2. Ronsard als Gelehrter Dichter
2.1. Ronsards Odendichtung
Dazu gehe ich nun auf eines seiner berühmtesten Werke ein, nämlich ,,Les Quatre Premiers Livres des Odes" von 1550, denen er zwei Jahre später noch ein fünftes Buch hinzugefügt hat. Diese Oden stellen für Frankreich ein literarisches Ereignis dar, da es als die erste Odensammlung gilt, die in französischer Nationalsprache abgefasst worden ist und somit zur Richtschnur französischer Literatur avanciert. Mit diesem Werk hat er die Forderung der Déffence zur Nachahmung in die Realität umgesetzt. Seine antiken Vorbilder sind Horaz, Anakreon aber auch Pindar.
Pindarische Oden weisen eine feste Form auf, ebenso wie einen festen Strophenaufbau in gehobener Sprache. Sie berichten vorwiegend von Götter- und Heldensagen. So berichten die Triumphoden Pindars von den Feierlichkeiten der olympischen Spiele. Um sie im Theater von einem Chor vortragen lassen zu können, sind sie in Strophen, Antistrophen und Epoden unterteilt. Ronsard ist inspiriert von der gehobenen Lyrik Pindars und schreibt nun in diesem Stil Lobgesänge auf König Heinrich II oder Michel de l'Hôpital. Er lernt von Pindar mit den poetischen Werten der Symbole und Mythen umzugehen und ahmt vor allem die äußere Form nach. Doch ist es ihm nicht gelungen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem hochtrabenden Stil, seinen kurzen Versen und der mythologischen Bilderfülle zu finden. Ein Paradebeispiel für diese Stilerprobung stellt L'Ode à Michel de l'Hôpital dar.
Deutlich besser geht Ronsard mit dem Stil von Horaz um. Horazische und anakreonische Oden haben im Gegensatz zu pindarischen Oden keinen festen Stil und sind einfacher und schlichter gebaut. Sie besingen Ereignisse des Alltags, die auch Odeletts genannt werden. Mit ihnen nimmt Ronsard spätmittelalterliche Thematiken auf. So behandelt er wieder das Thema der Vergänglichkeit und bildhafte Personifikationen ganz nach Tradition der französischen allegorischen Literatur, wie zum Beispiel im ,,Roman de La Rose".
A sa Maitresse ( Ode XVII )
Mignonne, allons voir si la rose
Qui ce matin avait desclose Sa robe de pourpre au Soleil, A point perdu ceste vesprée
Les plis de sa robe pourprée, Et son teint au vostre pareil.
Las ! voyez comme en peu d'espace,
Mignonne, elle a dessus la place Las!las!ses beautez laissé choir ! Ô vrayment marastre Nature, Puis qu'une telle fleur ne dure Que du matin jusques au soir !
Donc, si vous me croyez mignonne,
Tandis que vostre âge fleuronne En sa plus verte nouveauté,
Cueillez cueillez vostre jeunesse : Comme à ceste fleur la vieillesse Fera ternir vostre beauté. 1
.
In diesem Odelette vergleicht Ronsard seine Geliebte Cassandre mit einer Rose und beschreibt die Vergänglichkeit ihrer Schönheit. Diese achtzehn Verse zeichnen sich durch ihre geschlossene Handlung und den melancholischen Inhalt aus. Die Unterteilung in drei Strophen unterstreicht zusätzlich die Entwicklung des Inhalts.
2.2. Die Liebeslyrik bei Ronsard
.
Seine Liebesgedichte kann man im Großen und Ganzen in drei Abschnitte unterteilen, und zwar nach den drei Frauen die Ronsard verehrt hat.
Das erste 1552 erschienene Buch der Amours beinhaltet 183 Sonette, ein Chanson und eine Amourette. Diese Verse sind Cassandre Salvati gewidmet. Sie selbst bleibt unerreichbar für Ronsard, da sich die Bankierstochter aus Florenz mit Seigneur de Pray vermählt. Ronsards Vorbild ist hier Petrarca, indem er besonders die äußere Gestaltung, also den metrischen Bau, berücksichtigt. Also ist eine kunstvolle Gestaltung einer regelmäßigen Sonettfolge für ihn von großer Bedeutung. Ebenso verwendet er immer wieder mythologische und historische Elemente um auf die Welt der Antike anzuspielen. Wie in den Canzionieren Petrarcas verwendet er Metaphern, sowie Vergleiche mit Rosen und Perlen, und beschreibt die petrarkistische Schmerzliebe durch klangvolle Rhythmen.
Doch genau diese romantischen Aspekte in seinen Liebesgedichten werden dann in der Klassik abgelehnt.
Amours de Cassandre ( XX)
Je voudroy bien richement jaunissant En pluye d'or goute à goute descendre Dans le giron de ma belle Cassandre, Lors qu'en ses yeux le somne va glissant.
Puis je voudroy en toreau blanchissant
Me transformer pour sur mon dos la prendre, Quand en Avril par l'herbe la plus tendre Elle va fleur mille fleurs ravissant.
Je voudroy bien pour alleger ma peine,
Estre un Narcisse et elle une fontaine, Pour m'y plonger une nuict à sejour :
Et si voudroy que ceste nuict encore
Fust eternelle, et que jamais l'Aurore Pour m'esveiller ne rallumast le jour. 2
Diese Ode zeigt einen weiteren wichtigen Aspekt, und zwar die Anwendung der alten Mythen Griechenlands. So verwendet er mehrmals den Zeusmythos. Der Dichter identifiziert sich mit diesem Mythos, um seine Sehnsucht nach seiner Geliebten Cassandre zu beschreiben. Drei Jahre später folgen seine Continuations des Amours. Dieser Gedichtzyklus beschreibt das junge Bauernmädchen Marie aus Bourgueil, deren eindeutige historische Identität jedoch nicht nachvollziehbar ist. Im Gegensatz zu den Dichtungen um Cassandre nimmt Ronsard hier eine etwas schüchterne und zurückhaltende Position ein. Sein Stil fällt hier simpler, aber vor allem auch emotionsgeladener aus. Die petrarkistische Besessenheit, also das Genießen der unerfüllten Liebe, zeigt sich durch die Beschreibung seiner Eifersucht und die Grausamkeit der Geliebten ihm gegenüber.
1578 erscheinen sechzehn weitere lyrische Stücke, die den Titel Sur la mort de Marie tragen. Hier handelt es sich großteils um die verstorbene Marie de Clèves, der Geliebten des Königs Heinrich III. Da Ronsard die Gedichte im Auftrag des Königs geschrieben hat, dichtet er in bewusst distanziertem Ton, um den offiziellen Schmerz des Königs darzustellen.
Auch hier folgt Ronsard dem Vorbild Petrarcas, denn man erkennt stark die Anlehnung an Petrarcas Canzioniere in De Morte di Madonna Laura. Genauso wie in seinen ersten Liebesgedichten zeigt sich der Petrarkismus hier vorwiegend in den Gefühlen, die der Dichter zum Ausdruck bringt.
Seinen letzten Zyklus von Liebesgedichten Sonnets pour Helene überarbeitet Ronsard mehrmals, sodass mehrere Ausgaben in verschiedener Ordnung heute vorliegen. Sie beschreiben die Stationen einer fiktiven Liebesgeschichte, welche sich über Jahre hinweg endlich doch als unerfüllbar zeigt. Bei diesem Zyklus kommt jedoch besonders zur Geltung, wie der Dichter seiner Geliebten durch sein Schaffen Unsterblichkeit verleihen kann.
2.3. Die Hymnen
1555 erscheinen seine Les Hymnes , mit welchen er nun eine weitere literarische Gattung in die Renaissanceliteratur einführt. Als antike Vorbilder gelten sowohl Homer, als auch Theokrit und Kallimachos. Hier fügt er jedoch auch seine eigene christliche Deutung ein. Himmel, Sonne und Gestirne sieht er nicht mehr als die autonomen kosmischen Kräfte, denn sie unterliegen nun dem Willen Gottes. Ein beliebtes Motiv ist ebenso die Diskrepanz zwischen der ewig gleichförmigen majestätischen Bewegung der Himmelssphären und den Wechselfällen der menschlichen Schicksale. In seiner Hymne de L'Or berichtet Ronsard von einem Wettstreit der olympischen Götter. Kosmische Erscheinungen werden als allegorische Liebesintrige hingestellt. So vermählt sich le temps mit la nature und zeugen dann die Jahreszeiten.
Diese traditionellen Thematiken erweitert Ronsard durch seine philosophischen Hymnen, wie unter anderem L'Hymne de L'Eternité .
All seine Hymnen sind in Alexandrinern und Zehnsilbern verfasst und in feierlichem Stil gehalten.
2.4. Das Versepos La Franciade
Die Franciade ist ein fragmentarisches Versepos zu Ehren König Karl IX von Frankreich. Ronsard hat hiermit versucht ein Nationalepos in französischer Nationalsprache nach den antiken Vorbildern zu schaffen, sowie die Illias und Aeneis. Ronsard beschreibt die Geschichte Francions, dem Ahnherrn der französischen Könige und Sohn des Hektors von Troja.
Das Epos beginnt wie bei seinen Vorbildern mit einer Apostrophe:
Le Premier Livre de la Franciade
Muse, l'honneur des sommets de Parnasse,
Guide ma langue et me chante la race Des Rois Francois yssus de Francion Enfant d'Hector Troyen de nation, Qu'on appeloit en sa jeunesse tendre Astyanax et du nom de Scamandre. 3
...
Und auch die Handlung lehnt sich eng an Vergils Aeneis an. Ronsard verwendet hier paarweise gereimte Zehnsilber, obwohl er die Kunst der Alexandriner meisterhaft beherrscht. Doch er überlädt sein Werk mit Theorie und Bildungsgut, so bleibt ihm die Schaffung ,,des großen französischen Nationalepos" verwehrt.
2.5. Ronsards theoretisches Werk
,,L'Abrégé de L'art Poetique Francois" ist 1565 erschienen. Es ist zwar kein überragendes Werk, doch folgt er hiermit der Sitte des Jahrhunderts, ein eigenes poetisches Lehrbuch zu verfassen. Darin wiederholt er kurz die Vorschläge der Déffence. Er verdeutlicht seine drei wichtigsten Punkte, nämlich invention, disposition und élocution. Mit invention meint er das dichterische Talent des Phantasierens und Fabulierens. Jenes muss jedoch durch disposition und élocution in richtige Form gebracht werden. Ebenso behandelt er die Besonderheiten der französischen Sprache, wie die Orthographie, welche erst im Laufe des 16. Jahrhunderts vereinheitlicht worden ist.
3. Zusammenfassende Betrachtung
Ronsard erprobt also alle möglichen Dichtungsmodelle und stellt in der Poesie die großen Schicksalsfragen nach Leben, Liebe, Natur und Tod, so dass sich die französische Lyrik in der zweiten Hälfte mit ihm auseinandersetzen musste.
In all seinen Werken spürt man sowohl seine dichterische Gabe, als auch sein ausgeprägtes theoretisches Wissen.
Die Renaissance mit ihren Neuerungen hat auch das Bedürfnis einer sprachlichen Reform hervorgerufen. Ronsard selbst ist stark bemüht die französische Sprache auszuweiten und ihr neuen Glanz zu verleihen.
Ronsard ist zu seiner Zeit wohl einer der anerkanntesten und gelehrtesten Dichter. Sein Hauptziel ist es, die französische Poesie nach antikem Muster zu erneuern. Die Ablehnung mittelalterlicher Formen wird auch immer wieder in der Déffence, bei welcher Ronsard maßgeblich beteiligt ist, ausgesprochen:
"Ly donques, et rely premierent, o Poete futur, fueillete de Main nocturne, et iournelle les exemplaires Grecs et Latins; puis me laisse toutes ces vieilles Poesies Francoyses aux Jeux Floraux de Toulouse, et au puy de Rouen, comme Rondeaux, Ballades, Virelaix, Chantz Royaulz, Chansons et autres telles épiseries, qui corrumpent le goust de notre Langue, et servent si non à porter témoignage de notre ignorance. 4 "
Als einer der ersten setzt Ronsard die Forderung der Déffence in die Realität um. Er erkennt bald, dass der französische Wortschatz angereichert werden muss. So trägt er selbst stark zur Erweiterung der französischen Nationalsprache bei, indem er dialektische oder altfranzösische Wortstämme durch Suffixe und Präfixe erweitert und technischen Ausdrücken aus verschiedensten Sparten neue Bedeutungen zukommen lässt. Für die aus dem Griechischen und Lateinischen entlehnten Eigennamen fordert er die Angleichung der Endungen:
"Tu tourneras les noms propres des anciens à la terminaison de la langue, autant qu´il se peut faire à l´imitation des Romains qui ont approprié ce qu´ils ont pu des Grecs à leur langue Latine, comme Ulisses, ou pour syncope Ulis; Achilles´, Achille; Hercules, Hercule; Menelaus, Menelas; Nikolaus, Nicolas. 5 "
Ebenso behandelt er auch die Besonderheiten der französischen Orthographie, welche erst im Laufe des 16. Jahrhunderts vereinheitlicht werden. Ronsard trägt also maßgeblich dazu bei, dass in Literatur und Wissenschaft die lateinische Sprache der Französischen das Feld räumt. Doch wird Ronsard gerade im nächsten Jahrhundert stark kritisiert. So schreibt Fenelon in seinem
,,Lettre à l'Academie francaise" (Projet de poétique):
"Ronsard avait trop entrepris toute à coup. Il avait renforcé notre langue par des inversions trop hardies et obscures: c'était un langue cru et informe. Il y ajoutait trop de mots composés, qui n'étaient point encore introduits dans le commerce de la nation: il parlait francais en grec malgré les Francais mêmes. Il n'avait pas tort, ce me semble, de tenter quelque nouvelle route pour enhardir notre poésie et pour denouer notre versification naissante. Mais enfait de
langue, on ne vient à bout de rien sans l'aveu des hommes, pour lesquels on parle. On ne doit jamais faire deux pas à la fois; et il faut s'arrêter des qu'on ne se voit pas suivi de la multitude. La singularité est dangereuse en tout: elle ne peut être excusée dans les choses qui ne dépendent que de l'usage. L'excès choquant de Ronsard nous a un peu jetés dans l'extrémitée opposée: on a appauvri, deséché et gêné notre langue 6 ."
Ihm wird also vorgeworfen, zu viel auf einmal zu wollen, denn eine Sprache ließe sich nicht von heute auf morgen neu gestalten, sondern sie entwickle sich mit der Zeit.
Literaturliste
BÜHLER, Karl: ,,Ronsard und seine Stellung zur mittelalterlichen
französischen Literatur" Inaugural-Dissertation 1917, Heidelberg
ENGLER, Winfried : ,,Lexikon der französischen Literatur"
3. erweiterte Auflage, 1994 Alfred Körner Verlag, Stuttgart
GRIMM, Jürgen: ,,Französische Literaturgeschichte"
Herausgeber 3. Auflage, 1994 Verlag J.B. Metzler Stuttgart
GRIMM, Jürgen: ,,Einführung in die französische
HAUSMANN, Frank-Rutger Literaturwissenschaft" MIETHING, Christoph 4.Auflage, 1997 Verlag J.B. Metzler Stuttgart
JENS, Walter : ,,Kindlers neues Literatur Lexikon"
(Herausgeber) Band 14, RE-SCHN, 1991 Kindler Verlag
RONSARD, Pierre de : Oeuvres complètes
1993, Editions Gallimard
SCHWENDEMANN, Irene: ,,Hauptwerke der französischen (Herausgeber) Literatur" Einzeldarstellungen und Interpretationen 4.Auflage, 1983 Kindler Verlag München
STACKELBERG, Jürgen von: ,,Kleine Geschichte der französischen Literatur" Beck'sche Reihe, 1990 Verlag C.H.Beck München
WILPERT, Gero von: ,,Lexikon der Weltliteratur"
Autoren L-Z, Band 2
3. Auflage, 1988 Alfred Kröner Verlag, Stuttgart
WITTSCHIER, Heinz Willi: ,,Die französische Literatur"
Einführung und Studienführer
Niemeyer Verlag, Tübingen 1988
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ronsard als gelehrter Dichter
2. 1. Ronsards Odendichtung
2. 2. Die Liebeslyrik bei Ronsard
2. 3. Die Hymnen
2. 4. Das Versepos La Franciade
2. 5. Ronsards theoretisches Werk
3. Zusammenfassende Betrachtung
1 RONSARD, Pierre de: Oevres Complètes, Éditions Gallimard, 1993, Seite 667
2 RONSARD, Pierre de: Oeuvres Complètes, Editions Gallimard, 1993, Seite 34/35 3 RONSARD, Pierre de: Oevres Complètes, Editions Gallimard, 1993, Seite 1021 4 BÜHLER, Karl: Ronsard und seine Stellung zur mittelalterlichen französischen Literatur, Inaugural-Dissertation, Heidelberg, 1917, Seite 12
5 BÜHLER, Karl: Ronsard und seine Stellung zur mittelalterlichen französischen Literatur, Inaugural-Dissertation, Heidelberg, 1917, Seite 24
6 BÜHLER, Karl: Ronsard und seine Stellung zur mittelalterlichen französischen Literatur, Inaugural-Dissertation, Heidelberg, 1917, Seite 62
Arbeit zitieren:
Kerstin Habeler, 1999, Ronsard als gelehrter Dichter, München, GRIN Verlag GmbH
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Olaf Hennig
Nur eine Spur.
Hallo Kerstin
Ich verstehe nichts von Literatur. Ich lese sie nur. Über diesen Umweg stieß ich auf Deine Magisterarbeit unter www.hausarbeit.de. Ich gebe mich zu erkennen, weil ich Dich wissen lassen will, daß mir Deine Arbeit wichtig war und ich froh bin, sie gefunden zu haben.
am Sunday, October 21, 2001-