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Inhaltsverzeichnis
1. Vorbetrachtungen 2
1.1 Vorwort 2
1.2 Quellenbesprechung 2
Wilhelmine von Brandenburg-Bayreuth in ihren Memoiren 8
2. Wilhelmine und Friedrich Zwei Königskinder 8
2.1 Kindheit und Jugend (1709 1730) 8
2.2 Jahre der Freundschaft (1730 1740) 23
2.2.1 Die Vermählungen Wilhelmines und Friedrichs 23
2.2.2 Das Verhältnis zum Vater in dessen letzten Lebensjahren 31
2.3 Die Krisen einer Freundschaft (1740 1747) 36
3. Friedrich Wilhelmine und die Kunst 44
3.1 Preußens Großer König und die Kunst 44
3.2 Kulturelle Blüte Bayreuths zur Zeit Wilhelmines 53
4. Fazit 59
5. Anhang 61
5.1 Quellen 61
5.2 Literatur 62
5.2.1 Kataloge 62
5.2.2 Monographien 62
5.2.3 Aufsätze 63
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1. Vorbetrachtungen
1.1 Vorwort
Diese Arbeit wird sich mit Kunst und Politik in Preußen und Brandenburg-Bayreuth ausein-ander setzen. Sie gliedert sich dabei in zwei wesentliche Abschnitte, die nach den einleitenden Vorbetrachtungen und der Quellenbesprechung das Hauptaugenmerk bilden werden. Es soll dabei darum gehen, herauszustellen, welche Beziehung Friedrich II. und Wilhelmine von Bayreuth zu ihrem Elternhaus hatten, und wie sich deren Kindheit und Jugend gestaltete. Dafür wird zunächst der Briefwechsel der beiden Geschwister bearbeitet und analysiert, um ein Bild dieser beiden ältesten Kinder des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelms I. zu bekommen. Im Zuge dessen soll es vor allem auch darum gehen, die Beziehung der beiden Geschwister zueinander herauszustellen und auch das Verhältnis zum Vater zu untersuchen. Zu fragen ist hierbei, woher das Bild des jähzornigen Griesgrams Friedrich Wilhelm kommt, welche Ursprünge es hat, aber auch wie es sich entwickelte und welche Rolle dabei seine Familie und vor allem die Kinder eingenommen haben. Historische Wertungen sämtlicher Figuren dieses königlichen Familien-Dramas sollen aufgezeigt und kritisch betrachtet werden, um möglicherweise einen Erklärungsversuch anbieten zu können, warum das Vater-Sohn-Verhältnis, aber auch das zwischen Vater und Tochter, so problematisch war. Weiterhin wird zu zeigen sein, inwieweit sich dynastisches Verständnis im Verhalten beider Königskinder zeigte, dies sowohl vor der Vermählung beider, als auch nach dem Regierungsantritt in Bayreuth und dem Thronwechsel in Preußen. Anhand von exemplarisch herausgestellten Kulturschwerpunkten, im wesentlichen der Baukunst, soll der Anspruch jenes großen Königs und seiner Schwester nachvollzogen und erläutert werden. Auch muss besprochen werden, weshalb und wodurch Konflikte entstanden und welchen Belastungsproben das Freundschaftsverhältnis standhalten musste. Im Wesentlichen soll das Bild zweier Fürstenpersönlichkeiten in ihrem familiären Kontext nachgezeichnet, und deren dynastische Bestrebungen hinterfragt werden. Inwieweit Herrschaftsansprüche dabei vermittels höfischer Kunst demonstriert werden konnten, ist nachstehend auszuführen und zu diskutieren.
1.2 Quellenbesprechung
Die Schwierigkeit beginnt schon mit der Quellenlage über die Jugend beider Geschwister. Außer dem von Volz herausgegebenen Briefwechsel beider Königskinder sind über die Jugendzeit beider nur wenig aussagekräftige und glaubwürdige Quellen zutage gefördert worden. Als Ergänzung des Briefwechsels sollen daher auch Wilhelmines Memoiren gesichtet und besprochen werden, um ein Bild über das Leben am brandenburgisch-preußischen Kö-
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nigshof im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts zu bekommen. Dabei stützen wir uns zunächst auf die deutschsprachige Erstausgabe von 1810/11, die unter dem Titel „Denkwürdigkeiten aus dem Leben der königlich preußischen Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine (Schwester Friedrichs des Großen) Markgräfin von Bayreuth vom Jahr 1709 bis 1733 von ihr selbst in französischer Sprache geschrieben“ erschienen sind. Dazu soll vorab jedoch in einem Exkurs ein Blick auf die Editionsgeschichte der Memoiren geworfen werden.
In den bis heute immer wieder verschieden vorgelegten Ausgaben, sind die einleitenden Worte der Herausgeber mitunter nicht minder interessant, als die Lebenserinnerungen der Verfasserin selbst. Die deutsche Erstausgabe bei Johann Friedrich Cotta in Tübingen von 1810/11 erhebt den Anspruch absoluter Authentizität des Gedruckten und trägt dem historischen Spürsinn, wie er bei der Gattung der Lebenserinnerungen bekannter Persönlichkeiten angebracht ist, nicht im mindesten Rechnung. Das nicht signierte Vorwort versucht die Ausgabe dadurch zu legitimieren, dass das Manuskript durch glückliche Umstände an den Herausgeber gefallen sei. Davon, dass es mehrere Versionen gibt, die zum Teil stark voneinander abweichen, ist keine Rede. 1 „Der Inhalt der hier abgedruckten Memoiren bedarf keiner Vorrede – es möchte selbst überflüssig seyn, über die Authenticität ein Wort zu verlieren, da das Gepräge der Wahrheit in, derselben nicht zu verkennen ist.“ 2 Scheinbar waren nicht alle Zeitgenossen des Tübinger Verlegers von der Echtheit seines Manuskriptes überzeugt, denn schon bald sollten Zweifel an seiner Ausgabe laut werden. In Braunschweig erschien bei Vieweg eine französische Ausgabe, die natürlich für sich in Anspruch nahm, dem Originalmanuskript eher zu entsprechen. Dies „gab einem Recensenten in der Jen[aischen] Literaturzeitung Anlaß, mein Manuskript für eine verfälschte Kopie zu erklären.“ 3 Aus diesem Grunde gab Cotta an, jeder Zweifler möge sich zum Beweis der Echtheit seiner Ausgabe das Manuskript der Markgräfin im Original ansehen, eine Anmerkung, die er bereits im ersten Band gemacht hatte. Zudem wurden dem zweiten Band Nachträge und Zusätze zum ersten Band beigefügt, „wodurch nun Jeder in Stand gesetzt ist, ein Urtheil in dieser Angelegenheit zu fällen.“ 4 Daraus wird schon ersichtlich, dass schon die erste Ausgabe, gut fünfzig Jahre nach dem Tod der
1 „Es gibt auch nicht weniger als sieben Ausgaben in den Familienarchiven in verschiedenen Händen, die beträchtlich voneinander und auch von ihrer endgültigen autobiographischen Version abweichen.“ GOOCH, George Peabody: Die Memoiren der Markgräfin. In: MÜLLER, Wilhelm (Hrsg.): Im Glanz des Rokoko. Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, Bayreuth 1958, S.15-18 [hier S.16].
2 Denkwürdigkeiten aus dem Leben der Königlich Preußischen Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine (Schwester Friedrichs des Großen) Markgräfin von Bayreuth vom Jahr 1709 bis 1733. Von ihr selbst in französischer Sprache geschrieben [Band 1], Tübingen 1810 [Vorrede, o.S.].
3 Denkwürdigkeiten aus dem Leben der Königlich Preußischen Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine (Schwester Friedrichs des Großen) Markgräfin von Bayreuth vom Jahr 1709 bis 1733. Von ihr selbst in französischer Sprache geschrieben [Band 2], Tübingen 1811 [Vorrede, o.S.]. [Nachfolgend zitiert als Memoiren (Tübingen) 1810/11].
4 Ebd. [Memoiren (Tübingen) 1810/11, Bd.2 Vorrede, o.S.].
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Verfasserin, nicht undiskutiert geblieben ist, was sicherlich von den nachfolgenden Ausgaben
auch behauptet werden darf.
Das Dilemma war außerdem Folgendes: Bei genauerer Betrachtung beider Ausgaben
konnte festgestellt werden, dass offensichtlich keine der beiden den Anspruch auf Vollstän-
digkeit erheben konnte, da in beiden Episoden von unterschiedlicher Länge gefunden worden
waren, die der jeweils anderen fehlten. Gleichwohl waren es dieser nicht allzu viele, sodass
einzig die Ergänzung der bei Cotta fehlenden Jahre ab 1733 als sinnvoll angesehen wurde. Im
Übrigen lässt sich auch eine gewisse wirtschaftliche Konkurrenz erkennen, die über das bloße
Ansehen und den Wert des Textes hinausgeht. Das Vorwort der ersten Braunschweiger Aus-
gabe von 1810 verdeutlicht dies:
Es [das Manuskript, C.G.] ist von der Prinzessin eigenhändig geschrieben, und man kann kühn versichern, daß keine vollständige und authentische Abschrift davon vorhanden ist. Folgendes hat zu dieser Versicherung Veranlassung gegeben. Die Markgräfin vermachte ihre Memoiren dem Herrn Geheimenrath v o n S u p p e r v i l l e, ihrem ersten Leibarzt, der sie während seiner übrigen Lebzeit besaß. Nach dessen Tode hat sie ein sehr achtbarer Freund des Herausgebers an sich gebracht und der Veröffentlichung kein Hinderniß in den Weg gelegt. Man muß sie daher nicht mit andern Memoiren dieser Prinzessin verwechseln, welche man im Begriff steht herauszugeben, und von denen wir schon eine mittelmäßige deutsche Uebersetzung besitzen. 5
Deutlich zu erkennen ist der Konkurrenzdruck eines Buchmarktes, auf dem nicht allein die
historische Wahrheit von Memoiren zum Thema werden, sondern auch das wirtschaftliche
absatzkräftige Potenzial eines Buches von belang ist. Während der Braunschweiger Verleger
schlichtweg auf die Echtheit seines Manuskriptes pocht und die Konkurrenz einfach schlecht
redet, versucht der Tübinger zu schlichten, gesteht sogar ein, dass die Braunschweiger Fassung sehr wohl Berücksichtigung im zweiten Band von Cotta gefunden hat. 6 Nichtsdestowe-
niger werden auch Unterschiede nicht verschwiegen. Die Tübinger Ausgabe konstatiert bei
ihrem Konkurrenzunternehmen aus Braunschweig den Umstand, dass deren Ende eine „grö-
5 Memoirenvon Friederike Sophie Wilhelmine Markgräfin von Baireuth Schwester Friedrichs des Großen vom Jahre 1706 bis 1742. Von ihr selbst geschrieben. Nach dem französischen Original von Theodor Hell [2 Bde.], Braunschweig 1845 [Vorwort der ersten Ausgabe von 1810, Bd.1, o.S.]. [Nachfolgend zitiert als Memoiren (Braunschweig) 1845.]
6 Cottas zweiter Band wird nach den Zusätzen zum ersten Band wie folgt betitelt: „Fortsetzung der Denkwürdigkeiten der Markgräfinn von Bayreuth, aus der Vieweg’schen Ausgabe der Handschrift nach dem Französischen übersetzt“. Memoiren (Tübingen) 1810/11, Bd.2, S.26. Am Rande sei hier noch auf folgenden Seitenhieb der Cottaschen Ausgabe hingewiesen, der in der letzten Passage der Zusätze zum ersten Band zu finden ist. „Für die Seelenerfahrung also allein – denn die Geschichte gewönnen wirklich wenig dabei – wünschten wir, die beiden ehrenwerthen Männer, welche dem Publikum die beiden Ausgaben dieser interessanten Memoiren verschafften, träten freundlich in der Liebe zur Wahrheit zusammen, die wunderliche Unsicherheit zu entscheiden.“ Ebd., S.25.
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ßere Härte und Rohheit des Gefühls“ der Markgräfin abbildet. 7 Begründet wird dies mit der Vermutung, das der Viewegschen Ausgabe zugrundeliegende Manuskript sei das erste von Wilhelmine verfasste Exemplar gewesen, bei welcher sie ganz besonders emotional über akute Sorgen und Probleme geschrieben hatte. 8 Ferner wird angenommen, Wilhelmine habe bei der Abschrift der eigenen Memoiren, die zur Grundlage der Tübinger Ausgabe bei Cotta werden sollte, einige Änderungen vorgenommen, die aufgrund einer gewissen Altersmilde zu erklären seien, und die sie nicht mehr habe vollenden können.
Wir wollen fast wetten, daß der letzte Theil der Vieweg’schen, die Cotta’n fehlt, an vielen Stellen sehr gemildert worden wäre, hätte sie sie noch abschreiben können. Diese Großen, die in allen Stücken anderen Menschen gleichen, haben auch das mit ihnen gemein, daß sie im Alter guter oder böser werden, so wie jene. Friedrichs Schwester hatte einige Charakterzüge, die uns sehr wahrscheinlich machen, der Herbst der Jahre habe die Frucht ihres Gemüts gemildert, nicht sauer gemacht und giftig, wie der sinkende Sonnenstrahl oft verkümmerten Früchten thut. 9
Diese bilderreiche romantische Sprache des frühen neunzehnten Jahrhunderts versucht ihrer Entstehungszeit Rechnung zu tragen, versucht auch bereits eine Deutung der Memoiren. Ebenso auch die 1845 erschienene Übersetzung der Braunschweiger Ausgabe von 1810. Diese verweisen auf den historischen Wert, der vor allem für die Geschichtsschreibung über Friedrich II. und seine Zeit von erheblicher Bedeutung sei. 10 Die Tatsache, dass die Memoiren ursprünglich nicht für die Publikation vorgesehen gewesen seien, stellt dabei eine wichtige Komponente für den Anspruch der Authentizität dar. Die genau einhundert Jahre nach der Tübinger und Braunschweiger Erstausgabe erschienene Ausgabe des Insel-Verlages in Leipzig, die im Übrigen in einer Neuauflage von 1980 heute wieder im Handel zu erhalten ist, verzichtete im Original ganz auf ein Vorwort und stellt dem Text der Memoiren stattdessen ein Zueignungs-Gedicht Friedrichs des Großen an seine Schwester Wilhelmine voran. In einer kurz zuvor (1908) in Berlin erschienenen Ausgabe bei Barsdorf wurde wiederum bewusst auf die Eigenheiten des Textes hingewiesen, wobei eine Anknüpfung an Hells Vorwort des 1845er Ausgabe erfolgte. Die „oft allzu derbe Aufrichtigkeit der Prinzessin“ zu mildern, würde den Leser gerade um einen besonderen Reiz und „die naive Darstellungsweise, mit welcher diese preußische Prinzessin alle, selbst die intimsten Verhältnisse enthüllt“, berauben. 11 Die
7 Vgl. Memoiren (Tübingen) 1810/11, Bd.2, S.24.
8 Vor allem des Verhältnis zu Friedrich, die Untreue ihres Gemahl des Markgrafen, finanzielle Engpässe und das Älterwerden gibt Cotta in seinen Anmerkungen an. Vgl. Memoiren (Tübingen) 1810/11, Bd.2, S.24.
9 Ebd.
10 Vgl. Memoiren (Braunschweig) 1845, Bd.2, [Vorwort des Übersetzers] S.IV.
11 VON DEN LINDEN, A. (Hrsg.): Memoiren der Königlich Preußischen Prinzeß Friederike Sophie Wilhelmine Markgräfin von Bayreuth Schwester Friedrichs des Großen. Vom Jahre 1709-1742. Von ihr selbst geschrieben, Berlin 1908, [Vorwort zur 11. Auflage], S.3. [Nachfolgend zitiert als Memoiren (Berlin) 1908.]
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1910 von Armbruster herausgegebene Ausgabe der Memoiren in einem Band bemerkte in ihrem Vorwort des Herausgebers zwar eine gewisse Korrektur- und Ergänzungsbedürftigkeit, dennoch seien sie „mit ihrer Fülle von Schilderungen seltsamer, ja fast unglaublicher Zustände und Begebenheiten als kulturgeschichtliches Dokument wie als menschliches unvergänglich wertvoll.“ 12 Bei allem Respekt für die Sympathie zu dieser Fürstin muss an diesem Vor-wort die verhältnismäßige Gutgläubigkeit gegenüber den als wahr geschilderten Umständen in den Memoiren bemängelt werden. „Schmerz und Verbitterung mögen die schreibende Hand zu mancher Übertreibung verführt haben, aber gewiß niemals zu bewußter Unwahrheit.“ 13 Der fürstlichen Urheberin jede menschliche Regung absprechen zu wollen, ist sicher falsch und würde zur Erweiterung der Erkenntnisse überdies nichts beitragen, doch sollte im Hinblick auf das Genre der Lebenserinnerungen vor allem eines bedacht werden: es handelt sich bei dieser literarischen Form um äußerst subjektive Bekenntnisse zumeist prominenter Personen. Im Falle von Personen fürstlicher Abstammung ist dabei stets zu bedenken, dass eben jene aufgrund dynastischen Denkens gewillt waren sich und dem eigenen Hause ein Denkmal zu setzen. Auf der anderen Seite stellen Memoiren wiederum eine Möglichkeit der Deutung von Geschichte und historischen Umständen dar, wobei es auch zu einer gnadenlosen Abrechnung mit den zeitgenössischen Zuständen und Personen kommen kann. Es geht also in erster Linie bei einer Person von Geblüt darum, sich selbst in einem so strahlenden Lichte wie möglich zu präsentieren, was eben nicht ausschließt, zur Demonstration eigener geistiger Größe auch Kritik auszuteilen. Wenn Armbruster also behauptet, Wilhelmine würde aufgrund ihrer Liebe zu Friedrich nicht auch an ihm (und dem Haus Hohenzollern allgemein) Kritik üben, so ist das schlichtweg eine Fehldeutung, die darauf zurück zu führen ist, dass dynastische und in diesem Sinne sogar persönliche Beweggründe nicht bedacht wurden. Abgesehen davon kreiert der Verfasser ein Bild Friedrichs II., welches nahezu überschwängliche Zuneigung verrät. Ein ähnliches Problem finden wir in einer Teilausgabe von Schönighs Dombücherei, den Schülerheften von deutscher Art von 1929. Dieser erste Teil der Memoiren, der bis zu Wilhelmines Übersiedlung nach Bayreuth reicht, ist mit einem Vorwort der Studienrätin Bäumer versehen worden, und sieht das Werk Wilhelmines auch nicht vollständig in seinem historischen Kontext. Zwar wird beachtlicherweise darauf hingewiesen, dass der Text in der Tat erst in der Zeit zwischen 1742 bis 1744/45 verfasst wurde, also demzufolge das Prädikat Lebenserinnerungen wahrlich verdient. Dennoch wird Wilhelmine hier dargestellt als eine „Fürstin, welche keine andere Absicht hat, als sich und ihre künftigen Leser zu
12 ARMBRUSTER, Johannes (Hrsg.): Eine preußische Königstochter. Denkwürdigkeiten der Markgräfin von Bayreuth, Schwester Friedrichs des Großen, Ebenhausen bei München 1910, [Vorwort] S.5.
13 Ebd., S.4.
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beschäftigen und zu unterhalten, die also auch keine Bedenken trägt, Sagen und Gerüchte der Höfe, wenn sie nur unterhalten, wiederzugeben.“ 14 Ganz so selbstlos und zum bloßen Zeitvertreib dürfte die Markgräfin diesen Schreibaufwand wohl dennoch nicht betrieben haben, womit sie übrigens ganz in der Tradition der höfischen Dame ihrer Zeit steht. Liermann hat darüber hinaus auf die rechtsgeschichtlichen Aspekte der Memoiren Wilhelmines hingewiesen. 15 Dabei muss angemerkt werden, wie gut Wilhelmine es auch nach ihrer Vermählung verstand, die Rolle einer Königstochter würdevoll zu repräsentieren. So trug sie zeitlebens den ihr zustehenden Titel einer „königlichen Hoheit“. Schon das Beispiel des Besuches bei der Kaiserin verdeutlicht das Standesbewusstsein der preußischen Prinzessin, deren dynastische Erinnerung stets an das Haus Hohenzollern geknüpft blieb. Diese bis zu ihrem Lebensende gepflegte Beziehung zu ihren Wurzeln war sicher vorwiegend ideeller Natur, denn auch nach ihrer Vermählung und mit der Thronbesteigung war Friedrich II. Chef des Hauses Hohenzollern. Über die Konflikte, welche sich aus dem lokalen Machtstreben der brandenburgischen Nebenlinien entwickeln konnten, wird im Folgenden noch zu diskutieren sein.
Bemerkenswert sind auch die unterschiedlichen Anfangssequenzen der verschiedenen Ausgaben. Dieser Umstand scheint den Überarbeitungsstufen des Manuskriptes durch die Hand der Markgräfin geschuldet zu sein, umso sonderbarer mutet eine Durchmischung beider Fassungen an, wie in der Berliner Ausgabe bei Barsdorf (1908). Offensichtlich wurde die zweite Fassung des Manuskriptes auch sprachlich überarbeitet und gekürzt, denn sie verzichtet auf ausschweifende Erzählungen und reiht mehr Fakten aneinander. Die Wahl der Kronprinzen Friedrich Wilhelm wird als eine rasche Entscheidung auch dramaturgisch einfacher und zielorientierter berichtet: „Friedrich Wilhelm, König von Preußen, vermählte sich als Kronprinz im Jahre 1706 mit Sophie Dorothea von Hannover.“ 16 Die deutsche Erstausgabe in Tübingen beginnt wie folgt: „Nach dem Hinsterben meiner Aeltermutter Sophie Charlotte von Hannover, Königinn von Preußen, dachte König Friedrich der Erste, mein Aeltervater, darauf, seinen einzigen Sohn, den Kronprinzen, zu verheirathen.“ 17 Was hier natürlich auffällt, ist die Erwähnung der Großeltern, die sicher ein Verweis auf dynastische Tradition darstellt. Später gesteht Wilhelmine, dass sie sich nicht mit den Dingen aufzuhalten gedenkt, die zu einer Zeit
14 Memoiren der Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine, Schwester Friedrichs II. von Preußen, vom Jahre
1709 bis zur Übersiedlung als Markgräfin nach Bayreuth [Ferdinand Schönighs Dombücherei. Schülerhefte von deutscher Art, herausgegeben von Hans Fluck, Heft 77], Paderborn 1929, [Vorwort von M. Bäumer] S.4.
15 LIERMANN, Hans: Rechtsgeschichtliches in den Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth. In: MÜLLER, Wilhelm (Hrsg.): Im Glanz des Rokoko. Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth. Gedenken zu ihrem
200. Todestag, Bayreuth 1958, S.18-27.
16 Memoiren (Braunschweig) 1845, S.3. Auch: Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, Leipzig
1910 [2 Bde.], Bd.1, S.3.
17 Memoiren (Tübingen) 1810, Bd.1, S.1. Ebenso: Memoiren (Berlin) 1908, S.5.
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geschahen, da sie noch nicht einmal geboren war. „[I]ch werde hinlänglich zu thun haben, mich dessen, was zu meiner Zeit geschehen ist, zu erinnern.“ 18 Womit sie zweifellos recht behalten sollte.
Aufgrund dessen soll nachstehend im Wesentlichen der Briefwechsel der Geschwister und andere Briefe sowie Zeitzeugenberichte als Quelle Verwendung finden. Nach diesen grundlegenden Ausführungen zur Quellenlage und ihrer kritischen Diskussion kann nun genauer auf die Geschwister Friedrich und Wilhelmine eingegangen und ihr Weg nachgezeichnet werden.
2. Wilhelmine und Friedrich. Zwei Königskinder
2.1 Kindheit und Jugend (1709-1730)
Wenn es um die Kindheit und Jugend zweier Fürstenkinder gehen soll, muss einleitend fol-
gendes bedacht werden. Im Interesse des fürstlichen Hauses wurde eine Unterordnung persön-
licher Belange unter die der Staatsräson gefordert. Gleiches galt jedoch schon für Kinder, die,
ganz gleich ob sie später einmal einen Thron besteigen würden oder nicht, ein potenziell pro-
bates Mittel der Politik darstellten. Geschickte Heiratspolitik war neben der offenen Ausei-
nandersetzung seit alters her der Weg, um sich auf der politischen Bühne behaupten zu kön-
nen. Insofern wurde also dem Mitglied eines Fürstenhauses zu keiner Zeit seines Lebens eine
wirkliche Privatsphäre zugestanden, wie sie heute verstanden werden könnte. Stattdessen war
das Leben bei Hofe stets durch ein bestimmtes Zeremoniell geregelt, welches bereits in frü-
hester Kindheit, im Grunde genommen mit der Geburt und Taufe, begann und sich bis zum
Lebensende eines Fürsten hinzog. Von Kindesbeinen an wurden fürstliche Nachkommen bei-
derlei Geschlechts auf die ihnen zugedachte Rolle in der Gesellschaft der Hocharistokratie
vorbereitet und erzogen. Allgemeine Erwartungen und Pflichten von Prinzen und Prinzessin-
nen waren ebenso bekannt und verbindlich wie das Reglement eines Zeremoniells. 20 Die so
18 Memoiren (Tübingen) 1810/11, Bd.1, S.3.
19 Memoiren (Tübingen) 1810/11, Bd.1, S.4.
20 Vgl. WUTHENOW, Ralf-Rainer: Ehrgeiz und Elend am preußischen Hof. Die Memoiren der Wilhelmine, Markgräfin von Bayreuth. In: KRÜCKMANN, Peter O. (Hrsg.): Galli Bibiena und der Musenhof der Wilhelmine von Bayreuth, München u. New York 1998, S.25-29. [hier S.27].
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getroffene und festgelegte Vorbestimmung von Lebensabläufen durfte möglichst unter keinen Umständen erschüttert werden.
Bemerkt werden muss an dieser Stelle beispielhaft, dass Heiratspolitik ein sehr empfindliches Unterfangen sein konnte, da Rang- und Standesunterschiede in der Regel sehr subtil wahrgenommen wurden und nicht selten die Überschreitung von ungeschriebenen Gesetzen und Regeln zum Skandal werden konnte, dessen Schaden dem eigenen Ansehen sehr lange nachzuwirken imstande war. Wer sich demnach wie Wilhelmine gegen Heiratspläne sträubte, riskierte einiges, mitunter nicht zuletzt den Ruf des eigenen Hauses, woran keinem Dynasten gelegen sein konnte.
Das grundsätzliche Dilemma bestand auch darin, dass auf der einen Seite möglichst viele Kinder geboren werden mussten, um die Erbfolge sicherstellen zu können, denn zur damaligen Zeit war die Kindersterblichkeit sehr hoch und machte auch vor Fürstenhäusern nicht halt. Auf der anderen Seite bedeuteten viele (überlebende) Kinder auch ein Versorgungsproblem, welches im wesentlichen finanzieller Natur war. Personen von Stand mussten entsprechend vermählt und ausgestattet werden, ein Thema das besonders Prinzessinnen betraf. Doch auch Prinzen mussten verehelicht werden und ein Auskommen haben. Doch selbst im Erwachsenenalter war ein Überleben für niemanden gesichert, es wüteten Krankheiten und Schlachten, die das Leben fordern konnten.
Insofern musste es für den preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm und seine Gemahlin Sophie Dorothea ein Schicksalsschlag sein, als ihr erster Sohn Friedrich Ludwig noch im Jahr seiner Geburt 1707 starb. Dieser Sohn war, wie Wilhelmine später in ihren Memoiren berichtet, eine Art Beweis für die glückliche Übereinkunft des Kronprinzenpaares, die in der ersten Zeit nach der Hochzeit durch eine heftige Eifersucht des Kronprinzen gegen seinen Vater getrübt gewesen war. 21 Das zweite Kind, Friederike Sophie Wilhelmine, kam im Juli 1709 zur Welt. Wilhelmine bemerkte dazu: „Alle Welt versprach sich einen Prinzen, und wer sich’s hätte beigeben lassen, ein Mädchen anzukündigen, würde einen schlechten Willkommen gefunden haben. Das war dennoch der Fall, und mir war’s bestimmt, ihnen ihren Freudenwein zu verwässern.“ 22 Die Thronfolge schien erst 1712 mit dem vierten Kind, dem Kronprinzen und späteren König Friedrich II. gesichert. Insgesamt gebar die Gemahlin des späteren Soldatenkönigs vierzehn Kinder, von denen zehn das Erwachsenenalter erreichen sollten.
So problematisch die Ehe des Kronprinzenpaares war, so schwierig gestaltete sich auch das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern. Es scheint eine Erziehung der Gegensätze gewe-
21 Vgl.Memoiren (Tübingen) 1810/11, Bd.1, S.2.
22 Memoiren (Tübingen) 1810/11, Bd.1, S.3.
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sen zu sein. „Was der Vater befahl, verbot die Mutter. Was die Mutter wünschte, unterlag dem strengen Verbot des Vaters.“ 23 Dennoch muss davon ausgegangen werden, dass das Wort des Vaters und somit der Befehl das Königs im Endeffekt maßgeblich gewesen sein dürfte. Von besonderem Interesse für das Verständnis der Familiensituation im Hause Hohenzollern ist natürlich Wilhelmines Beschreibung des väterlichen Charakters, von der zweifellos behauptet werden kann, dass sie geschönt ist. Gleichzeitig muss angemerkt werden, dass ihre Ausführungen über das väterliche Verhalten größtenteils mit den Gesandtenberichten übereinstimmen. Dennoch sind die Memoiren Wilhelmines, wie bereits verdeutlicht, als Quelle nicht unkritisch zu lesen. Sie sind vor dem Hintergrund der Lebensgeschichte ihrer Verfasserin zu werten, welche, geprägt von persönlichen Demütigungen und Krankheiten, Ausdruck einer mehr oder minder tragischen Existenz einer europäischen Fürstin sind. Geht es also um die Betrachtung Friedrich Wilhelms I. aus der Sicht seiner ältesten Tochter, muss vorrausgeschickt werden, dass die Beschreibungen durchaus variieren, was dem Vorhandensein zweier unterschiedlicher Ausgaben der Memoiren geschuldet ist. Die Braunschweiger Ausgabe von 1845, lässt diesem Thema schon sehr bald ein Augenmerk zukommen, nämlich bereits auf der ersten Seite des Buches. Sie ist in ihrer Wertung abgemildert. „Dieser Prinz, dessen Erziehung dem Grafen Dohna anvertraut gewesen war, besitzt alle Eigenschaften, die einen großen Mann bilden. Sein Genie ist erhaben und der größten Thaten fähig.“ 24 Hier wird auf potenzielle Herrschergröße hingewiesen, wie sie im dynastischen Selbstverständnis erwartbar und angemessen ist. Dem gegenüber stehen die Wertungen der Tübinger Erstausgabe von 1810/11.
Die Erziehung dieses Prinzen war dem Grafen Alexander von Dohna anvertraut gewesen, er hatte sie sehr vernachlässigt, und ihm durch den ungeheuern Geiz, der ihn selbst besaß, eine große Liebe zum Geld eingeflößt. Von Jugend an hatte der Prinz das Kriegswesen geliebt; er hatte ein erhabenes Genie, war der größten Dinge fähig, einen durchdringenden Geist, eine leichte Fassungsgabe, kurz alles, was einen großen Mann bilden kann. 25
Die Gewichtung, welche hier den großen Taten und Fähigkeiten zukommt, ist weitaus auslegbarer formuliert und wird dem Leser weniger als Fakt, denn als persönliche Einschätzung präsentiert. Eindeutig kann diese Beobachtung an folgendem Satz über den Geiz belegt werden, der aus der Braunschweiger Ausgabe stammt, also, wie zu vermuten stand, milder formuliert ist, um das Bild des Soldatenkönigs in scheinbar objektiverer Perspektive darstellen
23 PANGELS, Charlotte: Königskinder im Rokoko. Die Geschwister Friedrichs des Großen, München 1976, S.15. Auch Wilhelmines Memoiren berichten davon: „Eben so gieng es auch meinem Bruder; der König brauchte ihm nur etwas zu befehlen, so ward es ihm von der Königin verboten.“ Memoiren (Tübingen) 1810/11, Bd.1, S.64.
24 Memoiren (Braunschweig) 1845, Bd.1, S.3.
25 Memoiren (Tübingen) 1810/11, Bd.1, S.6.
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zu können. „Seine große Anhänglichkeit an das Geld hat ihm den Zunamen eines Geizigen verschafft.“ 26 Wir werden später noch sehen, dass dieses Bild des Soldatenkönigs nicht in
jedem Punkt seine Berechtigung findet.
Nicht weniger deutlich sehen wir eine vorsichtige Ausdrucksweise, als es um das Gemüt des Monarchen geht.
Alle diese schönen Eigenschaften wurden durch ein zu lebhaftes aufbrausendes Temperament, das ihn nur zu oft zu dem größten Jähzorn hinriß, verdunkelt. Bei wenigem Mitleid hörte er meistens nur die strengste Gerechtigkeit, und zog sie der Güte vor. [...] [S]ein Hofmeister hatte sich bemüht, ihm einen sehr schlechten Begriff von dem andern Geschlechte beizubringen, weshalb er nicht nur sehr eifersüchtig auf die Königinn war, sondern auch gegen seine Töchter zu vieler Härte verleitet wurde. 27
Diese sehr klaren Worte sind bei Vieweg erwartungsgemäß entschärft vorzufinden. Zwar erscheinen sie nicht weniger glaubhaft, doch wird man deutlich gewahr, dass dieses Bild des Königs kunstvoll verschönert wurde, vermutlich, um den Schaden am Ansehen des Monarchen in Grenzen zu halten. Diese Tatsache erscheint zudem logisch und kann als eine Notwendigkeit in der Betrachtung dynastischer Beschreibungen gelten, denn, obschon Friedrich Wilhelm zum Zeitpunkt der Niederschrift bereits nicht mehr unter den Lebenden weilte, mussten noch seine Nachkommen auf dessen Ruf Acht geben, um sich selbst nicht zu schaden. Vor diesem Hintergrund erscheinen uns nachstehende Charakterisierungen durchaus nachvollziehbar.
Sein Temperament ist lebhaft und aufbrausend und hat ihn oft zu Gewaltstreichen veranlaßt, die er nachher schmerzlich bereute. Er zog fast immer Gerechtigkeit der Milde vor. [...] Sein Hofmeister hatte Sorge getragen, ihm Verachtung gegen das weibliche Geschlecht einzuflößen. Er hatte von allen Frauen eine so schlechte Meinung, daß diese Vorurtheile der Kronprinzessin, auf die er im höchstem Grade eifersüchtig war, vielen Kummer verursachten. 28
Über das Verhältnis zu seinen Töchtern wird nur indirekt ein Wort verloren, und von Härte gegen das schöne Geschlecht ist nicht mehr die Rede, da diese, ganz gleich welcher Art sie sein mochte, den König hätten roh und unwürdig erscheinen lassen. Das Vaterbild eines Königs musste jedoch ausnahmslos positiv sein. Dazu trug mit Sicherheit auch der absolute Ge-horsam der Kinder bei, welcher schon im Kleinkindalter erwartet wurde. Wilhelmine berichtete von einem Erlebnis im Alter von zehn Jahren, das jeglichen Sinn vermissen lässt.
26 Memoiren (Braunschweig) 1845, Bd.1, S.4.
27 Memoiren (Tübingen) 1810/11, Bd.1, S.6f.
28 Memoiren (Braunschweig) 1845, Bd.1, S.4.
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Von Charlottenburg gingen wir nach Wusterhausen; kaum waren wir dort angelangt, so überfiel den König eine heftige Krankheit. Wir waren eben in der stärksten Sommerhitze, die dieses Jahr ganz ungeheuer war; dem unerachtet fror es den König unaufhörlich; in seinem Zimmer brannte ein fürchterliches Feuer, und es war von allen Seiten so verschlossen, daß kein Lichtstrahl hinein fiel. Ich mußte den ganzen Tag, von früh sieben Uhr bis Abends um zehn, in diesem Zimmer neben dem Feuer sitzen, ohne es anders, als zur Tafelzeit zu verlassen. Nie ist ein Marterthum dem meinigen gleich gekommen; mein Blut geriet in so eine Wallung, daß ich ganz stumpfsinnig ward. 29
Offensichtlich hatte es der König gut gemeint in dem Irrglauben, wenn es seiner Majestät schlecht ginge, könnten die übrigen Familienmitglieder nicht wohl auf sein, sodass es sich anschicken mochte, der Tochter eine mögliche Unpässlichkeit zu ersparen, womit er übrigens genau das Gegenteil erreichte, wie uns Wilhelmine weiter berichtet. Zu fragen ist hierbei allerdings, wie viel Glaubwürdigkeit in diesen Berichten tatsächlich steckt, und was davon nur verblichene Erinnerung ist. Auffällig bleibt dabei jedenfalls, dass sich keine Andeutung zu dem Sinn dieser Marter findet, somit also dem Leser Raum für Spekulationen gegeben wird. Es könnte also vermutet werden, dass dies bewusst geschieht, um das Bild des Vaters zu schmälern.
Über die wahren Zustände am Hofe des Soldatenkönigs geben die Memoiren also nicht immer unbedingt Auskunft, denn sie sind geschönt, entschärft und überformt worden. Gleichwohl müssen wir uns mit ihnen zufrieden geben, da aus der Kinder- und frühesten Jugendzeit keine Briefe von Friedrich und Wilhelmine erhalten sind, so es denn überhaupt welche gegeben hat. Daher sind die ab ca. 1730 erhaltenen Briefe für die spätere Untersuchung unseres Gegenstandes umso wichtiger, auch wenn sie über die Zeit vor 1730 im Grunde so gut wie nichts vermitteln. Das Bild der Umstände in den Memoiren Wilhelmines zeichnet im Wesentlichen eine unglückliche Kindheit, die immer wieder von fast unerfüllbaren Anforderungen und sogar körperlicher Gewalt, Misstrauen und Intrigen bestimmt war. So schnürte man das Kind, um eine den Schönheitsidealen entsprechende Figur zu geben, ohne dabei an Wachstumsprozesse und Gesundheit zu denken. 30 Vermutlich stand auch hier die Ansicht, was man dem Kind aufoktroyierte, konnte ihm nur gut tun. Die Thematik des Gefügigseins kommt in den Memoiren Wilhelmines immer wieder zum Tragen. Im Alter von etwa fünfzehn Jahren klagte sie über Kopfweh und ihr schweres Los als Prinzessin.
29 Memoiren (Tübingen) 1810/11, Bd.1, S.37f.
30 „Ich war sehr fett und meine Gestalt war noch nicht ausgebildet, um mich nun um jeden Preis schmäler zu machen, schnürte sie mich so fürchterlich ein, daß ich weder essen noch trinken konnte.“ Memoiren (Tübingen)
1810/11, Bd.1, S.53.
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Clemens Götze, 2006, "... so wenig stimmt unsere Pflicht mit unseren Neigungen überein.", Munich, GRIN Publishing GmbH
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