1. Preise als ökonomisch-relevante Werte unterm Strich der Gewinnglei-
chung
Werte sind nicht gleich Werte, sondern werden intersubjektiv verstanden. Ohne Kontext sind Werte weder moralisch noch wertend. Ursprünglich ist der Begriff Wert, mit dem wir heute als umbrella term Grundwerte, Leitkulturen und Wertekodexe subsumieren können, kein philosophisch-theologischer Begriff, sondern stammt aus der Nationalöko- nomie. Während Aristoteles nach dem eu sän, also dem, was ein Leben zu einem guten Leben macht, suchte, waren es Ökonomen wie Karl Marx oder Herbert Spencer, die nach dem Mehrwert einer Sache fragten.
Weitere Anstrengungen von Unternehmen sind notwendig, ein Wertemanage- ment in eine Ethik zu integrieren, die „einerseits nicht der ökonomischen Grundfärbung des Wertebegriffs erliegt, anderseits aber auch metaphysische Übersteigerungen ins Abso-
lute vermeidet“ 1 . Wertorientierte Konzerne können auf präskriptive Normen in allgemei- nen Firmenphilosophien verzichten, wenn sie im Management vermehrt ihre subjektiv- individuell entwickelten Werte fördern. Denn erst bei Entscheidungen mit moralischen Konsequenzen haben Werte eine moralische Dimension, die über den eigenen „morali-
schen Kompass“ 2 individueller Werte hinaus geht.
Um ethische Handlungsmaßstäbe zum Leben zu erwecken, muss ein wertorien- tiertes Unternehmen genau darum ins Gespräch mit seinen Stakeholdern kommen, die vom Wert eines Unternehmens profitieren. Doch schaffen ethische Werte auch gleich fi- nanziellen Mehrwert? Allein mit Gewinn-Hypothesen zu argumentieren ist nicht glaub- würdig genug. Führungskräfte brauchen eine konsistente Haltung, eine klare ethische Ur- teilsfähigkeit, um langfristig erfolgreich zu sein. Dazu gehört eine stärkere Bewusstseins-
orientierung 3 , d.h. ein positives Verständnis dafür, dass Werte in einem System, wo ris- kantes Verhalten von Managern durch Unternehmen sehr stark belohnt wird, kein beliebig verfügbarer Katalog mit kontrollierbarer Wirkung sind.
David Hume betonte, dass es eine kategoriale Differenz zwischen Sein und Sol-
len gebe 4 , man also nicht vom rein deskriptiven Modell zum normativen Imperativ schlie- ßen kann. Jesus und seine Jünger sprachen nie explizit von Werten, jedoch von der Wahr- heit. Platon sprach ebenfalls nicht von Werten, sondern von der Idee des Guten. Bis zur
1 Wieland, Josef, Die Ethik der Governance, in: Wieland, Josef (Hg.), Studien zur Governanceethik, Bd. 1,
Marburg 5 2007, S. 81.
2 Lennick, Doug u.a., Moral Intelligence. Wie Sie mit Werten und Prinzipien Ihren Geschäftserfolg steigern,
Heidelberg 2006, S. 86ff.
3 Enderle, Georges, Handlungsorientierte Wirtschaftsethik: Grundlagen und Anwendungen, in: St. Galler
Beiträge zur Wirtschaftsethik, Bd. 8, Stuttgart 1993.
4 Hume, David, A Treatise of Human Nature, Oxford 1978 (orig. 1740).
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Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff „Wert“ ökonomisch verstanden und war Gegenstand der Nationalökonomie, bis Herrmann Lotze die umfassendere Wertphiloso- phie begründete. Doch Werte an sich sind zunächst subjektiv, kein Mission Statement auf der Basis fest kodifizierbarer Grundwerte. Individuelle Werte, auf die sich eine größere Zahl von Menschen einigt, schaffen Normen und nicht umgekehrt.
Ökonomen haben keine philosophische Werttheorie, sondern equilibrieren Wert
mit Preis als Gleichgewicht 5 für ein Produkt oder eine Dienstleistung. Der Wert eines Ge- genstands ist davon abhängig, welche subjektive Bedeutung der Einzelne ihm zuschreibt.
Ökonomisch gesehen sind Preise „nichts anderes als aggregierte Wertvorstellungen“ 6 . In der Theologie sind Werte dagegen Verhaltensweisen wie das Fragen nach Wahrhaftigkeit, Treue und Gerechtigkeit.
In der Philosophie hingegen liegt die Sache anders. Hier ist der Wertbegriff „das
Ergebnis einer Hypostasierung von Wertprädikaten“. 7 So ist ein Glas Wasser für einen Schwimmbad-Besitzer weniger wertvoll als für einen verdurstenden Marathonläufer, der
bereits lediglich einen Schluck vom kostbaren Nass wertschätzen würde. 8 Wenn es dabei um Geld geht, wird der Käufer nur dann denjenigen Preis akzeptieren, der unter seinem subjektiven Werteempfinden liegt. Im Kern divergieren ökonomische Werte von ethi-
schen Maßstäben. 9 Ihre wissenschaftliche Konzeption und daraus resultierende Hand- lungsempfehlungen werden kontrovers diskutiert.
5 Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG 4 ), Art. „Wert/Werte“, S. 1468.
6 McK Wissen, Das Magazin von McKinsey, 11. Ausgabe, „Wert“, Hamburg 2004, S. 22.
7 Lexikon für Theologie und Kirche (LThK), Art. „Wert“, S. 1108.
8 Oermann, Nils Ole, Anständig Geld verdienen? Protestantische Wirtschaftsethik unter den Bedingungen
globaler Märkte, Gütersloh 2008, S. 209.
9 Camenish, Paul F., Business Ethics: On Getting to the Heart of the Matter, in: Stackhouse, Max L. u.a.
(Hg.), On Moral Business, Classical and Contemporary Ressources for Ethics in Economic Life, Princeton
(USA) 1995, S. 587ff.
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2. Glaubwürdige Wertorientierung mit ganzheitlichem Nachhaltigkeits-
Effekt
In der Gewinn-Gleichung ist es schwierig, den Menschen mit einzubeziehen. Zwar ist seine Arbeitsleistung der entscheidende Produktionsfaktor für den Erfolg eines Unternehmens. Seine individuellen Bedürfnisse scheinen hier nicht hineinzupassen. Doch bereits in den gesellschaftlichen Mini-Unternehmen Familie, Schule und Arbeitsplatz kommt es darauf an, den Blick für die eigene Verantwortung zu schärfen. Es gilt nicht nur Werte zu formulieren respektive zu diskutieren, sondern es kommt darauf an, bereits im Privatleben mit Kopf und Herz, d.h. ökonomischer Rationalität und emotionaler Intelli-
genz 10 bewusst eine ethische Werteorientierung einzunehmen.
Diese strategische Anstrengung – und der Seitenblick, wie etwa auf die Theolo-
gie und ihre Interpretationen des Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter 11 – lohnt sich. „Christliche Ethik ist kein Potpourri der Beliebigkeit“ 12 , sondern manifestiert sich u.a. in den Zehn Geboten, der Bergpredigt und dem Wirken Jesu. Die darin enthaltenen Bot- schaften werden nicht täglich zur Disposition gestellt. Jesus kritisierte nicht wie häufig
angenommen Besitz und Gewinnstreben per se 13 , sondern er sieht ihn wie im Gleichnis vom Reichen Jüngling erkennbar genau dann, wenn er dem Reichen den Weg zur Nach- folge versperrt. Als gläubiger Jude hat Jesus gemäß den Schriften der Thora Menschen sensibilisiert für die Auswirkungen der Geldwirtschaft.
Nach christlichen Maßstäben kann Geld als erstes historisches Massenmedium unter der Voraussetzung seiner angemessenen Verwendung Werte schaffen, die soziale Gemeinschaft fördern statt abbrechen. Letztendlich kam es Jesus darauf an, in der Bezie- hung zu Gott, zu seinen Mitmenschen und damit auch zu sich selbst zu leben: „Damit geht
es nicht mehr um Corporate Values, sondern um persönliche Moral“ 14 . Von diesem Bei- spiel kann auch Ökonomie lernen: Aus Unternehmenssicht betrachtet zahlt sich solch ein bewusstes Vorbild-Verhalten in Loyalität und mehr Engagement aus. Letztlich aber auch in höherer Produktivität, Wertschöpfung und Rendite. Dazu mögen folgende fünf Thesen zur Führung, Strategie und Marketing in Unternehmen pragmatische Denkanstöße sein.
10 Golemann, Daniel, Emotionale Intelligenz, München 1996, S. 190ff.
11 Lukas-Evangelium, 10. Kapitel.
12 Hemel, Ulrich, Wert und Werte. Ethik für Manager – ein Leitfaden für die Praxis, München 2 2007, S. 51.
13 Marguerat, Daniel, Gott und Geld – ein Widerspruch? Wie die Bibel Reichtum und Besitz einschätzt, in:
Welt und Umwelt der Bibel, 1. Ausgabe, Stuttgart 2008, S.10ff.
14 Hartmann, Michael, Werte aus Sicht der Kirche – ein zeitgemäßer Ansatz?, in: Unger, Stefanie u.a. (Hg.),
Was uns wichtig ist. Eine neue Führungsgeneration definiert die Unternehmenswerte von morgen. Ergebnis-
se aus der Wertekommission, Weinheim 2 2007, S. 213ff.
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Jan Thomas Otte, 2008, Profit machen, Prinzipien beherzigen?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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