nun. . . Anlass einiger soziolinguistischer Nachforschungen und Diskussionen. (Wikipedia, 2005, Berliner Mauer, Vier-M¨ achte-Abkommen)
Die Bezirke Berlins wurden bereits 1920 mit dem Erlass des Groß-Berlin-Gesetzes als Verwaltungsbezirke festgelegt. (Wikipedia, 2005, Groß-Berlin-Gesetz)
3 Soziolinguistische Betrachtungen
3.1 Ein Blick auf den Wortschatz
Die Hypothese, daß der soziale Unterschied zwischen Ost und West am ehesten am Wortschatz zu beobachten sei, liegt nahe. Nach dem Fall der Mauer mußten sich ostberliner Sprecher in k¨ urzester Zeit an die Begriffe der “westlichen Welt” gew¨ ohnen. Schlobinski und Sch¨ onfeld (1992) beleuchten dies anhand einiger Beispiele und bemerken einf¨ uhrend:
Von den sich daraus ergebenden kommunikativen Schwierigkeiten sind besonders die Ostberliner betroffen. Manche W¨ orter sind zum schnellen Verst¨ andnis n¨ otig und m¨ ussen sofort ¨ ta.
Leider sind die anhand zweier Umfragen gewonnenen Ergebnisse schon weniger eindeutig. Hierbei wurden Ost- und West-Berliner nach den berliner Varianten f¨ ur Begriffe aus dem Standarddeutschen befragt. Beispiele siehe Tabelle 1. Unter Auslassung jeglicher Aussage ¨ uber die Signifikanz der angegebenen Daten, daf¨ ur
nach zahlreichen etymologischen Erkl¨ arungsversuchen, kommen Schlobinski und Sch¨ onfeld (1992) zu folgendem Schluß:
Die Analysen bei den einzelnen regionalen Varianten lassen f¨ ur beide Teile Berlins gemeinsame, aber auch getrennte Entwicklungen erkennen. Zudem wurden Schwierigkeiten bei der Aufdeckung der Wandlungen deutlich. [. . . ]
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Abbildung 2: Berlin: Bezirke und Mauer. (Barbour und Stevenson, 1998)
scherbeln
Sonstige 9,2 13,9 Sonstige 5,7 6,7
Tabelle 1: Prozentuale Verteilung der Varianten f¨ ur “tanzen” und “Bruder”
3.2 Berlinisch als “Sozialslang”?
Eckert (1988) befasst sich mit soziologischen Unterschieden im Sprachgebrauch des Berlinischen. ¨ Uber die Haltung der Westberliner zum Dialekt schreibt er:
Es wird mit Vulg¨ arem, Proletenhaftem assoziiert und der Unterschicht zu-geordnet. Die Angeh¨ origen der Mittel- und Oberschichten distanzieren sich von seinem Gebraucht, der Dialekt dient ihnen als Negativbild zur sozialen Abgrenzung.
Der Dialekt ist im b¨ urgerlich gepr¨ agten Zehlendorf weit weniger ausgepr¨ agt als im Arbeiterbezirk Wedding.
In Ost-Berlin (also zu Zeiten von Eckert (1988) in der DDR) wird der Dialekt sehr viel st¨ arker akzeptiert. Hier dient er unter anderem zur Abgrenzung von den Sachsen, die h¨ aufig in Partei¨ amtern und Funktion¨ arsposten anzutreffen sind und dadurch den angezweifelten Staatsapparat repr¨ asentieren.
Der Gebrauch des Berlinischen [. . . ] markiert Zugeh¨ origkeit zur Gruppe der Berliner und schafft ein Wir-Gef¨ uhl. Als Sprache des Alltags und der Privatsph¨ are dr¨ uckt es bis zu einem gewissen Grade auch eine Oppositionshaltung zum Staat und dessen Werten und Normen aus.
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Intuitiv liegt es nahe, daß sich die sozialen Unterschiede zwischen Ost- und West-Berlin nicht nur im Sprachgebrauch, sondern auch in den phonetischen Eigenschaften der Sprache niederschlagen. Bei einer Fragebogenerhebung und auch einem folgenden Perzeptionstest konnte dies jedoch nicht eindeutig nachgewiesen werden 1 :
Eckert (1988) vermutet daraufhin, daß einer der nachweisbaren Unterschiede zwischen Ost- und Westberlinisch in den Eigenschaften des Lautes /a/ liegt:
[daß das /a/] gegen¨ uber dem Westberliner /a/ offener, weiter hinten und mit einer dunkleren T¨ onung sowie mit einer l¨ angeren Lautdauert realisiert zu werden scheint, wobei es sich dem englischen [a ] wie in car ann¨ ahert; [. . . ]
Abschließend bemerkt er:
Dieser Hypothese und den damit verbundenen noch offenen Fragen soll mit verfeinerten Untersuchungsmethoden weiter nachgegangen werden.
(Zitate in diesem Abschnitt: Aus Eckert (1988))
4 Studie zur r-Vokalisierung in Ost und West
Die holen dit immer so aus der Tiefe wie einer, der wie so’n Gorilla geht. (Eckert, 1988, S. 179)
4.1 Motivation: Vorangegangene Vermutungen
Schlobinski (1996) bemerkt zu seiner Studie einf¨ uhrend:
Eine spezielle, vor der Wende interessante Frage, die von Eckert (1988) ansatzweise untersucht wurde, war die, ob das Ost- und Westberlinische auf der lautlichen Ebene qualitativ derart differiert, daß diese Differenzen einen Erkennungswert haben, [. . . ]
Er kn¨ upft damit also an dem Punkt an, an dem zuvor (Eckert, 1988) aufgeh¨ ort hatte.
4.2 Hypothese: Berlinischspezifische r-Vokalisierung
Es findet eine r-Vokalisierung statt. Hierbei wird anstatt eines / / ein Vokal gesprochen. Beispiele f¨ ur die r-Vokalisierung im Berlinischen sind in Tabelle 2 gegeben. Dabei ist zu beachten, daß die meisten deutschen Sprecher die Endsilbe -er sowieso zu einem [ ] vokalisieren 2 .
Das Berlinische klinkt sich in die r-Vokalisierung des Standarddeutschen ein: Das [ ] wird anscheinend noch weiter hinten gesprochen und wird zum [ ]. Dies gilt offenbar nicht nur f¨ ur die Endsilbe -er sondern f¨ ur jegliche Art von / /. Was gibt es nun zu erforschen? Schlobinski (1996) m¨ ochte folgendes wissen:
Unter der Voraussetzung einer berlinischspezifischen r-Vokalisuerung stellt sich die Frage, inwieweit diese differenziert ist und ob sie ggf. derart differenziert ist, daß sie auch differenziert wahrgenommen wird [. . . ].
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B.A. Niels Ott, 2005, Berlinisch - Soziolinguistisches zu Ost und West, Studie zur r-Vokalisierung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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