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Termpaper, 2001, 32 Pages
Author: Natasza Iskrzak
Subject: Ethnology / Cultural Anthropology
Details
Institution/College: European University Viadrina Frankfurt (Oder)
Tags: Lausitzer, Sorben, Versuch, Zusammenfassung, Situation, Soziolinguistisches, Colloquium, Minderheitensprachen
Year: 2001
Pages: 32
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-07346-7
File size: 296 KB
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Fulltext (computer-generated)
Wie sorbisch sind die Lausitzer Sorben -
Versuch einer Zusammenfassung der gegenwärtigen Situation
Natasza Iskrzak
Inhaltverzeichnis
1 Einleitung ... 1
2 Die Sorbische Minderheit in Deutschland ... 2
2.1 Die Sprache der Sorben ... 2
2.2 Zur Geschichte der Sorben ... 5
2.3 Das heutige sorbische Sprachgebiet ... 7
3 Realisation des staatlich-rechtlichen Status der sorbischen Sprache von 1945 bis heute in manchen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ... 8
3.1 Die sorbische Sprache in den staatlichen Ämtern und bei den sozialen und politischen Aktivitäten ... 8
3.2 Die sorbische Sprache im Schulunterricht ... 9
3.3 Die sorbische Sprache in der Kirche und im religiösen Leben ... 10
3.4 Das sorbische Schrifttum und Medien heute ... 11
4 Ethno- und soziolinguistische Situation der Lausitz ... 13
4.1 Sorbische Identität ... 13
4.2 Die sorbische Sprache in den sorbischen und national gemischten Familien der Lausitz ... 15
4.3 Einfluss der deutschen Sprache ... 17
4.4 Individuelle und kollektive Zweisprachigkeit ... 18
4.5 Die sorbischen Orts- und Familiennamen ... 19
4.6 Konzepte zur Erhaltung und Revitalisierung der sorbischen Sprache ... 20
5 Schluss ... 22
6 Podsumowanie ... 24
7 Literaturverzeichnis ... 26
8 Anhang ... 28
8.1 Liste der Fragen ... 28
8.2 Das erste im Druck erschienene niedersorbische Gedicht ... 29
8.3 Das sorbische Siedlungsgebiet ... 30
1 Einleitung
Das Los der Sorben, des kleinsten slawischen Volkes, hat zum erstenmal meine Neugier erweckt, als ich einmal, noch im Polnischunterricht im Gymnasium, erfahren habe, dass Polnisch, Tschechisch und Slowakisch nicht die einzigen lebendigen westslawischen Sprachen sind, sondern dass es noch Nachkommen jener slawischen Stämme, die ich von Geschichtsatlanten von Europa vor 1000 Jahren kannte, gibt. Den Anstoß zu einer Arbeit zu diesem Thema gab mir dennoch erst das zufällige Treffen mit einer sorbischen Studentin und das Minderheitssprachenkolloquium an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) am nächsten Tag.
In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich mit der Frage, inwieweit die Lausitz ihren originellen, sorbisch-deutschen Charakter erhalten hat, und inwieweit die sorbische Bevölkerung an die deutsche Mehrheit assimiliert wurde. Ich versuchte zu beantworten, ob man das Sorbischtum eher als aussterbend bezeichnen kann, oder ob sich Entwicklungstendenzen bemerken lassen, die von seiner Wiedergeburt zeugen. Der größte Teil meiner Arbeit ist auf zahlreiche deutsch-, polnisch- und sorbischsprachige Literatur gestützt. Als eine gewisse Probe der Konfrontierung des „Buchwissens” mit Meinungen von lebendigen Leuten habe ich auch Interviews mit sorbischen Studenten in Leipzig über ihre Einstellungen zur sorbischen Sprache und Identität durchgeführt. Im Text der Arbeit habe ich die Zitate und Rückschlüsse aus den Interviews als eine Art Illustrierung der vorgestellten Themen gesetzt. Ich habe Studenten gewählt, als diejenigen, die in ein paar Jahren die sorbische intellektuelle Elite bilden werden und an der Gestaltung der sorbischen Kultur in einem großen Maße teilnehmen werden. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit war es nicht möglich, solche Forschungen durchzuführen, deren Ergebnisse als repräsentativ für alle sorbischen Studenten gelten könnten. In Anbetracht dessen habe ich mich für Gespräche über private, subjektive Meinungen entschieden. Ich habe deshalb diese Form der Untersuchung gewählt, weil sie manche Aspekte zeigt, über welche die „wissenschaftliche” Literatur schweigt.
Alle Interviews habe ich in dem sorbischen Studentenwohnheim „Handrij Zejler” in Leipzig durchgeführt. In diesem Wohnheim bilden die sorbischen Studenten verschiedener Fachrichtungen etwa 50% der Bewohner; die übrigen sind Deutsche (und einige Ausländer). Ich habe insgesamt 9 Gespräche durchgeführt. Von meinen Informanten haben vier Sorabistik studiert und vier waren Studenten anderer Fachrichtungen. Eine der befragten Personen war kein Student. Eine Person war deutsche Bewohnerin des Wohnheims. Von den Sorben waren 6 Personen Obersorben und 2 Personen Niedersorben. Alle Studenten, mit welchen ich gesprochen habe (inklusive der deutschen Studentin) haben sich (mehr oder weniger) an Aktivitäten des sorbischen Studentenvereines „Sorabija” beteiligt. Mein Aufenthalt in Leipzig war möglich dank der Hilfe von "Sorabija"-Vorsitzende Andrea Walde.
Vor meiner Reise nach Leipzig habe ich eine Liste der Fragen vorbereitet. Diese Liste füge ich im Anhang 8.1 bei. Während der Gespräche habe ich jedoch nicht fest daran gehalten, sondern ich habe die Fragen modifiziert in Abhängigkeit von den von meinen Gesprächspartnern berührten Themen. Während meiner Befragung habe ich festgestellt, dass das Aufnahmegerät oft als störend empfunden wurde. Deswegen habe ich einen Teil der Interviews auf einer mündlichen Basis durchgeführt und Mitschriften gemacht. Einige Informationen habe ich bei spontanen Gesprächen bei meinem mehrtägigen Aufenthalt im sorbischen Studentenwohnheim bekommen. Meine Aufzeichnungen habe ich meinen Gesprächspartnern noch einmal danach vorgelegt um die sinngemäße Wiedergabe sicherzustellen.
Der Lesbarkeit und Durchsichtigkeit des Textes zugunsten habe ich mich entschieden, anstatt der politisch korrekteren Benennung „Sorben/Wenden” bzw. „sorbisch/wendisch”, nur die kürzere Version „Sorben” und „sorbisch” zu benutzen. Aus denselben Gründen habe ich verzichtet, jedes Mal die deutsche und sorbische Version der Ortsnamen anzugeben und ich gebe meistens nur die deutsche Version an.
2 Die Sorbische Minderheit in Deutschland
2.1 Die Sprachen der Sorben
Wie erwähnt, gehört Sorbisch zur Familie der westslawischen Sprachen und ist heute noch in Teilen der Ober- und Niederlausitz verbreitet. In historischer Zeit existierte eine ganz andere Situation. In den jetzigen Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern siedelten einstmals vorwiegend slawische Stämme und es wurden slawische Dialekte gesprochen (Schuster-(?)ewc 1991: 3). Die heutige zwei sorbische Sprachen sind das einzige bis zur Gegenwart erhaltene slawische Idiom in Deutschland.
Schriftliche Zeugnisse in sorbischer Sprache aus dem Mittelalter gibt es kaum[1]. Wir können uns aber mit Hilfe des Deutschen ein ungefähres Bild vom Altsorbischen machen. In weiten Gebieten Ostdeutschlands sind die heutigen deutschen Namen zahlreicher Orte sorbischsprachiger Herkunft. Als Beispiele zwei sächsische Großstädte: der Name Leipzig ist von dem sorbischen Wort lipa „Linde” abgeleitet und Chemnitz wurde vom altsorbischen Wort für „Stein”, das im modernen Sorbischen kamjen lautet, gebildet.
Erste schriftliche Texte in Sorbisch sind uns aus der Zeit nach 1500 überliefert. Die lutherische Reformation forderte die Verbreitung des Christentums in der Muttersprache der Gläubigen; dieses wiederum begünstigte die Übersetzung der Bibel und anderer in der protestantischen Kirche benötigter Texte. Wenig später entwickelte sich auch ein sorbischsprachiges Schrifttum katholischer Provenienz, das der religiösen Betreuung der nicht reformierten sorbischen Bevölkerung diente (Cygański, Leszczyński 1995: 35). Das erste im Druck erschienene niedersorbische Gedicht findet sich in einer 12-sprachigen Gratulationsschrift, die zum „Inaugurationsfest” der „Neuen Friedrichschule” in Frankfurt (Oder) am 1. Juli 1694 veröffentlich wurde[2].
Während die ersten Texte in einer sehr unterschiedlichen, den jeweiligen Mundarten der Übersetzer nahe stehenden Sprache verfasst waren, nahm das schriftliche Sorbisch an der Wende zum 18. Jahrhundert eine verbindlich normierte Form an (Schuster-(?)ewc 1991: 11). Dabei bildete sich gleichzeitig eine weitere sprachliche Besonderheit des Sorbischen heraus, die bis heute Gültigkeit hat. Es entstand nicht – wie bei der Mehrzahl anderer Völker in frühbürgerlicher Zeit – eine einheitliche Schriftsprache, sondern zwei schriftliche Formen: die obersorbische Schriftsprache in der Oberlausitz und die niedersorbische Schriftsprache in der Niederlausitz. Auch später wuchs das Sorbische nicht zu einer einheitlichen Schriftsprache zusammen, da es nie Staatssprache war und somit keine zwingende Notwendigkeit für ein gemeinsames Verständigungsmittel bestand. Die Lausitzer Sorben sprechen und schreiben also bis auf den heutigen Tag in zwei Sprachen. Das Sorbische der Gegenwart ist nicht nur in Bezug auf die zwei schriftsprachlichen Ausdrucksformen gegliedert. Es haben sich auch erhebliche mundartliche Unterschiede erhalten (Elle 1995 a: 462).
Ein paar Ähnlichkeiten und Unterschiede kann man schon am Beispiel dieses sorbischen Sprichwortes sehen:
| Obersorbisch: Zapłata dyrbi być wjet(?)a hač dźera. Niederersorbisch: Zapłata musy byś wět(?)a ako źera. Schleifer Dialekt: Zapłata deri być wěk(?)a ako dźěra. Tschechisch: Zapláta musí být wět(?)í ne(?) díra. Polnisch: Łata musi być większa niż dziura. Deutsch: Der Flicken muss größer sein wie's Loch. |
Natürlich gibt es auch Wörter, die in beiden sorbischen Sprachen gleich sind, wie zum Beispiel: piwo – Bier (Polnisch – piwo, Tschechisch und Slowakisch – pivo).
Sorbisch wird heute von ca. 50–60 000 Menschen gebraucht, und zwar sowohl in mündlicher als auch in schriftlicher Form[3]. Es passt sich den Erfordernissen der modernen Kommunikation an, indem es seinen Wortschatz ständig erweitert. Sorbisch wird gegenwärtig außer im Alltag u. a. in einer Reihe von Fächern im Schulunterricht, in kulturellen Institutionen und Organisationen, in der Kirche und in bestimmten staatlichen und kommunalen Verlautbarungen verwendet. Die sprachsoziologische Situation bewirkt eine ständige Weiterentwicklung der beiden Schriftsprachen.
Dennoch muss man das Sorbische zu den in Europa am meisten in ihrer Existenz bedrohten Sprachen zählen. L. Elle zeigt das in folgenden Faktoren:
1. Die Zahl der Personen mit aktiven sorbischen Sprachkenntnissen sinkt,
2. es sinkt die Zahl der Personen, die alltäglich in sorbischer Sprache kommunizieren
3. das Territorium der deutsch-sorbischen Lausitz, in welchem die sorbische Sprache alltäglich auch außerhalb familiärer Kommunikationssituationen genutzt wird, verkleinert sich,
4. die Zahl der Familien mit sorbischer Umgangssprache im Alltag geht zurück, in weiten Teilen der Lausitz gibt es keine sorbischen Familien mit schulpflichtigen Kindern mehr,
5. die Zahl der Rezipienten sorbischen Schrifttums, inkl. der Printmedien, geht zurück,
6. die Zahl der potentiellen Rezipienten (Personen mit entsprechenden Sprachkenntnissen) sorbischer Medien und sorbischsprachiger Kunst und Kultur nimmt ab,
7. die Qualität der sorbischen Sprachkenntnisse von Personen, die nicht sorbische Schulen absolviert haben, ist gering und verschlechtert sich zunehmend (mit wenigen Ausnahmen beenden Schüler den Sorbischunterricht heute mit der Grundschule) (Elle 2000: 17).
Die problematische Situation ist u. a. auf ungünstige Altersstruktur der Lausitz zurückzuführen. 1987 waren mehr als 50% der Personen mit sorbischen Sprachkenntnissen, (vor allem die Muttersprachler) älter als 50 Jahre alt. Heute liegt die Zahl der Schüler, die sorbische Schulen besuchen, unter 2 000. Es scheint daher heute gerechtfertig, von etwa 20 000 Menschen zu sprechen, die für eine aktive Kommunikation ausreichende Sprachkenntnisse besitzen (a.a.O.: 18).
2.2 Zur Geschichte der Sorben
Die Sorben leben in der Lausitz länger als die dortigen Deutschen, sprechen ein fehlerfreies Deutsch und sind deutsche Staatsbürger – aber sind auch eine Minderheit. Denn die Minderheit ist
eine der übrigen Bevölkerung eines Staates zahlenmäßig unterlegene Gruppe, die keine herrschende Stellung einnimmt, deren Angehörige – Bürger des Staates – in ethnischer, religiösen oder sprachlichen Hinsicht Merkmale aufweisen, die sie von der übrigen Bevölkerung unterscheiden, und die zu mindestens implizit ein Gefühl der Solidarität bezeigen, das auf die Bewahrung der eigener Kultur, der eigenen Traditionen, der eigenen Religion oder der eigenen Sprache gerichtet ist (Capotorti 1980: 118).
Ein Blick in die Geschichte der Sorben verdeutlicht die komplizierte Situation ihrer Kultur.
Die Sorben in beiden Teilen der Lausitz zählten zu jenen elbslawischen Stämmen, die ab dem 6. Jahrhundert in das Gebiet zwischen Oder und Elbe/Saale einwanderten. Da es den „Wenden”, wie sie von den Deutschen genannt wurden, nicht gelang, einen eigenen Staat zu bilden, wurden sie im Verlaufe der folgenden Jahrhunderte durch das deutsche Kaiserreich unterworfen. Die neuen Herrscher beschränkten sich zunächst auf die Sicherung der militärischen Vorherrschaft und die ökonomische Verwertung der erworbenen Ländereien (Cygański, Leszczyński 1995: 23). Einen ernsthaften Widerstand gegen die Unterwerfung scheint es bei den Sorben im Gegensatz zu den Stämmen im Norden nicht gegeben zu haben, aber als ein Anzeichen für starke Spannungen zwischen Deutschen und Slawen kann man die Festlegung des Sachsenspiegels erwähnen, dass kein Deutscher gegen die Slawen und kein Slawe gegen einen Deutschen vor Gericht Zeugnis geben darf (Mahling 2001: Kap.1).
Die Kultur der Sorben manifestierte sich nahezu ausschließlich als dörfliche Volkskultur. Erst als Ergebnis des nachreformatorischen Zeitalters war die Entstehung der sorbischen Schriftsprache, allerdings in drei Varianten: niedersorbisch, obersorbisch-evangelisch und obersorbisch-katholisch.
Im frühen 19. Jahrhundert erwachte unter dem Einfluss von Aufklärung und Romantik sowie der nationalen Wiedergeburt anderer slawischer Völker auch das nationale Bewusstsein der Lausitzer Sorben. 1845/47 wurde die erste wissenschaftlich-kulturelle (gesamtsorbische) Gesellschaft, die „Maćica Serbska”, gegründet; sie nahm sich der geistigen Belange des sorbischen Volkes in vielfältiger Weise an. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich ein relativ breites Pressespektrum, es erschienen wissenschaftliche und belletristische Publikationen. 1912 schlossen sich die sorbischen Vereine im Dachverband „Domowina” zusammen, um dem anhaltenden politischen und wirtschaftlichen Druck sowie der Germanisierung zu begegnen (Cygański, Leszczyński 1995: 67).
In der Zwischenkriegszeit bemühten sich die Sorben um die Realisierung der in der Weimarer Verfassung verankerten nationalen Rechte (Artikel 113). Es kam zu einem Aufschwung in Literatur, Kunst, Musik und Wissenschaft. 1937 wurden sorbische Kultur und Sprache durch ein Verbot der nazistischen Führung praktisch völlig aus der Öffentlichkeit verbannt (Elle 1995 a: 459). Dank dem Niedergang des deutschen Faschismus entging das sorbische Volk der angedrohten Vernichtung.
Nach dem Krieg verabschiedete der Sächsische Landtag 1948 das „Gesetz zur Wahrung der Rechte der sorbischen Bevölkerung”, das neue, stabile Strukturen im Kulturleben ermöglichte (Den Text des Gesetzes kann man finden in: Elle 1995 b: 74). Nun begann eine staatliche Förderung sorbischer Schulen sowie sorbischer bzw. sorabistischer Kultur-, Bildungs- und Forschungsstätten (z. B. Theater, National-Ensemble, Verlag, Universitäts- und Akademie-Institut). Es entstanden Werke von Schriftstellern, Komponisten und Malern, die in einigen Fällen nationale Grenzen überschreiten konnten. Kulturelle Traditionen wurden erhalten und ausgebaut.
Trotz dieser Unterstützung schritt auch in der DDR-Zeit die Assimilation fort. Teile des sorbischen Siedlungsgebiets wurden im Interesse einer extensiven Braunkohlenförderung devastiert, restriktive Verordnungen im Bildungswesen schädigten die nationale Substanz. Nach Schätzungen an Hand von Untersuchungen des Instituts für sorbische Volksforschung aus dem Jahre 1987 ging die Sprecherzahl seit 1955/56 von ca. 81 000 auf ca. 65 000 zurück (Faska 1998: 22). Eine Aufrechnung von Gewinn und Verlusten der DDR-Nationalpolitik bezeichnet L. Elle als nicht möglich (Elle 1995 b: 61).
Nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1990 entfaltete sich unter den Sorben ein differenziertes Vereinsleben, die politischen und kulturellen Bestrebungen wurden im erneuerten Dachverband „Domowina” zusammengefasst. Der Freistaat Sachsen und das Land Brandenburg gewährten in ihren Verfassungen und in weiteren Gesetzen den Sorben politische Rechte. Sie verpflichteten sich im Erlass der von ihnen gemeinsam mit dem Bund 1991 errichteten „Stiftung für das sorbische Volk”, sorbische Sprache, Kultur und Wissenschaft zwecks Erhaltung sorbischer Identität zu fördern (Elle 1995 a: 47).
2.3 Das heutige sorbische Sprachgebiet
Das von den Sorben bewohnte Terrain hat sich im Laufe der Jahrhunderte ständig verringert. Im vorigen Jahrhundert verschwand die sorbische Sprache vor allem in der Niederlausitz infolge der früheren Germanisierungspolitik und der sich entwickelnden Industrie. Das sorbische Sprachgebiet hat sich um die Hälfte verringert. Nach dem zweiten Weltkrieg hat man sich der sorbischen Sprache nur im Bezirk (Heute: Landkreis) Cottbus und im schmalen Streifen entlang der Spree zwischen Cottbus und Spremberg bedient. Das heutige Gebiet des Obersorbischen und der Grenzdialekte zum Niedersorbischen liegen innerhalb des Vielecks Löbau–Bautzen–Bischofswerda–Kamenz–Hoyerswerda–Senftenberg–Spremberg–Weißwasser–Niesky[4]. Allerdings spricht in den meisten Dörfern nur noch die ältere Generation Sorbisch, und auch hier ist der Anteil der Leute mit aktiven Sorbischkenntnissen meist nur gering. Das obersorbische Kerngebiet mit sorbischsprachiger Jugend bilden heute die katholischen Dörfer im Dreieck Kamenz–Bautzen–Hoyerswerda mit den Zentren Crostwitz, Panschwitz-Kuckau, Ralbitz und Radibor (Faska 1998: 21). Verwaltungszentrum und Sitz vieler sorbischer Institutionen ist Bautzen.
Die einzelnen Regionen der Ober- und Niederlausitz unterscheiden sich nicht nur auch durch die Häufigkeit der Anwendung der sorbischen Sprache sondern auch durch ihre traditionellen Trachte, Bräuche und Bauwesen.
3 Realisation des staatlich-rechtlichen Status der sorbischen Sprache von 1945 bis heute in manchen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens
3.1 Die sorbische Sprache in den staatlichen Ämtern und bei den sozialen und politischen Aktivitäten
Die Befreiung von der faschistischen Diktatur und die Ausübung der wichtigen Funktionen von bewussten und national engagierten Sorben hat zum ersten Mal in der Geschichte die Möglichkeit nicht nur zu toleranterer Politik gegenüber der Nationalminderheit geschaffen, sondern auch die Möglichkeit der staatlichen Anerkennung der Sorben als nationale Minderheit und die Sicherung der Entwicklung ihrer Sprache und Kultur. Der Bereich der Anwendung der sorbischen Sprache hat sich nach 1948 ausgeweitet. In den 50er Jahren wurden in der ganzen Lausitz zweisprachige Ortsnamen und zweisprachige Schilder an öffentlichen Ämtern eingeführt (Elle 1998 e: 40). Auf Tagungen, Versammlungen, in den Publikationen der sozialen Organisationen und der politischen Parteien, als auch in den Gemeindeämtern hat man sich in verschiedenem Maße der sorbischen Sprache bedient; in der zu Sachsen gehörenden Lausitz in höherem Grad als in Brandenburg. Im Laufe der Jahre wurde in allen Bereichen des öffentlichen Leben die sorbische Sprache immer seltener benutzt. Diese Tendenz hat nach dem Systemwandel von 1989 noch zugenommen.
Wenn es um politische Agitation und Propaganda im Zusammenhang mit wichtigen politischen Ereignissen geht, wurden Wahlsprüche, Poster und Flugblätter in der DDR auf Sorbisch verfasst. In diesem Maße hat man sich des Sorbischen in der alltäglichen Arbeit der politischen Partei und Sozialen Organisationen nicht bedient (a.a.O.: 41).
Nach 1989 wurde die Anwendung der sorbischen Sprache in den politischen Aktivitäten fast ausschließlich zur Wahlpropaganda der Parteien reduziert – und nur in Gebieten, in denen eine ziemlich beträchtliche Menge der Potentiellen Wählerschaft wohnt, das heißt, in der zweisprachigen Teil des Landkreises Bautzen und des Landkreises Kamenz (a.a.O.: 42).
3.2 Die sorbische Sprache im Schulunterricht
Neue Umstände, günstige für die Sorben, haben nach 1945 ermöglicht, das sorbische Schulwesen zu erschaffen und zu entwickeln. 1952 wurden Richtlinien zur Organisation des Schulwesens in zweisprachigen Gebieten veröffentlicht, u.a. die Verordnung, dass es – wenn die Bedingungen es erlauben – für die sorbischen Kinder die sog. sorbische A-Schulen organisiert werden sollen (Pech 1999: 113f). In diesen Schulen war Sorbisch die Unterrichtssprache. In allen anderen Schulen (sog. B-Schulen) in der Lausitz sollte man den sorbischen Kindern Sorbisch als Pflichtfach sichern. Der Staat hat sich dazu verpflichtet, die Lehrer auszubilden und zu beschäftigen und die unerlässlichen Lehrbücher und didaktischen Mittel zu besorgen.
Anfangs der 60er Jahre haben sich die Bedingungen der Ausbildung in der sorbischen Sprache verändert. In den A-Schulen hat man keine mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächer mehr in der sorbischen Sprache unterrichtet. Der Unterweisungsbereich der sorbischen Sprache in den B-Schulen hat sich auch verringert, die Anmeldungsweise für die sorbische Sprache hat sich auch geändert. Die Konsequenz davon war der deutliche Rückgang der Teilnahme am Sorbischunterricht (a.a.O.: 144).
Die Unterrichtung des Sorbischen als Schulfach in den sorbischen A-Schulen war an die Ausbildung und Erziehung in der Muttersprache angepasst. Deshalb haben diese Schulen dazu beigetragen, dass die sorbische Sprache den Charakter der Muttersprache erhalten hat.
In den anderen Lausitzer Schulen, des Typ B, war die sorbische Sprache kein Pflichtfach, sondern ein fakultatives Fach. Der Sorbischunterricht in den Regionen, in denen die B-Schulen funktioniert haben, hat nur im geringem Maße dazu beigetragen, die Zweisprachigkeit zu erhalten. Die Ergebnisse der Unterrichtung von Sorbisch als Fach in den B-Schulen haben zum größten Teil den Zielen von didaktischen Programmen und Erwartungen der zweisprachigen Praxis nicht entsprochen.
Der Effekt der B-Klassen wird gut durch die zwei folgenden Zitate aus meinen Interviews[5] illustriert:
„Der Effekt dieser B-Klassen war so, dass nach zwölf Jahren diese Schüler kein einziges Wort auf sorbisch kannten, weil sie es nicht kennenlernen wollten. Derselbe Effekt wie in Ostdeutschland, wenn man in der Schule Russisch hatte – und kein einziges Wort lernte. Und mit der sorbischen Sprache war es noch schlimmer.”
„[B-Schüler], auch wenn sie ein bisschen sorbisch von zu Hause gekannt haben, aber eine B-Klasse besucht haben, wollten später zum Beispiel überhaupt kein Sorbisch mehr sprechen. Etwas konnten sie – aber sie wollten nicht mehr.”
Ab dem neuen Schuljahr soll die Teilung in A- und B-Klassen abgeschafft werden. Anstelle dessen werden mehr Klassen eröffnet, die dem Unterricht in Sorbisch als Muttersprache angepasst sind. Es werden dort sowohl Kinder, die Sorbisch als zu Hause gesprochene Sprache kennen, als auch die Kinder nach den seit kurzem arbeitenden sorbischen Kindergärten betreut. Solche Klassen werden zum ersten Mal auch in der Niederlausitz errichtet – was das sorbische Schulwesen vor große Herausforderungen stellt. Eine fehlende Fachterminologie im Niedersorbischen muss erst noch erarbeitet werden. Diese Situation verlangt auch von den Lehrern, für die Niedersorbische keine Muttersprache ist, sich daran anzupassen, Kinder mit muttersprachlichen Sprachkenntnissen zu unterrichten.
3.3 Die sorbische Sprache in der Kirche und im religiösen Leben
Die Kirche hat offensichtlich große Verdienste bei der Entwicklung der sorbischen Sprache und bei der Benutzung der gesprochenen Sprache sowohl in der Kirche als auch außerhalb gehabt. Das Verhältnis der Kirche zu der sorbischen Sprache war und ist jedoch nicht identisch, bezogen auf den historischen Zeitraum und das Territorium. Als organisierte soziale Gemeinschaft war die Kirche eine deutsche Institution und auf eine bestimmte Weise mit dem deutschen Staat verknüpft. Der Geist des Nationalismus war sowohl im Bewusstsein der protestantischen als auch katholischen Kirchenwürdenträger anwesend. Beide Kirchliche Institutionen haben in der Vergangenheit eine entsprechende Teilnahme an der Germanisierung der Sorben gehabt (Wałda 1998 a: 58).
Die Verwendung der sorbischen Sprache in der Kirche hatte einen ambivalenten Charakter. Einerseits wurde sie verwendet und somit kultiviert, andererseits bestand der Plan der deutschen Kirchenhierarchie in der Verbreitung des Deutschen in der Kirche und in der Schule. Nach der Reformation gingen zirka 90% zum Protestantismus über: die ganze Niederlausitz und ein Teil der Oberlausitz (a.a.O: 59).
Die besseren Bedingungen im Bezug auf die Benutzung der Muttersprache hatten die protestantischen Sorben in Sachsen. Ein gewisser Wettbewerb zwischen der protestantischen und der katholischen Konfession hat die Entwicklung der Sprache positiv beeinflusst, denn das Interesse der entsprechenden Kirche war, ihre Position zu verstärken. Heutzutage halten jedoch nur vier Lausitzer Geistliche ihren Gottesdienst in sorbischer Sprache (darunter 2 Pastoren im Ruhestand) ab. Diese Gottesdienste finden in 12 Lausitzer Kirchenspielen statt (Wałda 1998 a: 60).
Seit der Reformation waren die protestantischen Sorben besonders aktiv bei der Entwicklung der sorbischen Kultur. Als die protestantischen Gebiete immer mehr assimiliert wurden, übernahmen Ende des 19 Jh. allmählich die katholischen Sorben die erste Rolle in der Kultur in der Oberlausitz.
Die katholische Enklave – 8 Kirchspiele im Dreieck zwischen Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda – ist noch heute völlig Region der sorbischen Bevölkerung. Ende des neunzehnten Jahrhunderts gelang es der katholischen Kirche, ihre Gläubigen in einem besonderen Milieu fest zusammenzuballen. Nach Möglichkeit wurden in allen Sphären des sozialen Lebens die entsprechenden Institutionen errichtet, somit waren auch die Kontakte mit Nicht-Katholiken sporadisch (a.a.O.: 66). Noch heute ist der Katholizismus ein wesentliches Element der Identität und wird zugleich als nationaler oder kultureller Wert ernstgenommen.
3.4 Das sorbische Schrifttum und Medien heute
Nach 1945 folgte ein unerwartetes quantitatives Wachstum der sorbischen Buchveröffentlichungen. In den 50er Jahren hat sich die Menge der Verlagsposten im Vergleich mit der Menge der Posten vor 1937 sechsmal vergrößert ((?)en 1998: 68). Das Wachstum erfolgte vor allem im Bereich der Auflagen von Lehrbüchern und Kinderliteratur. Auch die Gesamtmenge der Verlagsposten von der Belletristik, musikalischen Editionen, wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Arbeiten hat sich vergrößert. Die durchschnittliche, alljährliche Menge von ungefähr 60 Titeln sorbischer Bücher und anderen selbstständigen Publikationen hat sich unwesentlich verkleinert, vor allem durch den Rückgang des Anteils des religiösen Schrifttums. Das Verhältnis der niedersorbischen und obersorbischen Verlagstitel ist ungefähr 1/7 (a.a.O.: 72).
Eine wesentliche Bedeutung für die Erhaltung der Sprache haben die sorbischen Printmedien. In obersorbischer Sprache erscheinen seit Anfang der 50er Jahre die Tageszeitung Serbske Nowiny (Sorbische Neuigkeiten; bis 1990 Nowa Doba/ Neue Epoche), die Kinderzeitschrift Płomjo (Die Flamme), eine Wochenzeitung der katholischen Sorben Katolski posoł (Katholischer Bote; bis 1991 zweiwöchentlich) und ein Monatsblatt der evangelischen Sorben Pomhaj Bóh (Grüß Gott). Im niedersorbischen Sprache erscheint das Wochenblatt Nowy Casnik (Neue Zeitung). Ober- und niedersorbische Beiträge enthalten die Zeitschrift für sorbische Kultur Rozhlad (Umschau) und die Zeitschrift für sorbische Pädagogen und Pädagoginnen Serbska (?)ula (Sorbische Schule). Der Mitteldeutsche Rundfunk überträgt werktags ein dreistündiges obersorbisches Morgenprogramm und am Sonntag ein zweistündiges Mittagsmagazin. Jeden Montagabend wird das Jugendprogramm Radio Satkula übertragen. In Niedersorbisch überträgt der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg täglich ein einstündiges Mittagsprogramm und einmal im Monat eine 30-minütige Fernsehsendung (Elle 1995 a: 466f). Es soll auch bald ein obersorbisches Fernsehprogramm eingeführt werden[6].
Studenten, mit denen ich gesprochen habe, haben sich eher positiv über sorbische Printmedien und Rundfunk geäußert. Dahingegen habe ich eine scharfe Kritik während einer freien Unterhaltung mit einer Studentin und einem Nicht-Studenten gehört. Sie haben bemängelt, das Programm sei zu „elitär” und deshalb nur für einen kleinen Kreis „Intellektueller” interessant – was zur Folge hat, dass die Allgemeinheit sich vielmehr an deutschsprachige Programme wendet.
4 Ethno- und soziolinguistische Situation der Lausitz
4.1 Sorbische Identität
Bis hier waren unter dem Begriff „Sorben” sowohl die Obersorben als auch Niedersorben gemeint. Bei dem Thema Identität muss man jedoch deutlich anmerken, dass, wie es zwei sorbischen Sprachen gibt, so auch Ober- und Niedersorben zwei Gruppen bilden.
Als Bestimmungsfaktor des individuellen sorbischen Identitätsgefühls hat die sorbische Sprache eine viel größere Bedeutung bei den Obersorben. Dieses ergibt sich vor allem daraus, dass gegenüber anderen Identitätsmerkmalen der Sorben (wie Herkunft, materielle Kultur, sozioökonomische und territoriale Bedingungen) die Sprache die Rolle des am deutlichsten ethnisch differenzierenden Faktors spielt. Zugleich ist die Sprache ein integrierender Faktor (Elle 1998 b: 73).
Bei den Niedersorben hängt das Bekenntnis zur sorbischen Herkunft nicht mehr nur von der Sprachkenntnis ab. Es hat ein Wandel im Verstehen der sorbischen Identität stattgefunden – von der sprachlichen zur kulturellen Identität der jüngeren Generation (Norbergowa 1998: 113).
Die Beziehungen zwischen den Obersorben und Niedersorben sind nicht frei von Konflikten und Antagonismen. So feiern zum Beispiel beide Gruppen ihre Feste getrennt; bei den Obersorben trifft man manchmal die Meinung an, Niedersorbisch sei keine „echte” Sprache mehr, weil sie nicht mehr gesprochen werde; viele Niedersorben dagegen heben hervor, dass sie etwas ganz anderes als die Obersorben sind. Bemerkenswert ist, dass auch meine beiden niedersorbischen Informantinnen ihre nationale Zugehörigkeit als Niedersorbisch bzw. Niedersorbisch und Deutsch bezeichnet haben, während sich alle meine obersorbischen Informanten einfach als „Sorben” bezeichneten.
Zwei Informanten haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass das Vorhandensein des Konfliktes in der Literatur unterrepräsentiert sei, weil die gesamtsorbischen Institutionen sich bemühen, in der Öffentlichkeit den Anschein eines freundlichen Zusammenlebens der Ober- und Niedersorben zu erwecken. „Man kann darüber nicht laut sprechen” – sagte mir eine Informantin – „denn wenn die in Berlin sehen, wie die Situation tatsächlich aussieht, hören sie damit auf, Geld für sorbische Kultur zu geben”.
Ich wollte erfahren, inwieweit man die Mentalität der Sorben (verstanden als Gesamtheit der für eine Nationalität charakteristischen Merkmale) als „slawisch” bezeichnen kann oder ob sie in dieser Hinsicht mehr Ähnlichkeiten mit den Deutschen aufweist. Ich habe allerdings keine komplexe Bearbeitung zu diesem Thema gefunden, so dass ich meine Informanten nach ihren ganz subjektiven Einschätzungen befragt habe.
Die Antworten waren, wie man bei einem solchen schwer zu erfassenden Thema (die Mentalität einer ganzen Volksgruppe) vermuten konnte, sehr unterschiedlich. Eine Person, die eine längere Zeit (8 Monate) in Polen verbracht hat, hat ohne zu zögern gesagt, die Sorben seien ganz wie Polen oder andere Slawen und die Deutschen seien dagegen „ganz anders und man fühlt das sofort”. Die übrigen Informanten haben aber Schwierigkeiten damit gehabt, eine so gestellte Frage zu beantworten. Als Faktor, welcher Sorben „eher den Slawen” zuordnet, wurden meistens spezifische Bräuche der Sorben angegeben. Die deutsche Informantin meinte hingegen: „Ein Sorbe ist wie ein Deutscher. Bloß dass er eben Sorbisch spricht”. Sie hat selbst gesagt, sie konnte nur versuchen, Sorben mit Russen oder Weißrussen zu vergleichen und sie kam zu der Schlussfolgerung, dass sie aufgrund dieses Vergleiches die Sorben eher nicht zu den Slawen rechnen würde. In der Tat gehören die Merkmale wie Sparsamkeit, Zurückhalten oder Ordnungsliebe nicht zu den „Nationalmerkmalen”, die man den Slawen im allgemeinen klischeehaft zuordnet.
Allerdings ähneln die von meiner Informantin genannten Merkmale denen, die man noch einer anderen slawischen Volksgruppe zuschreiben könnte – den Kaschuben. Im Bericht von Alexander Hilferding, einem russischen Forscher aus dem 19-ten Jahrhundert, findet man folgenden Vergleich von Kaschuben und Polen:
„Die Kaschuben sind kühler, vorsichtiger, ernsthafter und mehr bemüht, ihr Wort und die damit bezweckte Absicht abzuwägen; der Pole ist leichter aufgebracht, er ist lebhafter, leichtgläubiger und weniger beharrlich; er ist gern zu Fröhlichkeit aufgelegt; der Pole hat selbst wenig unternehmerischen Geist; er ist eher geneigt, etwas auszugeben; der Kaschube ist demgegenüber ein Unternehmer und ein Mensch der rechnen kann (Wannow 1999: 92).”
Es scheint, dass ein Vergleich von Sorben und Polen zu ähnlichen Ergebnissen führen würde. Die Untersuchung dieser Hypothese könnte aber ein Ausgangspunkt für ein separates Studium werden.
4.2 Die sorbische Sprache in den sorbischen und national gemischten Familien der Lausitz
Bis zu den 40er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts war die sorbische Familie eine relativ feste ethnische Einheit, in der die sorbische Sprache als allgemeines Verständigungsmittel funktionierte. Das bezieht sich fast ohne Ausnahme auf Familien aus katholischen Dörfern (die sich im Zentrum des sorbischen Sprachgebietes befinden) und auch auf die Mehrheit der Familien außerhalb dieses Zentrums, das heißt, vor allem auf die protestantischen Dörfer in der Oberlausitz. Die Industrialisierung der Niederlausitz, im neunzehnten Jahrhundert angefangen, wurde zur Ursache der sich verstärkenden sprachlichen Assimilierung der sorbischen Bevölkerung.
Am Ende des zweiten Weltkriegs begann sich die Sprachsituation in den sorbischen Familien zu ändern. Die Hauptursache dieser Erscheinung waren unter anderen die nach Deutschland kommenden Umsiedler aus Schlesien und aus dem Sudetenland. In den Dörfern am Rande des sorbischen Sprachgebiets haben die Umsiedler den Prozess des Übergangs von der sorbischen auf die deutsche Sprache als Umgangssprache beschleunigt. Im zentralen Bereich des obersorbischen Sprachgebiets hat die Integration von Umsiedlern häufig mit dem Annehmen der sorbischen Sprache zusammengehangen (Kellerowa 1998: 90).
In den 60er Jahren haben die jungen sorbischen Familien die sorbische Sprache als Muttersprache in differenzierterer Form angenommen als in den 40er Jahren. Im Zentrum des obersorbischen Sprachgebietes – das zugleich Zentrum der ethnischen Stabilität war – ist die sorbische Sprache dominierendes Kommunikationsmittel im Familienleben geblieben. Außerhalb von diesem Zentrum haben sich die Prozesse des Übergangs auf die deutsche Sprache verstärkt. Die Kultivierung der sorbischen Sprache und deren Übermittlung an die Kinder hat seinen Pflichtcharakter verloren, denn außerhalb der Familie – in der dominierenden deutschsprachigen Umgebung – war sie nicht mehr das unerlässliche Mittel zur Verständigung (ebd.).
Zu dieser Zeit hat die Zahl der sorbisch-deutschen Ehen zugenommen. Im Zentrum des Obersorbischen Sprachgebietes hat der Partner deutscher Herkunft meistens die sorbische Sprache erlernt und sich sprachlich angepasst. Die notwendige Bedingung der Verwendung beider Sprachen außerhalb des zentralen Sprachbereiches war das gemeinsame Wohnen mit den sorbischen Eltern oder die sorbische Pflege- oder Großmutter, die die Kinder betreut hat. Die Mehrheit der national gemischten Familien außerhalb des zentralen Territoriums begann doch auf die deutsche Sprache überzugehen (a.a.O.: 92).
In den 80er und 90er Jahren hat sich die Tendenz zum Wechsel der Sprache in der Familie noch verstärkt. Auch in der jüngeren, aus dem zentralen sorbischen Sprachgebiet stammenden, Generation bemerken wir die Zunahme der Ehen mit dem deutschen Partner. Die sprachliche Integration des deutschen Partners hat sich geändert; in stärkerem Maße werden in der Familie beide Sprachen benutzt. Außerhalb vom Zentrum des Gebietes ist die Umgangssprache in den national gemischten Familien meistens Deutsch (a.a.O.: 93).
Der Bereich der Anwendung der sorbischen Sprache ist anders in der katholischen Region der Oberlausitz, in protestantischem Teil der Oberlausitz und in der Niederlausitz.
In den katholischen Dörfern der Oberlausitz ist die Umgangssprache meistens noch Sorbisch. Die Jugendlichen sprechen miteinander vor allem auf Sorbisch, in vielen Familien lernen die Kinder Sorbisch als zu Hause gesprochene Sprache kennen. Trotzdem auch hier bemerkt man schon Änderungen. In manchen Familien wird vorwiegend Deutsch gesprochen, teilweise weil Mutter oder Vater deutscher Herkunft ist, teilweise aber weil ein sorbischer Partner die Anwendung der deutschen Sprache bevorzugt (Wałda 1998 b: 99).
Im protestantischem Teil der Lausitz ist Sorbisch als Umgangssprache ungefähr bis zu den 50er Jahren erhalten. Heute bedienen sich ihrer fast ausschließlich ältere Leute. Es gibt nur sehr wenige Familien und Kinder im Schulalter, die Sorbisch im Alltag sprechen. In manchen Gemeinden wurden nach der Wiedervereinigung die zweisprachigen Straßenschilder und Schilder an den öffentlichen Gebäuden abgebaut. Die Domowina-Zirkel sind oft zu schwach, um ihre politischen Forderungen durchzusetzen (Elle 1998 c: 113).
In der Niederlausitz (zirka 40 Dörfer nördlich von Cottbus) hat nur die ältere Generation Sorbisch als Muttersprache gelernt. Ein Teil der mittleren Generation versteht Sorbisch gut und etwa einige können Sorbisch auch sprechen. Die aktive Kenntnis der sorbischen Sprache unter der jungen Generation beschränkt sich auf die Kenntnis mancher Wörter und Wortverbindungen. Man spricht noch Sorbisch vor allem im privaten Leben – in Kontakten mit Bekannten und Familienmitgliedern. Im gesellschaftlichen Leben des Dorfes – bis auf die sorbischen kulturellen Veranstaltungen – benutzt man es nicht mehr (Spiess 1995: 60). Die sorbische Sprache ist nicht mehr ein unerlässliches Element sorbischer Identität. Die junge Generation pflegt bewusst die sorbischen Bräuche und dörflichen Traditionen, obwohl sie die sorbische Sprache nicht mehr beherrscht. Die rechtlichen Linien gewährleisten jedoch Sorbischunterricht in der Schule und den Schutz der sorbischen Kultur im zweisprachigen Gebiet der Niederlausitz (Norbergowa 1998: 114).
4.3 Einfluss der deutschen Sprache
Das Sorbische, als Minderheitssprache in einem Land mit der Mehrheitssprache Deutsch, war von jeher stark dem Einfluss der Mehrheitssprache ausgesetzt. Das trifft besonders für die Lexik zu; aber auch viele grammatische Besonderheiten nicht-slawischer Herkunft sind nur als Ergebnis des Einflusses des Deutschen zu erklären. Erst mit Beginn der Periode der nationalen Wiedergeburt seit etwa 1840 sind zahlreiche kritische Stimmen seitens der national bewussten Intelligenz und auch Aufforderungen zur Beseitigung der „fremden Elemente” aus der Sprache erschienen. Als weiteres prägendes Element ist der Einfluss der Nachbarslawinen – in erster Linie des Tschechischen, in weit geringerem Maße der des Polnischen hinzugekommen (Jenč 1997: 92).
Infolge der Kodifizierungsarbeiten im 19-ten und 20-sten Jahrhundert gelang es, viele lexikalische Germanismen aus der Schriftsprache zu eliminieren. So wurden z.B. solche Lehnübersetzungen wie lazować ← lesen und tórm ← Turm durch indigene Synonyme (čitać, wě(?)a) ersetzt (a.a.O.: 94). Viel schwieriger zu entfernen waren die grammatikalischen Einflüsse des Deutschen, von denen es gelang, nur wenige aus der Sprache zu entfernen (Lötzsch 1998: 82).
Infolge dieser Tätigkeiten wurde die sorbische Schriftsprache sehr „rein” von Germanismen und anderen Internationalismen. Viele meiner Gesprächspartner haben mich aber darauf aufmerksam gemacht, dass es eine große Diskrepanz zwischen der offiziellen Norm und der Umgangssprache gibt. Die tatsächlich gesprochene Sprache ist oft durchaus mit deutschen Wörtern durchsetzt[7]. Es werden Wörter wie mal, also oder endlich als Bestandteile eines sorbischen Satzes gebraucht. So sagte einer von meinen Informanten: „Die Situation ist jetzt so, dass man jedes, aber wirklich jedes deutsche Wort – nach Zusetzung einer sorbischen Endung – in einen sorbischen Satz integrieren kann. Als Beispiel: „Twoje (?)tinkfise wórklich nichto anpaknyć njeńdźe (=njebudźe)” („Deine Stinkfüße wird wirklich niemand anpacken”) – ein authentischer Text aus einer Fußwallfahrt[8].
Es sieht jedoch so aus, dass außer gewissen Errungenschaften im Bereich der Erhaltung (oder Wiederherstellung) des authentischen Charakters des Wortschatzes und der Grammatik der sorbischen Sprache, scheinbar unwiederbringlich, ihr eigenartiger Wohlklang verloren ging. Über diesen schrieb im 19ten Jahrhundert A. Klin:
„Gibt es eine lebende Sprache, die sich durch innere kraft, durch lichtvolle Darstellung, durch Wohlklang empfiehlt, dass sie ganz besonders zum Gesang geeignet, die gebildete polnische Sprache übertriff, sich durch innere Milde beinähe der italienischen nähert, so ist es gewiss die Wendische[9].”
Heute erinnert der Klang der sorbischen Sprache in keiner Weise an das Italienische. Meine deutsche Informantin assoziiert den Klang des Sorbischen, insbesondere des Obersorbischen, sogar nicht mehr mit den slawischen Sprachen, sondern einfach mit dem Deutschen.
4.4 Individuelle und kollektive Zweisprachigkeit
Die Zweisprachigkeit in der Lausitz ist asymmetrisch. Zweisprachig sind fast ausschließlich nur die Sorben. Die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung kennt die sorbische Sprache nicht und hat keine Motivation, sie zu lernen. Nur in den 50er Jahren wurden einige Versuche der rekompensierenden Sprachpolitik unternommen (Elle 1998 a: 75). Sie waren aber nicht konsequent genug und nur wenig finanziell unterstützt und haben darum zu keinen günstigen Ergebnissen geführt. Aus diesem Grund konnte sich auf deutsch-sorbischem Gebiet keine gleichwertige kollektive Zweisprachigkeit entwickeln.
Die Meinungsumfragen von 1987 haben bewiesen, dass nur die Hälfte der sorbischen Bevölkerung die Sprache als Hauptfaktor der nationalen Zugehörigkeit behandelt. Die deutsche Bevölkerung toleriert die Anwendung der sorbischen Sprache anders in verschiedenen Situationen. Die Mehrheit akzeptiert das Sorbische als äußeres Zeichen des zweisprachigen Charakters der Lausitz (in offiziellen Namen, Begrüßungen usw.). Die Anwendung in der offiziellen und privaten Sprachkommunikation halten nur 27% der Befragten für normal, 30% lehnen die Anwendung des Sorbischen in den genannten Situationen ab (Elle 1998 d: 87). Nach dem Systemwandel beurteilt man die Förderung der sorbischen Sprache vor allem aus der wirtschaftlichen Sicht. In den sozialen Gemeinschaften ist das die Ursache von u.a. Diskussionen über den Sinn der zweisprachigen Aufschriften und der besonderen Förderung der sorbischen Kultur (a.a.O.: 88).
4.5 Die sorbischen Orts- und Familiennamen
Die Zweisprachigkeit der Lausitz findet Ausdruck auch in Doppelformen der geografischen Namen und Personennamen. Es besteht eine Konkurrenz zwischen einheimischen und deutschen Elementen, wobei deutsche Formen immer mehr in den Vordergrund dringen.
Es kommen zweisprachige Aufschriften in Namen von Dörfern (z.B. Bloischdorf - Błobo(?)ojce), Städten (Görlitz - Zhorielc), Flüssen (Spree - Sprjewja), Ämtern (Arbeitsamt - dźěłowy zarjad) und Bauwerken (Reichenturm - Bohata wě(?)a) vor; auch in Straßennamen in einigen Städten und Dörfern des sorbischen Gebiets (Bahnhofstraße - Ulica Dwórni(?)cowa). Die zweisprachigen Anschriften gelten auf Gebieten als zweisprachig festgesetzt. Die endgültige Entscheidung darüber trifft die Gemeinde. In den Ortsnamen gibt es eine Mischung von sorbischen und deutschen Namen und verschiedene Typen der sprachlichen Interferenz (Adaptationen, z.B. Chrósćicy - Crostwitz, Lehnübersetzungen: Nowa Wjes - Neudorf, Hybriden: Schwarzkollm – Čorny Chołmc). In den Geschäftsnamen beobachtet man seit 1990 den Schwund der sorbischen Namen (Rzetelska-Feleszko 1998: 118).
Bei Personennamen gibt es zwei parallele Versionen: der offizielle Vor- und Nachname, amtlich in deutscher Version benutzt, und Vor- und Nachnamen in sorbischer Version, die im Familien-, Nachbar- und sorbischem Kreis verwendet werden, z.B. (Nikolaus Schneider – Mikław(?) Krawc; Ludwig Elle – Ludwig Ela). Allmählich gewinnen die deutschen und germanisierten Formen die Oberhand. Die sorbischen Vornamen verschwinden und werden durch neue, modische Namen ersetzt, die keine besondere sorbische Version besitzen. Rzetelska-Feleszko hat diese Tendenz als massenweise gekennzeichnet (Rzetelska-Feleszko 1998: 123), aber viele meine Informanten haben gegen diese Kennzeichnung („massenweise”) kategorisch protestiert[10]. Auch das traditionelle System sorbischer Familiennamen der Frauen, Töchter und Söhne beginnt desintegriert zu werden (a.a.O.: 124). Diese Information haben meine Informanten auch nicht bestätigt, wenigstens wenn es um Tochter- und Frauennamen geht.
4.6 Konzepte zur Erhaltung und Revitalisierung der sorbischen Sprache
Die problematische Situation der sorbischen Sprache ist seit langem bekannt. Die von der Domowina vorgelegten Konzepte zur Revitalisierung der Sprache wurden auch meist mit staatlichem Wohlwollen begrüßt, jedoch nicht mit einer aktiven sprachfördernden Politik unterstützt. Diese beschränkte sich vor allem auf einen „Bestandsschutz” bestehender Instrumentarien und Institutionen (vgl. Elle 2000: 19).
Noch lange nach der politischen Wende hat eine einheitliche und konsequent durchgeführte Konzeption gefehlt. Die in den letzten Jahren erarbeiteten Konzeptionen: ein sehr konkretes Dokument „Konzeption sprachfördernder Maßnahmen” vom Bundesvorstand der Domowina und die „Grobkonzeption und Grundrisse eines Programms zur Bewahrung der sorbischen Sprache mit ergänzenden Beiträgen” im Auftrag der Stiftung für das sorbische Volk stellen vielmehr den „Bestandschutz” und die „Bestandspflege” in den Mittelpunkt (was auch durchaus nicht zu unterschätzen ist) und können noch nicht als „Revitalisierungskonzepte” bezeichnet werden (a.a.O: 20.).
Viele Ideen und Anregungen zur Erarbeitung können durch Kontakte mit anderen ethnisch-sprachlichen Minderheiten gewonnen werden[11]. Die Erfahrungen aus anderen Regionen können, nach Anpassung an lokale Bedingungen, übernommen werden. Ein gutes Beispiel dafür ist ein Projekt zur frühkindlichen zweisprachigen Erziehung vom Sorbischen Schulverein, dre WITAJ-Initiative[12].
WITAJ ist ein sorbisches Wort und heißt auf deutsch WILLKOMMEN. Diese Initiative ist ein Modellprojekt, Kindern die zweite Sprache im Vorschulalter beizubringen, indem es interessierten Eltern eine zweisprachige Betreuung ihrer Kinder bereits im frühen Kindesalter anbietet. Realisiert erst seit ein paar Jahren, hat es schon erste bemerkenswerte Anfangserfolge geweckt, zu denen man z.B. die Erscheinung der ersten niedersorbischen Muttersprachler[13] nach einer ganzen Generationslücke zählt. Alle meine Informanten haben große Hoffnungen in dieses Projekt gesetzt. L. Elle, nach kritischer Auseinandersetzung mit den sprachpolitischen Konzeptionen der Domowina und der Stiftung für das sorbische Volk, hat sich über die Initiative des Sorbischen Schulvereins geäußert:
Lediglich das Projekt „WITAJ” zur Errichtung sorbischer Kindergärten (und in der Folge sorbischer Schulen) ist als Revitalisierungsvorhaben anzusehen, da hier tatsächlich [...] Sprachterrain wiedergewonnen werden kann (Elle 2000: 21).
5 Schluss
Die eindeutige Antwort auf die Frage, inwieweit die Lausitz ihren sorbischen Charakter enthalten hat, ist nicht einfach. Es gibt rechtliche Regelungen, die den Fortbestand und die Weiterentwicklung der sorbischen Sprache und Kultur fördern, aber sie werden zum Teil nicht genutzt (teilweise weil nicht ausreichend finanzielle Mittel dafür bestimmt werden). Viele Gemeinden, die als zweisprachige Gebiete gelten, sind tatsächlich seit Jahren nur deutschsprachig. Daten, die von L. Elle genannt werden, zeugen von der kontinuierlichen Schrumpfung des sorbischen Sprachgebietes und der Gruppe der Rezipienten sorbischer Kultur. Es scheint ziemlich unwahrscheinlich, dass die sorbische Sprache innerhalb der nächsten Generationen völlig verschwindet. Besonders im zentralen sorbischen Sprachgebiet ist noch heute die sorbische Sprache ein wesentliches, oder sogar unerlässliches Element des alltäglichen Lebens. Auf diesem Terrain fängt die Expansion des Deutschtums in verschiedene Bereiche des Lebens erst an und dort kann man die sorbische Sprache und Kultur nicht als aussterbend bezeichnen. Aber außerhalb dieses Terrains, besonders in den Städten und im protestantischen Teil der Lausitz, wird die Anhänglichkeit an sorbische Identität immer mehr zur Ausnahme, Seltenheit. In dieser Hinsicht ist die Situation der Niederlausitz besser. Dort sind die niedersorbischen Muttersprachler zwar fast ausgestorben (die Zahl der Kinder, die Niedersorbisch als zu Hause gesprochene Sprache kennen, ist äußerst gering), aber das sorbische Identitätsgefühl ist vorhandengeblieben.
Die von meinen Informanten erworbene Informationen, mit all ihrer Subjektivität, beleuchten das Thema unter einem erweiterten Blickwinkel. Die Studenten, mit denen ich gesprochen habe, haben sich die Lausitz ohne Sorben nicht vorstellen können. Manchmal standen sie auf einem optimistischeren Standpunkt als wissenschaftliche Literatur. Das lässt sich erstens dadurch erklären, dass die meisten von ihnen aus dem zentralen sorbischen Sprachgebiet stammten, in dem alle negativen Tendenzen noch nicht in vollem Ausmaß zu beobachten sind (und ich habe meine Informanten eben um ihre private Meinungen gebeten); und zweitens, weil es vielleicht auch verständlich ist, dass aus psychologischer Sicht Menschen eher dazu neigen, die Hoffnung auf das optimistische Szenario für ihre Heimat zu behalten.
Noch schwieriger festzustellen ist, ob die Expansion des Deutschen und der Schwund des Sorbischen in dem Tempo wie heute fortschreiten wird. Es ist auch schwer, die Chancen auf Revitalisierung des sorbischen Bewusstseins, Kultur und Sprache auf den Terrains, wo sie gegenwärtig verschwinden oder schon verschwunden sind, zu beurteilen. Eine Chance auf Erfolg hat die Initiative für Errichtung sorbischer Kindergärten und Kindertagesstätten, die seit wenigen Jahren realisiert wird. Viel ist von der Effektivität der sorbischen Kulturpolitik abhängig (was wieder mit Finanzmitteln verknüpft ist) und davon, ob man es schafft, die Jugend für das Sorbische zu interessieren. Bis jetzt habe ich eher die Signale dafür erhalten, dass die gegenwärtige Kulturpolitik nicht speziell an die Jugendlichen gezielt ist, sondern eher auf wissenschaftliche Bereiche. Das ist natürlich auch sehr wichtig, aber es besteht dann das Risiko, dass sich die Jugendlichen und die Allgemeinheit immer mehr an deutsche Angebote wenden werden. Über das Bedürfnis nach sorbischen Medien, die für jeden zugänglich sind, zeugt das Interesse an die obersorbische Tageszeitung Serbske Nowiny und niedersorbische Wochenzeitung Nowy Casnik, sowie an die Jugendsendung Radio Satkula (obwohl der Bedarf nach sorbische Medien in den letzten Jahren auch gesunken ist).
Einfluss auf die Situation der ethnisch-sprachlichen Minderheiten, zu denen die Sorben gehören, haben auch die weltumfassenden Entwicklungen; in erster Reihe die Globalisierung und die ihr folgende immer größere Mobilität der Bevölkerung. Immer mehr junge Leute ziehen dorthin um, wo sie bessere Berufsmöglichkeiten haben, also häufig in Großstädte außerhalb der Lausitz. Die sorbische Sprache wird nicht mehr für die alltägliche Kommunikation erforderlich sein (oder es wird sogar keine Möglichkeit mehr bestehen, das Sorbische im Alltag zu benutzen).
Eine Chance auf Erhaltung des sorbischen Bewusstseins kann, meiner Meinung nach, eine zur Globalisierung gegensätzliche Tendenz geben – die Rückkehr zu dem „Europa kleiner Heimaten”. In einer Situation, in der Mensch seinen Wohnsitz beliebig wählen kann, kann das Bedürfnis nach etwas Festem im Leben steigen – nach einer Identität, die mit etwas Festes verbunden ist – und das kann die Nische für das Sorbische werden.
6 Podsumowanie
Celem niniejszej pracy jest próba ujęcia, na ile Łużyce (Górne jak i Dolne) zachowały swój specyficzny łużycko-niemiecki charakter, a na ile zamieszkująca je ludność łużycka uległa asymilacji z niemiecką większością. Praca oparta jest w większej części na licznej literaturze polsko-, niemiecko- i łużyckojęzycznej. W tekście zamieszczone są również cytaty z wywiadów ze studentami zamieszkującymi łużycki dom studencki w Lipsku.
Ogólnemu naszkicowaniu historycznej i językowej sytuacji Łużyc poświęcony jest rozdział drugi. Następny rozdział porusza kwestię realizacji państwowo-prawnego statutu języka łużyckiego w wybranych dziedzinach życia społecznego w okresie po drugiej wojnie światowej do dzisiaj. Mimo rozporządzeń prawnych mających na celu wspieranie języka i kultury łużyckiej w czasach NRD i obecnie, łużycki obszar językowy ulega stałemu zmniejszaniu. W życiu politycznym łużycki coraz bardziej ogranicza się jedynie do propagandy wyborczej, nie przyniosło oczekiwanych skutków fakultatywne nauczanie łużyckiego jako języka obcego w szkołach i na kursach, zaczyna zmniejszać się także znaczenie religii, dotychczas będącej czynnikiem mocno wiążącym (zwłaszcza obszar katolicki) z łużyckimi tradycjami.
Etno- i socjolingwistyczna sytuacja Łużycczyzny jest skomplikowana. Między Górnymi a Dolnymi Łużyczanami istnieje pewien antagonizm. Liczba małżeństw łużycko-niemieckich wzrasta, przy czym niemiecki partner zazwyczaj nie ma wystarczającej motywacji, żeby nauczyć się języka współmałżonka, kiedy możliwa jest komunikacja w języku niemieckim. Młodzież coraz częściej w rozmowie z rówieśnikami używa niemieckiego. Łużycki język potoczny przesycony jest germanizmami.
Mimo to nadal istnieją na Łużycach tereny w pełni łużyckie. Istnieje łużycka prasa, książki, audycje radiowe i raz w miesiącu półgodzinny program telewizyjny. Istnieje szkolnictwo dopasowane do nauki w języku łużyckim jako ojczystym. Na terenach uznanych urzędowo za dwujęzyczne są dwujęzyczne tablice z nazwami miast, urzędów itp. Za inicjatywę, która pozwala mieć nadzieję na utrzymanie, a nawet odrodzenie języka i świadomości łużyckiej, można uznać projekt WITAJ – tworzenie łużyckojęzycznych przedszkoli i świetlic, który trwa od kilku lat i przyniósł już wstępne efekty.
Niewątpliwie w wielu regionach udało się Łużyczanom zachować swoją odrębność kulturowo-językową do dzisiaj. Trudno też sobie wyobrazić, żeby obecne młode pokolenie, przynajmniej w rejonach obecnie jeszcze w pełni łużyckich, było ostatnim władającym językiem łużyckim. Ale czy uda się zahamować i odwrócić na stałe niekorzystną tendencję asymilacji z ludnością niemiecką, trudno przewidzieć. Jest to zależne od bardzo wielu czynników, takich jak nastawienie i motywacja młodzieży do zainteresowania własną kulturą, czy wpływ globalizacji i postępująca za tym coraz większa mobilność ludności.
7 Literaturverzeichnis
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8 Anhang
8.1 Liste der Fragen
· In welchen Semester bist Du?
· In welcher Region wohnst Du?
· Wo hast Du Sorbisch gelernt?
· In welcher Sprache hat man in Deiner Stadt/ Deinem Dorf gesprochen?
Þ in der Familie
Þ im Nachbarkreis
Þ unter Freunden
Þ mit Unbekannten (auf der Straße, im Geschäft usw.)
· Sprichst Du Obersorbisch/ Niedersorbisch/ Deutsch?
Þ Welche ist Deine Muttersprache?
· Welche Sprache benutzt Du gewöhnlich im Studentenwohnheim?
· Wie denkst Du, ist Sorbisch eine bedrohte/ aussterbende Sprache?
· Wie schätzt Du Perspektiven der sorbischen Sprache?
· Fühlst Du dich eher (Ober-/ Nieder-)Sorbe/ Deutsch/ beides gleich/ Slawe?
· Warum studierst Du gerade Sorabistik? (zu Sorabistik-Studenten)
· Möchtest Du in der Zukunft einen Beruf haben, der etwas mit der sorbischen Sprache oder Kultur zu tun hat?
· Findest Du es wichtig, sorbische Sprache und Kultur zu fördern?
Þ Wie meinst Du, wird die sorbische Kultur und Sprache gut befördert?
· Hast Du viele Bekannte Nicht-Sorben? Und hier in Leipzig?
· Haben die Sorben andere Charaktereigenschaften als die Deutschen?
Þ Auf welche Weise?
· Haben die Sorben andere Mentalität als die Deutschen?
Þ Auf welche Weise?
· Hast Du dich manchmal in Leipzig etwa wie Ausländer/ Outsider gefühlt?
· Stellst Du dich im Ausland (oder Ausländern) als Deutsche oder als Sorbe vor?
· Kennst Du andere slawischen Sprachen?
Þ Verstehst Du sie?
Þ Welche haltest Du für die ähnlichste zu dem Sorbischen?
· Warst Du schon mal in einem slawischen Land?
· Wie hast Du dich dort gefühlt (von der Mentalität her)?
8.2 Das erste im Druck erschienene niedersorbische Gedicht
Anonymus T. K.
| Burski golc z tego serbskeg landu Jak ja we bro(?)nje źinsa le(?)ach, sły(?)ach te gercy a tam bě(?)ach, jak rowno burske worali, a te(?) tu rolu wobsali. Och źiwy, źiwy, co ja wiźim! Ta nowe (?)ule, ta za tyźeń ju(?) swěśone we Frankfort ma, co wosebnje mě spodoba. A laj, chytra jes ta sama we(?)a tam tegodla te(?) ku(?)dy bě(?)y a woglěda se. Ja cu hyś te(?) tam a fromny (?)ulaŕ byś. Lěc njemam nana, pana, mutra; ni chlěba, twaro(?)ka a butra; mam gnadneg kněza, ten co daś, co jemu buźe spodobaś. Hyś za tu (?)ulu ja mě bojim, a na bok teke, jak tym swojim te gniłe cynje: wosebnje cu wuknuś co jes potrjebne. Wuknujśe ze mnu te(?), wy chłopy a(?) wordowali wakre popy: Ja wěm, a(?) burski, co(?) njespał, jeden redlich kjarl jes wordował. | Der Bauernknabe aus dem wendischen Lande Heut in der Scheune lag ich und schlief, als Glockengeläut aus Träumen mich rief. Früh wars, die Bauern pflügten schon wacker und senkten die Saat in den Acker. Wunder! o Wunder! was sehe ich! Die neue Schule wird festiglich, hör ich, in Frankfurt gefeiert, geweiht, wie das mich beglückt und erfreut. Sie, wie schon alles auch davon weiß und dorthin eilet, läuft hin mit Fleiß und sieht sich um. Ich eile behende; ein frommer Schüler werd ich am Ende. Zwar hab ich nicht Vater, Herrn noch Mutter, nicht Brot hab ich, nicht Käse noch Butter, doch hab ich den gnädigsten Herrn von allen, der mir gibt nach seinem Gefallen. Ich habe wohl Furcht, in die Schule zu gehn, doch hinter dieselbe, wo Faule stehn, bei weitem mehr. Selber will ich studieren, was mir Not ist, ohne Zeit zu verlieren. So kommt denn, ihr Burschen, und lernet mit mir. Wackre Pfarrer werden wir hier. Ich weiß, dass ein Bauer, der nicht faul noch verschlafen, wurde ein Kerl, der Tücht´ges geschaffe |
Nach Urteil von Arno(?)t Muka gehört das mit Germanismen durchsetzte Gedicht dem heute ausgestorbenen „Gubener oder Fürstenberg-Müllroser, bezw. Beeskower Lokaldialekt” an. Der unbekannte Verfasser unterzeichnete sich mit T. K.
(Übersetzung ins Deutsche von Kito Lorenc).
8.3 Das sorbische Siedlungsgebiet
[1] Es sind nur einige Glossen und ein Bürgereid, sowie ein Bruchstück eines Satzes erhalten (vgl. Zeil 1996: 11)
[2]Siehe Anhang 8.2.
[3] Die bisher neuesten Angaben beruhen auf einer Hochrechnung, die auf der Grundlage der 1987 durchgeführten Untersuchung des Institutes für sorbische Volksforschung vorgenommen wurde (Spiess 1995: 60)
[4] Vgl. Anhang 8.3.
[5] Dieses Gespräch war auf Polnisch geführt worden; hier eine sinngemäße Übersetzung aus dem Polnischen.
[6] Eine von meinen Informanten hat mir mitgeteilt, die Einführung des Programmes am MDR wurde schon beschlossen; es gelang mir aber nicht, diese Information zu verifizieren.
[7] Ein sorbischer Student hat mir erzählt, er fände die polnische Sprache sehr komisch, wegen ihrer zahlreichen Lehnwörter aus dem Deutschen wie hebel oder ratusz (Rathaus). Ein Sorbe benutzt zwar in der Umgangssprache viel mehr deutsche Wörter – aber er würde nie wagen, so etwas zu schreiben.
[8] Dem Sorbischen ähnelt in dieser Hinsicht das „Viadrinische“. So nennen manchmal die Studenten scherzhaft die Sprache, der sich die polnischen Viadrina-Studenten bedienen, genannt, bei der Sätze wie „Byłam w bürgeramcie i dostałam aufenthaltbewilligung“ zur alltäglichen studentischen Kommunikation gehören.
[9] Adolph Klin, 12.10.1816. Das Zitat hängt an der Wand im sorbischen Studentenwohnheim in Leipzig.
[10] Ein Student hat sogar einen Beispiel angegeben, der über eine gegegenteilige Tendenz zeugen kann – es hat sich schon ein erster Fall ereignet, dass ein Sorbe auf eigenen Wunsch seinen offiziellen deutschen Namen in den sorbischen ändern ließ.
[11] Mehr zu diesem Thema in: L. (?)atava, Zachowanje a rewitalizacija identity a rěče etniskich mjeń(?)in, Bautzen 2000.
[12] Die Methodik des Spracherwerbs im Vorschulalter wurde in Kanada entwickelt und praktiziert, um allen Kindern die Anwendung beider Staatssprachen – Englisch und Französisch – zu ermöglichen. Die Erfahrungen aus Kanada wurden in den 70er Jahren von einigen kleinen Völkern in Europa übernommen, so z. B. von den Katalanen, Basken und Bretonen (Barth 1998: 7).
[13] Die WITAJ-Kinder beherrschen die Sprache auf einem muttersprachlichen Niveau – obwohl weder ihre Eltern noch ihre Erzieher niedersorbische Muttersprachler sind.
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