Nietzsches Sprachphilosophie
Die Sprache im Spannungsfeld zwischen Konstitution und Zerfall des Individuums und
Konstitution und Zerfall der Gemeinschaft
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Inhalt
Einleitung ... 3
1. Die Bedeutung der Sprach-Lüge für die Konstitution und Dekonstruktion des
Einzelmenschen... 3
2. Die Bedeutung der Sprach-Lüge für die Konstitution und Dekonstruktion der Gemeinschaft
... 6
3. Der dionysische und der apollinische Aspekt der Sprache, bezüglich von Konstitution und
Destruktion des Individuums oder der Gemeinschaft ... 8
3.1 Das Dionysische und die Sprachlosigkeit ... 8
3.2 Sprachkünstler... 9
3.3 Die Sprache als Sicherheit vor dem Ich-Zerfall ... 11
3.4 Schrift vs. gesprochene Sprache... 12
3.5 Sprache, Sprach (-kunst) und Gemeinschaft ... 13
Fazit, Stellungnahmen und Ausblick ... 15
Literaturverzeichnis... 18
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Einleitung
Die Sprache ist, so Nietzsche, Lüge. Wahrheit durch Sprache ist für Nietzsche eine Illusion,
denn: ,,Das ,Ding an sich' [...] ist auch dem Sprachbildner ganz unfasslich und ganz und gar
nicht erstrebenswerth" (WL
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, S.879). Die Sprache hat also, so Nietzsche, für den Menschen
nur eine relative Bedeutung, nämlich insoweit, als dass der ,,Sprachbildner" nur die ,,[...]
Relationen der Dinge zu den Menschen [...]" (WL, S.879) bezeichnet. Welche Bedeutung hat
nun die Sprach-Lüge für die Konstitution und Destruktion des Einzelmenschen und für die
Konstitution und Destruktion der menschlichen Gemeinschaft? Sprache ist von ihrem
Grundcharakter her immer schon Kunst, so Nietzsche, da Sprache Metapher ist (vgl. WL, S.
879). Sie verliert allerdings ihre künstliche/künstlerische Leichtigkeit durch den, durch ihren
gesellschaftlichen Gebrauch entstandenen, Trieb zur ,Wahrheit' des Gesellschaftsmenschen
(vgl. WL, S.877). Durch ihren dadurch resultierenden begrifflichen Gebrauch destruiert sie
ihre Bedeutung für das Individuum und konstituiert Gesellschaft (vgl. WL, S. 880/881).
Sprache bleibt dabei ein Phänomen, welchem Nietzsche sowohl einen apollinischen Aspekt
als auch einen dionysischen Aspekt zuordnet. Inwieweit spielen diese Aspekte der Sprache
eine Rolle für die Konstitution und Destruktion von Individuum oder der Gemeinschaft der
Individuen?
1. Die Bedeutung der Sprach-Lüge für die Konstitution und
Dekonstruktion des Einzelmenschen
Das Gattungswesen Mensch ist vom Tier durch seinen Intellekt unterschieden, auch wenn
dieser sich als ,,[...] beliebig [...] innerhalb der Natur ausnimmt" (WL, S.875). Nach
Nietzsche sichert der menschliche Intellekt das menschliche Überleben durch Täuschung.
Diese Täuschung gaukelt ihm unter anderem ein Erkennen vor, welches mit Hochmut
verbunden ist und von Eitelkeit zeugt, aber den Menschen im ,,Dasein festhält", indem er ihn
,,über den Werth des Daseins täuscht" (vgl. WL, S.876). Der menschliche Intellekt lügt somit
zu Gunsten des Menschen und der individuelle Intellekt wahrscheinlich zu Gunsten des
einzelnen Individuums: ,,Denn auch unser Gegensatz von Individuum und Gattung ist
anthropomorphisch und entstammt nicht dem Wesen der Dinge [...]" (WL, S.880). Auch die
Lüge der Sprache wird, analog zum Intellekt betrachtet, zu einem Mittel, welches den
Menschen als Gattungswesen und den einzelnen Menschen als Individuum zum Dasein
verführt. Die befriedigende Wirkung der Sprache für den Einzelmenschen, lässt sich bereits
1
Nietzsche, Friedrich: Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne (WL), In: Kritische
Studienausgabe Bd.1, München, Berlin/New York: Dtv/De Gruyter 1988
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aus ihrem Metapherncharakter erschließen, denn Nietzsche ist der Überzeugung, dass der
,,Trieb zur Metaphernbildung" ein ,,Fundamentaltrieb des Menschen" sei (vgl. WL, S.887)
und die Sprache ist eine Metapher der Metapher: ,,Ein Nervenreiz zuerst übertragen in ein
Bild! erste Metapher. Das Bild wieder nachgeformt in einem Laut! Zweite Metapher" (WL,
S.879). Zwar erstarren die Metaphern der Sprache durch den sprachlichen ,,Friedensschluss"
zu ,,Conventionen" (WL, S.877), doch der ursprüngliche Charakter der Sprache bleibt ein
subjektiver: So schafft sich das Individuum auf Grundlage seiner Empfindungen und mittels
der Sprache seine eigene Welt, der Taube beispielsweise nennt die Chladnischen
Klangfiguren im Sand ,Ton' etc. (vgl. WL, S.879). Mittels der zunehmenden
Überstrukturierung der Welt durch die Sprache, durch Begriffe, durch ,,Gleichsetzung des
Nicht-Gleichen" und das ,,Weglassen des Ungleichen" geht allerdings die individualisierte
Bedeutung der Sprache zunehmend verloren (vgl. WL, S. 880/881), wobei daran erinnert
werden muss, dass sie immer trotz ihren individuellen Bedeutungen schon auf Konventionen
beruhte. Die subjektiven Urerlebnisse des Individuums werden jedoch durch die Begriffs-
Sprache noch stärker destruiert:
,,[...] jedes Wort wird sofort dadurch zum Begriff, dass es eben nicht für das einmalige ganz und gar
individualisierte Urerlebnis, dem es sein Entstehen verdankt, etwa als Erinnerung dienen sondern zugleich
für zahllose [...] ungleiche Fälle passen muss" (WL, S. 879/880).
Nietzsche betrachtet somit die Sprache von zwei Seiten, zum einen kann sie für das
Individuums konstituierend gebraucht werden, indem sie zu seinen Gunsten lügen kann und
indem sie seine subjektive Urerlebnisse für die Erinnerung festhalten kann, zum anderen wird
ihr individuell-subjektiver Aspekt durch ihren Begriffscharakter zerstört. Der die individuelle
Funktion der Sprache einschränkende Aspekt der Begriffsbildung entsteht in enger
Verbindung mit der Vernunft und dem ,,Wahrheitstrieb", der aus dem Gemeinschaftlichen der
Sprache erwächst (vgl. WL, S.877). Den durch die Sprache in Gang gesetzten Wahrheitstrieb
des Menschen bewertet Nietzsche als für dessen Bejahung des Daseins negativ, als ein
Zeichen von décadence und von ,,Niedergangs-Typen" (vgl. dazu: Das Problem des
Sokrates
2
). Die vernünftige Sprache wird somit zu etwas, dass das Leiden des Menschen
begünstigt, sein Urerleben als gelöstes Ich, als ,,Subjekts-Vielheit" (JGB
3
, S.27), wird dabei
durch die vernünftige Sprache destruiert, während ein vernünftiges Ich, ein ,Schein-Ich',
konstituiert wird: ,,[...] es [ist] eine F ä l s c h u n g des Thatbestandes [...], zu sagen: das
Subjekt ,ich' ist die Bedingung des Prädikats ,denke'" (JGB, S.31). Die Frage, wie eine
2
Nietzsche, Friedrich: Das Problem des Sokrates, In: Götzen-Dämmerung (S.67-73), In: Kritische
Studienausgabe Bd.6, München, Berlin/New York: Dtv/De Gruyter 1988
3
Nietzsche, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse (JGB), In: Kritische
Studienausgabe Bd.5, München, Berlin/New York: Dtv/De Gruyter 1988
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unvernünftige Sprache konkret aussehen müsste, die den unvernünftigen, nicht
gesellschaftlich ausgeprägten Aspekt des Ichs betonen könnte, bleibt ungelöst.
Durch die gesellschaftlich festgesetzten Sprachregeln erlangt der Mensch (und das
Individuum) positiv betrachtet das ,,Gefühl der Wahrheit" und somit das Gefühl der
Sicherheit durch Sprache und:
,,Er stellt jetzt sein Handeln als v e r n ü n f t i g e s Wesen unter die Herrschaft der Abstractionen: er leidet
es nicht mehr, durch die plötzlichen Eindrücke, durch die Anschauungen fortgerissen zu werden, er
verallgemeinert alle diese Eindrücke erst zu entfärbteren, kühleren Begriffen, um an sie das Fahrzeug
seines Lebens und Handelns anzuknüpfen" (WL, S.881).
Die vergesellschaftlichte Gemeinsprache gibt dem Einzelmenschen eine gewisse Sicherheit,
sowohl in der Welt, als auch in der Gemeinschaft, sie entfernt ihn aber auch von dem
intensiven Eindrucks-Erleben, welches mittels einem ,,Urvermögen menschlicher Phantasie"
,,Bildermassen" hervorströmen lässt (vgl. WL, S.883). Die Sprache bietet dem Menschen
somit einerseits einen sicheren Boden, in soweit er ihren Kunstcharakter, also ihren
Lügencharakter, vergessen kann: ,,[...] kurz nur dadurch, dass der Mensch sich als Subjekt
und zwar als k ü n s t l e r i s c h s c h a f f e n d e s Subjekt vergisst, lebt er mit einiger Ruhe,
Sicherheit und Consequenz [...]" (WL, S.883), andererseits wird der Mensch durch die
Sprache aus seinem (dionysischen) Urerleben gerissen.
Durch den Einzug der gesellschaftlichen Vernunft in und durch die Sprache muss der Mensch
sich für seinen ,,Trieb zur Metaphernbildung" einen neuen ,,Bereich seines Wirkens" suchen
und findet diesen im ,,Mythus und überhaupt in der Kunst" (vgl. WL, S.887).
Die Sprache als Lüge hat also für den Einzelmenschen einen sehr ambivalenten Wert: erstens
befriedigt sie seinen Drang, Metaphern zu bilden (WL, S.879 u. 887), zweitens löst sie ihn aus
seiner Einzelheit und ermöglicht ihm zur Überwindung seiner ,,Noth" und ,,Langeweile" eine
Existenz in der Gemeinschaft (vgl. WL, S.877), drittens entfernt sie ihn von seinem
subjektiven bildhaften Empfinden (vgl. WL, S.883), viertens verschafft sie ihm dadurch und
durch sein Vergessen des Kunstcharakters der Sprache Sicherheit und Ruhe (vgl. WL, S.879),
fünftens erstarrt sie ihm seine Welt mittels der Vernunft und der Wissenschaft, die sie
ermöglicht (vgl. WL, S.886/887), und sechstens kann sie ihn letztlich mittels der sprachlichen
Künste wieder von dieser Starrheit befreien (vgl. WL, S.887).
Die Sprache ist für den Menschen und den Wert seiner Einzelexistenz somit sowohl
konstituierend als auch destruierend. Der ambivalente Status der Sprache für das Subjekt ist
dem Charakter des Subjektes angemessen, denn das Subjekt ist destruiert in Perspektivität
(vgl. JGB, S.23-26). Diese Perspektivität findet sich auch in der Sprache und ist dadurch
Anhaltspunkt für einen mannigfaltigen Wert und Unwert der Sprache für den Menschen, der
sich seine Werte selbst setzen muss:
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