Gliederung
Abkürzungen 3
1. Vorbemerkungen 4
2. Grundlagen 5
2.1. Die Kongruenz als Teilgebiet der Syntax 5
2.1.1. Bestimmung des Kongruenzbegriffs 5
2.1.2. Gliederung der grammatischen Kongruenz 6
2.1.3. Abgrenzung der grammatischen Kongruenz 7
2.1.4. Entstehung syntaktischer Kongruenz 8
2.1.4.1. Givóns Ansatz 8
2.1.4.2. Ansätze zu anderen Kongruenzerscheinungen 10
2.2. Zur diachronen Syntaxforschung 11
3. Grammatische Kongruenz im Indogermanischen 13
3.1. Gemeinsamkeiten der frühesten Zeugnisse 13
3.2. Kongruenzverhältnis in der Grundsprache 13
3.2.1. Nominale und prädikative Kongruenz 14
3.2.2. Verbale Kongruenz 20
4. Schlussbemerkungen 24
Quellenangaben 26
2
Abkürzungen
ahd. = althochdeutsch Akk. = Akkusativ fem. = femininum gr. = griechisch idg. = indogermanisch lat. = lateinisch mask. = maskulinum Nom. = Nominativ uridg. = urindogermanisch voruridg. = vorurindogermanisch vs. = versus
3
1. Vorbemerkungen
In den meisten Handbüchern, Aufsätzen und Kommentaren, die sich mit der Syntax des Indogermanischen auseinandersetzen, finden sich Verweise auf Kongruenzerscheinungen, die bereits für das Urindogermanische angenommen oder aus ihm abgeleitet werden. Größtenteils bleiben die Ausführungen zu diesem Thema jedoch skizzenhaft und wenig wurde bisher aus diesen Beschreibungen deduziert. Woran liegt das? Man sollte annehmen, dass methodische Probleme der diachronen Sprachwissenschaft die Ursache hierfür seien, da die Erforschung syntaktischer Verhältnisse in der sprachlichen Vorgeschichte ganz eigene Schwierigkeiten aufweist, wie wir später noch sehen werden. Doch auch die Linguistik als synchrone Sprachwissenschaft, hat bisher wenig Ergebnisse geliefert, die unserem Wissen um Kongruenz als grammatischem Phänomen, ihrer Entstehung und Entwicklung, eine theoretisch gesicherte Grundlage beschert hätte. So schreibt Christoph Jaeger dazu:
„Nach übereinstimmender Auffassung zahlreicher Autoren, die sich mit Kongruenzerscheinungen befasst haben, fehlt bis heute eine umfassende, systematische Beschreibung auf dem Gebiet der syntaktischen Kongruenz.“ 1
Vergleiche auch G. G. Corbett in „Syntax“: “Agreement is still poorly understood.” 2 Diesen Kommentaren ist zu entnehmen, dass die Sprachwissenschaft allgemein einer lückenlosen Aufarbeitung dieses Problems entbehrt, und noch zu wenig Forschungsarbeit geleistet wurde, die speziell die grammatische Kongruenz zum Thema gehabt hätte. Einflussreiche Hypothesen, die hier aber nicht unerwähnt bleiben sollen, wurden von Talmy Givón und Joseph Greenberg verfasst, die im Rahmen der allgemeinen Sprachwissenschaft theoretische Grundlagen erarbeitet haben. Für die Indogermanistik sind vorrangig die Schriften Berthold Delbrücks, Hermann Hirts, Karl Brugmanns und Winfred P. Lehmanns zu nennen.
Was wir unabhängig von den tatsächlichen Verhältnissen im Urindogermanischen annehmen können, ist dass die Ursachen für die syntaktische Kongruenz, die alle Zweige und Tochtersprachen der Indogermania aufweisen, eben dort, in vorhistorischer Zeit, zu suchen sind. Diese Verhältnisse vollständig zu klären, kann im Rahmen dieser Hausarbeit sicher nicht geleistet werden, jedoch soll nach vorangehenden Erläuterungen zum Kongruenzphänomen in
1 Christoph Jaeger, „Probleme der syntaktischen Kongruenz “, S.8, 1992
2 G.G. Corbett in „Syntax - Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung“, 2. Halbband, S.1235, 1995
4
der Sprachwissenschaft allgemein, ein Bezug zur Indogermanistik hergestellt werden, um einen Teil zur Lösung dieser Syntaxproblematik beizutragen.
2. Grundlagen
2.1. Die Kongruenz als Teilgebiet der Syntax
2.1.1. Bestimmung des Kongruenzbegriffs
Im ersten Schritt gilt es zu klären, was mit Kongruenz (lat. für Übereinstimmung, Gleichförmigkeit) im sprachwissenschaftlichen Sinne eigentlich gemeint ist. Viele Definitionen des Kongruenzbegriffs stellen als grundsätzliches Merkmal von grammatischer Kongruenz eine Übereinstimmung von Morphemen fest, andere behaupten, es gäbe eine Übereinstimmung in der Flexion. Diese und andere Begriffsbestimmungen haben eines gemeinsam, sie versuchen Kongruenz über den formalen Ausdruck in der Morphologie zu fassen, was insofern wenig verwunderlich scheint, als syntaktische Kongruenz vornehmlich in flektierenden Sprachen festzustellen ist.
„Eine sprachtypologische Betrachtungsweise des Kongruenzphänomens zeigt, dass syntaktische Kongruenz hauptsächlich in flektierenden Sprachen auftritt, wo ihr bestimmte Aufgaben bei der Satzkonstituierung zukommen, die der agglutinierende und der isolierende Sprachtyp anders lösen.“ 3
Die Kongruenz ist im sprachlichen System ein Teilgebiet der Syntax, nicht der Morphologie, woraus folgt, dass sie sich nicht über ihren formalen Ausdruck bestimmen lässt, auch wenn im Ergebnis die Morphologie durchaus betroffen sein kann. Auf welcher sprachlichen Ebene lassen sich dann die Determinanten finden, über die eine Kongruenz im grammatischen Sinne hergestellt werden kann? Es muss dies eine Ebene sein, die sowohl Syntax als auch Morphologie betrifft und metasprachliche Konzepte bereitstellt, die sich formal unterschiedlich ausdrücken lassen, aber Assoziationen zwischen den kongruierenden Elementen herstellen. Ihrer Natur nach werden sie morpho-syntaktische 4 Kategorien genannt. Nicht die Morpheme an sich also, sondern noch nicht näher bestimmte Satzelemente kongruieren hinsichtlich einer oder mehrerer morpho-syntaktischer Kategorien, die ihren Ausdruck in der Morphologie haben können.
3 Christoph Jaeger, „Probleme der syntaktischen Kongruenz“, S.10, 1992
4 vgl. H. Bußmann, „Lexikon der Sprachwissenschaft“, S.363, 2002
5
„Die Kongruenz ist nicht davon abhängig, dass morphologisch dasselbe sprachliche Zeichen zum Ausdruck der Kongruenzkategorie verwendet wird; [...] Am übergeordneten Teil kann die Kongruenzkategorie auch gänzlich unausgedrückt bleiben.“ 5
Abwesenheit von bestimmten Morphemen hat dementsprechend nicht zur Konsequenz, dass keine Kongruenz vorliegen kann, Anwesenheit derselbigen stellt aber im Einzelfall ein Indiz für Kongruenz dar. Was wir bei grammatischer Kongruenz im Folgenden zu berücksichtigen haben, sind eben diese Kategorien, die nicht ausschließlich auf die vier genannten beschränkt werden können, da bestimmte Sprachen ebenso bezüglich anderer Kategorien kongruieren können. So gibt es Sprachen, die eine Objekt-Verb-Kongruenz zeigen und Kategorien zugrundelegen wie „Belebtheit“ oder „Definitheit“ 6 . Welche Kategorien die Kongruenzgrundlage darstellen, ist für jeden Fall spezifisch zu bestimmen.
2.1.2. Gliederung der grammatischen Kongruenz
Die grammatische Kongruenz gliedert sich in drei primäre Formen. Hinsichtlich der Entwicklung, Entstehung und ihrem Ausdruck in der Grammatik der Einzelsprache, ist es wichtig sich die Unterschiede zwischen diesen Kongruenzerscheinungen jederzeit vor Augen zu halten. Ob Abhängigkeiten zwischen den unterschiedlichen Ausprägungen der Kongruenz existieren, und wenn in welchem Maße das der Fall ist, konnte noch nicht vollständig geklärt werden.
- NominaleKongruenz:
Die nominale Kongruenz betrifft allein die Nominalphrase. Hierbei kongruieren Substantivbegleiter (Determinanten, adjektivische Attribute, Appostionen) mit dem Bezugssubstantiv. Bsp.: Deutsch: „der schöne Mann“ vs. „die schönen Ferien“
- VerbaleKongruenz:
Bei der verbalen Kongruenz gibt es Übereinstimmung in morpho-syntaktischen Kategorien zwischen flektiertem Prädikatsteil und Subjekt oder Objekt des Satzes. Bsp.: Subjekt-Verb-Kongruenz Deutsch: „Ich lese.“ vs. „Sie liest.“ vs. „Die Mädchen lesen“
5 M. Meier-Brügger, „Indogermanische Sprachwissenschaft“, S.253, 2002
6 vgl. H. Bußmann, „Lexikon der Sprachwissenschaft“, S.364., 2002
6
- PrädikativeKongruenz:
Prädikative Kongruenz äußert sich in kategorialer Übereinstimmung zwischen Subjekt und Prädikativ. Bsp.: Deutsch „Der Mann ist Schreiner.“ vs. „Die Frauen sind Bäckerinnen.“
2.1.3. Abgrenzung der grammatischen Kongruenz
Bei der grammatischen (syntaktischen) Kongruenz handelt es sich um eine Sonderform der Dependenzrelation (Abhängigkeitsbeziehung), zu der auch die Rektion zu rechnen ist. Die Rektion ist ein Anpassungsvorgang, bei dem die lexikalischen Eigenschaften eines beteiligten Elementes eine grammatische Anpassung eines oder mehrerer anderer Elemente fordert.
„Lexemspezifische Eigenschaft von Verben, Adjektiven, Präpositionen oder Substantiven, die die morphologische Kategorie (insbesondere den Kasus) abhängiger Elemente bestimmt.“ 8
Rektion und Kongruenz stehen in einem derartigen Verhältnis zueinander, dass Rektion auf direktem Weg zu syntaktischer Inkongruenz führen kann, indem die lexikalische Eigenschaft eines übergeordneten Elementes die grammatikalische Anpassung des dependenten Elementes bedingt, das in der Folge keine Kongruenz aufweist:
„Doch kann die Kongruenz auch zwischen einer lexikalischen und einer grammatischen Kategorie stattfinden, was sich dann in syntaktischer Inkongruenz ausdrückt, wie wenn etwa eine Bezeichnung für eine Menge als Subjekt im Singular mit einem Prädikat im Plural verbunden wird. Beispiel: Caes.B.G.2,6,3 cum tanta multitudo lapides ac tela conicerent “ als eine so große Menge Steine und Geschosse schleuderte(n).” Die syntaktische Inkongruenz ist also möglich, wenn statt der
7 Entnommen aus G.G.Corbett in „Syntax - Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung“, 2. Halbband, S.1236, 1995
8 H. Bußmann, „Lexikon der Sprachwissenschaft“, S.559, 2002
7
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Christian Voggenreiter, 2005, Die grammatische Kongruenz im Indogermanischen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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