Einleitung
Epilepsie ist eine der ältesten Krankheiten, doch zugleich ist bis heute in der Bevölkerung das Wissen über sie spärlich, selbst der Medizin gibt sie ihre Rätsel auf, wofür Vorurteile und veraltete Ansichten über die Epilepsie noch gerne eintreten. Epilepsie ist zudem eine Krankheit, die meist im Verborgenen geschützter Privatheit bleibt und einzig in dramatischen Anfällen der Öffentlichkeit sichtbar wird.
Die Reaktion von Freunden, Bekannten oder Verwandten auf die Diagnose Epilepsie ist oft gespalten. Ohnmächtige Ratlosigkeit auf der einen Seite. Schamhafte Abscheu vor dem Erscheinungsbild eines Anfalls auf der anderen Seite. Wegen diesem besonderen Umgang mit epileptischen Menschen hat jemand, der sagt, Epilepsie sei eine Krankheit wie jede andere nur zum Teil recht. Noch heute wird die Bezeichnung Epileptiker als Schimpfwort gebraucht. Die Stigmatisierung der Betroffenen und auch deren Angehörigen sind vielfältig, teils subtil, teils offensichtlich.
Epilepsie, eine Krankheit mit unzähligen Namen und einer langen Geschichte. Der Blick darauf, wie der Status der Epilepsie sich in unserer Geschichte veränderte, ist Inhalt dieser Arbeit. Angefangen bei den ersten Erzeugnissen, in denen die Epilepsie verzeichnet ist, bis ins 20. Jahrhundert hinein soll aus ausgewählten geschichtlichen Fixpunkten und aus der Arbeit markanter Persönlichkeiten eine Linie gezogen werden, die um unsere Behauptung kreist, dass der Umgang mit Formen von Epilepsie seit der alt-griechischen Medizin von Hippokrates bis in die Neuzeit keinen nennenswerten Fortschritt mehr erfahren hat.
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1. Erste Erzeugnisse
Bereits in alt-ägyptischen Hieroglyphen ist die Epilepsie verzeichnet. Der entsprechende Papyrus wird etwa auf das 16. vorchristliche Jahrhundert datiert, welches jedoch zu Teilen aus noch älteren Schriften kopiert worden ist. Die Hieroglyphen werden als „Nesejet“ gelesen und sind eingerahmt in das Symbol der Kobraschlange, welches einen Ausspruch Gottes kennzeichnet und dem Symbol des schlagenden Mannes, das für Feind, Dämon, Tod steht. Epilepsie ist demnach eine von Gott gesandte oder wenigstens von Gott zugelassene Krankheit oder besser noch eine Besessenheit eines bösen Dämons, der sich im Körper des Betroffenen festgesetzt hat (vgl. Schneble 2003: S. 3f.). Die Behandlung der Epilepsie beschränkte sich folglich auf Gebete, Beschwörungen, Opferdarbietungen. Es wurden jedoch auch Eselexkremente und Ziegenblut empfohlen. Die zerebrale Herkunft der Epilepsie schien den alten Ägyptern also noch nicht bekannt gewesen zu sein, obschon sie einige Kenntnisse über die Anatomie des Gehirns besaßen. Auf das 17. Jahrhundert vor Christus lässt sich eine Gesetzestafel Hammurabis zurückführen. Darin wird auf das Reklamationsrecht eines Sklavenkäufers hingewiesen, falls er binnen eines Monats nach Kauf feststellt, dass der Gekaufte „bennu“, gemeint ist Epilepsie, hat.
In einer 40 Tafeln starken Sammlung der 1050 v. Chr. in Babylon bekannten Krankheiten erscheint ebenfalls die Epilepsie. Laut Hansjörg Schneble stellt dieses Zeugnis „wohl die älteste bekannte zusammenhängende Abhandlung über das Krankheitsbild der Epilepsie dar. 60 ‚Bemerkungen’ über die Epilepsie sind als Text eingetragen [...] Sie beschreiben eine breite Palette epileptischer Phänomene, die auch noch in den heutigen Klassifikationen [...] wesentliche Momente epileptischen Geschehens kennzeichnen“ (Schneble 2003: S. 6).
An der übernatürlichen Ursache der Epilepsie wird in dieser frühen Entwicklungsstufe babylonischer Medizin jedoch noch nicht gezweifelt. So heißt es zum Beispiel:
„Wenn ein Epilepsie-Dämon ihn angefallen hat und er schreit, ‚da ist er wieder!’ so ist er von einem bennu-Dämon besessen, der ihn festhält. Er wird davonkommen.“ „Wenn ihn ein Epilepsie-Dämon oftmals anfällt, ihn 2 oder 3 mal am Tag überwältigt und die Krankheit chronisch wird, dann wird er in einem lang-dauernden Anfall sterben.“ (Schneble 2003: S. 7)
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Auch hier beschränkt sich die Behandlung noch auf Gebete, Opferungen und magische Austreibungsriten sowie den Einsatz von tierischen Eingeweiden und Exkrementen und Mineralien, die um den Hals getragen eine schützende Funktion gegen angreifende Dämonen haben sollten.
Die vermutlich ersten Klassifikationsversuche stammen jedoch aus Indien. In dem Zeitraum von 4500 – 1500 v. Chr. wurden dort medizinische Erkenntnisse systematisch im Ayurweda verzeichnet. Die Bezeichnung für Epilepsie im Ayurweda ist „apasmâra“. Es unterscheidet vier Typen von Epilepsie, die aus einem Ungleichgewicht der drei Körperflüssigkeiten 1 entstehen (vgl. Schneble 2003: S. 8ff.). Endogene, exogene und göttliche Faktoren machten im alten Indien die Verursachung der Epilepsie aus. Endogene Faktoren decken sich im damaligen Verständnis mit Disharmonien in den Körpersubstanzen. Es wurde jedoch auch vermutet, dass die Epilepsie folge einer andern Krankheit sein könnte. Exogene Faktoren waren „hohes Fieber, ungestümer Geschlechtsverkehr, innere Blutungen, körperliche Überanstrengung [...] Verzehr verdorbener Nahrung, unhygienische Maßnahmen oder extreme psychische Aufregung“ (Schneble 2003: S. 10). Gott als Verursacher von Krankheiten sowie als deren Heiler spielt natürlich eine entscheidende Rolle.
Wesentlich an der Behandlung war, dass sie versuchte auf den ganzen Menschen einzuwirken, da Krankheiten nicht als in sich abgeschlossene Objekte betrachtet wurden, die den Menschen schwächen, sondern als Teil eines umfassenderen Begriffes von Gesundheit, der den Menschen in seiner Konstitution und in seiner Psyche, seiner Seele umfasst. Grundsätzlich wurde, trotz des Einflusses göttlichen Willens, die Epilepsie als behandelbare Krankheit angesehen.
Ein weiterer Klassifikationsversuch stammt aus der alt-chinesischen Medizin. Auch hier geht man von verschiedenen Körpersubstanzen aus 2 , welche in einem bestimmten Verhältnis zueinander stünden. Diese alt-chinesische Unterscheidung hat jedoch keine weitere Relevanz.
In der Behandlung von Epileptikern sind allerdings zwei Besonderheiten zu nennen, die bis heute Aktualität besitzen: zum einen die Technik der Akupunktur und zum anderen vier Empfehlungen, die an einen behandelnden Mediziner weitergegeben werden.
1 Vata = Wind; Pita = Galle; Kapha = Schleim
2 Metall, Holz, Wasser, Feuer, Erde
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„Der Arzt soll die Epilepsiekranken so oft wie möglich sehen; durch einen (zuverlässigen) Beobachter soll sich der Arzt eine Anfallsbeschreibung geben lassen; die Ärzte sollen an eine Umstellung der Therapie denken, wenn Anfälle immer wieder rezidivieren; die Ärzte sollen nach den Faktoren und Umständen fahnden, unter denen die Anfälle rezidiviert sind.“ (Schneble 2003: S. 14f.)
2. Antike
A) Griechische Medizin
Näher als irgendeine andere Form der historischen Medizin steht der heutigen die altgriechische Lehre, die personifiziert wird von Hippokrates (vgl. Ackerknecht 1959, Schneble 2003). Die entscheidende Wende im Denken Hippokrates sowie seiner Anhänger lag darin, Krankheit nicht weiter als übernatürlich oder göttlich zu betrachten, sondern als Gegenstand von Wissenschaft und Vernunft. Hippokrates war sicherlich ebenso gottesgläubig wie seine Vorgänger, doch konzentrierte er sich auf Gegebenheiten, die er beobachten, die er systematisieren, die er verstehen und damit beeinflussen konnte. Er wendete sich also nicht vom Glauben, aber wohl vom Aberglauben ab und deutet damit insgeheim auch ein neues Bild der Göttlichkeit an, das erst zu Zeiten der Renaissance, also etwa 2000 Jahre später, recht verstanden und ausformuliert wird. Aus der hippokratischen Schule kommt nicht zuletzt auch die erste Monographie zum Krankheitsbild der Epilepsie mit dem Namen „Über die Heilige Krankheit“.
In dieser Monographie wird zunächst im Bezug auf den Titel der Schrift erklärt, dass im ‚Volksmund’ die Epilepsie als eine heilige, göttliche Krankheit gelte, da Rat- und Hilflosigkeit ihr gegenüber herrsche. Wie alle übrigen Krankheiten habe sie jedoch eine natürliche Ursache und könne entsprechend behandelt werden. Erstmals taucht hier als Bezeichnung für die Epilepsie die Bezeichnung „epilepsis“ auf. Aus seinen empirischen Beobachtungen leitet Hippokrates den zerebralen Ursprung der Epilepsie ab und lokalisiert damit den Ausgangspunkt für die epileptische Symptomatik im Gehirn. Zugrunde legt er allerdings eine humoralpathologische Betrachtungsweise, die ähnlich des alt-indischen Ayurweda verschiedene Körperflüssigkeiten annimmt, hier: Blut, Schleim, schwarze Galle und gelbe Galle. Ein Ungleichgewicht der Substanzen im Gehirn bildet in diesem Konzept den auslösenden Faktor eines epileptischen Anfalls.
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Arbeit zitieren:
Bastian Hillebrand, 2007, Geschichte der Epilepsien, München, GRIN Verlag GmbH
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