(LQOHLWXQJ
'LH6LWXDWLRQ:HVWIDOHQVLQGHUHUVWHQ+lOIWHGHV-DKUKXQGHUWV
'LH0DJLHGHU6FKULIW=HLFKHQXQG6\PEROH
'LH'DUVWHOOXQJGHV$QWLVHPLWLVPXVLQGHU-XGHQEXFKH
=XVDPPHQIDVVXQJ
Wie schon aus dem wiedergegebenen Zitat von Christoph Bernhard Schlüter ersichtlich, hatte Annette von Droste-Hülshoff eine ganz eigene, spezielle Art, ihre Gedanken und Gefühle literarisch umzusetzen. Die Charakterisierung durch Schlüter, eines langjährigen Bekannten der Droste, der als Philosophiedozent in Münster tätig war und die geistliche Lyrik Annette von Droste-Hülshoff herausgab, ist sehr gelungen. Es verdeutlicht nur zu gut die Eigenarten der Autorin, die eine sehr scharfe Beobachterin ihrer Umgebung und ihrer Mitmenschen war und sich dadurch nicht nur beliebt machte.
Annette von Droste-Hülshoff, geboren am 12. Januar 1797 auf Schloss Hülshoff, schrieb eine ganze Reihe von Werken, wobei „Die Judenbuche“ eines ihrer bekanntesten wurde. Die Novelle, erstmalig vom 22. April bis 10. Mai 1842 in Cottas „Morgenblatt für gebildete Leser“ in 16 Teilen erschienen, wurde in viele Sprachen übersetzt und gehört mittlerweile in vielen Schulen zum Lesestoff.
Mit dieser vorliegenden Arbeit möchte ich die Novelle „Die Judenbuche“ unter dem Aspekt des Antijudaismus bzw. Antisemitismus betrachten. Dazu ist es notwendig, die historische Situation in Westfalen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu betrachten. Besonderes Augenmerk gilt dabei der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung dieses Landstriches. Die Novelle von Annette von Droste-Hülshoff trägt den Untertitel „ Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen“. Deswegen bedarf es einer Betrachtung der alltäglichen Lebenssituation der damaligen Bevölkerung, um zu sehen, inwieweit die Autorin diese Lebenswelt in ihre Schilderungen einbaut.
Da die Dichterin am Schluss ihres Werkes schreibt, dass es sich wirklich so zugetragen hat, ist es wichtig, die Entstehungsgeschichte der Novelle zu betrachten. Ist doch nachweisbar, dass sich die Droste auf historische Quellen bezieht.
Die in der „Judenbuche“ vorkommenden Juden werden auf eine besondere Art und Weise dargestellt. Um diese Darstellungen genauer untersuchen zu können, ist es sehr wichtig, die Situation der Juden als Minderheit in Deutschland in der damaligen Zeit mit einzubeziehen. Dabei sind besonders die Beziehungen zwischen der Sprache, der Schrift und den in der „Judenbuche“ vorkommenden relevant. Um den Bogen weiterzuführen, möchte ich einen
kleinen Exkurs zur jüdischen Magie, der Kabbala und der jüdischen Schrift und Symbole in der Novelle geben.
Um das Werk von Annette von Droste-Hülshoff auf antijüdische Darstellungen untersuchen zu können, möchte ich speziell die Sprache des Antisemitismus allgemein und in der Novelle im Besonderen betrachten.
Ich möchte eine Reihe von Fragen durch diese Untersuchung aufwerfen: Welche Funktion haben die antijüdischen Darstellungen, fall sie vorhanden sind, in diesem Werk? Bedeutet die Darstellung von Antisemitismus in einem literarischen Werk, dass dessen Autorin eine antijüdische Einstellung oder Meinung hat?
Ich hoffe diese und weitere Fragen durch die vorliegende Arbeit beantworten zu können.
Da die „ Judenbuche“ mit dem Untertitel „ Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen“ versehen ist, halte ich es für wichtig, einen kurzen Überblick über die historische Situation Westfalens zu geben. Ich stütze mich dabei auf die Ausführungen von Manfred Botzenhart 1 .
Wie so oft in der Geschichte, ist auch das heutige Westfalen ein Zufallsprodukt der preußischen Verwaltung nach 1814/15.
Zum Ende des 18. Jahrhunderts bestand Westfalen aus vielen kleinen Territorien, darunter die Bistümer Münster und Paderborn, sowie die einzige freie Reichsstadt Dortmund. Westfalen ist politisch vor allem von den Mediatisierungen und Säkularisierungen nach dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803, der Ausdehnung des napoleonischen Herrschaftssystems auf Deutschland 1806/07 und von der Errichtung der preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen nach dem Wiener Kongress 1814/15 geprägt. Durch die Verstaatlichung von Kircheneigentum wurden die Menschen in ihrer religiösen Ausübung beeinträchtigt, denn viele Klöster Westfalens wurden aufgehoben und Stiftungen verstaatlicht. Statt der Landstände bestimmten jetzt die Berliner Zentralbehörden über
1 Botzenhart, Manfred. Westfalen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Ribbat, Ernst (Hg.). Dialoge mit der Droste. Kolloquium zum 200. Geburtstag von Annette von Droste-Hülshoff. Paderborn, München, Wien, Zürich. 1998. S.25-37
Für die Reformpolitik Napoleons ist kennzeichnend, dass sie für den Adel erhebliche Einbußen in Herrschaftsrechten brachte. Das gilt aber nicht für das Eigentum des Adels. Der weitere Einfluss dieser Schicht hing weitgehend von seiner Behauptung in der bürgerlichen Erwerbs- und Leistungsgesellschaft ab. In der Zeit nach 1814 ist Westfalen vor allem dadurch gekennzeichnet, dass die napoleonischen Gesetze und Institutionen erhalten blieben. Trotzdem schaffte es der Adel ab 1820 durch die konservativ-restaurativen Tendenzen wieder, seinen Einfluss bei der Einrichtung der westfälischen Provinzialstände im Jahre 1826 zu festigen.
Im Bereich der Wirtschaft sah es folgendermaßen aus: Es gab drei unterschiedliche Wirtschaftszonen. Zum einen das Gebiet um das Münsterland mit fast nur landwirtschaftlicher Produktion. Dann gab es noch das nördliche und östliche Westfalen mit seinen landwirtschaftlichen Kleinbetrieben und Heimgewerbe. Nicht zu vergessen sei das durch Kleineisenindustrie geprägte Gebiet des nördlichen Sauerlandes und des Ruhrtals. Die Industrialisierung des Ruhrgebiets begann aber erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Städte spielten in Westfalen noch keine große Rolle, obwohl es schon größere, wie Münster, Iserlohn, Paderborn und Dortmund, gab.
Die westfälische Landwirtschaft war gerade dabei, ihre Produktion zu steigern. So vollzog sich langsam der Übergang zu einer gewinnorientierten Landwirtschaft. Da Napoleon eine Kontinentalsperre gegen England verhängt hatte, gingen dem Textil- und Metallgewerbe wichtige Exportmärkte verloren, die nach 1815 nur begrenzt zurückgewonnen werden
Im Hinblick auf die Bevölkerung ist seit Mitte des 18. Jahrhunderts ein kontinuierliches Wachstum feststellbar. Grundlage dafür waren eine geringere Kindersterblichkeit, eine höhere Lebenserwartung und ein früheres Heiratsalter. Da die landwirtschaftliche Produktion
Erwerbsmöglichkeiten nicht mithalten konnte, konnte die Landwirtschaft Arbeitskräfte freistellen. Wer also in der Landwirtschaft keine Existenzgrundlage mehr fand und in der Industrie noch nicht, der griff auf die Tradition des Heimgewerbes zurück. Hier hatte aber
bereits durch ausländische Konkurrenz ein Preisverfall eingesetzt. Diesem versuchte man durch lange Arbeitszeiten aller Familienmitglieder zu begegnen. Dieser Prozess entwickelte sich damit zum Teufelskreis, der im Massenelend endete, von dem Westfalen aber nicht überall erfasst wurde.
Im Hinblick auf die Familie der Droste stellt Botzenhart fest, dass „ ..die Besitzungen der Familie Haxthausen, zu der die Droste über die verwandtschaftlichen Beziehungen mütterlicherseits hinaus enge Verbindungen unterhielt,... mitten in diesem Armenhaus Westfalens...“ 2 lagen. In diesem Gebiet ereignet sich dann auch der Mordfall, der in der „ Judenbuche“ beschrieben wird. Durch die Agrarreform, bei der die Aufteilung des bisher genossenschaftlich genutzten Gemeindebesitzes erfolgte, verschlechterte sich die ohnehin schon miserable Lage der Kleinbauern oder landlosen Unterschichten. Da Steuern und Abgaben geleistet werden mussten, verkauften viele Bauern Land. Da es keine staatlichen Kreditanstalten gab, musste man sich bei Bedarf an Geldverleiher wenden, die meistens Juden
Eine Folge der Massenarmut war vor allem die Zunahme von Kleinkriminalität, die bandenartig betrieben wurde. Straftaten wie Diebstahl, Waldfrevel, Wilddieberei und Schmuggel waren an der Tagesordnung. Deswegen wurden zu dieser Zeit viele Rechtsstreitigkeiten zwischen Grundherren und Bauern geführt.
Nimmt man nun alle beschriebenen historischen Entwicklungen zusammen, ist klar, dass Annette von Droste-Hülshoff genau diese Zeit in ihrer Novelle beschreibt. Denn als Mitglied einer Adelsfamilie und auf dem Lande im Gebiet mit der größten Armut lebend, waren ihr die Streitigkeiten um Waldfrevel und Diebstahl wohl vertraut.
Es ist leider nicht mehr genau feststellbar, wann Annette von Droste-Hülshoff mit der Arbeit an der Novelle begonnen hat. Klar ist jedoch, dass die in der „ Judenbuche“ beschriebenen Ereignisse auf einer wahren Begebenheit beruhen. Belegt ist auf jeden Fall, dass die Droste
Quote paper:
1999, Annette von Drost-Hülshoff´s Judenbuche und der Antisemitismus, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Das semantische Feld des Visuellen in der "Judenbuche"
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 27 Pages
Unterrichtseinheit "Balladen" in Klasse 8 - Stunde "Der...
German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Lesson Plan, 14 Pages
Annette von Droste-Hülshoff und ihr Balladewerk - Dargestellt am Beisp...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 30 Pages
E. T. A. Hoffmanns 'Der Sandmann' - Das Augenmotiv in der Erzä...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 23 Pages
Die Schuldfrage des Protagonisten am Judenmord in Annette von Droste-H...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 27 Pages
Maria Montessori: Erziehungsbegriff, Umgebung, Material, Erzieher
Pedagogy - History of Pedagogy
Termpaper, 13 Pages
Erich Kästners Satire der Neuen Sachlichkeit. "Fabian" - Die...
Ein Zerrspiegel der Gesellscha...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 23 Pages
Unterrichtseinheit: Post für den Tiger - Wir lernen Briefe zu schreibe...
Sport - Sport Pedagogy, Didactics
Lesson Plan, 14 Pages
Die fachdidaktische Kritik an Diktat und Aufsatz im Fach Deutsch
German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 11 Pages
Zeit und Zeitgestaltung in erzählenden Texten am Beispiel von Erich Kä...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 26 Pages
Subordinationen - Nebensatzkonstruktionen im typologischen Vergleich
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 26 Pages
Frontalunterricht und Gelenktes Unterrichtsgespräch als Leitfossilien ...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Das Unheimliche in der Erzählung "der Sandmann" von E.T.A. H...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 23 Pages
Das Motiv der Augen in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann"
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 17 Pages
Die Relativsatzeinleitung in der deutschen Gegenwartssprache
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 32 Pages
Gedichtanalyse und Interpretation zu 'Sachliche Romanze' von E...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 14 Pages
Anonymous has published the text Annette von Drost-Hülshoff´s Judenbuche und der Antisemitismus
Auf Annette von Droste-Hülshoffs Spuren
Eine Bildreise
Josef Bieker, Ulrike Romeis, Ulrich Wollheim
Die Judenbuche. Analysen und Reflexionen
Interpretationen und Hinweise
Annette von Droste-Hülshoff
0 comments