Einleitung
Ausgehend von der Annahme, Kunst ist in der Lage, die Schau des Göttlichen zu transportieren, dem Betrachter Einblick gewähren, ihn Gott schauen lassen, stellt sich die Frage, wie diese Einsicht vonstatten gehen kann und soll. Hierauf weiß bereits Plotin eine valide Antwort zu geben. Aus dem Betrachtungswinkel des Neuplatonismus erscheint das Schöne im Vergleich zu den bis dahin geltenden ästhetischen Regeln um ein vielfaches göttlicher als bisher. Die alte, rational-diskursive Auffassung des Schönen und der Kunst wird abgelöst durch eine neue, emotional-religiöse Betrachtungsweise. Plotin richtet sich vornehmlich gegen die stoische Auffassung, das Schöne sei abhängig von der Symmetrie und schafft damit Platz für ein neues ästhetisches Denken, in welchem die Seele im Schönen das ihr Gleiche schaut und sich in ihrem göttlichen Ursprung selbst erkennt. In „Über das Schöne“ (En. I 6) schreibt Plotin:
„Die Schönheit ist als das Erste anzusetzen, das zugleich das Gute ist, unmittelbar
von diesem her ist der Geist das Schöne; die Seele ist schön durch den Geist; und das übrige ist dann von der gestaltenden Seele her schön, das in den Handlungen und das in den Beschäftigungen.“ 1
Die Schönheit und das Gute liegen somit bereits im Einen, dem Göttlichen. Dieses Absolute als unbedingte Fülle des Seins emaniert in die Vielgestaltigkeit der Welt. Plotin vertritt ein Weltbild, welches vollständig auf diesem Prinzip der Emanation beruht. Emanation bedeutet Aus- bzw. Überfließen und bezeichnet das Überquellen des Einen, des höchsten Prinzips, welches aus reiner Vollkommenheit sich ergießt. Durch dieses Überquellen entstehen weitere Seinsstufen, von denen die ersten beiden sowie auch das Eine dem kosmos noetos, der intelligiblen, oberen Welt angehören und nur rein geistig erfaßbar sind. Nach dem Einen folgt die Stufe des Geistes und der Vernunft, auf welcher auch die Götter gedacht werden. Aus dieser Stufe entspringt die nächste, welche die Weltseele darstellt. Diese Weltseele zerfällt wiederum in die Einzelseelen, jedoch entsteht aus dieser Spaltung keine neue Stufe, Weltseele und Einzelseelen sind gemeinsam in der dritten Stufe enthalten. Erst hiernach wird die entstehende Welt materiell wahrnehmbar,
1 Plotin; Ausgewählte Schriften; Philipp Reclam jun.; Stuttgart, 2001; S. 56 (Über das Schöne)
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der kosmos aisthetos, die untere, sensible – mit den Sinnen wahrnehmbaren – Welt 2 entsteht. Die Seele ergießt sich in eine weitere Stufe, den Sternenhimmel. Danach folgt die Stufe der Menschen, dann die der Tiere, darauf die der Pflanzen, weiterhin alles Anorganische und Unbelebte und schließlich, als letzte Konsequenz der überfließenden Vollkommenheit die formlose Materie. Im Laufe der Emanation entstehen immer mehr Unreinheiten des ursprünglich Vollkommenen, das zunächst absolut Reine wird mit jeder Stufe die sich aus der vorangegangenen ergießt befleckter und schadhafter. Das ursprünglich rein Gute wird mit Bösem angereichert und endet schließlich in der formlosen Materie, dem Bösen schlechthin, gekennzeichnet durch seine völlige Formlosigkeit.
Emanation
1. das Eine (hen); auch: das Gute & das Schöne 2. Geist (nous), Vernunft & Intelligenz, das Sein; auch: die Götter 3. die Weltseele (psyche), welche wiederum in die Einzelseelen zerfällt & das Leben
* hierunter beginnt erst die materielle, für den Menschen wahrnehmbare Welt *
4. der Sternenhimmel (uranos) 5. die Menschen 6. die Tiere 7. die Pflanzen 8. Anorganisches & Unbelebtes 9. die formlose Materie (hyle)
Ein sinnführendes Bild für die Emanation ist das Aussenden der Lichtstrahlen von der Sonne.
2 Vgl: http://achimwagenknecht.de/Augustin/a72plotin.html
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Das Schöne
Plotin vertritt – entgegen die Lehre der Stoiker – die Auffassung, das Schöne (kalon) sei nicht gleichzusetzen mit der Symmetrie, also der Relation der einzelnen Teile eines Gegenstandes. Zwar schließt Plotin „eine theoretische Verknüpfung von Schönheit und harmonischer Ordnung“ 3 nicht aus, doch ist die Symmetrie nicht die Voraussetzung, sondern vielmehr die Folge von Schönheit. Diese (damals ungewöhnliche) These belegt Plotin mit vier Argumenten.
1) Zum ersten könnte nichts Einfaches schön sein wenn Schönheit Symmetrie wäre. Es gibt aber einfaches Schönes wie z.B. Farbe, Gold, Licht, die Nacht oder auch Feuer; und allesamt werden nicht aufgrund einer Harmonie ihrer Teile für schön befunden. Weiterhin spielt bei diesem ersten Argument bereits die Vorstellung an, „die Schönheit der Ideen und des Ersten Prinzips sei als elementar und einfach und zugleich als „schön“ in einem eminenten Sinn zu verstehen.“ 4
„Und was die Schönheit der Farbe betrifft, so ist sie einfach an Gestalt und wird demnach das Dunkle in der Materie beherrschen durch die Gegenwart eines unkörperlichen Lichts, das rationale Struktur und Form ist.“ 5
2) Zum zweiten müßte Schönheit aus häßlichen Teilen zusammengesetzt sein, eine Aussage, die Plotin auszuschließen versucht. Für ihn entsteht Schönheit bei zusammengesetzten Teilen als ein „qualitativer Sprung“ 6 . Da die einzelnen Teile nicht schön sind wird auch durch ihre Summierung kein Schönes entstehen.
3) Zum dritten könnten im Falle einer Kongruenz von Schönheit und Symmetrie menschliche Handlungen, Tugenden und Wissenschaften nicht mehr als schön gelten, da es nicht möglich ist, für diese sinnvoll von Symmetrie zu sprechen. Dieser dritte Einwand fundiert sich darin, daß das Schöne überhaupt für „werthaft Ausgezeichnetes“ 7 stehen kann und ist somit nicht von ästhetiktheoretischer Natur.
3 Horn, Christoph; Plotin; in: Nida-Rümelin, Julian (Hrsg.); Ästhetik und Kunstphilosophie; Alfred Kröner Verlag; S. 642 4 Horn, Christoph; Plotin; S. 641 5 Plotin; Ausgewählte Schriften; Philipp Reclam jun.; Stuttgart, 2001; S. 51 (Über das Schöne) 6 Horn; Plotin; S. 642 7 Horn; S. 642
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Quote paper:
Mag. Klaudia Zotzmann, 2007, Das Kunstwerk bei Plotin, Munich, GRIN Publishing GmbH
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