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Banken im Kaiserreich
1. Einleitung
Deutschlands „take-off“ und die heiße Phase seiner Globalisierung fand zwi- schen 1840 und dem 1. Weltkrieg statt. Drei strukturelle Änderungen sind von außeror- dentlicher Bedeutung: Erstens, aggregierte Wachstumsraten von Produktion, Konsum und Investitionen waren relativ hoch, verglichen mit der Zeit davor als auch im Länder- vergleich (für eine kritische Sicht siehe Burhop 2006) Deutschland wurde zu einem der reichsten Länder der Erde. Zweitens, die Wirtschaftsstruktur änderte sich schnell, die Bedeutung der Industrie erreichte ihren Höhepunkt. Drittens, in zahlreichen Branchen konnten deutsche Unternehmen in Sachen Technologie und Produktivität England über- holen. Begleitet und angetrieben wurden diese Entwicklungen von einer massiven Ak- kumulation von physischem Kapital (siehe Grafik 1). Zahlreiche bekannte Autoren schreiben dem deutschen Bankensystem eine zentrale Rolle bei der Industrialisierung Deutschlands zu (Gerschenkron (1962), Schumpeter (1939), Chandler (1990), Kindle- berger (1993)). Die Debatte hierüber ist einer der Klassiker der deutschen Wirtschafts- geschichtsforschung.
Das deutsche Bankensystem gliederte sich in fünf wichtige Typen: Zentralbank, Kreditbanken, Privatbanken, Sparkasse und Kreditgenossenschaften / Raiffeisenbanken. Kreditbanken (joint-stock credit banks) waren Aktiengesellschaften (AGs) und hatte als einzige Banken das Recht, Investmentbanking zu betreiben. Da die Gründung von AGs bis 1870 streng reguliert war, gab es bis dahin nur wenige Kreditbanken, die wichtigs- ten darunter der Schaffhausener Bankverein, die Disconto Gesellschaft, die Bank für Handel und Industrie und die Berliner Handelsgesellschaft, alle gegründet um 1850. Geographisch konzentrierten sie sich auf das Rheinland, das Ruhrgebiet, Sachsen und Schlesien. Kreditbanken waren sehr stark eigenkapitalfinanziert und die genannten vier Großen besaßen ein Kapitalstock von durchschnittlich 33 Millionen Reichsmark. Die Kreditvergabe der Kreditbanken stieg zwischen 1852 und 1870 um atemberaubende 19% jährlich (Hoffmann 1965, zitiert nach Da Rin & Hellmann 2001, S. 372). Etwa 40- 50% des Kapitals verwendeten sie für Kontokurrentgeschäfte, 20% für Rechnungsdis- kontierung und 20% für Eigenkapitalbeteiligungen, 1 wobei letzteres nach herben Verlus- ten in der Rezession 1873-79 deutlich reduziert wurde (Burhop 2006, S. 46).
1
Da Rin & Hellmann (2001, S. 373) nennen Eigenkapitalbeteiligungen zwischen 13% und 50% des
Bankkapitals.
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Privatbanken kennzeichnen sich durch persönliche Haftung des Bankiers aus. Sie hatten typischerweise einen Kapitalstock von 1 Million Mark. Ab den 1880er Jahren wandelten zahlreiche Privatbankiers ihr Geschäft in AGs um (etwa die spätere Deutsche Bank oder die Dresdner Bank). Als Folge sank die Konzentration unter Kreditbanken deutlich, gemessen am Herfindahl-Index von 0,1 auf 0,02 (Burhop 2006, S. 56). Spar- kassen waren in ihren Investitionsentscheidungen streng reguliert, durften kein I n- vestmentbanking betreiben und investierten vor allem in Staatsanleihen und Hypothe- kenkredite. Kreditkooperativen kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf und waren auf Kreditvergabe an die Agrarwirtschaft und Kleinhandwerk beschränkt.2
Quellen: Goldsmith (1972, 1985), zitiert in Fohin (1999) und Edwards & Oglivie (1996).
Die meisten Kreditbanken führten ihr Geschäft als Universalbanken. Während der Begriff heute ein Engagement im Privatkundengeschäft mit einschließt, war dies im
19. Jahrhundert nicht der Fall. Universalbanken vereinten vielmehr Investmentbanking
(Aktienhandel, Neuemissionen, Anleiheemissionen, etc.) mit klassischem Geschäftsban- king (Kontoführung, Rechnungsdiskontierung, Überziehungskredite, etc.). Langfristige Kredite wurden kaum vergeben, vielmehr wurden Kontokurrentkredite oft verlängert. De facto finanzierten sich viele Unternehmen auch langfristig über immer wieder verlänger- te Kontokurrentkredite und andere kurzfristige Darlehen. Erst nachdem die Deutsche Bank Ende der 1870er Jahre erste Filialen eröffnete, begannen sich die Kreditbanken den Privatsparern zu öffnen – daher auch die erwähnte hohe Abhängigkeit von ihrem Eigenkapital (siehe auch Grafik 2). 1874 emittierte mit Krupp das erste Mal ein deut- sches Unternehmen eine Anleihe, davor beschränkten sich der private Kapitalmarkt auf Aktien und der Anleihenmarkt auf Staatspapiere.
Im folgenden Abschnitt des Papers werden zentrale theoretische Argumente vor- gestellt. Diese bestehen zum einen aus den genannten Vertretern der „orthodoxen
2
Zur sehr lesenswerten Geschichte der Raiffeisenbanken siehe auch Guinname (2001). Es gibt ferner
auch eine sehr lesenswerte Literatur zu Kreditkooperativen im Kontext modernen Microbankings.
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Sicht“, die die Banken als Triebfeder der Industrialisierung in Deutschland sehen, zum anderen aus der allgemeinen Theorie der Banken. In Abschnitt drei werden drei neue ökonometrische (kliometrische) Arbeiten vorgestellt, die eine solche Rolle zu überprüfen versuchen. Das Fazit dieses Literaturüberblicks ist zweigeteilt. Deutlich wird zum einen, dass beide Seiten eine sehr unterschiedliche Methodik verwenden, die die Vergleichbar- keit entscheidend mindert und eine konstruktive Debatte behindert. Der Streit um die Rolle der Banken ist auch ein Streit zwischen „klassischen Wirtschaftshistorikern“ und ökonometrisch arbeitenden Cliometrikern. Zum anderen wird klar, dass die Rolle der Banken mit großer Wahrscheinlichkeit nicht eine solch entscheidende war, wie sie von der „klassischen“ Literatur oft dargestellt wurde.
2. Theoretische Argumente
a) Die Orthodoxe Sicht: Banken als Triebfedern deutscher Industrialisierung Eine Reihe wirtschaftshistorischer Schwergewichte betont die entscheidende Rolle der deutschen Bank als Kraft hinter der Industrialisierung des Landes. Dazu gehören Alexander Gerschenkrons (1962) Economic Backwardness in Historical Perspective, Jo- seph Schumpeters (1939) Business Cycles, Alfred Chandlers (1990) Scale and Scope und Charles Kindlebergers (1993) Financial History of Western Europe. Aber die Debatte ist noch älter und begann bereits vor einem Jahrhundert mit Otto Jeidels (1905). 3 Der „Erfolg“ des Deutschen Banksystems wird in dieser Literatur oft kontrastiert mit dem „Misserfolg“ des Englischen (siehe Edwards & Oglivie 1996).
Nach Gerschenkron befand sich Deutschland im frühen 19. Jahrhundert vor dem „catch-up“-Problem: Wie kann die in England vorgemachte Industrielle Revolution nachvollzogen werden? Zwar standen ausgereifte Technologien zur Verfügung, aber auch eine ausgewachsene Konkurrenz. Als Antwort mussten aus dem Stand heraus gro- ße Skaleneffekte (scale und scope) erreicht werden, also immense Investitionen getätigt werden. In dem relativ rückständigen Land mangelte es aber an Industrieunternehmern, die Kapital akkumuliert hatte. Also war ein Finanzsystem, dass das zerstreute Sparkapital sammeln, konzentrieren und an Unternehmer weiterleiten konnte, von zentraler Bedeu- tung.
3
weitere Literatur in Fohlin (1998), Fußnote 5.
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„the focal role in capital provision in a country like Germany must be assigned not to any original capital accumulation but to the role of credit-creation policies on part of the banking system“ (Gerschenkron 1962, S. 45) “The German investment banks – a powerful invention, comparable in economic effect to that of the steam engine – were in their capital-supporting functions a substitute for the insufficiency of the previously created wealth willingly placed at the disposal of en- trepreneurs” (S. 137).
In noch rückständigeren Ländern wie Russland reichte nach Gerschenkron nicht einmal ein Bankensystem, da es überhaupt kein verfügbares Kapital gab. Hier half nur eine staatszentrierte Industrialisierung. 4 Bei Schumpeter (1939) übernehmen die Banken die dynamische Rolle des schöpferischen Schumpeterschen Unternehmers. Kindleberger unterstützt ihn dabei (1993, S. 130): „the great banks constituted less than a tenth of the total assets of fi- nancial institutions of the country but were found at the critical margin affecting eco- nomic growth.“ Die Argumente dieser Autoren unterscheiden sich deutlich von moder- nen Banktheorien, die effiziente Kapitalallokation und Informationsprobleme in den Vordergrund stellen. In der „orthodoxen Sicht“ spielen Banken vielmehr eine pro-aktive Rolle, stimulieren, koordinieren und lenken Investitionen, nehmen Einfluss auf industriel- le Tagespolitiken, organisieren Übernahmen und Kartelle und sorgen für mehr Informa- tionsfluss zwischen Unternehmen.
Ähnliche Argumente bezüglich der Rolle von Groß- und Universalbanken wurden gemacht bezüglich Belgiens (1830-50), Italiens (1890-1913) und Japans (nach dem 2. Weltkrieg) und in abgewandelter Form auch über Frankreich im 19. Jahrhundert. Eine verwandte Frage ist die, warum sich dieses Banksystem entwickelt hat. Die Neue Institutionen Ökonomik (NIÖ) argumentiert, dass Institutionen die effiziente Ant- wortung auf gegebene Strukturen sind. In unserem Beispiel hieße das: Universalbanken haben sich aus der Notwendigkeit des relativ kapitalarmen Industrialisierungs- Nachzüglers Deutschland heraus entwickelt. Gerschenkron kann hier durchaus als Ver- treter der NIÖ aufgefasst werden, auch wenn er seine Argumente lange vor dem Ent- stehen dieser Denkschule formulierte. Fohlin (1999) widerspricht vehement und argu- mentiert, die Entwicklung sei mehr von historischen Zufällen geprägt gewesen, etwa durch staatliche Regulierung von Aktiengesellschaften oder Konjunturzyklen. Folgt man
4
Gerschenkron bezieht sich auf die zaristische Industrialisierung zwischen spätem 19. Jahrhundert und dem Ersten Weltkrieg, nicht die Sowjetunion.
Arbeit zitieren:
Lion Hirth, 2008, Banken im Kaiserreich, München, GRIN Verlag GmbH
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