INHALTSVERZEICHNIS
2
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung
3
2
Vorbilder
4
2.1
Theoretisches Vorbild: Hermann Bahr . . . . . . . . . . . . . . . .
4
2.2
Literarische Vorbilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
5
2.2.1
Dostojewski . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
5
2.2.2
Dujardin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
8
3
Leutnant Gustl
10
4
Innerer Monolog und Psychoanalyse
16
5
Schlußbemerkung
17
Literatur
19
1
EINLEITUNG
3
1
Einleitung
In zahlreichen Aufs¨
atzen wurde bislang Arthur Schnitzlers 1900 entstande-
ne Monolognovelle Leutnant Gustl behandelt. Im Vordergrund steht dabei ne-
ben der Kritik Schnitzlers am milit¨arischen System der k.u.k Armee meist
die Erz¨
ahlform: Leutnant Gustl gilt als erster durchg¨
angiger innerer Monolog in
der deutschen Literatur. Die Forschung beleuchtet verschiedene Aspekte dieser
Erz¨
ahlform, vor allem den literaturwissenschaftlichen (z. B. Morris, Doppler,
Surowska) und den psychologischen (Worbs). Diese Arbeit versucht, beide
Aspekte zu vereinen, sowohl die literarischen als auch die theoretischen Vorbilder
zu Leutnant Gustl zu beleuchten und den inneren Monolog in den Vergleich mit
der Psychoanalyse zu stellen. Bei der Interpretation der Novelle in Kapitel 3 ha-
be ich mich vor allem auf die die Erz¨
ahlform betreffenden Aspekte beschr¨
ankt.
Zudem habe ich den Versuch der Kl¨
arung der Frage unternommen, inwieweit
Inhalt und Form der Novelle eine Einheit bilden, wie Schnitzler Situationen
und Handlungen ohne Erz¨
ahler beschreibt, wie er sie einzig aus der Sicht Gustls
darzustellen versucht. Dabei tritt jedoch ein erz¨
ahltechnisches Problem auf. Es
stellt sich n¨
amlich die Frage, ob der Autor tats¨
achlich v¨
ollig in den Hintergrund
treten kann, oder ob der vollst¨
andige innere Monolog vielleicht, um mit Morris
zu sprechen, doch keine g¨
anzlich
"
erz¨
ahlerlose Erz¨
ahlung"
1
ist.
1
Morris, Der vollst¨
andige innere Monolog: eine erz¨
ahlerlose Erz¨
ahlung?, S. 30
2
VORBILDER
4
2
Vorbilder
2.1
Theoretisches Vorbild: Hermann Bahr
Der Schriftsteller und Literaturkritiker Hermann Bahr nahm Schnitzlers for-
male Neuerung des durchg¨
angigen inneren Monologs theoretisch bereits in seinem
1891 ver¨
offentlichten Essayband Die ¨
Uberwindung des Naturalismus vorweg. In
dem darin enthaltenen Kapitel Die neue Psychologie fordert er, dass
"
Zus¨
atze"
und
"
Umarbeitungen" des Bewusstseins
"
ausgeschieden und die Gef¨
uhle auf ihre urspr¨
ungliche Erscheinung
vor dem Bewußtsein zur¨
uckgef¨
uhrt werden [sollen]. Die alte Psycholo-
gie findet immer nur den letzten Effekt der Gef¨
uhle, welchen Ausdruck
ihnen am Ende das Bewußtsein formelt und das Ged¨
achtnis beh¨
alt.
Die neue wird ihre ersten Elemente suchen, die Anf¨
ange in den Fins-
ternissen der Seele, bevor sie noch an den klaren Tag herausschla-
gen, diesen ganzen langwierigen, umst¨
andlichen, wirr verschlungenen
Prozeß der Gef¨
uhle, der ihre komplizierten Thatsachen am Ende in
simplen Schl¨
ussen ¨
uber die Schwelle des Bewußtseins wirft [...]. Die
alte Psychologie hat die Resultate der Gef¨
uhle, wie sie sich am En-
de im Bewußtsein ausdr¨
ucken, aus dem Ged¨
achtnis gezeichnet; die
neue zeichnet die Vorbereitungen der Gef¨
uhle, bevor sie sich noch ins
Bewußtsein hinein entschieden haben. [...] Am n¨
achsten liegt die 'Ich-
Form'. Was ¨
uber eine Seele ausgesagt wird, bewirkt uns nicht; aber
den Bekenntnissen, welche eine Seele von sich selbst aussagt, ist unser
Vertrauen geneigt."
2
Jedoch reiche die Ich-Form nicht aus. Die neue Psychologie ben¨
otige eine Art
"
Protokollf¨
uhrer" im Gehirn der darzustellenden Person, der psychische Vorg¨
ange
2
Bahr, Die ¨
Uberwindung des Naturalismus, S. 57-60
2
VORBILDER
5
festhalte, noch bevor sie das Bewusstsein passiert h¨
atten
3
. Diesen
"
Protokollf¨
uhrer"
bezeichnet Dostojewski bereits 1862 als
"
Stenographen". Aus der mir einsichti-
gen Quelle wird nicht ersichtlich, ob Bahr Dostojewskis Aussage bekannt war.
¨
Ubertragen auf die Literatur bedeuten Bahrs Forderungen also eine Erweiterung
des Erz¨
ahlerbegriffs und der Erz¨
ahlform. Die Aufgabe des Autors soll es nicht
mehr sein, zu strukturieren, den Leser in den Text und die Figur einzuf¨
uhren.
Er ist lediglich derjenige, der den Stift f¨
uhrt und die unbewussten Regungen und
Gef¨
uhle der Figur aufzeichnet in der Reihenfolge, in der sie im Unterbewusstsein
auftauchen, noch bevor sie das Bewusstsein passieren, vom Verstand reflektiert
werden. Da die
"
Ich Form" bereits bewusst Gedachtes wiedergibt, Gedanken
und Gef¨
uhle bereits strukturiert, m¨
oglicherweise auch nur noch bruchst¨
uckhaft
oder gar nicht mehr vorhanden sind, fordert Bahr eine neue Erz¨ahlform. Eine
Erz¨
ahlform, die versucht, Unbewusstes unmittelbar und vollst¨
andig darzustellen.
2.2
Literarische Vorbilder
2.2.1
Dostojewski
Nach Ansicht Dujardins hat Dostojewski bereits 1862 die M¨oglichkeit des
inneren Monologs gesehen. In seiner Untersuchung ¨
uber den inneren Monolog zi-
tiert Dujardin dazu eine Textstelle aus Dostojewskis Eine garstige Anekdote
von 1862. Dort l¨
aßt dieser den Erz¨
ahler folgende Zwischenbemerkung einschieben:
"
Bekanntlich durchkreuzt oft eine ganze Reihe von Erw¨
agungen unser
Gehirn blitzartig, in Gestalt von Empfindungen, welche die menschli-
che Sprache nicht ausdr¨
ucken kann, am wenigsten die Literaturspra-
che. Wir wollen uns aber bem¨
uhen, alle diese Empfindungen unseres
Helden wiederzugeben und unserem Leser wenigstens eine Vorstellung
3
Worbs, Nervenkunst, S. 83
2
VORBILDER
6
von dem Wesen dieser Empfindungen vermitteln, sozusagen das, was
an ihnen das Wichtigste und Wahrscheinlichste war. Denn viele un-
serer Empfindungen wirken, in die Sprache des Alltags ¨
ubertragen,
v¨
ollig unwahrscheinlich. Daher kommen sie nie zutage, obgleich ein
jeder sie hat"
4
.
Dostojewski verwendet in der Erz¨
ahlung nur an wenigen Stellen den inne-
ren Monolog, d. h., ein Ausschnitt aus dem Bewusstseinsvorgang der Figur wird
wiedergegeben, ohne Einleitung durch ein Verb des Denkens oder Sagens.
"
Die
garstige Anekdote nutzt die komisch-skurrile Wirkung des inneren Monologs, der
durch die Trunkenheit des Protagonisten Iwan Iljitsch motiviert ist."
5
Bez¨
uglich
seiner Rolle bei der Entstehung der Erz¨
ahlung Krotkaja( dt.:Die Sanfte)1876 sieht
Dostojewski sich nicht mehr als Erz¨
ahler im klassischen Sinn, sondern als Ste-
nographen. Die Erz¨
ahlung kreist um die Gedankenwelt eines jungen Ehemannes,
dessen Frau Selbstmord begangen hat. Er versucht nun, schwankend zwischen
Selbstverteidigung und Beichte, die Wahrheit ¨
uber ihren Freitod zu ergr¨
unden.
Dostojewski nennt seine Erz¨
ahlung phantastisch:
"
Wenn ihn ein Stenograph
h¨
atte belauschen und alles nachschreiben k¨
onnen, w¨
are vielleicht alles etwas holp-
riger geworden, weniger ausgearbeitet, als es bei mir ist, aber mir scheint, daß die
psychologische Entwicklung vielleicht dieselbe geblieben w¨
are. Eben diese Vor-
stellung des nachschreibenden Stenographen (dessen Niederschrift ich dann ¨
uber-
arbeitet h¨
atte) ist das, was ich in dieser Erz¨
ahlung das Phantastische nenne"
6
.
Nach Ansicht Zenkes ist Die Sanfte allerdings noch kein innerer Monolog im
strengen Sinn, da noch ein H¨
orer in die Fiktion mit einbezogen werde, d. h., die
4
Dostojewski, Erz¨
ahlungen, S. 475ff, zitiert nach: Zenke, Die deutsche Monologerz¨ahlung
im 20. Jahrhundert, S. 33
5
Surowska, Schnitzlers innerer Monolog im Verh¨
altnis zu Dujardin und Dostojewski, S.
33/34
6
Dostojewski, Erz¨
ahlungen, S. 867, zitiert nach: Zenke, Die deutsche Monologerz¨ahlung
im 20. Jahrhundert, S. 35
2
VORBILDER
7
Bekenntnisse und Erkl¨
arungsversuche des Ehemanns werden einem anonym blei-
benden Gegen¨
uber anvertraut, dessen Position der Leser bald einnehme
7
. Neben
der Erz¨
ahlform weisen Leutnant Gustl und Die Sanfte auch inhaltlich ¨
Ahnlich-
keiten auf. So ist nach Ansicht Barbara Surowskas neben einer der Thematiken
der beiden Texte, die Herabw¨
urdigung der Offiziersehre, bei beiden Protagonis-
ten die Ausgangssituation ¨
ahnlich:
"
Beide Helden werden durch eine tragische
Begebenheit, die sie aus ihrer Selbstzufriedenheit herausreißt, gezwungen, nach-
zudenken und eine Bilanz ihres Lebens zu ziehen. In dem Fall der Sanften ist
es der Selbstmord der jungen Ehefrau, im Leutnant Gustl die vermeintliche Not-
wendigkeit des Freitodes"
8
. Ein entscheidender Unterschied bestehe jedoch darin,
dass der Protagonist in Dostojewskis Novelle erkennt: Ich habe sie zu Tode ge-
qu¨
alt, das ist es!, wohingegen Gustl zu keiner Einsicht gelange
9
.Surowska gibt
an, Krotkaja in Schnitzlers Leseliste gefunden zu haben. Da diese allerdings
undatiert ist, bleibt unklar, ob Schnitzler in seinem Brief an den d¨anischen
Literaturkritiker Georg Brandes vom 11.6.1901 aufrichtig ist, wenn er schreibt:
"
[...] Ich freue mich, daß Sie die Novelle von Lieutnant Gustl am¨
usiert
hat. Eine Novelle von Dostojewski, Krotkaja, die ich nicht kenne, soll
die gleiche Technik des Gedankenmonologs aufweisen. Mir aber wur-
de der erste Anlaß zu der Form durch eine Geschichte von Dujardin
gegeben, betitelt Les Lauriers sont coup´
es. Nur daß dieser Autor f¨
ur
seine Form nicht den rechten Stoff zu finden wußte.-[...]"
10
7
Zenke, Die deutsche Monologerz¨
ahlung im 20. Jahrhundert, S. 36
8
Surowska, Schnitzlers innerer Monolog im Verh¨
altnis zu Dujardin und Dostojewski, S.
555
9
Surowska, Schnitzlers innerer Monolog im Verh¨
altnis zu Dujardin und Dostojewski, S.
555/556
10
Briefwechsel von Georg Brandes und Arthur Schnitzler, hg. von Kurt Bergel, Bern
1956, S. 88, zitiert nach: Surowska, Schnitzlers innerer Monolog im Verh¨altnis zu Dujardin
und Dostojewski, S. 552
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