1. Einleitung
Besonders in der Epoche der Romantik wurde der Sehnsuchtstraum nach archetypischen Lebens- und Strukturformen auf Kunst- und Volksmärchen projiziert, denn es wurde versucht, "durch die Magie des dichterischen Wortes ein versunkenes Reich zu beschwören, in welchem das Leben noch heil ist, der Mensch noch im Einklang mit den Naturgewalten steht." 1 Lange Zeit vor und lange Zeit nach der Romantik gilt diese Funktionsumschreibung von Märchen immer noch.
In vorliegendem Aufsatz soll aber ein anderer Sachverhalt beschrieben werden, nämlich wie Volksmärchen auf (kleine) Kinder wirken und was sie in diesen (kleinen) Kindern bewirken können. Dabei werden vor allem die in (allen) Märchen enthaltenen "erzieherischen" Komponenten betrachtet. Die damit verbundenen psychologischen Auswirkungen bezüglich der Kindesentwicklung werden angeschnitten. Miteinbezogen in diese Überlegungen werden ferner den Märchen zugeschriebene universelle und archaische Geltungsansprüche - auf die durch das erste Zitat hingewiesen werden sollte -, welche nicht zuletzt die gerade eben beschriebenen lernpsychologischen und -pädagogischen Einflüsse auf Kinder verstärken. Die Rezeption von Märchen, so eine wichtige These des Aufsatzes, kann Kindern helfen, Probleme im Zusammenhang mit dem Heranwachsen besser zu bewältigen und zu verarbeiten. Allerdings bedeutet solch eine einseitige, nur auf das Kind fixierte Betrachtungsweise die Reduktion eines sich komplexer darstellenden Sachverhalts: Märchen besitzen nicht nur die Möglichkeit alleine dem Kind in seiner Entwicklung zu helfen, sondern auch Eltern können durch Märchen Teile ihrer eigenen Entwicklung - besonders im Bezug auf die Kindeserziehung - besser zu verstehen suchen.
Man verdeutliche sich diesen Bezug, indem man an die vielen Märchen denke, in denen das Thema Erziehung thematisiert wird, wahlweise "Hänsel und Gretel" und "Schneewittchen". So wie der ursprünglich rein mündliche Vortrag von Volksmärchen ein interaktives Kommunikationsmuster von Sender und Empfänger verlangt und damit die aktive Partizipation zweier Seiten impliziert, verhält es sich auch mit der Lernfähigkeit und den Sehnsuchtsprojektionen durch Märchen; denn Eltern können ebenso wie ihre Kinder hinterfragen, was für wissens-, erstrebenswerte und positive Botschaften Märchen für sie enthalten: "Nur wenn man den Eltern dazu verhilft, selbst reifer, wissender ... zu werden, ... bestehen Chancen, daß dem Kind ein adäquates Milieu geschaffen wird ... (und, S.S.) daß Erziehung immer mit Selbsterziehung des Erziehers verknüpft sein muß." 2
1 Migge, W., Clemens Brentano, S. 12
2 Rattner, J., Alfred Adler, S. 95
2
Durch den elterlichen Vortrag von Märchen bestehen sowohl für das Kind als auch für die Eltern Möglichkeiten zu lernen und dadurch in ihrer Individualentwicklung einen Schritt nach vorne zu machen. Gemeinsames Lernen und aus dem gemeinsam Erlernten Positives für das gemeinschaftliche Zusammenleben zu ziehen und die gemeinschaftliche Freude wäre eine Idealvorstellung des Märchenvortrag und der Märchenrezeption. Naturgemäß finden diese Lernprozesse für Eltern und Kinder auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen statt. Das mögliche Lernen aus Märchen lässt sich unter anderem durch eine Art Verknüpfung von literarischer und psychologischer Sichtweise damit begründen, dass "Dichtung eine dem Menschen wesentliche Weise der Bearbeitung seiner Lebenswirklichkeit und der Auseinandersetzung mit ihr ist (und, S.S.) ... Daß Dichtung etwas Wesentliches in unserem Leben zu bewirken vermag." 3
Bei den Märchen spielen sich diese Lernprozesse bzw. Sehnsuchtsprojektionen - ob nun bewusst oder unbewusst - seit Jahrtausenden in (beinahe) allen Kulturkreisen ab. Durch den immer noch universal gültigen Geltungsanspruch von Märchen werden nach Vortrag bzw. Rezeption derselben die Möglichkeiten einer geglückten Lebensbewältigung und der Be- und Erwirkung positiver Momente im Individuationsprozess erhöht.
Im kontinentaleuropäischen Raum zu Anfang des 19. Jahrhunderts ist es hauptsächlich den Brüdern Grimm zu verdanken, dass die zunächst "nur" mündlich weiter überlieferten Märchen systematisch gesammelt und niedergeschrieben wurden. Erst mit Beginn der Psychoanalyse wurden die viel- und tiefschichtigen Ebenen der Märchen gründlich durchleuchtet und systematisch sichtbar gemacht.
Dem folgenden Aufsatz liegt vor allem das 1975 vom amerikanischen Psychologen Bruno Bettelheim erschienene Buch "Kinder brauchen Märchen" zugrunde; eigene Überlegungen und Thesen werden dem komplementär hinzugefügt, da eine explizit ausgeführte Theorie zu dem Komplex Märchen in Bettelheims Buch selber nicht wirklich enthalten ist. Im zweiten Kapitel wird eine Begriffsdifferenzierung zwischen Mythos, Märchen und Kunstmärchen vorgenommen, um die einzigartige Relevanz von Märchen für Kinder - in Abgrenzung zu den anderen genannten Gattungen - zu unterstreichen.
Das dritte Kapitel untersucht Märchen hinsichtlich (der Lösung) ödipaler Konflikte. Quasi als Umkehrung von Kapitel drei wird im vierten Kapitel das Märchen "Schneewittchen" auf ödipale Probleme der Eltern hin durchsucht.
Im letzten und vierten Kapitel wird noch darauf eingegangen, wie Märchen vorgetragen und rezipiert werden sollten, da dies entscheidend für den Wert von Märchen für Kinder überhaupt ist.
3
2. Gattungsunterscheidungen zwischen Volksmärchen, Mythos und
Kunstmärchen
Kinder suchen beim Heranwachsen Ordnung in ihrem sich kompliziert darstellenden Inneren und Äußeren zu schaffen und ihrem Leben einen Sinn zu geben und diesen "Sinn finden sie im Märchen." 4 Entscheidende Funktion der Märchen ist dabei den Kindern, auf vorbewusster, unbewusster oder bewusster Ebene Botschaften zu vermitteln, welche von unmittelbaren menschlichen Nöten und Konflikten handeln. Auch sollten die Märchen Ernsthaftigkeit im Umgang mit diesen existentiellen Ängsten an den Tag legen und gerade deshalb - oder aber vielleicht auch dennoch - gilt: Die im Märchen auftauchenden erwähnten Problembereiche werden immer einer für das Kind positiv erscheinenden Lösung zugeführt. 5 Nach Bettelheim kann das Märchen nur deshalb eine so große psychologische Wirkung auf das Kind ausüben, weil es ein Kunstwerk - und eng damit verbunden - Fiktion ist. 6 Fiktion, die erzählt, kann neue Lebensräume und Lebensentwicklungen eröffnen, die sowohl in der psychologischen Verfasstheit als auch im extremeren Fall bei der physischen Tat der Rezipienten reale Auswirkungen besitzen können.
Andere Erzähltextgattungen weisen märchenähnliche Strukturen auf, haben aber nach Bettelheim nicht die gleichen psychologischen Wirkungsmöglichkeiten wie diese. Um diese Hypothese nachvollziehen zu können, soll im folgenden ein kurzer Vergleich zwischen Märchen und Mythos und Märchen und Kunstmärchen angestellt werden.
2.1 Volksmärchen und Mythos
Zeitlich geht der Mythos dem Märchen voraus und es ist denkbar, dass Mythos und Märchen einst als "verbundene Gattungen eine Art friedlicher Koexistenz" geführt haben. Der Mythos wird als Versuch früher Kulturstufen gesehen, "Fragen des Ursprungs der Welt ..., ihres Endes ..., der Entstehung der Götter ..., der Menschen ... und bestimmter Naturphänomene ... in Bildern, durch Personifikationen ... oder mehr oder weniger ausgeschmückte Geschehnisfolgen zu erfassen. Der Mythos läßt sich auch als Versuch erklären, Moralisches, Existentielles oder Mystisches in Symbolen zu gestalten." 7 Der Mythos ist also dieser
3 Kaiser, G., Wozu noch Literatur?, Über Dichtung und Leben, S. 10
4 Bettelheim, B., Kinder brauchen Märchen, S. 11
5 Ebd., S. 12 und 17
6 Ebd., S. 19
7 Metzler Literatur Lexikon, S. 316
4
Definition zufolge eine Fiktion, die schon früh in der phylogenetischen (stammesgeschichtlichen) Entwicklung eine Rolle zur Lebenserklärung und -bewältigung gespielt hat. Aus den Mythen heraus wurde versucht, Hilfen zur Deutung von Leben und scheinbar nicht erklärbaren Sachverhalten wie der Existenz des Universums und des Lebens allgemein zu erhalten.
Erzählen an sich erhält damit eine Funktion, Leben zu bewältigen und zu konstituieren. Die Gattungsbezeichnung Märchen tauchte - obwohl die Gattung an sich natürlich schon länger existierte - erstmals im 15. Jahrhundert auf und unter Märchen wird heute eine "phantast., realitätsüberhobene, variable Erzählung, deren Stoff aus mündl. volkstüml. Traditionen stammt" 8 verstanden, welche auf anonymes Erzählgut zurückgeht. Ein Erzähler oder Dichter im eigentlichen Sinne ist nicht auszumachen.
Bei den Märchen stehen im Gegensatz zum Mythos nicht so sehr phylogenetische, sondern ontogenetische (individualgeschichtliche) Aspekte im Vordergrund. Allerdings können von den geglückten Individuationsprozessen mehrere profitieren; oft zumindest zwei, denn die Synthese vom Ich und Du zum Wir ist häufig unabdingbarer Schritt zum Glück, denn das „Ich kann auf einer noch so hohen Ebene leben, ohne das Du lebt es ein einsames Leben. Das sagt uns der glückliche Ausgang der Märchen, in denen der Held mit seiner Lebensgefährtin vereinigt wird." 9 Dieser scheinbare Gegensatz zwischen Märchen und Mythos ist aber kein wirklicher, sondern verdeutlicht eher die strukturelle Nähe der beiden Ebenen im abstrakten Sinne: Phylogenetische Entwicklungen können sich in ontogenetischen Entwicklungen widerspiegeln - und umgekehrt. 10 So meint auch der Stuttgarter Germanist Heinz Schlaffer, dass Gattungsdifferenzen in Bezug auf die mythische Erbschaft zweitrangig sind, denn Ziel und Funktion der Gattungen sei die "Repräsentation von Sinn." 11 Bei den Mythen liegt die Sinnhaftigkeit in den Erklärungsversuchen von universalen Weltdeutungen, bei den Märchen eher in einer auf das individuelle Verhalten gemünzten Hilfestellung. Schon aus diesen kurzen Skizzierungen ist zu erahnen, warum der Psychologe Bettelheim Märchen gegenüber Mythen für eine "positive Kindesentwicklung" favorisiert: Im Kindesalter ist die individuellere Schiene aufgrund der Egozentriertheit des Kleinkindes am ehesten zu begreifen und zu verarbeiten. Aber auch die unterschiedliche Beschaffenheit der Protagonisten von Märchen und Mythos lassen die Vorzüge des Märchens erkennen: "Die Mythen projizieren eine Idealpersönlichkeit, die auf der Grundlage der Forderungen des Über-Ich handelt, während Märchen eine Ich-Integration schildern, die Spielraum für die
8 Ebd., S. 292
9 Bettelheim, B., Kinder brauchen Märchen, S. 325
10 Vgl. dazu ähnlich: Jacobi, J., Die Psychologie von C. G. Jung, S. 42
11 Schlaffer, H., Poesie und Wissen, S. 111
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Dr. Stefan Schweizer, 2008, Der pädagogische Wert von Märchen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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