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Autor: Michael Tschoner
Fach: Sport - Sportpsychologie
Details
Jahr: 2001
Seiten: 23
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 157 KB
ISBN (E-Book): 978-3-640-01939-7
Volltext (computergeneriert)
Aggression im Sport
1.) EINLEITUNG
Erst vor kurzem hatte ich auf der Sport-Universität die Möglichkeit, Literatur über mein Spezialgebiet ,,Psychologische Verhaltensformen im Sport" herauszusuchen. Dabei möchte ich mich auf Aggression bzw. Aggressivität spezialisieren, da dies ein weitläufiger und komplexer Bereich ist und im Sport nicht zu übersehen ist, aber nur selten angesprochen wird.
Z.B. erinnert die Boxtragödie vom 28. Juni 1997, als Mike Tyson in beide Ohren von Boxweltmeister Evander Holyfield gebissen hat, an die Schattenseiten des Sports.
Da stellt sich die Frage, wer für Aggression und Gewalt verantwortlich ist.
Die Veranlagung der Menschen, die Erziehung, die Zuschauer, die Medien oder die Politik ?
Bevor ich versuchen werde, diese Frage anhand der Beispiele Boxen und Fußball zu beantworten, werde ich die allgemein existierenden Definitionen und Erscheinungsformen von Aggression vorstellen.
2.) AGGRESSION IM SPORT - PRAKTISCHES UND
THEORETISCHES PROBLEM
Beweisbare und allgemein gültige Erkenntnisse über Ursachen und Bedingungen aggressiven Verhaltens sind von größtem Interesse, da die bisherigen Bemühungen, das Phänomen ,,Aggression" in den Griff zu bekommen, erfolglos blieben.
Betrachtet man die zahlreiche Literatur darüber, so herrscht dennoch Uneinigkeit über eine klare Definition, Abgrenzung und Erklärung von Aggression.
2.1.) ZUR BEGRIFFSBESTIMMUNG VON AGGRESSION
Zunächst sollte man unterscheiden zwischen Aggression und Aggressivität.
Aggressivität wird in der Literatur meist als ,,relativ überdauernde Bereitschaft zu aggressivem Verhalten" bezeichnet, Aggression hingegen als ,,aggressive Handlung".
Aggression wird auch als ,,zusammenfassende Bezeichnung für alle Angriffshandlungen, die darauf abzielen, einen Rivalen zu schädigen oder in die Flucht zu schlagen" definiert.
2.2.) ERSCHEINUNGSFORMEN AGGRESSIVER
HANDLUNGEN
Man unterscheidet zwischen 3 Formen von aggressiven Handlungen:
· verbal
· non-verbal und
· körperlich aggressive Handlungen
Kurze Erklärung dieser 3 Begriffe:
- Verbale aggressive Handlungen haben in Form von Bemerkungen, Flüchen und Drohungen eine persönliche Herabsetzung des Gegenspielers, Mitspielers oder Schiedsrichters zum Ziel.
- Non-verbale aggressive Handlungen sind z.B. in Form des Drohens mit der Faust oder dem Schläger, aber auch in Form von abfälligen Handbewegungen, Gesten und Gebärden als symbolische, körperliche bzw. verbale Aggressionen zu verstehen.
- Körperlich aggressive Handlungen werden mit den verschiedenen Körperteilen, vor allem mit den Armen und Beinen, aber auch mit Hilfe der Sportgeräte, verübt. Eine weitere Unterscheidung kann noch danach getroffen werden, ob sie mit sportimmanenten oder sportexternen Mitteln erfolgen.
Sportimmanente Mittel sind z.B. Eishockeyschläger, die Hand beim Boxen, der Fuß beim Fußballspiel etc.. Sportexterne Mittel sind dagegen z.B. die Hand beim Fußballspiel und der Fuß beim Boxen.
2.3.) ZUR BEGRIFFSBESTIMMUNG VON GEWALT
Es sei erwähnt, daß ein Begriff mit Aggressivität und Aggression eng in Verbindung steht, nämlich Gewalt.
Eine gute Definition, die ich fand, lautete: ,,Gewalt ist Aggression in ihrer extremen und sozial nicht akzeptablen Form. Sie ist Ausdruck von Feindseligkeit und Wut, auf institutioneller Ebene aber die geplante Vernichtung von Feinden."
Die 3 Begriffe ,,Aggression", ,,Aggressivität" und ,,Gewalt" werden in der Literatur bei vielen Autoren nicht unterschieden und sie verwenden den einen Begriff als Synonym zu den beiden anderen. Auch ich werde mich dem anschließen.
Trotz zahlreicher Definitionen und Erklärungen bleibt das Problem bestehen, daß die Beurteilung einer Handlung immer einen individuellen Anteil haben wird. Diese wird nämlich wesentlich von der Erziehung, der Umwelt und der Erfahrung des Menschen geprägt, welche wiederum von Mensch zu Mensch verschieden sind.
Folglich ist Aggressivität das, was ein Beobachter als aggressiv bezeichnet und einstuft. Das selbe Verhalten kann aber von anderen Personen als ,,nicht aggressiv" bzw. positiv beurteilt werden.
3.) AGGRESSIVE HANDLUNGEN IM BOXSPORT
Aggressive Handlungen treten vor allem im Hochleistungssport in Erscheinung. Das Ziel eines jeden Hochleistungssportlers ist es dabei, sein Bestes zu geben und somit eine gute oder sogar die beste Leistung aller zu vollbringen.
Um dies erreichen zu können, müssen die Sportler hart und kontinuierlich trainieren und beim Wettkampf verbissen kämpfen. Aber es scheint so, als befinde sich der internationale Leistungsgrad an einem Punkt, an dem es kaum noch möglich scheint, ohne psychische Manipulation des Athleten und oft auch gesundheitsschädlichem Training über ein nationales Maß hinaus zu gelangen.
Auch wenn die Tatsache lautet, Aggression und Gewalt erscheint vorwiegend im Leistungsport, so muß man darauf verweisen, daß sicher nicht alle Sportarten die selbe Anreizsituationen für aggressives Verhalten schaffen. Während in einigen Sportarten physische Gewalt gegen den Gegner möglich und von den Regeln her sogar erlaubt ist wie z.B. im Boxen, so tritt bei Sportarten wie Schwimmen und Leichtathletik diese nur noch vermindert in Erscheinung.
Boxen stellt laut Literatur eine der aggressivsten Sportarten dar, und somit eignet sich wohl keine Sportart besser dafür, die Gewaltproblematik im Hochleistungssport darzustellen, als diese.
3.1.) BOXEN - PÄDAGOGISCH WERTVOLLER ODER
DEHUMANISIERTER SPORT ?
3.1.1.) BOXLITERATUR
Betrachtet man die Literatur über das Boxen, so bemerkt man, daß vor allem neben der Technik auch die Vorteile und ,,positiven Seiten" des Boxens hervorgehoben werden.
Da Boxen seine Wurzeln schon in der Antike findet, wird es für den Menschen als Sport mit ,,Vorteilen" angesehen. Doch bei genauerer Betrachtung der Werke über Boxen bemerkt man eine gewisse Kälte, Haß und eben auch Aggression.
Dadurch widersprechen sich viele Autoren, da sie einerseits über die pädagogisch wertvollen Seiten des Boxens schreiben, aber andererseits eine Wortwahl treffen, die dem Leser vermittelt, als würde der Autor selbst im Ring stehen. Dadurch läßt er Gedanken und Gefühle feindselig und aggressiv erscheinen. Und auch genauso eiskalt geben Profiboxer Interviews.
Z.B. soll Mike Tyson gesagt haben:
,,Ich will meinem Gegenr das Nasenbein ins Hirn treiben!"
Nicht nur durch die Betrachtung der Literatur und der Interviews, sondern auch angesichts der Verletzungen, Schäden und Todesfälle wird die Ansicht verstärkt, daß es sich beim Boxen um eine aggressive und von Gewalthandlungen charakterisierte Sportart handelt.
3.1.2.) BOXEN ALS LERNINHALT FÜR DEN SPORTUNTERRICHT ?
Obwohl sich viele Fachleute gegen den Boxsport aussprechen bzw. apellieren, ihn wenigstens zu humanisieren, hat sich bis heute nicht viel getan.
Manch andere Fachleute gehen sogar so weit, sich für den Boxsport im Unterricht einzusetzen, da dieser pädagogisch wichtig wäre. Aber dies läßt vermuten, daß weniger damit ein erzieherisch wertvoller Sportunterricht erreicht werden soll, als daß der Nachwuchs motiviert werden soll, um einen Zuwachs in den Vereinen zu erzielen.
3.1.3.) KINDERBOXEN IN DEN VEREINEN
Kinderboxen in Deutschland hat enormen Erfolg. Aber nicht zuletzt deshalb, da man auch oft den Vorwand nützt, ein Integrations- oder sozial pädagogisch guter Verein zu sein. Dadurch werden auch ausländische Kinder und Jugendliche in die Vereine integriert und ein Zuwachs erzielt. Dabei will man oft nur die Existenz des Vereins und des Boxsports sichern.
Um dies zu garantieren, versucht man, aus den Kindern kleine Henry Maske zu formen. Dadurch werden die Jungen genauso feindselig und aggressiv wie die Profis und versuchen,
die emotionsgeladene Denkweise des Trainers zu verwirklichen, um niemanden zu enttäuschen.
So lautet die Aussage eines 13 Jahre alten Nachwuchsboxers: ,,Das gute am Boxen ist doch, daß Du die ganze Wut am Gegner auslassen kannst und ihm dabei noch in die Augen schauen kannst."
Trotz harter Schale besitzen sie einen weichen Kern, weshalb sich bei einer Niederlage meist Enttäuschung breit macht. Aber diese Gefühle haben im Boxsport keinen Platz und werden nicht allzu lange toleriert. Deshalb werden diese Gefühle wie Enttäuschung und Traurigkeit, aber auch körperliche Schmerzen völlig ausradiert, verdrängt und untergraben.
3.2.) DER K.O.-SCHLAG IM BOXEN
Das K.o. (Knockout) stellt einen Reflexvorgang dar, der zum Verlust des Muskeltonus, der Stellreflexe und der Sinneswahrnehmung führt.
K.o. kann durch Treffer auf verschiedene Körperregionen verursacht werden und bringt meist folgenschwere Verletzungen und Schädigung mit sich. Trotzdem ist das K.o. Ziel eines jeden Boxers, da dem Boxer 10 Sekunden nach dem K.o. des Gegners der Sieg zugesprochen wird.
3.2.1.) DAS KOPF-K.O. UND SEINE FOLGEN
Das Kopf-K.o. spielt sich wie folgend ab: Der Kopf wird durch einen heftigen Schlag getroffen, wodurch die Hirnsubstanz eine verzögerte Beschleunigung erfährt und gegen die Schädeldecke geschleudert wird.
Folgen sind meist Kopfverletzungen wie Blutgerinnsel, Hirnquetschungen und Bewußtlosigkeit. Aber auch viel schwerere Verletzungen von Schädelknochenfrakturen, über Persönlichkeitsveränderungen bis hin zu Tumoren können auftreten.
Diese Verletzungen kommen aber nicht nur durch regelentsprechende Handlungen zutage.
Auch regelwidriges Verhalten kann schwere Folgen bewirken, nämlich:
· treten mit dem Fuß
· stoßen und schlagen mit dem Kopf und Ellbogen
· drücken des Kopfes rückwärts über die Seile
· Schläge auf den Rücken, Hinterkopf, das Genick
· würgen des Gegners usw.
Im schlimmsten Fall aller Fälle kann dies auch zum Tod führen.
Um die aufdrängende Frage zu klären, was die Boxer zu solch gewalttätigen Handlungen veranlaßt, möchte ich zuerst kurz auf allgemeine und dann speziell auf den Boxsport bezogene Ursachen eingehen.
4.) PLURALISTISCHER ANSATZ ZUR ERKLÄRUNG
AGGRESSIVER HANDLUNGEN IM SPORT
Anfangs erwähnte ich aggressives Verhalten in Zusammenhang mit der Veranlagung, der Erziehung, den Zuschauern etc.. Mehrere Autoren weisen darauf hin, daß man aufgrund der Komplexität des ,,Aggressionsphänomens" nicht von einem alleinigen Aggressionssatz sprechen sollte, sondern von einem pluralistischen Ansatz ausgehen sollte, der einzelne Theorien integriert.
Folgende Graphik sollte dies veranschaulichen.
Um die multikausale Bedingtheit aggressiven Verhaltens auch im sozialen Handlungsfeld Sport erkennbar zu machen, stelle ich ein Schema vor, das Einflußgrößen aggressiven Verhaltens im Sport vorstellt, nicht unbedingt vollständig ist, aber die wesentlichen Einflußgrößen beinhaltet.
5.) ERKLÄRUNGSVERSUCH AGGRESSIVER
HANDLUNGEN IM BOXSPORT
5.1.) SPORTÜBERGREIFENDE EINFUSSGRÖSSEN
5.1.1.) GENETISCHE URSACHEN FÜR AGGRESSIVE
HANDLUNGEN BEIM BOXEN
Mit genetischer Ursache ist gemeint, daß aggressives Verhalten, aber lediglich der Plan und nicht das Verhalten selbst, ,,vererbt" wird.
Dabei wird die ,,Trieb-" oder ,,Instinkttheorie" heute nicht mehr akzeptiert, da bezweifelt wird, daß Aggressionen angeboren sind und aufgrund äußerer Reize entladen werden.
Die ,,Kartharsis-Theorie" jedoch besagt, daß der Vollzug des Aggressionsaktes am ,,neutralen" Ersatzobjekt bereits eine Reduzierung oder gar Auslöschung des Anreizes zu weiterem Aggressionsverhalten habe. Derartige ,,neutrale" Ersatzobjekte können vor allem der Sport oder der sportliche Wettkampf in ausgezeichneter Weise bereitstellen.
Zwar bietet der Sport die Möglichkeit, sich von aggressiven Neigungen und feindseligen Gefühlen, seelischen Konflikten und inneren Spannungen zu befreien, jedoch führt die oft befürchtete Kartharsis-Theorie dazu, daß Kampfsportarten wie Boxen oder Karate als pädagogisch legitime Form anerkannt werden sollten, was zu einem gesteigerten Auftreten aggressiver und gewalttätiger Verhaltensweisen im Sport führen würde.
Deshalb wird die Kartharsis-Hypothese nur in Einzelsportarten und jenen Sportarten vertreten, bei denen kein körperlicher Kontakt mit dem Gegner stattfindet.
5.1.2.) SOZIALISATION UND AGGRESSION
Sozialisation nennt man den lebenslangen Prozeß der Entstehung individueller Verhaltensmuster, Werte, Maßstäbe, Fähigkeiten und Motive in der Auseinandersetzung mit den entsprechenden Maßstäben einer bestimmten Gesellschaft.
Die Einflußfaktoren wie Erziehung, Schichtzugehörigkeit, Geschlecht usw. beeinflussen mit hoher Wahrscheinlichkeit Temperament und Verhalten der Menschen. Z.B. Sportler, die autoritäre Erziehung ,,genossen" haben, eher Sportarten ausüben, in denen sie ohne Furcht vor Sanktionen gewalttätig sein können. Und Sportler aus sozial-integrativ-erziehenden Familien sind vermehrt in weniger aggressiven Sportarten wie z.B. im Skisport aufzufinden und besitzen meist Vertrauenspositionen wie Mannschaftsführer.
Einsatz von Aggressivität ist auch schichtenabhängig, schon alleine, da in der Unterschicht mehr machtorientierter Erziehungsstil praktiziert wird als in der Mittel und Oberschicht.
Als letztes möchte ich hier die ,,Lerntheorie" erwähnen. Diese Theorie besagt, daß Aggression neben früherer oder späterer Erfahrung zusätzlich durch Erfolgserlebnisse ,,erlernt" bzw. verstärkt wird.
Und vergessen werden darf nicht, daß in unserer Gesellschaft eine Fülle von Modellen vorhanden sind, die sich auf die aggressiven Verhaltensweisen auswirken können, wie Eltern Lehrer, aber auch die Gewalt der Medien.
5.1.3.) GESELLSCHAFT - SOZIOKULTURELLES WERTSYSTEM
UND AGGRESSION
Der Einfachheit halber werden ,,Sozio-kulturelles Wertsystem" und ,,politisch-ökonomische Bedingungen" zusammengefaßt, da sie alle anderen sportübergreifenden Faktoren entscheidend beeinflussen.
Der Ursprung für das Auftreten von Aggressivität und Gewalt im Sport kann im Wandel unserer Gesellschaft gefunden werden, da unsere Gesellschaft zu einer elitären umgeformt wird. Ihre Eliten sind die Leistungeliten. Aber der Sport bietet auch die große Chance, sich zu beweisen, den Sprung ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu schaffen und das Gefühl zu erlangen, etwas Besonderes zu sein.
Aber neben Siegen und Überlegenheit stehen 2 heute viel wichtigere Ziele: Macht und Geld. Und nicht nur für den Athleten selbst spielt das eine wichtige Rolle, auch Trainer, Vereine, Verbände und Funktionäre wollen Geld bzw. Profit.
Dadurch hat sich ein Konkurrenzkampf entwickelt, der sich von spielerischen zu ernsten Absichten und von Selbst- zu Fremdzweck entwickelt hat. Dadurch gelangt Gewalt und Aggressivität zum Vorschein und Fairness und humane, menschenwürdige Verhaltensweisen haben keinen Platz mehr.
5.1.4.) ÖKOLOGISCHE BEDINGUNGEN ALS URSACHE
AGGRESSIVER HANDLUNGEN BEIM BOXEN
Es existieren zwar Untersuchungen, welche die Relevanz ökologischer Faktoren für das Verhalten der Menschen belegen, jedoch sind diese im Boxsport vernachlässigbar, da sie kaum bzw. keinen Einfluß auf den Boxer haben.
Bemerkung: Die sportübergreifenden Einflußfaktoren haben getrennt nur analytischen Charakter, da sich alle Einflußgrößen wechselseitig beeinflussen!
5.2.) SPORTSPEZIFISCHE EINFLUSSGRÖSSEN
5.2.1.) ABHÄNGIGKEIT AGGRESSIVER HANDLUNGEN VON DER
SPORTART
Boxen wird zur Gruppe der direkt aggressiven Sportarten gezählt, Gründe dafür sind vor allem:
· da offene, unmittelbare Kämpfe stattfinden,
· weil das Streben nach Überlegenheit und Überbieten vordergründig ist und
· ein hohes Maß an aggressiven Handlungen gefordert und gefordert wird.
Einfluß auf diese Aspekte hat vor allem auch das Regelwerk. Dadurch ist dem Boxer vorgegeben, in einer gewissen Zeit möglichst viele Punkte zu sammeln bzw. den Gegner auf schnellstem Wege kampfunfähig zu machen.
Deshalb darf und soll im Boxsport ohne schlechtes Gewissen gekämpft werden. Die Erlaubnis bzw. Forderung von Gewaltanwendung führt allerdings dazu, daß auch oft regelwidrige Handlungen, ob absichtlich oder unabsichtlich, begangen werden.
5.2.2.) ROLLENERWARTUNG UND AGGRESSIVE HANDLUNGEN
BEIM BOXEN
Die Trainer der Sportler spielen neben dem anderen Bezugspersonen insofern eine wichtige Rolle, da sie auf das Verhalten der Athleten einen großen Einfluß ausüben können.
Doch anstatt die Regeln einhalten zu lernen, wird Sportlern in den Vereinen oft das Gegenteil vermittelt, um jederzeit für aggressive Handlungen bereit zu sein. Und dies wird schon im Kindesalter erlernt.
Bei einer Untersuchung von Fußballspielern gaben 77 % an, daß sie vom Trainer vor wichtigen Spielen aufgefordert wurden, nicht allzu zimperlich zu sein und 28 % gaben sogar offen zu, im Training unerlaubte Tricks systematisch zu üben.
Aber nicht nur Trainer üben Druck auf ihre Schützlinge aus, sondern sie haben auch einen gewissen Leistungsdruck von Seiten der Funktionäre und Verbände. Diesem Druck sind Trainer existenziell ausgeliefert. Ihre Zukunft hängt davon ab, wie viel Erfolg ihr betreuter Athlet hat.
Fazit des gegenseitig verübten Erfolgsdrucks: Das Ideal des sportlichen Miteinander wird völlig ausradiert und es gilt der Leitsatz: ,,Auge um Auge, Zahn um Zahn!"
So werden viele Sportler von ihren Trainern zu ,,Hochleistungsmaschienen" herangezüchtet, welche emotionslos handeln.
5.2.3.) BEDEUTUNG DES WETTKAMPFES UND AGGRESSIVER
HANDLUNGEN BEIM BOXEN
Neben der Bedeutung, die einem Sie oder einer Niederlage von den Sportlern und ihrer Bezugsgruppe beigemessen wird, spielen weitere Determinanten eine wichtige Rolle, nämlich der Punktestand, das Verhalten des Gegners und des Schiedsrichters. So konnte oft festgestellt werden, daß aggressives Verhalten häufig dann auftritt, wenn sich der Sportler im Punkterückstand befindet, sich der Gegner unfair verhält und der Schiedsrichter dazu tendiert, sportliche Handlungen falsch und unfair zu beurteilen.
5.2.4.) ZUSCHAUER UND AGGRESSION IM SPORT
Das Interesse der Zuschauer bestimmt mit präzisen Erwartungen und Funktionen das Normensystem von Sportlern und Vereinen und prägt somit den Hochleistungssport.
Der Leitsatz ,,Je mehr Spannung, Dramatik und Sensation geboten wird, desto mehr Zuschauer und desto mehr Geld." Kommt hier zum Tragen.
Die Zuschauer wollen sich aufregen, beteiligen und engagieren in der Anonymität der Masse. Sie möchten direkten Einfluß auf den Ausgang des Wettkampfes nehmen und fordern vom Athleten den Einsatz aller Mittel im Interesse des Erfolges. Und der Sportler bemüht sich, diesen Forderungen gerecht zu werden.
Und die Zuschauer schreien während eines Boxkampfes Sätze mit Wörtern wie z.B. ,,Fresse polieren" oder ,,Kopfmassage", was ersichtlich macht, was viele suchen: Aggressivität, Verletzungen und harte Schläge. Oder kurz gesagt: ,,Sensation-seeking". Der Boxer erfüllt den Zusehern diesen Wunsch und wird dafür bejubelt und bewundert.
Ein weiterer Faktor ist die Euphorie im gesamten Stadion. Man gewinnt den Eindruck, als würden sich die Menschen gegenseitig emotional anstecken. Man kann hier also von der ,,Ansteckungs-Theorie" sprechen. Dabei wird aber im Rausch der Masse etwas übersehen: Der Boxer liefert spektakuläre, gewalttätige Szenen und die Zuschauer bestärken ihn darin. Und Lob und Verstärkung lassen aggressive Verhaltensformen erneut in Erscheinung treten. Ein gewisser Teufelskreis, in dem sich Sportler und Zuschauer bewegen.
5.2.5.) SPORTBERICHTERSTATTUNG UND AGGRESSION IM
BOXSPORT
Berichterstattung wirkt sich im Hinblick auf Wahrnehmung und Verhalten der am Sportgeschehen Beteiligten in vielfacher Weise aus:
Berichterstattung
· hat eine direkte aggressive aufladende Wirkung
· schafft die Bedingungen für aggressives Verhalten
· hat langfristige Wirkung auf Feindgruppendenken auch ausserhalb der Sports
· gibt dem Zuschauer und Sportlern Entschuldigungsmöglichkeiten für eigenes Fehlverhalten
Offensichtlich besteht bei Sportjournalisten der Drang, vom Alltäglichen in Sensationen flüchten zu müssen. Sachliche Mitteilung ist zu wenig, sondern eine illustrierte, aufgebauschte Darstellung ist gefragt. Nach dem Motto: ,,Emotionen beleben das Geschäft."
Je brutaler die Ereignisse dargestellt werden, um so besser die Verkaufszahlen der Zeitungen und um so höher die Einschaltquoten von Rundfunk und Fernsehen. So verdeutlichen es die Beispiele:
- ,,Umhauen und kassieren!"
- ,,Disch mach` isch platt!"
- ,,Zerquetscht, erschossen, massakriert, ausgelöscht."
Passend dazu meinen andere Autoren: ,,Um den Sport möglichst attraktiv verkaufen zu können, werden sportliche ,Un′leistungen suggeriert, wird die sportliche Leiszungsfähigkeit von Athleten verfälscht, werden Erwartungen beim Publikum provoziert, die den Sportler unter oft unerträglichen Erfolgsdruck zwingen."
6.) ERGÄNZUNG DES PLURALISTISCHEN MODELLS
Aufgrund des pluralistischen Modells konnte aufgezeigt werden, daß aggressive Handlungen beim Boxen auf verschiedene Ursachen zurückzuführen sind. Diese können alleine, meist jedoch kombiniert für aggressive Handlungen im Boxsport verantwortlich sein.
Ein Aspekt wurde vergessen.
Es handelt sich hierbei um den zivilisationsbedingten Wandel der Gewalt in der Geschichte der Menschheit, der ebenso zu Veränderungen im Bereich des Sports führte.
6.1.) ZIVILISATIONSPROZESS UND AGGRESSIVE
HANDLUNGEN ODER DISPOSITION DES MENSCHEN
ZU AGGRESSION UND GEWALT
,,Kulturelles Wertsystem" und ,,politisch-ökonomische Bedingungen" haben bereits auf den gesellschaftlichen Wandel und dessen Einfluß auf die Entstehung von Aggression aufmerksam gemacht. Der zivilisationsbedingte Wandel von Aggression kann schon zur Zeit der Antike angesiedelt werden.
Zu dieser Zeit gehörte die Gewalttätigkeit gegenüber Angreifern, Fremden und Wegelagerern zu den unumgänglichen Erfordernissen des alltäglichen Lebens und Überlebens. So wurden bereits in der Antike Gladiatorenkämpfe veranstaltet, um die Gunst der Massen zu gewinnen und ihre Schaulustigkeit zu befriedigen. Und um den Sensationsgehalt der Kämpfe zu steigern, wurden die weichen Lederriemen durch harte Kernlederstreifen mit spitzen Metallstacheln ersetzt.
Im späteren 11. und 12. Jahrhundert vollzog sich allmählich ein Wandel, da Besitztum verteidigt werden mußte. So bildeten sich Schichten und auch Standesunterschiede zwischen den Kriegern. Somit wurde die Gewalttätigkeit bis heute herauf aus der Alltagsrealität verbaut und von der Realität auf die Bühne der Ästhetik verschoben.
An der physischen Funktion von Gewalt hat sich kaum etwas geändert, sondern wurde lediglich offiziell legitimiert in Form von Sport. Diese Legitimierung wurde durch Regeln zusätzlich verstärkt, doch trotzdem besitzen zahlreiche Sportarten wie eben Boxen oder Fußball, einen aggressiven und gewalttätigen Charakter.
Seit kurzer Zeit existiert sogar die Sportart ,,Ultimate-Fighting", welche den Tod des Gegners zum Ziel hat. Die Teilnehmer dieser Sportart kennen keine Rücksichtnahme, Humanität und Menschlichkeit und empfinden pure Lust am Martern und Töten des Gegners.
7.) DARSTELLUNG KÖRPERLICH AGGRESSIVER
HANDLUNGEN IM FUSSBALL
Ebenso wie Boxen wird auch Fußball zu den aggressiven Sportarten gezählt, da auch hier sehr viele aggressive Handlungen in Erscheinung treten. Tätigt ein Spieler also eine aggressive Handlung, so spricht man von ,,Foul", welches je nach Schweregrad vom Schiedsrichter geahndet werden soll (Verwarnung, gelbe oder rote Karte).
Da körperlich aggressive häufiger in Erscheinung treten als psychische Handlungen und zusätzlich noch mehr oder weniger schwere Verletzungen mit sich tragen können, werde ich mich auf die körperlichen im Profisport beschränken.
7.1.) FUSSBALL: GUTER SPORT - FAIRE FOULS ?
Fußball wird vom Großteil der Gesellschaft, vor allem dem Laien, verharmlost bzw. als keineswegs aggressiv empfunden. Doch viele Experten, die sich mit dieser Sportart genauer auseinandersetzen, sind anderer Meinung und zählen Fußball sogar zu Kampfsportarten wie z.B. Boxen, Ringen und Eishockey.
Neben literarischer Äußerungen wurden auch Untersuchungen durchgeführt, durch die man zur Einsicht kam, daß Fouls vorwiegend aufgrund von Absicht und Rachegefühlen getätigt werden und nicht aufgrund häufig angenommener Ungeschicklichkeit oder Überforderung. Weiters kam man zum Ergebnis, daß die älteren jugendlichen Fußballer aggressive Handlungen weitaus mehr legitimierten und ein ausgeprägteres aggressives Normensystem haben, als junge Spieler.
In einer weiteren Studie wurden die Gewaltphänomene verschiedener Sportarten in der Berichterstattung der Medien im Zeitraum von einer Woche erfaßt, wobei folgendes Ergebnis herauskam:
FUSSBALL | ||
TENNIS | ||
EISHOCKEY | ||
HANDBALL | ||
BASKETBALL | ||
BOXSPORT | ||
SKISPORT | ||
REITEN | ||
WASSERBALL | ||
SPORT ALLGEMEIN | ||
RADSPORT, TISCHTENNIS, RODELN, RINGEN, TURNEN, JUDO, etc. | | |
Von allen Berichterstattungen über verschiedene Sportarten, enthielt Fußball also den größten Anteil an Gewaltphänomenen.
Abgesehen von den Studien, liefern die Spieler selber beste Beweise für den aggressiven Charakter dieser Sportart.
- ,,Ich wollte Hartwig wirklich packen, aber leider habe ich ihn nicht getroffen. /.../ Er hat mir kurz zuvor mit der Faust ins Gesicht geschlagen!" (Profifußballer)
- ,,Menschlichkeit gibt es im Fußball nicht!" (Toni Schumacher, Tormann)
7.2.) VERLETZUNGEN UND SCHÄDEN IM FUSSBALL
Fußball liegt laut einer Studie an der Spitze der Verletzungshäufigkeit verschiedener Sportarten. Viele dieser Verletzungen werden aufgrund von regelwiedrigem Verhalten, wie beispielsweise den Gegner durch Beintreten zu Fall bringen, mit dem Ellbogen stoßen, boxen, schlagen usw., verursacht.
Dabei werden die meisten folgeschweren Fouls hinter dem Rücken des Schiedsrichters getätigt und oft nur zu wenig stark geahndet.
8.) ERKLÄRUNGSVERSUCH AGGRESSIVER
HANDLUNGEN IM FUSSBALL
Ich möchte mich abermals auf das pluralistische Modell beziehen, davon aber lediglich jene Einflußfaktoren berücksichtigen, welche sich von denen des Boxsports grundlegend unterscheiden. Bei den vernachlässigten Faktoren handelt es sich vorwiegend um sportübergreifende, die im Grunde für alle Sportarten gleiche Relevanz besitzen und somit auf jede dieser umgemünzt werden können.
8.1.) SPORTÜBERGREIFENDE EINFLUSSGRÖSSEN
8.1.1.) SOZIALISATION UND AGGRESSION IM FUSSBALL
Eine Studie über den Einfluß der Erziehung und der Schichtzugehörigkeit auf das Auftreten aggressiver Handlungen bei Fußballspielern war leider nicht auffindbar, aber aufgrund der einheitlich, bei Untersuchungen in verschiedenen Sportarten zu diesem Thema erhaltenen Ergebnisse kann man jedoch die Vermutung anstellen, daß diese auch für Fußball Gültigkeit besitzen.
Z.B. wurde bei Eishockeyspielern festgestellt, daß Spieler aus niedrigen sozialen Schichten aggressiver sind und auch häufiger bestraft werden.
8.1.2.) GESELLSCHAFT - SOZIOKULTURELLES WERTSYSTEM
UND AGGRESSION IM FUSSBALL
Wie schon beim Boxen werden die beiden Einflußgrößen ,,sozio-kulturelles Wertsystem" und ,,politisch-ökonomische Bedingungen" zusammengefaßt. Und wie bereits erwähnt, hat Kommerzialisierung auch eine große Bedeutung. Vor allem König ,,Fußball" liefert für diese Feststellung beste Beweise. Eine große Rolle für Athleten bis zu den Funktionären hin spielt Gewinn, Geld, Macht und Profit.
Die Kommerzialisierung des Fussballs führt, wie auch in den anderen Sportarten, zu einem großen Konkurrenzkampf und enormen Leistungsdruck, der auf allen, an dieser Sportart Beteiligten, ruht.
Jede Mannschaft möchte gewinnen, und dies um jeden Preis. Fair Play und humane Verhaltensweisen stellen auf dem Weg zu diesem Ziel nur große Hindernisse dar, daher lohnt es sich auch, diese zu umgehen.
Wie es ein Literat treffend sagte:
· ,,Regeln werden bewußt nicht eingehalten, und solange der Schiedsrichter nichts sieht bzw. die Kosten unfairen Verhaltens geringer sind als der Gewinn, gibt einem der Erfolg ja auch Recht."
8.2.) SPORTSPEZIFISCHE EINFLUSSGRÖSSEN
8.2.1.) WAHL DER SPORTART UND AGGRESSIVE HANDLUNGEN
Wie bereits erwähnt wurde, wird Fußball zu den direkt-aggressiven Sportarten gezählt, da auch hier ein unmittelbarer Kontakt mit dem Gegner stattfinden kann.
Im Gegensatz zum Boxen gilt direkter Kontakt jedoch als Regelverstoß und wird mit einer Mahnung oder dem Platzverweis geahndet, da meist auf Spielverhinderung, aber auch Verletzungenoder Schädigungen des Gegners abgezielt wird. Trotz alle dem, daß die Spieler die Folgen von Regelverstößen kennen, werden diese trotzdem häufig begangen.
Der Grund dafür kann im Wesen dieser Sportart liegen, denn Fußball wird zu Mannschaftssportarten gezählt, in denen zwei Gruppen gegeneinander antreten. Jeder einzelne Spieler ist für den Erfolg der Mannschaft verantwortlich, aber jeder einzelne Spieler verliert in gewisser Maßen seine Identität zu Gunsten der Anonymität.
Begeht ein Spieler ein Foul, zieht es am Ende auch für die gesamte Mannschaft Folgen mit sich. Deshalb braucht denjenigen Spieler auch nicht gleich das schlechte Gewissen zu plagen.
Dabei werden die Spieler noch auf eine andere Art für aggressive Handlungen unterstützt. Obwohl 20 Feldspieler bei einem Spiel beteiligt sind, werden sie lediglich von einem einzigen Schiedsrichter beaufsichtigt. Folglich kann dieser niemals die Kontrolle über alle Aktionen der Spieler haben, was von Seiten der Spieler oft ungemein ausgenützt wird.
Beim Fußballspielen besteht wie beim Boxen die Möglichkeit, aggressiv zu handeln. Aber der Unterschied beider Sportarten besteht darin, daß beim Boxen der körperliche Angriff gefordert wird, beim Fußball hingegen nicht erlaubt ist, was vielleicht sogar einen gewissen Anreiz ausmacht.
8.2.2.) ROLLENERWARTUNG UND AGGRESSIVE HANDLUNGEN IM
FUSSBALL
Die Einstellung von Mitspielern, Trainern und Eltern sind für das Anwenden aggressiver Handlungen im Fußball entscheidende Faktoren. Je positiver diese auf Regelverstöße reagieren bzw. unfaires Handeln befürworten, desto häufiger tritt diese auch in Erscheinung.
Anhand folgender Zitate läßt sich auch erkennen, daß gerade auch Trainer das Auftreten aggressiver Verhaltensweisen befürworten und fördern:
- ,,Scheiß Fair Play Cup, die Jungs spielen zu fair, die müssen bissiger werden!"
- ,,Hau ihn doch!"
- ,,Auf ihn los, mach ihn fertig!"
- ,,Tret` ihm in die Knochen!"
Aber vielfach genügt dies nicht und Trainer bestehen darauf, aggressive Handlungen im Training sogar gezielt zu üben (siehe 5.2.2./ Seite 14).
Dies macht darauf aufmerksam, daß meist, wenn nicht sogar immer nur der Erfolg zählt.
Manche Trainer beginnen unter diesem Erfolgsdruck, ungewohnte Inhalte zur Motivation der Spieler einzusetzen:
Ein Trainer einer Profimannschaft spielte seinen Spielern vor einem wichtigen Spiel einen zehn-minütigen Ausschnitt vor, der von Naziverbrechen im Konzentrationslager Ausschwitz handelte. Der Trainer sagte ihnen danach, sie sollten sich vorstellen, sie hätten eine große Familie in diesem Lager und würden nun ihren Tod rächen wollen.
Der Trainer meinte nach dem Spiel, der 1:0-Erfolg sei darauf zurückzuführen.
Ein anderer Trainer spielte seinen Schützlingen Brutalvideos vor zur ,,Erzeugung von Aggression, damit der Gegner vor lauter Angst den Schwanz einzieht".
8.2.3.) BEDEUTUNG DES WETTKAMPFES UND AGGRESSIVE
HANDLUNGEN IM FUSSBALL
Mehrere Untersuchungen Bestätigen, daß die Wichtigkeit des Wettkampfes veränderte Verhaltensweisen bewirken. Somit ist auch der Spielstand ein entscheidender Faktor, der wesentlichen Einfluß auf das Auftreten aggressiver Handlungen ausüben kann.
So begeht die im Rückstand liegende Mannschaft wesentlich mehr Fouls als die führende. Auch bei der Zahl der Ausschlüsse sind die im Rückstand liegenden Mannschaften führend. Weitere Untersuchungen belegen, daß auch eine gewisse Rangordnung im Sport herrscht. Rangtiefere Mannschaften begehen mehr Fouls und Regelverletzungen als ranhöhere.
Und auswärts spielende Mannschaften sind auch fleissiger bei Regelverstößen als Heimmannschaften.
Wahrscheinlich sind Mannschaftssportarten deshalb auffälliger für Regelverstöße, da die Sportler in ungewohnter Umgebung weniger Vertrautheit und Sicherheit spüren, was zu einer Herabsetzung der Leistungsfähigkeit führen kann, dies zum Gefühl führen kann, nicht so gut wie sonst zu sein. Schlußendlich versuchen dann Sportler, diesen Zustand durch aggressive Reaktionen auszugleichen.
Letztlich hat aber auch das Schiedsrichterverhalten wesentlichen Einfluß auf das Verhalten der Spieler. Dabei ist festzustellen, daß Schiedsrichter dazu neigen, bei Heimmannschaften Regelwiedrigkeiten weniger streng zu ahnden als bei Gastmannschaften. Wen wundert es da noch, wenn die Gastmannschaft Wut gegenüber der Heimmannschaft und dem Schiedsrichter verspürt und folgedessen aggressiv handelt?
Diese Tatsachen werden aber auch in anderen Sportarten wie Eishockey, Football etc. sichtbar.
8.2.4.) ZUSCHAUER UND FANS - DAS SALZ IN DER SUPPE
Um nochmals auf das ,,Sensation-seeking" aufmerksam zu machen: Viele Zuschauer fordern als passive Sportler Spannung, Dramatik und Sensation, da sie dafür ja bezahlt werden, denn dadurch blüht auch das Geschäft.
Sportveranstaltungen sind gute Gelegenheiten, den inneren Emotionen freien Lauf zu lassen, zu brüllen, schreien und seinen Alltagsfrust abzulassen.
Fußballfans verdeutlichen dies durch Parolen und Lieder, mit denen sie die Stärke der eigenen Mannschaft demonstrieren wollen, aber auch die gegnerische Mannschaft und Fangruppen provozieren wollen.
Dies kann bis zu Feind- und Haßgefühle gehen, die auch außer Kontrolle geraten können, wie es uns die Vergangenheit zeigt:
1985 starben im Brüsseler Heysel-Stadion 39 Menschen und mehr als 400 wurden zum Teil lebenslang körperlich oder seelisch verletzt, da englische Fans Trennzäune, die sie von den italienischen Fans trennten, durchbrachen und Menschen erdrückten und niedertrampelten. Aber dies ist nur eine von mehreren Tragödien, die sich in Fußballstadien bis heute ereignet haben.
Viele dieser Vorfälle verdeutlichen, wie Frust und Haß gegeneinander ausgetragen wird und die einstigen Spielstadien zu Kriegsschauplätze der menschlichen Gewalt verwandeln.
8.2.5.) SPORTBERICHTERSTATTUNG UND AGGRESSION IM
FUSSBALL
Die Sportberichterstattung prägt die Wahrnehmung und Einstellung, sowie damit verbunden auch das tatsächliche Verhalten der am Sport beteiligten Personen. Gerade aufgrund der emotionalen, gewaltverherrlichenden Sprache kann sie eine direkt aggressiv aufladende Wirkung haben und Bedingungen für aggressive Verhalten, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Sports schaffen.
· ,,Es fehlte der letzte Schuß an Aggressivität, so ein Schuß an Killerinstinkt, sie spielten nicht aggressiv genug, die Sturmspitzen spielten so, als wollten sie für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen werden!"
· ,,Billy Boy, der übelste Raufbold des britischen Fußballs. /.../ Männer, die so häßlich wie Billy auf die Welt gekommen sind...!"
Statt zu mäßigen, werden reißerische Schlagzeilen und emotionale Berichterstattung vorgezogen. Durch diese ,,Etikettierung" der Spieler und Fans bildet sich letztendlich ein Kreislauf, gekennzeichnet von gewalttätigen Handlungen und Brutalität. Denn es kommt auch vor, daß das Bild der am Sport beteiligten Leute in ein falsches Licht gestellt wird, was manche provoziert und förmlich einlädt, aggressiv zu werden.
Das Beste wäre hier wohl eine Milderung der gebräuchlichen Wörter bzw. eine Richtigstellung der Fakten, aber dies würde bedeuten, daß die Medien wohl an Geld, Profit und Macht verlieren würde, was aber verhindert werden will.
9.) Quellen
GABLER H.: Aggressive Handlungen im Sport
HERMANN H.-U.: Die Fußballfans: Untersuchungen zum Zuschauersport
PILZ G.A.: Sport und Gewalt Leistungssport - Sozialisation
, WEWER W.: Erfolg oder Fair Play
SCHMIDT W.: Aggression und Sport
STOLLENWERK H. J.: Die Darstellung von Gewalt im Sport in den Medien
WALTER J., BAUER G.: Tritt drauf, der zuckt noch. Die Wahrheit über König Fußball
WOLF P.G.: Die Kriminalität bei Fußballspielern
ZASCHUIN A. F.: Die Ausbildung der Boxer
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