Inhaltsverzeichnis
1. Problemstellung 3
2. Probleme von Epochenkonstrukten und Spezifizierung der Vorgehensweise 4
3. Sozialgeschichtliche Implikate des Realismus 5
4. Programmatik des Realismus 6
5. Der Grüne Heinrich 10
6. Frage nach der Einlösung der realistischen Programmatik 13
7. Überprüfung der Realismuskonformität des Grünen Heinrichs anhand der
Gattungsthematik 15
8. Text und Kontext 16
9. Fazit 19
2
1. Problemstellung
Dieser Aufsatz unternimmt keine Neuinterpretation des Grünen Heinrichs von Gottfried Keller, vielmehr wird der Versuch unternommen, bekannte und diskutierte Aspekte im neuen Licht zu analysieren. Ausgangspunkt bildet die Programmatik des Realismus, welche als Interpretationsfolie für den Roman dient. Nach der Darlegung der Epochenprogrammatik des Realismus erfolgt der Versuch einer Identifizierung derselben im Kunstwerk. Leitend ist die These, dass Kunstwerke, welche von der Epochenprogrammatik abweichen, ergiebig für Interpretationen sind.
Die lange Zeit vorherrschende Fokussierung der Gattungsthematik des Grünen Heinrichs ist einseitig, weshalb ein Augenmerk dieser Interpretation den im Roman eingebetteten Diskursen gilt. Zur Frage der Diskurse gehört die Frage nach der Text-Kontext- Unterscheidung, welche als zentraler Punkt der kulturwissenschaftlichen Debatte gilt. Zur Gewinn bringenden Analyse literarischer Texte reicht eine textimmanent verfahrende Lektüre nicht aus. Bei zeitlich weit zurückliegenden Texten wird eine Einbeziehung literarische Texte beeinflussender Kontexte erforderlich. Ziel einer ambitionierten, wissenschaftstheoretisch anspruchsvollen und wissenschaftlich verfahrenden Literaturwissenschaft sollte die Fokussierung vertexteter Kontexte sein. So wird der Philologe zum Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftstheoretiker, innerhalb des in Bewegung geratenen disziplinären Institutionengefüges eine privilegierte Position. Literaturgeschichte und Wissenschafts- geschichte, Poesie und Wissen sollten einander annähern. Kulturwissenschaftlich inspirierte Literaturwissenschaft könnte eine der Philologie verpflichtete Literaturwissenschaft bedeuten, »die methodisch kontrolliert auf externe Wissenskontexte ausgreift und eine vorsichtige Erweiterung ihres traditionellen Textkorpus anstrebt«. 1 Damit ist ein historischer und quellenorientierter Ansatz erforderlich, der eine Schließung der zeitgenössischen Sinnlücken als Frage-Antwort-Rekonstruktion vornimmt. Der Ort dieses Ansatzes ist das Archiv, die Vorgehensweise hermeneutisch. Das Ziel ist nicht die große Erzählung, sondern eine wissenschaftstheoretischen Anforderungen entsprechende und wissenschaftshistorische Konstellationen berücksichtigende historisch-kontextuelle Rekonstruktion mittlerer Reichweite.
Im Grünen Heinrich kann man im Zuge einer Text-Kontext-Analyse religiöse, ökonomische und ästhetische Diskursstränge identifizieren. Verbindet man diesen
1 Danneberg, Lutz: Vorwort In: Scientia Poetica 8 (2004). S. VII-IX. Hier S. VII.
3
Analysepunkt mit der Überprüfung der realistischen Programmatik und der Gattungsfrage, dann ergeben sich Ansatzpunkte für eine gehaltvolle Interpretation des Kunstwerks.
2. Probleme von Epochenkonstrukten und Spezifizierung der
Vorgehensweise
Defizite von Epocheneinteilungen sind bekannt. Epochenkonzepten wird das Manko einer spezifischen Historisierung 2 vorgehalten, sie gelten als kritisch-heuristisch. 3 Das Verdienst besteht in Klassifizierungs- und Systematisierungseffekten, die kategoriale Differenzierungen innerhalb der Literaturgeschichte und Zugehörigkeitsdistinktionen ermöglichen, die wiederum als Diskussionsgrundlage dienen.
Da in der neueren Literaturgeschichte ein Paradigmenwechsel 4 dahingehend stattgefunden hat, Literaturgeschichte in ihrem Verhältnis zum allgemeinen Prozess der Geschichte zu betrachten empfiehlt es sich, sozialgeschichtliche Implikate des Realismus aufzuarbeiten. Fokussiert werden gesellschaftliche Entwicklungen. Darauf folgt die Darstellung der realistischen Programmatik. Die Programmatik einer Epoche bietet den Ariadnefaden, der einen bei der Durchleuchtung eines Kunstwerks leitet. Abweichungen von epochenbestimmenden Programmatiken sind für den Literaturwissenschaftler von Interesse, da durch sie eine Epochen unabhängige Strukturierung des Werks erkenntlich wird. Epochenprogrammatiken sind selten einheitlich und gelten nicht für die gesamte Epoche gleichverbindlich. So kann man den Realismus in eine poetische, bürgerliche und psychologische Phase untergliedern. 5 Dabei fragt sich, ob dies als deskriptiv oder analytisch zu verstehen ist. Bei ersterem Verständnis stellt sich das Problem, dass häufig Elemente aller drei Realismen in einem Werk aufzufinden sind. Wird sie analytisch postuliert, so wird zwar auf theoretischer Ebene potentiell Theoriebildung ermöglicht; bewegt man sich aber auf die Textebene herunter, ergibt sich die Problematik einer realen Vermischung und Überlappung der Realismuskonzepte. In einem nächsten Schritt wird die realistische Programmatik auf Gottfried Kellers Der grüne Heinrich angewendet und geprüft, inwieweit die Axiome umgesetzt worden sind. Anschließend spielt die Gattungsthematik eine Rolle. Danach findet eine Diskussion der im Roman thematisierten Wissensdiskurse statt.
2 Rohe, Wolfgang: Roman aus Diskursen: Gottfried Keller "Der grüne Heinrich". München 1993, S. 5. 3 Vgl. Bahr, Erhard: Vorwort. In: Bahr, Erhard (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur. Kontinuität und Veränderung. Vom Mittelalter bis zum Barock. Band 1. Tübingen: Francke 2 1987. S. VII-X. Hier S. X. 4 Zum Begriff des vor allem von Thomas Kuhn entwickelten Begriff des Paradigmenwechsels vgl. Kuhn, Thomas: Die Struktur wissenschaftlicher Revolution. Frankfurt/M. suhrkamp 2003. S. 122.
5 Vgl. Frenzel, Herbert/Frenzel Elisabeth: Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte. Band 2. vom Realismus bis zur Gegenwart. München: dtv 19 1981. S. 411.
4
Sozialgeschichtliche Implikate des Realismus 6
3.
Am heftigsten war der Begriff des Realismus in den Jahren von 1830 bis 1880 in der Diskussion. 7 Veränderungen bestanden damals in der veränderten Bevölkerungsstruktur durch die industrielle Revolution. Die industrielle Revolution ermöglichte einen qualitativen und quantitativen produktionstechnischen Wandel. Die Transformation Deutschlands vom Agrarstaat zum Industriestaat vollzog sich innerhalb weniger Jahrzehnte. Zwar wurde per Gesetz bestimmt, dass die Bauern den feudalen Verpflichtungen enthoben wurden; ihre geringen finanziellen Kapazitäten trieben sie wieder in die Arme der Gutsherren. Durch die Besitzumschichtung entstanden die Gruppen der landwirtschaftlichen Unternehmer, Pächter und Lohnarbeiter. Es setzte eine Abwanderung der Landbevölkerung in industrielle Großstädte ein. Durch den 1834 von Preußen gegründeten Zollverein wurden Großbetriebe, Gewerbe und Industrie rentabler. Adelsschichten beteiligten sich mit Finanzressourcen am Wirtschaftsleben. Arbeiterklasseninteressen wurden seit den 40er Jahren durch Arbeiterorganisationen vertreten.
Für die literarische Produktion wird den misslungenen Revolutionsbestrebungen des Jahres 1848 Bedeutung zugesprochen, 8 denn sie zeichnen sich für ein Drängen nach nationaler Einheit, zum bürgerlichen Staat und allgemeinen sozialen Umgestaltungen verantwortlich. Ferner sind der Trend zu unpersönlichen Beziehungen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft sowie sich verschärfende Klassengegensätze zu nennen.
6 Zum folgenden vgl. vor allem Daemmrich, Horst: Realismus. In: Bahr, Erhard (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur. Kontinuität und Veränderung. Vom Mittelalter bis zum Barock. Band 3. Tübingen: Francke 2 1987. S. 1-88. Hier S. 7-22.
7 Weidhase, Helmut: Realismus. In: Metzler-Literatur-Lexikon. Begriffe und Definitionen. Herausgegeben von Günther und Irmgard Schweikle. Stuttgart: Metzler 2 . S. 375 ff. Hier S. 376.
8 Hahl, W: Reflexion und Erzählung. Ein Problem der Romantheorie von der Spätaufklärung bis zum programmatischen Realismus. Stuttgart 1971. S. 200.
5
4. Programmatik des Realismus
Unter kulturwissenschaftlichen Vorzeichen wird die Kontingenz des Realitätsbegriffs des Realismus betont. Realismus könnte deswegen am besten als ein historisch und soziologisch variabler Bedeutungseffekt aufgefaßt werden [...], der daraus besteht, daß ein literar. Text oder ein Kunstwerk der jeweiligen Realitätsauffassung des Publikums entspricht und diese vielleicht sogar bestimmt. 9
Allgemeines
Im Realismus rekurrierte man wieder auf den aus der aristotelischen Tradition stammenden Mimesis-Begriff. Damit wurde ein Merkmal des Versuchs der Wirklichkeitsproduktion, dass sich ein hoher Anteil an äußerer Wirklichkeit in den Kunstwerken fand. Mit der gescheiterten Märzrevolution wurde der „>Realismus< sowohl zur gemäßen bürgerlichen Haltung wie zum literarischen Programm erhoben.“ 10 Damit ist der Anfang des Realismus bürgerlich. Gottfried Keller kann als Vertreter des demokratischen Kleinbürgers betrachtet werden. 11 Im Realismus fiel die Auffassung über das Künstlertum moderat aus, denn die „programmatischen Realisten üben die >>bestimmte Tätigkeit<< des literarischen Schaffens aus, so wie sich gleichzeitig ihre Landsleute auf die Wirtschaft oder die Wissenschaft oder die Politik spezialisieren.“ 12 Als basale Voraussetzung des Realismus kann man die „Verurteilung von jeder Art der >>Negation<<, der christlichen Weltfeindschaft sowohl wie des nachchristlichen Zerfallsprodukt Nihilismus“ 13 betrachten. Die realistische Programmatik erfordert die Darstellung des gegenwärtigen Lebens, wobei für die Kunst ein objektiver Anspruch gilt. 14 Realisten tun einen vollen Griff ins Leben, besitzen eine positive Lebenshaltung und billigen keine Rhetorik. Die Dichotomien Gegenwart statt Vergangenheit, Wirklichkeit statt Schein, Prosa statt Vers sind ebenso wichtig. Zentral ist die „Berufung der realistischen Poetologie auf das Kriterium der empirischen Wahrscheinlichkeit“. 15 Diesem Sachverhalt entspricht die Berufung auf ein empirisches Signifikanz- bzw. Repräsentanzkriteriums, 16 welches „zur Abwehr ideologisch
9 Luc Hermann: Realismus. In: Nünning, Ansgar (Hrsg.): Metzler Lexikon der Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart: metzler 3 2004. S. 560-562. Hier S. 560.
10 Hahl, W.: Reflexion und Erzählung. S. 200.
11 Sengle, Friedrich: Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 1815-1848. Band 1. Allgemeine Voraussetzungen, Richtungen, Darstellungsmittel. Stuttgart: metzler (i.e. 1999). S. 264 f.
12 Ebd. S. 270.
13 Ebd., S. 211.
14 Hahl, W., Reflexion und Erzählung. S. 202.
15 Thomé, Horst: Automes Ich und inneres Ausland: Studien über Realismus, Tiefenpsychologie und Psychiatrie in deutschen Erzähltexten (1848-1914). Tübingen: niemeyer 1993. S. 17.
16 Ebd., S. 65.
6
Quote paper:
Dr. Stefan Schweizer, 2008, Gottfried Kellers "Der Grüne Heinrich" - Realistische Epochenprogrammatik und Diskurse, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Zu: Gottfried Keller: "Der grüne Heinrich"
Judith und Anna - Kellers Gese...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 31 Pages
Epos und Roman im Hochmittelalter
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Sport und die Förderung sozialer Kompetenzen
Sport - Sport Pedagogy, Didactics
Examination Thesis, 52 Pages
Erlebnissport - Erlebnispädagogik
Sport - Sport Pedagogy, Didactics
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Antisemitismus in Freytags "Soll und Haben"
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 14 Pages
Eduard Mörikes "Maler Nolten". Von den Vorbildern zu neuen W...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 29 Pages
Motivationsprobleme in der Schule
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 24 Pages
Bildungsideal und Bildungswege in Hermann Hesses Werken 'Peter Cam...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Zu den orthographischen Prinzipien des Deutschen
Theorie und Praxis
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 21 Pages
Der Siegeszug der neuen Medien in der Ganztagsschule
Sociology - Children and Youth
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Sportlehrerkompetenz: Motivation im Schulsport
Motivierung durch den Lehrer i...
Sport - Sport Pedagogy, Didactics
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Die Ausprägung der Gattung des Bildungsromans bei Hermann Hesses '...
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit in Bertolt Brechts Theaterth...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 15 Pages
Eine sprachgeschichtliche Analyse des Einflusses Martin Luthers und se...
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Scholary Paper (Seminar), 27 Pages
Brechts Theatertheorie der Verfremdung
Und deren Anwendung im "L...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 20 Pages
Stefan Schweizer's text Gottfried Kellers "Der Grüne Heinrich" - Realistische Epochenprogrammatik und Diskurse is now available as a printed book
Stefan Schweizer has published the text Gottfried Kellers "Der Grüne Heinrich" - Realistische Epochenprogrammatik und Diskurse
Readers and Their Fictions in the Novels and Novellas of Gottfried Kel...
Gail Kathleen Hart
0 comments