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sich ein Einstieg über die Biographie der beiden, um dann, im zweiten Teil der Arbeit, die Untersuchung am konkreten Beispiel, an ausgewählten Werken des Autors, fortzusetzen.
2. Biographisches
Zum Verständnis von Thomas Manns Künstlerpersönlichkeit und damit auch seines literarischen Schaffens, insbesondere seines Verhältnisses zum Renaissancekult seiner Epoche, bietet seine Biographie die vermutlich triftigsten Erklärungsmöglichkeiten; der folgende Teil der Arbeit widmet sich folglich ihr unter besonderer Berücksichtigung der für den Werdegang des jungen Schriftstellers eminent wichtigen, ja prägenden Beziehung zu seinem in vielerlei Hinsicht als Vorbild fungierenden älteren Bruder Heinrich sowie dem Einfluß zeitgenössischer geistig-literarischer Strömungen auf den jeweiligen Renaissancebegriff der Brüder Mann, der ein durchaus unterschiedlicher ist.
2.1 Die ungleichen Brüder
Thomas Mann wird geboren am 6.Juni 1875 als zweiter Sohn des Kaufmanns, Konsuls und Senators Johann Heinrich Mann und seiner aus Brasilien stammenden Frau Julia - als Sproß einer wohlhabenden Familie des Patriziats der Hansestadt Lübeck, einer der Hauptstätten des für Norddeutschland, ja den Norden an sich so typischen Backsteingotik, in der die Reformation und damit das lutherische Bekenntnis schon sehr früh, nämlich 1529, Einzug gehalten hat. „Die kleine, alte Stadt mit ihren schmalen, winkeligen und giebeligen Straßen, ihren gotischen Kirchen und Brunnen (...) und dem großen, altersgrauen Patrizierhause, in dem [er] aufgewachsen [ist]“ 1 , wird für ihn recht bald schon zu einer Art Synonym für das Väterlich-Pflichtbewußte, Bürgerliche, sein nordisches Erbe, das er dem Liederlich-Südlichen, dem mütterlichen Erbteil, beispielsweise in seiner Erzählung Tonio Kröger (1903) 2 , vorziehen wird. Doch der Weg zum Schrifsteller vollzieht sich nicht völlig geradlinig, er ist vielmehr auch eine Reaktion auf das Verhalten des vier Jahre älteren Bruders Heinrich, der, eigentlich bestimmt zum Erben des väterlichen Geschäfts, mit 18, noch zu Lebzeiten des Vaters, die Schule
1 Thomas Mann: Erzählungen (hier: Der Bajazzo) – Fiorenza – Dichtungen. Frankfurt/M.
1990, S. 107. Im folgenden zit.als Mann: Erzählungen.
2 Mann: Erzählungen, S. 271-338.
3
und die Heimat „kühn und rücksichtslos“ 3 verläßt und zunächst in Dresden eine Buchhändlerlehre beginnt, um dann in Berlin als Volontär beim Verlag S. Fischer zu arbeiten. Das Rebellische des Älteren mag auch Anlaß für Thomas gewesen sein, sich nicht durch überragende schulische Leistungen hervorzutun, daran erkennbar, daß er zweimal ein Schuljahr wiederholen muß und ohne Abitur von der Schule abgeht. Der frühe Tod des Vaters am 13. Oktober 1891 sowie sein testamentarisch verfügter Wille, die Firma aufzulösen, da er von seinen Söhnen die Fortführung derselben offenbar nicht zu erwarten hat, ebnet den Weg für deren schrifstellerische Karrieren. Der Vorbildcharakter Heinrichs für Thomas ist nicht zu leugnen, mehr noch: mindestens das gesamte erste Jahrzehnt der literarischen Tätigkeit des letzteren ist vor allem auch zu verstehen als ein gleichzeitiges Nacheifern und Kontrapunktieren des Schaffens des älteren Bruders 4 . Aber auch Thomas Manns späteres Schreiben wird noch unter diesem Einfluß stehen, wie die Betrachtungen eines Unpolitischen (1918) 5 beweisen.Von hervorgehobener Bedeutung sind dabei – neben der bereits angeklungenen Bewunderung des Jüngeren für das aufsässige, unabhängige, zuweilen sicher auch hochmütige Wesen des Älteren 6 - die nicht geringen Unterschiede zwischen den Brüdern in bezug a uf ihre Persönlichkeit: Heinrich, der Opponent gegen die bürgerliche Welt seiner Jugend, konsequent in seiner Abkehr von der Heimat (was deutlich wird an der Tatsache, daß er bis 1914 keinen festen Wohnsitz hat und vor allem in den großen Städten der romanischen Welt, namentlich u.a. Paris, Florenz und Rom, lebt) und in allem ein wenig „ruchlos“, fordert die Konkurrenz seines so völlig anders gearteten Bruders geradezu heraus – denn dieser, „weich, verwundbar und liebebedürftig, [ist] wehrlos gegen den unbarmherzigen Hochmut des Bruders“ 7 , der ihn nicht selten mit Spott bedacht hat – insbesondere auch für die pubertären, überdies einem Jungen gewidmeten Liebesgedichte des 14jährigen Thomas. Während von Heinrich das Zitat überliefert ist: „Für mich ist ,Liebe‘ Einbildung wie alles übrige. Es sind in mir (...) Reizungen der Sexualnerven vorhanden, die (...) nur in mir liegende physiologische und pathologische Gründe haben. Das erste mir begegnende, meinem Geschmack einigermaßen zusagende (...) Weib
3 Hermann Kurzke: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. Eine Biographie. München 1999, S. 115. Im folgenden zit.als Kurzke: Biographie.
4 Vgl. Kurzke: Biographie, S. 114-128.
5 Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen. Berlin 1959 (1918). Im f. zit.als Mann: Betrachtungen.
6 Vgl. Kurzke: Biographie, S. 115.
4
wird dann Exzesse veranlassen“ 8 , was quasi ,romanische‘ Sinnenfreude und einen an die ,hysterische Renaissance‘ erinnnernden Lebens- und Ruchlosigkeitskult verrät, leidet Thomas an der Geschlechtlichkeit, genauer: an der zeit seines Lebens niemals wirklich eingestandenen, folglich unterdrückten homosexuellen Veranlagung. Dies wird – zusätzlich zu dem Ehrgeiz, sich in seiner künstlerischen und geistigen Identität vom romanophilen, stets opponierenden Bruder abzugrenzen – immer eines der ausschlaggebenden Momente in Thomas Manns Verhältnis nicht nur zum Renaissancismus seiner Zeit, sondern auch zur romanischen Welt, zum bürgerlichen Selbstverständnis und letzten Endes auch zur nationalen Standortbestimmung sein. Denn ,Ruchlosigkeit‘ ist für ihn, der sich selbst nicht selten als schwach und unmännlich empfindet 9 , vor allem auch „amoralische[] und überschwänglich-männliche[] Brutalität“ 10 – was ihn grundlegend von seinem heterosexuellen Bruder unterscheidet.
2.2 Italien
Nach dem 1894 erfolgten Umzug von Lübeck nach München l äßt der Eintritt in die Schwabinger Bohème und damit gewissermaßen der Beginn der Künstlerexistenz nicht lange auf sich warten – ebensowenig wie die auch mit Heinrich unternommenen Italienreisen der Monate Juli bis Oktober 1895, die ihn nach Palestrina und Rom führen sowie von Oktober 1896 bis April 1898, wo die Brüder eine Rundreise über u.a. Venedig, Rom, Neapel und Palestrina veranstalten. 1901 besucht Thomas Florenz sowie das Sanatorium in Riva am Gardasee, wo sein Bruder ein Lungenleiden auskuriert. Gilt es anfänglich noch, sich „so weit nämlich wie nur immer möglich aus deutschem Wesen, deutschen Begriffen, deutscher ,Kultur‘ in den fernsten, fremdesten Süden auf- und davonzumachen“ 11 , setzt sehr bald schon, wohl auch unter dem Einfluß seiner in Rom fortgesetzten Arbeit an seinem ersten Romanwerk, den Buddenbrooks und der damit verbundenen Beschäftigung mit der alten Heimat, eine bereits in
7 Ebd.
8 Zit. nach Kurzke: Biographie, S. 120.
9 Kurzke: Biographie, S. 125.
10 Mann: Betrachtungen, S. 531.
11 Thomas Mann 1896 in einem Brief an einen Jugendfreund, zit. nach Kurzke: Biographie, S. 99.
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München aufkeimende „Bewußtseinsschärfung“ 12 für die „Besonderheit der lübeckischen Herkunft“ 13 verstärkt ein. Wiederum ist es auch hier das Schaffen des Bruders, das diese Entwicklung noch begünstigt, denn dieser arbeitet, nach ersten Plänen seit 1894, in den Jahren 1900 bis 1902 an seiner Romantrilogie Die Göttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy, die 1902 erscheint und Nietzsches späte lebensphilosophische Anschauungen mit dem Renaissancekult der Zeit verbindet 14 . „Ich bin weit entfernt, die ,Herzogin‘ zu verachten; aber ich hasse sie. Dies ist ein Geständnis.“ 15 So urteilt Thomas Mann in einem Brief vom Januar 1903, in dem Jahr, in dem sein Tonio Kröger erscheinen wird, jene von ihm selbst so geschätzte Liebeserklärung an die ‚Blonden und Blauäugigen‘, die Typisierung des nordischen ‚Bürgers‘ im Gegensatz zum brünetten, sprich: quasiromanischen ‚Künstler‘. Durch sein literarisches Alter ego, die Titelfigur, verkündet Thomas Mann seine eigene Abwendung vom Romanischen, von Italien: „Gott, gehen Sie mir doch mit Italien, Lisaweta! Italien ist mir bis zur Verachtung gleichgültig! Das ist lange her, daß ich mir einbildete, dorthin zu gehören (...) Diese Romanen haben kein Gewissen in den Augen.“ 16 Er findet seine Identität in der vom Vater geerbten norddeutschen Bürgerlichkeit, was u.a. daran deutlich wird, daß er – im Gegensatz zu seinem Bruder, der nicht mehr n ach Lübeck zurückkehren wird – bereits „Ende 1904 zu einer Lesung nach Lübeck [kommt] und die Aussöhnung mit seiner Vaterstadt sucht[]“ 17 . „Wer bin ich, woher komme ich, daß ich bin, wie ich bin, und mich anders nicht machen noch wünschen kann? (...) Ich bin Städter, Bürger, ein Kind und Urenkelkind deutsch-bürgerlicher Kultur. Das mütterlich-exotische Blut mochte als Ferment, mochte entfremdend und abwandelnd wirken, das Wesen, die Grundlagen veränderte es nicht, die seelischen Hauptüberlieferungen setzte e s nicht außer Kraft.“ 18 Gleichzeitig vergrößert sich die Distanz zum Bruder: „Mein Bruder und ich haben uns weit von einander entfernt; wir verkehren auch äußerlich kaum noch miteinander (...)“ 19 .
12 Kurzke: Biographie, S. 70.
13 Ebd., S. 69.
14 Kindlers Neues Literatur Lexikon. Hg. v. Walter Jens. Bd. 11. München 1988-92, S. 38f. Im f. zit.als KNLL.
15 Zit. nach Kurzke: Biographie, S. 124.
16 Mann: Erzählungen, S. 305f.
17 Kurzke: Biographie, S. 116.
18 Mann: Betrachtungen, S.107.
19 Zit. nach Kurzke: Biographie, S. 124.
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