Please wait
Please install the Adobe Flash Player if no e-book is displayed.
Script, 2000, 3 Pages
Author: Hansueli Windlin
Subject: Pedagogy - Science, Theory, Anthropology
Details
Other users also were interested in the following titles:
Fulltext (computer-generated)
Autor: Hansueli Windlin
Alice Miller - Am Anfang war Erziehung
Rezension
Miller, Alice (1980):Am Anfang war Erziehung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. (1983 als suhrkamp taschenbuch 951)
Alice Miller behandelt hier ein Thema, das zur Zeit der Erstauflage noch relativ wenig in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. Die Erziehungsmethoden der schwarzen Pädagogik, namentlich auch Schläge, waren damals noch weitherum anerkannt. Noch 1977 waren beispielsweise in Schweden im Rahmen einer Volksbefragung 70% gegen ein Verbot körperlicher Strafen. 1997, waren es nur noch 10%. Innerhalb von 20 Jahren hat sich also die Mentalität in der Bevölkerung stark verändert. Die nun neu anerkannte Destruktivität von Körperstrafen, besonders in der Erziehung, ist Ausdruck eines imensen Bewusstseinswandels und Prozesses, der stattgefunden hat. Die Arbeiten von Miller standen also mit am Anfang dieses Bewusstseinswandels. Das hier besprochene Buch ist aus einem Dialog der Autorin mit LeserInnen ihres ersten Buches (Miller 1979) entstanden und ist als dessen Fortsetzung zu verstehen (vgl. Miller 1980, S.12). Der entstandene Dialog berührte nach Miller zwei Themenkomplexe, wovon sie aus Gründen des Umfangs das Thema der neuen Begriffsbestimmung der frühkindlichen Realität in Abgrenzung zur psychoanalytischen Triebtheorie nach Freud nicht aufnehmen konnte (vgl. Miller 1980, S.10). Dieses Vorhaben verlegt sie auf das dritte Buch (Miller 1981). Als Zentrales Anliegen will sie mit diesem Buch den Unterschied zwischen Trauer und Schuldgefühlen herausarbeiten und verfolgt als Ziel, in möglichst vielen LeserInnen einen Prozess auszulösen, der zu einer Bewusstseinsänderung beiträgt (vgl. Miller 1980, S.10+12). Sie stellt die Behauptung auf, dass erstens die Folgen der Traumatisierung der Kinder unweigerlich auf die Gesellschaft zurückschlagen (vgl. Miller 1980, S.13) und zweitens will sie belegen, dass das Verwehren von adäquaten Reaktionen auf erlittene Kränkungen und insbesondere die Verdrängung derartiger Verletzungen nicht nur zu Neurosen führen (vgl. Miller 1980, S.21). Welche anderen Störungen neben der Neurose durch die frühkindlichen Kränkungen noch entstehen sollen, zeigt die Autorin nirgends im Buch deutlich auf und löst somit dieses Versprechen nicht ein. Ohne dies genau prüfen zu können, kann ihr wohl nicht absprochen werden, dass sie eine wesentliche Rolle bei der Bewusstmachung der Methoden der "schwarzen Pädagogik" gespielt hat. Ihre Behauptung über die Folgen von Traumatisierungen der Kinder für die Gesellschaft stellt sie wohl am eindrücklichsten mit dem Fallbeispiel von Adolf Hitler dar, der letztendlich als Erwachsener das dritte Reich gründete.
Das ganze Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil zeigt Miller durch das Zitieren verschiedener Quellen die Methoden und Ratschläge der "schwarzen Pädagogik" der letzten 230 Jahren auf. Sie weist darin mehrmals auf die Wurzeln des Hasses hin, die ihrer Meinung nach genau in der Anwendung der Methoden der "schwarzen Pädagogik" selbst zu suchen sind. Stellenweise versetzen die Aufzeichnungen den Leser in Staunen und Unglauben über diese unglaublichen Methoden und Äusserungen der frühesten Quellen. In diesen Aufzeichnungen kommen klar die Herrschaftsansprüche gegenüber den Kindern, sowie die klare Absicht, deren Willen zu brechen, zum Ausdruck. Nicht transparent für den Leser sind die Kriterien für die Auswahl der Sequenzen, die Miller aus verschiedenen Quellen zitiert. Obwohl kaum angezweifelt werden darf, dass die Sequenzen nicht repräsentativ für die schwarze Pädagogik sind, scheint es eine beliebige Sammlung nach dem Geschmack der Autorin zu sein. Am Ende des ersten Teils erwähnt sie kurz ihre Ablehnung jeglicher Erziehung (vgl. Miller 1980, S.118), also den Standpunkt der Antipädagogik. Diese Haltung ist ein eigener Diskurs, der in den folgenden zehn Jahren weiter heftig diskutiert wurde. Miller bleibt mit ihren Ausführungen dazu relativ kurz. Neben ihren Schlüssen aus den vorangehend dargestellten Texten zur schwarzen Pädagogik und aus ihrer eigenen Praxis als Psychoanalytikerin verweist sie auf die Schriften des Begründers der Antipädagogischen Bewegung im deutschen Raum, Ekkehard von Braunmühl. Dass dieser Diskurs nicht breiter thematisiert wird, tut diesem Buch gut, weil sonst die ganze Arbeit bloss als eine Streitschrift für die Antipädagogik-Bewegung betrachtet würde und somit vielen Leuten nicht als das dienen könnte was es ist: eine detailiert aufgearbeitete Gegendarstellung gegen Gewalt, Herrschaftsanspruch und Bruch des Willens von Kindern im Namen der Erziehung.
Im zweiten Teil schildert Miller die Kindheit einer Drogensüchtigen, eines politischen Führers und eines Kindesmörders, die selber Opfer von schweren Misshandlungen und Demütigungen waren. Davon ist wohl das Beispiel von Adolf Hitler am Aufsehenerregendsten, das sie sehr detailiert anhand vorhandener Daten aus diversen Hitler-Biografien durchbespricht. Bei diesen Beispielen kommt sehr deutlich Millers psychoanalytische Sicht zum Vorschein. Sie darf wohl weiterhin zur Schule der Psychoanalyse gezählt werden, auch wenn sie die Existenz des Todestriebes (vgl. Miller 1980, S.172) und die Existenz eines frühkindlichen Sexualtriebes ablehnt (diese, zusammen mit noch anderen Differenzen führen 1988 sogar zum Austritt aus der Psychoanalytischen Vereinigung). Aus dieser Perspektive ist letztlich der ganze Mensch durch destruktive Bedingungen in der Kindheit für das ganze Leben determiniert. Ein Ausstieg ist nur selten und mit viel Aufwand möglich. Diese psychoanalytische Sichtweise und Interpretation hat sicher viele AnhängerInnen, darf aber ganz klar als eine zu pessimistische Sicht kritisiert werden.
Im Dritten Teil behandelt Miller dann eines ihrer zentralen Anliegen: Die Herausarbeitung des Unterschieds zwischen Trauer und Schuldgefühlen. Im Unterschied zum ersten Buch (Miller 1979) gelingt es ihr nun aufzuzeigen, dass sie nicht primär Schuldgefühle in den LeserInnen auslösen will, sondern eine Trauer über das Geschehene ermöglichen möchte. Erst diese Trauer ermöglicht eine Aufarbeitung der eigenen kindlichen Traumatisierungen und durchbricht damit den Wiederholungszwang, diese Kränkungen an die nächste Generation weiter zu geben.
Dem ganzen Buch fehlt es an Klarheit im Aufbau. Für die LeserInnen ist es kaum oder nur schwer nachvollziehbar, warum sie an genau dieser oder jener Stelle dieses oder jenes Fazit zieht. Durch einen transparenteren Aufbau mit für die LeserInnen einfacher nachvollziehbaren Titeln hätte Miller ihre Intention viel effektiver erreichen können. Im verwirrenden Aufbau können die einzelnen sehr interessanten Denkschritte kaum oder nur mühsam nachvollzogen werden. Phasenweise lähmend wirken sich die mehrfachen Wiederholungen einzelner Tatbestände aus. Besonder häufig tauchen Millers Hinweise auf den Teufelskreis auf, in dem ein Opfer später zum Täter wird. Diese Wiederholung hat aber mit der Angst Millers zu tun, dass die Darstellung nur eines Falles in der Öffentlichkeit als Einzelfall abgetan würde und so keine Beachtung fände.
In einem kurzen Gesamturteil kann an dieser Stelle das Buch als eine facettenreiche und ausfürliche Zusammenstellung traumatisierender Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen betrachtet werden, die ihnen im Namen einer "guten Erziehung" angetan wurden.
Zusatzbemerkungen:
Das hier besprochene Buch ist der zweite Teil einer Trilogie, die während vielen Jahren in der Öffentlichkeit grosse Beachtung fand und auch heute, 20 Jahre später, weiterhin als wichtiges Werk gilt.
Miller, Alice (1979): Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. (1983 als suhrkamp taschenbuch 950)
Miller, Alice (1980):Am Anfang war Erziehung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. (1983 als suhrkamp taschenbuch 951)
Miller, Alice (1981): Du sollst nicht merken. Variationen über das Paradies-Thema. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. (1982 als suhrkamp taschenbuch 952)
Comments
No comments yet
Other users also were interested in the following titles:
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit - Formatvorlage / Vorlage für eine Hausarbeit für Microsoft Word
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit - Formatvorlage / Vorlage für eine Hausarbeit für OpenOffice.org
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 9,99 EUR
Formatvorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit / Vorlage zur Erstellung einer Hausarbeit
Author: Marco FeindlerPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2008 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wissenschaftlichen Arbeit
Author: Zoran ZivkovicPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2004 Download as PDF-file for 5,99 EUR
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Author: Claudia NickelPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2006 Download as PDF-file for 4,99 EUR
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Author: Maik PhilippPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2004 Download as PDF-file for 5,99 EUR
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - Hausarbeiten - Seminararbeiten
Author: Mark RichterPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2008
This text can be quoted and accessed from this url: