Inhalt:
Die menschliche Bewußtseinsentwicklung gegenüber Gerüchen 3
Die Hygienebewegung des 19. Jahrhunderts 3
und ihre architektonischen Auswirkungen 4
Die Aufnahme von Gerüchen 6
Geruch als sinnliche Empfindung 6
IndividualNNNNNNN und Sozialgerüche 7
Geruchloses 8
Schädliche Gase und Partikel 8
Schimmelpilze 9
Wie geht der Mensch mit Grüchen um? 11
Luftsäuberer 11
Desodorierung 12
Wohnräume, die man mit Geruch assoziert. 13
Die Küche 13
Das Bad 15
Quellennachweis 16
- 2 -
Die menschliche Bewußtseinsentwicklung gegenüber Gerüchen
Die Selbstverständlichkeit, mit der wir unsere Umwelt wahrnehmen, beruht nicht nur auf einer persönlichen Verarbeitung von visuellen und akustischen Reizen, auch der Geruchsinn trägt zu unserer Orientierung und Meinungsbildung bei. Süße Morgenluftherbe Abendluft, dunstige Stadtluft - frische Landluft, eigene Wohnungsluft - fremde Wohnungsluft.
Wir sind uns heute bewußt, dass die Materie „Luft“ Träger ist für Duftstoffe, feinste Partikel und geruchlose Gase. Aus diesem Bewußtsein ziehen wir Konsequenzen, erkennen Zusammenhänge und reagieren auf unsere Umwelt.
Die Hygienebewegung des 19. Jahrhunderts
Die Ärzte des ausgehenden 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkannten ihre Grenzen bei Heilung und Therapie von Erkrankungen. Sie praktizierten nach dem damaligen Stand des medizinischen Wissens, erzielten aber nur geringe Erfolge. Außerdem waren sie nach dem preußischen Strafgesetzbuch von 1851 gezwungen, die Armen kostenlos zu behandeln, wenn ein akuter Krankheitszustand vorlag (Kurierzwang). Daraus resultierte die politische Forderung der Ärzte, Medizin solle präventive Gesundheitspolitik bedeuten. Zu dieser Prävention gehörte ein gesundheitsfördernder Lebenswandel.
Die „gute Lebensordnung, die Gemütsruhe und die Mäßigkeit“ galten als Gesundheitsgaranten. Mit solchen Begrifflichkeiten versuchte man den ausschweifenden Adel von seinem Konsum orientierten Lebenswandel abzubringen. Aber auch die Land- und Heimarbeiter, später das Industrieproletariat, benötigten eine Gesundheitserziehung. Hier sollte der Staat helfend eingreifen und so forderten die liberalen Ärzte einen demokratischen Staat. „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft und die Politik ist nichts weiter als Medizin im großen.“ sagte Robert Virchow, bedeutendster Mediziner des 19. Jahrhunderts.
Es war also nicht Menschenliebe, die die Hygieniker veranlaßte, sich mit Elend, Armut, Schmutz und Krankheit zu beschäftigen. Es war ein Stück bürgerlicher Gesinnung, vermeidbare Schäden in der Volkswirtschaft zu erkennen und zu beheben. Ein Menschenleben wurde nicht mehr nur als ersetzbare Arbeitskraft gesehen, sondern man erkannte, dass „Stadt und Staat ihren Wert durch die Menschen u nd ihre Arbeit erhalten" (Virchow).
Seuchen erwiesen sich zum Beispiel als große gesellschaftliche Herausforderung. Aus ihnen resultierte die Erkenntnis, dass Choleratote in den schlecht gelegenen, schmutzigen Quartieren häufiger zu finden waren. Mit fortschreitender Verstädterung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts befürchtete man immer mehr, dass die Armutskrankheiten über die Dienstboten auch auf die Herrschaften überspringen könnten. Mit medizinischen Argumenten wurden Verwaltungsreformen begründet, dadurch entstanden zum Beispiel Hilfskassen- und Krankenkassenvereine .
- 3 -
... und ihre architektonischen Auswirkungen
Während sich etruskische, römische und griechische Städte schon längst eines Kanalisationssystems bedienten, wurden in Deutschlands mittelalterlichen Städten Hausabfälle und Abwässer auf die Straßen gekippt. In Großstädten landeten diese Abfälle in neben der Fahrbahn verlaufenden Rinnsteinen, die bis zu einem halben Meter breit und ebenso tief waren, aber kaum Gefälle aufwiesen. Somit enthielten diese Gräben neben dem Bürgersteig stehende, übel-faulig riechende Gewässer. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts waren Aborthäuschen und gemauerte Sickergruben üblich und gleichzeitig setzte Industrialisierung und Bevölkerungszustrom in den Städten e in.
Die Hygienevorstellungen der Ärzte des 19. Jahrhunderts hatten sofortige Auswirkungen auf die Stadtplanung und Architektur. Stadt-planerische Zonierung und die aufkommende offene Bauweise begründeten sich in hygienischen Argumenten; man begann sich mit der Kanalisation, der Gewässerverschmutzung und der Berieselung auseinanderzusetzen. Weitere wichtige Themen der Hygieniker waren Arbeitsschutzmaßnahmen, Wohnungsinspektionen und die Errichtung von Schlacht-und Leichenschauhäusern, sowie Krankenhäusern.
Analog zu unseren heutigen Baurichtlinien, vertrat man damals die These „die öffentliche Gesundheitspflege habe die Naturbedürfnisse des einzelnen festzustellen und zur Geltung zu bringen. Um diese Bedürfnisse zu ermitteln und als Norm für die Gesetzgebung zu empfehlen, müssen sie möglichst exakt in Maß, Zahl und Gewicht festgestellt werden, damit zum Beispiel das richtige Verhältnis zwischen Häuserhöhe und Straßenbreite, zwischen Bewohnerzahl, Baufläche und grüner Vegetation angegeben werden kann.“ (Deutsche Vierteljahresschrift für öffentliche Gesundheitspflege, 1869)
Die greifbarsten und größten Erfolge der Hygienebewegung sind im Bau der großen Kanalisationsanlagen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu sehen. Mit dem Erbauen von Schwemmkanalisationen entschied man sich für eine möglichst geruchlose Beseitigung der Fäkalien, statt diese als Dünger zu sammeln und weiter zu verwenden. Dadurch stieg aber auch der Wasserbedarf der Städte so drastisch an, dass der Anschluß an eine allgemeine Trinkwasserversorgung erfolgte. Es ist also kaum 100 Jahre her, seit städtische Straßen und Plätze nicht mehr stinken wie Jauchegruben.
Während es im Städtebau zu Verbesserungen der hygienischen Bedingungen kam, änderte sich im Wohnungsbau vorerst nichts.
Nachdem die mittelalterliche Badekultur durch Holzknappheit, den 30jährigen Krieg und das Aufkommen der Syphillis ihr Ende gefunden hatte, wurde mit der Hygienebewegung wieder der Sinn für individuelle Sauberkeit geweckt. Mangelnder Wohnraum und die damit verbundene Überbelegung der einzelnen Arbeiterwohnungen ließen Volksbäder entstehen.
Ein weiterer Schritt Richtung Privatsphäre war ein „Wettbewerb zur Erlangung mustergültiger Pläne für Arbeiterwohnhäuser“, der 1907 vom Darmstädter Ernst-Ludwig-Verein ausgeschrieben wurde. Bei den Werksiedlungen sollte jedes Einfamilienhäuschen sein eigenes Bad bekommen. Im Geschoßwohnungsbau wurden Etagenbäder eingerichtet.
Es scheint, dass mit zunehmendem Zivilisationsgrad die Geruchsinntoleranz größer wird und die Funktionen der Ausscheidung immer mehr privatisiert werden, den Blicken und Nasen der anderen entzogen. Es kommt zur „Verhäuslichung von Harn und
- 4 -
Kotentleerung“ (Archithese, 15/1985), dadurch kommt es zu einer strengen Reinlichkeitsdressur, um der als schädlich erachteten Gerüche Herr zu werden. Schamhaftigkeit, Prüderie in körperlichen Dingen und Kontrolliertheit sind das Resultat.
Die hygienische Lebensweise machte aber auch nicht Halt vor der Innenarchitektur. Auf der Darmstädter Ausstellung, die dem oben genannten Wettbewerb folgte, wurden ganze Einrichtungen ausgestellt, um dem Besucher die rationellere und gesündere Lebensgestaltung näher zu bringen. Bruno Taut machte in den zwanziger Jahren missionarische Entrümpelungsvorschläge für funktionalere Wohnungsgrundrisse, und verlangte nach „Vereinfachung und Übersichtlichkeit“ der Räume. Die Frau soll die „Schöpferin“ des versachlichten neuen Heims sein, sie soll sich von allen sentimentalen Erinnerungsstücken und Repräsentationsgegenständen trennen und die Wohnung unter den Gesichtspunkt der Arbeitserleichterung und Zeitersparnis einrichten.
Die saubere Knappheit der Formen und Linien war klassenlos gedacht. Die mit den Hygienikern des 19. Jahrhunderts vergleichbare Begeisterung für das Reine und Gesunde bei Taut enthält berechtigte Kritik an den Lebensverhältnissen der bürgerlichen Gesellschaft. Diese lebte eine schädliche Doppelmoral - psychisches Elend, verborgen hinter der repräsentativen Fassade - deren Symbol eine theatralische Inszenierung von Plüsch und Pomp innerhalb der Wohnung war. Die Wirklichkeit dieser Welt bestand im Fehlen jeden Wirklichkeitsbezuges, im Streben nach dem sozialen Oben und der scharfen Grenzziehung zum sozialen Unten. Von
Die Hygieniker wünschten sich Lebensräume in denen sie ihr Reinlichkeitsbedürfnis ausleben konnten. Die Architekten schufen als Antwort den hellen, schmucklosen Raum als Ideal, ließen sich aber von ihren eigenen ästhetischen Werten leiten. Le Corbusier als Vertreter der Moderne in Stadtplanung und Architektur, hat sich sowohl von der Klosterzelle sowie der hygienischen Naßzelle inspirieren lassen und war ein Verfechter der Einsparung von überflüssigem Raum. Dieser funktionale Wohnungs-und Städtebau kann durch seine Rationalisierungsmaßnahmen zu deprimierenden, unpersönlichen Wohnformen führen.
Die Arbeit der Frauen im Haushalt wurde durch die Hygienebewegung zunächst anspruchsvoller und schwieriger. Insofern scheint die Rationalisierung und Vereinfachung der Wohnungseinrichtung als notwendiger Ausgleich der erhöhten Anforderungen. (Z. B. die Frankfurter Küche von Grete Schütte-Lihotzki).
In den Forderungen der Hygienebewegung des 19. Jahrhunderts konnten die Nationalsozialisten ihre Ziele wiederfinden. Man wollte den Siedlungswohnungsbau und die Zeilenbauweise, die mehr Luft und Licht an die Häuser ließen. Dabei waren die geschmähten Berliner Mietskasernen in den Arbeiterquartieren nur hoffnungslos überbelegt. Die Gesundheitsideale der Nationalsozialisten waren aber aufs engste mit ihren rassepolitischen Maßnahmen verknüpft; insofern erhielt der "Wert" Gesundheit einen furchtbaren Klang. Um die Volksgesundheit zu sichern, wurden ganze Volksgruppen ermordet.
Die heutigen Wohnungs- und Lebensformen verkörpern längst nicht mehr die Vision eines gesunden und glücklichen Lebens, wie es das Ziel der Hygienebewegung war. Es geht um die Herstellung einer freien, demokratischen und vernünftigen Gesellschaft. Die Architekten können mit ihren beschränkten Mitteln ebensowenig "gesundmachen" wie die Ärzte. Sie können nur Bilder einer befreiten Architektur entwickeln. Diese Bilder muß jeder für sich mit seiner persönlichen Phantasie und Erinnerung beleben.
- 5 -
Arbeit zitieren:
Diane Luther, Berit Schaeffer, 1997, Gerüche im, am und um den Bau, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Medien / Kommunikation - Interpersonale Kommunikation
Seminararbeit, 19 Seiten
Analyse und Bewertung der Möglichkeiten einer IP-basierten Übertragung...
Diplomarbeit, 93 Seiten
Bahnhöfe des 20. Jahrhunderts - Blick ins 21. Jahrhundert. Aktuelle Ba...
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Hauptseminararbeit, 35 Seiten
Wahrnehmung und Illusion - Visuelle Wahrnehmung als kreativer Prozess
Psychologie - Allgemeine Psychologie
Hausarbeit, 17 Seiten
Zu: Friedrich August von Hayeks "Kosmos und Taxis" und "...
VWL - Makroökonomie, allgemein
Seminararbeit, 25 Seiten
Definitionsansätze und Thesen des Phänomens Schönheit
Psychologie - Sozialpsychologie
Hausarbeit, 18 Seiten
Interkulturelle Erziehung in der pädagogischen Praxis - Schreibspiele ...
Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik
Hauptseminararbeit, 28 Seiten
Der Bau der Notre Dame du Raincy von Auguste Perret
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Hauptseminararbeit, 20 Seiten
Untersuchung unterschiedlicher Modelle zur Beschreibung von Formgedäch...
Ingenieurwissenschaften - Maschinenbau
Studienarbeit, 53 Seiten
Basel II - Erwartungen und Auswirkungen bezüglich der finanzwirtschaft...
BWL - Investition und Finanzierung
Diplomarbeit, 45 Seiten
Vom Schmiedeeisen zum hochveredelten Stahl
Ingenieurwissenschaften - Bauingenieurwesen
Hausarbeit, 22 Seiten
Immanuel Kants Analytik des Schönen
Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe
Seminararbeit, 16 Seiten
Aktuelle Trends und Entwicklungen in der Distributionspolitik
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Hauptseminararbeit, 43 Seiten
Bewertungssysteme auf C2C-Plattformen: Vertrauensbildung bei Informati...
Diplomarbeit, 89 Seiten
Diane Luther hat den Text Gerüche im, am und um den Bau veröffentlicht
Diane Luther hat einen neuen Text hochgeladen
Jahrbuch Bau und Raum 2007/2008
Jahrbuch Bau und Raum / Yearbook Buildings and Space 2008/2009
Benjamin Liebelt, John Southard
Bau der Gesellschaft / Construction of the Society
Architekturvorträge an der ETH...
Luigi Snozzi, Richard Sennett
Wörterbuch Bau - Englisch-Deutsch / Deutsch-Englisch
Victor Dewsbery, Elisabeth Noske, Ekkehard Richter
Sistema de medición AM-AM y AM-PM para transistores en RF y microondas
Desarrollo de un método simple...
Rigoberto Jauregui Duran, J. Apolinar Reynoso, Francisco Hirata
0 Kommentare