 9
Diese soziale Interaktion und Bindung ist gleichzeitig verbunden mit der "Entwicklung von Unterschieden", mit der Entwicklung einer Persönlichkeit. Dieser Prozess wird das "Streben nach Ich-Identität" und die "Schaffung eines Selbstbildes" genannt, zwei wichtige Aspekte der Jugendphase. Jugendliche nähern sich langsam dem Status des "Erwachsenen", sind bemüht, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden und ein eigenes Lebensprogramm zu erstellen und wollen gleichzeitig einen Plan aufstellen, um die Welt der Erwachsenen zu verändern. 10 Gerade durch die Interaktion innerhalb altershomogener Sekundärgruppen gelingt es ihnen, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln (Ich-Identität), denn vor allem durch das, was er in diesen Gruppen sagt und tut, offenbart jeder Mensch seine eigenen Wesenszüge, die sich von denen anderer unterscheiden. Auf der Basis dieser offen dargelegten Identitäten werden wiederum Beziehungen innerhalb einer Gruppe geknüpft (Wir-Bewusstsein). Hierdurch lernen Heranwachsende nicht nur andere Menschen kennen, sondern durch die Spiegelung in anderen auch sich selbst. 11 Die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit einerseits und das Eingehen sozialer Bindungen andererseits sind also zwei sich ergänzende Prozesse, die in der Entwicklung Jugendlicher wirksam werden und häufig innerhalb von altershomogenen Sekundärgruppen stattfinden.
Es ist selbstverständlich anzumerken, dass diese Prozesse oft mit der Infragestellung des Selbst, mit Zweifeln und Experimenten verbunden sind. 9 Vgl. Britton, James: Die sprachliche Entwicklung in Kindheit und Jugend. Düsseldorf 1973, S. 220.
10 Vgl. Britton 1973, S. 228.
11 Vgl. Arendt, Hannah: The Human Condition. Chicago 1958. In: Britton 1973, S. 219.
8
Im optimalen Fall geht der Mensch aus der Adoleszenz als ein mehr oder weniger gefestigtes und integriertes Individuum hervor, das sich seiner selbst als Mensch bewusst ist und bis zu einem gewissen Grad seine Selbstdarstellung und Selbstbewertung mit den Eindrücken abgestimmt hat, die er auf andere Menschen macht. 12
Mit dieser "institutionalisierenden Entgrenzung" von traditionellen lokalen Gruppen und der Zuwendung Jugendlicher zu altershomogenen "Sekundärgruppen" verbindet sich Tenbruck zufolge auch eine enorme Verlängerung der Jugendspanne. Durch die Verlängerung der Pflichtschulzeit und höhere Prozentsätze jugendlicher Studierender, aber auch durch die erzwungene Arbeitslosigkeit Jugendlicher und fertiger Akademiker zögert sich der Eintritt in den Arbeitsprozess für immer mehr Menschen immer länger hinaus. 13 Diese verzögerten Eingliederung in die Erwachsenenrolle ist seit den 60er/70er und besonders seit den 80er Jahren des 20. Jahrunderts, als eine breitere Bevölkerungsschicht in das Bildungssystem integriert wurde, weit verbreitet vorzufinden. Das heißt, dass zunehmend mehr Menschen nach der Jugendzeit als Schüler nicht ins "Erwachsensein", sondern in eine "Nach-Phase des Jungseins" (Post- Adoleszenz) übertreten. Sie verselbständigen sich in sozialer, moralischer, intelektueller, politischer, erotisch-sexueller, allgemein in soziokultureller Hinsicht, ohne jedoch wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen. 14 Bernhard Schäfers versucht in diesem Sinne die Jugend der Gegenwartsgesellschaft in drei Phasen einzuteilen, um die unterschiedlichen Phasen der Jugend grob zu beschreiben:
● 13- bis 18jährige (pubertäre Phase): Jugendliche im engeren Sinn; ● 18- bis 21jährige (nachpubertäre Phase): die Heranwachsenden; ● die 21- bis 25jährigen (und ggf. Älteren): die jungen Erwachsenen (die "Post-Adoleszenten") , die aber ihrem sozialen Status und ihrem Verhalten nach zum großen Teil noch als Jugendliche anzusehen sind. 15
12 Vgl. Britton 1973, S. 221f.
13 Vgl. Pörksen und Weber 1984, S. 65.
14 Vgl. David, Barbara: Jugendsprache zwischen Tradition und Fortschritt. Ein aktuelles Phänomen im historischen Vergleich. Alsbach 1987, S. 7.
15 Schäfers, Bernhard: Soziologie des Jugendalters. Opladen 1982. In: David, Barbara: Jugendsprache zwischen Tradition und Fortschritt. Ein aktuelles Phänomen im historischen Vergleich. Alsbach 1987,
9
2.2 Jugendkultur
2.2.1 Jugendkultur und Gruppenkonzept
Verbunden mit der "modernen Jugend" ist Tenbruck zufolge eine gewisse Ausbildung von "Teilkulturen" der Jugend, die sich durch Eigenständigkeit, Eigenart, Selbstkontrolle und Abbau der Orientierung an den Erwachsenen auszeichnen, so zum Beispiel durch bestimmte Formen des Umgangs, des Sports und des Vergnügens sowie eine eigene Mode, Literatur, Musik und Sprache. 16
Jugendkultur basiert hauptsächlich auf dem Gruppenkonzept. Bei der Definition des soziologischen Begriffs „Gruppe“ ist folgendes zu berücksichtigen: Im engeren Sinn versteht man unter Gruppen gesellschaftliche Gebilde von mehreren Personen, die eine "innere Einheit zeigen", was sich im „Wir-Bewusstsein“ ausdrückt 17 , wobei Anschauungen, Interessen, Werte und Ziele der Gruppe verbindend wirken. Eine Gruppe grenzt sich nach außen durch „Abzeichen“ ab, durch welche die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe markiert wird. Unter Gruppenabzeichen versteht man unter anderem Lebensstilelemente wie Kleidung, Frisur, Gestik, Verhalten und Sprache. Jugendliche Gruppenmitglieder neigen daher zum Beispiel häufig dazu, unter anderem die vorgegebene Sprache (und nicht zuletzt sich selbst) in verschiedener Hinsicht innerhalb einer Gruppe zu verändern. Diese Abweichungen dienen sowohl der Distanzsicherung gegenüber der Erwachsenenwelt als auch der Solidarität unter den einzelnen Gruppenmitgliedern sowie der Identitätstiftung an sich. 18
S. 7.
16 Vgl. Tenbruck 1965. In: Nowottnick 1989, S. 23 f.
17 Vgl. Nowottnick 1989, S. 24.
18 Vgl. Henne 1986, S. 205.
10
Jugendkultur entsteht nach Marlies Nowottnick in dreifacher Hinsicht: 19
1) Peer-Groups:
Die Bezeichnung „Peer-Group“ ist eine Übernahme aus der amerikanischen Soziologie, wobei man "Peer-Group" mit einer Gruppe "Gleichaltriger" oder "Gleichgestellter" definieren kann. Diese Gruppen oder Cliquen setzen sich meistens aus Jugendlichen etwa gleichen Alters und ähnlicher sozialer Herkunft zusammen, die gemeinsame Interessen und Einstellungen teilen. Man kann generell feststellen, dass sich das familiäre Milieu eines Kindes in aller Regel nicht sehr stark von dem Herkunftsmilieu seiner Freunde aus der Peer-Group unterscheidet. 20 Die Rahmenbedingungen für „Peerbeziehungen“ werden durch die Gesellschaft bestimmt, d.h. dass kulturelle Bedingungen spezifische Voraussetzungen für das Leben in Peer-Groups schaffen. 21 In diesen Gruppen Gleichaltriger bzw. Gleichgestellter werden Lebensformen erprobt, die der individuellen Orientierung dienen aber auch soziale Erfahrungen im Umgang mit Menschen vermitteln. 22 Peer-Groups spielen eine wichtige Rolle in der sozialen Orientierung und in der Identifikation Jugendlicher, in ihnen bilden sich gemeinsam geteilte Werte und Normen aus, die für das soziale und sprachliche Handeln Jugendlicher relevant sind.
2) Subkulturelle Gruppen:
Peer-Groups orientieren sich oftmals an subkulturellen Strömungen, allerdings ist nicht jede Peer-Group einem bestimmten Subkulturstil (zum Beispiel Punk-, Grunge- oder Rockerstil) zuzuordnen. Jugendliche selbst bezeichnen sich weniger häufig als fest zugehörig zu solchen Subkulturgruppen. Sympathien, Toleranz oder Abneigung gegen einzelne Stile sind dagegen geschlechts-, schichten-, bildungs- und altersabhängig bei den meisten Jugendlichen festzustellen. 23
19 Vgl. Nowottnick 1989, S. 25.
20 Vgl. Steinig 1976, S. 117.
21 Vgl. Henne 1986, S. 205.
22 Vgl. Nowottnick 1989, S. 25.
23 Vgl. Nowottnick 1989, S. 25.
11
3) Gruppe der Jugendlichen: Die Peer-Groups und die subkulturellen Gruppen sind makrostrukturell gesehen Teil einer virtuellen Großgruppe Jugend. Obwohl sich diese Großgruppe heterogen zusammensetzt, ist jedoch auch durchaus Konformität zwischen diesen Gruppen zu beobachten, was durch die relativ „uniformen“ Peer-Groups vermittelt wird. Diese sogenannte "Uniformierung" (zum Beispiel bestimmte Kleidung, bestimmte Frisuren oder Accessoires) wird von den Jugendlichen selbst jedoch nicht als solche eingeschätzt, sondern wird als „stildifferenzierende Variante“ angesehen. 24 Während die einen also eine "Uniformierung" der Peer-Grooups feststellen, bezeichnen die Mitglieder dieser Peer-Groups den selben Umstand als Möglichkeit, um sich von der "Masse" abgrenzen zu können und verstehen darunter gerade das Gegenteil einer "Uniformierung".
2.2.2 Jugendkultur und Medien
Als es noch keine modernen Medien gab, waren Menschen hauptsächlich auf den direkten Kontakt mit ihren Mitmenschen angewiesen, Neuerungen und Neuigkeiten wurden damals nicht über das Radio, das Internet oder das Fernsehen verbreitet, sondern wurden über die Hauptverkehrswege durch menschlichen Kontakt von Ort zu Ort gebracht. Heute jedoch ist dieser Vorgang durch die modernen Medien ungemein beschleunigt worden. Neuigkeiten und Neuerungen können in Sekundenschnelle aus jedem noch so abgelegenen Winkel Deutschlands abgerufen werden. 25
Tenbruck spricht den Medien eine gruppenverbindende Funktion zu, da sie die Jugendlichen mit fast allen Teilen, Gruppen und Inhalten der Gesellschaft verbinden, aber auch die Jugendlichen als Gruppe von Gleichaltrigen zusammenhalten. Die Aneignung jugendkultureller Elemente – auch der sogenannten Jugendsprache – ist mithilfe der Medien auch über die Peer- Group hinaus möglich. Erst durch die Medien wurde daher die Ausbildung einer mehr oder weniger „allgemeinen“ Jugendkultur möglich, da sie die
24 Vgl. Nowottnick 1989, S. 25.
25 Vgl. Interview mit dem Sprachwissenschaftler Heinz Dieter Pohl im April 2007.
http://www.zurzeit.at/index.php?id=79 (05.06.2007)
12
Verbreitung von Jugendkultur als Kultur „der“ Jugend vorantreiben. 26 Jugendkultur erfasst zum einen die von der Kulturindustrie angebotenen Produkte (Mode, Frisuren, etc.) und Medienprodukte wie Musik aber auch von den Jugendlichen selbstinitiierte Aktivitäten (auch subkultureller Herkunft). Subkultur und Kulturindustrie treten hierbei in ein Wechselverhältnis: Bestimmte Stilelemente der Subkultur werden zu einer industriell erzeugten Jugendkultur vermarktet, die „opositionelle stilistische Neuerungen“ aufgreift, diese "entschärft" (und damit "mainstreamtauglich" macht) und somit als „modische Innovation“ verkaufsträchtig auf den Markt bringen kann. Diese sogenannten "Innovationen" werden aus verkaufstechnischen Gründen auf einen größtmöglichen Teil der Jugend zugeschnitten, so dass zumindest in diesem Zusammenhang ein Bild einer relativ einheitlichen Gruppe „Jugend“ entstehen kann. 27
Diese Kommerzialisierung von Jugendkultur findet als dynamischer Prozess statt. Die Industrie orientiert sich an den Bedürfnissen, Trends und Stilen der Jugendlichen und greift diese auf. Diese werden durch die Medien kanalisiert und verbreitet, wobei sie oftmals einen großen Teil ihrer ursprünglichen Aussagekraft verlieren. Auf subkultureller Ebene entstehen dadurch wiederum neue „Wellen“ und je nach Akzeptanz durch die jugendlichen Käufer wird zudem eine breitere Jugendkultur etabliert. 28
Subkultur und Kulturindustrie beeinflussen sich demnach gegenseitig. Diese Methode ist im Rahmen der Stilbildung und Stilverbreitung als Destandardisierung und Restandardisierung zu bezeichnen, worauf ich später, in Bezug auf das Verhältnis von Jugendsprache und Sprachwandel, noch näher eingehen werde. 29
Jugendkultur erhält durch die Verbreitung durch die Medien eine überregionale und teilweise auch internationale Reichweite, da Jugendliche weltweit durch den Konsum bestimmter Güter und Medienprodukte zu Mitgliedern „der“ Jugend werden können. Die Kommerzialisierung von 26 Vgl. Tenbruck 1965. In: Nowottnick 1989, S. 26.
27 Vgl. Nowottnick 1989, S. 25f.
28 Vgl. Nowottnick 1989, S. 27.
29 Vgl. Nowottnick 1989, S. 4.
13
Jugendkultur und ihre Verbreitung durch die Medien ermöglichen somit fast jedem, an dieser kommerzialisierten Jugendkultur teilzunehmen, so auch Erwachsenen oder Kindern. Erwachsene zeigen sich im Laufe der letzten Jahrzehnte in vielerlei Hinsicht immer jugendlicher und durch die Medien wird diese Tendenz noch verstärkt. Trotzdem bedeutet diese Teilnahme Erwachsener an der Jugendkultur nicht die Auflösung derselben, da sich die Lebenswelten Jugendlicher und Erwachsener trotz allem deutlich unterscheiden. 30
3. Jugendsprache
Innerhalb der Jugendkultur, bzw. Gruppenkultur übernimmt neben Kleidung, Habitus etc. die Ausprägung einer "eigenen Jugendsprache" eine sozial markierende Funktion. 31 Es lässt sich feststellen, dass die Familie oder auch die Schule zwei wesentliche Sozialisationsagenten unserer Gesellschaft darstellen, die Gruppe der Gleichaltrigen stellt jedoch ab einem bestimmten Alter für die Sozialisation eines Jugendlichen die "stärkste Kraft" dar. 32 Labov nimmt daher an, dass die Gruppe der Gleichaltrigen, in der ein Sprecher seine Zeit vor dem Erwachsensein verbringt, auch den stärksten Einfluss auf die Fertigstellung seiner linguistischen Muster darstellt: Während die Eltern die grundlegenden sprachlichen Muster beeinflussen, so haben sie Labov zufolge wenig Einfluß bezüglich soziolektaler Varianten. Die heimatliche Sprachform wird daher eher durch die engsten Freunde und Bekannten beeinflußt als durch die Familie. 33 Jugendsprachen sind daher ein wichtiger Bestandteil der Jugendkultur, nehmen jugendliches Lebensgefühl und Bewusstsein gegen die vorgegebene und vornehmlich von Erwachsenen geprägten Standardsprache auf, dienen der Identitätsstiftung und festigen die Abgrenzung einer Gruppe nach außen hin sowie das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gruppe.
Allerdings ist auch deutlich zu machen, dass nicht alle Jugendliche
30 Vgl. Nowottnick 1989, S. 28.
31 Vgl. Lachnit, Günther: Jugendsprache und Problemlösen. Der Einfluß des Jugendsprachgebracuhs auf die Problemlösefähigkeit von Schülerinnen und Schülern. Osnabrück 2001, S. 61.
32 Vgl. Steinig 1976, S. 117.
33 Vgl. Steinig 1976, S. 117.
14
Jugendsprache sprechen, auch wenn man aufgrund des Begriffs "Jugendsprache" durchaus darauf schließen könnte. So beherrschen zum Beispiel auch nicht alle englischsprachigen Afroamerikaner die Varietät "Black English". Das bedeutet, dass "Jugendsprache" nicht generell mit dem Sprachverhalten Jugendlicher gleichzusetzen ist, sondern Androutsopoulos zufolge eher als eine Summe von nicht standardsprachlichen Mustern anzusehen ist, die selbst innerhalb der "virtuellen Großgruppe Jugend" eine bestimmte soziokulturelle Verteilung aufweisen. Ihr Vorhandensein im Repertoire von Jugendlichen und auch die Kompetenz über deren situationsgemäßen Gebrauch gilt nicht für alle Angehörigen "der Jugend". 34
Es ist allerdings umstritten, die Jugendsprache, wie es Androutsopoulos getan hat, als "Summe von nicht standardsprachlichen Mustern" 35 zu bezeichnen. Da die Jugend an sich heterogen zusammengesetzt ist und Schlobinski zufolge so viele Jugendsprachen existieren wie es Jugendgruppen gibt 36 , ist es ihmzufolge nicht möglich, von einer "gemeinsamen Jugendsprache" zu sprechen, er glaubt auch nicht, dass spezielle gruppenübergreifende Muster die Summe der Jugendsprache ergeben würden. Daher kann man betonen, dass unter Jugendsprache die aus verschiedenen Beweggründen heraus entstehenden sprachlichen Formen unterschiedlicher Gruppen von Jugendlichen verstanden werden können. 37 Doch auch Jannis Antroutsopoulos betont, genau wie Schlobinski, dass „die“ Jugend aus einer Vielzahl unterschiedlicher Gruppen besteht, die in ihrem sprachlichen Ausdruck Unterschiede aufweisen, er bemerkt aber auch, dass diese Gruppen durchaus Gemeinsamkeiten in ihrer Sprache aufweisen. Einerseits kann man also durchaus davon ausgehen, dass soviele Jugendsprachen existieren wie es Jugendgruppen gibt, gleichzeitig kann jedoch ein "gemeinsamer Kern" ausgemacht werden 38 , was Androutsopoulos
34Vgl. Androutsopoulos, Jannis: Deutsche Jugendsprache. Untersuchungen zu ihren Strukturen und Funktionen. Frankfurt am Main 1998, S. 4.
35 Androutsopoulos, Jannis: Deutsche Jugendsprache. Untersuchungen zu ihren Strukturen und Funktionen. Frankfurt am Main 1998, S. 4.
36 Schlobinski, Peter, Kohl, Gabi und Ludewigt, Irmgard: Jugendsprache. Fiktion und Wirklichkeit. Opladen 1993, S. 40.
37 Vgl. David 1987, S. 3.
38 Vgl. Androutsopoulos, Jannis: Deutsche Jugendsprache. Untersuchungen zu ihren Strukturen und Funktionen. Frankfurt am Main 1998, S. 590.
15
zufolge in keinem Widerspruch zueinander steht. Die Definition von "Jugendsprache" gestaltet sich also auch innerhalb der Jugendsprachenforschung als durchaus schwierig. Aufgrund der Tatsache, dass bereits der Versuch einer Definition und Bestimmung von "Jugend" Schwierigkeiten bereitet und jeweils zu unterschiedlichen Auffassungen und Ergebnissen führt, ist dies jedoch nicht verwunderlich. Aus diesem Grund herrscht auch eine Uneinheitlichkeit über den terminologischen Status des Forschungsgegenstandes, die in den unterschiedlichen Bezugsmöglichkeiten bezüglich der Trägergruppe, der Reichweite und der Sachspezifik begründet ist. 39 "Jugendsprache" wird daher unter anderem als "Sondersprache", "Gruppensprache", "Suppletivsprache", "Varietät", "Sprechstil", "Spielart des Sprechens" etc. bezeichnet, um nur einige Beispiele zu nennen. Einige dieser Definitionen seien hier aufgeführt.
3.1 Jugendsprache in der Sprachvielfalt
Die Varietätenlinguistik hat die genauere begriffliche Klärung und Sytematisierung der muttersprachlichen Heterogenität als Ziel. Um eine "innere Mehrsprachigkeit" 40 , d.h. eine muttersprachliche Heterogenität, eine Sprachvielfalt der deutschen Sprache aufzuzeigen, werden Gruppierungen auch mit Hilfe außersprachlicher Kriterien vorgenommen. Die hieraus hervorgehenden Varietäten und Funktionalstile sind Realisationsmuster des Sprachsystems, die sich nur theoretisch strikt voneinander abgrenzen lassen, da die Sprachwirklichkeit ein "übergangsloses Kontinuum" 41 darstellt. Synchron kann Sprache nach Nowottnick beispielsweise wie folgend eingeteilt werden: 42 "- nach dem Medium: geschrieben vs. Gesprochen
39 Vgl. Androutsopoulos, Jannis: Deutsche Jugendsprache. Untersuchungen zu ihren Strukturen und Funktionen. Frankfurt am Main 1998, S. 32.
40 Vgl. Henne 1986, S. 220ff.
41 Vgl. Nowottnick 1989, S. 69.
42 Vgl. Nowottnick 1989, S. 70.
16
− nach der arealen Verteilung: Dialekte
− Merkmal Alter:
- Merkmal Geschlecht:
− Merkmal Situationen und
Interaktionstypen
Diese Lekte stehen zueinander in Beziehung, beeinflussen sich gegenseitig (Intraferenz) und sind aufnahmebereit für Elemente aus benachbarten Einzelsprachen (Interferenz).
Die Varietäten, die von Henne in ihrer Gesamtheit als „innere Mehrsprachigkeit" 44 des Deutschen bezeichnet werden, sind die Sprachen sozial und areal differenzierter Sprechergruppen. Gemeinsame außersprachliche Merkmale der Gruppenmitglieder sind Beruf, Alter, Schicht etc. Zu bemerken ist auch, dass fast alle Sprecher mehreren Gruppen angehören, was den Austausch unter den Varietäten fördert. 45 Das Modell der inneren Mehrsprachigkeit der deutschen Sprache von Helmut Henne zeigt die Struktur der Sprache als Zusammenspiel von Varietäten, wobei die Standardsprache als Leitvarietät gilt (siehe Abbildung 1) 46
Im Kontext der inneren Mehrsprachigkeit des Deutschen und der Sprachvielfalt der Standardsprache hat nach Henne die "Sprache der Jugend" als Gruppensprache ihren Stellenwert. Jugendsprache als ein Teil der Jugendkultur ist auch in mehrfacher Hinsicht Gruppensprache:
43 Nowottnick 1989, S. 70.
44 Vgl. Henne 1986, S. 220.
45 Vgl. Nowottnick 1989, S. 72.
46 Vgl. Henne 1986, S. 220.
17
● "Alltagssprache Jugendlicher innerhalb der Peer-Groups
● Subkulturbezogene Sprache verschiedener Gruppen der Jugend
● Altersdeterminierte Sprache "der" Jugend als Gruppe der Gesamtgesellschaft die durch das Sprechergruppenmerkmal "Alter" bestimmt ist." 47
An dieser Stelle ist allerdings zu bemerken, dass Jugendsprache Androutsopulos zufolge als ein altersspezifisches und soziokulturell bedingtes Phänomen anzusehen ist 48 , wenn man, wie auch Henne, feststellt, dass Jugendsprache innerhalb unterschiedlicher kultureller Gruppen entsteht und betont, dass Jugendsprache altersbedingt und gruppenbezogen ist.
Jugendsprache weist Henne zufolge einerseits spezifische Formen auf, ist jedoch auf die Standardsprache und auch auf andere Varietäten bezogen. Außerdem bezeichnet Henne Jugendsprache in Bezug auf die Standardsprache als "fortwährendes Ausweich- und Überholmanöver", da sie die Standardsprache vorausssetzt, sie schöpferisch abwandelt, stereotypisiert und spezifische Formen ihres sprachlichen Spiels pflegt. 49 Sie ist nach Henne eine die jugendlichen Gruppenstile ergreifende „Spielart des Sprechens“, welche Hennes Auffassung nach altersbedingt und gruppenbezogen ist. 50
Henne betont, dass innerhalb der Jugendsprache verschiedene Varianten auftreten, da „Jugendsprache“ in zahlreiche „Teilsprachen“ zerfällt, da auch "die" Jugend an sich nicht homogen ist. Er bezeichnet Jugendsprache daher als „Dach, unter dem viele jugendliche Gruppen mit eigenen sprachlichen, musikalischen und sonstigen Ausdrucksbedürfnissen wohnen" und auch als "spielerisches Sekundärgefüge", das bestimmte strukturelle Formen favorisiert, die wiederum als besondere Existenzformen sprachlicher Kommunikation verstanden werden. 51 Die Gesamtheit dieser Sprechformen
47 Nowottnick 1989, S. 72.
48 Vgl. Androutsopoulos, Jannis: Deutsche Jugendsprache. Untersuchungen zu ihren Strukturen und Funktionen. Frankfurt am Main 1998, S. 4.
49 Vgl. Henne 1986, S. 208.
50 Vgl. Henne 1986, S. 211.
51 Vgl. Henne 1986, S. 210.
18
in der Kommunikation ergibt einen Sprachstil, den Henne den „sprachlichen Jugendton“ nennt. 52
Bausinger hält den Begriff "Gruppensprache" hingegen für problematisch: Mit "Gruppe" kann ihm zufolge in der in der Soziologie "jede Vereinigung von Individuen verstanden werden, die durch Interessen und Beziehungen miteinander verbunden sind, und jedes Individuum gehört vielen Gruppen an." 53 Bausinger prägte für die Jugendsprache den Begriff "Kontrasprache", die vorliege, "wenn man sich ohne objektive Geheimhaltungsgründe von der Gesellschaft und ihrer Ordnung absetzen will, als äußeres Anzeichen der Sonderung." 54 Diese Bezeichnung greift jedoch meiner Meinung nach zu kurz, da die Funktion der Jugendsprache nicht allein in der Absonderung von der Gesellschaft zu finden ist.
Auch Barbara David distanziert sich von der Bezeichnung "Gruppensprache" in Bezug auf Jugendsprache. Ihr zufolge ist die Jugendsprache generell den Sondersprachen zuzuordnen, da der Begriff "Sondersprache" alle Sprachformen umfasst, die von sozialen, sachlich- begrifflichen, geschlechts- und alterspezifischen Sonderungen herrühren. Für die Jugendsprache trifft ihrzufolge besonders die altersspezifische Sonderung zu. 55 Allerdings ist meiner Meinung nach die Klassifizierung "Gruppensprache" nicht unangebracht, da Jugendkultur und somit auch Jugendsprache auf dem Gruppenkonzept basieren. Das heisst, erst innerhalb von speziellen Gruppen, in welchen Gleichaltrigkeit und eine symmetrische Beziehung zwischen den Kommunikationspartnern herrscht, entstehen bestimmte Ausprägungen von "Jugendsprache", die dort ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, ein Gefühl der Gruppenidentität vermitteln. Jugendsprache wird also gruppenintern aktiviert 56 , daher ist die Bezeichnung "Gruppensprache" meiner Meinung nicht völlig unangebracht.
52 Vgl. Henne 1986, S. 211.
53 Bausinger, Herrmann: Deutsch für Deutsche. Dialekte, Sprachbarrieren, Sondersprachen. Frankfurt am Main 1972, S. 118. In: David 1987, S. 5.
54 Bausinger 1972, S. 118. In: David 1987, S. 5.
55 Vgl. David 1987, S. 3.
56 Vgl. Androutsopoulos, Jannis: Deutsche Jugendsprache. Untersuchungen zu ihren Strukturen und Funktionen. Frankfurt am Main 1998, S. 45.
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Eva Neuland befasst sich mit der Frage, ob Jugendsprache als eigenständige Varietät bezeichnet werden kann. Eines der wesentlichen Probleme dieser Einteilung besteht ihr zufolge in der Frage, welche Menge und Typen von sprachlichen Merkmalen für die Bestimmung einer eigenständigen Varietät notwendig sind. Schließlich muss innerhalb einer Varietät eine gewisse Homogenität und Stabilität der Merkmale vorhanden sein, um die einzelnen Varietäten auch voneinander unterscheiden zu können. Der Versuch, Jugendsprache in dieses Konzept einzuordnen, stößt Neuland zufolge schnell an seine Grenzen, da dabei zum Beispiel die wichtige Frage aufkommt, welche soziale Gruppe bei einer solchen Argumentation eigentlich gemeint ist: Jugend als eine homogene Altersgruppe oder Jugendgruppen als Peer-Groups, als Subkulturen oder als Teilmenge sozialer Schichten? 57 Daher wird Neuland zufolge ein strukturalistisches Varietätenmodell mit seiner strikten Grenzziehung zwischen den einzelnen Varietäten der Dynamik und Komplexität des konkreten Sprachgebrauchs nicht gerecht. Demgegenüber erscheint ihr der Aspekt, Varietäten als "nicht gut abgegrenzte Verdichtungspunkte in einem Kontinuum" zu verstehen, weitaus fruchtbarer. 58 Angemessen erscheint Neuland eine Einordnung von Sprachgebrauchsweisen in einen "multidimensionalen Varietätenraum", der nicht nur aus den traditionellen Faktoren konstruiert wird. Neuland veranschaulicht dieses Variationsspektrum für die Vielfalt von Sprachgebrauchsweisen Jugendlicher in einem Modell (Abbildung 2), woran man noch einmal sehr deutlich sieht, dass sich "die" Jugend aus jungen Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, Bildung und unterschiedlicher regionaler und sozialer Herkunft zusammensetzt, dass unterschiedliche Subkulturen (z.B. Mode- oder Musikstile) sowie unterschiedliche politische, kirchliche oder weltanschauliche Unterschiede bestehen. 59 Neuland schlägt daher vor, den Sprachgebrauch Jugendlicher unter dem
57 Vgl. Neuland, Eva: Subkulturelle Sprachstile Jugendlicher heute. Tendenzen der
Substandardisierung in der deutschen Gegenwartssprache. In: Neuland, Eva (Hrsg.): Jugendsprache –
Jugendliteratur – Jugendkultur. Frankfurt am Main 2003, S. 137.
58 Ebd.
59 Vgl. Neuland, Eva: Vergleichende Beobachtungen zum Sprachgebrauch Jugendlicher verschiedener
regionaler Herkunft. In: Androutsopoulos, Jannis, Arno Scholz (Hrsg.): Jugendsprache: Linguistische
und soziolinguistische Perspektiven. Frankfurt am Main 1998, S. 74f.
20
soziolinguistischen Begriff der subkulturellen Stile zu erfassen. Im Unterschied zu Varietäten, aber auch zu Registern, die hauptsächlich grammatikalisch und lexikalisch bestimmt werden, weisen soziolinguistische Stile als Ausdrucksformen sprachlichen wie nichtsprachlichen Handelns außerdem auch paralinguistische und nonverbale Merkmale auf. 60 Sprechstile sind Gruppenstile, die Interaktion in der Gruppe und gemeinsam geteilte Werte und Einstellungen voraussetzen. Diese Stilbildung geschieht Neuland zufolge durch die Ausbildung tendenzieller Gebrauchspräferenzen von sprachlichen Mitteln aus dem Bestand der Standardsprache, die jedoch oft umgewandelt, destandardisiert und zu einem Stilmuster zusammengefügt werden (Bricolage). Erst der spezifische Stil einer Gruppe stiftet bedeutungsvolle Zusammenhänge zwischen den einzelnen sprachlichen Auffälligkeiten, was auch von Schlobinski et al. betont wird.
Soziolinguistische Sprachstile sind einerseits durch eine gewisse Rekurrenz und Kontinuität von Stilmerkmalen gekennzeichnet, andrerseits geschieht Stilbildung aber auch dynamisch und fortlaufend neu, durch Aneignung und Abwandlung sprachlicher Merkmale und Handlungsmuster. Im Unterschied zu dem eine relativ hohe Standardisierung der Situation voraussetzenden Varietätsbegriff wird Neuland zufolge der Begriff des soziolinguistischen Stils den gruppenspezifischen Besonderheiten der Stilbildung und den raschen Veränderungen einzelner Merkmale besser gerecht. 61
Auch Jannis Antroutsopoulos zufolge existiert kein einheitlicher jugendsprachlicher Wortschatz, sondern eine Vielzahl von jugendlichen Sprechstilen mit jeweils lokalen Besonderheiten, aber auch bestimmten gemeinsamen Konturen, da „die“ Jugend aus einer Vielzahl unterschiedlicher Gruppen besteht, die in ihrem sprachlichen Ausdruck sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten zeigen. Daher steht der nachweisbare
60 Vgl. Neuland, Eva; Martin, Stephan und Watzlawik, Sonja: Sprachgebrauch und
Spracheinstellungen Jugendlicher in Deutschland: Forschungskonzept – Datengrundlage – Auswertungsperspektiven. In: Neuland, Eva (Hrsg.): Jugendsprachen-Spiegel der Zeit. Internationale Fachkonferenz 2001 an der Bergischen Universität Wuppertal. Frankfurt am Main 2003, S. 56. 61 Vgl. Neuland, Eva: Subkulturelle Sprachstile Jugendlicher heute. Tendenzen der Substandardisierung in der deutschen Gegenwartssprache. In: Neuland, Eva (Hrsg.): Jugendsprache – Jugendliteratur – Jugendkultur. Frankfurt am Main 2003, S. 140.
21
„gemeinsame Kern“ des Jugendwortschatzes laut Androutsopoulos auch in keinem Widerspruch zu ebenso nachweisbaren kleinräumigen gruppenspezifischen Besonderheiten. 62
Androutsopoulos erscheint die Auffassung von Jugendsprache als Varietät in der bisherigen systemorientierten Forschung problematisch. Ihm zufolge wird der
„Varietätenstatus entweder a priori zugeschrieben oder aber die
Evidenz beschränkt sich auf die Auflistung einzelner (vor allem
lexikalischer) Sprachmittel, die jedoch an für sich keine Varietät
konstitutieren, solange keine systemhaften Zusammenhänge
zwischen ihnen und ihrer sozio- situativen Verteilung nachgewiesen
werden.“ 63
Daher kann kann ihm zufolge von jugendsprachlichen oder altersspezifischen Varietäten nur dann die Rede sein, wenn Zusammenhänge zwischen Markern aus mehreren Ebenen nachgewiesen werden (zum Beispiel Phonologie, Grammatik, Lexikon, Diskursstrategien). Jannis Androutsopoulos bezeichnet Jugendsprache daher als sogenannte Sekundärvarietät.
Sekundärvarietäten werden im Gegensatz zur Primärvarietät, die Hinweise auf areale, soziale oder ethnische Herkunft des Sprechers geben kann, nicht während der Primärsozialisation ab der frühsten Kindheit erworben, sondern während einer Sekundärsozialisation, die nicht im Rahmen der Familie, sondern im Rahmen eines neuen sozialen Gebildes stattfindet (zum Beispiel in der Gruppe Gleichaltriger). Die sekundäre Varietät kann längerfristig oder auch nur kurzfristig Geltung haben und muss als Bestandteil einer sekundären Sozialisation erlernt werden. Im Gegensatz zur Primärvarietät hängt die Aneignung der sekundären Varietät von dem Lebensstil und den Interessen eines Individuums ab, die Sekundärvarietät gibt daher nicht an, wo man herkommt, sondern wer man sein will.
Der Geltungsbereich der Sekundärvarietäten bleibt meist auf 62 Vgl. Androutsopoulos, Jannis: ...und jetzt gehe ich chillen: Jugend- und Szenesprachen als
lexikalische Erneuerungsquellen des Standards. (o.O.) 2004, S. 3. In:
http://www.archetype.de/texte/2004/IDS-2004_chillen.pdf (16.07.2007)
63Androutsopoulos, Jannis: Forschungsperspektiven auf Jugendsprache. Ein integrativer Überblick. In:
Androutsopoulos, Jannis, Arno Scholz (Hrsg.): Jugendsprache: Linguistische und soziolinguistische
Perspektiven. Frankfurt am Main 1998, S. 24f.
22
Lebenssituationen beschränkt, die von der sekundären Sozialisation bestimmt sind. Sekundäre Varietäten können daher an- und ausgeschaltet werden. 64 Beispielsweise verwenden Jugendliche nicht immer und überall einen jugendlichen Sprechstil, sie beherrschen in den meisten Fällen ebenso die normale Umgangssprache und/oder Hochdeutsch. Vornehmlich wird ein jugendlicher Sprechstil in der Gruppe Gleichaltriger gebraucht. In der Kommunikation mit älteren Menschen hingegen spielt er keine große Rolle, außer wenn er beispielsweise aus Provokationsgründen absichtlich eingesetzt wird. Jugendliche sind somit durchaus des "code-switching" mächtig. 65
Wenn also von Jugendsprache als Varietät die Rede ist, so geschieht dies Androutsopoulos zufolge im Sinne des sekundären Systems.
An diesen teilweise sehr unterschiedlichen Definitionen des Terminus "Jugendsprache" wird deutlich, wie schwer es ist, dieses Phänomen einheitlich zu umfassen und zu beschreiben. Trotzdem ist festzuhalten, dass in den meisten Fällen (abgesehen natürlich von Schlobinski und anderen Vertretern der sprecherorientierten Forschung) mit "Jugendsprache" altersspezifische Phänomene gemeint sind, die sich in sprachlicher, grammatikalischer, lautlicher und wortbildungsspezifischer Hinsicht von der Standardsprache abheben.
3.2 Merkmale der Jugendsprache
Die systemorientierte Jugendsprachenforschung geht also trotz des raschen Wandels und der beschriebenen Heterogenität der Jugend, bzw. der Jugendsprache, von einigen allgemeinen Grundprinzipien und Grundstrukturen aus. Nowottnick und auch Henne bezeichnen das "Programm" von Jugendsprache als "experimentelle, antikonventionelle und tendenziell situationalisierende Sprechweise", welche über den Wortschatz
64 Vgl. Androutsopoulos, Jannis: Deutsche Jugendsprache. Untersuchungen zu ihren Strukturen und
Funktionen. Frankfurt am Main 1998, S.590.
65Schulte von Drach, Markus C.: Yalla, Lan! Bin ich Kino? In:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/artikel/314/106208/ (30.07.2007)
23
hinaus auf allen Ebenen der Sprache realisiert wird. 66 Systemlinguistische Untersuchungen der Jugendsprache stellen daher Charakteristika zum Beispiel in den Bereichen Wortschatz und Wortsemantik, Wortbildung und Fremdwortgebrauch sowie der Syntax heraus, die allgemein als "jugendspezifisch" bezeichnet werden 67 und sich von der Standardsprache in verschieder Hinsicht abheben. Einige dieser Charakteristika seien hier beschrieben.
Phonologie:
Bereits die Realisierung der Lautstruktur weicht von der Norm der Standardsprache ab, was durch prosodische Sprachspielereien und Aussprachevariationen in der Jugendsprache realisiert wird. Ein Phonem muss innerhalb eines bestimmten Bereiches realisiert werden, damit die Bedeutung der Lautfolge erhalten bleibt. Diese "Grenzüberschreitungen" der "Jugendsprache" führen jedoch nicht unbedingt zu unverständlichen Äußerungen, da durch den Kontext das "richtige" Phonem auch dann erschlossen werden kann, wenn die Realisierung außerhalb des Normbereichs liegt.
Außerdem wird von Jugendlichen die syntagmatische Perspektive der Lautebene genutzt, wobei Sprechtempo, Rhythmus und Betonung der Akzentuierung und Intensivierung dienen. 68 So werden hyperbolisierende Elemente durch bestimmte Intonationen verstärkt (zum Beispiel: wAhnsinn oder ÄtzEnd). 69 Auf der morphologischen Ebene fällt die extreme Sprechsprachlichkeit der Jugendsprache auf: Flexionsendungen und "grammatische" Wörter wie zum Beispiel Pronomen werden vernachlässigt, was sich phonologisch in Lautschwächungen, -kürzungen und Verschmelzungen ausdrückt. 70
66 Vgl. Nowottnick 1989, S. 75f.
67 Vgl. Bachofer, Wolfgang: Charakteristika der deutschen Jugendsprache(n) – Charakteristika der
gesprochenen deutschen Umgangssprache. In: Neuland, Eva: Jugendsprachen – Spiegel der Zeit.
Internationale Fachkonferenz 2001 an der Bergischen Universität Wuppertal. Frankfurt am Main 2003,
S. 61.
68 Vgl. Nowottnick 1989, S. 76.
69 Vgl. Nowottnick, 1989, S. 76.
70 Vgl. Nowottnick 1989, S. 76.
24
Wortbildung
Die Wortbildung gilt als das wichtigste Mittel zum Ausbau des jugendsprachlichen Wortschatzes. Die Jugendsprache nutzt alle Möglichkeiten der Wortbildung, die die Grammatik der deutschen Sprache bereitstellt, und versieht sie auch mit zusätzlichen neuen Teilbdeutungen. 71
Typische Bildungsmuster stellen im Sprachgebrauch Jugendlicher zum Beispiel die Kurzwortbildung (Direktor = "Direx") oder Kompositionen und Wortbildungen mit produktiven Affixen, zum Beispiel mit dem Suffix "- i"(Refrendar = "Refi") oder dem Präfix "ab-" dar. 72 Besonders beliebt ist das Präfix "ab-", das praktisch mit jedem deutschen und auch entlehnten Verb verbunden werden kann (auf jemanden "abfahren", "ablachen", "abchecken", "abkotzen" etc.).
Neben dem Suffix "-ung" (die "Dröhnung") treten unechte Suffixe, die aus Adjektiven der Normalsprache gebildet werden, zum Beispiel "-mäßig" oder "- technisch" ("fetenmäßig"). 73 Zudem sind Konversionen zu beobachten: Wörter werden in andere Wortarten überführt (gut = "sahne"). 74 Eine Wiederbelebung der Substantivbildung durch das feminine "- e" ("Anmache", "Tanke") ist außerdem festzustellen 75 , ebenso eine Reduktion von Verben zu (meist lautcharakterisierenden) Onomatopöien (Lautwörtern, Soundwords), wie zum Beispiel "hechel" oder "kotz". Diese und auch die lautnachahmenden Soundwords ("klirr", "platsch") liegen im Übergangsbereich zur Syntax, da sie als satzwertige Einwortäußerungen verwendet werden. 76
Weiterhin besteht die Bildung von Wortfamilien (zum Beispiel nerven – Nerver – Nerverei – nervig) 77 und die Tendenz zur morphologischen 71 Vgl. Bachofer 2003, S. 62.
72 Vgl. Androutsopoulos, Jannis: Deutsche Jugendsprache. Untersuchungen zu ihren Strukturen und Funktionen. Frankfurt am Main 1998, S.36.
73 Vgl. Bachofer 2003, S. 62.
74 Vgl. Androutsopoulos, Jannis: Deutsche Jugendsprache. Untersuchungen zu ihren Strukturen und Funktionen. Frankfurt am Main 1998, S.36.
75 Vgl. Bachofer 2003, S. 62.
76 Vgl. Nowottnick 1989, S. 77f.
77 Vgl. Androutsopoulos, Jannis: Deutsche Jugendsprache. Untersuchungen zu ihren Strukturen und Funktionen. Frankfurt am Main 1998, S.36f.
25
Integration von Entlehnungen. Im Bereich der Anglizismen (die meisten Entlehnungen der deutschen Jugendsprache stammen aus dem englischen, bzw. angloamerikanischen, immer beliebter werden jedoch auch arabische, türkische oder russische Entlehnungen 78 ) bedeutet dies, dass diese durch Flexion nach der deutschen Grammatik dem Deutschen angepasst werden: Die Substantive werden entsprechend dem deutschen Lexem einem deutschen Genus zugeordnet und erhalten das Pluralmorphem -s (der Room, die Rooms), die Verben werden auf -en gebildet (to chill – chillen) und die Adjektive beispielsweise auf -ig (spacy – "spacig" oder auch "chillig"). Allerdings ist anzumerken, dass Anglizismen durchaus auch unverändert integriert werden. 79
Phraseologie und Idiomatik
Phraseologismen sind durch Mehrgliedrigkeit, Kohäsion und Figuriertheit ausgezeichnet und ein Teil der Phraseologismen ist dem lexikalischen Bereich zuzuordnen (Phraseolexeme). 80 Phraseolexeme sind idiomatische lexikale Einheiten, die kleiner als ein Satzglied, bzw. satzgliedwertig sind, aber als solche nicht allein einen vollständigen Redebeitrag konstituieren. Jugendtypisch sind zum Beispiel "Bock haben auf", "drauf sein" oder "etwas drauf haben". 81 Außerdem werden bestehende Phraseologismen von jugendlichen Sprechern remotiviert oder variiert (zum Beispiel "Der Student geht solange zur Mensa, bis er bricht." ist eine Variation von "Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht."). Sprüche sind also einerseits vorgeformt und stereotyp, andererseits besteht aber gerade dadurch die Möglichkeit, die phraseologische Formel von Sprüchen zu verändern. 82 Die Bedeutung der Sprüche ist kontextbezogen und muss als gruppenspezifisches Sprachspiel betrachtet werden, bei welchem die phraseologische Formel von Sprüchen verändert wird. 83 Eine besondere Gruppe von Formeln sind Grüße, die über die Formen
78Schulte von Drach, Markus C.: Yalla, Lan! Bin ich Kino? In:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/artikel/314/106208/ (30.07.2007)
79 Vgl. Bachofer 2003, S. 67.
80 Vgl. Nowottnick 1989, S. 78.
81 Vgl. Bachofer 2003, S. 62.
82 Vgl. Nowottnick 1989, S. 78.
83 Vgl. Bachofer 2003, S. 62.
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"Hallo" und "Tschüss" hinaus die konventionelle Grußwelt der Erwachsenen zum Beispiel durch regionale Sonderformen ("Hau rein") und fremdsprachliche Anleihen ("Bye", "Ciao" oder auch "Yalla") erweitern und auflockern. 84
Syntax
Jugendsprache beinhaltet vor allem sprechsyntaktische Merkmale, zum Beispiel Anakoluthe/Satzbrüche ("Wenn ich traurig bin, dann - manchmal weine ich auch"), Ellipsen ("Noch was zu trinken?"), Drehsätze ("Er hat ihm total - hat er ihm wehgetan"), Parenthesen/Einschübe ("Ich muss jetzt - auch wenn es mir leid tut – gehen"), Ausklammerungen ("Warum soll ich noch reden mit Dir?"), Tendenzen zu Parataxe ("Ich habe Fieber, ich liege im Bett.") und asyndetischen Satzanschlüssen ("Ich esse Pommes, du eine Wurst"). 85
Ein besonders häufig vorkommendes morphosyntaktisches Phänomen ist der Akkusativ-Nominativ-Zusammenfall beim unbestimmten Artikel. Die verkürzte Akkusativ-Form des Indefinitartikels "nen" tritt sowohl bei Maskulina, bei Neutra im Singular und auch in den Verbindungen "nen bisschen" und "nen paar" auf. Diese Variante der Nominativform von "ein" kommt auch in der Verkürzung des Nominativs "ein" zu "`n" oder "`ne" vor ("`n bisschen", "`ne Flasche"). Häufig ist auch der Determinierer "so" oder "so ein" Teil einer Vagheitsformel: "so `ne Frau", "so Typen". 86 Außerdem wird die Wirkung extremer Sprechsprachlichkeit lautlich und durch den gehäuften Einsatz von Partikeln unterstützt. Abtönungspartikel und -phrasen ("und so", "oder so", "irgendwie" ) können auf Unsicherheiten hinweisen, da sich der Sprecher hierdurch und auch durch die Verwendung von floskelhaften Gesprächsphrasen und stereotypen Sprüchen in einer Äußerung nicht wirklich festlegen muss. 87 Auffällig ist auch das Zitieren mittels Zitatmarker ("Ich so:...", "Und er so:....",
84 Vgl. Nowottnick 1989, S. 78f.
85 Vgl. Nowottnick 1989, S. 79.
86 Vgl. Bachofer 2003, S. 63.
87 Vgl. Nowottnick 1989, S. 79.
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Arbeit zitieren:
Christina Schmitt, 2007, Jugendsprache bei Kindern , München, GRIN Verlag GmbH
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