Inhalt
0 Einleitung Abgrenzung Methode 3
1 Fragestellung Thesenbildung 4
2 Alphonse de Lamartine Le Vallon 6
3 Victor Hugo Soleils Couchants 10
4 Baudelaire 14
4.1 Das Naturkonzept Baudelaires 14
4.2 17 17
Chant d automne
5 Rimbaud Aube 21
6 Fazit 24
7 Quellen 25
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0 Einleitung, Abgrenzung, Methode
Eines der wohl am wenigsten überraschenden Sujets, auf die man bei der Untersuchung von Lyrik trifft, ist das der Natur. Doch schon Vergils Georgica dienten nicht einfach der schwärmerischen Darstellung bukolischer loci amoeni, sondern gebrauchten Naturbeschreibung als Medium für eine Aussage, welche immer auch historisch- soziologisch determiniert ist. Diese Funktion des Naturthemas als Mittler zwischen gesellschaftlich relevanter Autorintention und beabsichtigter Wirkung offenbart sich in den Literaturgeschichten nicht nur der europäisch geprägten Kulturen und soll Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein. Eine zeitliche und kulturelle Eingrenzung ist in Anbetracht des sich weit auftuenden Umfangs dieses Themas unabdingbar. Es ist jedoch nicht Anliegen der Arbeit, irgendeinen gut abgrenzbaren Ausschnitt der Beziehung Natur-Lyrik- Gesellschaft darzustellen, sondern vielmehr, diese Beziehung in Bezug auf das Frankreich des 19. Jahrhunderts phänomenologisch und exemplarisch zu untersuchen, da der Umbruch des als traditionell empfundenen literarischen Gattungssystems hier besonders deutlich wird und somit auf gesellschaftliche Umstände zurückverweist.
Anhand von vier Gedichten soll der Funktionswandel des Naturthemas nachvollzogen werden. Le Vallon von Alphonse de Lamartine und Victor Hugos Soleils couchants stehen am Anfang. Es folgt Baudelaires Chant d’automne; am Ende der Untersuchung steht Rimbaud mit dem Illuminations-Gedicht Aube. Der Umfang der Arbeit erlaubt es nicht, jedes Gedicht intensiv zu analysieren. Es kommt vielmehr darauf an, das für die Fragstellung Entscheidende nachzuweisen; dennoch wird an einigen Stellen auch ein intensiverer Umgang mit dem Text zum Tragen kommen.
Zwar steht das Naturthema im Mittelpunkt der Betrachtung dieser Gedichte, doch ist es untrennbar verwoben mit gesellschaftlichen Aspekten, deren Bedeutung durch eine rein phänomenologische Sichtweise nicht angemessen wiedergegeben würde. Daher soll bei Analyse und Interpretation auch immer der Rückgriff auf die historischen Umstände erfolgen, was Konsequenzen für die Aussage des Textes nach sich zieht. Auf der anderen Seite wird man leicht erkennen, dass eine Reihe Lamartine-Hugo-Baudelaire-Rimbaud weder vollständig, noch beendet ist. Dieser Anspruch kann – zumal in diesem Rahmen – auch nicht erhoben werden. Doch zum anderen steht diese Reihe auch exemplarisch für die Entwicklung moderner Lyrik. Unter diesem Aspekt soll ebenfalls die Frage gestellt werden, inwiefern es bei moderner Dichtung auf das Naturthema zutrifft, dass – wie Hugo
3
Friedrich 1 (2006: 18) sagt – „das Gedicht überhaupt nicht mehr von seinen Aussageinhalten her zu verstehen ist.“ Die zunehmende sprachliche Hermetik lyrischer Texte darf in diesem Sinne nicht missverstanden werden, und so soll für diese Untersuchung die Prämisse gelten, dass „noch in der hermetisch verabsolutierten
sprachlichen Form Epochenprobleme ausgetragen werden“ (Stenzel/ Thoma 2 1987: 12). Der gesellschaftliche Gehalt eines Textes muss in moderner Lyrik somit nicht zwangsläufig auf der referentiellen Funktion der Sprache beruhen, wenn man ihren Zeichencharakter als Wirklichkeitsbezug versteht. Auch die Autoreferentialität moderner Gedichte arbeitet mit Verweisen, doch fungieren sie innerhalb eines Textes, also hermetisch – das vermeintliche Fehlen eines direkten Hinaus-in-die-Welt-Deuten darf nicht als apolitische Dichtung missverstanden werden. So verweisen Stenzel/ Thoma (1987: 13) exemplarisch auf die Baudelaireforschung, welche „eine Form […] hermetischer Gesellschaftskritik“ nachweisen konnte. Im Blickfeld dieser Betrachtungsweise ist die hier vorgenommene Textauswahl – wie bereits erwähnt – nicht umfassend; besonders Untersuchungen zu Mallarmé müssen bereits an dieser Stelle als Desiderat festgehalten werden.
1 Fragestellung, Thesenbildung
Ausgangspunkt der Beschäftigung mit dem Naturthema in moderner Dichtung war die Frage nach der Funktionsbestimmung von Lyrik im literarischen Gattungssystem und in der restaurativen Gesellschaft des nachrevolutionären Frankreich. Stenzel/ Thoma (1987: 21f.) betrachten dieses Problem zunächst theoretisch mit Hegel, welcher zwar „das Problem verlorener gesellschaftlicher Synthesis“ anerkenne, aber dennoch „sowohl [den] Bestimmungsgrund der Lyrik […] wie die Probleme“ in einem menschlichen Bedürfnis nach einer die gesellschaftliche antizipierenden „ästhetischen Synthesis“ sehe. Marx stelle sich gegen dieses „Postulat einer Versöhnung von Einzelnem und Allgemeinem“, was zur Folge habe, dass „die Privatsphäre der Ausgangspunkt lyrischen Sprechens zu sein hat“ – allumfassende synthetische Konzepte sind nicht mehr denk- beziehungsweise dichtbar. Stenzel/ Thoma (1987: 22ff.) skizzieren vier Felder der Suche nach sich lyrisch ausformenden gesellschaftlichen Synthesekonzepten: das sozial-politische, das privat- familiäre, das der Natur und schließlich das sprachlich-hermetische. Wie bereits in der
1 Friedrich, Hugo ([1956] 2006): Die Struktur der modernen Lyrik. Von der Mitte des neunzehnten bis zur
Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Reinbek: Rowohlt.
2 Stenzel, Hartmut/ Thoma, Heinz (Hgg.) (1987): Die französische Lyrik des 19. Jahrhunderts. München:
Wilhelm Fink (= UTB 1436).
4
Einleitung angedeutet zielt diese Arbeit auf die Funktion des Naturthemas, nun kann man
sagen: auf die Synthesefunktion des Naturthemas. Stenzel 3 (1980: 30) spricht diesbezüglich von der „historicité du concept de nature“ und führt dazu aus:
[…] les descriptions et les images qui constituent le concept de nature prennent leur signification
dans le cadre d’une réflexion sur les problèmes historiques et sociaux qui amènent les écrivains à
l’utilisation de ces concepts.
Doch auch das von Stenzel/ Thoma letztgenannte (sprachliche) Synthesekonzept wurde bereits als Betrachtungsgegenstand vorgestellt. Diese durch Synthesekonzepte geleitete Sichtweise auf Natur bringt uns zur (am Text nachzuweisenden) These, dass das Naturthema mit zunehmender Hermetisierung der Dichtung vom Synthese verheißenden Konzept zum bloßen Inventar autoreferentieller Dichtung wird. Es büßt also den eigenen Konzeptstatus ein und ordnet sich als reichhaltiger Spender semantischer Ordnungen in das – auch chronologisch – folgende Konzept ästhetischer Synthesis durch Sprache ein. Mag die Auswahl der hier vorgestellten Autoren und Gedichte – gerade unter dem unumgänglichen Bedauern der quantitativ bedingten Beschränkung – fast willkürlich erscheinen, so rechtfertigt sie sich nicht nur durch die angedeutete Einordnung der Autoren in einer Entwicklung hin zur Moderne, sondern auch durch deren Gestus des Suchens oder des Schöpfens. Der Titel dieser Arbeit deutet somit die zweite zentrale These an: „Vom Suchen und Schaffen gesellschaftlicher und ästhetischer Synthesis in der Natur“. Diese
These von der Funktion der Natur lässt sich in matrizenhafter Form verdeutlichen 4 :
Zur Verdeutlichung der Gestus „Suchen“ und „Schaffen“, mit welchen sich der Dichter der Natur nähert, sei an Rimbauds Vorstellung des Dichters als démiurge erinnert. Dieser Schöpfer-Gestus ist jedoch – in schwächerer und anders zu definierender Form – auch bei Hugo auszumachen. Die Kategorien „gesellschaftliche“ und „ästhetische Synthesis“ wurden ja bereits in einem antizipierenden Verhältnis dargestellt: „die als Vorausdeutung gesellschaftlicher Synthesis gedachte ästhetische“ (Stenzel/ Thoma 1987: 18f., meine Hervorhebung, RK). In unserer Schematisierung jedoch soll die in neuer Ästhetik
3 Stenzel, Hartmut (1980): „Évolution et fonction critique du concept de nature dans la littérature romantique
et dans le socialisme utopique“, in: Romantisme 30 (1980). 29-38.
4 Dies erweckt einen sehr strukturalistischen Eindruck. Diese schematische und ausschließlich wirkende
Grafik soll lediglich zur Verdeutlichung der These dienen und ist daher als sehr abstrahiert zu verstehen.
5
erscheinende Dichtung zunächst auch einmal als bloße Ästhetik betrachtet werden, egal ob sie neu gesucht, beschrieben und symbolisch genutzt (Baudelaire) oder ob sie sprachlich- hermetisch geschaffen wurde (Rimbaud) – die Deutung dieser Ästhetik als Ausdruck einer politischen oder gesellschaftlichen Aussage erfolgt erst in einem zweiten, von Hugo Friedrich gemiedenen Schritt.
2 Alphonse de Lamartine – Le Vallon
Für L’Isolement, das eröffnende Gedicht der Médiations poétiques (1820), hat Erich
Köhler 5 überzeugend herausgearbeitet, dass es nicht die biografische Deutung des Verses „un seul être vous manque et tout est dépeuplé“ sein kann, welche dem ganzen Gedichtband einen solchen Erfolg beschieden hat, sondern vielmehr das Erfassen eines Lebensgefühls des Publikums, welches sich gesellschaftlich exiliert fühlt. Dieser
romantisme aristocratique 6 findet sich auch in Le Vallon. Kablitz 7 (1985: 173f.) stellt heraus, dass es sich zunächst um die Beschreibung eines locus amoenus handele, welcher hier symbolischen Charakter für die vergangen Freuden habe („Ils [sc. deux ruisseaux] mêlent un moment leur onde et leur murmure, / Et non loin de leur source ils se perdent sans nom.“ vv. 11f.). Der plötzliche Abbruch der zeitweiligen Vereinigung wird an dieser Stelle auch phonologisch und metrisch deutlich; den ersten Vers dominieren die Vokale /o, œ, y/, welche die Semantik des Verses „Comme un enfant bercé par un chant monoton“ (v. 19) gleichsam lautlich vorwegnehmen, und die Zäsur nach „moment“ wird durch diese beruhigende Bewegung der lautlichen Vokalverschränkung überwunden, was den
elegischen Charakter 8 verstärkt. Im Gegensatz dazu wirkt die Zäsur des folgenden Verses sehr trennend, um dann in einen durch /s/-Häufungen (source / ils se perdent sans nom) verdeutlichten schmerzlichen Verlust überzuführen. Die so quälende Verlusterfahrung des lyrischen Ichs darf nicht allein auf die Biografie des Autors zurückgeführt werden – besonders, wenn man an die Rezeption denkt; denn es ist keinesfalls auszuschließen, dass Lamartines persönliche Trauer ein Anlass des Gedichtes war, aber – genau wie in L’Isolement – fungiert die Naturszenerie als Seelenspiegel des lyrischen Ichs. In diesem
5 Köhler, Erich (1981): „Alphonse de Lamartine: „L’Isolement“. Versuch einer sozio-semiotischen
Interpretation“, in: Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte 5 (1981). 129-150.
6 Begriff nach Bénichou in Stenzel (1980: 31).
7 Kablitz, Andreas (1985): Alphonse de Lamartines „Méditations Poétiques“. Untersuchungen zur
Bedeutungskonstruktion im Widerstreit von Lesererwartung und Textstruktur. Stuttgart: Franz-Steiner-
Verlag.
8 Friedrichs (2006: 32) Beschreibung vom Lamartines Naturdichtung, sie sei „ein reiner Ton, von dem er
selber sagen durfte, er sei weich wie Samt“, trifft diesen Effekt der elegischen Weichheit recht gut.
6
Sinne betrachtet dies auch Dethloff 9 (1995: 156) als Neuheit bei Lamartine: „La description d’un paysage devient un prétexte pour la réflexion du moi. Le signifiant de la nature extérieure n’est rien d’autre que le signifié au niveau du psychisme du poète.“ Dieser Weg von der äußeren Landschaftsbeschreibung hin zur „intériorité subjective chez Lamartine“ (ebd.: 158) ist neu gegenüber der „nature-correspondance“ (ebd.: 152) des
18. Jahrhunderts, welche zwar Möglichkeiten bot, durch den Rückzug in die Natur die
Schöpfung zu erfahren, aber welche noch nicht das entscheidend neue Element der Subjektivität dieser Beziehung aufwies.
Das religiöse, dezidiert christliche Moment bei Lamartine scheint zunächst nur insofern in Erscheinung zu treten, als dass die „nature théophanique“ (Courtinat 10 2004: 105) den Übergang ins Jenseits bietet: „Et, seule, tu [sc. mon âme] descends le sentier des tombeaux. // Mais la nature est là qui t’invite et qui t’aime;“ (vv. 48f.). Das lyrische Ich rät fast behütend seiner eigenen Seele über die nun folgenden drei Strophen zu, es solle sich bei der Überfahrt ins Jenseits an die immerwährende Natur halten, nachdem es ihr zuvor („L’amitié te trahit, la pitié t’abandonne“ v. 47) das taedium vitae noch einmal deutlich gemacht hat. Die letzte Strophe des Gedichtes jedoch bringt nun endlich das Ziel der Seelenreise zum Vorschein: „Dieu, pour le concevoir, a fait l’intelligence; / Sous la nature enfin découvre son auteur!“ (vv. 61f.). Es ist also nicht die Natur in ihrer Diesseitigkeit, welche Trost spendet, sondern vielmehr ihre Transparenz für das Jenseits, welches als eigentlicher Fluchtpunkt für das lyrische Ich aufgebaut wird. Dethloff (1995: 157) nennt dies „la conception de la nature-refuge temporaire sur le chemin vers l’éternelle paix“. Die Natur quasi als theophaner Vorgeschmack christlich gedachter Synthesis im Jenseits wird noch unterstrichen durch die besondere Redesituation des Gedichtes. Das lyrisch Ich spricht bereits ganz am Anfang des Gedichtes nicht von sich, sondern von „mon cœur“ wie von einem Teil seiner selbst. Das Herz wird metonymisch für alle Sinne über das Gedicht hinweg als diesseitig verhafteter Teil des lyrischen Ichs gegenüber dem anderen Teil, der Seele, aufgebaut. In der ersten Strophe wird es als von Enttäuschung und „épuisement“ (Courtinat 2004: 86) geprägt dargestellt; das einzige, worum noch gebeten wird, ist „Un asile d’un jour pour attendre la mort“ (v. 4). Auch die anderen Sinne („un horizon borné qui suffit à mes yeux“ v. 22, „À n’entendre que l’onde, à ne voir que les cieux“ v.24, „J’ai trop vu, trop senti, trop aimé dans ma vie“ v. 25, „Le bruit lointain“ v. 30, „un son éloigné“
9 Dethloff, Uwe (1995): „Aspects et fonctions du Paysage lamartinien: L’exemple du Vallon“, in: Literarische Landschaft. Naturauffassung und Natur-beschreibung zwischen 1750 und 1830, hrsg. von Uwe Dethloff, 1995. St. Ingbert: Röhrig. 149-158.
10 Courtinat, Nicolas (2004): Commentaire de Méditations poétiques, Nouvelles Méditations poétiques d’Alphonse de Lamartine. Paris: Gallimard.
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Robert Krahl, 2008, Vom Suchen und Schaffen gesellschaftlicher und ästhetischer Synthesis in der Natur, Munich, GRIN Publishing GmbH
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