2
außergewöhnliche Situation der Dolomitenladiner, deren Siedlungsgebiet auf drei verschiedene Regionen verteilt ist, untersuchen. Ein besonderes Gewicht soll dabei - nach einer einführenden Schilderung der geographischen, wirtschaftlichen und Bevölkerungsituation der Sella- oder Dolomitenladinerauf den Sprachkontakt in der Geschichte, gewissermaßen von den Anfängen dieser rätoromanischen Sprachgruppe - wobei noch zu klären sein wird, inwieweit diese mit den beiden anderen „rätoromanisch“ genannten Mundarten verwandt ist und ob man von einer selbständigen rätoromanischen Sprache ausgehen kann - bis in die Gegenwart, gelegt werden. Ein kurzer Ausblick gilt dabei den weitgehend positiven Veränderungen der letzten Jahrzehnte, die Joachim Born in einer soziolinguistischen Befragung Anfang der 1980er Jahre dokumentiert hat.
Zur Quellenlage ist noch hinzuzufügen, daß wohl angesichts der Tatsache, daß es sich hier um ein relativ spezielles Thema innerhalb der Soziolinguistik handelt - immerhin sprechen gerade einmal knapp 30000 Menschen diese rätoromanische Mundart - nur auf eine begrenzte Anzahl von Titeln zurückgegriffen und aus noch weniger Bänden zitiert werden konnte; das Etymologische Lexikon von Kramer sowie Heidi Siller-Runggaldiers Arbeit über „Grödnerische Wortbildung“ dienten lediglich der Vertiefung und dem besseren Verständnis von in anderen Texten angesprochenen linguistischen Sachverhalten; sie sind aber dennoch in der Literaturliste aufgeführt.
2. Geographische, wirtschaftliche und Bevölkerungssituation der Sellaladiner Die vier Täler, in denen Dolomitenladinisch gesprochen wird - namentlich Gröden im Westen, das Gadertal mit seinem Seitental Enneberg im Norden, das Fassatal im Südwesten sowie Buchenstein im Südosten (und, eher aus historischen denn aus sprachwissenschaftlichen Gründen dazugerechnet, Ampezzo mit dem Hauptort Cortina d’Ampezzo) - erstrecken sich über zwei Regionen (Trentino-Südtirol und Veneto) sowie drei Provinzen (Bozen, Trient und Belluno), woran nicht nur die besondere geographische und damit kulturelle Lage zwischen den traditionell germano- und romanophonen Gebieten deutlich wird, sondern worin überdies auch die Tatsache begründet liegt, weshalb die Ladiner nicht überall in ihrem Siedlungsraum die gleichen Rechte in bezug auf die Pflege ihrer Muttersprache genießen. Denn während
3
beispielsweise bereits 1975 für Gröden und das Gadertal ein eigenes Ladinisches Schulamt und zwei Jahre später ein Ladinisches Kulturinstitut eingerichtet wurden, taten sich die Behörden der Provinzen Trient und Belluno mit derartigen Maßnahmen stets ungleich schwerer. 1 Die einzelnen Täler werden voneinander und von den deutsch- bzw. italienischsprachigen Gebieten durch hohe Gipfel wie Lang- und Plattkofel sowie Sella und Marmolada, alle um die 3000 Meter hoch, abgetrennt. Über gut zugängliche Pässe war der Kontakt zwischen den ladinischen Tälern allerdings jahrhundertelang gesichert und die Kommunikation unter diesen reger als jene mit den anderssprachigen Nachbartälern. „Das Dolomitenladinische ist wie manch andere Kleinsprache auch (...) die Sprache von (Hoch-) Gebirgsbewohnern, eine Tatsache, die sich sicherlich positiv auf das Weiterleben dieser Sprachen ausgewirkt hat und sich noch heute auswirkt.“ 2 Die geographischen Gegebenheiten, d. h. weite Almflächen und daneben ausgedehnte Wälder, bedingen auch die traditionelle Existenzgrundlage einer Bevölkerung, die jahrhundertelang fast ausschließlich von der Viehzucht gelebt hat und in heutiger Zeit hauptsächlich mit dem Tourismus ihr Geld verdient. In der Landwirtschaft arbeitete 1987 nur noch weniger als jeder fünfte Ladiner (mit großen Schwankungen zwischen den einzelnen Tälern), wohingegen ungefähr zwei Drittel bis drei Viertel der ladinischen Bevölkerung im Sektor „Industrie und marktbest. Dienstleistung“ einer Tätigkeit nachging. 3 Der Tourismus hat vor allem begrüßenswerte Folgen für die ladinische Kultur mit sich gebracht, da er einen relativen Wohlstand und damit - für das Fortbestehen einer Minderheitensprache besonders wichtig - eine Steigerung des ladinischen Selbstbewußtseins nach sich zog und darüberhinaus eine Abwanderung der einheimischen Bevölkerung aus den Sellatälern verhinderte. Schätzungsweise 27000 bis 28000 Sellaladiner leben heute in ihren Heimatgemeinden, wobei das Gadertal, Gröden und das Fassatal eine ungefähr gleich hohe Bevölkerungszahl von jeweils etwa 9000 (1991)
1
Vgl. Born, Joachim (1992): Untersuchungen zur Mehrsprachigkeit in den ladinischen Dolomitentälern (pro lingua 14). Wilhelmsfeld: Gottfried Egert, S. 25-28. Im folgenden zitiert als Born.
2 Born 5.
3 Craffonara, Lois (1997): Ladinien. In: Steger/Wiegand (Hgg.): HSK, Bd. 12.2. Berlin/New York: de Gruyter, S. 1383-1398. Im f. zit. als HSK.
4
aufweisen, während in Buchenstein, überdies das einzige Tal mit rückläufiger Einwohnerzahl, nur ca. 2000 Menschen leben. Die Ladiner betrachteten sich seit jeher als eigenständige Ethnie und daher weder zur italienischen noch zur deutsch-tirolischen zugehörig, wenngleich sich - trotz der linguistischen Verwandtschaft von Ladinisch und Italienisch als romanische Sprachen - in der Geschichte immer eher eine Sympathie mit den germanophonen Nachbarn und eine Verbundenheit mit Tirol abgezeichnet hat, zuletzt noch nach dem Ersten Weltkrieg, als es hieß: „Wir sind keine Italiener, wollten von jeher nicht zu ihnen gezählt werden und wollen auch in Zukunft keine Italiener sein! (...) Tiroler sind wir und Tiroler wollen wir bleiben!" 4 , was sicherlich mit dem minderheitenfeindlichen italienischen Nationalismus jener Tage zusammenhängt. „Doch scheint [mittlerweile] die schroffe ‚Siamo-in-Italia-Mentalität‘ immer mehr einer verständnisvolleren Haltung Platz zu machen, sicher auch dank einiger italienischer Autoren oder touristischer Erfahrungen.“ 5 Die Verbundenheit der Ladiner mit Tirol spiegelte sich jedoch bis zuletzt auch in ihrem politischen Bekenntnis, das zumindest in Gröden und Gadertal bisher mehrheitlich der „Südtiroler Volkspartei“ (SVP) galt, wider, ein Phänomen, das erst in den 1990er Jahren durch die neugegründete Partei „Ladins“ in Frage gestellt wurde.
3. Geschichte der Ladiner und ihrer Sprache
„Dobbiamo pertanto riconoscere, con piena sicurezza, che i dialetti cadorini (una varietà del ladino centrale) si fondano sullo sviluppo di una cultura e di una lingua neolatina non importata di fuori, ma cresciuta e sostituitasi in loco a partire (col venetico) ad un di presso da 2500 anni (...) Si ha pertanto una regione cadorina centrale che si differenzia, per l‘ inserimento di gruppi umani stabili e cospicui, tanto dalle aree cadorine periferiche rappresentate da Cortina d’Ampezzo e dal Comèlico, quanto e soprattutto dalle valli del Sella (forse anche per la differenza altimetrica dei luoghi) le quali non conoscono la presenza di tribù e di popoli bene documentabili negli ultimi secoli a. C. e nemmeno in epoca romana, tardo antica e alto-medievale.“ 6 Gerade die
5 Ebd.
6 Pellegrini, Giovan Battista (1991): La genesi del retoromanzo (o ladino) (Beihefte zur Zeitschrift für romanische Philologie 238). Tübingen: Niemeyer, S. 30. Im f. zit. als Pellegrini I.
Quote paper:
Martin Klüners, 2002, Die questione ladina - Über die sprachliche und gesellschaftliche Situation der Dolomitenladiner, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Von der Ehrbarkeit zum Materialismus
Wandel der inhaltlichen Bedeut...
Ethnology / Cultural Anthropology
Scholary Paper (Seminar), 22 Pages
Die kulturwissenschaftliche Nahrungsforschung - Entwicklung, Inhalte u...
Cultural Studies - Basics and Definitions
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Sprachpolitik in Südtirol - ein kurzer Überblick
Romance Languages - Italian and Sardinian Studies
Presentation (Elaboration), 13 Pages
Nahrungstabus in der modernen Gesellschaft
Eine strukturale Analyse unser...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 27 Pages
Der Stellenwert der Commedia dell` arte - Gozzi und Goldoni
Romance Languages - Italian and Sardinian Studies
Scholary Paper (Seminar), 21 Pages
Der Zusammenhang von Esskultur und Religion am Beispiel des Islam
Cultural Studies - Near Eastern Studies
Termpaper, 9 Pages
Untreue als Motiv in Giovanni Boccaccios "Dekameron"
History Europe - Other Countries - Middle Ages, Early Modern Age
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 28 Pages
Die Pest in Boccaccios Decamerone
Romance Languages - Italian and Sardinian Studies
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 22 Pages
Der westafrikanische Islam am Beispiel der Wolof
Theology - Comparative Religion Studies
Termpaper, 16 Pages
Wenn Zeugen Jehovas die Bluttransfusion verweigern - Ethische Standpun...
Scholarly Research Paper, 15 Pages
Martin Klüners has published the text Die questione ladina - Über die sprachliche und gesellschaftliche Situation der Dolomitenladiner
Martin Klüners has uploaded a new text
Sociolinguistics/Soziolinguistik 2
An International Handbook of t...
Ulrich Ammon, Norbert Dittmar, Klaus J. Mattheier, Peter Trudgill
Sociolinguistics/Soziolinguistik 3
An International Handbook of t...
Ulrich Ammon, Norbert Dittmar, Klaus J. Mattheier, Peter Trudgill
Senecas Tragodien: Sprachliche Und Stilistische Untersuchungen: Mit An...
Margarethe Billerbeck, M. Billerbeck
0 comments