Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung: Die persönliche Affinität Fassbinders zu Fontane 3
2. Fassbinders Interpretation oder „Lesefrüchte“ 5
2.1 Instetten „als Personifikation dessen was der Regisseur an der Gesellschaft kritisiert “ 8
2.2 Symbole als Erklärungen der fassbinderschen Lesart 9
2.2.1 Schaukel und Sonnenuhr 9
2.2.2 Der Chinese 10
2.2.3 Die Raumgestaltung 11
3.Filmische Illusion? 12
4. Quellenverzeichnis 14
4.1 Literaturverzeichnis 14
2
1.Einleitung: Die persönliche Affinität Fassbinders zu Fontane
„ Der Fontane hat, ähnlich wie ich, so eine Sicht von der Welt, die man sicherlich verurteilen kann: nämlich, dass die Sachen so sind, wie sie sind, und dass man sie so schwer verändern kann. Obwohl man begreift, dass man sie verändern müsste, setzt
irgendwann mal die Lust aus, sie zu verändern, und man beschreibt sie dann nur noch.“ 1
Der dreiundzwanzigste Film des avantgardistischen Regisseurs Rainer Werner Fassbinder ist der vorläufig jüngste und auch anspruchsvollste einer Reihe von Effi Briest-Verfilmungen 2 ,
die in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts begonnnen haben.
Fassbinders Adaption der Romanvorlage trägt den Titel „Fontane Effi Briest 3 “.
Es handelt sich dabei um die Umsetzung und Arbeit an seinem „Traumfilm“ 4 und es war
derjenige, in den er die meiste Arbeit investierte. Während er normalerweise Filme in neun
bis zwanzig Tagen machte, erforderte dieser Film achtundfünfzig Drehtage, die sich über
zwei Jahre hinzogen.
Die Wahl des Themas ergibt sich, wie schon der Titel durch den Zusatz Fontane andeutet und
wie auch das von mir ausgewählte Einleitungszitat unterstreichen soll, aus einer ganz
besonderen Affinität des Regisseurs zu Fontane und seinem großen Respekt dem Autor des
deutschen Realismus gegenüber.
Obwohl Fassbinder Fontane in seiner Adaption bis auf wenige Schreibfehler exakt zitiert, ist
seine Verfilmung der Romanvorlage dennoch nicht als das anzusehen, was man allgemein
unter traditioneller Literaturverfilmung versteht, sondern als Versuch zu sehen, Fontanes
Geist in seinem Sinne herauszufiltern.
Fassbinder offeriert dem Rezipienten einen „filmischen Lesvorgang“ 5 , „der sich radikal von
der gängigen Praxis der Literaturverfilmung zur Zeit des Neuen Deutschen Films“ 6
unterscheidet.
1 Rainer Werner Fassbinder im Interview mit C. Brocher 1972. In: Stuttgarter Zeitung, 1.12.1972.
2 Die anderen Verfilmungen sind: „ Der Schritt vom Wege“ (Gustaf Gründgens, Deutschland 1939), „Rosen im Herbst“ (Rudolf Jugert, BRD 1955), „Effi Briest“ (Wolgang, Luderer, DDR 1968).
3 Fontane Effi Briest. Spielfilm. BRD 1972-1974, Tango Film.35mm-Film, s/w, Länge: 135Min. Buch und Regie: Rainer Werner Fassbinder nach dem Roman von Theodor Fontane
mit Hanna Schygulla, Wolfgang Schenck, Ulli Lommel, Irm Hermann, Karlheinz Böhm Prädikat: besonders wertvoll. http: http://www.film-kultur.de/filme/fontane_effi_briest.html
4 Thomsen, Christian Braad: Rainer Werner Fassbinder.. Leben und Werk eines maßlosen Genies. Aus dem dänischen von Ursula Schmalbruch. Hamburg 1993, S.193.
5 Lohmeier, Anke-Marie: Symbolische und allegorische Rede im Film. Die Effi Briest- Filme von Gustav Gründgens und Rainer Werner Fassbinder. In: Text + Kritik, Sonderband 1989, S 233.
6 Kuchenbuch, Thomas: Einführung. Aufgaben eines Filmanfangs. Hochschule der Medien: Stuttgart 2005.
3
Er sah es nicht mehr als nötig an, allein die Geschichte zu erzählen, die fast schon jeder kennt 7 . Das heißt, ihm ging es nicht um eine direkte Nacherzählung, die somit an Stelle der Romanlektüre treten könnte.
„Bietet Luderer also seinem Publikum eine Effi anstelle des Romans, so führt Fassbinder im filmischen Medium vor, wie er zu einem bestimmten Zeitpunkt Fontanes Roman gelesen hat.“ 8
Mit „Fontane Effi Briest“ verfolgte der Regisseur, wie besonders die vielen Schriftinserts verdeutlichen, vorrangig eine Form der Auseinandersetzung mit Literatur im Medium Film. Dabei „lässt er in allen Phasen deutlich werden, dass er einen literarischen Text gelesen, gedeutet und in ein anderes Medium [...] übertragen hat.“ 9
Auffällig eingesetzte Weißblenden, die einzelne Szenen voneinander trennen, „[...]fungieren nicht allein als formale Textgliederungssignale, sondern sind lesbar als Geste des Umblätterns oder des Anfangens und Beendens von Kapiteln.[...] Der Leser des Romans [ Fassbinder als
Regisseur] präsentiert sich somit selbst als solcher und vermittelt seinem Leser/Zuschauer die Früchte seiner Lektüre, seine Interpretation.“ 10
Mit der Wahl des barock anmutenden Untertitels,
„ Fontane Effi Briest oder Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und dennoch das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen“,
welches das einzige nicht von Fontane übernommene Zitat darstellt, verleiht Fassbinder dem Film eine gewichtige, eigene Zutat und leitet das zentrale Thema des Widerspruchs der Bedürfnisse des Individuums und den Normen der Gesellschaft ein. Der exemplarische, zeitlose und parabelhafte Charakter der Geschichte wird durch diese Aussage deutlich, sowie das Lehrstückhafte des Films offen zu Tage tritt.
7 Rainer Werner Fassbinder im Interview mit C. Brocher 1972. In: Stuttgarter Zeitung, 1.12.1972.
8 In der Forschung wird Luderes Film als besonders prägnantes Beispiel einer konservativen und somit als Lesersatz dienende Literaturverfilmung angesehen. Vgl.: Wollff, Jürgen: Verfahren der Literaturrezeption im Film, dargestellt am Beispiel der Effi Briest-Verfilmung von Luderer und Fassbinder. In: Der Deutschunterricht
33,4 1981, S. 47-75.
9 Reisner, Hanns-Peter, Siegle, Rainer: Lektürehilfen Theodor Fontane. Effi Briest. Stuttgart 1993, S. 158.
10 Kuchenbuch, Thomas: Einführung. Aufgaben eines Filmanfangs. Hochschule der Medien: Stuttgart 2005.
4
„So zitiert Fassbinder eine Tradition, die durch die historischen Pole Barockdrama und episches Theater andeutungsweise fixiert ist. Die Emblemstruktur des Titels macht deutlich, dass hier im Rahmen eines fixierten Normsystems ein >Bild< gefunden ist (>pictura<) dem eine lehrhafte >subscriptio< beigefügt werden kann.“ 11
Die schwarze Typographie der Titelsequenz auf weißem Hintergrundrund leitet eine Welt aus Literatur ein. Dabei wird das Thema der Ambivalenz von Individuum und Gesellschaft schlicht nüchtern und resignativ diagnostiziert.
Dass es durch die Kürzung des Romantextes zwangsläufig zu einer Umgewichtung der Aussagen im Sinne Fassbinders kommt und somit zu einer dezidiert subjektiven Lesart, wird nun Bestandteil der weiteren Abhandlung sein. Dabei wird untersucht werden, durch welche Mittel er seine Interpretation des Romans untermauert und um welche es sich dabei genauer handelt.
Im Schlussteil der Arbeit möchte ich dann noch kurz auf die von Kritikern häufig attestierte Kühle und Nüchternheit 12 des Films und somit auf die Frage und Möglichkeit einer
filmischen Illusionsbildung eingehen.
2. Fassbinders Interpretation oder „Lesefrüchte“ 13
In seiner Verfilmung folgt Fassbinder der Chronologie des fontaneschen Romans und räumt, prozentual gesehen, den fünf Handlungsabschnitten ähnlich viel Raum ein. Es ergibt sich jedoch das Grundproblem bei der Verfilmung einer Literaturvorlage: Da der Roman gewöhnlicherweise eine deutlich längere Erzählzeit vorzuweisen hat, als es in den dem Film gegebenen durchschnittlichen 90 Minuten untergebracht werden könnte, dass Kürzungen von Textstellen notwendig werden.
Diese Kürzungen dienen jedoch im Fall Fassbinder der Gestaltung einer bestimmten Aussage des Films.
Die dem Film erhalten gebliebenen Fontane-Zitate erscheinen in Monologen und Dialogen des Films oder sie werden aus dem Off rezitiert, sowie durch Inserts, von denen Acht an
11 Schanze, Helmut: Fontane Effi Briest. Bemerkungen zu einem Drehbuch von Rainer Werner Fassbinder. In: Literatur und Massenmedien. Demontage von Dichtung? Hrsg. V. Friedrich Knilli u.a. München 1993, S. 137.
12 G. P.: „[...]man sieht ruhige, spröde, fast abweisend kühle Bilder,[...].“ In: film-dienst. http://www.filmportal.de, Nr. 14, 09.07.1974.
13 Ebd.: S.132.
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Quote paper:
Sonja Crone, 2008, Fassbinders Lesart des Romans Effi Briest, Munich, GRIN Publishing GmbH
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