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Bezüge zur Mathematik und Physik im Werk von Louise Bourgeois

Subtitle: Anhand der Ausstellung LOUISE BOURGEOIS „ALLER - RETOUR“in der KUNSTHALLE WIEN, 25.Nov.05 -5.Feb.06

Essay, 2007, 13 Pages
Author: Mag.art. Renate Quehenberger
Subject: Art - Overall Considerations

Details

Category: Essay
Year: 2007
Pages: 13
Language: German
Archive No.: V111033
ISBN (E-book): 978-3-640-09136-2

File size: 847 KB


Fulltext (computer-generated)

Essay zur Herstellung von Bezügen
zur Mathematik und Physik im Werk von
Louise Bourgeois

anhand der Ausstellung

LOUISE BOURGEOIS ,,ALLER - RETOUR"

in der KUNSTHALLE WIEN, 25.Nov.05 -5.Feb.06

von Mag.art.Renate Quehenberger


Wien Juni 2007

Beschreibung der Bezüge zur Mathematik und Physik

im Werk von Louise Bourgeois (LB)

von Mag.art.Dr.cand.phil.Renate Quehenberger

anhand der Ausstellung

LOUISE BOURGEOIS ,,ALLER - RETOUR"

in der KUNSTHALLE WIEN, 25.Nov.05 -5.Feb.06

Kurator: Dr.Peter Weiermair

Die in der Ausstellung eingangs angebrachte Aussage von Louise Bourgeois beleuchtet den

Hintergrund ihrer Arbeit und gibt einenHinweis :

,,Doch die Mathematik gab ich auf und wandte mich der Kunst zu, als mir bewußt wurde, dass es

in der Mathematik keine Gewissheiten gab: Es wird einem gesagt, dass sich zwei Parallelen nie-

mals treffen, und dann hört man, dass sie sich in einer nicht euklidischen Geometrie ohne Mühe

treffen können.Ich war enttäuscht und tief beunruhigt und wandte mich den Gewissheiten zu, die

man fühlt, anstatt jener, die man uns lehrt."

Das Aller-Retour; das Hin-und-Her des Weberschiffchens, ist es nicht auch jenes zwischen der

Inneren Welt und der Welt der Mathematik und Physik?

Robert Marpelthorpe porträtierte die Künstlerin mit einem Riesen-Phalllus unter dem Arm.

Auf anderen Bildern sieht man sie gekleidet im Siil der großen Forscherinnen der 30iger Jahre.

Äusserlich drückt sie damit aus, immer noch die Forscherin und Mathematikerin zu sein, die sie war

als sie die Zusammenhänge in der Welt mithilfe der modernen Wissenschaft zu ergründen suchte.

Der Riesen-Phallus als Verhöhnung der Männlichkeit, erinnert an ihre revoltierende Akkehr von der

Wissenschaftswelt und Flucht in die Gedanken-Freiheit Kunst.

Das Bild ,,Art is a guarantee for sanity" zeugt davon.

Nur in der Kunst findet LB die Mittel, die es ihr erlauben mithilfe der weiblichen Intuition auf eine

innere Reise zu den Geheimnissen der Existenz zu gehen;-

die ,,Ode an das Vergessene" anzustimmen.

Die SPINNE:

Ihr Symbol für dieses mystische Unterfangen ist die Spinne, Archne die sie immer wieder in ver-

schiedenen Ausformungen erschaft um eine Begleiterin auf ihrer Reise zur Erknenntnis zu haben.

Arachne ist in der griechischen Mythologie das lydische Mädchen, das im Wettbewerb in der

Webkunst mit der Göttin Athene die Skandalgeschichten der Götter darstellte.Sie wurde für ihre der

Göttin ebenbürtigen Leistung von dieser mit dem Weberschiff geschlagen. Als sich Arachne darauf-

hin erhängte wurde sie von Athene in eine Spinne verwandelt. Seither bewahrte dieses Tier die

ganze Kunst Arachnes.[1]

Das Befremden das in ihr die nichteuklidische Geometrie auslöst, stammt von einem widerstre-

benden Empfinden von Richtigkeit, dem Abweichen der Lehrmeinung von ihrer weiblichen Intuition.

LB ist Arachne indem sie die den Unstimmigkeiten in der modernen Physik und Mathematik, die ihr

Unbehagen verursachenen ,,nachspinnt". Die Skandale der wissenschaftlichen Götterwelt zeichnet,

stickt, näht, webt und modelliert sie Argument für Argument in ihren Werken nach.

- 1-


Spinnennetze:

Fabric Drawings -Serie ,,Untitled", 2005

,,Spinnennetzbilder" aus meist blau-weiss und schwarz-weiss gestreiften Baumwollstoffen.

Die Aufgabenstellung könnte lauten: ,,Lösungsversuche zur Bildung von Kreisen aus Geraden durch

Erzeugung einer klompexen Ebene"

Die Streifen betonen die eindimensionale Richtung des Ausgangsmaterials. Durch Faltung und

Drehung des Stoffes überlegt LB experimentell wie aus Geraden Kreise erzeugt werden können.

LB erzeugt so auch die Archimedische Spirale.

Konzentrische eckicke Kreise, die sich überlappen, nebeneinander und übereinnander, die wie

eine Ansammlung von Spinnennetzen wirken.

DIe Kreisfragmente und deren Zwischenräume bilden Dreiecke.

Die Dreiecke, aus denen nach Plato, die Welt aufgebaut ist. [2]

Auf einem der Bilder, befindet sich ein Spinnenetz aus 3 kurzen und 3 im Verhältnis zum goldenen

Schnitt größeren Dreicken,- ein Hinweis auf das verhältnis der platonischen Dreiecke.

Als spin-network[3] bezeichete auch Roger Penrose seine 1958 gefundene Theorie in der er

diskrete kombinatorische Gesetze der Quantenmechanik als Ausgangspunkt für eine Raum-Zeit-

Struktur nahm.Allerdings rein mathematisch-abstract gedacht.

Später entwickelte er daraus die Twistor-Theorie, ein vielbeachteter Versuch die Vereinigung von

Relativitätstheorie und Quantenphysik durchzuführen und damit in einer ,,the theory of everything"

die Naturgesetze auf einen Nenner zu bringen. Die Überlegungungen basieren mit dem mathema-

tischen Kunstgriff, geradlinige Lichtstrahlen als komplexe Kreise aufzufassen.In der Mathematik

sind solche Tricks erlaubt- in der Kunst auch.

1

Was die Überlegungen zur Raum-Struktur des ,,phase-space", der Quantenwelt angeht, lassen

sich also Parallelen zwischen der künstlerisch, mythisch weibliche Herangehensweise mit

zeitgenössischen physikalisch mathematischen Ideen der Wissenschaft, in diesem Fall von Sir

Roger Penrose, ausmachen.

Jedoch divergiert die Auffassung zum Raum-Zeit-Konzept des Universums:

- 2 -


"Repairs in the sky" (1999)

Eine mit Kratern übersäte Metall-Fläche, die an eine Marslandschaft denken ließe, stünde nicht Ton

in Ton in Blockbuchstaben ,,REPAIRS IN THE SKY" mittig eingraviert.

Kein gehängtes Bild- es könnte die Illusion von Raum erzeugen,- das liegende Objekt betont die

Fläche in der die Löcher beheimatet sind.

Es sind 5 Löcher annähernd angeordnet wie die Eckpunkte eines Fünfeckes.

Eines der Löcher ist mit 5 Fäden wie ein Pentagramm uberzogen und mit blauer Farbe vollständig

ausgefüllt.

Hier trifft sie abermals auf Roger Penrose, der mit Stephen Hawking mehrere Arbeiten zum Thema

Singularitäten in der Raumzeit veröffentlicht hat.

Schwarze Löcher entstehen basierend auf Einsteins Relativitätstheorie beim Tod von Sternen: Die

Masse krümmt den Raum an dieser Stelle so in sich zurück, daß ein sogenanntes schwarzes Loch

entsteht. Der Physiker Stephen Hawkings/ Cambridge drückt es so aus:

,,Es gibt einen teifliegenden Zusammenhang zwischen Gravitation und Thermodynamik, der daher

rührt, daß die Gravitation selbst die Topologie der Mannigfaltikeit bestimmt, auf die sie wirkt.

Die positive Krümmung der Raumzeit verursacht Singularitäten, an denen die klassische

Allgemeine Relativitätstheorie zusammenbricht."[4]

,,A space with vanishing Ricci Tensor is sometimes refered to as Ricci-flat."[5] Wenn der Ricci-

Tensor den Wert 0 annimmt wird der Raum flach.

LB glaubt nicht daran.

Sie kritisiert die in der Relativitätstheorie auftretende mathematische Beschreibung des Universums

als flach und versucht , so gut es geht die Schwarzen Löcher zu stopfen; kreuzweise mit blauem

Faden und blauer Farbe.

2

"Untitled (C.I.A.)"

Im selben Raum befinden sich 49 doppelseiige Zeichnungen, die anfreihändig selbst erzeugte

karierte Papier-Blätter, die Schreibunterlage der Mathematiker, erinnern. Auf einem steht ,,Central

Intelligence Agency C.I.A." die zentrale Intelligenz-Agentur bringt nicht viel mehr hervor als gerade

sich überkreuzende Linien, 4 davon mit Diagonalen, einnmal mit ausgefüllten Viereckchen,

2 mit Kreisen und Kreisfragmenten.

"Poids", 1992

Eine Skulptur bestehend aus einem großen auskragenden Eisenbogen, an deren Ende 2 durch-

sichtige Kugelgefäße schief hängen, die zu einem Drittel mit blauer Flüssigkeit gefüllt sind; Das

Gegengewicht bildet eine rostige Eisenskulptur in Bodennähe in Form von zusammengesetzten

Kugelzwischenräumen.

Eine Anspielung Einsteins Ersetzung von Newtons Gravitation durch die von Masse verursachte

Raumkrümmung?

,,Wie die blaue Flüssigkeit in Papas physikalischem Spielzeug, der Wackelente", meint Raoul Q.

- 3 -


,,Nest of Seven"

Eiserohre in 7 Stücken

9 konzentrisch inneinandergesteckte Eisenrohre, schräg abgeschnitten bilden die Seitenfächen

des Rohr-Stücks ellytische Querschnitte.

Wenn man eine Kugel durchschneidet wird man an jeder Stelle Kreise erhalten. Nur wenn man

einen Zylinder durchschneidet erhält man eine ellyptische Schnittfläche.

Das Eisenrohr symbolisiert hier wieder die Vorstellung vom Universum.

Die 9 Eisenrohre, unsere Panetenbahnen (incl.Pluto); die sieben Stücke lassen an die sieben

Sphären des Ptolemäischen Weltbildes denken.

Pythagoras glaubte, daß sich die Erde im Zentrum des Kosmos befinde und Sonne, Mond und

Sterne die Erde auf jeweils eigenen Sphären umkreisen.

7 Sphären für den Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars Jupiter Saturn. Drei weitere Sphären

beschließen das ,,Primum Mobile". [7]

Die ehemals konzentrischen Kreise der aristotelischen, sphärischen, geozentrischen

Weltanschauung sind nach der kopernikanischen Wende mit der Sonne im Zentrum, von

Johannes Kepler als ellyptisch erkannt und beschrieben worden.

Damit wurde auch das Sphärische aus der modernen Kosmologie verbannt.

Die Ebene wird zu einem Zylinder zusammengerollt. Die sieben Stücke sind verrostet als Symbol

für das Überkommene, eisern, im Sinne einer vom materialistischen Denken geprägten

Weltanschaung

Moderne kosmologische Modelle, wie das

,,Hosepipe modell" eines Kaluza-Klein- höherdimensionalen Raum-Zeit-Modells" sind röhrenförmig

gedacht.

[ 8 ]

3

So auch darunterstehendes

Branwelt-konzept

von Arkani-Hamed, Dimopoulos und Dvalis.

Es beschreibt eine einzige Brane, auf die

die Standardmodell-Teilchen beschränkt

sind, welche den Raum begrenzt und

innerhalb der zusätzlichen aufgerollten

Dimensionen sitzt.

[9]

Es scheint als würde LB ihre eiserne

Raumzeit in 7 Stücke schneiden, um

wie eine Bäckerin den Teig aufzuteilen

und daraus Kugeln formen zu wollen

um die 7 Sphären

wiederherzustellen.

4

- 4 -


Im Raum mit der 7-teiligen Eisenskulptur befinden sich Bilder mit roten konzentrischen Kreisen.

Die Kreise sind blutrot wie ein Großteil der Bilder, die weiblich- intuitive Überlegungen zum Inhalt

haben.

Sie nehmen zeicherisch das Thema der Skulptur auf und scheinen die Interpretation des Space-con-

cepts zu bestätigen.

Kreisscheiben mit konzentrische Kreisen (,,Untitled", 1979 -2003) und Kreiskonen (,,Untitled", 1968)

auf rotem Grund, beschwören die unsichtbaren Kräfte wie sie himmelfüllend auf dem von

J.G.Doppelmaier geschaffenen Titelblatt des ,,Atlas novas coelestis" zu sehen sind.[10]

Eine Kreisfläche aus überlappenden Wellenkreisen mit Punkten (,,Untitled,1995,Katalog LB S.196)

oder auch "Confusion", 1998 hingegen erinnern an Versuche, die Strukturen der Teilchenbewegung

des Mikrokosmos zu rekonstruieren.

5

- 5 -


"My left hand", 2004

eine Folge von 9 Bildern an der Wand hinter ,,Nest of Seven"

.

Blutrot ist auch ihre linke Hand dargestellt. Die linke Seite ist seit jeher als weiiblich konnotiert.

Die abgeschnittene blutrote Hand ist ein Bild für die Gewalt gegen die Welt der weiblichen Intuition:

Es versinnbildlicht die Verstümmelung und die daraus resultierende Handlungsunsunfähigkeit - die

Wunde die der weiblichen Seele zugefügt wurde.

In der Betrachtung und der Abbildung ihrer linken Hand lenkt sie ihre Aufmerksamkeit darauf und

setzt einen Heilungsprozess ingang, der sie Bilder schaffen läßt, in denen sie zu den tieferliegen-

den Schichten des kollektiven Bewußtseins aufbricht um Zugang zum ursprünglichen, evolu-

tionären,

spinnentier-ähnlichen Wissen zu finden und mitzuteilen.

,,Untitled",2004

Die Serie mit blutroten Punkten

erinnert an ,,Random Dots" [11]

Das ,,Random Dot Stereogramm" (RDS) ist eine Technik, die Dr.

Bela Julesz erfunden hat, und in seinem Buch ,,Foundations of

Cyclopean Perception" , veröffentlicht hat.

RDS beschreibt ein Paar von 2-d Bildern mit zufälligen Punkten;

mit einem Stereoskop betrachtet, wird

dabei ein 3d- Bild erzeugt. Die Theorie hinter RDS

hat große Bedeutung für Bewusstseins und Neuro-

Wissenschaften.[11]

Wie die zufällig gestreuten Punkte der

,,Random dots" Bilder vom Bewusstsein des

Betrachters typischerweise als Kreisformation

wahrgenommen werden, zeigt das Bild [6]

nebenan aus der Serie ,,Ode á l′oubli".

6

Es entspricht LB′s intuitiv vorgegebenem Ordnungsprinzip.

In der Serie ,,Untitled", 2004 mit roten Punkten läßt sich Kritik an anderen Wahrnehmnungen aus-

machen:

Große Punkte oben, nach unten hin kleinere- ein Widerspruch zum gleichmäßigen durcheinander

in alle Richtungen von üblicherweise gleich großen ,,dots" - lassen den Betrachter die Punkte als

nach unten fallend wahrnehmen. Eine Ordnung der Reihe nach in einem Kästchen entspricht dem

männlich-quadratischen Prinzip. Ebenso wie auf 2 anderen Bildern die Formation annähernd rhom-

bisch wird oder auf einem Blid ein weißer ,,Blinder-Fleck" in der Mitte der Kreisformation aus roten

Punkten zu sehen ist.

Ein anderes zeigt Punkte in einem Kreis wie sie von einem Punkt ausgehend nach oben hin das

Blatt füllen.- Eine Anspielung auf die ,,Big-Bang-Theorie", die den Raum mit einer Singulaität begin-

nen läßt?

- 6 -


LB ist mit ihrer weiblichen Intuition den Alten in ihrer Weltanschaung am nächsten:

Die Weltharmonie des Pythagoras ist ihr vertraut.

Für die Pythagoreer bestimmten Verhältnisse und Proportionen die musikalische, die physische

Schönheit und die mathematische Schönheit.

Nach pythagoräischer Auffassung war das Verstehen der Natur so einfach wie das Verstehen, der

mathematischen Proportionen.[12]

Bei LB finden sich Ornamente in dicken blutroten Linien, die an den Versuch zur Wiederfindung

dieser alten Harmonie gemahnen.

Immerwieder verwendet LB Notenpapier um auf diese pythagoräische Weltsicht, über die den

Dingen zugrundeliegende Welt-Harmonie hinzuweisen. So in ihrer Serie ,,Fugue",(2003): Der musi-

kalische Begriff der Fuge im Titel in Kombination mit konzentrischen Kreisen, eine Spirale, Streifen

und Webmuster bis zum Wort ,,EUX", ,,SIE", die Alten,- sind die Pythagoräre gemeint?

Die Bilder ,,Do re mi fa sol la si"(1996), ,,Scales and stairs", oder die in die Länge gezogenen

Fünfecke auf ,,untitled"(1997) derselben Serie nehmen ebenfalls thematisch auf die musikalischen

Harmonien Bezug.

,,Who, Where, When, Why, What" ,(1999)

Die ewige Frage nach dem ,,Woher kommen wir-wohin gehen wir" ist neu gestellt mit den Worten

der Dedektive in den investigativen Kirminalfilmen.

Aus dem Pythagoräischen Pentagon ist ein Einfamilienhäuschen aus dessen Kamin Rauch auf-

steigt, geworden. Wo ist die Harmonie hingekommen?

8

7

,,May be or may be not" , 2000

Sein oder Nichtsein?

Vielleicht , vielleicht auch nicht,-

Hat Pythagoras wirklich das letze Wort oder was hat es

mit der Unendlichkeit auf sich?

In diesem Zusammenhang steht auch der Pythagoräische

Monochord. Oben die Darstellung des englischen

Mystikers Robert Fludd, der 1617 in seiner Schrift

,,Utrusque cosmi historia" das Sonnensystem als giganti-

sches Monochord vorstellte.[13]

Die beiden Kreise, die mit ,,Proportio Dupla" bezeichnet

sind,

2 Kreise aus einer Bewegung blutrot gezeichnet, erge-

ben eine Achter-Schleife, das Zeichen für Unendlichkeit.

9

- 7 -


Ode à l′oubli , 2004

Zierkissen 27,3 x 33,6 + 5 cm

Eingefasste Stoffe mit Drucken, Applikationen, Stickerein mit seitlicher Knopfleiste versehen um sie

in ein Buch einzuheften.

,,Die Ode an das Vergessene", ein Stammbuch

dessen Inhalt ist aus Stickerein auf Zierkissen verewigt.

Wie seit Jahrtausenden die mathematischen Überlegungen der Frauen in Abzählungen der Fäden

bei Teppichmustern und Stickarbeiten betrieben wurde und die Arabesquen der Unendlichkeit in

Stoffmustern und Stickmotiven tradiert wurden, bedient sich LB in dieser Serie der urweiblichen

Handwerkskunst, feinster Stick und Applikationstechnik, als Formensprache.

LB ersetzt jedoch die tradierten Motive der letzen Jahrhunderte, die allesamt mit der Euklidischen

Geometrie verwandt waren und die alte Harmonie in immerwiederkehrenden nieendenwollenden

Varianten beschworen, durch ihre eigenen - Motive aus der Topologie.

Aber auch Drucke die an Zellstrukturen erinnern, Motive, die an Zellen erinnern, aber auch Streifen

in Anordnung dem goldenen Schnitt nachempfunden, beeindrucken in der ,,Ode á la Bievre", die

durch den Titel zum Andenken an den versiegten Fluß am Haus ihrer Kindkeit, eine noch tiefere

Emotionalität gewinnt.

,,I had a flashback of something that never existed" in roten ,,Times"-Lettern gestickt

Zier-Kissen in diesem verwendeten Format werden im englishen

Scatter-Pillows

genannt.

Wurfkissen- ist das Dargestellte auch zum werfen, - VERwerfen gemeint?

Im folgenden möchte ich ein paar Motive herausgreifen und Darstellungen von mathematiischen

Ideen gegenüberstellen:

ad 10) Eine Hose mit drei Hosenbeinen, die sich immer weiter zu 14 Röhren teilen wo blutroten

doppelten Stoffstreifen unten heraushängen.

Das Motiv erinnert an die Darstellung des PN, Projective-Twistor-Space von Roger Penrose;-

Ein topologisches Raumkonzept das in der Feldtheorie des höherdimensionalen Twistor-Raumes,

der oben erwähneten Theorie von Penrose vorkommt, welches darauf basiert, daß die Riemann-

Sphäre in höheren Dimensionen zu Löchern und Henckel führt.[14]

- 8 -

10

11

- 8 -


ad 12) auf dem rosa Kissen befinden sich kleine blaue Kreise aus doppelten Schlingen gestickt,-

ein klassisches Motiv in der handarbeit aber auch dieses läßt an die Epizyklen der von Ptolemäus

beschriebenen Planetebewegungen denken.

Es sind auch hier wieder 7 keine Schlingenkreisfiguren den 7 Sphären entsprechend.

Hier zum Vergleich, ein Bild der Rosette von Johannes Kepler, das die Marsbewegung

3

als

3

Korbbögen darstellt. Ein Irrweg, der ihn später zu seinem 3.Gesetz (T1/T2) =(r1/ r2) führt.

Kepler war der letzte Astronom, der den Kosmos mithilfe der pythagoräischen Harmonien zu ver-

messen suchte. [15 ]

Bei LB ist der Kreis nicht geschlossen, sondern aufgebrochen und mit einem Vektor versehen.

Der Sachverhalt über die geradlinige, gleichförmig beschleunigungte Bewegung, die seit Galileo

Galilei das astronomische Denken und die weitere Physikgeschichte bestimmt ist hier

subtil mit dem kleinen Pfeil charakterisiert.

12

13

ad 14) Das Bild mit den bunt aplizierten Schlingen ist ein Motiv aus der Knoten-Theorie.

Die Knotentheorie ist ein Forschungsgebiet der Topologie. Sie beschäftigt sich unter anderem

damit, die topologischen Eigenschaften von Knoten zu untersuchen. Eine Fragestellung ist etwa, ob

zwei gegebene Knoten äquivalent sind, also ob sie ineinander übergeführt werden können, ohne

dass dabei die Schnüre ,,zerschnitten" werden. Die Knotentheorie beschäftigt sich im Gegensatz zur

Knotenkunde nicht mit dem Knüpfen von Knoten in der Praxis, sondern mit mathematischen

Gebilden. [15]

Bei LB sind 4 Schnüre verschlungen- aber allesamt zerschnitten.

14

15

- 9 -


ad 16) Eine mögliche Interpretation?

Diese applizierten Ovale rinnern mich an Vektorfelder einer höherdimensionalen Mannigfaltigkeit,

wie auf dem nebenstehenden Bild von Roger Penrose, wobei sie sich her nicht überlappen sondern

hintereinader stehen und von einer Geraden geschnitten werden.[16]

16

17

Die topologischen Motive sind auch in der Skulptur von LB präsent:

,,Nature Study #5 , 1995

Der oben offene Stein-Quader gibt Einblick auf ein wildes Durcheinander von aus rosa-fleischfarbe-

nem Stein gehauenen, weiblichen Brüsten

und greift das Thema der Verwirrung über die höherdimensionalen Raumkonzepte in der

Mathematik und Physik auf.

Die Landschaften mit parallelen in Tinte geritzten Linien als auch die Aquarelle sind ,,Verwerfungen

der Ebene". Bei den Aquarellen wird der weibliche Körper zur Landschaft oder die irdische

Landschaft zum Körper. Beides ist eins.

Beides stellt Lebendiges dar, aus der Sicht einer Frau und großen, die/den Bertachter/in in der Tiefe

berührenden Künstlerin.

Sich lebendig fühlen- ist auch die Aussage des ,,Selbstporträts" ,,untitled",(2002) am Eingang zur

Ausstellung.

Die Skulptur des Kopfes in der Vitrine besteht aus einer Tapisserie mit traditionellen Arabesquen,

wie sie in den Teppich-Mustern seit jeher vorkommen: Die organischen Motive ähnlen Ausschnitten

aus einem Fraktal, als Zeichen für lebendige Selbstreproduktion. Die textile Metapher vermittelt

berührend die komplexe Zellstruktur und das Wissen darüber.

Ganz wie im Zitat von LB: " Ich werde mich des Rachegefühles bewußt, der Agression, der Wut und

des Chaos, das mich gewalttätig macht und mich erschreckt. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin, und

schlage links und rechts drauflos, nur um mich ,,lebendig" zu fühlen man geht von einer Hölle in

die andere " [17]

- 10 -


Quellennachweis:

1 Lexikon der antiken Mythen und Gestalten, dtv,1980

2 Plato,Timaios, Reclam

3 Lee Smolin, Warum gibt es die Welt? Die Evolution des Kosmos, München 1999

4 Stephen Hawking/ Roger Penrose,"Raum und Zeit", Rowolt 1998

5 Roger Penrose in ,,The Road to Reality", Knopf,NY 2005, S.460

6 Ebd.

7 Charles Seife, Zwilling der Unendlichkeit, Goldmann 2002, S.39

8 Roger Penrose in ,,The Road to Reality", Knopf,NY 2005, S.881

9 Lisa Randall,"Verborgene Universen", S.Fischer, 2005, S.411

10 Spektrum der Wissenschaft/ Biographie1/1999

NEWTON - Ein Naturphilosoph und das System der Welten

11 http://twk.tuebingen.mpg.de/

12 Charles Seife, Zwilling der Unendlichkeit, Goldmann 2002, S.38

13 Anna Maria Lombardi, ,,Johannes Kepler", Spektrum der

Wissenschaft/Biographie,Heidelberg 2000

14 Roger Penrose in ,,The Road to Reality", Knopf,NY 2005, S.994

15 http:/wikipedia..de

16 Roger Penrose in ,,The Road to Reality", Knopf,NY 2005, S.98 -989

17 Katalog ,, LB Louise Bourgeois Aller-Retour", Kunsthalle Wien, Gerald Matt,

Peter Weiermair(Hg./Eds) Wien,2005

Bildnachweis:

1 Fabric drawings ,,Untitled", 2005

aus Katalog ,, LB Louise Bourgeois Aller-Retour", Kunsthalle Wien, Gerald Matt,

Peter Weiermair(Hg./Eds) Wien,2005

2 Ebd. "Repairs in the sky" (1999)

3 siehe [5]

4 Ebd.

5 J.G.Doppelmaier ,,Atlas novas Coelestis", siehe [10]

6 Katalog ,, LB"w.o.

7 ,,Who, Where, When, Why, What" ,(1999 )Katalog ,, LB"w.o

8 Monochord, Robert Fludd,1617 aus [13]

9 ,,May be or may be not" , 2000 Katalog ,, LB"w.o

10 aus ,,Ode á l′oubli",2004 Katalog ,, LB"w.o

11 siehe [14] Penrose R to R

12 aus ,,Ode á l′oubli", Katalog ,, LB"w.o

13 siehe [15] Kepler

14 aus ,,Ode á l′oubli", Katalog ,, LB"w.o

15 ,,108knotsE_smallMQ.jpg" von http://knotplot.com/knot-theory/

16 a us ,,Ode á la biévre"(2002), Katalog ,, LB"w.o

17 siehe [16]



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